Esra 4
Da aber die Widersacher Juda's und Benjamins hörten, daß die Kinder der Gefangenschaft dem HERRN, dem Gott Israels, den Tempel bauten,
24 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Da aber die Widersacher Juda's und Benjamins hörten, daß die Kinder der Gefangenschaft dem HERRN, dem Gott Israels, den Tempel bauten,
- 2 kamen sie zu Serubabel und zu den Obersten der Vaterhäuser und sprachen zu ihnen: Wir wollen mit euch bauen; denn wir suchen euren Gott gleichwie ihr, und wir haben ihm geopfert, seit der Zeit da Asar-Haddon, der König von Assyrien, uns hat heraufgebracht.
- 3 Aber Serubabel und Jesua und die andern Obersten der Vaterhäuser in Israel antworteten ihnen: Es ziemt sich nicht, uns und euch, das Haus unsers Gottes zu bauen; sondern wir wollen allein bauen dem HERRN, dem Gott Israels, wie uns Kores, der König in Persien, geboten hat.
- 4 Da hinderte das Volk im Lande die Hand des Volkes Juda und schreckten sie ab im Bauen
- 5 und dingten Ratgeber wider sie und verhinderten ihren Rat, solange Kores, der König in Persien, lebte, bis an das Königreich Darius, des Königs in Persien.
- 6 Und da Ahasveros König ward, im Anfang seines Königreichs, schrieben sie eine Anklage wider die von Juda und Jerusalem.
- 7 Und zu den Zeiten Arthahsasthas schrieb Bislam, Mithredath, Tabeel und die andern ihres Rats an Arthahsastha, den König in Persien. Die Schrift aber des Briefes war syrisch, und er war auf syrisch verdolmetscht.
- 8 Rehum, der Kanzler, und Simsai, der Schreiber schrieben diesen Brief wider Jerusalem an Arthahsastha, den König:
- 9 Wir, Rehum, der Kanzler, und Simsai, der Schreiber, und die andern des Rats: die von Dina, von Arpharsach, von Tarpal, von Persien, von Erech, von Babel, von Susan, von Deha und von Elam,
- 10 und die andern Völker, welche der große und berühmte Asnaphar herübergebracht und gesetzt hat in die Stadt Samaria und in die andern Orte diesseits des Wassers, und so fort.
- 11 Und dies ist der Inhalt des Briefes, den sie dem König Arthahsastha sandten: Deine Knechte, die Männer diesseits des Wassers, und so fort.
- 12 Es sei kund dem König, daß die Juden, die von dir zu uns heraufgekommen sind gen Jerusalem, in die aufrührerische und böse Stadt, bauen sie und machen ihre Mauern und führen sie aus dem Grunde.
- 13 So sei nun dem König kund: Wo diese Stadt gebaut wird und die Mauern wieder gemacht, so werden sie Schoß, Zoll und jährliche Zinse nicht geben, und ihr Vornehmen wird den Königen Schaden bringen.
- 14 Nun wir aber das Salz des Königshauses essen und die Schmach des Königs nicht länger wollen sehen, darum schicken wir hin und lassen es den König zu wissen tun,
- 15 daß man lasse suchen in den Chroniken deiner Väter; so wirst du finden in denselben Chroniken und erfahren, daß diese Stadt aufrührerisch und schädlich ist den Königen und Landen und macht, daß andere auch abfallen, von alters her, darum die Stadt auch zerstört ist.
- 16 Darum tun wir dem König zu wissen, daß, wo diese Stadt gebaut wird und ihre Mauern gemacht, so wirst du vor ihr nichts behalten diesseits des Wassers.
- 17 Da sandte der König ein Antwort an Rehum, den Kanzler, und Simsai, den Schreiber, und die andern ihres Rates, die in Samaria wohnten und in den andern Orten jenseits des Wassers: Friede und Gruß!
- 18 der Brief, den ihr uns zugeschickt habt, ist deutlich vor mir gelesen.
- 19 Und ist von mir befohlen, daß man suchen sollte. Und man hat gefunden, daß diese Stadt von alters her wider die Könige sich empört hat und Aufruhr und Abfall darin geschieht.
- 20 Auch sind mächtige Könige zu Jerusalem gewesen, die geherrscht haben über alles, was jenseits des Wassers ist, daß ihnen Zoll, Schoß und jährliche Zinse gegeben wurden.
- 21 So tut nun nach diesem Befehl: Wehrt denselben Männern, daß diese Stadt nicht gebaut werde, bis daß von mir der Befehl gegeben werde.
- 22 So seht nun zu, daß ihr nicht lässig hierin seid, damit nicht größerer Schade entstehe dem König!
- 23 Da nun der Brief des Königs Arthahsastha gelesen ward vor Rehum und Simsai, dem Schreiber, und ihrem Rat, zogen sie eilend hinauf gen Jerusalem zu den Juden und wehrten ihnen mit Arm und Gewalt.
- 24 Da hörte auf das Werk am Hause Gottes zu Jerusalem und blieb nach bis ins zweite Jahr des darius, des Königs in Persien.
Kapitelüberblick
Der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem stößt auf zunehmenden Widerstand. Zunächst bieten Menschen aus den umliegenden Gebieten an, sich am Bau des Hauses Gottes zu beteiligen. Doch Serubbabel und die führenden Männer Israels lehnen die Zusammenarbeit ab. Daraufhin versuchen die Gegner, das Volk einzuschüchtern, seinen Mut zu schwächen und die Bauarbeiten durch politische Einflussnahme zu behindern.
Der Bericht richtet den Blick anschließend auf spätere Auseinandersetzungen unter persischen Königen. In einem Schreiben an König Artaxerxes wird Jerusalem als aufrührerische Stadt dargestellt, deren Wiederaufbau die Herrschaft Persiens gefährden könnte. Der König ordnet an, die Arbeiten einzustellen, und seine Entscheidung wird mit Gewalt durchgesetzt. Am Ende kehrt die Erzählung zum früheren Stillstand des Tempelbaus zurück.
Esra 4 macht deutlich, dass die Wiederherstellung Jerusalems keineswegs ungehindert voranging. Religiöse Spannungen, politische Interessen und königliche Entscheidungen stellten die zurückgekehrten Israeliten vor schwere Herausforderungen. Dennoch war die Unterbrechung der Bauarbeiten nicht das Ende von Gottes Plan für sein Volk.
Einführung
Die jüdischen Heimkehrer standen vor der gewaltigen Aufgabe, das religiöse und gemeinschaftliche Leben ihrer Vorfahren wieder aufzubauen. Jahrzehnte zuvor hatten die Babylonier Jerusalem erobert, den Tempel zerstört und große Teile der Bevölkerung in die Gefangenschaft geführt. Unter dem persischen König Kyrus war schließlich die Rückkehr nach Juda möglich geworden. Zugleich hatte er den Wiederaufbau des Tempels gestattet (Esra 1,1–4).
Die ersten Schritte dieser Erneuerung schildert Esra 3. Noch bevor ein neues Tempelgebäude stand, errichteten die Heimkehrer den Altar und nahmen die regelmäßigen Opfer wieder auf. Anschließend legten sie den Grundstein für das Haus Gottes. Dabei vermischten sich Freude und Trauer: Während viele Menschen über den Neuanfang jubelten, weinten ältere Männer, die den früheren Tempel noch gekannt hatten (Esra 3,10–13).
An der Spitze der zurückgekehrten Gemeinschaft standen Serubbabel und Jeschua. Serubbabel übernahm eine führende Verantwortung für das Wiederaufbauwerk, während Jeschua als Hoherpriester den priesterlichen Dienst vertrat. Beide handelten in einer Zeit, in der Juda keine unabhängige Nation mehr war, sondern zum ausgedehnten Perserreich gehörte. Königliche Genehmigungen, örtliche Verwaltungsbeamte und die Beziehungen zu den Nachbarvölkern konnten deshalb erheblichen Einfluss auf die Entwicklung Jerusalems nehmen.
Eine Besonderheit des vierten Kapitels ist seine zeitliche Anordnung. Die Erzählung behandelt nicht ausschließlich unmittelbar aufeinanderfolgende Ereignisse, sondern verbindet verschiedene Phasen des Widerstands miteinander. Dabei werden auch spätere persische Herrscher erwähnt. Diese literarische Gestaltung muss berücksichtigt werden, damit die einzelnen Konflikte historisch richtig eingeordnet werden können.
Vor diesem Hintergrund beginnt die Geschichte mit einer Begegnung, die zunächst wie ein hilfreiches Angebot erscheint. Gerade deshalb verdient die Antwort der jüdischen Führer besondere Aufmerksamkeit.
Esra 4,1–3
Ein Angebot mit weitreichenden Folgen: Warum Israel die Zusammenarbeit ablehnt
Die Nachricht vom Wiederaufbau des Tempels verbreitete sich auch unter den Menschen, die in der Umgebung Jerusalems lebten. Als die Gegner Judas und Benjamins erfuhren, dass die aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Israeliten dem HERRN ein neues Haus errichteten, suchten sie den Kontakt zu Serubbabel und den führenden Männern des Volkes. Ihr Anliegen klang zunächst freundlich und entgegenkommend. Sie wollten nicht gegen den Bau arbeiten, sondern sich daran beteiligen. Doch bereits der erste Vers bezeichnet diese Menschen als Gegner. Der Erzähler macht damit von Anfang an deutlich, dass hinter der folgenden Begegnung ein ernster Konflikt stand, dessen Ausmaß erst im weiteren Verlauf sichtbar wird.
Bemerkenswert ist die Bezeichnung „Juda und Benjamin“. Diese beiden Stämme bildeten den Kern des früheren Südreiches Juda, dessen Hauptstadt Jerusalem gewesen war. Nach der babylonischen Gefangenschaft kehrten Angehörige dieser Gemeinschaft zurück, um das religiöse Leben ihrer Vorfahren wieder aufzunehmen. Der Tempel war dabei weit mehr als ein gewöhnliches Gebäude. Er war der von Gott bestimmte Mittelpunkt des Opferdienstes und erinnerte das Volk daran, dass es seine Existenz, seine Vergebung und seine Zukunft dem Gott Israels verdankte. Deshalb berührte die Frage, wer an seinem Wiederaufbau mitwirken und Verantwortung dafür übernehmen durfte, unmittelbar die religiöse Identität der zurückgekehrten Gemeinschaft.
Die Männer, die nun ihre Hilfe anboten, begründeten ihren Wunsch mit einer überraschenden Aussage. Sie erklärten, denselben Gott wie die Israeliten zu suchen und ihm bereits seit den Tagen des assyrischen Königs Asarhaddon Opfer darzubringen (Esra 4,2). Damit beriefen sie sich nicht nur auf eine gemeinsame religiöse Verehrung, sondern auch auf eine längere Geschichte ihrer Anwesenheit im Land. Asarhaddon regierte das Assyrerreich im siebten Jahrhundert vor Christus. Die assyrischen Könige hatten eroberte Bevölkerungen teilweise in andere Gebiete umgesiedelt, um ihre Herrschaft zu sichern. Eine solche Umsiedlungspolitik wird auch in 2. Könige 17,24 beschrieben, wo von Menschen berichtet wird, die nach der Eroberung des Nordreiches Israel in den Städten Samarias angesiedelt wurden.
Dieser geschichtliche Hintergrund ist wichtig, weil die Bibel anschließend eine bemerkenswerte religiöse Entwicklung schildert. Die neu angesiedelten Bewohner Samarias lernten zwar die Verehrung des Gottes Israels kennen, hielten aber zugleich an religiösen Praktiken ihrer Herkunftsländer fest. In 2. Könige 17,33 wird beschrieben, dass sie den HERRN verehrten und gleichzeitig ihren eigenen Göttern dienten. Es entstand somit eine Form der Gottesverehrung, in der unterschiedliche religiöse Überzeugungen nebeneinander bestanden. Aus biblischer Sicht war das problematisch, weil der Gott Israels von seinem Volk nicht nur eine äußerliche Anerkennung seines Namens verlangte, sondern ausschließliche Treue. Bereits das erste Gebot untersagte die Verehrung anderer Götter neben ihm (2. Mose 20,3).
Allerdings müssen wir eine wichtige Unterscheidung beachten. Esra 4 erklärt nicht ausdrücklich, dass jeder Einzelne der Menschen, die ihre Hilfe anboten, persönlich andere Götter verehrte. Auch lässt sich ihre gesamte Gemeinschaft nicht ohne Weiteres mit den späteren Samaritanern gleichsetzen. Der Bericht aus 2. Könige beschreibt vielmehr den religiösen Hintergrund, vor dem die Begegnung verständlicher wird. Ebenso wenig können wir allein aus dem freundlichen Angebot sicher erkennen, welche Absichten jeder Beteiligte tatsächlich verfolgte. Die folgende Feindschaft zeigt, dass der Konflikt tiefgreifend war. Ob jedoch bereits die erste Bitte von jedem Beteiligten bewusst als Täuschung geplant wurde, sagt der Text nicht.
Gerade dadurch gewinnt die Antwort der jüdischen Führer an Bedeutung. Serubbabel, Jeschua und die übrigen Familienoberhäupter erklären, dass sie den Tempel nicht gemeinsam mit diesen Menschen bauen werden. Stattdessen wollen sie selbst dem HERRN, dem Gott Israels, ein Haus errichten, wie König Kyrus es ihnen aufgetragen hatte (Esra 4,3). Diese Antwort besitzt zunächst eine rechtliche und organisatorische Grundlage. Der persische König hatte die Wiederherstellung des Tempels genehmigt und den zurückkehrenden Israeliten die Verantwortung für dieses Vorhaben übertragen (Esra 1,2–4). Die führenden Männer wollten diese Aufgabe nicht durch eine neue, ungeklärte Zusammenarbeit verändern.
Doch die Entscheidung lässt sich nicht allein auf königliche Zuständigkeiten reduzieren. Hinter ihr stand auch die Frage, ob das Heiligtum Gottes unter einer gemeinsamen religiösen Verantwortung entstehen sollte, obwohl über die rechte Verehrung dieses Gottes keine gesicherte Übereinstimmung bestand. Ein Tempel, der ausschließlich dem HERRN geweiht sein sollte, durfte nicht zum Ausdruck eines Glaubens werden, in dem seine Verehrung beliebig mit anderen religiösen Vorstellungen verbunden wurde. Deshalb war die Entscheidung der jüdischen Führer mehr als eine Ablehnung zusätzlicher Arbeitskräfte. Sie betraf die geistliche Ausrichtung des gesamten Wiederaufbauwerkes.
Dazu passt eine grundlegende Warnung, die Israel bereits durch Mose empfangen hatte. In 5. Mose 7,3–4 wurde das Volk davor gewarnt, durch enge Bindungen an Menschen mit fremder Götterverehrung selbst von der Treue zum HERRN abgebracht zu werden. Entscheidend war dabei die Gefahr des Abfalls von Gott. Die Warnung bedeutete nicht, dass Menschen anderer Herkunft grundsätzlich ausgeschlossen werden mussten. Das Alte Testament berichtet ausdrücklich von Fremden, die sich dem Gott Israels zuwandten und in die Gemeinschaft seines Volkes aufgenommen wurden. Ruth, die Moabiterin, bekannte sich zum Gott Noomis (Ruth 1,16), und Esra 6,21 berichtet später von Menschen, die sich von der Unreinheit der Völker des Landes absonderten, um den HERRN gemeinsam mit Israel zu suchen. Nicht die Abstammung allein, sondern die Hinwendung zu Gott und die Treue zu ihm waren für die religiöse Gemeinschaft entscheidend.
Die Ablehnung in Esra 4 darf deshalb weder als allgemeines Verbot der Zusammenarbeit mit Andersgläubigen noch als Aufforderung zur Feindschaft gegenüber fremden Menschen verstanden werden. Die Israeliten standen vor einer besonderen Aufgabe, bei der religiöse Verantwortung und Gottesverehrung untrennbar miteinander verbunden waren. Ihr Nein bezog sich auf die gemeinsame Durchführung dieses Tempelbaus unter den gegebenen Umständen. Es war keine Aussage, dass die anderen Menschen niemals zu Gott finden oder sich seiner Gemeinschaft anschließen könnten.
Hier liegt eine wichtige geistliche Unterscheidung. Nicht jede angebotene Unterstützung ist allein deshalb gut, weil sie eine Aufgabe leichter erscheinen lässt. Wenn es um die Verkündigung von Gottes Wort, um die Anbetung oder um grundlegende Glaubensüberzeugungen geht, muss geprüft werden, welche Vorstellungen und Verpflichtungen mit einer Zusammenarbeit verbunden sind. Gleichzeitig darf diese Wachsamkeit nicht in Misstrauen gegen jeden Außenstehenden umschlagen. Gottes Wahrheit verlangt Treue, aber sie rechtfertigt weder Hochmut noch die Verachtung anderer Menschen.
Für die zurückgekehrten Israeliten hatte ihre Entscheidung unmittelbare Folgen. Die Männer, die zunächst gemeinsame Arbeit angeboten hatten, akzeptierten die Ablehnung nicht einfach. Aus der gescheiterten Zusammenarbeit entwickelte sich offener Widerstand. Damit begann für das Volk eine Zeit, in der sich zeigen musste, ob seine Entschlossenheit auch unter Einschüchterung und politischem Druck Bestand haben würde.
Esra 4,4–5
Wie Angst, Entmutigung und politische Intrigen den Tempelbau behindern
Die Ablehnung des gemeinsamen Tempelbaus blieb nicht ohne Folgen. Die Menschen, die zuvor ihre Mitarbeit angeboten hatten, gingen nun dazu über, den Wiederaufbau gezielt zu behindern. Damit veränderte sich die Situation für die zurückgekehrten Israeliten grundlegend. Was zunächst als religiöse Meinungsverschiedenheit erschienen war, entwickelte sich zu einem anhaltenden Widerstand gegen ihre Arbeit. Die Gegner versuchten nicht mehr, selbst Einfluss auf den Tempelbau zu gewinnen, sondern wollten verhindern, dass die jüdische Gemeinschaft ihren begonnenen Auftrag erfolgreich ausführte.
Esra beschreibt diese Entwicklung in Vers 4 mit einer besonders anschaulichen Formulierung. Die Bewohner des Landes machten die Hände des Volkes Juda lässig und schreckten die Menschen vom Bauen ab. Dahinter steht eine hebräische Redewendung, die das Nachlassen von Mut, Kraft und Entschlossenheit ausdrückt. Wer seine Hände sinken lässt, verliert die Zuversicht, eine schwierige Aufgabe bewältigen zu können. Das Bild beschreibt also nicht in erster Linie körperliche Erschöpfung, sondern eine innere Schwächung, die schließlich das Handeln beeinflusst. Die Israeliten sollten so sehr verunsichert werden, dass sie ihre Arbeit nicht mehr mit der bisherigen Entschlossenheit fortsetzen konnten.
Diese Art des Widerstands konnte besonders wirksam sein, weil die zurückgekehrten Juden ohnehin unter schwierigen Bedingungen lebten. Sie hatten ihre frühere Heimat nach jahrzehntelanger Fremdherrschaft wiedergefunden, mussten ihre wirtschaftliche Existenz neu aufbauen und standen vor der gewaltigen Aufgabe, einen zerstörten Tempel wiederherzustellen. Dafür benötigten sie Arbeitskräfte, Baumaterial, Zeit und ein Mindestmaß an Sicherheit. Die Gegnerschaft der umliegenden Bevölkerung konnte deshalb weitreichende Folgen haben. Es genügte möglicherweise schon, die vorhandene Unsicherheit zu verstärken und die Menschen immer wieder daran zweifeln zu lassen, ob sie ihr Vorhaben tatsächlich zu Ende führen könnten.
Der Text nennt neben der Entmutigung ausdrücklich die Einschüchterung. Darin liegt eine wichtige Steigerung. Die Gegner versuchten nicht nur, den Israeliten ihre Zuversicht zu nehmen, sondern machten ihnen auch Angst vor den Folgen ihrer Bautätigkeit. Welche konkreten Drohungen ausgesprochen oder welche einzelnen Maßnahmen ergriffen wurden, erfahren wir an dieser Stelle nicht. Deshalb wäre es falsch, bestimmte Übergriffe oder Gespräche als historische Tatsachen auszuschmücken. Sicher ist jedoch, dass der Druck auf die Bauleute so ausgeübt wurde, dass er ihre Arbeit beeinträchtigen sollte. Der Widerstand richtete sich damit nicht nur gegen ein Gebäude, sondern gegen die Menschen, die dieses Gebäude errichten wollten.
Ein vergleichbarer Ausdruck begegnet in Jeremia 38,4. Dort werfen führende Männer dem Propheten Jeremia vor, mit seinen Worten die Hände der Kriegsleute und des übrigen Volkes zu schwächen. Obwohl die geschichtlichen Situationen unterschiedlich sind, hilft diese Parallele, die Bedeutung der Redewendung zu verstehen. Gemeint ist eine Einwirkung auf die innere Entschlossenheit eines Menschen. Wer den Mut verliert, kann selbst eine Aufgabe aufgeben, die er zuvor für richtig und notwendig gehalten hat. In Esra 4 waren die Bemühungen der Gegner darauf gerichtet, genau diese Wirkung bei den jüdischen Bauleuten hervorzurufen.
Doch damit begnügten sich die Gegner nicht. Vers 5 berichtet, dass sie Ratgeber gegen die Israeliten anwarben, um deren Vorhaben zu verhindern. Der Widerstand erhielt dadurch eine weitere, politische Dimension. Die Gegner versuchten offenbar, Menschen für sich zu gewinnen, die aufgrund ihrer Kenntnisse, ihrer Stellung oder ihrer Beziehungen Einfluss auf Entscheidungen nehmen konnten. In einem Großreich wie Persien, in dem königliche Anordnungen und Verwaltungsverfahren für die einzelnen Provinzen von erheblicher Bedeutung waren, konnte eine solche Einflussnahme schwerwiegende Folgen haben. Die Bauleute in Jerusalem waren nicht unabhängig von der politischen Ordnung, sondern mussten innerhalb der ihnen gewährten königlichen Genehmigung handeln.
Das hebräische Wort, das in Vers 5 für die Beschäftigung dieser Ratgeber verwendet wird, bezeichnet zunächst das Anwerben oder Bezahlen von Personen. Manche Bibelübersetzungen sprechen deshalb von Bestechung, während andere davon berichten, dass die Gegner Ratgeber gegen die Juden anstellten. Der Text macht deutlich, dass Geld eingesetzt wurde, um die Interessen der Gegenseite zu fördern. Ob es sich dabei in jedem einzelnen Fall um die Bestechung bereits amtierender Beamter handelte oder um die bezahlte Tätigkeit einflussreicher Berater, lässt sich aus der knappen Aussage allein nicht vollständig bestimmen. Entscheidend ist der Zweck dieser Maßnahmen: Die Pläne der jüdischen Gemeinschaft sollten vereitelt werden.
Gerade diese Verbindung von Einschüchterung und politischer Einflussnahme erklärt, warum der Widerstand so gefährlich war. Auf der einen Seite mussten die Israeliten mit Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung leben, die ihre Arbeit behinderten. Auf der anderen Seite konnten ihre Gegner versuchen, Entscheidungen auf höherer Verwaltungsebene zu beeinflussen. Selbst wenn die Bauleute persönlich entschlossen blieben, mussten sie damit rechnen, dass Schwierigkeiten entstehen würden, die sie nicht aus eigener Kraft beseitigen konnten. Der Tempelbau war somit nicht nur eine handwerkliche Herausforderung, sondern auch eine Prüfung ihrer Ausdauer in einer politisch unsicheren Umgebung.
Besonders aufschlussreich ist die Zeitangabe am Ende von Vers 5. Die feindlichen Bemühungen erstreckten sich über die Tage des persischen Königs Kores, der auch Kyrus genannt wird, bis in die Regierungszeit des Königs Darius. Gemeint ist nach der geschichtlichen Einordnung Darius I., der 522 v. Chr. den persischen Thron bestieg. Der Wiederaufbau hatte unter Kyrus begonnen, dessen Erlass den Juden die Rückkehr und die Errichtung des Tempels ermöglicht hatte. Doch die königliche Erlaubnis beseitigte nicht automatisch die Widerstände vor Ort. Zwischen dem Beginn des Wiederaufbauwerks und seiner erneuten Aufnahme unter Darius lagen viele Jahre, in denen das ursprüngliche Vorhaben nicht wie geplant vorankam.
Die Zeitangabe ist auch deshalb wichtig, weil sie den anhaltenden Charakter des Konflikts erkennen lässt. Es handelte sich nicht lediglich um einen kurzen Streit, der unmittelbar nach der Ablehnung des Hilfsangebots wieder verschwand. Die Gegner verfolgten ihre Absichten über einen längeren Zeitraum. Dabei nennt der Text nicht jede einzelne Maßnahme und auch nicht jeden Zeitpunkt, an dem eine Behinderung stattfand. Die Aussage lässt jedoch erkennen, dass der Widerstand die Regierungszeit mehrerer persischer Herrscher überdauerte. Zwischen Kyrus und Darius regierte unter anderem Kambyses II. über das Perserreich. Die Geschichte der zurückgekehrten Israeliten war somit Teil einer größeren politischen Entwicklung, auf die sie selbst nur begrenzten Einfluss hatten.
An dieser Stelle stellt sich eine wichtige Frage: Warum konnte Gottes Werk überhaupt so lange behindert werden, obwohl Gott selbst die Rückkehr seines Volkes ermöglicht hatte? Bereits Esra 1,1 berichtet, dass der HERR den Geist des Kyrus bewegte, damit dieser den Wiederaufbau des Tempels gestattete. Der Auftrag war also nicht lediglich aus einem menschlichen Wunsch entstanden. Dennoch zeigt Esra 4, dass ein von Gott eröffneter Weg nicht zwangsläufig frei von Schwierigkeiten ist. Gottes Führung bedeutete für die Israeliten nicht, dass sämtliche Gegner verschwinden oder alle politischen Hindernisse sofort beseitigt würden. Sie mussten lernen, ihren Auftrag auch unter Bedingungen ernst zu nehmen, die ihren Hoffnungen widersprachen.
Dabei darf allerdings eine weitere Seite der Geschichte nicht übersehen werden. Der Widerstand der Nachbarvölker war tatsächlich vorhanden und wird von Esra ausdrücklich beschrieben. Doch er war nicht die einzige Erklärung dafür, dass der Tempel später unvollendet blieb. Als der Prophet Haggai im zweiten Regierungsjahr des Darius, also 520 v. Chr., zum Volk sprach, stellte er dessen eigene Haltung infrage. Nach Haggai 1,2 erklärten die Menschen, die Zeit zum Bau des Hauses Gottes sei noch nicht gekommen. Zugleich hatten sie bereits Möglichkeiten gefunden, ihre eigenen Häuser auszubauen. Gottes Frage in Haggai 1,4 machte deutlich, dass die äußeren Schwierigkeiten inzwischen von einer inneren Verschiebung der Prioritäten begleitet wurden.
Diese Beobachtung ist wesentlich, um die Ereignisse gerecht zu beurteilen. Es wäre unangebracht, den zurückgekehrten Israeliten jede Entmutigung als mangelnden Glauben vorzuwerfen. Sie hatten wirkliche Hindernisse zu bewältigen. Ebenso wäre es jedoch falsch, den gesamten langen Stillstand ausschließlich den Gegnern zuzuschreiben. Die späteren Worte Haggais zeigen, dass sich das Volk erneut fragen musste, welchen Platz Gottes Auftrag in seinem Leben einnahm. Eine anfänglich verständliche Verzögerung konnte mit der Zeit zu einer Haltung werden, in der die Menschen sich an das Unvollendete gewöhnten. Äußere Schwierigkeiten und menschliche Nachlässigkeit dürfen deshalb weder miteinander verwechselt noch völlig voneinander getrennt werden.
Die Fortsetzung der Geschichte macht deutlich, dass Gott sein Volk in dieser Situation nicht aufgegeben hatte. Esra 5,1–2 berichtet später, dass die Propheten Haggai und Sacharja im Namen Gottes zu den Juden sprachen und Serubbabel und Jeschua daraufhin wieder mit dem Bau begannen. Gerade dieser spätere Neuanfang hilft, den langen Widerstand richtig einzuordnen. Die Zeit der Behinderung war weder bedeutungslos noch endgültig. Gott führte seine Absicht weiter, indem er Menschen durch sein Wort erneut ermutigte und zur Verantwortung rief.
Darin liegt bereits eine geistliche Bedeutung, die über die damalige Baugeschichte hinausreicht. Entmutigung kann einen Menschen nicht nur von einer schwierigen Aufgabe abhalten, sondern auch seine Sicht auf Gottes Auftrag verändern. Was ursprünglich mit Überzeugung begonnen wurde, erscheint unter anhaltendem Druck vielleicht zunehmend aussichtslos. Die Erfahrung der Israeliten zeigt jedoch, dass die gegenwärtige Schwierigkeit nicht darüber entscheidet, ob Gottes Wort weiterhin gilt. Zugleich fordert ihr späterer Weg dazu heraus, zwischen wirklichen Hindernissen und dem eigenen Nachlassen der Bereitschaft zu unterscheiden.
Esra 4,4–5 endet noch nicht mit einer Lösung. Die Verse lassen den Leser zunächst die Schwere und Dauer des Widerstands erkennen. Während der Tempel unvollendet blieb, setzten die Gegner ihre Bemühungen fort. Doch der Bericht über diese frühen Schwierigkeiten ist nur ein Teil einer längeren Geschichte. Der Verfasser richtet den Blick nun auf weitere Auseinandersetzungen, die sich auch unter späteren persischen Königen ereigneten. Dadurch wird sichtbar, dass der Konflikt um die Wiederherstellung Jerusalems weit über die ersten Jahre nach der Rückkehr aus Babylon hinausreichte.
Esra 4,6–7
Der Widerstand dauert an: Ein Blick auf spätere persische Könige
Der Widerstand gegen die Wiederherstellung Jerusalems beschränkte sich nicht auf die ersten Jahre nach der Rückkehr aus Babylon. Nachdem Esra von den Einschüchterungen und politischen Intrigen während der Regierungszeit des Kyrus bis zur Zeit des Darius berichtet hat, richtet er den Blick auf weitere Auseinandersetzungen unter späteren persischen Herrschern. Damit erweitert sich die Perspektive der Erzählung erheblich. Die Schwierigkeiten des Volkes Gottes waren keine vorübergehende Erscheinung, die mit einem einzelnen Herrscherwechsel endgültig verschwunden wäre. Vielmehr begegneten den zurückgekehrten Israeliten auch in späteren Generationen Menschen, die versuchten, die Wiederherstellung Jerusalems durch Beschwerden und politische Anschuldigungen zu behindern.
In Vers 6 wird zunächst Ahasveros genannt. Gleich zu Beginn seiner Regierung wurde eine Anklage gegen die Bewohner Judas und Jerusalems verfasst. Der König wird in der heute überwiegenden historischen Einordnung mit Xerxes I. identifiziert, der von 486 bis 465 v. Chr. über das Perserreich herrschte. Er war der Sohn und Nachfolger Darius' I. Damit führt uns dieser Vers in eine spätere Zeit als die Ereignisse, die zuvor in Esra 4,4–5 beschrieben wurden. Der Tempel, dessen Wiederaufbau unter Darius wieder aufgenommen worden war, war bereits im sechsten Regierungsjahr dieses Königs vollendet worden (Esra 6,15). Die nun erwähnten Anschuldigungen gehören deshalb nach dieser Einordnung nicht mehr zu den ursprünglichen Bemühungen, den Tempelbau vor seiner Fertigstellung aufzuhalten.
Diese zeitliche Unterscheidung ist für das Verständnis des Kapitels besonders wichtig. Wer Esra 4 so liest, als folgten sämtliche Ereignisse unmittelbar aufeinander, könnte meinen, Ahasveros und der anschließend genannte Artasasta hätten vor Darius regiert. Die bekannte Abfolge der persischen Könige spricht jedoch für eine andere Erklärung. Der Verfasser unterbricht den früheren Erzählverlauf, um weitere Beispiele für den Widerstand gegen Jerusalem anzuführen. Erst in Vers 24 kehrt er zur ursprünglichen Geschichte des Tempelbaus zurück. Die Verse 6–23 bilden demnach einen thematischen Einschub, der zeigt, dass die Gegnerschaft über viele Jahrzehnte hinweg fortbestand.
Es gibt allerdings auch eine ältere Auslegung, die diese Verse als durchgehend chronologische Erzählung versteht. Sie identifiziert Ahasveros mit Kambyses und Artasasta mit einem kurzzeitig regierenden persischen Herrscher des Jahres 522 v. Chr., der gewöhnlich als falscher Smerdis bezeichnet wird. Dadurch ließen sich die genannten Könige vor Darius einordnen. Diese Erklärung ist jedoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, weil die betreffenden Königsnamen historisch wesentlich besser zu Xerxes I. und Artaxerxes I. passen. Die Deutung als zeitlicher Rückblick und Vorgriff erklärt deshalb den Zusammenhang überzeugender. Unabhängig von dieser historischen Diskussion bleibt die eigentliche Aussage des Verfassers bestehen: Die Wiederherstellung Jerusalems begegnete über längere Zeit anhaltendem Widerstand.
Über die Anklage unter Ahasveros erfahren wir nur wenig. Der Text nennt weder ihren genauen Inhalt noch die Verfasser namentlich. Auch berichtet er nicht, wie der König darauf reagierte oder welche unmittelbaren Folgen das Schreiben hatte. Es wäre deshalb unbegründet, aus diesem Vers bereits einen königlichen Baustopp oder ein bestimmtes Verbot abzuleiten. Sicher ist lediglich, dass eine Beschwerde gegen die Einwohner Judas und Jerusalems vorgebracht wurde. Die Gegner suchten damit offenbar einen Weg, die jüdische Gemeinschaft gegenüber der persischen Herrschaft in ein ungünstiges Licht zu rücken.
Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Anklage ausdrücklich gegen die Bewohner Judas und Jerusalems richtete. Während in den ersten Versen der Tempelbau im Mittelpunkt stand, erweitert sich der Konflikt nun auf die Gemeinschaft und ihre Stellung innerhalb des Perserreiches. Die jüdischen Heimkehrer waren nicht mehr nur Menschen, die ein religiöses Gebäude errichteten. Sie lebten in einem Gebiet, dessen politische und wirtschaftliche Entwicklung auch für die persischen Verwaltungsbehörden von Bedeutung war. Eine Beschwerde gegen die Einwohner Jerusalems konnte deshalb wesentlich weiter reichen als eine bloße Auseinandersetzung über religiöse Bauarbeiten.
Diese Entwicklung wird in Vers 7 noch deutlicher. Nun nennt Esra Artasasta, der in der üblichen historischen Zuordnung mit Artaxerxes I. identifiziert wird. Er folgte Xerxes I. auf den persischen Thron und regierte von 465 bis 424 v. Chr. Während seiner Herrschaft spielten sich später auch die Ereignisse ab, die in Esra 7 und im Buch Nehemia berichtet werden. Damit entsteht eine bedeutsame Verbindung innerhalb der biblischen Geschichte: Die Rückkehr aus Babylon, der Wiederaufbau des Tempels und die Wiederherstellung Jerusalems als bewohnte und befestigte Stadt waren Bestandteile eines längeren geschichtlichen Prozesses, der sich über die Regierungszeit mehrerer persischer Könige erstreckte.
Im Zusammenhang mit Artasasta werden nun auch die Namen der Männer genannt, die ein Schreiben an den König richteten. Esra erwähnt Bislam, Mitredat, Tabeel und ihre übrigen Genossen. Die Aufzählung macht deutlich, dass die Beschwerde nicht lediglich als unbedachte Äußerung eines Einzelnen dargestellt wird. Mehrere Personen beteiligten sich an einem gemeinsamen Schreiben an den persischen Herrscher. Welche Stellung jeder dieser Männer innehatte und welche persönlichen Beweggründe sie verfolgten, wird nicht erklärt. Der Zusammenhang zeigt jedoch, dass sie im Rahmen der anhaltenden Gegnerschaft gegen Jerusalem tätig wurden.
Bei dem Namen Bislam besteht eine sprachliche Besonderheit. Die traditionelle hebräische Textüberlieferung wird gewöhnlich so verstanden, dass es sich um einen Eigennamen handelt. Die alte griechische Übersetzung deutet den entsprechenden Ausdruck dagegen anders, nämlich im Sinne einer friedlichen oder einvernehmlichen Verbindung. Deshalb ist nicht völlig unumstritten, ob an dieser Stelle tatsächlich ein Personenname vorliegt. Für den Zusammenhang verändert diese Unsicherheit jedoch wenig. Entscheidend ist, dass unter Artasasta ein weiteres Schreiben an den persischen König erwähnt wird, hinter dem mehrere Beteiligte standen.
Der letzte Teil von Vers 7 enthält eine ungewöhnliche Bemerkung zur Sprache des Briefes. Die Schlachter-Bibel von 1951 berichtet, dass das Schreiben in aramäischer Schrift abgefasst und ins Aramäische übersetzt worden sei. Diese Formulierung wirkt zunächst widersprüchlich. Weshalb sollte ein bereits aramäisch geschriebenes Dokument nochmals ins Aramäische übertragen werden? Eine verbreitete Erklärung versteht die Aussage als Hinweis auf die verwendete Schrift und Sprache. Andere Ausleger vermuten, dass eine redaktionelle Bemerkung vorliegt, die den anschließenden Wechsel der Sprache im Bibelbuch kenntlich macht. Der genaue sprachliche Vorgang lässt sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen.
Für das Verständnis ist wichtig, dass Aramäisch im Perserreich eine bedeutende Verwaltungs- und Verkehrssprache war. Das ausgedehnte Reich umfasste zahlreiche Völker mit unterschiedlichen Muttersprachen. Schriftliche Mitteilungen mussten daher über große Entfernungen hinweg von Beamten verschiedener Herkunft verstanden und bearbeitet werden können. Aramäisch eignete sich für diesen überregionalen Schriftverkehr und begegnet deshalb auch in amtlichen Dokumenten aus persischer Zeit. Die Verwendung dieser Sprache in Esra 4 passt somit gut zum politischen Hintergrund der berichteten Korrespondenz.
Zugleich erklärt die Bemerkung einen auffälligen sprachlichen Wechsel innerhalb des Bibelbuches. Während der vorausgehende Bericht überwiegend in Hebräisch verfasst ist, beginnt mit Esra 4,8 ein längerer aramäischer Abschnitt, der sich bis Esra 6,18 erstreckt. Auch Esra 7,12–26 enthält später einen aramäischen Text. Diese Besonderheit zeigt, dass das Buch Esra unterschiedliche sprachliche Überlieferungen in seine Darstellung aufgenommen hat. Die Briefe und königlichen Anordnungen werden dadurch nicht nur ihrem Inhalt nach wiedergegeben, sondern erscheinen innerhalb eines Sprachraums, der für die damalige persische Verwaltung charakteristisch war.
Dabei bleibt eine weitere Einzelheit zu beachten. Vers 7 nennt Bislam, Mitredat und Tabeel als Verfasser eines Schreibens. In Vers 8 treten dagegen Rehum und Simsai als Absender eines Briefes hervor. Es ist deshalb möglich, dass hier zwei verschiedene Schreiben aus der Regierungszeit Artasastas erwähnt werden. Einige Ausleger verstehen Vers 7 als kurze Nachricht über eine frühere Beschwerde und die folgenden Verse als Bericht über ein weiteres, ausführlich dokumentiertes Schreiben. Andere sehen darin unterschiedliche Einleitungen zu einem zusammenhängenden Vorgang. Da die Darstellung die einzelnen Beziehungen nicht ausdrücklich erklärt, sollte keine dieser Möglichkeiten ohne Einschränkung als erwiesene Tatsache behandelt werden. Fest steht, dass die anschließende Erzählung eine ausführliche Anklage gegen Jerusalem überliefert.
Die Erwähnung dieser Schreiben lässt erkennen, wie sehr sich die Auseinandersetzungen um Jerusalem inzwischen auf die politische Ebene verlagert hatten. Die Gegner versuchten, ihre Anliegen nicht allein durch örtlichen Druck durchzusetzen, sondern wandten sich an die höchste Autorität des Reiches. Ein königliches Schreiben konnte weitreichende Folgen haben, weil die persischen Beamten verpflichtet waren, Entscheidungen des Herrschers innerhalb ihrer Zuständigkeitsbereiche umzusetzen. Wer den König von der Gefährlichkeit einer bestimmten Entwicklung überzeugen konnte, besaß deshalb möglicherweise ein wirksames Mittel, um diese Entwicklung aufzuhalten.
Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen der damaligen Lage und der Situation des früheren israelitischen Königreiches. Jerusalem verfügte nicht mehr über einen eigenen unabhängigen König, der seine politischen Entscheidungen selbstständig treffen konnte. Die jüdische Gemeinschaft war Teil des persischen Herrschaftsgebietes. Sie besaß zwar bestimmte religiöse und örtliche Handlungsmöglichkeiten, blieb jedoch von den Entscheidungen einer übergeordneten Regierung abhängig. Die Gegner Jerusalems konnten diesen Umstand nutzen, indem sie den Wiederaufbau nicht nur als örtlichen Streit, sondern als eine Angelegenheit von möglicher Bedeutung für das gesamte Reich darstellten.
Eine solche Vorgehensweise war besonders gefährlich, weil politische Anschuldigungen auch dann Wirkung entfalten konnten, wenn ihre Darstellung einseitig oder übertrieben war. Der König befand sich weit entfernt von Jerusalem und musste sich bei seinen Entscheidungen auf Berichte, Verwaltungsunterlagen und die Einschätzungen seiner Beamten stützen. Wer Informationen gezielt auswählte oder bestimmte Ereignisse in einem ungünstigen Zusammenhang darstellte, konnte damit Einfluss auf die königliche Beurteilung gewinnen. Der folgende Brief wird zeigen, wie die Gegner gerade diese Möglichkeit nutzten, indem sie Jerusalems Vergangenheit mit Befürchtungen über seine künftige Entwicklung verbanden.
An dieser Stelle sollten wir allerdings zwischen der Absicht der Gegner und dem tatsächlichen Ergebnis unterscheiden. Esra 4,6–7 berichtet zunächst lediglich von Anklagen und Schreiben. Dass die Gegner versuchten, politischen Widerstand gegen Jerusalem zu organisieren, ist deutlich erkennbar. Ob jede einzelne Beschwerde erfolgreich war, wird dagegen nicht gesagt. Die später geschilderte königliche Entscheidung darf deshalb nicht rückwirkend als unmittelbare Folge sämtlicher zuvor erwähnter Briefe ausgegeben werden.
Die beiden Verse vermitteln damit eine wichtige Einsicht in die geschichtliche Lage des Volkes Gottes. Der Wiederaufbau Jerusalems geschah nicht außerhalb der politischen Wirklichkeit, sondern mitten in ihr. Verschiedene Herrscher, Verwaltungsbeamte und örtliche Interessengruppen konnten Einfluss darauf nehmen, was die jüdische Gemeinschaft tun durfte und welchen Widerständen sie begegnete. Die Verheißungen Gottes machten diese menschlichen Machtverhältnisse nicht bedeutungslos. Vielmehr entfaltete sich die Geschichte der Wiederherstellung innerhalb genau dieser schwierigen Bedingungen.
Gleichzeitig zeigt der weitere Verlauf des Buches, dass politische Widerstände Gottes Absicht nicht endgültig vereiteln konnten. Obwohl menschliche Entscheidungen Bauarbeiten aufhalten und Entwicklungen verzögern konnten, blieb die Geschichte Jerusalems damit nicht abgeschlossen. Schon die Rückkehr unter Kyrus hatte gezeigt, dass Gott auch die Entscheidungen eines mächtigen heidnischen Herrschers für die Erfüllung seiner Verheißungen gebrauchen konnte (Esra 1,1). Die späteren Hindernisse änderten nichts daran, dass die Wiederherstellung seines Volkes Teil einer größeren göttlichen Führung war.
Mit Vers 7 ist der Leser nun auf den ausführlichen Schriftverkehr vorbereitet, der im anschließenden Abschnitt folgt. Dort werden die politischen Anschuldigungen gegen Jerusalem wesentlich konkreter. Besonders die Herkunft der Beteiligten und ihre Stellung innerhalb der persischen Verwaltung helfen zu verstehen, weshalb der Brief vor dem König Gewicht erhalten konnte. Aus der allgemeinen Nachricht über anhaltenden Widerstand wird damit ein genauerer Einblick in die Mechanismen politischer Einflussnahme, denen die jüdische Gemeinschaft ausgesetzt war.
Esra 4,8–10
Die Verfasser der Anklage und ihre politischen Interessen
Mit Vers 8 beginnt ein Abschnitt, der dem Leser einen ungewöhnlich genauen Einblick in die politischen Auseinandersetzungen um Jerusalem ermöglicht. Während bisher hauptsächlich von Widerstand, Einschüchterung und verschiedenen Beschwerdeschreiben die Rede war, werden nun die Männer genannt, die eine konkrete Anklage an den persischen König richteten. Gleichzeitig erfahren wir, welche Bevölkerungsgruppen hinter diesem Schreiben standen und auf welche gemeinsame Geschichte sie sich beriefen. Diese Einzelheiten sind keineswegs nebensächlich. Sie helfen zu verstehen, weshalb der Widerstand gegen Jerusalem über eine örtliche Meinungsverschiedenheit hinausging und schließlich die Aufmerksamkeit des mächtigsten Herrschers der Region erreichte.
Der Bericht nennt zunächst Rehum, den die Schlachter-Bibel von 1951 als Statthalter bezeichnet, und Simsai, den Schreiber. Beide richteten ein Schreiben gegen Jerusalem an König Artasasta. Ihre Erwähnung zeigt, dass die Anklage nicht lediglich von einzelnen unzufriedenen Nachbarn ausging. Vielmehr waren Personen daran beteiligt, die offenbar eine besondere Stellung innerhalb der regionalen Verwaltung besaßen. Sie verfügten über die Möglichkeit, eine schriftliche Eingabe an den König zu richten und ihre Anliegen in einer Form vorzubringen, die innerhalb des persischen Verwaltungswesens berücksichtigt werden konnte.
Die genaue Amtsbezeichnung Rehums verdient besondere Aufmerksamkeit. Im aramäischen Text wird er als jemand bezeichnet, der mit einer besonderen Befehls- oder Verwaltungsbefugnis ausgestattet war. Die wörtliche Bedeutung der Formulierung lässt sich etwa mit „Herr des Befehls“ wiedergeben. Deshalb übersetzen verschiedene Bibelausgaben seinen Titel unterschiedlich, beispielsweise als Statthalter, Befehlshaber oder leitenden Beamten. Sicher ist, dass Rehum eine Stellung mit Verwaltungsautorität zugeschrieben wird. Weniger sicher ist, welchen genauen Rang er innerhalb der komplizierten persischen Verwaltungshierarchie einnahm. Man sollte ihn deshalb nicht ohne zusätzliche Belege mit einem bestimmten hohen Provinzgouverneur oder einem selbstständigen Herrscher gleichsetzen.
Auch Simsais Bezeichnung als Schreiber darf nicht im modernen Sinn missverstanden werden. Ein Schreiber war in der damaligen Verwaltung nicht notwendigerweise jemand, der lediglich Texte abschrieb. Schriftkundige Beamte konnten für amtliche Korrespondenz, Verwaltungsunterlagen, Aufzeichnungen und die Abfassung rechtlich oder politisch bedeutsamer Dokumente verantwortlich sein. In einem Reich, das zahlreiche Sprachen und Völker umfasste, besaßen solche Fähigkeiten große Bedeutung. Schriftstücke ermöglichten es, königliche Anweisungen über weite Entfernungen weiterzugeben und Entscheidungen nachvollziehbar festzuhalten. Die gemeinsame Nennung Rehums und Simsais lässt daher erkennen, dass bei der Beschwerde sowohl administrative Autorität als auch schriftliche Sachkenntnis eine Rolle spielten.
Auffällig ist, dass der Text ausdrücklich von einem Brief gegen Jerusalem spricht. Nicht ein einzelner Jude und auch nicht ausschließlich der Tempel werden als Gegenstand der Beschwerde genannt, sondern die Stadt selbst. Das bereitet den Leser auf den Inhalt des folgenden Schreibens vor. Dort wird sich zeigen, dass die Gegner den Wiederaufbau Jerusalems als ein mögliches politisches Problem darzustellen versuchten. Es ging nun um die Frage, ob die Wiederherstellung einer früher bedeutenden Stadt mit den Interessen des Perserreiches vereinbar war. Die religiöse Geschichte Jerusalems ließ sich dabei von seiner politischen Vergangenheit nicht vollständig trennen.
In Vers 9 werden die Absender genauer beschrieben. Neben Rehum und Simsai nennt der Bericht ihre übrigen Genossen und führt eine ganze Reihe von Bevölkerungsgruppen auf. In der Schlachter-Bibel erscheinen unter anderem Dinäer, Apharsatäer, Tarpläer, Apharsäer, Arkväer, Susaniter, Dehaviter, Elamiter und Babylonier. Die ungewöhnlichen Namen machen deutlich, dass die Bevölkerung der betreffenden Gebiete eine vielfältige Herkunft hatte. Der Widerstand gegen Jerusalem war nicht auf eine einzige örtliche Familie oder eine kleine, einheitliche Bevölkerungsgruppe beschränkt.
Allerdings ist die sprachliche Deutung dieser Aufzählung nicht in allen Einzelheiten gesichert. Einige der aramäischen Bezeichnungen können möglicherweise auch auf bestimmte Beamtenklassen oder Verwaltungsfunktionen hinweisen. Deshalb geben manche neuere Bibelübersetzungen am Anfang der Liste nicht ausschließlich Völkernamen wieder, sondern sprechen von Richtern, Beamten oder anderen Amtsträgern. Andere Übersetzungen halten an der traditionellen Wiedergabe als Herkunftsbezeichnungen fest. Besonders die ersten, weniger bekannten Namen lassen sich historisch nicht mit derselben Sicherheit identifizieren wie Babylonier oder Elamiter. Für das Verständnis des Abschnittes genügt zunächst die Feststellung, dass der Brief von einem größeren Kreis von Beteiligten getragen wurde, zu dem Menschen verschiedener Herkunft und möglicherweise auch unterschiedlicher Verwaltungsstellungen gehörten.
Einige der genannten Namen lassen sich dennoch gut geschichtlich einordnen. Babylon war eines der großen politischen und kulturellen Zentren des Alten Orients. Von dort hatte das neubabylonische Reich einst seine Herrschaft über Juda ausgeübt und die Zerstörung Jerusalems herbeigeführt. Nach der Eroberung Babylons durch Kyrus im Jahr 539 v. Chr. gehörte die Stadt zum Perserreich. Wenn in Esra 4 Babylonier genannt werden, begegnen uns damit Menschen, deren Herkunft auf eines der bedeutendsten Machtzentren der vorausgehenden Jahrhunderte verweist.
Auch Susa und Elam gehören in diesen größeren geschichtlichen Zusammenhang. Susa war eine bedeutende Stadt im Gebiet des alten Elam und entwickelte sich zu einem wichtigen Verwaltungszentrum des Perserreiches. Aus dem Buch Esther kennen wir Susa als einen Schauplatz des persischen Königshofes, während Nehemia 1,1 die Stadt ebenfalls erwähnt. Die Elamiter gehörten zu einer Bevölkerung mit einer langen eigenen Geschichte östlich Mesopotamiens. Ihre Nennung neben anderen Gruppen erinnert daran, wie weitreichend die Bevölkerungsbewegungen und politischen Verbindungen im Alten Orient waren. Menschen aus verschiedenen Herkunftsgebieten konnten später innerhalb derselben persischen Provinz oder unter derselben übergeordneten Verwaltung leben.
Bei den Arkväern liegt eine Verbindung zur alten mesopotamischen Stadt Erech, dem späteren Uruk, nahe. Diese Stadt wird bereits in 1. Mose 10,10 im Zusammenhang mit dem Reich Nimrods erwähnt. Damit begegnet im Umfeld von Esra 4 möglicherweise ein Ortsname, der auch in sehr viel älteren biblischen Überlieferungen vorkommt. Eine solche Verbindung bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche späteren Bewohner dieser Region unmittelbar von den in 1. Mose genannten Personen abgeleitet werden könnten. Sie zeigt vielmehr, wie lange bestimmte Städte und Landschaften ihre geschichtliche Bedeutung bewahrten.
Besonders wichtig ist jedoch, dass der Text die aufgezählten Gruppen nicht nur durch ihre unterschiedlichen Namen beschreibt. In Vers 10 werden sie mit einer gemeinsamen Geschichte verbunden: Ihre Vorfahren beziehungsweise die betreffenden Bevölkerungsgruppen waren im Zusammenhang mit assyrischen Umsiedlungen in Samaria und weiteren Gebieten angesiedelt worden. Damit führt der Bericht den Leser noch einmal in die Zeit zurück, als das mächtige Assyrerreich weite Teile des Vorderen Orients beherrschte. Die damaligen Eroberungen hatten die Bevölkerungsverhältnisse dauerhaft verändert und damit einen Hintergrund geschaffen, der noch viele Generationen später von Bedeutung war.
Die Assyrer verfolgten bei ihren Eroberungen häufig eine Umsiedlungspolitik. Teile besiegter Bevölkerungen wurden aus ihrer Heimat fortgeführt und in andere Gebiete des Reiches gebracht. Zugleich konnten Menschen aus anderen eroberten Landschaften an ihrer Stelle angesiedelt werden. Solche Maßnahmen dienten unter anderem dazu, den Widerstand unterworfener Völker zu schwächen und die politische Kontrolle über wichtige Regionen zu sichern. Das Schicksal des Nordreiches Israel gehört in diesen Zusammenhang. Nach der Eroberung Samarias wurden Israeliten deportiert, während Menschen aus anderen Gebieten in den Städten Samarias angesiedelt wurden (2. Könige 17,6.24).
Diese Ereignisse erklären, weshalb die Nachbarn Judas eine andere geschichtliche Entwicklung durchlaufen hatten als die aus Babylon zurückgekehrten Juden. Die jüdischen Heimkehrer verstanden ihren Wiederaufbau als Fortsetzung der Geschichte Israels und als Erfüllung göttlicher Verheißungen. Die Bevölkerung Samarias bestand dagegen aus Menschen und Gemeinschaften, deren Geschichte unter anderem durch frühere assyrische Umsiedlungen und die Entwicklung des ehemaligen Nordreiches geprägt war. Daraus entstanden unterschiedliche religiöse Traditionen, politische Bindungen und Vorstellungen über die Stellung Jerusalems. Dennoch wäre es falsch, sämtliche Bewohner Samarias ausschließlich als Nachkommen fremder Einwanderer anzusehen. Auch Angehörige der früheren israelitischen Bevölkerung waren in der Region verblieben, und die Bevölkerungsverhältnisse entwickelten sich über einen langen Zeitraum weiter.
In Esra 4,10 wird eine Persönlichkeit ausdrücklich mit diesen Umsiedlungen verbunden: Asnappar, den der biblische Bericht als großen und berühmten Mann bezeichnet. Viele Ausleger identifizieren ihn mit dem assyrischen König Assurbanipal, der im siebten Jahrhundert vor Christus regierte. Assurbanipal war ein bedeutender Herrscher, unter dem das Assyrerreich noch einmal große Macht entfaltete. Er ist unter anderem durch seine Feldzüge und die umfangreichen Schriftbestände bekannt, die in Ninive gefunden wurden. Die Gleichsetzung mit Asnappar ist historisch gut nachvollziehbar und wird häufig vertreten, kann aber nicht als völlig zweifelsfrei erwiesen gelten.
Dabei fällt auf, dass in Vers 2 bereits ein anderer assyrischer König genannt wurde: Asarhaddon. Dieser war der Vater und Vorgänger Assurbanipals. Die beiden Namen müssen daher nicht zwangsläufig einen Widerspruch darstellen. Die Umsiedlungen erfolgten nicht nur in einem einzigen Jahr und müssen auch nicht von einem einzigen assyrischen Herrscher durchgeführt worden sein. Vielmehr handelte es sich um eine über längere Zeit ausgeübte Herrschaftspraxis. Es ist deshalb gut möglich, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zu verschiedenen Zeiten in die betreffende Region gelangten. Der Text liefert jedoch nicht genügend Einzelheiten, um jede einzelne Gruppe einem bestimmten assyrischen Umsiedlungsereignis zuzuordnen.
Die Bezeichnung Asnappars als groß und berühmt ist ebenfalls bemerkenswert. Der Bericht gibt hier eine ehrende Beschreibung einer Persönlichkeit wieder, deren Name offenbar als wichtiger geschichtlicher Bezugspunkt galt. Dadurch erhielt die Erwähnung der Umsiedlungen ein besonderes Gewicht. Die Absender des Briefes erschienen nicht einfach als zufällig zusammengekommene Bewohner einer Provinz, sondern als Angehörige von Gemeinschaften, deren Anwesenheit auf lange zurückliegende Vorgänge innerhalb großer Reiche zurückgeführt wurde. Damit konnten sie ihre geschichtliche Verwurzelung in der Region hervorheben.
Allerdings sollte aus dieser Formulierung nicht vorschnell geschlossen werden, der biblische Verfasser selbst wolle die assyrische Umsiedlungspolitik loben. Die Bezeichnung steht innerhalb der Vorstellung der Briefverfasser und ihrer Herkunftsgeschichte. Der Text berichtet, welchen geschichtlichen Hintergrund die beteiligten Gruppen für sich beanspruchten. Daraus folgt weder eine moralische Rechtfertigung der assyrischen Eroberungen noch eine göttliche Anerkennung aller späteren politischen Ansprüche dieser Gemeinschaften.
Vers 10 erweitert den geografischen Rahmen schließlich auf Samaria und die übrigen Gebiete diesseits des Euphrat. Der Euphrat war einer der großen Flüsse des Alten Orients und spielte sowohl geografisch als auch politisch eine bedeutende Rolle. In der persischen Verwaltung bezeichnete die Wendung „jenseits des Stromes“ gewöhnlich die westlich des Euphrat gelegenen Gebiete. Der Ausdruck wurde aus der Perspektive des persischen Reichszentrums verwendet. Aus der Sicht eines Menschen in Jerusalem lag dasselbe Gebiet dagegen auf der westlichen Seite des Flusses, weshalb deutsche Übersetzungen die räumliche Formulierung unterschiedlich wiedergeben können.
Diese geografische Angabe hilft, den politischen Hintergrund des Briefes richtig zu verstehen. Juda und Samaria waren keine unabhängigen Großmächte, sondern gehörten zu den westlichen Gebieten des Perserreiches. Der persische König musste sich deshalb nicht nur für die Stadt Jerusalem interessieren, sondern für die Stabilität eines größeren Verwaltungsraumes. Wenn Vertreter oder Bewohner dieser Region eine gemeinsame Beschwerde vorbrachten, konnten sie ihre Angelegenheit als Frage der Ordnung und Sicherheit innerhalb des Reiches darstellen. Damit erhielt ein örtlicher Konflikt eine Bedeutung, die weit über den eigentlichen Schauplatz hinausging.
Die Vielzahl der genannten Gruppen darf jedoch nicht zu einer unbegründeten Schlussfolgerung führen. Der Text beweist nicht, dass sämtliche Bewohner Samarias oder jeder Angehörige der aufgezählten Völker persönlich gegen Jerusalem eingestellt waren. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass Menschen einer bestimmten Herkunft grundsätzlich Gegner des Volkes Gottes waren. Die Liste beschreibt den Kreis, in dessen Namen die Anklage vorgebracht wurde. Sie ist keine allgemeine Verurteilung ganzer Völker oder ihrer Nachkommen.
Gerade diese Unterscheidung ist für die biblische Auslegung wesentlich. Bereits in den ersten Versen des Kapitels hatten wir gesehen, dass die Frage der Zusammenarbeit nicht auf ethnische Herkunft reduziert werden darf. Dasselbe gilt nun für die politische Gegnerschaft. Entscheidend ist nicht, welchem Volk ein Mensch angehörte, sondern welches Handeln und welche Absichten der Bericht tatsächlich beschreibt. Gott beurteilt Menschen nicht nach bloßer Abstammung, sondern gerecht nach ihrer Haltung und ihrem Tun. Die spätere Einladung des Propheten Jesaja, dass auch Fremde, die sich dem HERRN anschließen, an seinem Heil teilhaben dürfen (Jesaja 56,6–7), verdeutlicht diesen umfassenderen biblischen Grundsatz.
Damit wird zugleich sichtbar, weshalb die ursprüngliche Auseinandersetzung um den Tempelbau so weitreichende Folgen haben konnte. Die Gegner Jerusalems verfügten offenbar über Möglichkeiten, sich gemeinsam zu organisieren und politische Verbindungen zu nutzen. Sie konnten ihre Beschwerde nicht nur als persönliche Unzufriedenheit darstellen, sondern im Namen eines größeren Kreises von Beteiligten vorbringen. In einer Zeit, in der Entscheidungen des persischen Königs über die Entwicklung ganzer Städte und Provinzen bestimmen konnten, war dies ein wirksamer Weg, um Einfluss auf den Wiederaufbau Jerusalems zu nehmen.
Die eigentliche Anschuldigung wird allerdings erst in den folgenden Versen entfaltet. Bis hierher erfahren wir vor allem, wer das Schreiben verfasste, welche Gruppen daran beteiligt waren und in welchem geschichtlichen und politischen Umfeld sie handelten. Schon diese Einleitung lässt erkennen, dass die Gegner ihre Angelegenheit mit erheblichem Nachdruck verfolgten. Sie wollten nicht lediglich vor Ort protestieren, sondern die königliche Regierung dazu bewegen, gegen Jerusalem tätig zu werden.
Die anschließende Wiedergabe des Briefes wird zeigen, wie die Absender versuchten, ihr Anliegen zu begründen. Dabei werden sie nicht vor allem über unterschiedliche Gottesvorstellungen sprechen, sondern über Aufruhr, Steuerzahlungen und die Sicherheit des Perserreiches. Genau darin liegt der nächste entscheidende Schritt des Konflikts: Eine Auseinandersetzung um die Wiederherstellung Jerusalems wird als Gefahr für die politische Herrschaft dargestellt. Der Leser ist nun darauf vorbereitet, die Argumente dieses Schreibens aufmerksam zu prüfen und zwischen den Behauptungen der Gegner und dem tatsächlich belegten Sachverhalt zu unterscheiden.
Esra 4,11–16
Wie aus Jerusalems Wiederaufbau eine Bedrohung für das Perserreich gemacht wird
Der Brief an König Artasasta zeigt, wie geschickt die Gegner Jerusalems ihre Anschuldigungen formulierten. Was für die zurückgekehrten Juden die Wiederherstellung ihrer Heimat und ihres gemeinschaftlichen Lebens bedeutete, stellten die Verfasser des Schreibens als eine Gefahr für die Sicherheit und die wirtschaftlichen Interessen des Perserreiches dar. Dabei verbanden sie tatsächliche geschichtliche Ereignisse mit Vermutungen über die Zukunft. Ihr Ziel war es, den König davon zu überzeugen, dass ein weiteres Anwachsen Jerusalems nicht geduldet werden dürfe. Die folgenden Verse lassen erkennen, wie politische Argumente eingesetzt werden konnten, um die Entwicklung einer Stadt aufzuhalten, deren Wiederherstellung für das Volk Israel eine besondere Bedeutung besaß.
In Vers 11 beginnt die eigentliche Abschrift des Briefes. Die Absender wenden sich an Artasasta und bezeichnen sich als seine Knechte aus dem Gebiet diesseits des Euphrat. Diese Anrede entsprach der untergeordneten Stellung, die sie gegenüber dem persischen König einnahmen. Sie stellten sich nicht als unabhängige Machthaber dar, die eigene Forderungen erhoben, sondern als loyale Untertanen, die ihrem Herrscher eine wichtige Mitteilung zukommen lassen wollten. Bereits damit verliehen sie ihrem Schreiben einen amtlichen und respektvollen Charakter. Es sollte nicht wie ein persönlicher Streit wirken, sondern wie ein verantwortungsbewusster Bericht aus einer entfernten Provinz des Reiches.
Die geografische Bezeichnung „diesseits des Stromes“ bezieht sich auf die Gebiete westlich des Euphrat, die unter persischer Oberherrschaft standen. Aus der Sicht der persischen Verwaltung konnten diese Landschaften als das Gebiet jenseits des Stromes bezeichnet werden. Die unterschiedlichen räumlichen Ausdrücke erklären sich aus dem jeweiligen Standpunkt. Gemeint ist in diesem Zusammenhang ein größerer Verwaltungsraum, zu dem auch Juda und Samaria gehörten. Indem die Absender ihre Zugehörigkeit zu diesem Gebiet hervorhoben, stellten sie ihre Beschwerde von Anfang an in einen überregionalen politischen Zusammenhang.
In Vers 12 folgt die eigentliche Anschuldigung. Die Verfasser berichten dem König, dass Juden aus seinem Herrschaftsbereich nach Jerusalem gekommen seien und dort die Stadt wieder aufbauten. Dabei bezeichnen sie Jerusalem ausdrücklich als aufrührerisch und böse. Diese Worte sind von entscheidender Bedeutung, weil sie bereits vor jeder genaueren Beschreibung der Bauarbeiten ein negatives Urteil über die Stadt vermitteln. Der König soll Jerusalem nicht zunächst als zerstörte Heimat einer zurückgekehrten Bevölkerung wahrnehmen, sondern als einen Ort, von dem schon seinem Wesen nach Gefahr ausgehe.
Die Bezeichnung als aufrührerische Stadt berührt eine besonders empfindliche Frage der persischen Herrschaft. Ein Großreich, das zahlreiche Völker und Landschaften umfasste, war darauf angewiesen, dass seine Provinzen die königliche Autorität anerkannten. Aufstände konnten nicht nur einzelne Städte betreffen, sondern wichtige Verkehrswege, Steuereinnahmen und die Sicherheit benachbarter Gebiete gefährden. Der Vorwurf, Jerusalem neige zur Rebellion, war daher geeignet, die Aufmerksamkeit des Königs zu gewinnen. Die Gegner mussten nicht beweisen, dass bereits ein neuer Aufstand stattgefunden hatte. Es genügte für ihre Argumentation zunächst, den Wiederaufbau als Vorbereitung einer möglichen Rebellion erscheinen zu lassen.
Besonders auffällig ist die Formulierung, dass die Juden vom König zu den Bewohnern der Region gekommen seien. Die Absender stellen damit eine Verbindung zwischen der jüdischen Rückkehr und dem Herrschaftsbereich Artasastas her. Diese Aussage kann an eine Rückkehrbewegung erinnern, die unter königlicher Genehmigung stattgefunden hatte. Sie ist auch im Zusammenhang mit der später in Esra 7 beschriebenen Reise Esras von Interesse. Allerdings nennt der Brief Esra nicht ausdrücklich. Ebenso wenig erklärt er, dass gerade seine Reisegruppe die hier beanstandeten Bauarbeiten begonnen habe. Eine solche Verbindung ist im Rahmen der geschichtlichen Rekonstruktion möglich, darf aber nicht als unmittelbare Aussage des Verses ausgegeben werden.
Die eigentlichen Arbeiten betreffen nach Vers 12 die Stadt Jerusalem, ihre Mauern und ihre Fundamente. In der Schlachter-Bibel von 1951 wird beschrieben, dass die Juden die Mauern vollenden und die Grundfesten ausbessern wollen. Damit geht die Darstellung deutlich über die bloße Wiederaufnahme des Opferdienstes oder den Bau eines Tempelgebäudes hinaus. Es geht um die bauliche Wiederherstellung der Stadt und ihrer Befestigungen. Gerade dieser Unterschied hilft zu verstehen, weshalb der Brief nicht einfach mit dem früheren Widerstand gegen den Tempelbau gleichgesetzt werden darf.
Eine Stadtmauer hatte in der damaligen Welt eine wesentlich größere Bedeutung als eine gewöhnliche Grundstücksgrenze. Sie diente dem Schutz der Bewohner, erschwerte feindliche Angriffe und konnte einer Stadt auch ein höheres Maß an militärischer Selbstständigkeit verleihen. Tore ermöglichten es, den Zugang zu kontrollieren, während stabile Fundamente die dauerhafte Befestigung der Anlage gewährleisteten. Wenn Jerusalem wieder über wirksame Verteidigungsanlagen verfügte, veränderte sich damit seine Stellung innerhalb der Region. Das musste nicht zwangsläufig auf einen Aufstand hinweisen, konnte aber von politischen Gegnern als mögliches Sicherheitsrisiko dargestellt werden.
Bei der genauen Beschreibung der Bauarbeiten besteht eine sprachliche Schwierigkeit. Der aramäische Text verwendet Formulierungen, die gewöhnlich mit dem Vollenden der Mauern und dem Ausbessern der Fundamente wiedergegeben werden. Einzelne Übersetzungen verstehen die letzte Wendung anders und sprechen davon, dass Fundamente freigelegt oder untersucht würden. Auch die Frage, wie weit die Arbeiten nach dem Wortlaut bereits fortgeschritten waren, wird unterschiedlich beurteilt. Für die wesentliche Aussage ist jedoch entscheidend, dass die Gegner konkrete Arbeiten an der Stadt und ihren Befestigungen zum Anlass ihrer Beschwerde machten. Ob sämtliche Einzelheiten des Berichts zutrafen und wie weit die Bauarbeiten tatsächlich gediehen waren, lässt sich aus der Anklage allein nicht sicher feststellen.
In Vers 13 verändert sich die Argumentation. Die Verfasser sprechen nun nicht mehr hauptsächlich darüber, was die Juden angeblich tun, sondern darüber, was ihrer Meinung nach geschehen werde, wenn Jerusalem vollständig aufgebaut sei. Sie behaupten, die Bewohner würden dann keine Steuern, Zölle und Weggelder mehr entrichten. Dadurch werde das königliche Einkommen geschmälert. Mit dieser Behauptung verknüpfen sie den Wiederaufbau unmittelbar mit den wirtschaftlichen Interessen des Herrschers.
Die verschiedenen Abgaben waren für ein großes Reich von erheblicher Bedeutung. Steuern konnten zur Finanzierung der Verwaltung, der militärischen Organisation und anderer königlicher Aufgaben dienen. Zölle und Wegegelder standen unter anderem mit Handel, Transport und der Nutzung bestimmter Verkehrswege in Verbindung. Für den persischen König war die regelmäßige Erhebung solcher Einnahmen ein wichtiger Bestandteil seiner Herrschaft. Die Gegner Jerusalems wussten offenbar, dass ein möglicher Verlust dieser Gelder ein überzeugendes Argument gegen die Wiederherstellung einer befestigten Stadt sein konnte.
Entscheidend ist jedoch die sprachliche Form ihrer Behauptung. Der Brief beschreibt keinen bereits eingetretenen Steuerboykott. Er stellt vielmehr eine Vorhersage auf: Wenn Jerusalem aufgebaut und seine Mauern vollendet würden, dann würden die Juden ihre Abgaben verweigern. Die Verfasser behaupten also einen zukünftigen Zusammenhang zwischen der Befestigung der Stadt und einer möglichen Auflehnung gegen die persische Finanzverwaltung. Dass die jüdischen Bewohner tatsächlich eine solche Absicht verfolgten, wird an dieser Stelle nicht bewiesen.
Hier lässt sich die Vorgehensweise der Gegner besonders deutlich erkennen. Ein an sich erklärbarer Vorgang, nämlich der Wiederaufbau einer zerstörten Stadt, wird mit einer Befürchtung verbunden, die aus der Sicht des Königs schwerwiegende Folgen hätte. Die Absender stellen die mögliche Entwicklung so dar, als sei die spätere Rebellion bereits die natürliche Folge des gegenwärtigen Bauvorhabens. Dabei bleibt der entscheidende Schritt ihrer Argumentation unbelegt: Aus der Errichtung einer Stadtmauer folgt nicht zwangsläufig die Absicht, keine Steuern mehr zu bezahlen oder sich von der bestehenden Regierung loszusagen.
In Vers 14 bemühen sich die Verfasser anschließend darum, ihre eigene Glaubwürdigkeit zu stärken. Sie erklären, dass sie das Salz des Palastes essen und deshalb einen Schaden des Königs nicht tatenlos ansehen könnten. Diese ungewöhnliche Formulierung erschließt sich aus dem damaligen Sprachgebrauch. Wer das Salz eines Herrschers oder seines Hauses aß, stand bildhaft in dessen Versorgung und Verpflichtung. Die Wendung konnte ausdrücken, dass jemand vom königlichen Hof unterhalten wurde, in dessen Dienst stand oder ihm aufgrund empfangener Unterstützung Treue schuldete.
Der Brief verwendet diese Vorstellung, um die Absender als besonders zuverlässige Diener des Königs erscheinen zu lassen. Sie behaupten sinngemäß, dass ihre Stellung sie dazu verpflichte, den Herrscher vor Schaden zu bewahren. Damit erhält ihre Beschwerde den Anschein einer selbstlosen Warnung. Die Verfasser wollen nicht wie Menschen wirken, die ihre örtlichen Interessen gegen Jerusalem durchsetzen möchten, sondern wie verantwortungsbewusste Untertanen, denen das Wohl ihres Königs am Herzen liegt.
Die Wendung vom Salz des Palastes sollte allerdings nicht ohne Weiteres mit den biblischen Aussagen über den Salzbund gleichgesetzt werden. In 3. Mose 2,13 steht Salz im Zusammenhang mit den Opfergaben und dem Bund Gottes. Hier dagegen dient der Ausdruck im unmittelbaren Zusammenhang dazu, ein Verhältnis von Versorgung, Verpflichtung und Loyalität gegenüber dem persischen Herrscher auszudrücken. Die bloße Gemeinsamkeit des Wortes Salz genügt nicht, um beide Stellen zu einer einheitlichen religiösen Symbolik zu verbinden.
Die Absender gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie erklären, es sei ihnen nicht angemessen, die Schädigung beziehungsweise Entehrung des Königs mitanzusehen. Damit sprechen sie nicht mehr nur seine finanziellen Interessen an, sondern auch seine persönliche Würde als Herrscher. Der mögliche Wiederaufbau Jerusalems erscheint nun als etwas, das die königliche Macht nicht nur wirtschaftlich beeinträchtigen, sondern auch öffentlich herabsetzen könnte. Die Verfasser verbinden ihre Warnung dadurch mit zwei empfindlichen Bereichen monarchischer Herrschaft: den Einnahmen des Reiches und dem Ansehen des Königs.
Bemerkenswert ist, dass die Absender ihre eigene Rolle ausschließlich positiv darstellen. Sie beschreiben sich als treue Diener, die frühzeitig vor einem drohenden Schaden warnen. Die vorherigen Verse des Kapitels zeigen jedoch, dass der Widerstand gegen Jerusalem bereits eine längere Geschichte hatte. Daher ist es naheliegend, das Schreiben auch im Zusammenhang dieser Gegnerschaft zu verstehen. Trotzdem können wir nicht mit Sicherheit beurteilen, welche persönlichen Motive jeder einzelne Beteiligte hatte. Der Text zeigt ihre politische Argumentation und den feindlichen Zusammenhang, in dem sie vorgebracht wurde. Er erlaubt uns aber nicht, sämtliche inneren Beweggründe der Verfasser vollständig zu kennen.
In Vers 15 versuchen die Gegner, ihre Vorwürfe durch einen Hinweis auf geschichtliche Aufzeichnungen zu untermauern. Sie fordern den König auf, in den Büchern der Denkwürdigkeiten seiner Vorgänger nachforschen zu lassen. Dort werde er feststellen, dass Jerusalem schon früher eine aufrührerische Stadt gewesen sei, die Königen und Verwaltungsgebieten Schwierigkeiten bereitet habe. Damit erheben die Absender ihre Behauptung über eine bloße persönliche Meinung hinaus. Sie berufen sich auf die Vergangenheit und laden den König ein, diese durch die vorhandenen Archive bestätigen zu lassen.
Solche Aufzeichnungen waren in einem weitläufigen Verwaltungsreich von besonderem Wert. Frühere königliche Entscheidungen, politische Ereignisse und wichtige Verwaltungsangelegenheiten konnten schriftlich festgehalten werden. Dass Archive im Buch Esra eine bedeutsame Rolle spielen, zeigt später auch Esra 6,1–2. Dort lässt Darius nach dem früheren Erlass des Kyrus suchen, und eine entsprechende Aufzeichnung wird gefunden. Schriftliche Dokumente konnten somit für politische Entscheidungen erhebliche Bedeutung besitzen.
Gerade deshalb war die Forderung der Gegner geschickt. Sie versuchten nicht ausschließlich, den König durch unbelegte Behauptungen zu beeinflussen, sondern wiesen auf Aufzeichnungen hin, die ihrer Darstellung scheinbar eine objektive Grundlage geben konnten. Der Hinweis auf geschichtliche Dokumente machte den Vorwurf zunächst überprüfbar. Allerdings ist auch hier eine wichtige Unterscheidung erforderlich: Dass Jerusalem in der Vergangenheit Schauplatz von Aufständen gewesen war, bedeutete nicht automatisch, dass seine gegenwärtigen Bewohner erneut einen Aufstand vorbereiteten.
Tatsächlich berichtet die Bibel von Ereignissen, auf die sich eine solche Anschuldigung beziehen konnte. Unter König Jojakim geriet Juda in Abhängigkeit vom babylonischen Herrscher Nebukadnezar. Nach 2. Könige 24,1 lehnte sich Jojakim später gegen ihn auf. Auch unter König Zedekia kam es zum Aufstand gegen die babylonische Herrschaft (2. Könige 24,20). Diese Entwicklung führte schließlich zur Belagerung Jerusalems, zur Zerstörung der Stadt und zur Verwüstung des Tempels durch die Babylonier (2. Könige 25,1–10).
Der Hinweis auf frühere Rebellionen war somit nicht völlig ohne geschichtlichen Hintergrund. Die Stadt hatte tatsächlich schwere politische Konflikte erlebt, und ihre Zerstörung stand im Zusammenhang mit dem Widerstand der letzten judäischen Könige gegen Babylon. Doch die Verfasser des Briefes verwenden diese Vergangenheit in einer einseitigen Weise. Sie behandeln die frühere Geschichte Jerusalems so, als bestimme sie zwangsläufig auch das Verhalten der zurückgekehrten Juden. Zwischen dem damaligen Aufstand gegen Babylon und den späteren Bauarbeiten unter persischer Oberherrschaft lagen jedoch unterschiedliche Herrschaftsverhältnisse und viele Jahrzehnte.
Außerdem fehlte in der Darstellung der Gegner ein wesentlicher Teil der biblischen Geschichte. Die Rückkehr der Juden und der Wiederaufbau des Tempels waren unter persischer Genehmigung möglich geworden. König Kyrus selbst hatte die Wiederherstellung des Hauses Gottes in Jerusalem gestattet (Esra 1,1–4). Die jüdische Gemeinschaft war daher nicht grundsätzlich durch eine feindliche Haltung gegenüber persischer Herrschaft entstanden. Ihre Rückkehr gehörte vielmehr zu einer Entwicklung, die durch Entscheidungen persischer Könige ermöglicht worden war.
Damit zeigt sich ein verbreitetes Problem politischer Anschuldigungen. Geschichtliche Tatsachen können richtig sein und dennoch in einer irreführenden Argumentation verwendet werden. Wer nur solche Ereignisse auswählt, die ein bestimmtes Urteil unterstützen, kann beim Empfänger ein verzerrtes Bild entstehen lassen. Die Gegner Jerusalems erinnerten an frühere Aufstände, verschwiegen in ihrer Darstellung aber die besondere Situation der Heimkehrer und die königliche Genehmigung, unter der wesentliche Teile der Wiederherstellung begonnen hatten.
Die Aussage, Jerusalem sei wegen seiner Auflehnung zerstört worden, besitzt zudem aus biblischer Sicht eine tiefere geschichtliche Dimension. Die prophetischen Bücher erklären die Katastrophe Judas nicht ausschließlich durch politische Fehlentscheidungen. Immer wieder hatten die Propheten das Volk wegen Ungerechtigkeit, Götzendienst und Missachtung des Bundes mit Gott gewarnt. Jeremia machte deutlich, dass die Zerstörung Jerusalems auch als Gericht über die anhaltende Untreue des Volkes verstanden werden musste (Jeremia 25,4–11). Damit nimmt die Bibel die Verantwortung der früheren Bewohner ernst. Sie erklärt aber nicht, dass nachfolgende Generationen deshalb für immer unter demselben Urteil stehen müssten.
Gerade der Wiederaufbau Jerusalems zeigt, dass Gottes Gericht nicht sein letztes Wort über das Volk bleiben sollte. Bereits durch Jeremia hatte Gott die Rückkehr aus der Gefangenschaft angekündigt (Jeremia 29,10–14). Die Geschichte der Heimkehrer steht deshalb im Zusammenhang einer verheißenen Wiederherstellung. Die Gegner dagegen verwenden die frühere Zerstörung ausschließlich als Begründung dafür, dass Jerusalem auch künftig nicht wieder zu einer starken Stadt werden dürfe. So treffen in dem Brief zwei unterschiedliche Sichtweisen aufeinander: Die Vergangenheit wird entweder als dauerhafte Belastung betrachtet oder als Teil einer Geschichte, in der nach Gericht und Verlust auch ein neuer Anfang möglich ist.
In Vers 16 erreicht die Argumentation ihren Höhepunkt. Die Absender erklären dem König, dass ihm kein Teil des Gebietes diesseits des Euphrat mehr bleiben werde, wenn Jerusalem aufgebaut und seine Mauern vollendet würden. Diese Behauptung geht erheblich über die zuvor befürchteten Steuerausfälle hinaus. Nun steht nicht mehr nur die wirtschaftliche Schädigung des Reiches im Raum, sondern der mögliche Verlust eines ausgedehnten Herrschaftsgebietes. Aus dem Wiederaufbau einer einzelnen Stadt wird in der Darstellung der Gegner eine Gefahr für die gesamte westliche Reichsverwaltung.
Gerade diese Steigerung lässt erkennen, wie eindringlich der Brief gestaltet ist. Zunächst wird Jerusalem als gefährliche Stadt bezeichnet. Anschließend wird behauptet, seine Befestigung werde zur Verweigerung von Steuern führen. Darauf folgen die Berufung auf die Loyalität der Absender und der Hinweis auf frühere Aufstände. Am Ende steht die Warnung vor einem umfassenden politischen Machtverlust. Die Verfasser führen den König Schritt für Schritt zu dem Eindruck, dass ein sofortiges Eingreifen notwendig sei, um größeren Schaden abzuwenden.
Die letzte Behauptung ist jedoch deutlich überzogen. Esra 4 liefert keinen Beweis dafür, dass der Wiederaufbau Jerusalems tatsächlich die gesamte persische Herrschaft westlich des Euphrat bedrohte. Die jüdische Gemeinschaft verfügte weder über die Macht noch über die politischen Voraussetzungen, die allein aus einer befestigten Stadt eine solche Entwicklung zwingend erwarten ließen. Der Brief beschreibt deshalb vor allem, wie die Gegner die möglichen Folgen des Wiederaufbaus darstellten. Ihre Vorhersage darf nicht mit einer objektiv feststehenden Zukunft verwechselt werden.
An diesem Punkt wird auch die Bedeutung der Stadtmauern erneut verständlich. Eine befestigte Stadt konnte aus der Sicht ihrer Bewohner Schutz und Sicherheit bedeuten. Aus der Sicht politischer Gegner ließ sich dieselbe Befestigung dagegen als Vorbereitung einer Rebellion darstellen. Der bauliche Vorgang blieb derselbe, doch seine Bewertung hing davon ab, welche Absichten man den Bauenden zuschrieb. Genau diese unterschiedliche Wahrnehmung nutzten die Absender, um den König gegen Jerusalem einzunehmen.
Im größeren Zusammenhang der Bücher Esra und Nehemia ist dieser Konflikt besonders aufschlussreich. Nehemia wird später von zerstörten Mauern und verbrannten Stadttoren erfahren (Nehemia 1,3). Er wird den persischen König selbst um die Möglichkeit bitten, nach Jerusalem zurückzukehren und die Stadt wieder aufzubauen (Nehemia 2,5–8). Diese spätere Entwicklung zeigt, dass die Wiederherstellung Jerusalems unter persischer Herrschaft über längere Zeit hinweg eine schwierige Angelegenheit blieb. Esra 4 berichtet von einem Bauversuch, gegen den königliche Maßnahmen erwirkt wurden. Nehemia schildert eine weitere Phase, in der die Wiederherstellung der Mauern erneut aufgenommen wurde. Der Text sagt jedoch nicht ausdrücklich, dass der in Esra 4 erwähnte Bauversuch unmittelbar aus dem Erlass von Esra 7 hervorging.
Für die Auslegung ist entscheidend, dass der Brief nicht als neutrale Beschreibung aller Vorgänge in Jerusalem gelesen werden darf. Er gibt die Sichtweise der Gegner wieder. Einige ihrer Aussagen hatten einen geschichtlichen Hintergrund, andere waren Befürchtungen oder weitreichende Schlussfolgerungen über eine mögliche Zukunft. Die Verfasser verstanden es, diese verschiedenen Elemente so miteinander zu verbinden, dass ihre Beschwerde politisch überzeugend wirken konnte.
Darin liegt eine ernste Warnung, die auch für das Verständnis menschlicher Entscheidungen von Bedeutung ist. Eine Aussage wird nicht allein dadurch zuverlässig, dass sie in einer amtlichen Form vorgetragen wird, geschichtliche Ereignisse erwähnt oder sich auf wirtschaftliche Interessen beruft. Entscheidend bleibt, ob die vorgebrachten Schlussfolgerungen tatsächlich durch die berichteten Tatsachen getragen werden. Gerade die Verbindung von berechtigter Sorge und unbegründeter Verdächtigung kann eine besonders wirksame Form der Irreführung sein.
Die Verfasser des Briefes hatten nun alles vorgebracht, was ihrer Ansicht nach geeignet war, den persischen König zum Eingreifen zu bewegen. Sie hatten Jerusalem als gefährlich bezeichnet, vor Steuerausfällen gewarnt, ihre eigene Loyalität betont, auf historische Aufzeichnungen verwiesen und schließlich einen umfassenden Machtverlust vorausgesagt. Ob Artasasta diese Argumentation übernehmen würde, war damit noch nicht entschieden. Erst seine Antwort konnte zeigen, welche Folgen das Schreiben für die Bauarbeiten in Jerusalem haben würde.
Der nächste Abschnitt führt deshalb unmittelbar zur Reaktion des Königs. Dort wird deutlich, dass die Gegner mit ihrer politischen Vorgehensweise tatsächlich Einfluss gewinnen konnten und wie aus einer schriftlichen Anschuldigung ein königlicher Befehl wurde.
Esra 4,17–22
Der König antwortet: Weshalb die Bauarbeiten untersagt werden
Die Beschwerde gegen Jerusalem blieb nicht unbeachtet. Nachdem die Gegner ihre Anschuldigungen vorgebracht und den Wiederaufbau der Stadt als Gefahr für die Sicherheit des Perserreiches dargestellt hatten, erhielten sie eine Antwort des Königs. Damit erreichte der Konflikt eine neue Stufe. Bisher hatten die Gegner versucht, die königliche Regierung gegen Jerusalem einzunehmen. Nun zeigte sich, dass ihre Bemühungen tatsächlich politische Folgen hatten. Eine Entscheidung, die weit entfernt von Jerusalem am persischen Königshof getroffen wurde, sollte unmittelbar darüber bestimmen, ob die Bewohner der Stadt ihre begonnenen Arbeiten fortsetzen durften.
In Vers 17 richtet König Artasasta seine Antwort an Rehum, den führenden Verwaltungsbeamten, an Simsai, den Schreiber, und an ihre übrigen Genossen in Samaria und den anderen Gebieten diesseits des Euphrat. Damit wendet sich der König ausdrücklich an diejenigen, die das Schreiben verfasst beziehungsweise unterstützt hatten. Die Antwort ist nicht an die jüdischen Bauleute gerichtet, sondern an ihre Gegner und die beteiligten örtlichen Autoritäten. Das ist bedeutsam, weil diesen Männern dadurch die Aufgabe zufiel, die königliche Entscheidung in der betroffenen Region umzusetzen. Aus einer Beschwerde, die von politischen Gegnern eingereicht worden war, wurde auf diese Weise eine Angelegenheit der staatlichen Verwaltung.
Die Antwort beginnt mit dem damals üblichen Friedensgruß. In der Schlachter-Bibel von 1951 steht die kurze Formulierung „Frieden! und so weiter“. Dieser Gruß gehörte zur förmlichen Gestaltung des Schreibens und sollte nicht als persönliche Zusicherung besonderer Zuneigung verstanden werden. Solche Wendungen erfüllten im amtlichen Schriftverkehr eine ähnliche Funktion wie die höflichen Anreden und Grußformeln späterer Briefe. Zugleich macht die knappe Wiedergabe deutlich, dass der biblische Bericht nicht jede Einzelheit der ursprünglichen Korrespondenz vollständig ausschreibt. Er konzentriert sich auf die Aussagen, die für den weiteren Verlauf der Geschichte entscheidend sind.
In Vers 18 bestätigt Artasasta zunächst den Eingang des Briefes. Das Schreiben sei ihm deutlich vorgelesen worden. Hinter dieser kurzen Bemerkung verbirgt sich ein wichtiger Vorgang innerhalb der persischen Verwaltung. Die Beschwerde aus einer entfernten Provinz war nicht einfach unbeachtet geblieben, sondern hatte den königlichen Hof erreicht und war dem Herrscher zur Kenntnis gebracht worden. Die Gegner Jerusalems konnten damit etwas erreichen, das für ihre Absichten von großer Bedeutung war: Ihre Darstellung der Ereignisse gelangte bis zu der Person, deren Entscheidung über die Bauarbeiten maßgeblich bestimmen konnte.
Die genaue Bedeutung der aramäischen Formulierung in Vers 18 verdient Beachtung. Die Schlachter-Bibel spricht davon, dass der Brief deutlich vorgelesen wurde. Einige andere Übersetzungen verstehen die Aussage so, dass das Schreiben übersetzt und anschließend dem König vorgelesen wurde. Beide Wiedergaben hängen mit dem Bedeutungsbereich des verwendeten Ausdrucks zusammen, der ein verständliches oder erklärendes Vorlesen bezeichnen kann. Welche sprachlichen Arbeitsschritte am persischen Hof tatsächlich vorgenommen wurden, lässt sich daraus nicht vollständig rekonstruieren. Sicher ist jedoch, dass die Botschaft des Schreibens dem König in verständlicher Form vorgetragen wurde.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Dass der König die Beschwerde anhörte, bedeutet noch nicht, dass er sämtliche Behauptungen ihrer Verfasser ungeprüft für wahr hielt. Zunächst berichtet er lediglich, dass ihm das Schreiben vorgelegt wurde. Erst die folgenden Verse zeigen, auf welcher Grundlage er seine Entscheidung traf. Gerade dieser Unterschied zwischen einer eingegangenen Anschuldigung, ihrer Untersuchung und dem daraus folgenden Urteil ist für ein gerechtes Verständnis der Geschichte wichtig.
In Vers 19 erklärt Artasasta, dass er selbst eine Untersuchung angeordnet habe. Auf seinen Befehl hin wurde nachgeforscht, und die Nachforschungen ergaben, dass Jerusalem in früheren Zeiten tatsächlich gegen Könige rebelliert hatte. Die Untersuchung bestätigte damit einen wesentlichen geschichtlichen Bestandteil der Anschuldigungen. Die Gegner hatten behauptet, Jerusalem besitze eine Vergangenheit voller Aufstände. Der König ließ offenbar vorhandene Aufzeichnungen überprüfen und fand Hinweise, die diese Darstellung stützten.
Das ist ein bemerkenswerter Punkt, weil die Gegner Jerusalems ihre Anklage nicht ausschließlich auf erfundene Ereignisse gestützt hatten. Wie bereits die biblischen Geschichtsbücher berichten, hatten sich judäische Könige tatsächlich gegen fremde Herrscher aufgelehnt. In 2. Könige 24,1 wird der Aufstand Jojakims gegen Nebukadnezar erwähnt. Später widersetzte sich auch Zedekia der babylonischen Oberherrschaft (2. Könige 24,20). Die Folgen waren schwerwiegend: Jerusalem wurde belagert, seine Befestigungen wurden zerstört, und der Tempel ging in Flammen auf. Die Stadt besaß somit eine politische Vergangenheit, die aus der Sicht fremder Großmächte durchaus Anlass zu Misstrauen geben konnte.
Doch gerade hier entsteht die entscheidende Frage: Was bewiesen diese geschichtlichen Aufzeichnungen tatsächlich? Sie konnten bestätigen, dass Jerusalem früher Schauplatz von Rebellionen gewesen war. Sie bewiesen jedoch nicht, dass die Menschen, die nun an seinem Wiederaufbau arbeiteten, ebenfalls einen Aufstand planten. Zwischen beiden Aussagen liegt ein wesentlicher Unterschied. Die Vergangenheit einer Stadt kann helfen, ihre politische Bedeutung zu verstehen. Sie kann aber nicht ohne Weiteres als Beweis für die Absichten ihrer gegenwärtigen Bewohner dienen.
Die königliche Antwort macht deutlich, dass die Untersuchung vor allem auf die Geschichte Jerusalems gerichtet war. Es wird nicht berichtet, dass Artasasta die jüdischen Bauleute persönlich anhören ließ oder ihre gegenwärtigen Absichten unabhängig überprüfte. Ebenso wenig erfahren wir, dass der König nachforschen ließ, welche früheren königlichen Genehmigungen im Einzelnen für die Wiederherstellung Jerusalems vorlagen. Aus dem Schweigen des Textes darf zwar nicht geschlossen werden, dass solche Untersuchungen auf keinen Fall stattgefunden hätten. Doch der erhaltene Bericht nennt sie nicht. Deshalb sollte die königliche Entscheidung nicht als Ergebnis einer nachweislich vollständigen und ausgewogenen Untersuchung sämtlicher Beteiligten dargestellt werden.
Artasasta übernahm offenbar die Schlussfolgerung, dass die früheren Rebellionen Jerusalems für die Beurteilung der aktuellen Bauarbeiten von Bedeutung seien. Das war aus seiner politischen Perspektive nachvollziehbar. Ein König, der über ein weitläufiges Reich herrschte, musste mögliche Gefahren für seine Autorität ernst nehmen. Eine Stadt mit einer Geschichte des Widerstands konnte besondere Aufmerksamkeit erregen, wenn sie erneut befestigt wurde. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob die damaligen Bauarbeiten tatsächlich eine solche Gefahr darstellten. Der biblische Bericht liefert keinen Beweis dafür, dass die Bewohner Jerusalems ihre Wiederaufbauarbeiten als Vorbereitung eines Aufstands verstanden.
In Vers 20 erwähnt der König einen weiteren geschichtlichen Befund. Über Jerusalem hätten einst mächtige Könige geherrscht, deren Macht sich über große Gebiete jenseits des Euphrat erstreckt habe. Diese Herrscher hätten Steuern, Zölle und Weggelder erhalten. Damit greift Artasasta einen zweiten Gesichtspunkt auf, der für seine Entscheidung von erheblicher Bedeutung war: Jerusalem war nicht nur eine Stadt mit einer Geschichte der Rebellion, sondern hatte in früheren Zeiten auch den Mittelpunkt eines bedeutenden Königreiches gebildet.
Diese Aussage lässt sich besonders mit der Regierungszeit Davids und Salomos verbinden. Unter David gewann Israel eine weitreichende politische und militärische Stellung. Nach 2. Samuel 8,3–6 führte David erfolgreiche Feldzüge gegen Hadadeser und unterwarf weitere Gebiete. Der Bericht erwähnt auch, dass unterworfene Völker ihm Abgaben entrichteten. Unter Salomo beschreibt 1. Könige 5,1 nach der deutschen Kapitelzählung, entsprechend 1. Könige 4,21 in anderen Ausgaben, ein ausgedehntes Herrschaftsgebiet mit tributpflichtigen Königen. Jerusalem war damals die Hauptstadt eines Reiches, dessen Einfluss weit über das unmittelbare Gebiet Judas hinausreichte.
Dabei ist wichtig, die biblische Beschreibung nicht vorschnell mit den Grenzen eines modernen Nationalstaates gleichzusetzen. Die Herrschaft antiker Könige konnte unterschiedliche Formen besitzen. Manche Gebiete standen unter unmittelbarer Kontrolle, während andere durch abhängige Könige oder tributpflichtige Herrscher mit dem übergeordneten Reich verbunden waren. Dass David und Salomo über weite Gebiete Einfluss ausübten, bedeutet deshalb nicht, dass alle genannten Landschaften auf dieselbe Weise verwaltet wurden. Für die Aussage in Esra 4,20 ist jedoch entscheidend, dass Jerusalem in der Vergangenheit ein politisches Zentrum mit erheblicher Macht gewesen war.
Die Nachforschungen des persischen Königs hatten damit zwei unterschiedliche geschichtliche Tatsachen zutage gefördert. Einerseits hatte Jerusalem wiederholt gegen fremde Herrscher rebelliert. Andererseits hatten seine eigenen Könige früher eine weitreichende politische Stellung besessen. Zusammengenommen konnten diese Informationen die Befürchtung verstärken, dass eine erneute Befestigung der Stadt langfristig zur Wiedergewinnung größerer Selbstständigkeit führen könnte.
An dieser Stelle zeigt sich, weshalb die Anschuldigungen der Gegner so wirkungsvoll waren. Sie hatten nicht einfach behauptet, die Juden würden Steuern verweigern, sondern zugleich die frühere politische Bedeutung Jerusalems in Erinnerung gerufen. Die königliche Untersuchung bestätigte nun, dass Jerusalem tatsächlich einmal eine mächtige Hauptstadt gewesen war. Damit erhielt die Warnung vor einem möglichen Wiedererstarken der Stadt aus der Sicht Artasastas ein gewisses geschichtliches Gewicht.
Dennoch bleibt auch hier eine wichtige Grenze bestehen. Aus der früheren Macht Davids und Salomos folgt nicht, dass die Heimkehrer unter persischer Herrschaft ein neues Großreich errichten wollten. Die Wiederherstellung einer bewohnbaren Stadt, die Sicherung ihrer Mauern und die Wiederaufnahme eines geordneten gemeinschaftlichen Lebens waren nicht zwangsläufig Ausdruck imperialer Bestrebungen. Die königliche Antwort zeigt vielmehr, wie die Vergangenheit Jerusalems als möglicher Hinweis auf künftige Gefahren verstanden wurde. Ob diese Einschätzung der tatsächlichen Absicht der Bauleute entsprach, wird nicht nachgewiesen.
In Vers 21 folgt schließlich die Entscheidung des Königs. Artasasta ordnet an, dass den Männern in Jerusalem Einhalt geboten werden soll. Die Stadt darf nicht weiter aufgebaut werden, bis ein neuer Befehl von ihm ergeht. Damit wird aus der politischen Befürchtung eine verbindliche staatliche Maßnahme. Der Wiederaufbau soll nicht länger allein durch örtliche Gegner behindert werden. Vielmehr erhalten diese nun die Möglichkeit, sich bei ihrem Vorgehen auf eine ausdrückliche königliche Anordnung zu berufen.
Die Bedeutung dieses Befehls darf nicht unterschätzt werden. Die jüdischen Bewohner Jerusalems lebten innerhalb des Perserreiches und waren der königlichen Herrschaft unterstellt. Eine Anordnung des Königs konnte daher nicht einfach ignoriert werden, ohne schwerwiegende Folgen zu riskieren. Selbst wenn die Bauleute überzeugt waren, dass ihre Arbeit gerechtfertigt war, standen sie nun vor einem ernsten Konflikt zwischen ihrem Wiederaufbauvorhaben und einer Entscheidung der staatlichen Obrigkeit.
Besonders aufschlussreich ist jedoch die genaue Begrenzung des königlichen Verbotes. Artasasta erklärt nicht, Jerusalem dürfe niemals wieder aufgebaut werden. Er ordnet an, dass die Arbeiten eingestellt werden sollen, bis ein weiterer Befehl von ihm ergeht. Die Möglichkeit einer späteren Änderung ist damit ausdrücklich im Schreiben enthalten. Der König untersagt den gegenwärtigen Wiederaufbau, schließt aber eine zukünftige Genehmigung nicht grundsätzlich aus.
Diese Einzelheit ist für die weitere biblische Geschichte von großer Bedeutung. Im Buch Nehemia begegnet uns später ebenfalls ein persischer König namens Artasasta, den die historisch überwiegende Auslegung mit Artaxerxes I. identifiziert. Nehemia berichtet, dass er im zwanzigsten Regierungsjahr dieses Königs um Erlaubnis bat, nach Jerusalem zu reisen und die Stadt wieder aufzubauen. Er erhielt die Genehmigung sowie königliche Schreiben, die seine Reise und die Beschaffung von Baumaterial unterstützen sollten (Nehemia 2,1–8).
Dadurch entsteht ein bemerkenswerter Zusammenhang. Während Esra 4,21 von einem königlichen Verbot des Stadtbaus berichtet, schildert Nehemia 2 später eine königliche Genehmigung für entsprechende Arbeiten. Unter der üblichen historischen Einordnung können beide Vorgänge zur Regierungszeit Artaxerxes' I. gehören. Das würde gut dazu passen, dass der frühere Baustopp ausdrücklich bis zu einer neuen Entscheidung gelten sollte.
Allerdings nennt der Bericht in Nehemia 2 das frühere Verbot aus Esra 4 nicht ausdrücklich. Wir dürfen deshalb nicht behaupten, dass Nehemia dem König gerade dieses Schreiben vorlegte oder dass seine Genehmigung nachweislich als formelle Aufhebung desselben Erlasses formuliert wurde. Der Zusammenhang ist historisch gut nachvollziehbar, aber die genaue rechtliche Verbindung zwischen beiden Vorgängen wird im Bibeltext nicht erläutert.
Auch der Umfang des königlichen Verbots muss sorgfältig bestimmt werden. In den Versen 12–16 ging es ausdrücklich um den Wiederaufbau Jerusalems als Stadt und um seine Mauern. Folglich richtet sich die Entscheidung in Vers 21 gegen die entsprechenden Bauarbeiten. Es wäre daher falsch, aus dieser Anordnung ohne Weiteres ein Verbot des gesamten jüdischen Gottesdienstes oder der Opfer im bereits wiederhergestellten Tempel abzuleiten. Unter der historisch besser begründeten Einordnung gehört dieses Schreiben in die Zeit nach der Vollendung des zweiten Tempels unter Darius. Der Gegensatz zwischen Tempelbau und Stadtbau ist für das Verständnis des Kapitels wesentlich.
Ebenso wenig sagt der König, die Juden müssten Jerusalem vollständig verlassen oder dürften dort nicht mehr wohnen. Die Anordnung betrifft das weitere Bauen der Stadt. Das bedeutet nicht, dass die Folgen für das Leben der Bewohner gering gewesen wären. Eine unzureichend befestigte Stadt war gefährdet, und die Einschränkung ihrer baulichen Entwicklung konnte ihre Sicherheit, ihren wirtschaftlichen Handlungsspielraum und ihre politische Stellung erheblich beeinträchtigen. Doch der Text gibt keinen Anlass, über den ausgesprochenen Befehl hinaus weitere Verbote zu erfinden.
In Vers 22 verschärft Artasasta seine Anordnung durch eine ausdrückliche Warnung an die zuständigen Beamten. Sie sollen darauf achten, dass es bei der Umsetzung des Befehls nicht zu Nachlässigkeit kommt. Der König verlangt also nicht nur eine formelle Bekanntgabe seiner Entscheidung, sondern deren zuverlässige Durchführung. Seine Worte machen deutlich, dass er die Angelegenheit als wichtig ansah und eine Verzögerung oder unzureichende Umsetzung verhindern wollte.
Hier zeigt sich noch einmal die Wirkung des ursprünglichen Beschwerdeschreibens. Die Gegner hatten behauptet, der Wiederaufbau Jerusalems werde den Interessen des persischen Königtums schweren Schaden zufügen. In seiner Antwort greift Artasasta genau diese Sorge auf. Er fragt sinngemäß, weshalb man zulassen solle, dass der Schaden zum Nachteil der Könige größer werde. Damit macht er die Verhinderung eines möglichen politischen oder wirtschaftlichen Verlustes zum entscheidenden Grund für sein Einschreiten.
Die Formulierung über den Schaden der Könige ist bemerkenswert. Artasasta spricht nicht nur von einem persönlichen Nachteil, sondern von einer Gefährdung königlicher Interessen. Die Sicherheit und die Einnahmen des Reiches erscheinen damit als übergeordnete Gesichtspunkte seiner Entscheidung. Das entspricht der Perspektive eines Herrschers, dessen Verantwortung vor allem in der Aufrechterhaltung seiner politischen Ordnung gesehen wurde.
Gerade deshalb sollten wir die königliche Antwort nicht vorschnell als Ausdruck einer persönlichen Abneigung gegen den Gott Israels verstehen. Esra 4,17–22 enthält keine Aussage, dass Artasasta den jüdischen Glauben ausdrücklich ablehnte oder den HERRN bekämpfen wollte. Der König begründet seine Entscheidung mit der politischen Vergangenheit Jerusalems und der Sorge um die Interessen seines Reiches. Dass sein Befehl das Wiederaufbauwerk der jüdischen Gemeinschaft behinderte, ist eindeutig. Welche persönliche religiöse Haltung ihn dabei leitete, wird jedoch nicht erklärt.
Ebenso wenig wäre es angemessen, Artasasta ausschließlich als einen Herrscher darzustellen, der bewusst einer falschen Anschuldigung folgte, obwohl er ihre Unrichtigkeit kannte. Der Text berichtet ausdrücklich, dass Nachforschungen vorgenommen wurden und dass diese einen Teil der geschichtlichen Behauptungen bestätigten. Die Schwäche seiner Entscheidung lag vor allem darin, dass aus früheren Vorgängen eine gegenwärtige Gefährdung abgeleitet wurde, ohne dass der Bericht einen entsprechenden aktuellen Aufstandsplan nachweist.
Damit tritt ein grundlegendes Problem menschlicher Urteilsbildung hervor. Es ist möglich, richtige Informationen zu besitzen und dennoch zu einer fragwürdigen Schlussfolgerung zu gelangen. Die Aufzeichnungen über Jerusalems Vergangenheit waren nicht notwendigerweise falsch. Die entscheidende Frage war vielmehr, welche Bedeutung man ihnen für die gegenwärtige Situation beimaß. Wenn frühere Verfehlungen dazu führen, dass spätere Menschen ungeachtet ihres tatsächlichen Handelns unter dauerhaften Verdacht gestellt werden, wird aus geschichtlicher Kenntnis leicht ein ungerechtes Vorurteil.
Die biblische Forderung nach gerechtem Urteil macht diese Problematik besonders deutlich. In 5. Mose 1,16–17 werden die Richter Israels aufgefordert, die Streitigkeiten der Menschen anzuhören und ohne Ansehen der Person gerecht zu entscheiden. Der Grundgedanke besteht darin, dass eine Entscheidung nicht allein auf Macht, Herkunft, persönlicher Sympathie oder einseitiger Darstellung beruhen darf. Auch Sprüche 18,17 erinnert daran, dass die Darstellung desjenigen, der zuerst seine Sache vorbringt, überzeugend erscheinen kann, bis die Gegenseite gehört und die Angelegenheit genauer untersucht wird.
Diese Bibelstellen sind keine direkte Beschreibung des persischen Verwaltungsverfahrens. Sie geben jedoch einen Maßstab, anhand dessen sich die Grenzen der königlichen Entscheidung erkennen lassen. Artasasta hatte geschichtliche Informationen einholen lassen. Der Text zeigt aber nicht, dass die gegenwärtigen Absichten der Bauleute ebenso umfassend geprüft wurden. Damit bleibt zwischen dem nachgewiesenen Verhalten früherer judäischer Könige und dem Verbot der aktuellen Bauarbeiten eine erklärungsbedürftige Verbindung bestehen.
Aus geistlicher Sicht liegt eine weitere wichtige Beobachtung in der begrenzten Reichweite menschlicher Macht. Artasasta konnte als persischer König bestimmen, welche Bauarbeiten innerhalb seines Reiches vorläufig erlaubt waren. Er konnte Anordnungen erlassen, Beamte beauftragen und Verstöße gegen seine Befehle verfolgen lassen. Damit besaß seine Entscheidung für die Bewohner Jerusalems eine sehr reale Bedeutung. Doch sie entschied nicht endgültig darüber, ob Gottes Verheißung der Wiederherstellung erfüllt werden würde.
Diese Unterscheidung ergibt sich aus dem größeren Zusammenhang der Bücher Esra und Nehemia. Schon die Rückkehr aus Babylon war durch eine Veränderung der politischen Verhältnisse möglich geworden. Gott hatte nach Esra 1,1 den Geist des Kyrus bewegt, damit dieser den Aufbau des Tempels gestattete. Später ermöglichte Darius die Fortsetzung des unterbrochenen Tempelbaus (Esra 6,6–12). Die Geschichte zeigt damit, dass politische Entscheidungen das Werk der Wiederherstellung sowohl behindern als auch fördern konnten. Kein einzelner Herrscher verfügte jedoch über die gesamte Zukunft des Volkes Gottes.
Das bedeutet nicht, dass jede politische Schwierigkeit sofort verschwinden musste. Die Bewohner Jerusalems hatten tatsächlich mit den Folgen des königlichen Befehls zu leben. Sie konnten die entstandene Lage nicht allein durch ihre Überzeugung verändern. Gottes Führung wird in der biblischen Geschichte nicht dadurch sichtbar, dass alle menschlichen Widerstände bedeutungslos werden, sondern auch darin, dass seine Verheißungen durch schwierige geschichtliche Entwicklungen hindurch Bestand haben.
Ein besonders wichtiger Unterschied besteht dabei zwischen einer zeitlichen Unterbrechung und einem endgültigen Scheitern. Der König ordnete einen Baustopp an, aber er erklärte die Wiederherstellung Jerusalems nicht für alle Zukunft für ausgeschlossen. In seiner eigenen Anweisung blieb die Möglichkeit einer neuen Entscheidung bestehen. Der weitere biblische Bericht wird zeigen, dass sich die Lage Jerusalems tatsächlich wieder verändern konnte. Gerade deshalb sollte der vorläufige Charakter des Verbotes nicht überlesen werden.
Gleichzeitig erinnert die Geschichte daran, dass Menschen ihre Entscheidungen oft auf Grundlage unvollständiger Informationen treffen. Die persische Regierung musste eine weit entfernte Stadt beurteilen und war dabei auf Berichte und Aufzeichnungen angewiesen. Die Gegner Jerusalems nutzten diese Situation, indem sie ihre Anschuldigungen in eine Form brachten, die den politischen Interessen des Königs entsprach. Der Herrscher reagierte nicht auf die gesamte Geschichte der jüdischen Gemeinschaft, sondern auf das Bild, das ihm durch die eingegangene Beschwerde und die anschließenden Nachforschungen vermittelt wurde.
So wird verständlich, weshalb die Gegner Jerusalems mit ihrem Schreiben Erfolg hatten. Sie hatten nicht nur ihre Ablehnung der Bauarbeiten geäußert, sondern einen Zusammenhang hergestellt, der dem König eine konkrete Gefahr für sein Reich vor Augen führte. Ihre Hinweise auf frühere Rebellionen und mächtige Könige wurden durch die Nachforschungen zumindest teilweise bestätigt. Artasasta zog daraus den Schluss, dass die Bauarbeiten eingestellt werden sollten, bis er selbst eine andere Anordnung treffen würde.
Die Verse 17–22 enden damit an einem entscheidenden Punkt der Erzählung. Aus der politischen Anschuldigung ist ein königlicher Befehl geworden. Die Verantwortung für seine Umsetzung liegt nun bei Rehum, Simsai und den anderen Beteiligten. Noch beschreibt der Text nicht, was diese Männer in Jerusalem tatsächlich unternahmen. Doch ihre bisherige Gegnerschaft und die nachdrückliche Warnung des Königs lassen erkennen, dass die Bauleute mit unmittelbaren Konsequenzen rechnen mussten.
Der folgende Vers zeigt schließlich, wie schnell aus der schriftlichen Entscheidung praktischer Zwang wurde. Die Beamten beließen es nicht bei einer Mitteilung des königlichen Willens, sondern griffen selbst ein, um die Fortsetzung der Bauarbeiten zu verhindern. Damit erreichte der lange Widerstand gegen die Wiederherstellung Jerusalems einen neuen Höhepunkt. Die Bewohner der Stadt mussten erfahren, dass eine politische Entscheidung aus der Ferne ihre unmittelbare Lebenswirklichkeit grundlegend verändern konnte.
Esra 4,23
Der Widerstand erreicht sein Ziel: Der Baustopp wird mit Gewalt durchgesetzt
Die Entscheidung des persischen Königs hatte unmittelbare Folgen für Jerusalem. Sobald Rehum, Simsai und ihre Genossen die königliche Antwort erhalten hatten und ihnen das Schreiben vorgelesen worden war, machten sie sich auf den Weg zu den Juden nach Jerusalem. Dort setzten sie den Befehl des Königs durch und hinderten die Bewohner mit Macht und Gewalt daran, ihre Bauarbeiten fortzuführen. Damit erreichte der Widerstand, der zuvor durch Beschwerden und politische Anschuldigungen vorbereitet worden war, seinen vorläufigen Höhepunkt. Die Gegner hatten nicht nur erreicht, dass der König gegen Jerusalem entschied. Sie konnten nun auch dafür sorgen, dass seine Entscheidung tatsächlich umgesetzt wurde.
Auffällig ist zunächst die Eile, mit der die Beteiligten handelten. Der biblische Bericht betont ausdrücklich, dass sie nach der Verlesung des königlichen Schreibens unverzüglich nach Jerusalem gingen. Diese Zeitangabe vermittelt, wie entschlossen die Gegner waren, die erhaltene Vollmacht zu nutzen. Während die Bauleute zuvor noch an der Wiederherstellung ihrer Stadt arbeiten konnten, standen sie nun Männern gegenüber, die sich auf eine ausdrückliche königliche Anordnung beriefen. Der politische Konflikt war damit nicht länger auf Briefe und Entscheidungen am fernen Königshof beschränkt. Er erreichte unmittelbar den Ort, an dem die Menschen ihre Arbeit verrichteten.
Die Erwähnung der Verlesung des Briefes ist ebenfalls bedeutsam. Der Text zeigt damit, dass die Entscheidung des Königs in schriftlicher Form vorlag und den zuständigen Personen offiziell bekannt gemacht wurde. Für Rehum, Simsai und ihre Genossen war das Schreiben die Grundlage ihres weiteren Vorgehens. Sie handelten nicht mehr lediglich als Gegner Jerusalems, die ihre eigenen Interessen durchsetzen wollten, sondern konnten sich nun auf die Autorität des persischen Herrschers stützen. Dadurch veränderte sich das Kräfteverhältnis erheblich. Die jüdische Gemeinschaft hatte es nicht mehr nur mit ablehnenden Nachbarn zu tun, sondern mit Menschen, die eine königliche Anordnung gegen ihre Bauarbeiten durchsetzen konnten.
Besonders wichtig ist die letzte Aussage des Verses. Die Schlachter-Bibel von 1951 berichtet, dass die Gegner den Juden „mit aller Macht“ wehrten. Der aramäische Grundtext verwendet eine Wendung, die wörtlich von Arm und Stärke beziehungsweise Macht spricht. Der Arm kann in der biblischen Sprache ein Bild für wirksame Kraft und Durchsetzungsfähigkeit sein. In diesem Zusammenhang bezeichnet die Verbindung der beiden Ausdrücke eine gewaltsame oder machtvolle Durchsetzung des Verbotes. Deshalb sprechen andere Bibelübersetzungen ausdrücklich davon, dass die Bauarbeiten mit Gewalt oder sogar mit Waffengewalt verhindert wurden.
Diese sprachliche Einzelheit zeigt, dass es sich nicht nur um eine höfliche Aufforderung zur Einstellung der Arbeit handelte. Die Gegner waren bereit, den Widerstand der Bauleute nötigenfalls durch Zwang zu überwinden. Die königliche Entscheidung erhielt dadurch eine unmittelbare praktische Wirkung. Wer weiterbauen wollte, musste damit rechnen, dass die zuständigen Männer die Fortsetzung der Arbeiten unter Einsatz ihrer Macht verhindern würden.
Allerdings sollte der Bericht nicht mit Einzelheiten ergänzt werden, die er selbst nicht enthält. Wir erfahren nicht, wie viele Männer Rehum und Simsai nach Jerusalem begleiteten. Ebenso wenig nennt der Vers bestimmte militärische Einheiten, schildert einen Kampf oder berichtet von getöteten und verletzten Menschen. Dass Gewalt beziehungsweise ihre Androhung zur Durchsetzung des Baustopps eingesetzt wurde, ist aus der Formulierung gut begründet. Welche konkreten Maßnahmen dabei vorgenommen wurden, bleibt jedoch offen. Die Erzählung konzentriert sich auf das Ergebnis: Die Juden konnten ihre begonnenen Arbeiten nicht fortsetzen.
Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, wenn man den Bericht mit den späteren Ereignissen im Buch Nehemia verbindet. Dort wird beschrieben, dass Jerusalems Mauern niedergerissen und seine Tore mit Feuer verbrannt waren (Nehemia 1,3). Manche Ausleger vermuten, dass dieser Zustand zumindest teilweise mit den gewaltsamen Maßnahmen aus Esra 4,23 zusammenhängen könnte. Eine solche Verbindung ist möglich, weil der Bericht unter Artasasta einen unterbrochenen Wiederaufbau der Stadt und ihrer Befestigungen beschreibt. Allerdings sagt Esra 4,23 nicht ausdrücklich, dass Rehum und Simsai bereits errichtete Mauern zerstörten oder Stadttore in Brand setzten. Der Zustand, den Nehemia später vorfindet, kann auch noch Folgen der früheren babylonischen Zerstörung einschließen. Deshalb darf die mögliche Verbindung nicht als gesicherter Ablauf dargestellt werden.
Entscheidend ist vielmehr, welchen Bauauftrag die Gegner nun verhinderten. Der vorhergehende Brief hatte Jerusalem als Stadt und insbesondere seine Mauern zum Gegenstand. Der König hatte daraufhin angeordnet, dass die Stadt bis zu einer neuen königlichen Entscheidung nicht weiter aufgebaut werden dürfe (Esra 4,21). Folglich bezieht sich die gewaltsame Durchsetzung in Vers 23 auf diesen Stadtbaukonflikt. Unter der historisch überwiegend vertretenen Einordnung gehört das Geschehen in die Regierungszeit Artaxerxes' I., also in eine spätere Epoche als die ursprüngliche Errichtung des zweiten Tempels. Der Tempel war bereits während der Regierung Darius' I. vollendet worden (Esra 6,15).
Es wäre daher falsch, den hier beschriebenen Einsatz von Gewalt ohne Weiteres als Ursache für den früheren Stillstand des Tempelbaus anzusehen. Gerade dieser Unterschied erklärt die besondere zeitliche Gestaltung des vierten Kapitels. Der Verfasser hatte zunächst vom Widerstand gegen den Tempelbau berichtet und danach weitere Beispiele der Gegnerschaft aus späterer Zeit angeführt. Vers 23 bildet den Abschluss dieser späteren Ereignisfolge. Erst der folgende Vers führt wieder zur früheren Geschichte unter Darius zurück. Wenn man diese beiden geschichtlichen Ebenen nicht auseinanderhält, entsteht leicht eine falsche Vorstellung von der Reihenfolge der persischen Könige und der verschiedenen Bauunterbrechungen.
Für die betroffenen Bewohner Jerusalems bedeutete das Eingreifen der Beamten einen ernsten Rückschlag. Der Wiederaufbau ihrer Stadt war nicht lediglich eine Frage des äußeren Erscheinungsbildes. Eine Stadt brauchte geschützte Wohngebiete, sichere Zugänge und eine verlässliche bauliche Ordnung, damit ihre Bewohner dauerhaft und mit einem gewissen Maß an Sicherheit leben konnten. Besonders die Mauern besaßen in der damaligen Welt eine wichtige Schutzfunktion. Eine unzureichend befestigte Stadt war möglichen Angriffen stärker ausgesetzt und konnte ihre eigenen Angelegenheiten nur eingeschränkt sichern.
Die Unterbrechung solcher Arbeiten konnte deshalb weitreichende Folgen haben. Menschen, die bereits Zeit, Kraft und Mittel eingesetzt hatten, mussten ihre Vorhaben aufgeben oder zumindest auf unbestimmte Zeit zurückstellen. Der Text berichtet nicht, welche persönlichen Verluste daraus im Einzelnen entstanden. Dennoch lässt sich aus der Bedeutung des Stadtbaus erkennen, dass die Entscheidung weit mehr als eine technische Verzögerung betraf. Sie berührte die Sicherheit, die Entwicklungsmöglichkeiten und die Zukunftsperspektiven der jüdischen Gemeinschaft.
Besonders bitter musste die Situation deshalb sein, weil die Gegner ihren Erfolg nicht durch eine nachgewiesene gegenwärtige Rebellion der Juden erreicht hatten. Wie die vorausgehenden Verse zeigen, hatten sie den König vor allem durch Hinweise auf Jerusalems Vergangenheit und durch Befürchtungen über mögliche zukünftige Entwicklungen beeinflusst. Artasasta hatte die früheren Aufstände der Stadt untersuchen lassen und daraus eine Gefahr für sein Reich abgeleitet. Doch der Bericht enthält keinen Beweis dafür, dass die gegenwärtigen Bauleute tatsächlich einen Aufstand vorbereiteten. Nun hatte diese politische Einschätzung zur Folge, dass ihre Arbeit gewaltsam unterbunden wurde.
Damit zeigt die Erzählung, wie schwerwiegend die Folgen einer einseitigen Darstellung sein können. Die Gegner hatten verschiedene geschichtliche Tatsachen mit weitreichenden Vermutungen verbunden. Aus diesen Anschuldigungen entstand eine königliche Entscheidung, und aus der königlichen Entscheidung wurde eine Zwangsmaßnahme gegen die Bewohner Jerusalems. Was zunächst mit Worten begonnen hatte, griff schließlich unmittelbar in das Leben und Handeln anderer Menschen ein. Der Bericht macht damit sichtbar, dass politische Macht und die Art, wie Informationen verwendet werden, eng miteinander verbunden sein können.
Zugleich lässt der Text erkennen, dass rechtliche Autorität und moralische Gerechtigkeit nicht in jedem Fall dasselbe sind. Rehum und Simsai konnten sich bei ihrem Vorgehen auf einen königlichen Befehl berufen. Innerhalb der persischen Verwaltungsordnung besaß dieser Befehl eine verbindliche Bedeutung. Doch die Tatsache, dass eine Maßnahme von einer mächtigen Obrigkeit angeordnet wird, beantwortet noch nicht die Frage, ob ihre Begründung tatsächlich gerecht ist. Die Bibel misst menschliche Entscheidungen nicht ausschließlich an ihrer formellen Machtgrundlage, sondern fragt auch nach Wahrheit, Recht und dem Umgang mit den Betroffenen.
Ein entsprechender Grundsatz findet sich in 3. Mose 19,15. Dort fordert Gott sein Volk auf, im Gericht weder den Geringen noch den Großen unrechtmäßig zu bevorzugen, sondern den Nächsten gerecht zu beurteilen. Auch Sprüche 18,13 warnt davor, eine Antwort zu geben, bevor man die betreffende Angelegenheit wirklich gehört hat. Solche Aussagen zeigen, wie eng gerechtes Handeln mit sorgfältigem Prüfen verbunden ist. In Esra 4 wird besonders deutlich, welche Gefahren entstehen können, wenn aus geschichtlichen Verdachtsmomenten weitreichende Entscheidungen über die Gegenwart abgeleitet werden.
Allerdings ist die Geschichte nicht als pauschale Aufforderung zu verstehen, staatliche Anordnungen grundsätzlich zu missachten. Der Bibeltext berichtet hier zunächst, was geschah, und enthält keinen ausdrücklichen Aufruf zum Widerstand gegen den königlichen Befehl. Die zurückgekehrten Juden lebten innerhalb eines Reiches, dessen Herrschaft sie nicht einfach aufheben konnten. Ihre Möglichkeiten waren begrenzt, und der königliche Baustopp stellte ein reales Hindernis dar. Die geistliche Bedeutung der Erzählung liegt daher nicht in einer allgemeinen Verherrlichung menschlicher Auflehnung, sondern in der Frage, wie Gottes Volk mit einer Situation umgeht, in der sein bisheriges Handeln durch äußere Macht begrenzt wird.
Gerade in dieser Hinsicht ist bemerkenswert, dass der Text an dieser Stelle keine unmittelbare göttliche Intervention schildert. Kein außergewöhnliches Wunder verhindert das Eingreifen Rehums und Simsais. Auch wird nicht berichtet, dass die Beamten plötzlich ihre Entscheidung ändern oder dass der königliche Befehl wirkungslos bleibt. Die Gegner erreichen tatsächlich ihr Ziel. Damit bewahrt der Bericht eine wichtige Wirklichkeit des Glaubenslebens: Gottes Führung bedeutet nicht, dass jeder ungerechte Widerstand sofort verschwindet oder dass gläubige Menschen vor jedem Verlust bewahrt werden.
Dennoch darf der Erfolg der Gegner nicht mit einer endgültigen Niederlage der göttlichen Absicht gleichgesetzt werden. Die Wiederherstellung Jerusalems war Teil einer längeren Entwicklung, die bereits durch die Rückkehr aus Babylon begonnen hatte. Gottes Verheißungen an sein Volk erschöpften sich nicht in einem einzelnen Bauvorhaben oder in der Entscheidung eines bestimmten Königs. Schon die vorausgehende Geschichte hatte gezeigt, dass politische Verhältnisse sich verändern konnten. Unter Kyrus war die Rückkehr ermöglicht worden, unter Darius wurde der Tempelbau vollendet, und unter späteren persischen Königen eröffnete sich weiterer Handlungsspielraum für die jüdische Gemeinschaft.
Besonders die spätere Geschichte Nehemias verdeutlicht diesen Zusammenhang. Als Nehemia von Jerusalems Not erfuhr, reagierte er zunächst mit Trauer, Fasten und Gebet (Nehemia 1,4–11). Anschließend bat er den persischen König um die Erlaubnis, nach Jerusalem zu reisen und die Stadt wieder aufzubauen. Der König gewährte ihm diese Bitte und stellte ihm entsprechende Schreiben aus (Nehemia 2,5–8). Diese Ereignisse zeigen, dass der Zustand Jerusalems nicht unveränderlich bleiben musste. Eine politische Entscheidung, die zunächst ein Vorhaben begrenzte, bestimmte nicht zwangsläufig dessen gesamte Zukunft.
Dabei ist wichtig, Gottes Handeln nicht auf eine einfache Formel zu reduzieren. Aus der späteren Genehmigung Nehemias folgt nicht, dass jede zuvor gescheiterte Unternehmung nach einer bestimmten Zeit automatisch erfolgreich sein wird. Ebenso wenig darf man behaupten, Gott habe den gewaltsamen Baustopp ausdrücklich herbeigeführt, um seinem Volk eine besondere Lektion zu erteilen. Esra 4,23 nennt einen solchen göttlichen Zweck nicht. Der Vers berichtet das Handeln menschlicher Gegner und die Folgen eines königlichen Befehls. Erst im größeren Zusammenhang der biblischen Geschichte wird sichtbar, dass diese Hindernisse die Wiederherstellung Jerusalems nicht endgültig verhindern konnten.
Darin liegt eine zurückhaltende, aber wichtige Ermutigung. Menschen können durch ihre Entscheidungen großen Einfluss auf das Leben anderer ausüben. Sie können Bauarbeiten stoppen, Vorhaben erschweren und Entwicklungen aufhalten, die für die Betroffenen von erheblicher Bedeutung sind. Doch menschliche Macht besitzt keine unbegrenzte Reichweite. Ihre Entscheidungen sind an geschichtliche Umstände gebunden und können sich verändern. Die Verheißungen Gottes dürfen deshalb nicht allein danach beurteilt werden, wie günstig oder ungünstig die gegenwärtigen Verhältnisse erscheinen.
Esra 4,23 beendet somit den Bericht über die Anklagen unter Artasasta mit einem tatsächlichen Erfolg der Gegner. Die jüdischen Bauleute werden gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Der Vers verschweigt weder die Macht der Gegner noch die Folgen ihres Handelns. Gerade dadurch bekommt die spätere Geschichte der Wiederherstellung ihr eigentliches Gewicht. Die Menschen in Jerusalem mussten erleben, dass ein begonnenes Werk unterbrochen werden konnte, obwohl es ihrer Hoffnung auf eine erneuerte Zukunft entsprach.
Mit dem folgenden Vers verändert sich die zeitliche Perspektive der Erzählung. Der Verfasser kehrt zur früheren Geschichte des Tempelbaus zurück und erinnert an dessen Stillstand bis zum zweiten Regierungsjahr des Königs Darius. Diese Rückkehr zum ursprünglichen Handlungsverlauf bereitet zugleich die Ereignisse des fünften Kapitels vor. Dort wird berichtet, wie Gott durch die Propheten Haggai und Sacharja erneut zu seinem Volk sprach und die Verantwortungsträger ermutigt wurden, die unterbrochene Arbeit am Tempel wieder aufzunehmen.
So steht am Ende von Vers 23 zunächst die erzwungene Unterbrechung. Doch innerhalb der gesamten Geschichte ist dieser Stillstand nicht das letzte Wort. Die Gegner konnten ein bestimmtes Bauvorhaben aufhalten, aber sie konnten nicht endgültig darüber verfügen, wie die Geschichte Jerusalems weitergehen würde.
Esra 4,24
Zurück zur Tempelgeschichte: Warum der Bau bis zur Zeit Darius' stillsteht
Mit dem letzten Vers des vierten Kapitels kehrt der biblische Bericht zu einer früheren Phase der Geschichte zurück. Nachdem ausführlich geschildert wurde, wie Gegner Jerusalems unter König Artasasta durch politische Anschuldigungen einen gewaltsam durchgesetzten Baustopp erreichten, richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf das Haus Gottes. Der Verfasser erklärt, dass die Arbeit am Tempel in Jerusalem zum Stillstand gekommen war und bis zum zweiten Regierungsjahr des persischen Königs Darius ruhte. Diese kurze Aussage ist von besonderer Bedeutung, weil sie nicht nur den Zeitraum der Bauunterbrechung beschreibt, sondern auch den ursprünglichen Erzählverlauf wieder aufnimmt, der in Vers 5 verlassen worden war.
Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, der in Vers 23 erwähnte königliche Befehl habe unmittelbar dazu geführt, dass nun auch die Arbeiten am Tempel eingestellt wurden. Schließlich beginnt Vers 24 mit einer zeitlichen Überleitung, die sich ganz natürlich als Fortsetzung des vorhergehenden Geschehens lesen lässt. Doch eine solche Erklärung führt zu einer geschichtlichen Schwierigkeit. Der zuvor erwähnte Artasasta wird in der historisch überwiegend vertretenen Auslegung mit Artaxerxes I. identifiziert, während der in Vers 24 genannte Darius bereits mehrere Jahrzehnte vor ihm regierte. Der Tempelbau war unter Darius I. wieder aufgenommen und schließlich vollendet worden. Der Bericht über die spätere Behinderung des Stadtbaus kann deshalb nicht ohne Weiteres als unmittelbare Ursache des früheren Tempelbaustopps verstanden werden.
Der entscheidende Hinweis findet sich bereits in Esra 4,5. Dort heißt es, dass die Gegner des Volkes Juda während der Regierungszeit des Kyrus und bis zur Zeit des Darius Ratgeber gegen die Juden anwarben, um ihre Baupläne zu vereiteln. Genau an diese Aussage knüpft Vers 24 wieder an. Zwischen beiden Versen steht ein ausführlicher Einschub, der weitere Beispiele für die anhaltende Gegnerschaft gegen Jerusalem aus späterer persischer Zeit enthält. Nachdem dieser Überblick abgeschlossen ist, führt der Verfasser seine ursprüngliche Geschichte weiter. Esra 4,24 bildet somit den Übergang zwischen dem Bericht über den frühen Widerstand und der anschließenden Wiederaufnahme des Tempelbaus.
Diese literarische Gestaltung ist nicht ungewöhnlich für biblische Geschichtserzählungen. Ein Verfasser kann zunächst einen bestimmten Handlungsverlauf beginnen, ihn anschließend unterbrechen, um ein größeres geschichtliches Bild zu vermitteln, und danach zum ursprünglichen Zeitpunkt zurückkehren. Entscheidend ist, die entsprechenden Hinweise im Text sorgfältig zu beachten. In Esra 4 sind dies besonders die Namen der persischen Könige und der unterschiedliche Gegenstand der Bauarbeiten. Während die Verse 1–5 und 24 ausdrücklich den Tempelbau behandeln, stehen in den Versen 12–23 die Stadt Jerusalem und ihre Befestigungen im Mittelpunkt.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Bauvorhaben darf nicht übersehen werden. Der Tempel war der Mittelpunkt der Gottesverehrung Israels. Dort sollten die vorgeschriebenen Opfer dargebracht werden, und dort versahen die Priester ihren Dienst. Der Wiederaufbau Jerusalems als Stadt umfasste dagegen Wohngebiete, öffentliche Einrichtungen, Mauern und Tore. Beide Aufgaben gehörten zur umfassenden Wiederherstellung des jüdischen Lebens nach der babylonischen Gefangenschaft, besaßen jedoch unterschiedliche Funktionen. Ein Baustopp an den Befestigungen Jerusalems bedeutete daher nicht zwangsläufig, dass gleichzeitig auch der Tempeldienst eingestellt wurde.
Gerade dieser Unterschied hilft, eine verbreitete Verwechslung zu vermeiden. Der persische König Kyrus hatte den zurückgekehrten Juden den Wiederaufbau des Hauses Gottes gestattet (Esra 1,2–4). Unter Serubbabel und Jeschua wurden zunächst der Altar errichtet und später die Fundamente des Tempels gelegt (Esra 3,2–13). Anschließend berichtet Esra von den Schwierigkeiten, die den weiteren Bau behinderten. Der hier erwähnte Stillstand gehört zu dieser frühen Phase der Wiederherstellung. Das spätere Schreiben an Artasasta betrifft hingegen eine andere politische Situation, in der die Befestigung Jerusalems zum Anlass einer königlichen Intervention wurde.
Die zeitliche Angabe in Vers 24 ermöglicht eine genauere geschichtliche Einordnung. Darius I. bestieg im Jahr 522 v. Chr. den persischen Thron. Sein zweites Regierungsjahr fällt nach der üblichen historischen Berechnung in das Jahr 520 v. Chr. Damit nennt Esra einen konkreten Zeitpunkt, bis zu dem der Tempelbau unterbrochen blieb. Die ursprüngliche Grundsteinlegung hatte vermutlich um 536 v. Chr. stattgefunden. Zwischen diesem frühen Beginn und der Wiederaufnahme der Arbeiten lagen somit ungefähr sechzehn Jahre. Allerdings sagt der Text nicht, dass während jedes einzelnen Tages dieses Zeitraums keinerlei Arbeit verrichtet wurde. Er fasst vielmehr die längere Phase zusammen, in der der Wiederaufbau nicht erfolgreich voranschritt und der Tempel unvollendet blieb.
Diese Unterscheidung verdient Beachtung, weil die Bibel an anderer Stelle von einem fortdauernden Bauvorhaben sprechen kann, obwohl es zeitweise unterbrochen wurde. Ein begonnenes Werk bleibt in der geschichtlichen Darstellung ein Bauvorhaben, selbst wenn seine tatsächliche Ausführung über längere Zeit ruht. Esra 4,24 beschreibt daher vor allem das Ergebnis der anhaltenden Schwierigkeiten: Der Tempel wurde nicht wie ursprünglich beabsichtigt fertiggestellt, sondern blieb bis zum zweiten Regierungsjahr Darius' unvollendet.
Was sich während dieser Jahre im Einzelnen ereignete, wird im vierten Kapitel nur teilweise berichtet. Wir erfahren von Einschüchterungen, Entmutigung und politischer Einflussnahme. Doch eine vollständige Jahreschronik der Bauunterbrechung liegt nicht vor. Deshalb wäre es unbegründet, für jedes Jahr bestimmte Widerstandsmaßnahmen, wirtschaftliche Krisen oder persönliche Entscheidungen der Bauleute zu behaupten. Die biblische Erzählung beschränkt sich auf diejenigen Vorgänge, die für das Verständnis des Stillstands und des späteren Neuanfangs wesentlich sind.
Die Länge der Unterbrechung wirft jedoch eine ernste Frage auf: Weshalb blieb der Tempel so viele Jahre unvollendet, obwohl sein Wiederaufbau durch einen persischen König genehmigt und von der zurückgekehrten Gemeinschaft mit großer Hoffnung begonnen worden war? Die vorausgehenden Verse nennen dafür einen wesentlichen Grund: den anhaltenden Widerstand der Gegner. Doch die prophetische Botschaft Haggais zeigt, dass die äußeren Schwierigkeiten im Laufe der Zeit nicht die einzige Ursache geblieben waren.
Im zweiten Regierungsjahr Darius' trat Haggai im Namen des HERRN auf und wandte sich an Serubbabel, den Statthalter Judas, und an Jeschua, den Hohenpriester (Haggai 1,1). Seine Botschaft machte deutlich, dass das Volk inzwischen eine Haltung entwickelt hatte, die den weiteren Tempelbau zusätzlich verhinderte. Die Menschen erklärten, die richtige Zeit für den Wiederaufbau des Hauses Gottes sei noch nicht gekommen. Gott stellte ihnen daraufhin die Frage, weshalb sie selbst in ausgebauten Häusern wohnen konnten, während sein Haus weiterhin verwüstet lag (Haggai 1,2–4).
Damit eröffnet Haggai eine weitere Perspektive auf den in Esra 4,24 erwähnten Stillstand. Anfangs hatten äußere Gegner die Arbeit erschwert. Später musste das Volk jedoch auch seine eigene Haltung überprüfen. Die Menschen hatten Möglichkeiten gefunden, ihren Alltag zu gestalten und ihre privaten Angelegenheiten zu verfolgen, während der Tempel unvollendet blieb. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass sämtliche Bewohner Judas wohlhabend waren oder in besonders prächtigen Häusern lebten. Entscheidend ist vielmehr der Gegensatz zwischen der Aufmerksamkeit, die den eigenen Lebensverhältnissen galt, und der Vernachlässigung des begonnenen gemeinschaftlichen Gottesdienstzentrums.
Die Botschaft des Propheten macht deutlich, dass ein äußerer Widerstand mit der Zeit auch das innere Denken der Betroffenen verändern kann. Eine Aufgabe, die zunächst selbstverständlich erschien, wird unter anhaltenden Schwierigkeiten immer weiter verschoben. Was ursprünglich als vorübergehende Verzögerung verstanden wurde, kann schließlich zur gewohnten Lebensordnung werden. Die Menschen richten sich mit dem unvollendeten Zustand ein und finden Gründe, weshalb die Fortsetzung ihres ursprünglichen Vorhabens noch warten müsse.
Gerade darin bestand eine ernste Gefahr für die zurückgekehrte Gemeinschaft. Der Tempelbau war nicht nur ein menschliches Projekt, das man nach Belieben beginnen oder aufgeben konnte. Er stand im Zusammenhang mit der erneuerten Gottesverehrung und mit der besonderen Verantwortung, die das Volk nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft übernommen hatte. Solange das Haus Gottes unvollendet blieb, war ein wesentlicher Bestandteil dieser Wiederherstellung noch nicht abgeschlossen. Der bereits errichtete Altar und die wieder aufgenommenen Opfer waren wichtige Schritte gewesen, ersetzten aber nicht die Fertigstellung des begonnenen Tempelgebäudes.
Die zeitliche Angabe in Esra 4,24 gewinnt durch das Buch Haggai eine zusätzliche Genauigkeit. Haggai 1,1 datiert die erste Botschaft des Propheten auf den ersten Tag des sechsten Monats im zweiten Regierungsjahr Darius', also auf das Jahr 520 v. Chr. Nach der Ermahnung des Propheten reagierten Serubbabel, Jeschua und der übrige Teil des Volkes auf das Wort Gottes. Haggai berichtet, dass der HERR ihren Geist erweckte und sie erneut an die Arbeit gingen. Die Wiederaufnahme wird in Haggai 1,14–15 mit dem vierundzwanzigsten Tag desselben Monats verbunden.
Damit wird deutlich, was sich hinter der knappen Aussage von Esra 4,24 verbirgt. Der lange Stillstand endete nicht einfach deshalb, weil die Zeit verging oder weil die Menschen irgendwann wieder genügend Kraft gesammelt hatten. Der biblische Bericht verbindet den Neuanfang ausdrücklich mit dem prophetischen Wort Gottes. Durch Haggai wurde das Volk an seine Verantwortung erinnert. Die Menschen nahmen diese Botschaft ernst und begannen, ihren begonnenen Auftrag erneut auszuführen.
An dieser Stelle ist bemerkenswert, dass Gott nicht zuerst von einem vollständig beseitigten äußeren Widerstand berichtet. Vielmehr spricht er sein Volk unmittelbar an und fordert es auf, seine Prioritäten neu zu ordnen. In Haggai 1,8 erhält die Gemeinschaft den Auftrag, Holz herbeizuschaffen und das Haus zu bauen. Die Menschen sollten also konkrete Schritte unternehmen. Gottes Zusage seiner Gegenwart stand nicht im Gegensatz zu ihrer eigenen Verantwortung, sondern gab ihrem Handeln eine neue Grundlage.
Besonders eindrucksvoll ist die Zusage, die Haggai dem Volk übermitteln durfte. In Haggai 1,13 versichert Gott den Israeliten, dass er mit ihnen sei. Diese Verheißung bedeutete nicht, dass von nun an keinerlei Schwierigkeiten mehr auftreten würden. Das folgende fünfte Kapitel des Buches Esra berichtet sogar von erneuten Nachfragen persischer Verwaltungsbeamter. Die Zusage machte jedoch deutlich, dass das Volk seinen Auftrag nicht ohne Gottes Begleitung erfüllen musste. Seine Gegenwart war die Grundlage dafür, trotz der bisherigen Rückschläge wieder handlungsfähig zu werden.
Esra 5,1–2 bestätigt diesen Zusammenhang. Dort werden Haggai und Sacharja als Propheten genannt, die im Namen des Gottes Israels zu den Juden in Juda und Jerusalem redeten. Anschließend machten sich Serubbabel und Jeschua auf und begannen wieder mit dem Bau des Hauses Gottes. Die Propheten unterstützten sie dabei. Das geschichtliche Buch Esra und das prophetische Buch Haggai ergänzen sich hier auf bemerkenswerte Weise. Esra berichtet vor allem, was geschah, während Haggai genauer erkennen lässt, welche göttliche Botschaft den Neuanfang auslöste und welche Haltung das Volk dafür verändern musste.
Sacharja, der ebenfalls in Esra 5 erwähnt wird, trug durch seinen prophetischen Dienst zur weiteren Ermutigung der zurückgekehrten Gemeinschaft bei. Seine Botschaften verbanden die gegenwärtigen Schwierigkeiten mit der Verheißung, dass Gott seine Absicht mit Jerusalem nicht aufgegeben hatte. Besonders Sacharja 4,6 betont, dass das Werk Gottes nicht letztlich durch menschliche Macht oder Stärke zustande kommt, sondern durch seinen Geist. Im Zusammenhang mit Serubbabels Verantwortung erhielt diese Aussage eine besondere Bedeutung. Die Menschen sollten ihre begrenzten Möglichkeiten nicht mit den Grenzen göttlichen Handelns verwechseln.
Dennoch darf diese Verheißung nicht so verstanden werden, als seien menschliche Arbeit, Planung und Ausdauer unwichtig. Gerade das Gegenteil wird sichtbar. Serubbabel und Jeschua mussten sich tatsächlich aufmachen und bauen. Das Volk musste Material beschaffen, Arbeitskräfte einsetzen und die begonnene Aufgabe fortführen. Gottes Geist ersetzte ihre Verantwortung nicht, sondern befähigte und ermutigte sie, ihren Auftrag wieder ernst zu nehmen. Der Neuanfang bestand deshalb sowohl in einer erneuerten inneren Haltung als auch in konkretem äußerem Handeln.
Ein weiterer bedeutsamer Gesichtspunkt liegt darin, dass die Wiederaufnahme des Tempelbaus noch nicht mit seiner endgültigen Vollendung gleichgesetzt werden darf. Esra 4,24 führt zunächst nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem der lange Stillstand endete. Die folgenden Kapitel berichten, dass auch der fortgesetzte Bau erneut die Aufmerksamkeit persischer Beamter erregte. Schließlich wurde unter Darius nach dem ursprünglichen Erlass des Kyrus gesucht, und der König bestätigte die Berechtigung des Tempelbaus. Erst im sechsten Regierungsjahr Darius' wurde das Haus Gottes vollendet (Esra 6,1–15).
Damit wird erkennbar, dass die Wiederherstellung in verschiedenen Phasen geschah. Zunächst ermöglichte Kyrus die Rückkehr und den Beginn des Tempelbaus. Danach folgte eine Zeit der Behinderung und des Stillstands. Durch die prophetischen Botschaften im zweiten Jahr Darius' wurde die Arbeit erneut aufgenommen. Schließlich konnte der Tempel nach weiteren Jahren fertiggestellt werden. Diese Entwicklung zeigt, dass der Weg vom göttlichen Auftrag bis zu seiner geschichtlichen Vollendung weder geradlinig noch frei von Schwierigkeiten verlief.
Für das Verständnis von Esra 4,24 ist dabei eine sorgfältige Unterscheidung wesentlich. Der Vers erklärt nicht, dass Gott selbst den Baustopp ausdrücklich angeordnet hätte. Ebenso wenig behauptet er, dass jede Verzögerung ausschließlich auf mangelnden Glauben zurückzuführen gewesen sei. Die vorhergehenden Verse berichten von wirklichem äußerem Widerstand, und Haggai beschreibt zusätzlich die spätere Verantwortung des Volkes. Erst wenn beide Seiten berücksichtigt werden, entsteht ein angemessenes Bild der Ereignisse. Die Menschen waren tatsächlich behindert worden, mussten aber schließlich auch erkennen, dass die Fortsetzung des Werkes ihre eigene Entscheidung und Bereitschaft erforderte.
Darin liegt eine bedeutsame geistliche Einsicht. Ein Mensch kann eine Aufgabe mit großer Überzeugung beginnen und dennoch durch Schwierigkeiten entmutigt werden. Wenn Hindernisse über längere Zeit bestehen, kann sich die innere Haltung allmählich verändern. Manchmal wird das, was zunächst nur aufgeschoben werden sollte, schließlich ganz aus dem Blick verloren. Die Geschichte der zurückgekehrten Israeliten zeigt, wie wichtig es ist, die eigene Verantwortung immer wieder am Wort Gottes zu prüfen. Nicht jede Unterbrechung bedeutet Untreue. Doch auch nicht jede Begründung für ein dauerhaftes Aufschieben entspricht tatsächlich dem Willen Gottes.
Gleichzeitig enthält die Geschichte eine wichtige Ermutigung. Der lange Stillstand hatte den ursprünglichen Auftrag nicht bedeutungslos gemacht. Als Gott durch seine Propheten sprach, konnten die Menschen erneut darauf antworten. Die Jahre des Zögerns und die Erfahrungen des Widerstands mussten nicht das endgültige Ergebnis bestimmen. Die Israeliten erhielten die Gelegenheit, das unvollendete Werk wieder aufzunehmen. Dass Gott sie erneut ansprach und ihnen seine Gegenwart zusicherte, zeigt seine Geduld und seine fortdauernde Bereitschaft, sein Volk zu führen.
So endet das vierte Kapitel mit einer kurzen, aber geschichtlich und geistlich bedeutenden Feststellung. Das Haus Gottes blieb bis zum zweiten Regierungsjahr Darius' unvollendet. Der äußere Widerstand hatte seinen Anteil daran, doch die anschließende prophetische Botschaft wird zeigen, dass auch die innere Haltung des Volkes erneuert werden musste. Der Baustopp war eine wirkliche Unterbrechung, aber kein endgültiger Abschluss.
Der letzte Vers bereitet damit unmittelbar die Fortsetzung der Geschichte vor. Während Esra 4 den Widerstand und die Folgen der Behinderung in den Mittelpunkt stellt, beginnt Esra 5 mit dem entscheidenden Neuanfang. Gott spricht durch seine Propheten, die Verantwortlichen erheben sich, und die Arbeit am Tempel wird wieder aufgenommen. Aus dem langen Stillstand erwächst eine neue Phase des Handelns, in der Gottes Wort, menschlicher Gehorsam und seine fortdauernde Führung zusammenwirken.
Geistliche Kernbotschaft
Gottes Werk kann auf erheblichen Widerstand stoßen, ohne dass dadurch seine Absichten hinfällig werden. Diese Wahrheit gehört zu den wichtigsten geistlichen Aussagen von Esra 4. Die zurückgekehrten Israeliten hatten erlebt, wie Gott ihnen durch den persischen König Kyrus die Rückkehr in ihre Heimat ermöglichte. Sie hatten den Grundstein des Tempels gelegt und voller Hoffnung mit seiner Wiederherstellung begonnen. Dennoch begegneten ihnen Schwierigkeiten, die sie nicht erwartet hatten und die sie aus eigener Kraft nicht vollständig überwinden konnten. Der biblische Bericht macht damit deutlich, dass Gottes Führung nicht an einer ununterbrochenen Folge sichtbarer Erfolge erkannt werden darf.
Gerade darin liegt eine wichtige Unterscheidung zwischen menschlichen Erwartungen und dem Handeln Gottes. Menschen neigen dazu, einen offenen Weg als Bestätigung und ein Hindernis als Zeichen des Scheiterns zu betrachten. Doch die Geschichte der Heimkehrer zeigt, dass beides zu kurz greifen kann. Gott hatte die Rückkehr ermöglicht, obwohl später Widerstand entstand. Seine ursprüngliche Verheißung wurde durch politische Schwierigkeiten nicht aufgehoben. Gleichzeitig bedeutete seine Zusage nicht, dass die Israeliten jede Aufgabe ohne Anstrengung oder Verzögerung erfüllen würden. Gottes Treue musste sich nicht dadurch beweisen, dass alle Hindernisse sofort verschwanden.
Eine zweite geistliche Grundfrage betrifft die Treue zu Gott. Die Verantwortlichen Israels mussten entscheiden, unter welchen Voraussetzungen sie andere Menschen an der Errichtung des Heiligtums beteiligen konnten. Das Angebot gemeinsamer Arbeit erschien zunächst hilfreich, berührte aber Fragen der Gottesverehrung und der religiösen Verantwortung. Die Ablehnung zeigte, dass die Führer den Tempelbau nicht allein unter dem Gesichtspunkt möglichst großer Unterstützung betrachteten. Entscheidend war für sie, dass das Haus Gottes seinem eigentlichen Zweck entsprechend errichtet wurde.
Dabei ist wichtig, den Kern dieser Entscheidung richtig zu verstehen. Gott erwartet von seinen Kindern keine Verachtung anderer Menschen, sondern die Treue zu ihm. Die Heilige Schrift verbindet die ausschließliche Verehrung Gottes immer wieder mit seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Wer an Gottes Wahrheit festhält, ist deshalb nicht dazu berechtigt, auf andere herabzusehen. Geistliche Standhaftigkeit zeigt sich vielmehr darin, dass ein Mensch seine Überzeugungen nicht aus Bequemlichkeit aufgibt und gleichzeitig jedem anderen mit Achtung begegnet. Die Frage lautet nicht, ob Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander umgehen dürfen, sondern ob eine konkrete religiöse Zusammenarbeit die Treue zu Gott fördert oder gefährdet.
Ebenso deutlich tritt die zerstörerische Wirkung von Entmutigung hervor. Die Gegner versuchten, den Israeliten die Kraft und den Mut zur Fortsetzung ihrer Arbeit zu nehmen. Solcher Widerstand richtet sich nicht nur gegen das, was Menschen tun, sondern auch gegen ihre Bereitschaft, überhaupt noch zu handeln. Anhaltende Schwierigkeiten können das Vertrauen schwächen und dazu führen, dass eine ursprünglich wichtige Aufgabe zunehmend aus dem Blick gerät. Esra 4 zeigt damit eine Gefahr, die über den äußeren Angriff hinausreicht: Der Mensch kann beginnen, sich innerlich mit einem Zustand abzufinden, den er eigentlich überwinden wollte.
Die Botschaft des Propheten Haggai macht später deutlich, dass dieser Prozess für die Israeliten tatsächlich zu einem geistlichen Problem geworden war. Die äußeren Hindernisse waren real, doch mit der Zeit hatten sich auch die Prioritäten des Volkes verändert. Hier liegt eine ernste Mahnung. Nicht jedes Hindernis lässt sich beseitigen, und nicht jede Verzögerung ist Ausdruck persönlichen Versagens. Aber Schwierigkeiten dürfen nicht unbemerkt zu einer dauerhaften Rechtfertigung dafür werden, Gottes erkannten Willen zu vernachlässigen. Wo Menschen ihre Verantwortung aus den Augen verloren haben, lädt Gottes Wort sie zur erneuten Ausrichtung ihres Lebens ein.
Darüber hinaus offenbart Esra 4 die Begrenztheit menschlicher Macht. Die Gegner Jerusalems konnten politische Entscheidungsträger beeinflussen. Ein persischer König konnte den Wiederaufbau einer Stadt untersagen, und seine Beamten konnten diese Anordnung mit Gewalt durchsetzen. Solche Macht war für die Betroffenen keineswegs bedeutungslos. Sie konnte ihre Arbeit unterbrechen und ihre Lebensbedingungen erheblich verändern. Dennoch besaß kein menschlicher Herrscher die letzte Verfügung über Gottes Verheißungen. Die Geschichte der Wiederherstellung Jerusalems erstreckte sich über mehrere Regierungen und wurde durch keine einzelne politische Entscheidung endgültig abgeschlossen.
Diese Einsicht ist keine Verheißung, dass jedes persönliche Vorhaben eines gläubigen Menschen früher oder später erfolgreich sein muss. Die Bibel unterscheidet zwischen Gottes ausdrücklich gegebenen Verheißungen und den eigenen Wünschen des Menschen. Gerade deshalb ist es wichtig, nicht jede selbst gewählte Aufgabe unmittelbar mit Gottes Willen gleichzusetzen. Wo Gott jedoch etwas zugesagt hat, dürfen seine Zusagen nicht allein an den gegenwärtigen Umständen gemessen werden.
Die geistliche Mitte des Kapitels liegt somit im Verhältnis zwischen Gottes Treue und menschlicher Verantwortung. Gott bleibt seinem Wort treu, während Menschen lernen müssen, auf ihn zu vertrauen, ihre Überzeugungen zu prüfen und ihre Aufgaben auch unter schwierigen Bedingungen ernst zu nehmen. Äußerer Widerstand hebt die Verantwortung des Menschen nicht auf, und menschliche Schwäche macht Gottes Barmherzigkeit nicht bedeutungslos.
Esra 4 endet mit einem unvollendeten Tempel, doch die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist damit nicht beendet. Gerade dieser offene Ausgang erinnert daran, dass nicht jeder Abschnitt des Glaubenslebens bereits die Erfüllung erkennen lässt. Manchmal steht zunächst die Erfahrung des Wartens, des Verlustes oder der Entmutigung im Vordergrund. Entscheidend ist dann, ob der Mensch aus den Schwierigkeiten schließt, Gott habe ihn verlassen, oder ob er bereit bleibt, auf sein Wort zu hören und sich von ihm erneut führen zu lassen.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Ereignisse in Esra 4 erschließen sich noch tiefer, wenn man sie mit anderen Aussagen der Heiligen Schrift verbindet. Besonders deutlich werden dabei die Themen ausschließliche Gottesverehrung, gerechtes Urteilen, die Verantwortung des Menschen und die Treue Gottes zu seinen Verheißungen. Diese Verbindungen helfen, den historischen Bericht nicht isoliert zu betrachten, sondern seinen Platz innerhalb der biblischen Geschichte zu verstehen.
Eine wichtige Grundlage bietet 2. Könige 17,24–41. Dort wird beschrieben, wie die Assyrer nach der Eroberung des Nordreiches Menschen aus anderen Gebieten in den Städten Samarias ansiedelten. Die neuen Bewohner lernten die Verehrung des Gottes Israels kennen, hielten jedoch zugleich an religiösen Praktiken ihrer Herkunftsländer fest. Dieser Bericht hilft zu verstehen, weshalb die angebotene Zusammenarbeit beim Tempelbau religiöse Fragen aufwerfen konnte. Die bloße Berufung auf denselben Gott bedeutete nicht notwendigerweise, dass auch dieselben Überzeugungen über seine Verehrung bestanden. Zugleich beschreibt 2. Könige 17 eine frühere geschichtliche Entwicklung und beweist nicht die persönliche Glaubenshaltung jedes einzelnen Menschen, der später in Esra 4 auftrat.
Damit verbunden ist 5. Mose 7,3–4. Gott hatte Israel davor gewarnt, durch enge religiöse und familiäre Bindungen von seiner ausschließlichen Verehrung abgebracht zu werden. Der Schwerpunkt dieser Warnung liegt auf der Gefahr, andere Götter anzunehmen. Ein ergänzender Gesichtspunkt begegnet jedoch in Jesaja 56,6–7. Dort verheißt Gott, dass auch Fremde, die sich ihm anschließen, seinen Namen lieben und an seinem Bund festhalten, in seinem Haus willkommen sein sollen. Beide Aussagen gehören zusammen: Gott fordert Treue zu seiner Wahrheit, schließt aber Menschen nicht aufgrund ihrer fremden Herkunft von der Gemeinschaft mit ihm aus. Diese Verbindung schützt Esra 4 vor einer Deutung, die religiöse Standhaftigkeit mit einer grundsätzlichen Ablehnung anderer Völker verwechselt.
Eine besonders enge Fortsetzung findet sich in Haggai 1,1–15. Während Esra 4 die äußeren Schwierigkeiten des Tempelbaus beschreibt, richtet Haggai den Blick auf die innere Haltung des Volkes. Die Israeliten hatten sich daran gewöhnt, die Fertigstellung des Hauses Gottes aufzuschieben. Durch den Propheten forderte Gott sie auf, ihre Prioritäten zu überprüfen und wieder tätig zu werden. Bemerkenswert ist, dass die Botschaft nicht nur aus einer Ermahnung besteht. Gott sichert seinem Volk auch seine Gegenwart zu. Die Menschen sollen nicht aus eigener Überlegenheit handeln, sondern im Vertrauen darauf, dass Gott sie bei der Erfüllung ihres Auftrags begleitet.
Diese Entwicklung wird in Esra 5,1–2 und Esra 6,1–15 geschichtlich fortgesetzt. Haggai und Sacharja sprechen im Namen Gottes, Serubbabel und Jeschua nehmen die Arbeit wieder auf, und schließlich bestätigt Darius den früheren Erlass des Kyrus. Die Vollendung des Tempels im sechsten Regierungsjahr Darius' zeigt, dass die lange Unterbrechung nicht das endgültige Ende des Bauvorhabens war. Dabei handelt es sich um mehr als eine allgemeine Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Bibelstellen. Die Berichte beziehen sich ausdrücklich auf dieselben Personen, denselben Tempel und dieselbe geschichtliche Wiederaufnahme der Bauarbeiten.
Eine weitere Ergänzung bietet Sacharja 4,6–10. Dort richtet Gott eine ermutigende Botschaft an Serubbabel. Die Vollendung des begonnenen Werkes soll nicht letztlich durch menschliche Macht oder Stärke geschehen, sondern durch Gottes Geist. Zugleich wird vor der Geringschätzung kleiner Anfänge gewarnt. Diese Worte erklären nicht, dass menschliche Arbeit unnötig wäre. Serubbabel musste weiterhin Verantwortung übernehmen, und die Bauleute mussten tatsächlich bauen. Die Verheißung weist vielmehr darauf hin, dass die Erfüllung von Gottes Absichten nicht allein von den sichtbaren Machtverhältnissen und den begrenzten Möglichkeiten des Menschen abhängt.
Auch Jeremia 29,10–14 gehört zum grundlegenden Verständnis der Wiederherstellung Jerusalems. Bereits vor der Rückkehr hatte Gott seinem Volk zugesagt, sich seiner nach der babylonischen Gefangenschaft wieder anzunehmen. Die Heimkehr war deshalb nicht lediglich das Ergebnis günstiger politischer Entwicklungen. Sie stand im Zusammenhang mit einer bereits ausgesprochenen göttlichen Verheißung. 2. Chronik 36,22–23 und Esra 1,1–4 berichten anschließend, dass Gott den Geist des Kyrus bewegte, damit dieser die Rückkehr und den Tempelbau ermöglichte. Die Verbindung macht deutlich, dass Gott seine Zusagen innerhalb realer geschichtlicher und politischer Verhältnisse zur Erfüllung bringt.
Für das Verständnis der königlichen Anklage ist Sprüche 18,17 besonders hilfreich. Dort wird daran erinnert, dass die Darstellung eines Streitfalles zunächst überzeugend erscheinen kann, bis die andere Seite gehört wird. Genau diese Gefahr wird in Esra 4 sichtbar. Die Gegner Jerusalems stützten ihre Beschwerden teilweise auf wirkliche geschichtliche Ereignisse, verbanden sie jedoch mit weitreichenden Vermutungen über künftige Aufstände. Der Spruch erklärt nicht unmittelbar das persische Verwaltungsverfahren, bietet aber einen wichtigen biblischen Maßstab: Ein gerechtes Urteil verlangt mehr als die Übernahme einer überzeugend vorgetragenen Anschuldigung.
Eine bedeutsame geschichtliche Fortsetzung findet sich in Nehemia 1,1–4 und 2,1–8. Nehemia erfährt von der Not Jerusalems und vom beschädigten Zustand seiner Befestigungen. Er reagiert mit Gebet und sucht anschließend beim persischen König die Erlaubnis, die Stadt wieder aufzubauen. Die königliche Genehmigung zeigt, dass die Wiederherstellung Jerusalems unter persischer Herrschaft weitere Entwicklungsmöglichkeiten erhielt. Zwischen dem Baustopp aus Esra 4 und Nehemias späterem Bauauftrag besteht ein nachvollziehbarer geschichtlicher Zusammenhang. Der Bibeltext legt allerdings nicht ausdrücklich fest, dass Nehemias Genehmigung die formelle Aufhebung genau desselben Schreibens war.
Schließlich eröffnet das Neue Testament eine weiterführende geistliche Perspektive auf das Haus Gottes. In Epheser 2,19–22 erklärt Paulus, dass die an Christus Glaubenden gemeinsam zu einer Wohnung Gottes im Geist aufgebaut werden. Christus selbst ist dabei der entscheidende Eckstein. Ähnlich beschreibt 1. Petrus 2,4–5 die Gläubigen als lebendige Steine, die zu einem geistlichen Haus aufgebaut werden. Diese Stellen sprechen nicht mehr vom Wiederaufbau des historischen Tempels in Jerusalem, sondern von der Gemeinde Jesu Christi. Sie dürfen deshalb nicht so behandelt werden, als hätten die einzelnen Bauvorgänge aus Esra 4 bereits unmittelbar jede spätere Erfahrung der christlichen Gemeinde vorausgesagt.
Dennoch besteht eine bedeutsame Verbindung: Gottes Gegenwart und die wahre Anbetung stehen im Mittelpunkt seines Handelns mit seinem Volk. Der Tempel in Jerusalem war innerhalb des alten Bundes der von Gott bestimmte Ort des Heiligtumsdienstes. Im Neuen Testament wird die Gemeinschaft der Gläubigen durch Jesus Christus als geistliches Haus beschrieben. Damit verändert sich die Gestalt des Gottesdienstes, während die grundlegende Frage nach der Zugehörigkeit zu Gott, der Treue zu seinem Wort und seiner Gegenwart bei seinem Volk bestehen bleibt.
Diese neutestamentliche Perspektive führt zugleich über jede rein äußere Vorstellung von Gottes Werk hinaus. Menschen können Gebäude errichten, Verwaltungsstrukturen schaffen und Aufgaben organisieren. Doch die eigentliche geistliche Gemeinschaft entsteht nicht durch menschliche Macht, sondern durch die Beziehung zu Jesus Christus. Er verbindet die Glaubenden mit Gott und miteinander. Deshalb darf aus Esra 4 keine einfache Gleichsetzung zwischen einer bestimmten heutigen Organisation und dem Tempel Israels abgeleitet werden. Der historische Bericht bewahrt seine eigene Bedeutung, während die neutestamentlichen Aussagen zeigen, worin die geistliche Mitte der Gemeinschaft mit Gott durch Christus besteht.
Wichtige Lektionen
Eine erste wichtige Lehre aus Esra 4 betrifft die Fähigkeit, zwischen hilfreicher Unterstützung und einer Zusammenarbeit zu unterscheiden, die grundlegende Überzeugungen gefährden könnte. Nicht jedes freundlich vorgetragene Angebot muss angenommen werden. Besonders dann, wenn eine gemeinsame Aufgabe unmittelbar die Verkündigung des Glaubens, die Gestaltung des Gottesdienstes oder die Verantwortung für biblische Lehren betrifft, ist sorgfältiges Prüfen notwendig. Entscheidend sollte nicht allein sein, ob eine Zusammenarbeit mehr Menschen, Geld oder Möglichkeiten eröffnet, sondern ob sie mit Gottes Wort und einem aufrichtigen Gewissen vereinbar ist.
Diese Wachsamkeit darf jedoch nicht zur grundsätzlichen Abwertung andersdenkender Menschen führen. Christen sind aufgerufen, ihren Mitmenschen mit Liebe, Geduld und Respekt zu begegnen. Sie können in vielen Bereichen des täglichen Lebens mit Menschen unterschiedlicher Überzeugungen zusammenarbeiten, ihnen helfen und gemeinsam Gutes tun. Eine Grenze entsteht dort, wo eine konkrete Zusammenarbeit verlangt, grundlegende Glaubensüberzeugungen aufzugeben oder in religiösen Fragen etwas als wahr anzuerkennen, was man nach sorgfältiger Prüfung der Schrift nicht vertreten kann. Geistliche Treue und menschliche Freundlichkeit sind deshalb keine Gegensätze, sondern gehören zusammen.
Eine zweite Lehre betrifft den Umgang mit Entmutigung. Wer über längere Zeit Widerstand erlebt, kann allmählich die Kraft verlieren, an einer wichtigen Aufgabe festzuhalten. Manchmal geschieht das nicht durch ein einzelnes großes Ereignis, sondern durch viele kleine Schwierigkeiten, wiederholte Kritik oder die Erfahrung, dass ein Vorhaben kaum Fortschritte macht. Esra 4 erinnert daran, wie stark solche Einflüsse auf die innere Haltung eines Menschen wirken können. Deshalb ist es wichtig, Entmutigung ernst zu nehmen, statt sie entweder zu verdrängen oder vorschnell als Zeichen mangelnden Glaubens zu verurteilen.
Eine hilfreiche Reaktion besteht darin, die eigene Lage vor Gott zu bringen und zugleich ehrlich zu prüfen, welche Handlungsmöglichkeiten tatsächlich bestehen. Vielleicht braucht es Unterstützung durch andere Menschen, eine veränderte Vorgehensweise, Geduld oder eine vorübergehende Unterbrechung. Ebenso kann es notwendig sein, eine Aufgabe erneut in Angriff zu nehmen, die aus Furcht oder Bequemlichkeit vernachlässigt wurde. Nicht jeder Widerstand muss sofort überwunden werden, und nicht jedes ursprüngliche Vorhaben muss unter allen Umständen unverändert fortgeführt werden. Entscheidend ist, Gottes Willen sorgfältig zu suchen und sich nicht allein von Angst oder Resignation leiten zu lassen.
Eine dritte Lehre ergibt sich aus dem Verhalten der Gegner Jerusalems. Worte können erhebliche Folgen haben, besonders wenn sie das Ansehen anderer Menschen beschädigen oder Entscheidungen einflussreicher Personen beeinflussen. Die Absender des Briefes an Artasasta verstanden es, geschichtliche Tatsachen mit Befürchtungen zu verbinden und dadurch eine politische Entscheidung gegen Jerusalem herbeizuführen. Diese Geschichte fordert dazu heraus, beim Reden über andere Menschen wahrhaftig und gerecht zu bleiben. Eine richtige Einzelinformation berechtigt nicht dazu, daraus unbegründete Anschuldigungen oder weitreichende Verdächtigungen abzuleiten.
Das gilt für das persönliche Miteinander ebenso wie für Entscheidungen innerhalb von Familien, Gemeinden und anderen Gemeinschaften. Wer eine Beschwerde hört, sollte nicht nur fragen, ob einzelne Tatsachen stimmen, sondern auch, ob die daraus gezogenen Schlussfolgerungen gerechtfertigt sind. Besonders gefährlich wird es, wenn frühere Fehler eines Menschen dazu benutzt werden, ihm dauerhaft schlechte Absichten zu unterstellen. Die Bibel ruft dazu auf, sorgfältig zu prüfen, die Beteiligten anzuhören und nicht vorschnell zu urteilen. Gerechtigkeit verlangt Wahrheit, Geduld und die Bereitschaft, die eigene Einschätzung zu korrigieren.
Eine vierte Lehre betrifft den Umgang mit Macht und Verantwortung. In Esra 4 konnten Menschen mit politischem Einfluss eine Entscheidung herbeiführen, die das Leben anderer erheblich beeinträchtigte. Wer über Autorität verfügt, trägt deshalb eine besondere Verantwortung dafür, wie er Informationen bewertet und seine Entscheidungen begründet. Macht allein macht eine Handlung nicht gerecht. Ob in einer staatlichen Verwaltung, in einer Gemeinde oder in persönlichen Beziehungen: Je größer der Einfluss eines Menschen ist, desto sorgfältiger sollte er darauf achten, andere nicht aufgrund einseitiger Darstellungen oder unbegründeter Befürchtungen zu benachteiligen.
Eine fünfte Lehre liegt in der ehrlichen Prüfung der eigenen Prioritäten. Die Verbindung zwischen Esra 4 und Haggai 1 macht deutlich, dass äußere Schwierigkeiten und persönliche Nachlässigkeit unterschiedliche Ursachen haben können, aber manchmal miteinander verbunden sind. Es ist möglich, dass ein Mensch zunächst durch tatsächliche Hindernisse von einer Aufgabe abgehalten wird und sich später an den entstandenen Zustand gewöhnt. Deshalb kann es hilfreich sein, sich von Zeit zu Zeit zu fragen, ob die Gründe für das eigene Zögern noch dieselben sind oder ob aus einer notwendigen Unterbrechung inzwischen eine bequeme Gewohnheit geworden ist.
Eine solche Selbstprüfung darf nicht dazu führen, jede Ruhepause als Untreue oder jede persönliche Sorge als Selbstsucht anzusehen. Gott kennt die Grenzen menschlicher Kraft. Er fordert keine gedankenlose Überforderung. Doch sein Wort hilft, zwischen wirklichen Grenzen und vermeidbarer Gleichgültigkeit zu unterscheiden. Wer erkennt, dass er eine wichtige Verantwortung vernachlässigt hat, muss nicht in Selbstvorwürfen stehen bleiben. Er darf Gottes Vergebung suchen, seine Prioritäten neu ordnen und dort wieder beginnen, wo ein sinnvoller nächster Schritt möglich ist.
Schließlich lehrt Esra 4, dass Vertrauen auf Gott nicht vom sofort sichtbaren Erfolg abhängig sein darf. Die zurückgekehrten Israeliten erlebten lange Verzögerungen, politische Eingriffe und einen unvollendeten Tempel. Dennoch führte Gott seine Geschichte mit ihnen weiter. Für den gläubigen Menschen bedeutet das nicht, dass jedes persönliche Ziel sicher erreicht wird oder dass alle Schwierigkeiten bereits in diesem Leben eine erkennbare Lösung finden müssen. Vielmehr besteht das Vertrauen darin, Gottes Wesen und seinen Verheißungen treu zu bleiben, auch wenn die eigene Lebenssituation noch keine vollständige Antwort erkennen lässt.
Dieses Vertrauen ist kein passives Abwarten. Die spätere Wiederaufnahme des Tempelbaus zeigt, dass Gottes Wort Menschen zum Handeln ermutigen kann. Glaube führt nicht dazu, Verantwortung aufzugeben, sondern dazu, sie in Abhängigkeit von Gott wahrzunehmen. Dazu gehören Gebet, sorgfältige Entscheidungen, die Bereitschaft zur Korrektur und der Mut, nach Rückschlägen einen neuen Anfang zu wagen.
So hinterlässt Esra 4 eine Botschaft, die sowohl ermutigt als auch herausfordert. Nicht jedes freundliche Angebot ist geistlich hilfreich. Nicht jeder Widerstand bedeutet, dass man auf dem falschen Weg ist. Nicht jede Verzögerung lässt sich allein durch äußere Umstände erklären. Und nicht jede mächtige Entscheidung ist deshalb schon gerecht, weil sie von einer anerkannten Autorität getroffen wurde.
In all diesen Fragen bleibt Gottes Wort der entscheidende Maßstab. Es hilft, Wahrheit von Täuschung, Treue von Starrsinn, Geduld von Gleichgültigkeit und berechtigte Vorsicht von unbegründeter Angst zu unterscheiden. Wer sich daran orientiert, muss die Zukunft nicht selbst beherrschen können. Er darf seine Verantwortung wahrnehmen und zugleich darauf vertrauen, dass Gottes Treue größer ist als die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten.
Der bleibende Trost dieses Kapitels besteht deshalb nicht in der Vorstellung eines Glaubenslebens ohne Schwierigkeiten. Er liegt in der Gewissheit, dass Gottes Verheißungen durch menschlichen Widerstand nicht ihre Gültigkeit verlieren. Auch wenn ein begonnenes Werk unterbrochen wird und sein Ausgang noch verborgen bleibt, dürfen Menschen auf Gottes Wort hören, in seiner Nähe bleiben und sich von ihm zu den Schritten führen lassen, die ihnen heute möglich sind.