Esra 3
Und da herbeikam der siebente Monat und die Kinder Israel nun in ihren Städten waren, kam das Volk zusammen wie ein Mann gen Jerusalem.
13 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Und da herbeikam der siebente Monat und die Kinder Israel nun in ihren Städten waren, kam das Volk zusammen wie ein Mann gen Jerusalem.
- 2 Und es machte sich auf Jesua, der Sohn Jozadaks, und seine Brüder, die Priester, und Serubabel, der Sohn Sealthiels, und seine Brüder und bauten den Altar des Gottes Israels, Brandopfer darauf zu opfern, wie es geschrieben steht im Gesetz Mose's, des Mannes Gottes,
- 3 und richteten zu den Altar auf seine Stätte (denn es war ein Schrecken unter ihnen vor den Völkern in den Ländern) und opferten dem HERRN Brandopfer darauf des Morgens und des Abends.
- 4 Und hielten der Laubhütten Fest, wie geschrieben steht, und taten Brandopfer alle Tage nach der Zahl, wie sich's gebührt, einen jeglichen Tag sein Opfer,
- 5 darnach auch die täglichen Brandopfer und der Neumonde und aller Festtage des HERRN, die geheiligt sind, und allerlei freiwillige Opfer, die sie dem HERRN freiwillig taten.
- 6 Am ersten Tage des siebenten Monats fingen sie an, dem HERRN Brandopfer zu tun. Aber der Grund des Tempels war noch nicht gelegt.
- 7 Sie gaben aber Geld den Steinmetzen und Zimmerleuten und Speise und Trank und Öl denen zu Sidon und zu Tyrus, daß sie Zedernholz vom Libanon aufs Meer gen Japho brächten nach dem Befehl des Kores, des Königs in Persien, an sie.
- 8 Im zweiten Jahr ihrer Ankunft am Hause Gottes zu Jerusalem, im zweiten Monat, fingen an Serubabel, der Sohn Sealthiels, und Jesua, der Sohn Jozadaks, und die übrigen ihrer Brüder, Priester und Leviten, und alle, die aus der Gefangenschaft gekommen waren gen und bestellten die Leviten von zwanzig Jahren und darüber, zu treiben das Werk am Hause des HERRN.
- 9 Und Jesua stand mit seinen Söhnen und Brüdern und Kadmiel mit seinen Söhnen, die Kinder Juda, wie ein Mann, vorzustehen den Arbeitern am Hause Gottes, desgleichen die Kinder Henadad mit ihren Kindern und Brüdern, den Leviten.
- 10 Und da die Bauleute den Grund legten am Tempel des HERRN, standen die Priester in ihren Kleidern mit Drommeten und die Leviten, die Kinder Asaph, mit Zimbeln, zu loben den HERRN mit dem Gedicht Davids, des Königs über Israel,
- 11 und sangen umeinander und lobten und dankten dem HERRN, daß er gütig ist und seine Barmherzigkeit ewiglich währet über Israel. Und alles Volk jauchzte laut beim Lobe des HERRN, daß der Grund am Hause des HERRN gelegt war.
- 12 Aber viele der alten Priester und Leviten und Obersten der Vaterhäuser, die das vorige Haus gesehen hatten, da nun dies Haus vor ihren Augen gegründet ward, weinten sie laut. Viele aber jauchzten mit Freuden, daß das Geschrei hoch erscholl,
- 13 also daß das Volk nicht unterscheiden konnte das Jauchzen mit Freuden und das laute Weinen im Volk; denn das Volk jauchzte laut, daß man das Geschrei ferne hörte.
Kapitelüberblick
Noch bevor der neue Tempel in Jerusalem gebaut ist, beginnt das zurückgekehrte Volk Israel damit, den Gottesdienst wiederherzustellen. Die Israeliten versammeln sich im siebten Monat, errichten den Altar und bringen Gott erneut die vorgeschriebenen Opfer dar. Sie feiern das Laubhüttenfest und nehmen die regelmäßigen Gottesdienste wieder auf.
Anschließend bereiten sie den Wiederaufbau des Tempels vor. Als schließlich seine Fundamente gelegt werden, erklingen Lobgesänge und Musikinstrumente. Das Volk preist Gottes Güte und seine beständige Gnade. Doch mitten in der Freude werden auch Tränen sichtbar. Während viele Menschen über den Neubeginn jubeln, weinen ältere Israeliten, die den ersten Tempel noch gesehen haben.
So erzählt Esra 3 von einer Gemeinschaft, die nach schweren Verlusten einen neuen Anfang wagt. Die Wiederherstellung Jerusalems ist dabei mehr als ein Bauvorhaben. Noch ehe das Heiligtum fertiggestellt ist, sucht das Volk wieder die Gemeinschaft mit Gott und richtet sein Leben nach seinem Wort aus.
Einführung
Hinter den Ereignissen steht eine Geschichte, die von Gericht, Vertreibung und einer überraschenden politischen Veränderung geprägt ist. Im Jahr 587/586 v. Chr. hatten die Babylonier Jerusalem erobert und den prächtigen Tempel Salomos zerstört. Viele Einwohner Judas waren in die Verbannung geführt worden. Damit verloren sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch den Ort, an dem seit Jahrhunderten der gemeinsame Gottesdienst seinen Mittelpunkt gehabt hatte.
Als der persische König Kyrus Babylon im Jahr 539 v. Chr. eroberte, veränderten sich die politischen Verhältnisse grundlegend. Er gestattete den Juden die Rückkehr und den Wiederaufbau des Tempels. Esra 1 berichtet von dieser Erlaubnis und von der Rückgabe heiliger Tempelgeräte. Das zweite Kapitel nennt die Familien und Gruppen, die sich auf den Weg in die Heimat machten.
Die Heimkehr bedeutete allerdings keine Wiederherstellung der früheren politischen Unabhängigkeit. Juda stand weiterhin unter persischer Herrschaft. Die Rückkehrer mussten sich unter veränderten Bedingungen eine neue Existenz aufbauen, und der einstige Tempel lag noch in Trümmern.
Zwei Männer übernehmen in dieser Zeit eine besonders wichtige Verantwortung: Jeschua, der Sohn Jozadaks, gehört zur priesterlichen Führung. Serubbabel, der Sohn Schealtiels, steht an der Spitze der weltlichen Leitung und wird später ausdrücklich als Statthalter Judas bezeichnet (Haggai 1,1). Beide begegnen uns bereits zu Beginn des dritten Kapitels.
Vor diesem Hintergrund erhält die Versammlung im siebten Monat ihre besondere Bedeutung. Dieser Monat war im israelitischen Festkalender von wichtigen Gottesdiensten geprägt (3. Mose 23,23–44). Die Rückkehrer knüpfen damit an die Glaubensgeschichte ihrer Vorfahren an. Von hier aus lässt sich verstehen, weshalb der Bericht zunächst ihre gemeinsame Versammlung und die Wiedererrichtung des Altars in den Mittelpunkt stellt.
Esra 3,1–3
Ein neuer Anfang: Gottesdienst trotz Angst und Unsicherheit
Nachdem die Israeliten aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt sind und sich in ihren Städten niedergelassen haben, geschieht etwas Bemerkenswertes. Als der siebte Monat beginnt, kommen sie gemeinsam nach Jerusalem. Der Bericht beschreibt ihre Versammlung mit den Worten, dass das Volk „wie ein Mann“ zusammenkam (Esra 3,1). Diese Formulierung bedeutet nicht, dass alle Menschen dieselben Gedanken oder persönlichen Erfahrungen hatten. Sie bringt vielmehr zum Ausdruck, dass sie sich trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Lebensumstände zu einer gemeinsamen Aufgabe vereinten. Die Familien waren inzwischen über verschiedene Städte verteilt, doch ihre Zugehörigkeit zum Volk Gottes verband sie miteinander. Jerusalem sollte wieder zum Mittelpunkt ihres gemeinschaftlichen Gottesdienstes werden. Die Wiederherstellung begann deshalb nicht mit einer politischen Machtdemonstration, sondern mit einer Versammlung von Menschen, die ihre gemeinsame Verantwortung vor Gott wahrnehmen wollten.
Der Zeitpunkt dieser Zusammenkunft war bedeutsam. Der siebte Monat, der im israelitischen Kalender ungefähr in die Monate September und Oktober fällt, gehörte zu den wichtigsten Zeiten des religiösen Jahres. In ihm lagen unter anderem der Versöhnungstag und das Laubhüttenfest (3. Mose 23,23–44). Beide erinnerten Israel auf unterschiedliche Weise daran, dass sein Leben von Gottes Vergebung, Führung und Fürsorge abhängig war. Nach den Jahrzehnten der Verbannung erhielt diese Zeit eine besondere Bedeutung. Die Rückkehrer standen vor der Aufgabe, ihren Glauben unter veränderten Bedingungen wieder gemeinsam zu leben. Sie besaßen weder die frühere politische Selbstständigkeit noch den prachtvollen Tempel Salomos. Doch die Möglichkeit, Gottes Wort zu hören und seinen Anweisungen zu folgen, war ihnen geblieben. Ihre Versammlung zeigt, dass die zerstörten äußeren Verhältnisse nicht das Ende ihrer geistlichen Geschichte bedeuten mussten.
In Vers 2 treten zwei Männer hervor, die bei diesem Neubeginn eine entscheidende Verantwortung übernehmen: Jesua, der Sohn Jozadaks, und Serubbabel, der Sohn Sealtiels. Jesua gehört zur priesterlichen Leitung und wird in Haggai 1,1 ausdrücklich als Hoherpriester bezeichnet. Serubbabel übernimmt die politische und organisatorische Führung der zurückgekehrten Gemeinschaft. An ihrer Seite stehen die Priester und weitere Angehörige ihrer Gruppen. Bemerkenswert ist, dass geistliche und gemeinschaftliche Verantwortung hier zusammenwirken. Die Priester haben die Aufgabe, den vorgeschriebenen Opferdienst auszuführen, während Serubbabel und seine Mitarbeiter die Wiederherstellung des öffentlichen Lebens mittragen. Der Gottesdienst ist damit nicht die Privatangelegenheit einiger besonders frommer Menschen. Er gehört zum gemeinsamen Leben des Volkes, für dessen Ordnung und Erneuerung verschiedene Verantwortliche zusammenarbeiten.
Ihre erste ausdrücklich genannte Bauaufgabe besteht darin, den Altar des Gottes Israels wiederherzustellen. Der Bericht erklärt auch, weshalb sie dies tun: Sie wollen darauf Brandopfer darbringen, wie es im Gesetz Moses vorgeschrieben ist. Damit erhält die Handlung einen klaren Maßstab. Die Rückkehrer entwickeln nicht einfach eine neue religiöse Ordnung nach ihren eigenen Vorstellungen, sondern orientieren sich an den Anweisungen, die Gott Israel durch Mose gegeben hatte. Besonders 2. Mose 29,38–42 und 4. Mose 28,3–8 beschreiben die regelmäßigen Brandopfer am Morgen und am Abend. Diese Opfer gehörten zum beständigen Gottesdienst Israels. Ihre Wiederaufnahme bedeutete, dass die Gemeinschaft bewusst an die von Gott gegebene Ordnung anknüpfte, obwohl der Tempel selbst noch nicht wieder aufgebaut war.
Das Brandopfer besaß innerhalb dieser Ordnung eine besondere Bedeutung. Nach 3. Mose 1 wurde das Opfertier, abgesehen von der Haut, vollständig auf dem Altar verbrannt. Anders als bei Opferarten, von denen bestimmte Teile gegessen werden durften, wurde das Brandopfer Gott ganz dargebracht. Es war ein Ausdruck der Hingabe und stand zugleich mit der Sühnung in Verbindung, also mit der von Gott vorgesehenen Wiederherstellung des durch Schuld belasteten Verhältnisses zwischen Mensch und Gott (3. Mose 1,3–4). Der Altar war deshalb nicht lediglich eine religiöse Einrichtung oder ein Zeichen nationaler Zusammengehörigkeit. An ihm wurde sichtbar, dass Israel auf Gottes Annahme und Vergebung angewiesen war. Gerade nach der Erfahrung des Exils, dessen geistliche Ursachen die Propheten wiederholt mit dem Ungehorsam des Volkes verbunden hatten, war die Rückkehr zum vorgeschriebenen Opferdienst von besonderem Gewicht. Sie brachte den Wunsch zum Ausdruck, das gemeinsame Leben wieder auf Gottes Bund und seine Weisungen auszurichten.
Eine zusätzliche Einzelheit in Vers 3 verdient Aufmerksamkeit. Die Männer errichten den Altar auf seiner bisherigen Grundfeste. Damit wird der neue Gottesdienst ausdrücklich mit dem früheren Heiligtum verbunden. Sie wählen nicht willkürlich einen anderen Ort, sondern stellen den Altar dort wieder her, wo bereits zuvor der Opferdienst seinen Platz gehabt hatte. Der Text sagt allerdings nicht, ob dabei noch erhaltene Bauteile des früheren Altars verwendet wurden. Entscheidend ist die Wiederherstellung des bisherigen heiligen Ortes. Die Rückkehrer beginnen keinen grundsätzlich anderen Glauben, sondern knüpfen an die Gottesverehrung an, die seit den Tagen ihrer Vorfahren in Jerusalem ihren Mittelpunkt besessen hatte. Der zerstörte Tempel hatte diese Geschichte unterbrochen, doch Gottes Bund mit seinem Volk war dadurch nicht bedeutungslos geworden.
Mitten in diesem hoffnungsvollen Neubeginn erwähnt der Bericht jedoch eine bedrückende Wirklichkeit: Auf den Israeliten lastete Furcht vor den Völkern der umliegenden Länder. Die Heimkehr hatte sie nicht in eine sichere und unangefochtene Umgebung geführt. Andere Bevölkerungsgruppen lebten in der Region, und die Rückkehrer mussten damit rechnen, dass ihre Vorhaben auf Widerstand stoßen könnten. Esra 3,3 nennt keine konkrete Bedrohungshandlung und erklärt auch nicht vollständig, weshalb die Angst gerade in diesem Zusammenhang hervorgehoben wird. Sie könnte die Rückkehrer besonders dazu bewegt haben, Gottes Hilfe zu suchen. Ebenso lässt der Bericht erkennen, dass sie den Altar trotz ihrer Furcht aufrichteten. Beide Beobachtungen schließen sich nicht aus. Sicher ist, dass die vorhandene Angst den Gottesdienst nicht verhinderte. Der weitere Verlauf des Buches wird zeigen, dass ihre Befürchtungen angesichts späterer Widerstände keineswegs grundlos waren.
Gerade hierin liegt eine wichtige geistliche Einsicht. Vertrauen auf Gott bedeutet nicht, dass ein Mensch keine Angst mehr empfindet oder alle Schwierigkeiten bereits überwunden hat. Die Rückkehrer warten nicht darauf, bis ihre politische Lage vollkommen gesichert ist. Sie beginnen mit dem, was ihnen Gottes Wort aufgetragen hat. Dabei versuchen sie nicht, ihre Unsicherheit durch eine selbst erfundene religiöse Handlung zu überwinden, sondern kehren zu dem Gottesdienst zurück, den Gott selbst eingesetzt hatte. Ihr Handeln erinnert an den Grundgedanken aus Psalm 56,4–5, wo der Beter angesichts seiner Furcht sein Vertrauen bewusst auf Gott richtet. Die Bedrohung wird dadurch nicht geleugnet, doch sie erhält nicht das letzte Wort über das Handeln des Glaubenden.
Am Ende von Vers 3 wird ausdrücklich berichtet, dass die Israeliten Brandopfer am Morgen und am Abend darbrachten. Diese Wiederholung ist wichtig, weil sie den Unterschied zwischen einer einmaligen feierlichen Handlung und einem dauerhaft wieder aufgenommenen Gottesdienst sichtbar macht. Der Altar wird nicht nur als Zeichen des Neubeginns errichtet; er wird tatsächlich für die regelmäßigen Opfer genutzt. Jeder neue Tag erhält damit seinen festen Platz im gemeinschaftlichen Dienst vor Gott. Die Rückkehrer hatten noch viele Schwierigkeiten vor sich, und der Wiederaufbau des Tempels stand erst am Anfang. Doch die ersten Schritte waren getan: Sie hatten sich versammelt, den Altar wiederhergestellt und den täglichen Opferdienst aufgenommen. Auf dieser Grundlage konnte nun auch das religiöse Leben mit seinen von Gott eingesetzten Festzeiten wieder geordnet werden.
Esra 3,4–6
Die Wiederherstellung der Opfer und Feste nach Gottes Wort
Mit der Errichtung des Altars war eine wichtige Voraussetzung geschaffen, um den gemeinsamen Gottesdienst wieder aufzunehmen. Doch die zurückgekehrten Israeliten beschränkten sich nicht auf die täglichen Opfer am Morgen und am Abend. In Vers 4 berichtet Esra, dass sie auch das Laubhüttenfest feierten, und hebt ausdrücklich hervor, dass dies nach den schriftlich überlieferten Vorschriften geschah. Damit begann die Gemeinschaft, nicht nur einzelne religiöse Handlungen wiederherzustellen, sondern das gesamte Leben ihrer Gottesverehrung erneut an den Ordnungen auszurichten, die Gott seinem Volk gegeben hatte. Die Rückkehr nach Jerusalem sollte nicht lediglich die äußeren Lebensverhältnisse verändern. Sie bot zugleich die Gelegenheit, den Bund mit Gott wieder ernst zu nehmen und jene Gottesdienste zu pflegen, die Israel über Generationen hinweg an seine Geschichte mit ihm erinnert hatten.
Das Laubhüttenfest gehörte zu den großen jährlichen Festen Israels. Nach 3. Mose 23,33–43 begann es am fünfzehnten Tag des siebten Monats und dauerte sieben Tage, gefolgt von einer besonderen heiligen Versammlung am achten Tag. Während des Festes sollten die Israeliten in Hütten aus Zweigen und anderen pflanzlichen Materialien wohnen. Diese vorübergehenden Unterkünfte erinnerten daran, dass ihre Vorfahren nach dem Auszug aus Ägypten durch die Wüste gezogen waren und dabei unter Gottes Fürsorge gelebt hatten. Das Fest verband somit die Erinnerung an die Vergangenheit mit dem Dank für die gegenwärtige Versorgung. Denn es wurde zugleich zur Zeit der eingebrachten Ernte gefeiert, wenn die Menschen die Früchte ihrer Arbeit gesammelt hatten (3. Mose 23,39). Sie sollten erkennen, dass die Erträge des Landes und ihre eigene Sicherheit nicht allein das Ergebnis menschlicher Anstrengung waren. Ihr Leben blieb von dem Gott abhängig, der Israel einst aus der Knechtschaft befreit und durch die Wüste geführt hatte.
Für die Menschen, die gerade aus der babylonischen Verbannung zurückgekehrt waren, besaß diese Erinnerung eine besondere Aktualität. Auch sie hatten ihre bisherige Umgebung verlassen und mussten unter unsicheren Verhältnissen einen neuen Anfang wagen. Die Erfahrungen ihrer Vorfahren waren nicht mit ihrer eigenen Situation gleichzusetzen, doch das Laubhüttenfest erinnerte sie an dieselbe grundlegende Wahrheit: Gott hatte sein Volk in der Vergangenheit geführt und versorgt. Seine Treue war nicht mit der Zerstörung Jerusalems zu Ende gegangen. Indem die Rückkehrer dieses Fest wieder begingen, bekannten sie sich zu der Geschichte ihres Volkes und zu dem Gott, dessen Verheißungen die Rückkehr überhaupt erst möglich gemacht hatten. Dabei ist eine Einzelheit zu beachten: Esra 3 beschreibt ausdrücklich die Feier des Festes und die vorgeschriebenen Opfer, berichtet jedoch nicht gesondert, dass die Menschen Laubhütten errichteten oder in ihnen wohnten. Diese Handlung gehörte zwar zu den mosaischen Festvorschriften, darf aber nicht als zusätzlich geschildertes Ereignis in den Bericht hineingelesen werden.
Der Verfasser legt besonderen Wert auf die genaue Durchführung der Opfer. Die Israeliten brachten, wie Vers 4 erklärt, an jedem Festtag die vorgeschriebene Zahl von Brandopfern dar. Dahinter steht eine detaillierte Ordnung, die insbesondere in 4. Mose 29,12–38 beschrieben wird. Dort wird festgelegt, welche Tiere an den einzelnen Tagen geopfert werden sollten. Auffällig ist, dass die Zahl der vorgeschriebenen Stiere während der sieben Festtage schrittweise abnahm, während andere Opferbestandteile nach ihrer jeweiligen Ordnung dargebracht wurden. Es handelte sich also nicht um eine beliebige Wiederholung derselben Handlung. Jeder Tag hatte seine eigenen Bestimmungen. Wenn Esra betont, dass die Opfer entsprechend ihrer vorgeschriebenen Anzahl dargebracht wurden, zeigt er, wie sorgfältig die Rückkehrer an die überlieferte Gottesdienstordnung anknüpften. Gerade weil die frühere Tempelanlage noch nicht wiederhergestellt war, wird deutlich, dass sie die bestehenden Schwierigkeiten nicht zum Anlass nahmen, die göttlichen Anweisungen nach eigenem Ermessen umzugestalten.
Vers 5 erweitert den Blick über das Laubhüttenfest hinaus. Nun werden das beständige Brandopfer, die Opfer an den Neumonden, die festgesetzten heiligen Feste des Herrn und die freiwilligen Opfergaben genannt. Diese Aufzählung macht deutlich, dass der wiederhergestellte Gottesdienst verschiedene Zeiträume des gemeinschaftlichen Lebens umfasste. Das tägliche Brandopfer gehörte zum Morgen und Abend. Die Neumondopfer standen am Anfang der jeweiligen Monate, wie es 4. Mose 28,11–15 vorschrieb. Hinzu kamen die besonderen Opfer der jährlichen Festtage, deren Bestimmungen unter anderem in 3. Mose 23 und 4. Mose 28–29 niedergelegt waren. Die Israeliten kehrten somit zu einer Ordnung zurück, in der einzelne Tage, Monate und die großen Festzeiten ihren festgelegten Platz hatten. Die Formulierung „danach“ in Vers 5 bedeutet dabei nicht, dass erst nach dem Laubhüttenfest überhaupt tägliche Brandopfer dargebracht wurden. Diese hatten bereits begonnen, wie Vers 3 ausdrücklich berichtet. Vielmehr fasst der Verfasser die verschiedenen Bestandteile des wieder aufgenommenen Opferdienstes zusammen.
Neben diesen vorgeschriebenen Opfern erwähnt Esra ausdrücklich die freiwilligen Gaben. Darin liegt eine bemerkenswerte Ergänzung. Nicht jede Opfergabe entstand allein aus einer festgelegten Pflicht. Das mosaische Gesetz sah auch Opfer vor, die Menschen aus eigenem Antrieb darbringen konnten, etwa als Ausdruck ihrer Dankbarkeit oder persönlichen Hingabe (3. Mose 22,18–23). Freiwilligkeit bedeutete allerdings nicht, dass die Art der Opferdarbringung völlig beliebig gewesen wäre. Auch freiwillige Opfer unterlagen bestimmten Vorschriften. Der Unterschied lag darin, dass ihr Anlass nicht durch einen regelmäßig vorgeschriebenen Termin bestimmt wurde. So standen im Gottesdienst Israels verbindliche Ordnungen und persönliche Bereitschaft nebeneinander. Die Gemeinschaft hatte gemeinsame Verpflichtungen vor Gott, doch zugleich blieb Raum für die Entscheidung des Einzelnen, seine Dankbarkeit durch eine zusätzliche Gabe auszudrücken.
In Vers 6 nennt der Verfasser schließlich einen genauen Zeitpunkt: Bereits am ersten Tag des siebten Monats hatten die Israeliten begonnen, dem Herrn Brandopfer darzubringen. Diese Angabe ist wichtig, weil das Laubhüttenfest selbst erst am fünfzehnten Tag dieses Monats begann. Vers 6 blickt also auf den Beginn des Opferdienstes zurück und verdeutlicht die zeitliche Reihenfolge. Zuerst wurde der Altar wiederhergestellt und der regelmäßige Opferdienst aufgenommen. Danach konnten auch die besonderen Opfer des Laubhüttenfestes dargebracht werden. Der erste Tag des siebten Monats war nach 3. Mose 23,23–25 ebenfalls ein besonderer Festtag, der durch Hörnerschall und eine heilige Versammlung gekennzeichnet war. Ob die Rückkehrer sämtliche zugehörigen Handlungen in der Weise vollzogen, wie das Gesetz sie beschrieb, berichtet Esra an dieser Stelle nicht im Einzelnen. Seine ausdrückliche Aussage konzentriert sich auf den Beginn der Brandopfer.
Am Schluss des sechsten Verses folgt eine Feststellung, die für das Verständnis des gesamten Kapitels entscheidend ist: Die Grundlage des Tempels des Herrn war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelegt. Damit unterscheidet Esra zwischen der Wiederherstellung des Opferdienstes und dem späteren Beginn des eigentlichen Tempelbaus. Der Altar konnte bereits verwendet werden, obwohl die neue Tempelanlage noch nicht existierte. Das bedeutet nicht, dass das Heiligtum für Israel unwichtig geworden wäre. Im Gegenteil: Die folgenden Verse zeigen, dass sein Wiederaufbau sorgfältig vorbereitet wurde. Doch die Unvollständigkeit des Gebäudes verhinderte nicht, dass die Gemeinschaft mit den bereits möglichen und vorgeschriebenen Gottesdiensten begann.
Diese Reihenfolge bewahrt vor einem wichtigen Missverständnis. Der Bericht lehrt nicht, dass äußere Ordnungen oder heilige Orte grundsätzlich bedeutungslos seien. Gott selbst hatte seinem Volk Vorschriften für den Gottesdienst und den Ort seiner Anbetung gegeben. Esra zeigt vielmehr, dass die Rückkehrer innerhalb ihrer begrenzten Möglichkeiten zuerst das taten, was bereits getan werden konnte. Sie warteten nicht auf die vollständige Wiederherstellung aller äußeren Verhältnisse, bevor sie Gott wieder gemeinsam dienten. Darin liegt eine bleibende Ermutigung für Menschen, deren Lebensumstände noch ungeordnet oder schwierig sind. Ein ernsthafter Neubeginn im Glauben muss nicht darauf warten, bis jedes äußere Problem gelöst ist. Er beginnt dort, wo ein Mensch Gottes Wort erkennt, ihm vertraut und bereit ist, die nächsten möglichen Schritte im Gehorsam zu gehen.
Mit der Wiederaufnahme der Opfer und Feste hatte die zurückgekehrte Gemeinschaft einen wesentlichen Teil ihres geistlichen Lebens neu geordnet. Nun rückte die Aufgabe in den Vordergrund, für den Gottesdienst auch wieder ein dauerhaftes Heiligtum zu errichten. Deshalb wendet sich der Bericht anschließend den praktischen Vorbereitungen für den Tempelbau zu.
Esra 3,7
Die Vorbereitungen für den Wiederaufbau des Tempels
Nachdem die zurückgekehrten Israeliten den Altar wiederhergestellt und den regelmäßigen Gottesdienst aufgenommen haben, richtet sich ihre Aufmerksamkeit auf die nächste große Aufgabe: den Wiederaufbau des Tempels. Was in Vers 7 beschrieben wird, wirkt auf den ersten Blick wie eine einfache Aufzählung von Baumaterialien, Handwerkern und Handelsvereinbarungen. Doch gerade diese Einzelheiten vermitteln einen wichtigen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Rückkehrer. Die Wiederherstellung des Heiligtums erforderte nicht nur Glauben und Entschlossenheit, sondern auch sorgfältige Planung, finanzielle Mittel und die Zusammenarbeit vieler Menschen. Aus der religiösen Hoffnung musste ein konkretes Bauvorhaben werden. Der Bericht zeigt, wie die Gemeinschaft diese Verantwortung praktisch wahrnahm.
Zunächst erfahren wir, dass die Israeliten den Steinmetzen und Zimmerleuten Geld gaben. Beide Berufsgruppen waren für den Tempelbau unverzichtbar. Die Steinmetzen bearbeiteten das benötigte Gestein, während die Zimmerleute für die Arbeiten mit Holz verantwortlich waren. Die Fundamente und Mauern mussten vorbereitet und errichtet werden, bevor das Gebäude seine endgültige Gestalt erhalten konnte. Der Verfasser erwähnt diese Arbeiten nicht ausführlich, doch die ausdrückliche Bezahlung der Handwerker macht deutlich, dass der Tempel nicht allein durch Begeisterung oder spontane Hilfsbereitschaft entstehen konnte. Fachkundige Menschen mussten beschäftigt und die notwendigen Leistungen vergütet werden. Die Gemeinschaft übernahm damit die wirtschaftliche Verantwortung für ein Vorhaben, das ihrem gemeinsamen Gottesdienst dienen sollte.
Dieser Umstand ist besonders bemerkenswert, wenn man die Lage der Heimkehrer berücksichtigt. Sie hatten erst begonnen, sich nach den Jahrzehnten der Verbannung wieder in ihrer Heimat einzurichten. Häuser, landwirtschaftliche Flächen und wirtschaftliche Lebensgrundlagen mussten neu geordnet werden. Das Buch Esra beschreibt nicht die Vermögensverhältnisse sämtlicher Rückkehrer, sodass man weder allgemeinen Wohlstand noch völlige Armut voraussetzen darf. Dennoch lässt sich erkennen, dass der Tempelbau erhebliche Mittel benötigte. Bereits Esra 1,4–6 berichtet von freiwilligen Gaben und materieller Unterstützung für die Rückkehr. Auch in Esra 2,68–69 werden Beiträge zum Wiederaufbau des Hauses Gottes erwähnt. Vers 7 zeigt nun, wie aus der grundsätzlichen Bereitschaft konkrete Ausgaben für die Bauarbeiten wurden. Die zuvor bereitgestellten Mittel dienten nicht lediglich als Zeichen religiöser Hingabe, sondern konnten für die tatsächliche Wiederherstellung des Heiligtums eingesetzt werden.
Neben den örtlichen Handwerkern werden die Menschen von Sidon und Tyrus genannt. Diese beiden bedeutenden Städte lagen an der Mittelmeerküste nördlich von Israel und waren für ihre Handelsverbindungen und ihre Erfahrung im Umgang mit Schiffen und Holz bekannt. Die Israeliten vereinbarten mit ihnen die Lieferung von Zedernholz aus dem Libanon. Als Gegenleistung stellten sie Lebensmittel, Getränke und Öl bereit. Anders als bei den Steinmetzen und Zimmerleuten wird für diese Handelspartner also nicht ausdrücklich eine Geldzahlung genannt. Der Text unterscheidet bewusst zwischen den jeweiligen Leistungen und Gegenleistungen. Solche Vereinbarungen zeigen, dass der Wiederaufbau nicht ausschließlich von den Fähigkeiten und natürlichen Ressourcen der unmittelbaren Umgebung Jerusalems abhängig war. Die Gemeinschaft nutzte auch wirtschaftliche Beziehungen zu Menschen außerhalb ihres eigenen Volkes.
Das Zedernholz aus dem Libanon war bereits zur Zeit Salomos ein bedeutendes Baumaterial für den Jerusalemer Tempel gewesen. In 1. Könige 5 wird berichtet, dass Salomo mit Hiram, dem König von Tyrus, Vereinbarungen über die Beschaffung von Holz traf. Die Bewohner der phönizischen Küstenregion verfügten über Erfahrung bei der Holzgewinnung und beim Transport großer Mengen Baumaterial. Auch damals erhielt Tyrus landwirtschaftliche Erzeugnisse als Gegenleistung. Esra 3,7 erinnert damit auffallend an die Vorbereitungen für den ersten Tempel. Wieder wird Holz aus dem Libanon benötigt, wieder sind Menschen aus der Küstenregion beteiligt, und wieder spielen wirtschaftliche Vereinbarungen eine wichtige Rolle. Die Einzelheiten der beiden Berichte stimmen nicht vollständig überein, sodass man keine identischen Handelsverträge voraussetzen darf. Dennoch ist die Verbindung deutlich: Der zweite Tempel sollte an jenem Ort entstehen, an dem bereits Salomos Heiligtum gestanden hatte, und die Beschaffung seines Baumaterials knüpfte an vertraute Wege aus der Geschichte Israels an.
Für die Rückkehrer war diese Verbindung zur Vergangenheit von besonderer Bedeutung. Der erste Tempel war unter Salomo mit großem Aufwand errichtet und später durch die Babylonier zerstört worden. Nun sollte an derselben Stätte wieder ein Haus für den Gottesdienst entstehen. Die erneute Verwendung von Zedernholz aus dem Libanon machte den zweiten Tempel nicht automatisch ebenso groß oder prachtvoll wie den ersten. Über die tatsächliche Größe und Ausstattung des neuen Gebäudes muss der weitere biblische Bericht entscheiden. Dennoch zeigt die Wiederaufnahme dieser Handelsbeziehungen, dass die Israeliten den Tempelbau als Fortsetzung ihrer bisherigen Glaubensgeschichte verstanden. Sie begannen keine völlig neue religiöse Einrichtung, sondern wollten das Heiligtum des Gottes Israels wiederherstellen.
Auch die Beschreibung des Transportweges ist aufschlussreich. Das Holz sollte vom Libanon über das Meer nach Japho gebracht werden. Dieser Ort, der später als Joppe und heute als Jaffa bekannt ist, lag an der Mittelmeerküste westlich von Jerusalem. Für den Transport großer Holzmengen bot der Seeweg eine wichtige Möglichkeit, weil schwere Baumstämme auf diese Weise über größere Entfernungen befördert werden konnten. Von der Küste aus mussten die Materialien anschließend ins Landesinnere gelangen, um auf der Baustelle in Jerusalem verwendet werden zu können. Wie dieser letzte Abschnitt des Transports im Einzelnen organisiert wurde, berichtet Esra nicht. Ebenso beschreibt er nicht die genaue Befestigung oder Anordnung der Stämme während der Seefahrt. Entscheidend ist die erkennbare Planung einer Transportverbindung zwischen den Wäldern des Libanon und dem Wiederaufbau in Jerusalem.
Am Ende des Verses nennt der Verfasser eine weitere Voraussetzung für diese Arbeiten: Sie geschahen mit der Erlaubnis des persischen Königs Kores, der auch unter dem Namen Kyrus bekannt ist. Damit erinnert Esra an die politischen Ereignisse, die bereits im ersten Kapitel seines Buches beschrieben wurden. Kyrus hatte den Juden gestattet, nach Jerusalem zurückzukehren und das Haus ihres Gottes wieder aufzubauen (Esra 1,1–4). Diese königliche Genehmigung schuf die rechtliche Grundlage dafür, dass der Tempelbau innerhalb des Perserreiches stattfinden konnte. Die Rückkehrer handelten also nicht als unabhängiger Staat, der nach eigenem Belieben über alle wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten bestimmen konnte. Sie lebten unter persischer Herrschaft und nutzten die Möglichkeiten, die ihnen durch die Entscheidung des Königs eröffnet worden waren.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Esra 3,7 berichtet, dass die Beschaffung des Holzes aufgrund der königlichen Erlaubnis erfolgen konnte. Der Vers sagt jedoch nicht, dass Kyrus sämtliche Baukosten persönlich übernahm oder jede einzelne Handelsvereinbarung selbst ausgehandelt hatte. Die unmittelbare wirtschaftliche Verantwortung wird vielmehr bei den Israeliten sichtbar, die den Handwerkern Geld und den Handelspartnern entsprechende Güter zur Verfügung stellten. Die königliche Zustimmung und die eigene Einsatzbereitschaft des Volkes wirkten somit zusammen. Die politische Erlaubnis eröffnete eine Möglichkeit, doch die praktische Durchführung erforderte weiterhin menschliches Handeln.
Diese Verbindung zwischen Gottes Vorsehung und menschlicher Verantwortung durchzieht die gesamte Rückkehrgeschichte. Bereits in Esra 1,1 wird die Entscheidung des Kyrus in den Zusammenhang mit Gottes Wort durch den Propheten Jeremia gestellt. Der biblische Verfasser versteht die politische Veränderung also nicht als ein Geschehen, das außerhalb von Gottes Handeln steht. Gleichzeitig hebt diese göttliche Führung die Verantwortung der Rückkehrer nicht auf. Sie müssen sich auf den Weg machen, sich in ihrer Heimat niederlassen, Opfer darbringen, Baumaterial beschaffen und Arbeiter beschäftigen. Gottes Verheißung wird nicht als Begründung für Untätigkeit verstanden. Vielmehr eröffnet sie einen Weg, auf dem die Menschen selbst handeln müssen.
In diesem Zusammenhang erhält auch die Beteiligung der Menschen von Sidon und Tyrus ihre Bedeutung. Sie gehörten nicht selbstverständlich zur israelitischen Bundesgemeinschaft, und Esra berichtet an dieser Stelle nichts über ihren persönlichen Glauben. Dennoch wurden ihre Kenntnisse und wirtschaftlichen Möglichkeiten für den Bau des Tempels genutzt. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass alle Beteiligten dieselben religiösen Überzeugungen besaßen. Wohl aber wird sichtbar, dass Gott seine Absichten innerhalb einer Geschichte verwirklicht, in der unterschiedliche Menschen, Völker und politische Verhältnisse eine Rolle spielen. Schon beim ersten Tempel hatte Israel auf die Fähigkeiten ausländischer Handwerker und Händler zurückgegriffen. Nun begegnet uns beim zweiten Tempel eine vergleichbare Zusammenarbeit.
Vers 7 macht damit einen wichtigen Unterschied zwischen dem Ziel eines geistlichen Werkes und den Mitteln seiner praktischen Durchführung erkennbar. Der Tempel sollte dem Gottesdienst dienen, doch seine Errichtung erforderte gewöhnliche menschliche Tätigkeiten: Planung, handwerkliche Arbeit, Handel, Transport und verantwortlichen Umgang mit vorhandenen Mitteln. Diese Tätigkeiten waren nicht weniger notwendig, weil das Gebäude einem heiligen Zweck dienen sollte. Der Bericht stellt sie vielmehr als selbstverständliche Bestandteile des Wiederaufbaus dar.
Darin liegt auch eine geistliche Lehre, die über die damalige Situation hinausweist. Wer Gott dienen möchte, darf die praktischen Aufgaben, die mit dieser Verantwortung verbunden sind, nicht geringschätzen. Guter Wille ersetzt weder sorgfältige Vorbereitung noch Zuverlässigkeit im Umgang mit Menschen und materiellen Gütern. Zugleich macht wirtschaftliche Leistungsfähigkeit allein ein Vorhaben noch nicht zu einem Werk Gottes. Entscheidend bleibt, welchem Ziel die eingesetzten Mittel dienen und ob das Handeln mit Gottes Willen übereinstimmt. Die Rückkehrer hatten den Gottesdienst nach den Anweisungen des Gesetzes wieder aufgenommen. Nun verwendeten sie ihre Möglichkeiten, um auch den Ort dieser Gottesverehrung wieder aufzubauen.
So bildet Vers 7 die Verbindung zwischen dem bereits begonnenen Opferdienst und der unmittelbar folgenden Grundlegung des Tempels. Was bisher vor allem in der Versammlung des Volkes und der Wiederherstellung des Altars sichtbar geworden war, nahm nun die Gestalt eines organisierten Bauvorhabens an. Das notwendige Material wurde beschafft, Handwerker wurden bezahlt, und die königliche Erlaubnis gab den äußeren rechtlichen Rahmen vor. Damit waren wesentliche Vorbereitungen getroffen, um im nächsten Schritt unter der Leitung Serubbabels, Jesuas und der Leviten mit dem eigentlichen Tempelbau zu beginnen.
Esra 3,8–9
Gemeinsam bauen: Verantwortung, Ordnung und Zusammenarbeit
Nachdem die notwendigen Vorbereitungen getroffen worden waren, begann die zurückgekehrte Gemeinschaft mit der eigentlichen Arbeit am Tempel. Esra nennt dafür in Vers 8 einen genauen Zeitpunkt: den zweiten Monat des zweiten Jahres nach ihrer Ankunft beim Haus Gottes in Jerusalem. Diese Angabe ist bemerkenswert, weil sie den Beginn der Bauarbeiten ausdrücklich mit der Rückkehr des Volkes verbindet. Der Verfasser zählt hier nicht einfach die Jahre eines persischen Königs, sondern orientiert sich an einem Ereignis, das für die Israeliten einen tiefgreifenden Einschnitt in ihrer Geschichte bedeutete. Die Heimkehr aus der Verbannung war zum Ausgangspunkt eines neuen Abschnitts ihres gemeinsamen Lebens geworden. Nun sollte an dem Ort, an dem einst Salomos Tempel gestanden hatte, wieder ein Heiligtum entstehen. Der bereits aufgenommene Gottesdienst erhielt damit die Aussicht auf eine dauerhafte räumliche Grundlage.
Auch die Erwähnung des zweiten Monats verdient Aufmerksamkeit. Nach 1. Könige 6,1 und 2. Chronik 3,2 begann Salomo den Bau des ersten Tempels ebenfalls im zweiten Monat. Zwischen beiden Ereignissen liegt eine lange und schmerzhafte Geschichte. Der erste Tempel war unter einem mächtigen israelitischen Königreich entstanden, während der zweite Tempel von einer vergleichsweise kleinen Gemeinschaft unter persischer Oberherrschaft errichtet werden sollte. Dennoch begegnet uns dieselbe Monatsangabe. Ob die Rückkehrer den zweiten Monat bewusst wählten, um an Salomos Baubeginn anzuknüpfen, sagt Esra nicht ausdrücklich. Die zeitliche Übereinstimmung lässt sich jedoch als bemerkenswerte Verbindung zwischen beiden Tempelbauten erkennen. Der neue Bau stand in der Geschichte des früheren Heiligtums, ohne dessen politische und wirtschaftliche Voraussetzungen wiederherstellen zu können.
An der Spitze des Unternehmens nennt der Verfasser erneut Serubbabel, den Sohn Sealtiels, und Jesua, den Sohn Jozadaks. Beide waren bereits an der Wiedererrichtung des Altars beteiligt gewesen. Ihre erneute Erwähnung verbindet den begonnenen Opferdienst mit dem nun einsetzenden Tempelbau. Dabei ergänzten sich ihre Verantwortungsbereiche. Serubbabel gehörte zur politischen Führung der Rückkehrer und wird in Haggai 1,1 als Statthalter Judas bezeichnet. Jesua war Hoherpriester und trug eine besondere Verantwortung für den Gottesdienst. Dass beide gemeinsam genannt werden, zeigt, wie eng die Wiederherstellung des Heiligtums mit der Ordnung des gesamten Gemeinschaftslebens verbunden war. Es ging nicht lediglich um die Errichtung eines öffentlichen Gebäudes, sondern um den Ort, an dem die Israeliten künftig wieder gemeinsam Gott dienen sollten.
Der Bericht beschränkt die Verantwortung jedoch keineswegs auf diese beiden Männer. Ausdrücklich werden auch ihre Brüder, die Priester, die Leviten und alle erwähnt, die aus der Gefangenschaft nach Jerusalem zurückgekehrt waren. Diese umfassende Beschreibung macht deutlich, dass der Tempelbau als gemeinschaftliches Unternehmen verstanden wurde. Nicht jeder musste dieselbe Tätigkeit ausführen, und der Text behauptet auch nicht, dass sämtliche Rückkehrer persönlich Steine bearbeiteten oder Holz verbauten. Vielmehr wird die gesamte Gemeinschaft als Trägerin des Vorhabens vorgestellt. Unterschiedliche Menschen übernahmen unterschiedliche Aufgaben, doch das Ziel verband sie miteinander. Was dem Gottesdienst des ganzen Volkes dienen sollte, wurde auch zu einer gemeinsamen Verantwortung.
Diese Form der Zusammenarbeit erhält durch eine besondere organisatorische Entscheidung eine feste Ordnung. Die Verantwortlichen bestimmten Leviten, die zwanzig Jahre und älter waren, um die Arbeiten am Haus des Herrn zu beaufsichtigen. Die Altersangabe ist keine nebensächliche Einzelheit. Sie zeigt, dass die Bauleitung nach einer festgelegten Regel organisiert wurde. Nicht jeder wurde ohne Unterschied mit der Aufsicht betraut, sondern Angehörige einer bestimmten Dienstgruppe wurden ab einem festgelegten Alter für diese Verantwortung eingesetzt. Die Leviten besaßen innerhalb Israels besondere Aufgaben im Zusammenhang mit dem Heiligtum. Ihr Dienst umfasste jedoch nicht in jeder geschichtlichen Phase dieselben Tätigkeiten oder dieselben Altersgrenzen.
Gerade deshalb ist ein Vergleich mit den früheren Vorschriften aufschlussreich. In 4. Mose 4 werden für bestimmte Aufgaben am Heiligtum Leviten im Alter von dreißig bis fünfzig Jahren gezählt. In 4. Mose 8,24 beginnt die entsprechende Dienstfähigkeit dagegen bereits mit fünfundzwanzig Jahren. Später beschreibt 1. Chronik 23,24–27 eine Ordnung unter David, nach der Leviten ab zwanzig Jahren für Aufgaben am Haus des Herrn berücksichtigt wurden. Die Unterschiede zeigen, dass die biblischen Angaben nicht ohne Weiteres als eine einzige, zu allen Zeiten unveränderte Altersregel gelesen werden dürfen. Sie stehen in unterschiedlichen Zusammenhängen und betreffen verschiedene Formen des Dienstes. Für Esra 3 ist besonders wichtig, dass die Leviten ausdrücklich zur Aufsicht über die Bauarbeiten eingesetzt wurden. Der Vers behandelt nicht allgemein das Mindestalter für jede priesterliche oder levitische Handlung.
Die Erwähnung des zwanzigsten Lebensjahres stellt eine Verbindung zu den späteren Ordnungen Davids her. Nach 1. Chronik 23 hatte David den Dienst der Leviten neu gegliedert, als der Bau des Tempels vorbereitet wurde. Dort wird unter anderem zwischen Aufgaben am Heiligtum, Verwaltungsdiensten und musikalischem Lobpreis unterschieden. Auch in Esra 3 begegnet uns eine geordnete Verteilung der Verantwortung. Dabei sollte man nicht behaupten, dass die Rückkehrer nachweislich jedes Einzelmerkmal der damaligen Organisation Davids vollständig wiederherstellten. Wohl aber zeigt die entsprechende Altersgrenze, dass ihre Entscheidung innerhalb der überlieferten Geschichte des Tempeldienstes einen nachvollziehbaren Anknüpfungspunkt besaß. Der neue Anfang sollte nicht durch eine beliebige Ordnung geprägt werden.
Warum gerade Leviten die Bauarbeiten beaufsichtigten, lässt sich aus ihrer besonderen Beziehung zum Heiligtum verstehen. Bereits während der Wüstenwanderung waren ihnen wichtige Aufgaben im Zusammenhang mit der Stiftshütte anvertraut worden. Nach 4. Mose 3 und 4 mussten sie verschiedene Bestandteile des Heiligtums tragen, bewahren und für den Transport vorbereiten. Später veränderte sich ihr Aufgabenbereich, weil der Tempel einen festen Standort erhielt. Die grundsätzliche Verbindung zwischen ihrem Dienst und dem Heiligtum blieb jedoch bestehen. Wenn nun Angehörige dieser Gruppe die Arbeiten am Tempel beaufsichtigten, wurde der Bau nicht als gewöhnliches Vorhaben behandelt, das unabhängig vom Gottesdienst organisiert werden konnte.
Dabei bedeutet Aufsicht nicht notwendigerweise, dass die Leviten sämtliche handwerklichen Einzelheiten selbst ausführten oder über jede technische Fachkenntnis verfügten. Bereits Vers 7 hatte ausdrücklich Steinmetzen und Zimmerleute erwähnt, die für ihre Leistungen bezahlt wurden. Zwischen diesen Facharbeitern und den levitischen Aufsehern bestand eine sinnvolle Aufgabenverteilung. Die Handwerker waren für die praktische Ausführung ihrer jeweiligen Arbeiten zuständig. Die Leviten übernahmen die Verantwortung, das gemeinsame Werk zu beaufsichtigen. Welche einzelnen Entscheidungen sie dabei trafen und wie die tägliche Arbeitsorganisation im Detail aussah, beschreibt der Text nicht. Sicher ist jedoch, dass die Bauarbeiten nicht sich selbst überlassen wurden, sondern unter einer geordneten Leitung standen.
Vers 9 führt diesen Gedanken weiter und nennt mehrere Personen und Familiengruppen, die sich gemeinsam an der Aufsicht beteiligten. Erwähnt werden Jesua mit seinen Söhnen und Brüdern, Kadmiel mit seinen Söhnen sowie die Angehörigen der Familie Henadads. Die Aufzählung zeigt, dass die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wurde. Die Bauleitung war nicht ausschließlich einem einzelnen Mann übertragen, dessen persönliche Fähigkeiten über den gesamten Fortgang des Unternehmens entschieden hätten. Stattdessen begegnet uns eine Zusammenarbeit verschiedener Angehöriger des levitischen Dienstes.
Bei den Namen ist allerdings eine Unterscheidung notwendig. Der in Vers 8 genannte Jesua ist der Sohn Jozadaks und gehört zur hohepriesterlichen Führung. Der Jesua aus Vers 9 wird dagegen gewöhnlich mit dem gleichnamigen Angehörigen einer levitischen Familie in Esra 2,40 verbunden. Dort werden Jesua und Kadmiel gemeinsam in der Liste der zurückgekehrten Leviten genannt. Dass im selben Kapitel zweimal der Name Jesua erscheint, bedeutet also nicht zwingend, dass in beiden Fällen dieselbe Person gemeint ist. Gleiche Namen konnten von verschiedenen Menschen getragen werden. Für das Verständnis von Vers 9 ist deshalb der unmittelbare Zusammenhang mit den levitischen Aufsehern und der früheren Rückkehrerliste besonders wichtig.
Eine weitere Schwierigkeit betrifft die Familienbezeichnung bei Kadmiel. Die Schlachter-Bibel von 1951 spricht von den Söhnen Hodavjas. Im überlieferten hebräischen Text von Esra 3,9 steht dagegen eine Namensform, die gewöhnlich mit „Söhne Judas“ wiedergegeben wird. Da Esra 2,40 Jesua und Kadmiel mit Hodavja verbindet und Nehemia 7,43 eine verwandte Namensform überliefert, verstehen verschiedene Ausleger die Angabe in Esra 3,9 als eine abweichende Überlieferung desselben Familiennamens. Diese Erklärung ist gut begründet, lässt sich aber nicht allein aus der Formulierung von Vers 9 endgültig beweisen. Entscheidend für den Zusammenhang ist, dass der Verfasser Angehörige levitischer Familien nennt, die gemeinsam die Verantwortung für die Arbeiten übernahmen. Die Unsicherheit über die genaue Namensform verändert diese grundlegende Aussage nicht.
Auch die Söhne Henadads werden ausdrücklich in die gemeinsame Arbeit einbezogen. Ihre Familie begegnet später erneut im Buch Nehemia. In Nehemia 3,18 und 3,24 werden Angehörige dieser Familie im Zusammenhang mit den Arbeiten an der Stadtmauer Jerusalems genannt. Die Stellen zeigen, dass dieser Familienname auch in der späteren Wiederaufbaugeschichte eine Rolle spielt. Daraus darf allerdings nicht ohne zusätzliche Belege geschlossen werden, dass dieselben einzelnen Männer sowohl an der Grundlegung des Tempels als auch Jahrzehnte später an der Stadtmauer gearbeitet hätten. Der biblische Bericht spricht von Angehörigen einer Familie, deren Name über längere Zeit erhalten blieb. Für Esra 3,9 ist wesentlich, dass auch diese levitische Gruppe am gemeinsamen Dienst beteiligt war.
Besonders eindrucksvoll ist die Beschreibung ihrer Zusammenarbeit. Vers 9 sagt, dass sie „wie ein Mann“ antraten, um den Arbeitern am Haus Gottes vorzustehen. Damit begegnet uns nahezu derselbe Gedanke, mit dem das Kapitel begonnen hatte. In Vers 1 war das Volk wie ein Mann nach Jerusalem gekommen. Nun handeln die verantwortlichen Leviten ebenfalls in dieser Einmütigkeit. Die Wiederholung verbindet die geistliche Versammlung mit der praktischen Ausführung des Tempelbaus. Zuerst zeigt sich die Einheit darin, dass das Volk gemeinsam vor Gott tritt. Anschließend wird sie im verantwortlichen Zusammenwirken bei der Arbeit sichtbar.
Diese Verbindung ist bedeutsam, weil gemeinschaftlicher Glaube mehr umfasst als die Teilnahme an einer religiösen Versammlung. Die Rückkehrer hatten sich in Jerusalem versammelt, den Altar wiederhergestellt und den Opferdienst aufgenommen. Nun mussten sie beweisen, dass ihre gemeinsame Ausrichtung auch im alltäglichen Handeln tragfähig war. Ein Bauvorhaben, an dem unterschiedliche Familien, Verantwortliche und Berufsgruppen beteiligt sind, benötigt Abstimmung, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, sich einem gemeinsamen Ziel unterzuordnen. Die Formulierung „wie ein Mann“ beschreibt dabei die Einigkeit ihres Handelns. Sie bedeutet nicht, dass unterschiedliche Aufgaben, Begabungen oder Verantwortungsbereiche aufgehoben worden wären. Gerade die vorherige Aufzählung verschiedener Gruppen zeigt, dass ihre Einheit innerhalb einer geordneten Vielfalt bestand.
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte Verbindung zu einem Grundgedanken des Neuen Testaments. Paulus beschreibt in 1. Korinther 12,12–27 die Gemeinde als einen Leib mit vielen Gliedern. Die einzelnen Glieder haben unterschiedliche Aufgaben, gehören aber zusammen und sind aufeinander angewiesen. Diese neutestamentliche Darstellung ist keine direkte Auslegung der historischen Bauarbeiten in Esra 3. Sie verdeutlicht jedoch ein verwandtes biblisches Prinzip: Gemeinsamkeit bedeutet nicht, dass alle Menschen dasselbe tun müssen. Eine Gemeinschaft wird gerade dadurch handlungsfähig, dass unterschiedliche Begabungen und Verantwortungen auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden. In Esra 3 lässt sich dieses Prinzip an einem konkreten geschichtlichen Ereignis erkennen.
Auch die Bedeutung verantwortlicher Leitung wird in diesen Versen sichtbar. Serubbabel und Jesua übernehmen übergeordnete Aufgaben, die Leviten beaufsichtigen die Arbeiten, und die Handwerker führen ihre jeweiligen Tätigkeiten aus. Der Bericht macht keine Einzelheiten über die persönliche Befähigung jedes Beteiligten, doch er zeigt eine erkennbare Ordnung. Das Werk wird nicht allein durch die Anwesenheit bedeutender Führungspersönlichkeiten getragen. Es braucht ebenso die Bereitschaft anderer Menschen, konkrete Aufgaben zuverlässig zu übernehmen. Die Leitung besteht ihrerseits nicht nur aus einer herausgehobenen Stellung, sondern aus der Verantwortung für das Gelingen des gemeinsamen Unternehmens.
In diesem Zusammenhang ist auch die Formulierung „Haus Gottes“ wichtig. Sie erinnert daran, weshalb die gesamte Arbeit überhaupt unternommen wurde. Das Gebäude sollte nicht in erster Linie den Ruhm Serubbabels, Jesuas oder einer einzelnen Familie vergrößern. Sein Zweck war der Gottesdienst. Dadurch erhielt auch die Tätigkeit der Handwerker und Aufseher ihren besonderen Zusammenhang. Die Menschen arbeiteten mit Steinen, Holz und den gewöhnlichen Mitteln ihrer Zeit. Doch das Ergebnis sollte einem Zweck dienen, der weit über die handwerklichen Tätigkeiten hinausreichte. Die tägliche Arbeit und die geistliche Zielsetzung standen hier nicht gegeneinander, sondern gehörten zusammen.
Allerdings darf man aus dieser Geschichte nicht ableiten, dass jedes religiöse Bauprojekt bereits deshalb Gottes ausdrücklicher Wille sei, weil Menschen es mit großem Einsatz verfolgen. Die Rückkehrer handelten innerhalb eines besonderen geschichtlichen Auftrags. Der Wiederaufbau des Tempels war mit der Rückkehr aus der Verbannung, der königlichen Erlaubnis und der Wiederherstellung des von Gott eingesetzten Gottesdienstes verbunden. Die praktische Anwendung liegt deshalb nicht darin, jede spätere Bauentscheidung mit demselben Anspruch auszustatten. Vielmehr zeigt der Bericht, wie wichtig Treue, Zusammenarbeit und verantwortliche Organisation sind, wenn Menschen eine Aufgabe erfüllen wollen, die sie als ihren Dienst vor Gott erkannt haben.
So erzählen die Verse 8 und 9 von einem entscheidenden Übergang. Aus den Vorbereitungen wird ein geordnetes gemeinschaftliches Werk. Die Rückkehrer haben nicht nur den Wunsch, den Tempel wieder aufzubauen. Sie setzen Verantwortliche ein, berücksichtigen die überlieferten Ordnungen des Heiligtums und sorgen dafür, dass die Bauarbeiten unter gemeinsamer Aufsicht beginnen können. Die namentliche Erwähnung mehrerer Familien macht sichtbar, dass der Wiederaufbau von Menschen getragen wurde, die bereit waren, ihren Teil beizutragen. Die Einheit, die sich am Anfang des Kapitels in der gemeinsamen Versammlung gezeigt hatte, bewährte sich nun in der Zusammenarbeit.
Damit war der Weg für ein Ereignis vorbereitet, auf das die Rückkehrer mit großer Erwartung blickten. Nachdem die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen waren und die Arbeiten begonnen hatten, konnten die Fundamente des neuen Tempels gelegt werden. Was bislang vor allem eine Hoffnung und ein gemeinsam getragenes Vorhaben gewesen war, wurde nun sichtbar. Die Grundlegung sollte deshalb nicht still und unbeachtet vorübergehen. Sie wurde zum Anlass eines öffentlichen Gotteslobes, bei dem Priester, Leviten und das versammelte Volk ihre Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck brachten.
Esra 3,10–11
Gottes Güte wird gepriesen: Die Grundlegung des Tempels
Nun war der Augenblick gekommen, auf den die zurückgekehrten Israeliten hingearbeitet hatten. Die Vorbereitungen waren getroffen, die Handwerker hatten ihre Arbeit aufgenommen, und die verantwortlichen Leviten waren eingesetzt worden. Als die Bauleute schließlich die Fundamente des Tempels legten, wurde dieses Ereignis zu einem Anlass großer Freude und gemeinsamer Anbetung. Was zuvor nur als Hoffnung, Verheißung und Bauplan bestanden hatte, nahm nun sichtbare Gestalt an. An der Stelle, an der einst der prächtige Tempel Salomos gestanden hatte, entstand wieder die Grundlage eines Hauses für den Gottesdienst. Für Menschen, deren Geschichte von der Zerstörung Jerusalems und der langen Verbannung geprägt war, bedeutete dieser Augenblick weit mehr als den Beginn eines gewöhnlichen Bauwerks. Die Grundlegung zeigte ihnen, dass die Wiederherstellung ihres gemeinsamen religiösen Lebens einen weiteren entscheidenden Schritt vorangekommen war.
Dabei ist wichtig, dass Esra ausdrücklich von der Grundlegung und noch nicht von der Fertigstellung des Tempels berichtet. Die Mauern waren nicht vollständig errichtet, die Innenräume noch nicht eingerichtet und der regelmäßige Tempeldienst in seiner früheren Gestalt noch nicht wiederhergestellt. Die Rückkehrer feierten deshalb kein vollendetes Werk. Ihre Freude galt einem Anfang, dessen weitere Entwicklung noch vor ihnen lag. Gerade darin liegt eine bemerkenswerte Aussage. Die Menschen warteten nicht, bis jedes Hindernis überwunden und das gesamte Bauvorhaben abgeschlossen war, bevor sie Gott dankten. Schon die Tatsache, dass die Fundamente gelegt werden konnten, war für sie ein Grund, seine Güte anzuerkennen. Die Grundlegung gab ihrer Hoffnung eine sichtbare Grundlage, ohne bereits die Erfüllung aller Erwartungen darzustellen.
Zu diesem Anlass traten die Priester in ihren vorgeschriebenen Gewändern auf und nahmen ihre Trompeten zur Hand. Dass der Verfasser ihre Kleidung ausdrücklich erwähnt, unterstreicht den feierlichen Charakter des Geschehens. Sie standen dort nicht einfach als Zuschauer einer Baustelle, sondern nahmen ihre besondere Aufgabe als Diener des Heiligtums wahr. Ihre Gewänder machten ihre Zugehörigkeit zum Priesterdienst erkennbar. Die Trompeten waren ebenfalls keine zufällig gewählten Musikinstrumente. Bereits in 4. Mose 10,1–10 hatte Gott Mose angewiesen, zwei silberne Trompeten herstellen zu lassen. Sie dienten unter anderem dazu, das Volk zusammenzurufen, besondere Ereignisse anzuzeigen und die Opfer an Festtagen zu begleiten. Das Blasen dieser Instrumente war den Priestern anvertraut. Wenn nun bei der Grundlegung des Tempels Priester mit Trompeten erscheinen, knüpft die Gemeinschaft an eine Gottesdienstordnung an, die tief in der Geschichte Israels verwurzelt war.
Neben den Priestern nennt Esra die Leviten aus der Nachkommenschaft Asaphs, die mit Zimbeln auftraten. Zimbeln waren metallene Schlaginstrumente, deren Zusammenklang einen kräftigen, weithin hörbaren Ton erzeugte. Sie wurden im israelitischen Gottesdienst zur musikalischen Begleitung des Lobgesangs verwendet. Asaph selbst war bereits zur Zeit Davids eine bedeutende Persönlichkeit im musikalischen Dienst am Heiligtum gewesen. Nach 1. Chronik 16,4–7 gehörte er zu den Männern, die David für den Lob- und Dankdienst vor der Bundeslade eingesetzt hatte. In 1. Chronik 25 wird seine Familie erneut im Zusammenhang mit den Sängern und Musikern genannt. Wenn Esra von den Söhnen Asaphs spricht, sind damit Angehörige dieser über Generationen bestehenden levitischen Familie gemeint. Die Rückkehrer konnten somit an eine musikalische Dienstordnung anknüpfen, deren Ursprung bis in die Zeit Davids zurückreichte.
Diese Verbindung wird durch eine weitere Formulierung ausdrücklich bestätigt. Die Priester und Leviten sollten den Herrn nach der Anordnung Davids, des Königs von Israel, loben. David war nicht nur der König gewesen, dem Gott die Verheißung einer bleibenden Königsherrschaft gegeben hatte. Er hatte auch wesentliche Vorbereitungen für den späteren Tempeldienst getroffen. Obwohl der eigentliche Tempel erst unter seinem Sohn Salomo gebaut wurde, hatte David die Aufgaben der Leviten geordnet und für die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes gesorgt (1. Chronik 23–25). Die Rückkehrer orientierten sich deshalb nicht ausschließlich an den baulichen Vorbereitungen Salomos. Sie knüpften ebenso an die unter David entstandene Ordnung des Lobpreises an. Dadurch wurde deutlich, dass der Wiederaufbau mehr bedeutete als die Errichtung von Mauern. Das neue Heiligtum sollte wieder ein Ort werden, an dem Israel Gott in einer geordneten und gemeinschaftlichen Weise anbetete.
Ein Vergleich mit der Einweihung des ersten Tempels vertieft diese Verbindung. In 2. Chronik 5,12–13 wird berichtet, wie levitische Sänger gemeinsam mit Priestern, die Trompeten bliesen, Gott lobten. Dort begegnen uns ebenfalls Asaph und andere musikalisch verantwortliche Leviten. Besonders bemerkenswert ist, dass auch der Inhalt des Lobgesangs dem entspricht, was später bei der Grundlegung des zweiten Tempels gesungen wurde. In beiden Situationen wird Gottes Güte und seine bleibende Gnade gepriesen. Die geschichtlichen Umstände konnten kaum unterschiedlicher sein. Salomos Tempel war in einer Zeit großer königlicher Macht und umfangreicher materieller Möglichkeiten entstanden. Der zweite Tempel wurde von Rückkehrern begonnen, die unter fremder Herrschaft lebten und viele Schwierigkeiten zu bewältigen hatten. Doch der Gott, dem sie ihre Lieder widmeten, war derselbe geblieben.
Vers 11 beschreibt den Lobgesang genauer. Die Beteiligten sangen und antworteten einander mit Lob und Dank. Die hebräische Formulierung lässt an einen Wechselgesang denken, bei dem unterschiedliche Sängergruppen oder die versammelte Gemeinschaft aufeinander antworteten. Eine solche Form des gemeinsamen Singens war im israelitischen Gottesdienst bekannt. Der Text erklärt allerdings nicht im Einzelnen, welche Gruppen welche Worte vortrugen oder wie die musikalischen Abschnitte genau verteilt waren. Entscheidend ist, dass die Anbetung nicht auf die Darbietung einiger weniger Musiker beschränkt blieb. Der Lobgesang verband die Beteiligten zu einem gemeinsamen Bekenntnis. Die Priester und Leviten führten den Gottesdienst in ihren jeweiligen Aufgaben aus, während sich das Volk anschließend mit lautem Jubel daran beteiligte.
Im Mittelpunkt dieses Lobgesangs standen nicht die Fähigkeiten der Bauleute, die Leistungen der verantwortlichen Männer oder die Großzügigkeit der persischen Regierung. Das Volk pries vielmehr den Herrn wegen seiner Güte und seiner bleibenden Gnade gegenüber Israel. Die Bauarbeiten waren der unmittelbare Anlass für die Feier, aber Gott selbst war der Gegenstand ihrer Anbetung. Die Menschen blickten damit über das sichtbare Ereignis hinaus. Sie erkannten an, dass die Wiederherstellung ihres Gottesdienstes nicht allein durch menschliches Planen und Arbeiten möglich geworden war. Bereits die Rückkehr aus der Verbannung hatte der Verfasser des Esrabuches mit Gottes Wirken verbunden (Esra 1,1–5). Nun antwortete die Gemeinschaft auf den begonnenen Wiederaufbau mit Dank und Lob.
Besonders tief ist die Bedeutung des hebräischen Wortes chesed, das in diesem Zusammenhang mit Güte oder Gnade wiedergegeben wird. Es beschreibt häufig eine verlässliche, von Liebe und Treue geprägte Zuwendung. Wenn dieses Wort von Gottes Verhältnis zu seinem Volk gebraucht wird, steht es vielfach in Verbindung mit seiner Bundestreue. Gottes Güte ist nicht bloß eine freundliche Stimmung, die sich je nach den Umständen verändert. Sie zeigt sich in seinem beständigen Handeln und in seiner Treue zu den Verheißungen, die er gegeben hat. Gerade nach der babylonischen Gefangenschaft besaß dieses Bekenntnis besonderes Gewicht. Die Zerstörung Jerusalems hatte gezeigt, wie ernst Gott die Untreue seines Volkes nahm. Zugleich machte die Rückkehr deutlich, dass sein Gericht nicht bedeutete, dass er alle seine Verheißungen endgültig aufgegeben hatte.
Diese beiden Seiten dürfen nicht voneinander getrennt werden. Die Propheten hatten die Zerstörung Jerusalems nicht als ein zufälliges politisches Unglück dargestellt. Wiederholt hatten sie erklärt, dass Israel und Juda durch Götzendienst, Ungerechtigkeit und Missachtung des göttlichen Bundes schwere Schuld auf sich geladen hatten (2. Könige 17,13–18; 2. Chronik 36,14–17). Wenn die Rückkehrer nun Gottes bleibende Güte priesen, bedeutete dies deshalb nicht, dass die Vergangenheit keine Bedeutung mehr hatte oder dass Gott die Sünde gleichgültig gewesen wäre. Vielmehr konnten sie gerade nach der Erfahrung des Gerichts erkennen, dass Gottes Barmherzigkeit und seine Treue nicht erschöpft waren. Er hatte seinem Volk einen neuen Anfang eröffnet. Der Lobgesang verband somit die Erinnerung an Gottes bisheriges Handeln mit dem Vertrauen auf seine weitere Führung.
Die Worte des Liedes begegnen uns an mehreren Stellen der Heiligen Schrift. Besonders Psalm 136 wiederholt in jedem Vers das Bekenntnis zu Gottes bleibender Güte. Dabei werden seine Schöpfungsmacht, die Befreiung Israels aus Ägypten, die Führung durch die Wüste und seine Fürsorge miteinander verbunden. Auch Psalm 106,1 und Psalm 107,1 beginnen mit dem Aufruf, dem Herrn wegen seiner Güte zu danken. In 1. Chronik 16,34 findet sich dieselbe grundlegende Lobpreisformel im Zusammenhang mit Davids Gottesdienstordnung. Es handelt sich somit nicht um eine erst nach der babylonischen Gefangenschaft entstandene Vorstellung von Gott. Die Rückkehrer griffen eine überlieferte Sprache des Glaubens auf, die bereits ihre Vorfahren geprägt hatte. Sie bekannten sich damit zu dem Gott, dessen Treue Israel durch seine Geschichte getragen hatte.
Ein besonders bemerkenswerter Zusammenhang findet sich in Jeremia 33,10–11. Dort wird für das verwüstete Land Juda eine Zukunft angekündigt, in der wieder Stimmen der Freude und des Dankes zu hören sein werden. Der Prophet beschreibt Menschen, die Gott im Zusammenhang mit seinem Haus loben und seine bleibende Güte preisen. Esra 3 berichtet tatsächlich davon, dass nach der Rückkehr aus der Verbannung wieder öffentlicher Lobpreis in Jerusalem erklang. Die sprachliche Nähe zwischen beiden Stellen ist deutlich. Sie hilft zu verstehen, weshalb der Gesang bei der Grundlegung so bedeutungsvoll war. Die einst zerstörte Stadt war nicht länger ausschließlich ein Ort der Erinnerung an Verlust und Gericht. Sie wurde erneut zum Schauplatz gemeinsamer Anbetung. Allerdings beschreibt Jeremia eine umfassende Wiederherstellung, weshalb die Grundlegung des Tempels nicht ohne Weiteres mit der vollständigen Erfüllung aller dort genannten Verheißungen gleichgesetzt werden darf.
Am Ende von Vers 11 wird der Lobgesang durch ein gewaltiges Freudengeschrei des ganzen Volkes begleitet. Die Menschen jubelten, weil nun die Grundlage für das Haus des Herrn gelegt war. Die Freude galt einem sichtbaren Ereignis, das ihnen zeigte, dass der Wiederaufbau tatsächlich begonnen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte vieles noch vorbereitet, organisiert und beschafft werden müssen. Jetzt waren die Fundamente vorhanden. Der Bericht spricht nicht davon, dass das Volk bereits alle künftigen Schwierigkeiten kannte oder dass der weitere Bau ohne Hindernisse verlaufen würde. Im Gegenteil: Die folgenden Kapitel werden von erheblichen Widerständen und längeren Unterbrechungen berichten. Doch diese späteren Schwierigkeiten nehmen der Freude des Augenblicks nicht ihre Berechtigung. Die Rückkehrer hatten Grund, Gott für das bereits Erreichte zu danken, auch wenn der Weg zur Vollendung noch weit war.
Gerade darin liegt eine wichtige geistliche Erkenntnis. Gottes Güte wird in der Bibel nicht nur dort gepriesen, wo ein Mensch bereits die vollständige Erfüllung seiner Hoffnungen erlebt hat. Oft entsteht Dankbarkeit mitten in einer Entwicklung, deren Ausgang noch nicht in allen Einzelheiten sichtbar ist. Die Rückkehrer standen am Anfang eines großen Werkes. Ihre materiellen Möglichkeiten waren begrenzt, ihre politische Stellung war unsicher, und der neue Tempel konnte noch nicht mit der früheren Herrlichkeit Salomos verglichen werden. Dennoch richteten sie ihren Blick auf das, was Gott ihnen bereits ermöglicht hatte. Ihre Freude war keine Behauptung, dass alle Probleme gelöst seien. Sie war die dankbare Antwort auf einen wirklichen Anfang.
Zugleich zeigt der Bericht, worin der tiefste Grund ihrer Freude lag. Nicht das Bauwerk selbst wurde verherrlicht, sondern der Gott, zu dessen Ehre es entstehen sollte. Diese Unterscheidung ist wesentlich. Der Tempel besaß seine Bedeutung nicht aufgrund der Größe seiner Steine oder des Wertes seiner Baumaterialien. Er war der Ort, den Gott für den Gottesdienst seines Volkes bestimmt hatte. Wenn die Menschen bei seiner Grundlegung die Güte des Herrn priesen, bekannten sie, dass der eigentliche Mittelpunkt ihres Glaubens nicht das Gebäude war, sondern Gott selbst. Das Heiligtum sollte dem gemeinsamen Leben in seiner Gegenwart und der von ihm gestifteten Beziehung zu seinem Volk dienen.
Das Neue Testament führt diesen Gedanken weiter, wenn es Jesus Christus als den entscheidenden Zugang zum Vater und als die Grundlage der Gemeinschaft mit Gott beschreibt (Johannes 2,19–21; Epheser 2,19–22). Diese Aussagen erklären nicht unmittelbar die handwerklichen Einzelheiten der Tempelgrundlegung in Esra 3. Sie zeigen jedoch, dass die Bedeutung des Heiligtums innerhalb der biblischen Heilsgeschichte über ein einzelnes Gebäude hinausweist. Während die Rückkehrer noch auf den Wiederaufbau eines steinernen Tempels angewiesen waren, entfaltet das Neue Testament die Gemeinschaft mit Gott im Licht des Wirkens Jesu Christi. Damit bleibt der historische Bericht von Esra in seinem ursprünglichen Zusammenhang stehen und erhält zugleich seinen Platz innerhalb der umfassenderen biblischen Geschichte der Erlösung.
Die Verse 10 und 11 führen uns somit an einen Höhepunkt des Kapitels. Nach der Rückkehr, der Wiederherstellung des Altars, der Aufnahme der Opfer und den Vorbereitungen für den Tempelbau wird der neue Anfang nun öffentlich gefeiert. Priester und Leviten übernehmen ihre geordneten Aufgaben, die vertrauten Instrumente erklingen, und das Volk stimmt in den Lobpreis ein. Was die Menschen dabei verbindet, ist das Bekenntnis zu Gottes Güte und seiner bleibenden Treue.
Doch der Bericht endet nicht mit diesem einmütigen Jubel. Während viele Israeliten voller Freude auf die neu gelegten Fundamente schauen, werden bei anderen schmerzhafte Erinnerungen wach. Besonders diejenigen, die den ersten Tempel noch gesehen haben, reagieren auf eine Weise, die sich deutlich von der Begeisterung vieler anderer unterscheidet. So stehen im nächsten Abschnitt Freude und Tränen nebeneinander. Gerade dieser Gegensatz wird zeigen, wie unterschiedlich Menschen denselben Neubeginn erleben können.
Esra 3,12–13
Tränen und Jubel: Zwischen schmerzlicher Erinnerung und neuer Hoffnung
Mitten in den feierlichen Lobgesang hinein beschreibt Esra eine überraschende Reaktion. Während viele Israeliten voller Freude über die Grundlegung des Tempels jubeln, beginnen andere laut zu weinen. Es sind vor allem ältere Priester, Leviten und Familienoberhäupter, die den ersten Tempel noch mit eigenen Augen gesehen hatten. Für sie war dieser Augenblick mit Erinnerungen verbunden, die viele der übrigen Rückkehrer nicht aus persönlicher Erfahrung kannten. Sie standen nun an dem Ort, an dem einst das prächtige Heiligtum Salomos gestanden hatte. Jahrzehnte waren seit seiner Zerstörung vergangen. Die politische Macht Judas war zusammengebrochen, Jerusalem war verwüstet worden, und große Teile des Volkes hatten die Heimat verlassen müssen. Jetzt wurde an derselben Stätte wieder ein Fundament gelegt. Was für viele einen hoffnungsvollen Neubeginn bedeutete, führte die älteren Menschen zugleich vor Augen, wie viel von der früheren Herrlichkeit verloren gegangen war.
Der Verfasser erwähnt ausdrücklich, dass diese Männer den ersten Tempel gesehen hatten. Diese Einzelheit ist entscheidend, weil sie ihre besondere Beziehung zur Vergangenheit erklärt. Der ursprüngliche Tempel war unter Salomo errichtet worden und hatte über Jahrhunderte den Mittelpunkt des Gottesdienstes in Jerusalem gebildet. Nach 1. Könige 6–7 war sein Bau mit großem Aufwand verbunden gewesen. Kostbare Materialien, kunstvoll gestaltete Einrichtungen und die umfangreiche Ausstattung verliehen ihm einen besonderen Glanz. Bei seiner Einweihung hatte sich die Herrlichkeit des Herrn auf eindrucksvolle Weise gezeigt (1. Könige 8,10–11). Für die älteren Rückkehrer war der erste Tempel deshalb nicht lediglich ein Gebäude aus vergangenen Zeiten. Er gehörte zu ihrer eigenen Lebensgeschichte und zu den Erinnerungen an den Gottesdienst, wie sie ihn vor der babylonischen Zerstörung kennengelernt hatten. Die jüngeren Menschen konnten diese Vergangenheit aus den Erzählungen ihrer Familien kennen, während die Älteren noch persönliche Erinnerungen daran besaßen.
Doch weshalb weinten diese Männer? Esra 3,12 beschreibt ihre Tränen, erklärt aber nicht ausdrücklich alle Beweggründe. Diese Zurückhaltung des biblischen Textes ist wichtig. Es wäre zu einfach, das Weinen ausschließlich als Ausdruck von Unglauben oder Undankbarkeit zu verstehen. Ebenso wenig lässt sich sicher behaupten, dass sämtliche Tränen allein aus Freude entstanden. Die Erinnerung an den verlorenen Tempel, der Schmerz über die Zerstörung Jerusalems und das Bewusstsein, dass die frühere Herrlichkeit nicht einfach wiederhergestellt werden konnte, bieten nachvollziehbare Erklärungen. Zugleich könnte der Anblick der neuen Fundamente manche ältere Menschen tief bewegt haben, weil sie nach langer Zeit noch erleben durften, dass an diesem Ort wieder ein Heiligtum entstehen sollte. Der Bericht erlaubt solche Überlegungen, ohne die inneren Beweggründe jedes Einzelnen festzulegen.
Eine wichtige Hilfe zum Verständnis bietet der Prophet Haggai. Als er im zweiten Regierungsjahr des persischen Königs Darius, also 520 v. Chr., zum wieder aufgenommenen Tempelbau sprach, stellte er ausdrücklich die Frage, wer von den noch lebenden Menschen das frühere Haus in seiner Herrlichkeit gesehen hatte. Anschließend forderte er seine Zuhörer auf, den gegenwärtigen Zustand damit zu vergleichen (Haggai 2,3). Aus dieser Frage wird deutlich, dass die Erinnerung an den ersten Tempel und der Vergleich mit dem bescheideneren Neubau tatsächlich eine bedeutende Rolle spielten. Allerdings sprach Haggai einige Jahre nach der in Esra 3 geschilderten frühen Grundlegung. Seine Worte dürfen deshalb nicht so behandelt werden, als hätten sie bereits bei jener ersten Feier stattgefunden. Sie bestätigen aber, dass die unterschiedliche Erscheinung der beiden Tempel für die zurückgekehrte Gemeinschaft zu einer ernsthaften Frage werden konnte.
Dabei ging es um mehr als um die äußere Schönheit eines Gebäudes. Der erste Tempel hatte an eine Zeit erinnert, in der Israel unter einer eigenen Königsherrschaft lebte. Der zweite Tempel entstand dagegen unter persischer Oberherrschaft. Auch wirtschaftlich befand sich die zurückgekehrte Gemeinschaft in einer anderen Situation. Sie konnte nicht einfach auf die Möglichkeiten zurückgreifen, über die Salomo verfügt hatte. Wenn ältere Menschen die neuen Fundamente betrachteten, konnten sie daher nicht nur die baulichen Unterschiede wahrnehmen, sondern auch die tiefgreifenden Veränderungen in der Geschichte ihres Volkes. Dennoch berichtet Esra nicht, dass alle älteren Rückkehrer den Neubau ablehnten oder die Arbeiten missbilligten. Die Tränen machen ihre Ergriffenheit sichtbar; ein umfassendes Urteil über ihren Glauben wird an dieser Stelle nicht ausgesprochen.
Neben den Weinenden standen zahlreiche Menschen, die ihre Freude laut zum Ausdruck brachten. Auch hier ist die Formulierung des Bibeltextes sorgfältig zu beachten. Esra sagt nicht ausdrücklich, dass ausschließlich die Jüngeren jubelten und ausschließlich die Älteren weinten. Er stellt vielmehr viele ältere Zeugen des ersten Tempels den zahlreichen Menschen gegenüber, die mit Freude auf die neue Grundlegung reagierten. Für diese Jubelnden war entscheidend, dass nach der langen Zeit der Verwüstung wieder etwas sichtbar entstand. Der Tempel war noch nicht fertig, doch die Arbeiten hatten begonnen. Die Rückkehr nach Jerusalem war nicht bei einer Hoffnung auf bessere Zeiten stehen geblieben. An der Stelle des zerstörten Heiligtums wurde wieder gebaut. Deshalb konnte der Neubeginn selbst zu einem Anlass aufrichtiger Dankbarkeit werden.
Die unterschiedlichen Reaktionen lassen erkennen, wie stark persönliche Erfahrungen die Wahrnehmung eines gemeinsamen Ereignisses prägen können. Für Menschen, die den ersten Tempel noch erlebt hatten, stand möglicherweise der schmerzliche Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Vordergrund. Andere sahen besonders die neue Möglichkeit, künftig wieder in einem eigenen Tempel Gottesdienst zu feiern. Beide Gruppen betrachteten dieselben Fundamente, doch sie verbanden damit unterschiedliche Erinnerungen und Erwartungen. Solche Unterschiede müssen nicht bedeuten, dass eine Gruppe Gott vertraute und die andere grundsätzlich ungläubig war. Trauer über einen wirklichen Verlust kann auch dort vorhanden sein, wo ein Mensch Gottes neues Handeln erkennt. Ebenso kann aufrichtige Freude bestehen, obwohl die Zukunft weiterhin unsicher ist.
Allerdings enthält die spätere prophetische Botschaft auch eine wichtige Warnung vor einer Haltung, die den gegenwärtigen Anfang allein an der Größe vergangener Zeiten misst. In Sacharja 4,10 wird davor gewarnt, den Tag geringer Anfänge zu verachten. Diese Worte stehen im Zusammenhang mit Gottes Zusage, dass Serubbabel das begonnene Werk auch vollenden werde (Sacharja 4,8–9). Die Bedeutung liegt nicht darin, dass frühere Verluste bedeutungslos wären oder dass Menschen ihre Erinnerungen unterdrücken müssten. Vielmehr sollen sie Gottes Wirken nicht deshalb geringachten, weil seine gegenwärtigen Anfänge bescheidener erscheinen als frühere Erfolge. Ein Werk kann in den Augen der Menschen unscheinbar beginnen und dennoch für Gottes weitere Absichten von großer Bedeutung sein. Diese spätere Ermutigung hilft, die Spannung von Esra 3 zu verstehen, ohne sämtliche Tränen nachträglich als sündhafte Geringschätzung zu verurteilen.
Haggai ergänzt diesen Gedanken durch Gottes Zusage, dass er selbst mit seinem Volk sein werde. In Haggai 2,4–5 werden Serubbabel, der Hohepriester Josua und das ganze Volk ermutigt, stark zu sein und weiterzuarbeiten. Die Begründung liegt nicht in einer bereits wiedergewonnenen politischen Macht oder in der Pracht des begonnenen Bauwerks. Gott verweist vielmehr auf seine Gegenwart und auf die Treue seines Bundes. Später kündigt er an, dass die künftige Herrlichkeit dieses Hauses größer sein werde als seine frühere Herrlichkeit (Haggai 2,9). Die genaue Reichweite dieser Verheißung muss im Zusammenhang des Prophetenbuches untersucht werden. Für Esra 3 ist jedoch der Grundgedanke wichtig: Die Bedeutung des neuen Tempels durfte nicht ausschließlich an seiner äußeren Erscheinung gemessen werden. Gottes Verheißungen reichten weiter als das, was die Menschen bei der Grundlegung bereits erkennen konnten.
Vers 13 führt die beiden Reaktionen schließlich in einem eindrucksvollen Bild zusammen. Das Weinen und das Freudengeschrei waren so laut, dass die Stimmen nicht mehr voneinander unterschieden werden konnten. Die unterschiedlichen Laute vermischten sich zu einem gewaltigen Geräusch, das weithin zu hören war. Damit beschreibt Esra nicht, dass sich Freude und Trauer innerlich in dasselbe Gefühl verwandelten. Er schildert zunächst eine hörbare Wirklichkeit: Menschen jubelten und weinten gleichzeitig, und die Lautstärke ließ die einzelnen Stimmen ineinander übergehen. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil der Text nicht behauptet, alle Beteiligten hätten dasselbe empfunden. Ihre Reaktionen blieben verschieden, auch wenn sie nach außen zu einem gemeinsamen Klang wurden.
Dass der Schall weithin hörbar war, bildet den eindrucksvollen Abschluss des Kapitels. Der Neubeginn Jerusalems blieb nicht auf eine stille Zeremonie weniger Verantwortlicher beschränkt. Das ganze Geschehen war von einer solchen emotionalen Intensität geprägt, dass die Stimmen der Versammelten weit über den unmittelbaren Ort der Feier hinaus wahrgenommen werden konnten. Esra nennt allerdings weder die genaue Entfernung noch bestimmte Menschen außerhalb der Versammlung, die diesen Klang gehört hätten. Deshalb sollte man daraus keine weitergehende Beschreibung einer öffentlichen Reaktion der umliegenden Völker ableiten. Entscheidend ist die außergewöhnliche Lautstärke, mit der die Freude und die Tränen dieser Gemeinschaft zum Ausdruck kamen.
Bemerkenswert ist auch, dass der Verfasser sein Kapitel nicht mit einer ausdrücklichen Bewertung der beiden Gruppen abschließt. Er lässt den Jubel und das Weinen nebeneinander stehen. Darin liegt eine tiefe menschliche Wahrhaftigkeit. Ein neuer Anfang löscht die Vergangenheit nicht einfach aus. Die Rückkehr nach Jerusalem hatte die Folgen der Verbannung nicht ungeschehen gemacht. Zerstörte Häuser, verlorene Lebensjahre und die Erinnerung an das frühere Heiligtum blieben Teil der Geschichte des Volkes. Gleichzeitig waren die Rückkehrer nicht darauf beschränkt, nur noch dem Verlorenen nachzutrauern. Sie durften erleben, dass Gott ihnen nach der langen Zeit der Fremde wieder eine Zukunft eröffnete.
Gerade diese Spannung hilft, das Kapitel als Ganzes zu verstehen. Die Israeliten hatten begonnen, ihren Gottesdienst wiederherzustellen, obwohl vieles noch fehlte. Sie hatten den Altar errichtet, die Opfer aufgenommen, die festgesetzten Gottesdienste gefeiert und schließlich die Fundamente des neuen Tempels gelegt. Jeder dieser Schritte war begrenzt, aber wirklich. Die Freude über das Erreichte musste die Erinnerung an frühere Verluste nicht verdrängen. Umgekehrt sollten die Verluste nicht verhindern, Gottes gegenwärtige Güte zu erkennen. Der Bericht führt damit zu einer Haltung, in der dankbare Hoffnung und die ehrliche Wahrnehmung menschlichen Leids miteinander bestehen können.
Für das persönliche Glaubensleben enthält diese Geschichte eine wertvolle Ermutigung. Menschen, die schwere Verluste oder tiefgreifende Veränderungen erlebt haben, können einen neuen Anfang zugleich als Geschenk und als schmerzliche Erinnerung empfinden. Manchmal steht die Dankbarkeit für eine neue Möglichkeit unmittelbar neben der Trauer über das, was unwiederbringlich vergangen ist. Die Bibel verlangt an dieser Stelle keine künstliche Fröhlichkeit. Sie lehrt aber auch nicht, dass der Blick auf die Vergangenheit jede neue Hoffnung bestimmen muss. Gottes Treue ist nicht daran gebunden, dass er frühere Lebensumstände unverändert wiederherstellt. Er kann auch unter neuen, bescheideneren und noch unvollkommenen Bedingungen Wege eröffnen, auf denen Vertrauen und Gehorsam wieder wachsen.
So endet Esra 3 mit einem Bild, das den ganzen Neubeginn in sich trägt: Menschen stehen vor den Fundamenten eines noch unvollendeten Tempels, während ihre Stimmen voller Freude und Trauer weithin erklingen. Die Vergangenheit ist nicht vergessen, und die Zukunft ist noch nicht gesichert. Doch an dem Ort, an dem lange die Zerstörung sichtbar gewesen war, wird wieder gebaut. Der Bericht verschweigt weder die Grenzen des gegenwärtigen Anfangs noch den Schmerz der Erinnerung. Gerade dadurch gewinnt die Hoffnung an Tiefe. Das Volk kann Gottes Güte preisen, obwohl noch vieles unvollendet ist. Der Tempel steht noch nicht, aber seine Fundamente sind gelegt. Der Weg der Wiederherstellung hat begonnen.
Geistliche Kernbotschaft
Esra 3 zeigt, dass Gottes Treue auch dort wirksam bleibt, wo Menschen durch ihre Vergangenheit vieles verloren haben. Die Zerstörung Jerusalems und die babylonische Gefangenschaft waren nicht ohne geistliche Ursachen geschehen. Über Generationen hinweg hatte das Volk Gottes Warnungen missachtet und sich immer wieder von seinen Geboten entfernt. Dennoch war diese Geschichte nicht mit dem Gericht zu Ende. Gott eröffnete den Zurückgekehrten eine neue Zukunft. Darin begegnen sich zwei wesentliche Seiten seines Wesens: seine Heiligkeit, die menschliche Untreue nicht gleichgültig hinnimmt, und seine Barmherzigkeit, die nach dem Gericht weiterhin einen Weg der Umkehr und Wiederherstellung ermöglicht. Die Menschen konnten ihre Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Aber sie durften erfahren, dass ihre früheren Fehler Gottes Möglichkeiten nicht erschöpft hatten.
Besonders bedeutsam ist dabei die Reihenfolge, in der sich das Leben der Gemeinschaft erneuert. Noch bevor der Tempel fertiggestellt werden konnte, nahm das Volk den Gottesdienst wieder auf. Dadurch wird sichtbar, dass die Beziehung zu Gott nicht erst dann wichtig wird, wenn alle äußeren Voraussetzungen günstig sind. Die Rückkehrer lebten unter politischer Fremdherrschaft, fürchteten die umliegenden Völker und mussten ihre wirtschaftlichen Lebensgrundlagen neu aufbauen. Trotzdem wandten sie sich bewusst Gott zu. Ihre Bereitschaft, den überlieferten Anweisungen zu folgen, war eine Antwort auf die Möglichkeit, die ihnen durch seine Barmherzigkeit eröffnet worden war. Nicht menschlicher Gehorsam hatte die vorausgegangene göttliche Verheißung hervorgebracht. Vielmehr sollte sich das erneuerte Vertrauen in Gott nun im Handeln des Volkes bewähren.
Damit verdeutlicht das Kapitel auch, dass echter Glaube mehr umfasst als religiöse Gefühle oder gute Absichten. Die Israeliten drückten ihre Hinwendung zu Gott durch konkrete Entscheidungen aus. Sie orientierten ihren Gottesdienst an seinem Wort, übernahmen Verantwortung füreinander und beteiligten sich an der Wiederherstellung des Heiligtums. Dabei waren geistliche Hingabe und praktische Arbeit keine voneinander getrennten Bereiche. Die innere Ausrichtung auf Gott wurde in den sichtbaren Aufgaben des gemeinschaftlichen Lebens erkennbar. Die Bauarbeiten selbst begründeten zwar keine besondere Heiligkeit der beteiligten Menschen. Doch ihr gemeinsamer Einsatz erhielt seine Bedeutung dadurch, dass er dem von Gott vorgesehenen Gottesdienst dienen sollte.
Zugleich macht Esra 3 deutlich, worauf sich der Glaube angesichts einer ungewissen Zukunft stützen kann. Bei der Grundlegung des Tempels priesen die Menschen nicht die Größe ihrer bisherigen Leistungen, sondern Gottes Güte und beständige Gnade. Sie kannten noch nicht alle Schwierigkeiten, die ihnen bevorstanden. Das Gebäude war noch nicht fertig, und die äußeren Verhältnisse blieben unsicher. Dennoch hatten sie Grund zur Dankbarkeit. Ihr Lobpreis gründete sich auf das Vertrauen, dass derselbe Gott, der ihre Vorfahren geführt hatte, auch ihre eigene Geschichte nicht aus den Augen verloren hatte. Gottes Treue wurde so zur Grundlage ihrer Hoffnung, während die sichtbaren Umstände noch keine vollständige Sicherheit boten.
Das Nebeneinander von Freude und Tränen verleiht dieser Botschaft eine besondere Tiefe. Gottes Handeln in der Gegenwart beseitigt nicht automatisch jede Erinnerung an vergangenes Leid. Die Rückkehrer mussten mit der Geschichte ihres Volkes leben, auch während sie einen neuen Anfang erlebten. Doch die Vergangenheit musste nicht über ihre gesamte Zukunft bestimmen. Der Herr, dessen Barmherzigkeit sie priesen, war größer als die Herrlichkeit des verlorenen Tempels und größer als die Begrenztheit des begonnenen Neubaus. Die entscheidende Hoffnung lag nicht darin, dass alles wieder genau so werden würde wie früher. Sie lag darin, dass Gott seinem Volk weiterhin begegnen und seine Verheißungen erfüllen konnte.
So führt Esra 3 zu einer grundlegenden Erkenntnis über das Verhältnis zwischen Gott und Mensch: Geistliche Wiederherstellung beginnt mit Gottes Gnade und verlangt eine Antwort des Vertrauens. Sie wächst dort, wo Menschen bereit werden, sich neu an seinem Wort auszurichten und die ihnen anvertrauten Aufgaben wahrzunehmen. Dabei muss nicht alles bereits vollendet sein. Auch ein unvollkommener Anfang kann eine wirkliche Antwort auf Gottes Führung sein. Die Hoffnung des Glaubens besteht letztlich nicht in der Stärke menschlicher Möglichkeiten, sondern in der Treue des Gottes, der nach schwerem Versagen einen neuen Weg eröffnen kann.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Ereignisse von Esra 3 lassen sich erst vollständig verstehen, wenn man sie mit den Verheißungen verbindet, die der Rückkehr aus Babylon vorausgegangen waren. In Jeremia 29,10 kündigte Gott an, dass er nach siebzig Jahren sein Volk wieder heimsuchen und seine Zusage erfüllen werde. Der Zusammenhang macht deutlich, dass die Verbannung nicht das endgültige Ende seiner Beziehung zu Juda sein sollte. Auch 2. Chronik 36,20–23 verbindet die Zeit der babylonischen Herrschaft mit der Erfüllung des prophetischen Wortes und der späteren Entscheidung des Kyrus. Diese Bibelstellen helfen, den Wiederaufbau in Esra 3 nicht lediglich als das Ergebnis veränderter politischer Machtverhältnisse zu verstehen. Die biblischen Verfasser ordnen die Rückkehr ausdrücklich in die Geschichte göttlicher Verheißung und Erfüllung ein. Daraus folgt allerdings nicht, dass jede historische Einzelheit des Wiederaufbaus bereits in den prophetischen Texten beschrieben worden wäre.
Eine besonders enge Verbindung besteht zu Jeremia 33,10–11. Dort kündigt der Prophet für das verwüstete Land eine Zeit an, in der wieder Freude, Dank und Lobpreis erklingen werden. Menschen sollen dem Herrn danken und seine bleibende Güte preisen. Diese Worte entsprechen auffallend dem Lobgesang bei der Grundlegung des Tempels in Esra 3,11. Der Zusammenhang zeigt, wie der wieder aufgenommene Gottesdienst zum sichtbaren Zeichen einer erneuerten Hoffnung wurde. Wo zuvor die Folgen der Verwüstung das Leben bestimmt hatten, erklang erneut das gemeinsame Lob Gottes. Die sprachliche Übereinstimmung ist stark, auch wenn die umfassenden Wiederherstellungsverheißungen Jeremias nicht auf die einzelne Grundlegungsfeier begrenzt werden dürfen.
Auch die Verbindung zwischen Esra 3 und dem Bau des ersten Tempels unter Salomo ist von großer Bedeutung. In 1. Könige 5–6 und 2. Chronik 2–3 werden die umfangreichen Vorbereitungen, die Beschaffung von Baumaterialien und die Errichtung des ersten Heiligtums beschrieben. Die Gemeinsamkeiten machen deutlich, dass die zurückgekehrten Israeliten nicht einen neuen Glauben begründeten, sondern an ihre bisherige Gottesdienstgeschichte anknüpften. Zugleich führt der Vergleich zu einer tieferen Frage: Worin bestand die eigentliche Bedeutung des Tempels? Bereits bei seiner Einweihung hatte Salomo erklärt, dass selbst der Himmel Gott nicht fassen könne, wie viel weniger das von Menschen errichtete Haus (1. Könige 8,27). Das Heiligtum war deshalb niemals ein Gebäude, in dem Gott im gewöhnlichen räumlichen Sinn eingeschlossen gewesen wäre. Es war der von ihm bestimmte Ort, an dem sein Volk ihm im Rahmen des Bundes begegnen sollte. Dieser Gedanke hilft auch beim Verständnis des zweiten Tempels: Seine Heiligkeit beruhte nicht auf menschlicher Baukunst oder äußerem Glanz, sondern auf seiner Bestimmung für den Gottesdienst.
Die späteren Botschaften Haggais und Sacharjas führen die Geschichte des Tempelbaus weiter. Haggai 2,4–9 ermutigt Serubbabel, Josua und das Volk, angesichts ihrer schwierigen Lage nicht aufzugeben. Gott erinnert sie an seine Gegenwart und verheißt eine zukünftige Herrlichkeit seines Hauses. In Sacharja 4,6 wird der entscheidende Grund für den Erfolg des göttlichen Werkes mit der Wirksamkeit seines Geistes verbunden. Diese Worte wurden in einer späteren Phase gesprochen, als die Bauarbeiten unter Schwierigkeiten fortgesetzt werden mussten. Sie ergänzen Esra 3 um eine Perspektive, die über den ersten begeisterten Anfang hinausreicht. Die Grundlegung war wichtig, doch ebenso notwendig war die Kraft, unter anhaltenden Widerständen weiterzubauen. Gottes Verheißung sollte die menschliche Verantwortung nicht ersetzen, sondern die Verantwortlichen zum treuen Weiterarbeiten ermutigen.
Der Opferdienst aus Esra 3 erhält innerhalb der gesamten Bibel eine weitere Bedeutung durch die Aussagen des Neuen Testaments über Jesus Christus. Im Hebräerbrief wird erklärt, dass die wiederholten Opfer des alten Bundes die endgültige Überwindung der Sünde nicht selbst bewirken konnten. Sie gehörten zu einer vorläufigen Gottesdienstordnung, deren tiefere Bedeutung im vollkommenen Opfer Christi erschlossen wird (Hebräer 10,1–14). Damit wird die historische Bedeutung des wiederhergestellten Altars nicht aufgehoben. Die Rückkehrer handelten innerhalb der Ordnung, die Israel damals gegeben war. Aus neutestamentlicher Sicht findet das, worauf die Opfer zur Sühnung der Sünde hinwiesen, seine entscheidende Erfüllung jedoch im einmaligen Opfer Jesu. Christen benötigen deshalb keine Wiederaufnahme des damaligen Tieropferdienstes, um Gottes Vergebung zu empfangen. Ihr Vertrauen richtet sich auf Christus, der durch sein Opfer den Zugang zu Gott eröffnet hat.
Eine weitere Verbindung entsteht durch die neutestamentliche Beschreibung der Gemeinde als Gottes geistliches Haus. In Epheser 2,19–22 erklärt Paulus, dass Menschen durch Christus zu Gottes Hausgemeinschaft gehören und auf der Grundlage der Apostel und Propheten aufgebaut werden, wobei Jesus Christus selbst der entscheidende Eckstein ist. Auch 1. Petrus 2,4–5 verwendet das Bild eines geistlichen Hauses, dessen lebendige Steine die Glaubenden sind. Diese Aussagen sind keine unmittelbaren Erklärungen der einzelnen Bauarbeiten aus Esra 3. Sie entfalten jedoch, wie die Vorstellung eines Gott geweihten Hauses im Licht Jesu Christi eine neue Bedeutung erhält. Während die Rückkehrer ein Gebäude aus Stein errichteten, beschreibt das Neue Testament Menschen, die durch Christus und das Wirken des Heiligen Geistes zu einer Gemeinschaft verbunden werden, in der Gott gegenwärtig ist. Der geschichtliche Tempelbau und das geistliche Haus des Neuen Testaments dürfen nicht miteinander verwechselt werden; dennoch stehen beide innerhalb der biblischen Geschichte der Gemeinschaft Gottes mit seinem Volk.
Schließlich erhält der Lobgesang von Esra 3 durch Psalm 136 eine umfassendere Bedeutung. Dort wird Gottes bleibende Güte nicht nur im Zusammenhang mit einzelnen guten Erfahrungen gepriesen. Der Psalm verbindet sie mit der Schöpfung, der Befreiung aus Ägypten, der Führung durch die Wüste und der Hilfe in Zeiten der Bedrängnis. Dadurch wird sichtbar, dass das Bekenntnis zu Gottes Treue nicht von einem einzigen geschichtlichen Erfolg abhängt. Die Rückkehrer in Jerusalem konnten sich in diese lange Glaubensgeschichte einordnen. Auch die christliche Hoffnung gründet sich nicht allein auf gegenwärtige Umstände, sondern auf Gottes Handeln in der Vergangenheit, auf die Erlösung durch Jesus Christus und auf seine Verheißungen für die Zukunft. Der Lobgesang von Esra 3 gehört damit zu einer durchgehenden biblischen Botschaft: Gottes Güte verdient Vertrauen, weil sein Wesen und seine Treue größer sind als die wechselnden Erfahrungen seines Volkes.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten praktischen Lehren aus Esra 3 besteht darin, einen notwendigen geistlichen Neubeginn nicht immer wieder auf einen günstigeren Zeitpunkt zu verschieben. Die Rückkehrer hatten zahlreiche Schwierigkeiten zu bewältigen. Dennoch begannen sie mit dem Gottesdienst, bevor ihre äußeren Verhältnisse vollständig geordnet waren. Auch heute können Menschen nach Zeiten geistlicher Gleichgültigkeit, persönlichen Versagens oder belastender Erfahrungen das Bedürfnis verspüren, sich Gott wieder zuzuwenden. Manchmal hält sie der Gedanke zurück, sie müssten zuerst sämtliche Probleme lösen oder ihr Leben vollständig in Ordnung bringen. Das Kapitel ermutigt dazu, mit den bereits möglichen Schritten zu beginnen. Dazu können das persönliche Gebet, das erneute Lesen der Bibel, die ehrliche Bitte um Vergebung und die bewusste Rückkehr zur Gemeinschaft mit anderen Glaubenden gehören. Nicht jeder äußere Umstand muss vorher verändert sein. Entscheidend ist die Bereitschaft, Gottes Einladung zur Umkehr ernst zu nehmen.
Eine zweite Lehre betrifft den Umgang mit Angst. Die Rückkehrer befanden sich in einer unsicheren Umgebung, und der biblische Bericht verschweigt ihre Furcht nicht. Dennoch ließen sie sich nicht vollständig von ihr bestimmen. Für das persönliche Glaubensleben bedeutet dies, dass Vertrauen auf Gott nicht mit dem Fehlen aller Sorgen verwechselt werden sollte. Auch ein gläubiger Mensch kann sich vor einer schwierigen Entscheidung, vor Ablehnung oder vor einer ungewissen Zukunft fürchten. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie er mit dieser Angst umgeht. Anstatt sie zum alleinigen Maßstab seiner Entscheidungen zu machen, darf er seine Situation im Gebet vor Gott bringen, sein Wort prüfen und verantwortungsvoll handeln. Dabei verspricht Esra 3 nicht, dass jeder gehorsame Schritt unmittelbar zu Sicherheit oder sichtbarem Erfolg führt. Der spätere Widerstand gegen den Tempelbau zeigt vielmehr, dass Treue zu Gott auch unter anhaltenden Schwierigkeiten notwendig sein kann.
Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass aufrichtige Hingabe an Gott und sorgfältige praktische Verantwortung zusammengehören. Der Tempelbau wurde nicht ohne Planung, geeignete Mitarbeiter und den Einsatz vorhandener Mittel begonnen. Für heutige Glaubensgemeinschaften ergibt sich daraus eine nachvollziehbare Orientierung. Gemeinsame Aufgaben benötigen Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, unterschiedliche Fähigkeiten einzubringen und zuverlässig zusammenzuarbeiten. Dazu gehört auch ein gewissenhafter Umgang mit Geld und die angemessene Wertschätzung geleisteter Arbeit. Die Erwähnung bezahlter Handwerker erinnert daran, dass ein geistliches Ziel nicht dazu berechtigt, die berechtigten Ansprüche anderer Menschen zu übergehen. Wer ein Werk für Gott fördern möchte, sollte dies auch in der Art erkennen lassen, wie er mit seinen Mitarbeitern und den ihm anvertrauten Mitteln umgeht.
Das gemeinsame Handeln des Volkes zeigt außerdem, welchen Wert Einheit besitzt. Dabei besteht christliche Einheit nicht darin, dass alle Menschen dieselben Aufgaben übernehmen, dieselben Erfahrungen gemacht haben oder in jeder persönlichen Frage übereinstimmen. Schon beim Tempelbau waren unterschiedliche Dienste notwendig. Einige trugen Leitungsverantwortung, andere beaufsichtigten die Arbeiten, und wieder andere stellten ihre handwerklichen Fähigkeiten zur Verfügung. Für eine Gemeinde kann dies bedeuten, die Gaben verschiedener Menschen nicht gegeneinander auszuspielen. Wer eine weniger sichtbare Aufgabe übernimmt, dient nicht automatisch weniger wertvoll als jemand, der öffentlich Verantwortung trägt. Entscheidend ist, dass die unterschiedlichen Beiträge dem gemeinsamen Auftrag dienen und von gegenseitiger Achtung geprägt sind. Eine solche Einheit kann nicht durch bloßen äußeren Druck entstehen. Sie wächst dort, wo Menschen sich gemeinsam Gottes Willen unterordnen und bereit sind, einander zu dienen.
Eine weitere Lektion betrifft unsere Vorstellungen von Erfolg. Menschen messen den Wert eines Vorhabens häufig daran, wie groß, eindrucksvoll oder schnell sichtbar seine Ergebnisse sind. Esra 3 erinnert daran, dass auch ein bescheidener Anfang von großer Bedeutung sein kann. Das Volk feierte zunächst die Grundlegung eines noch unvollendeten Tempels. Für das eigene Leben lässt sich daraus lernen, kleine, aber wirkliche Fortschritte nicht geringzuschätzen. Wer nach längerer Entfernung von Gott wieder zu beten beginnt, wer eine beschädigte Beziehung ehrlich aufarbeiten möchte oder wer nach geistlicher Nachlässigkeit einen verbindlichen neuen Weg einschlägt, hat damit noch nicht jedes Problem überwunden. Dennoch kann ein solcher Schritt wertvoll sein. Er sollte weder überschätzt noch verachtet werden. Ein Anfang braucht Geduld, Beständigkeit und die Bereitschaft, die begonnene Entwicklung weiterzuführen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient schließlich unser Umgang mit der Vergangenheit. Die Tränen der älteren Rückkehrer erinnern daran, dass frühere Erfahrungen auch dann schmerzhaft bleiben können, wenn Gott neue Möglichkeiten eröffnet. Deshalb ist es nicht angemessen, Menschen wegen ihrer Trauer vorschnell mangelnden Glauben vorzuwerfen. Wer etwas Wertvolles verloren hat, benötigt mitunter Zeit, um die Vergangenheit zu verarbeiten. Gleichzeitig enthält die Geschichte eine Warnung davor, frühere Zeiten so sehr zu idealisieren, dass alles Gegenwärtige gering erscheint. Auch in Glaubensgemeinschaften kann die Erinnerung an frühere Erfolge, größere Besucherzahlen oder vertraute Formen des Gemeindelebens den Blick auf neue Möglichkeiten verstellen. Eine hilfreiche Haltung besteht darin, das Gute der Vergangenheit dankbar zu würdigen, aus früheren Fehlern zu lernen und dennoch offen für das zu bleiben, was Gott heute an Verantwortung und Möglichkeiten schenkt.
Damit verbindet sich eine letzte, besonders wichtige Einladung: Dankbarkeit sollte nicht ausschließlich vom sichtbaren Erfolg abhängig gemacht werden. Die Israeliten lobten Gott, als der Tempel erst begonnen worden war. Für Christen bedeutet dies nicht, dass sie Schwierigkeiten beschönigen oder unerfüllte Hoffnungen verleugnen müssen. Es bedeutet vielmehr, Gottes bisherige Güte bewusst wahrzunehmen, auch wenn noch Fragen offen und Aufgaben unvollendet sind. Wer gelernt hat, für wirkliche Schritte der Führung, für erfahrene Vergebung, für hilfreiche Menschen und für neu eröffnete Möglichkeiten zu danken, gewinnt eine Grundlage für weiteres Vertrauen. Solche Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie wächst aus der Erinnerung daran, wie Gott bereits gehandelt hat, und aus dem Vertrauen, dass seine Treue nicht mit den gegenwärtigen Grenzen menschlicher Möglichkeiten endet.
Esra 3 hinterlässt damit eine Ermutigung, die gerade für unvollkommene Lebenssituationen wertvoll ist. Ein Mensch muss nicht erst eine beeindruckende Geschichte des Erfolgs vorweisen können, um sich Gott zuzuwenden. Er darf mit seiner Vergangenheit, seinen begrenzten Möglichkeiten und seinen offenen Fragen zu ihm kommen. Was notwendig ist, sind ein aufrichtiges Herz, die Bereitschaft zum Gehorsam und das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Der Neubeginn mag klein erscheinen, und der weitere Weg kann Schwierigkeiten mit sich bringen. Doch Gottes Treue wird nicht an der Größe dessen gemessen, was Menschen bereits erreicht haben. Sie zeigt sich darin, dass er sie zur Umkehr ruft, ihnen Vergebung eröffnet und sie einlädt, ihren Weg mit ihm fortzusetzen.