2. Mose 6
Der HERR sprach zu Mose: Nun sollst du sehen, was ich Pharao tun werde; denn durch eine starke Hand muß er sie lassen ziehen, er muß sie noch durch eine starke Hand aus seinem Lande von sich treiben.
30 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Der HERR sprach zu Mose: Nun sollst du sehen, was ich Pharao tun werde; denn durch eine starke Hand muß er sie lassen ziehen, er muß sie noch durch eine starke Hand aus seinem Lande von sich treiben.
- 2 Und Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin der HERR
- 3 und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott; aber mein Name HERR ist ihnen nicht offenbart worden.
- 4 Auch habe ich einen Bund mit ihnen aufgerichtet, daß ich ihnen geben will das Land Kanaan, das Land ihrer Wallfahrt, darin sie Fremdlinge gewesen sind.
- 5 Auch habe ich gehört die Wehklage der Kinder Israel, welche die Ägypter mit Frönen beschweren, und habe an meinen Bund gedacht.
- 6 Darum sage den Kindern Israel: Ich bin der HERR und will euch ausführen von euren Lasten in Ägypten und will euch erretten von eurem Frönen und will euch erlösen durch ausgereckten Arm und große Gerichte
- 7 und will euch annehmen zum Volk und will euer Gott sein, daß ihr's erfahren sollt, daß ich der HERR bin, euer Gott, der euch ausführt von der Last Ägyptens
- 8 und euch bringt in das Land, darüber ich habe meine Hand gehoben, daß ich's gäbe Abraham, Isaak und Jakob; das will ich euch geben zu eigen, ich, der HERR.
- 9 Mose sagte solches den Kindern Israel; aber sie hörten ihn nicht vor Seufzen und Angst vor harter Arbeit.
- 10 Da redete der HERR mit Mose und sprach:
- 11 Gehe hinein und rede mit Pharao, dem König in Ägypten, daß er die Kinder Israel aus seinem Lande lasse.
- 12 Mose aber redete vor dem HERRN und sprach: Siehe, die Kinder Israel hören mich nicht; wie sollte mich denn Pharao hören? Dazu bin ich von unbeschnittenen Lippen.
- 13 Also redete der HERR mit Mose und Aaron und tat ihnen Befehl an die Kinder Israel und an Pharao, den König in Ägypten, daß sie die Kinder Israel aus Ägypten führten.
- 14 Dies sind die Häupter in ihren Vaterhäusern. Die Kinder Rubens, des ersten Sohnes Israels, sind diese: Henoch, Pallu, Hezron, Charmi. Das sind die Geschlechter von Ruben.
- 15 Die Kinder Simeons sind diese: Jemuel, Jamin, Ohad, Jachin, Zohar und Saul, der Sohn des kanaanäischen Weibes. Das sind Simeons Geschlechter.
- 16 Dies sind die Namen der Kinder Levis nach ihren Geschlechtern: Gerson, Kahath, Merari. Aber Levi ward hundertsiebenunddreißig Jahre alt.
- 17 Die Kinder Gersons sind diese: Libni und Simei nach ihren Geschlechtern.
- 18 Die Kinder Kahaths sind diese: Amram, Jizhar, Hebron, Usiel. Kahath aber ward hundertdreiunddreißig Jahre alt.
- 19 Die Kinder Merari sind diese: Maheli und Musi. Das sind die Geschlechter Levis nach ihrer Abstammung.
- 20 Und Amram nahm seine Muhme Jochebed zum Weibe; die gebar ihm Aaron und Mose. Aber Amram ward hundertsiebenunddreißig Jahre alt.
- 21 Die Kinder Jizhars sind diese: Korah, Nepheg, Sichri.
- 22 Die Kinder Usiels sind diese: Misael, Elzaphan, Sithri.
- 23 Aaron nahm zum Weibe Eliseba, die Tochter Amminadabs, Nahessons Schwester; die gebar ihm Nadab, Abihu, Eleasar, Ithamar.
- 24 Die Kinder Korah sind diese: Assir, Elkana, Abiasaph. Das sind die Geschlechter der Korahiter.
- 25 Eleasar aber, Aarons Sohn, der nahm von den Töchtern Putiels ein Weib; die gebar ihm Pinehas. Das sind die Häupter unter den Vätern der Leviten-Geschlechter.
- 26 Das ist Aaron und Mose, zu denen der HERR sprach: Führet die Kinder Israel aus Ägyptenland mit ihrem Heer.
- 27 Sie sind's die mit Pharao, dem König in Ägypten, redeten, daß sie die Kinder Israel aus Ägypten führten, nämlich Mose und Aaron.
- 28 Und des Tages redete der HERR mit Mose in Ägyptenland
- 29 und sprach zu Ihm: Ich bin der HERR; rede mit Pharao, dem König in Ägypten, alles, was ich mit dir rede.
- 30 Und er antwortete vor dem HERRN: Siehe, ich bin von unbeschnittenen Lippen; wie wird mich denn Pharao hören?
Kapitelüberblick
Gott antwortet auf Moses verzweifelte Fragen und bekräftigt seine Zusage, Israel aus der ägyptischen Knechtschaft zu befreien. Er erinnert an seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob und erklärt, dass sein Volk nun erkennen soll, wer er ist. Mit einer Reihe eindringlicher Verheißungen kündigt er an, die Israeliten zu erlösen, sie als sein Volk anzunehmen und ihnen das Land ihrer Vorfahren zu geben.
Doch die Menschen sind durch ihre schwere Arbeit so entmutigt, dass sie Moses Botschaft nicht mehr hören wollen. Auch Mose zweifelt erneut daran, ob er für seinen Auftrag geeignet ist. Trotzdem hält Gott an seiner Entscheidung fest und beauftragt Mose und Aaron, dem Pharao gegenüberzutreten.
Ein ausführliches Geschlechtsregister ordnet die beiden Brüder in die Familien Israels ein und nennt wichtige Nachkommen Aarons. Anschließend kehrt die Erzählung zu Moses Berufung zurück. Seine Einwände bleiben bestehen, doch Gottes Auftrag ist unverändert.
Einführung
Die erste Begegnung mit dem ägyptischen König hatte für Mose eine schmerzliche Wendung genommen. Anstatt auf die Forderung nach einem Gottesdienst einzugehen, ließ der Pharao die Zwangsarbeit verschärfen. Die Israeliten mussten weiterhin dieselbe Menge Ziegel herstellen, obwohl sie das benötigte Stroh nun selbst beschaffen sollten. Als ihre Vorarbeiter deswegen geschlagen wurden, machten diese Mose und Aaron für das zusätzliche Leid verantwortlich. Mose wandte sich daraufhin an den HERRN und fragte, weshalb seine Sendung bisher keine Rettung gebracht hatte (2. Mose 5,22–23).
Bereits am brennenden Dornbusch hatte Gott ihn darauf vorbereitet, dass der Pharao sich widersetzen würde. Zugleich hatte er angekündigt, mit mächtiger Hand einzugreifen (2. Mose 3,19–20). Mose kannte diese Verheißung, doch zwischen Gottes Worten und seiner gegenwärtigen Erfahrung lag ein schwer verständlicher Gegensatz. Genau an dieser Stelle setzt die weitere Erzählung an.
Zum Verständnis ist auch die frühere Geschichte der Vorfahren Israels wichtig. Gott hatte Abraham das Land Kanaan versprochen und ihm zugleich angekündigt, dass seine Nachkommen zunächst in einem fremden Land bedrückt werden würden (1. Mose 15,13–16). Isaak und Jakob empfingen ebenfalls die Verheißung dieses Landes, erlebten aber noch nicht dessen dauerhaften Besitz durch ihre Nachkommen. Die jetzige Situation steht deshalb innerhalb einer Geschichte, die lange vor Moses Geburt begonnen hatte.
Eine weitere Besonderheit betrifft die Sprache des Kapitels. Wo viele deutsche Bibeln „HERR“ in Großbuchstaben schreiben, steht im Hebräischen gewöhnlich der Gottesname JHWH. Daneben begegnet die Bezeichnung El Schaddai, die traditionell mit „Gott, der Allmächtige“ wiedergegeben wird. Beide Bezeichnungen spielen für das Verständnis der ersten Verse eine wichtige Rolle. Ihre Bedeutung erschließt sich besonders aus dem Zusammenhang zwischen Gottes früheren Verheißungen und dem, was er nun vor den Augen Israels tun will.
2. Mose 6,1–5
Gottes Antwort auf Moses Klage und die Offenbarung seines Namens
Auf Moses verzweifelte Fragen folgt eine Antwort, die den Blick auf das bevorstehende Handeln Gottes richtet. Der HERR erklärt: „Nun sollst du sehen, was ich dem Pharao tun will!“ (Vers 1). Damit kündigt er eine entscheidende Veränderung an. Bisher hatte der ägyptische König die Forderungen von Mose und Aaron zurückgewiesen und seine Macht dazu benutzt, die Israeliten noch schwerer zu bedrücken. Nun macht Gott deutlich, dass die weitere Entwicklung nicht allein von den Entscheidungen des Pharaos abhängen wird. Der König, der Israel unter keinen Umständen ziehen lassen wollte, wird schließlich selbst gezwungen sein, das Volk freizugeben. Mehr noch: Gott kündigt an, dass der Pharao die Israeliten aus seinem Land treiben wird. Diese Aussage geht über eine widerwillige Erlaubnis hinaus. Sie beschreibt eine so grundlegende Veränderung, dass der Herrscher am Ende genau das verlangen wird, was er zuvor mit aller Macht verhindern wollte. In 2. Mose 12,31–33 wird diese Ankündigung schließlich Wirklichkeit, als die Ägypter die Israeliten zum raschen Aufbruch drängen.
Besonders wichtig ist dabei die wiederholte Erwähnung einer starken Hand. Gemeint ist nicht, dass der Pharao plötzlich aus eigener Einsicht zur Freilassung bereit sein wird. Vielmehr soll Gottes machtvolles Eingreifen den Widerstand des ägyptischen Königs überwinden. Bereits in 2. Mose 3,19–20 hatte Gott angekündigt, dass der Pharao Israel nicht freiwillig ziehen lassen würde und er deshalb selbst seine Hand ausstrecken werde. Die neue Zusage knüpft unmittelbar daran an. Mose soll erkennen, dass die scheinbar unerschütterliche Macht Ägyptens Grenzen besitzt. Allerdings erklärt Gott ihm noch nicht jede Einzelheit des bevorstehenden Geschehens. Auch die Dauer der Auseinandersetzung wird an dieser Stelle nicht genannt. Die Antwort besteht zunächst in der Gewissheit, dass Gott handeln wird und dass der Pharao seine gegenwärtige Haltung nicht dauerhaft aufrechterhalten kann.
Anschließend beginnt Gott mit einer feierlichen Selbstvorstellung: „Ich bin der HERR“ (Vers 2). Hinter der deutschen Bezeichnung HERR steht im hebräischen Text der Gottesname JHWH. Dieser Name war Mose bereits am brennenden Dornbusch begegnet, als Gott ihm erklärte, dass er der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei (2. Mose 3,14–15). Die erneute Nennung ist deshalb nicht einfach die Mitteilung eines bisher unbekannten Namens. Vielmehr stellt Gott seine gegenwärtige Zusage ausdrücklich unter dieselbe göttliche Identität, die bereits mit den Verheißungen an die Vorfahren Israels verbunden war. Mose soll wissen, dass der Gott, der jetzt die Befreiung ankündigt, kein anderer ist als derjenige, der den Vätern Israels begegnet war. Seine bisherigen Verheißungen und sein bevorstehendes Handeln gehören zusammen.
In Vers 3 erklärt Gott, dass er Abraham, Isaak und Jakob als El Schaddai erschienen sei, sich ihnen aber unter seinem Namen JHWH nicht in derselben Weise zu erkennen gegeben habe. Die Bezeichnung El Schaddai wird traditionell mit „Gott, der Allmächtige“ übersetzt. Sie begegnet beispielsweise in 1. Mose 17,1, als Gott Abraham erscheint und seinen Bund mit ihm bekräftigt. Allerdings ist die ursprüngliche sprachliche Bedeutung des Wortes Schaddai nicht vollständig geklärt. Die überlieferte Übersetzung ist deshalb ernst zu nehmen, sollte aber nicht durch eine angeblich sichere Wortherleitung weiter ausgeschmückt werden. Noch bedeutsamer ist die Frage, wie Gottes Aussage über seinen Namen zu verstehen ist. Denn bereits das erste Mosebuch berichtet, dass Abraham und Jakob den Namen JHWH kannten. In 1. Mose 15,7 stellt Gott sich Abraham ausdrücklich unter diesem Namen vor, und in 1. Mose 28,13 begegnet dieselbe Selbstvorstellung gegenüber Jakob.
Diese Spannung lässt sich nicht dadurch beseitigen, dass man die früheren Bibelstellen übergeht. In der Bibelforschung wird sie unterschiedlich erklärt. Eine verbreitete historische Erklärung geht davon aus, dass in den Mosebüchern verschiedene Überlieferungen zusammengeführt wurden, die die Bekanntgabe des Gottesnamens unterschiedlich einordnen. Eine andere Auslegung betrachtet die Aussage stärker im Zusammenhang mit dem Erkennen Gottes durch sein Handeln. Danach kannten die Patriarchen zwar den Namen JHWH, hatten aber noch nicht erlebt, wie Gott seine großen Bundesverheißungen an ihren Nachkommen erfüllte. Der hebräische Ausdruck für das Bekanntwerden Gottes lässt diese Frage nach der Art und Tiefe der Erkenntnis zu, beweist die zweite Erklärung jedoch nicht bereits durch seine grammatische Form. Für diese Deutung spricht besonders der unmittelbare Zusammenhang: Gott verbindet seine Selbstvorstellung mit der Erinnerung an seinen Bund und der Ankündigung seiner bevorstehenden Rettung. In Vers 7 wird er ausdrücklich erklären, dass Israel durch die Befreiung erkennen soll, dass er der HERR ist. Damit gewinnt die Aussage eine besondere Bedeutung: Gottes Name soll nicht nur ausgesprochen werden können, sondern durch seine Treue und sein Handeln erfahrbar werden.
In Vers 4 führt Gott diesen Gedanken weiter, indem er an den Bund mit Abraham, Isaak und Jakob erinnert. Er hatte ihnen das Land Kanaan zugesagt, in dem sie damals als Fremde lebten. Das bedeutet, dass sie sich dort zwar aufhielten, aber noch nicht im Besitz des ganzen verheißenen Landes waren. Abraham musste beispielsweise ein Grundstück als Begräbnisstätte für Sara erwerben (1. Mose 23). Auch Isaak und Jakob lebten in einem Land, dessen dauerhafter Besitz ihren Nachkommen erst für die Zukunft zugesagt war. Die Verheißung war also bereits ausgesprochen, ihre vollständige geschichtliche Erfüllung stand jedoch noch aus. Als Gott nun zu Mose spricht, verbindet er die bevorstehende Befreiung Israels mit genau diesem früheren Versprechen. Der Auszug aus Ägypten ist deshalb kein plötzlich entstandener Plan, der lediglich auf die Grausamkeit des Pharaos reagiert. Er gehört zu einer Geschichte, in der Gott sein Wort bereits lange zuvor gegeben hatte.
Dabei ist die Erwähnung des Bundes von besonderer Bedeutung. Ein Bund bezeichnet in diesem Zusammenhang eine verbindliche Beziehung, in der Gott sich gegenüber den Vorfahren Israels zu bestimmten Verheißungen verpflichtet hatte. Seine Zusage an Abraham umfasste Nachkommen, das Land Kanaan und die besondere Beziehung zu Gott (1. Mose 17,1–8). Dass die Israeliten inzwischen unter ägyptischer Herrschaft leiden, bedeutet nicht, dass dieser Bund aufgehoben worden wäre. Vielmehr erinnert Gott Mose gerade in der schwierigsten Phase seiner bisherigen Sendung daran. Die damaligen Lebensumstände haben sich grundlegend verändert: Aus einer Familie ist ein großes Volk geworden, und aus dem Aufenthalt in Ägypten ist eine schwere Knechtschaft entstanden. Doch die Veränderung der menschlichen Situation hat Gottes frühere Verpflichtung nicht beseitigt. Seine Treue wird nicht davon abhängig gemacht, ob die Nachkommen Abrahams die Erfüllung der Verheißung bereits erkennen können.
In Vers 5 erklärt Gott außerdem, dass er das Seufzen der Israeliten gehört habe. Diese Aussage führt zurück zu 2. Mose 2,23–25, wo bereits berichtet wurde, dass die Kinder Israels wegen ihrer Knechtschaft zu Gott schrien und er ihrer Not gedachte. Die Wiederholung ist bedeutsam, weil inzwischen der Eindruck entstehen konnte, dass ihre Lage trotz Gottes Zuwendung nur noch schlimmer geworden sei. Gott bestätigt jedoch erneut, dass ihm ihr Leiden nicht verborgen geblieben ist. Sein Hören bedeutet mehr als die bloße Wahrnehmung ihrer Klagen. Im biblischen Zusammenhang bereitet es sein rettendes Eingreifen vor. Ebenso besagt die Erklärung, dass Gott seines Bundes gedacht habe, nicht, dass er seine Verheißungen zwischenzeitlich vergessen hätte. Die Bibel verwendet diese Ausdrucksweise auch an anderen Stellen, wenn Gott einer bestehenden Zusage entsprechend handelt. So gedachte Gott Noahs während der Flut, bevor das Wasser zurückging (1. Mose 8,1). Gemeint ist nicht eine zuvor verlorene Erinnerung, sondern Gottes wirksame Zuwendung zu denen, denen er seine Hilfe zugesagt hat.
Damit erhalten die ersten fünf Verse ihren entscheidenden Zusammenhang. Gottes Antwort auf Mose beruht nicht allein auf der Ankündigung größerer Macht. Er erklärt zugleich, weshalb er eingreifen wird: Die Israeliten sind die Nachkommen der Männer, denen er seinen Bund gegeben hat, und ihre gegenwärtige Not ist ihm bekannt. Die Befreiung entsteht aus seiner Treue zu diesem Bund und seinem Erbarmen mit den Unterdrückten. Während der Pharao die Israeliten vor allem als Arbeitskräfte betrachtet, sieht Gott in ihnen das Volk, mit dessen Vorfahren er eine verbindliche Beziehung eingegangen ist. Aus dieser Erinnerung an Vergangenheit und Gegenwart führt seine Rede nun in die Zukunft. In den folgenden Versen wird Gott deshalb nicht nur allgemein von Rettung sprechen, sondern Schritt für Schritt erklären, was er selbst für Israel tun wird und welches Ziel er mit dessen Befreiung verfolgt.
2. Mose 6,6–8
Gottes sieben Zusagen und die Erfüllung seines Bundes
Nachdem Gott Mose an seinen Bund mit den Vorfahren Israels erinnert hat, erhält er den Auftrag, dem Volk eine neue Botschaft zu überbringen. Die folgenden Worte beginnen erneut mit der Erklärung: „Ich bin der HERR“ (Vers 6). Darauf folgt eine Reihe von sieben Zusagen, in denen Gott beschreibt, was er selbst für die Israeliten tun wird. Auffällig ist, wie konsequent er dabei als Handelnder auftritt. Nicht die Stärke des Volkes, Moses Überzeugungskraft oder eine freiwillige Entscheidung des Pharaos stehen im Mittelpunkt, sondern Gottes eigenes Eingreifen. Für die Israeliten, die unter den verschärften Arbeitsbedingungen kaum noch Hoffnung finden, bedeutet diese Ankündigung, dass ihre Zukunft nicht ausschließlich von den Möglichkeiten abhängt, die ihnen ihre ägyptischen Herren lassen.
Die ersten drei Zusagen betreffen ihre unmittelbare Not. Gott wird sie unter den Lasten Ägyptens hervorführen, sie aus ihrer Knechtschaft erretten und sie erlösen. Diese Aussagen gehören eng zusammen, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Die erste richtet den Blick auf die schweren Lasten, die ihnen auferlegt worden sind. Die zweite bezeichnet ihre Befreiung aus dem Zustand der Knechtschaft. Mit der dritten verwendet Gott ein Wort, das im Hebräischen auch für das Einlösen von Verpflichtungen und die Wiedergewinnung dessen gebraucht wird, was verloren oder in fremde Verfügung geraten ist. Das entsprechende Verb ga'al begegnet beispielsweise in den Bestimmungen über einen nahen Verwandten, der Familienbesitz zurückerwerben oder einem Angehörigen helfen kann (3. Mose 25,25.47–49). In 2. Mose 6 geht es jedoch nicht um die Zahlung eines ausdrücklich genannten Kaufpreises. Die Erlösung Israels geschieht vielmehr dadurch, dass Gott seine Macht gegen die ägyptische Unterdrückung einsetzt. Das Wort beschreibt hier eine wirkliche Befreiung aus fremder Herrschaft, die später zu einem grundlegenden Bild für Gottes rettendes Handeln wird.
Gott kündigt an, diese Erlösung mit ausgestrecktem Arm und durch große Gerichte auszuführen. Der ausgestreckte Arm ist eine bildhafte Beschreibung seiner wirksamen Macht. Er soll nicht so verstanden werden, als müsste Gott einen menschlichen Körper besitzen, um handeln zu können. Vielmehr verwendet die Bibel ein vertrautes Bild menschlicher Stärke, um Gottes überlegene Handlungsfähigkeit auszudrücken. Die angekündigten Gerichte zeigen zugleich, dass die Befreiung nicht durch eine bloße Bitte an den Pharao zustande kommen wird. Der ägyptische Herrscher hat sich bereits geweigert, Gottes Forderung anzuerkennen, und sein Volk durch neue Arbeitsanordnungen zusätzlich bedrückt. Gott wird diesem Widerstand nun durch Handlungen begegnen, die Ägyptens Macht erschüttern. In den folgenden Kapiteln entfaltet sich diese Ankündigung durch die Plagen, die schließlich zur Freilassung Israels führen. Die Gerichte sind deshalb nicht von der Rettungsgeschichte zu trennen. Sie treffen auf eine Herrschaft, die an der Unterdrückung festhält und sich Gottes wiederholten Forderungen widersetzt.
Mit der vierten und fünften Zusage verändert sich der Schwerpunkt der Rede. Gott erklärt, dass er Israel als sein Volk annehmen und selbst sein Gott sein wird (Vers 7). Diese Worte reichen über das Ende der Zwangsarbeit hinaus. Die Israeliten sollen nicht lediglich ihre ägyptischen Herren verlieren, sondern in einer besonderen Beziehung zu dem Gott leben, der sie herausgeführt hat. Bereits Abraham hatte eine entsprechende Bundesverheißung erhalten. In 1. Mose 17,7–8 versprach Gott, der Gott Abrahams und seiner Nachkommen zu sein. Nun wird diese Zusage auf die bevorstehende Geschichte des ganzen Volkes angewandt. Dabei ist wichtig, dass Israel schon vor dem Auszug von Gott als sein Volk und sogar als sein erstgeborener Sohn bezeichnet worden war (2. Mose 4,22). Vers 7 bedeutet deshalb nicht, dass Gott bisher keinerlei Beziehung zu Israel gehabt hätte. Vielmehr soll die bereits bestehende Bundesbeziehung durch die Befreiung eine neue geschichtliche Gestalt gewinnen. Das Volk, das bisher unter fremder Herrschaft gelebt hat, wird Gott nun als seinen Retter und Bundesgott erfahren.
Unmittelbar damit verbindet Gott eine weitere Aussage: Die Israeliten sollen erkennen, dass er der HERR ist, der sie aus den Lasten der Ägypter herausführt. Damit wird ein Gedanke aufgenommen, der bereits in der Offenbarung seines Namens eine wichtige Rolle spielte. Die Menschen sollen nicht nur wissen, wie Gott genannt wird. Sie sollen an seinem Handeln erkennen, wer er ist und was seine Zusagen bedeuten. Diese Erkenntnis entsteht nicht durch eine bloße Erklärung, sondern durch die Erfahrung seiner Treue. Für das spätere Leben Israels wird das von grundlegender Bedeutung. Immer wieder erinnert Gott sein Volk daran, dass er es aus Ägypten geführt hat. Selbst die Zehn Gebote beginnen mit dieser Erinnerung, bevor die einzelnen Gebote ausgesprochen werden (2. Mose 20,2). Die Beziehung zwischen Gott und Israel gründet damit auf einer Rettung, die Gott selbst bewirkt hat. Der anschließende Gehorsam soll die Antwort eines befreiten Volkes sein und nicht der Versuch, sich durch eigene Leistungen erst das Recht auf Befreiung zu verdienen.
Die sechste und siebte Zusage richten den Blick schließlich auf das Land, das Gott Abraham, Isaak und Jakob versprochen hatte (Vers 8). Gott wird die Israeliten dorthin bringen und ihnen das Land als bleibenden Besitz geben. Besonders bedeutsam ist die Formulierung, dass er seine Hand erhoben habe, um dieses Land ihren Vorfahren zu geben. Das Erheben der Hand konnte im alten Israel eine feierliche Bekräftigung oder einen Schwur ausdrücken. Gemeint ist hier deshalb Gottes verbindliche Zusage. Die Patriarchen hatten im Land Kanaan gelebt, ohne dass ihre Nachkommen es bereits als ganzes Volk dauerhaft besaßen. Nun kündigt Gott an, das seit Generationen gegebene Versprechen weiter zur Erfüllung zu führen. Die Befreiung aus Ägypten besitzt damit ein konkretes geschichtliches Ziel. Sie soll nicht in einer unbestimmten Wanderung enden, sondern Israel an den Ort führen, den Gott seinen Vorfahren zugesagt hatte. Dass dieser Weg später durch die Wüste führt und noch viele Herausforderungen mit sich bringt, verändert nicht den Inhalt der hier ausgesprochenen Verheißung.
Am Ende seiner Rede wiederholt Gott ein letztes Mal die Worte: „Ich bin der HERR“ (Vers 8). Damit wird die gesamte Folge der Zusagen von seiner eigenen Identität umschlossen. Die Gewissheit ihrer Erfüllung liegt nicht in den Fähigkeiten der Menschen, an die sie gerichtet sind. Israel besitzt weder die politische Macht, seine Freilassung durchzusetzen, noch die Mittel, sich das verheißene Land aus eigener Kraft zu sichern. Gott stellt deshalb sein eigenes Handeln in den Vordergrund. Er wird herausführen, erretten, erlösen, annehmen, ihr Gott sein, ins Land bringen und es ihnen geben. Diese sieben Zusagen verbinden die Überwindung der gegenwärtigen Knechtschaft mit der künftigen Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk. Doch gerade als Mose diese Botschaft weitergibt, tritt ein schmerzlicher Gegensatz hervor. Die Verheißungen sind umfassend, während die Israeliten durch ihre tägliche Not so erschöpft sind, dass sie kaum noch Kraft haben, ihnen zuzuhören.
2. Mose 6,9
Wenn das Leiden die Hoffnung erstickt
Mose überbringt den Israeliten die Worte, die Gott ihm aufgetragen hat. Doch ihre Reaktion fällt anders aus als bei seiner ersten Begegnung mit dem Volk. Damals hatten die Menschen geglaubt, dass der HERR ihr Elend gesehen und sich ihrer angenommen hatte. Sie hatten ihre Häupter geneigt und Gott angebetet (2. Mose 4,31). Jetzt berichtet Vers 9, dass sie nicht auf Mose hören. Die Botschaft stammt weiterhin von demselben Gott, der ihnen seine Hilfe zugesagt hat. Auch seine Verheißungen sind nicht schwächer geworden. Verändert haben sich jedoch die Lebensumstände der Israeliten. Seit Moses Auftreten vor dem Pharao ist ihre Arbeit noch schwerer geworden, ihre Vorarbeiter wurden geschlagen und die Aussicht auf eine baldige Befreiung scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Zwischen der ersten hoffnungsvollen Reaktion und dem gegenwärtigen Schweigen liegt die Erfahrung einer bitteren Enttäuschung.
Der biblische Bericht nennt ausdrücklich den Grund, weshalb die Israeliten Moses Worten nicht folgen können. Im Hebräischen steht hier der Ausdruck qotser ruach, der wörtlich etwa „Kürze des Geistes“ oder „Kürze des Atems“ bedeutet. Im Zusammenhang beschreibt er eine tiefe innere Bedrängnis und Mutlosigkeit. Das Bild lässt an einen Menschen denken, dem unter einer schweren Last kaum noch Raum zum Aufatmen bleibt. Der Text spricht dabei nicht von einer medizinisch feststellbaren Atemstörung, sondern beschreibt den bedrückten Zustand der Menschen. Zusätzlich nennt er die harte Arbeit, unter der sie weiterhin leiden. Ihre Reaktion wird damit nicht einfach als Gleichgültigkeit gegenüber Gott dargestellt. Vielmehr erklärt der Erzähler, dass ihre innere Erschöpfung und ihre äußere Belastung es ihnen schwer machen, die angekündigte Hoffnung anzunehmen.
Besonders bemerkenswert ist der Gegensatz zwischen dem Inhalt der göttlichen Botschaft und der gegenwärtigen Erfahrung des Volkes. Gott hat soeben angekündigt, die Israeliten von ihren schweren Lasten zu befreien, sie aus der Knechtschaft herauszuführen und sie als sein Volk anzunehmen. Doch gerade die Menschen, denen diese Verheißungen gelten, erleben weiterhin die volle Härte der ägyptischen Unterdrückung. Sie müssen sich täglich um die Erfüllung ihrer Arbeitsvorgaben bemühen und wissen inzwischen, dass der Pharao nicht bereit ist, ihre Lage freiwillig zu erleichtern. Die Worte von der bevorstehenden Rettung stehen damit einer Wirklichkeit gegenüber, in der noch keine sichtbare Erleichterung eingetreten ist. Der Bericht macht verständlich, weshalb sich die Israeliten unter diesen Umständen schwertun, ihre Hoffnung erneut auf eine Zukunft zu richten, die ihnen versprochen wird, deren Verwirklichung sie aber noch nicht erkennen können.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Vers 9 sagt, dass die Israeliten nicht auf Mose hörten. Er erklärt jedoch nicht ausdrücklich, dass sie Gott bewusst verworfen oder jede Hoffnung auf seine Hilfe endgültig aufgegeben hätten. Ebenso wenig berichtet er, dass ihr früherer Glaube nur vorgetäuscht gewesen sei. Die erste Reaktion in 2. Mose 4,31 wird als wirklicher Glaube beschrieben. Nun zeigt sich, wie schwer dieser Glaube unter anhaltendem Leid belastet werden kann. Die Menschen hatten Gottes Botschaft zunächst angenommen, mussten danach aber erfahren, dass ihre Situation noch schlimmer wurde. Ihre gegenwärtige Mutlosigkeit darf deshalb nicht mit einer abschließenden Entscheidung gegen Gott gleichgesetzt werden. Der Text lässt vielmehr erkennen, dass großer äußerer Druck die Fähigkeit eines Menschen beeinträchtigen kann, auf ermutigende Worte einzugehen.
Diese Beobachtung erhält zusätzliches Gewicht, wenn man an die Absicht des Pharaos zurückdenkt. In 2. Mose 5,9 hatte er ausdrücklich befohlen, den Israeliten noch mehr Arbeit aufzuerlegen, damit sie sich nicht mit den Worten Moses beschäftigen. Nun berichtet die Bibel, dass die Menschen wegen ihrer schweren Arbeit und ihrer inneren Bedrängnis nicht auf Mose hören. Zwischen beiden Aussagen besteht ein auffälliger Zusammenhang. Der Pharao wollte durch zusätzliche Belastung den Einfluss der Befreiungsbotschaft schwächen. Tatsächlich ist das Volk inzwischen so erschöpft, dass Moses erneute Verkündigung keine erkennbare hoffnungsvolle Reaktion hervorruft. Damit zeigt sich, wie die Unterdrückung nicht nur den Körper beansprucht, sondern auch das Denken und Hoffen der Betroffenen belastet. Allerdings berichtet der Text nicht, dass der Pharao dadurch Gottes weiteren Plan verhindern könnte. Seine Maßnahmen beeinflussen die gegenwärtige Haltung des Volkes, besitzen aber nicht die Macht, Gottes Verheißung außer Kraft zu setzen.
Gerade darin liegt eine bedeutsame Erkenntnis über Gottes Umgang mit Israel. Seine Zusage zur Befreiung war ausgesprochen worden, bevor das Volk überhaupt wusste, wie es darauf reagieren würde. Sie gründete in seinem Bund mit den Vorfahren Israels und in seiner Entscheidung, das Leiden ihrer Nachkommen zu beenden. Die gegenwärtige Mutlosigkeit der Menschen verändert diese Grundlage nicht. Zwar zeigt der Vers, dass sie Moses Botschaft zunächst nicht annehmen können, doch Gott nimmt deshalb seinen Auftrag nicht zurück. Das wird im weiteren Verlauf des Kapitels besonders deutlich. Er wendet sich erneut an Mose und führt seinen Befreiungsplan fort. Die Rettung Israels beruht letztlich nicht darauf, dass die Menschen in jedem Augenblick genügend Zuversicht besitzen, sondern auf der Treue des Gottes, der ihnen seine Hilfe zugesagt hat.
Für Mose entsteht durch diese Reaktion allerdings eine neue Schwierigkeit. Er soll dem Pharao Gottes Forderung überbringen, obwohl bereits das eigene Volk nicht mehr auf ihn hört. Die Menschen, um deren Befreiung es geht, können seiner Botschaft gegenwärtig kaum noch Vertrauen entgegenbringen. Damit scheint seine Aufgabe aus menschlicher Sicht noch aussichtsloser geworden zu sein. Doch Gott wird seine Entscheidung nicht von Moses Einschätzung der Erfolgsaussichten abhängig machen. Stattdessen erhält Mose einen erneuten Auftrag, der ihn wieder vor den ägyptischen König führt.
2. Mose 6,10–13
Moses Zweifel und Gottes erneuter Auftrag
Obwohl die Israeliten Moses Botschaft nicht angenommen haben, spricht Gott erneut zu ihm. In Vers 10 beginnt die nächste Beauftragung mit der vertrauten Formulierung, dass der HERR zu Mose redet. Die Reaktion des Volkes führt also nicht dazu, dass Gott seinen Befreiungsplan aufgibt oder einen anderen Weg sucht. Vielmehr richtet er Moses Aufmerksamkeit wieder auf die Aufgabe, für die er ihn ursprünglich nach Ägypten gesandt hatte. Dabei verändert sich der unmittelbare Adressat seiner Botschaft. Während Mose zuvor den Israeliten Gottes Verheißungen überbringen sollte, erhält er jetzt den Befehl, zum Pharao zu gehen und dessen Zustimmung zur Freilassung des Volkes zu verlangen (Vers 11). Die Entscheidung über Israels Zukunft soll nicht länger nur innerhalb des unterdrückten Volkes besprochen werden. Der ägyptische Herrscher selbst muss sich erneut mit Gottes Forderung auseinandersetzen.
Diese Anweisung ist besonders bemerkenswert, weil Mose den Widerstand des Pharaos bereits erlebt hat. Bei ihrer ersten Begegnung hatte der König die Autorität des Gottes Israels zurückgewiesen und anschließend die Arbeitsbedingungen verschärft (2. Mose 5,1–9). Gott fordert Mose nun nicht dazu auf, seine frühere Botschaft zurückzunehmen oder die Freilassung durch ein anderes Angebot zu ersetzen. Sein Auftrag bleibt darauf gerichtet, dass der Pharao die Israeliten aus seinem Land ziehen lässt. Die göttliche Forderung wird damit trotz des bisherigen Widerstands aufrechterhalten. Zugleich wird deutlich, dass Gottes Zusagen nicht bedeuten, Mose brauche selbst nichts mehr zu tun. Gott hat sein Eingreifen angekündigt, bezieht seinen berufenen Boten aber weiterhin in die bevorstehenden Ereignisse ein. Mose soll sprechen, obwohl er die Macht zur Durchsetzung der Befreiung nicht selbst besitzt.
Moses Antwort zeigt, wie schwer ihm dieser Auftrag fällt. Er erinnert Gott daran, dass schon die Israeliten nicht auf ihn gehört haben, und fragt, weshalb dann ausgerechnet der Pharao auf seine Worte hören sollte (Vers 12). Hinter dieser Frage steht ein nachvollziehbarer Gedankengang: Wenn bereits das eigene Volk, das von seiner Botschaft unmittelbar profitieren würde, nicht bereit ist zuzuhören, erscheint es noch unwahrscheinlicher, dass der ägyptische König nachgeben wird. Dieser besitzt schließlich ein eigenes Interesse daran, die Israeliten als Arbeitskräfte festzuhalten. Mose vergleicht damit zwei sehr unterschiedliche Zuhörer und schließt aus der ablehnenden Reaktion der einen auf die noch größere Schwierigkeit bei dem anderen. Dass das Volk wegen seiner schweren Arbeit nicht hören konnte, bedeutet zwar nicht, dass es dieselbe Haltung wie der Pharao einnahm. Doch für Mose ist das Ergebnis zunächst dasselbe: Seine Worte haben die erhoffte Wirkung nicht erreicht.
Zu dieser Erfahrung kommt ein zweiter Einwand. Mose bezeichnet sich selbst als einen Mann mit „unbeschnittenen Lippen“. Diese ungewöhnliche Formulierung geht auf den hebräischen Ausdruck ʿaral səfatayim zurück. Das Wort „unbeschnitten“ wird hier bildlich gebraucht und beschreibt eine Einschränkung, die Mose beim Sprechen empfindet. In der Bibel können auch andere Körperteile auf ähnliche Weise bezeichnet werden. So spricht Jeremia 6,10 von unbeschnittenen Ohren, die nicht hören können, während 5. Mose 10,16 die Beschneidung des Herzens fordert. In diesen Fällen geht es nicht um einen körperlichen Eingriff, sondern um eine innere Haltung oder eine wahrgenommene Unfähigkeit. Bei Mose betrifft das Bild seine Lippen und damit seine Fähigkeit, eine Botschaft verständlich und wirkungsvoll vorzutragen. Welche konkrete Schwierigkeit dahinterstand, erklärt der Text nicht. Deshalb lässt sich weder eine bestimmte Sprachstörung noch eine mangelnde Beherrschung der ägyptischen Sprache sicher daraus ableiten.
Der Einwand erinnert an Moses frühere Worte am brennenden Dornbusch. Dort hatte er erklärt, dass er nicht gut reden könne und schwer an Mund und Zunge sei (2. Mose 4,10). Gott hatte ihm damals geantwortet, dass er selbst den menschlichen Mund geschaffen habe, und ihm seine Hilfe zugesagt. Außerdem stellte er Aaron als Sprecher an seine Seite (2. Mose 4,11–16). Nun kehrt Mose zu seiner ursprünglichen Sorge zurück, verwendet dafür aber ein anderes Bild. Seine Erfahrungen in Ägypten haben ihm offenbar keine größere Sicherheit im Umgang mit seiner Aufgabe gegeben. Allerdings sollte man seine beiden Aussagen nicht vorschnell als Beweis für eine körperliche Behinderung verstehen. Die Bibel berichtet vor allem, wie Mose seine eigene Redefähigkeit beurteilt. Ob seine tatsächlichen sprachlichen Möglichkeiten ebenso begrenzt waren, lässt sie offen. Entscheidend für die Erzählung ist, dass Mose sich für die Begegnung mit dem Pharao weiterhin nicht ausreichend vorbereitet sieht.
Gerade die Verbindung seiner beiden Einwände macht seine Lage verständlich. Mose zweifelt einerseits daran, dass seine Botschaft überhaupt angenommen wird. Andererseits hält er sich selbst nicht für den geeigneten Sprecher. Damit betrifft seine Unsicherheit sowohl die Menschen, die er erreichen soll, als auch die eigenen Fähigkeiten, mit denen er diesen Auftrag erfüllen müsste. Der biblische Bericht nimmt diese Bedenken ernst, ohne sie zum Maßstab für Gottes Entscheidung zu machen. Schon bei Moses Berufung hatte Gott seine Fähigkeiten nicht als die entscheidende Voraussetzung bezeichnet, sondern ihm seine Gegenwart zugesagt (2. Mose 3,12). Diese Zusage wird nun durch die schwierigen Erfahrungen nicht aufgehoben. Der Fortgang der Geschichte hängt deshalb nicht davon ab, ob Mose sich inzwischen stark und überzeugend genug fühlt.
In Vers 13 wird erstmals innerhalb dieses Gesprächs Aaron wieder ausdrücklich neben Mose genannt. Gott redet nun zu beiden Brüdern und erteilt ihnen einen Auftrag, der sowohl die Israeliten als auch den Pharao betrifft. Diese Formulierung ist bedeutsam, weil sie die beiden Seiten der bisherigen Auseinandersetzung zusammenführt. Die Israeliten müssen auf Gottes bevorstehendes Handeln vorbereitet und aus ihrer Knechtschaft herausgeführt werden. Der Pharao wiederum muss mit der Forderung Gottes konfrontiert werden, die Freilassung zu ermöglichen. Mose und Aaron sind damit nicht lediglich Überbringer einzelner Botschaften. Sie erhalten gemeinsam die Verantwortung, den göttlichen Auftrag gegenüber beiden Seiten auszuführen. Die genaue Verteilung ihrer Aufgaben wird in 2. Mose 7,1–2 weiter erläutert, wenn Gott Aaron ausdrücklich als den Sprecher Moses gegenüber dem Pharao bestimmt.
Auffällig ist, dass Vers 13 keine ausführliche neue Antwort auf Moses Frage nach seiner Redefähigkeit enthält. Stattdessen fasst er den gemeinsamen Auftrag der beiden Brüder zusammen. Gott lässt sich durch Moses erneuten Einwand nicht davon abbringen, die Befreiung Israels weiter vorzubereiten. Zugleich übergeht er dessen Schwierigkeit nicht einfach, sondern stellt ihm erneut Aaron zur Seite. Die Sendung beruht somit weder auf Moses persönlicher Sicherheit noch auf seiner Fähigkeit, den Pharao aus eigener Kraft zu überzeugen. Ihre Grundlage bleibt Gottes Entscheidung, Israel aus Ägypten herauszuführen. Mose und Aaron sollen die ihnen anvertraute Botschaft weitergeben, während Gott selbst die angekündigte Befreiung herbeiführen wird.
Mit diesem gemeinsamen Auftrag endet der Gesprächsabschnitt zunächst. Bevor die Erzählung ausführlich schildert, wie Mose und Aaron erneut vor den Pharao treten, folgt jedoch ein Geschlechtsregister. Diese Unterbrechung besitzt eine erkennbare Funktion. Nachdem die beiden Brüder als Träger des göttlichen Auftrags hervorgetreten sind, wird nun ihre Herkunft innerhalb der Stämme Israels dargestellt. Der Leser erfährt, zu welcher Familie sie gehören und welche weiteren Personen aus dieser Abstammungslinie für die spätere Geschichte des Volkes Bedeutung gewinnen werden. So verbindet der folgende Abschnitt die persönliche Berufung Moses und Aarons mit der Geschichte des Volkes, aus dem sie hervorgegangen sind.
2. Mose 6,14–19
Die Abstammung Rubens, Simeons und Levis
Mitten in der Geschichte von Moses Berufung beginnt ein ausführliches Geschlechtsregister. Auf den ersten Blick wirkt dieser Abschnitt wie eine Unterbrechung der eigentlichen Handlung. Gerade hatte Gott Mose und Aaron erneut beauftragt, Israel aus Ägypten herauszuführen. Nun richtet sich der Blick plötzlich auf die Vorfahren und Familien des Volkes. Doch diese Aufzählung erfüllt eine wichtige Aufgabe. Sie zeigt, aus welcher Abstammungslinie die beiden Männer hervorgegangen sind, die Gott für die Befreiung Israels ausgewählt hat. Die Erzählung verbindet ihren persönlichen Auftrag dadurch mit der Geschichte der Nachkommen Jakobs. Mose und Aaron treten nicht als unbekannte Einzelpersonen auf, sondern gehören zu einem Volk, dessen Ursprung und Familienverhältnisse bereits im ersten Mosebuch beschrieben wurden.
Der Abschnitt beginnt mit den Häuptern der sogenannten Vaterhäuser (Vers 14). Damit sind die Familienverbände gemeint, die ihre gemeinsame Abstammung auf bestimmte Vorfahren zurückführten. Solche Verbände bildeten einen wichtigen Teil der gesellschaftlichen Ordnung Israels. Die Zugehörigkeit zu einer Familie bestimmte nicht nur die persönliche Herkunft, sondern spielte später auch bei der Verteilung von Aufgaben, beim Erbrecht und bei der Ordnung des Volkes eine Rolle. Die Bezeichnung „Geschlechter“ meint deshalb hier keine aufeinanderfolgenden Zeitalter, sondern Familiengruppen, die von den genannten Männern abstammen. Das Register soll somit nicht einfach eine möglichst große Zahl einzelner Namen überliefern. Es macht die Herkunft bestimmter Familienlinien nachvollziehbar und führt den Leser schrittweise zu jener Familie, aus der Mose und Aaron stammen.
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Zunächst werden die Nachkommen Rubens genannt, des erstgeborenen Sohnes Jakobs. Seine vier Söhne heißen Hanoch, Pallu, Hezron und Karmi. Diese Namen begegnen bereits in 1. Mose 46,9, als die Angehörigen Jakobs aufgezählt werden, die nach Ägypten kamen. Dass das Geschlechtsregister mit Ruben beginnt, entspricht der Geburtsreihenfolge der Söhne Jakobs. Ruben war der Erstgeborene und nahm damit ursprünglich eine besondere Stellung innerhalb der Familie ein. Dennoch führt die Aufzählung nicht zu seinen Nachkommen als den späteren Befreiern Israels. Sie bildet vielmehr den Anfang einer größeren Abstammungsübersicht, deren Schwerpunkt erst nach und nach sichtbar wird. Die Nennung Rubens dient deshalb nicht dazu, ihm eine neue Führungsaufgabe zuzuschreiben. Sie ordnet die folgende Familiengeschichte zunächst in die bekannte Reihenfolge der Söhne Israels ein.
In Vers 15 folgt Simeon, der zweite Sohn Jakobs. Seine Nachkommen werden mit den Namen Jemuel, Jamin, Ohad, Jachim, Zohar und Saul aufgeführt. Auch diese Familie war bereits in 1. Mose 46,10 genannt worden. Eine Besonderheit betrifft Saul, der ausdrücklich als Sohn einer kanaanäischen Frau bezeichnet wird. Damit bewahrt das Geschlechtsregister eine Information über die mütterliche Herkunft eines einzelnen Familienmitglieds, die bei den anderen Söhnen Simeons nicht ergänzt wird. Der Text erklärt jedoch nicht, weshalb gerade diese Angabe festgehalten wurde. Er enthält auch kein ausdrückliches Urteil über die Ehe seiner Eltern. Deshalb wäre es unbegründet, aus dieser Erwähnung allein eine besondere Schuld, eine religiöse Abkehr oder eine geringere Zugehörigkeit Sauls zur Familie Simeons abzuleiten. Die Angabe zeigt zunächst lediglich, dass innerhalb dieser Abstammungslinie auch eine Frau kanaanäischer Herkunft eine Rolle spielte.
Nach Ruben und Simeon erreicht die Aufzählung den dritten Sohn Jakobs: Levi. Von diesem Punkt an verändert sich der Umfang des Registers deutlich. Während bei den beiden älteren Brüdern nur ihre unmittelbaren Nachkommen genannt werden, verfolgt der Bericht die Familienlinien Levis ausführlicher. Seine drei Söhne heißen Gerson, Kahath und Merari (Vers 16). Auch diese Namen sind bereits aus 1. Mose 46,11 bekannt. Dass die Erzählung nun bei Levi verweilt, hängt mit der Herkunft Moses und Aarons zusammen. Beide gehören zu diesem Stamm, wie die anschließenden Verse erklären werden. Die Aufzählung beginnt also nicht zufällig mit den ersten drei Söhnen Jakobs, sondern führt nach der Geburtsreihenfolge bis zu dem Stamm, der für den weiteren Bericht von besonderer Bedeutung ist. Dadurch entsteht eine natürliche Verengung des Blickfeldes: von Israel als Familie über den Stamm Levi bis zu den Vorfahren der beiden berufenen Brüder.
An dieser Stelle ist bemerkenswert, dass Levi in der früheren Familiengeschichte keineswegs als fehlerloser Mann dargestellt wird. In 1. Mose 34 wird berichtet, wie er gemeinsam mit Simeon gewaltsam gegen die Männer von Sichem vorging. Später verurteilte Jakob die Gewalttätigkeit dieser beiden Söhne ausdrücklich (1. Mose 49,5–7). Die Herkunft Moses und Aarons aus dem Stamm Levi darf deshalb nicht so verstanden werden, als hätte bereits dessen Stammvater eine besondere moralische Überlegenheit besessen. Die Bibel verschweigt die belastenden Ereignisse seiner Geschichte nicht. Allerdings erklärt 2. Mose 6 an dieser Stelle auch nicht, weshalb Gott gerade Nachkommen Levis für den Befreiungsauftrag ausgewählt hat. Der unmittelbare Zweck des Registers besteht darin, ihre Abstammung festzuhalten, nicht darin, nachträglich jede Entscheidung Gottes über ihre Familie zu begründen.
Zusätzlich nennt Vers 16 das Lebensalter Levis von 137 Jahren. Solche Altersangaben sind aus den Geschlechtsregistern des ersten Mosebuches bekannt und verankern die genannten Personen innerhalb einer längeren Familiengeschichte. In Vers 18 wird auch für Kahath ein Lebensalter von 133 Jahren angegeben. Daraus lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres genaue Zeitabstände zwischen sämtlichen Generationen berechnen. Der Bericht nennt nicht, in welchem Lebensjahr Levi seinen Sohn Kahath bekam oder wann Kahath wiederum Vater wurde. Ebenso wenig erklärt er hier, ob jede nachfolgende Abstammungsangabe eine lückenlose Generationenfolge bilden soll. Die beiden Altersangaben sind deshalb als überlieferte Lebensspannen ernst zu nehmen, dürfen aber nicht einfach addiert werden, um daraus die Gesamtdauer des israelitischen Aufenthalts in Ägypten zu bestimmen. Für diese Frage müssen auch die anderen chronologischen Aussagen der Mosebücher und ihre unterschiedlichen Textüberlieferungen berücksichtigt werden.
Anschließend werden die drei Familienzweige Levis genauer beschrieben. Von Gerson stammen Libni und Simei ab (Vers 17). Kahath hat vier namentlich genannte Söhne: Amram, Jizhar, Hebron und Ussiel (Vers 18). Von Merari werden Machli und Musi genannt (Vers 19). Damit entsteht innerhalb des Stammes Levi eine weitere Unterteilung in einzelne Familiengruppen. Diese Namen besitzen auch für die spätere Geschichte Israels Bedeutung. Nachdem Gott sein Volk aus Ägypten geführt hat, werden den verschiedenen levitischen Familien unterschiedliche Aufgaben im Zusammenhang mit der Stiftshütte übertragen. Die Stiftshütte ist das bewegliche Heiligtum, das Israel während seiner Wüstenwanderung auf Gottes Anweisung errichten soll. Nach 4. Mose 3–4 übernehmen die Nachkommen Gersons Aufgaben an den Zeltdecken und Behängen, die Nachkommen Meraris an den tragenden Bauteilen und die Nachkommen Kahaths beim Transport besonders heiliger Gegenstände. Die priesterlichen Aufgaben bleiben dabei innerhalb der levitischen Familien besonders Aaron und seinen Nachkommen vorbehalten. Nicht jeder Levit ist deshalb automatisch Priester.
Diese späteren Aufgaben helfen zu verstehen, weshalb die Familienlinien so sorgfältig unterschieden werden. Dennoch sollte man sie nicht unbemerkt in die damalige Situation in Ägypten hineinlesen. In 2. Mose 6 gibt es noch keine errichtete Stiftshütte, und die hier genannten Familien erhalten noch keine entsprechenden Dienstanweisungen. Der Text hält zunächst ihre Abstammung fest. Erst im weiteren Verlauf der Geschichte wird erkennbar, welche Aufgaben bestimmte Nachkommen übernehmen werden. Die Verbindung zwischen beiden Abschnitten ist deshalb rückblickend bedeutsam, ohne dass die Familiennamen bereits in diesem Kapitel eine vollständige Beschreibung ihrer späteren Aufgaben enthalten.
Innerhalb der Familie Kahaths fällt schließlich der Name Amram auf. Er steht an erster Stelle seiner vier genannten Söhne und wird im folgenden Vers ausdrücklich mit Jochebed sowie der Geburt von Aaron und Mose verbunden. Damit erreicht das Geschlechtsregister allmählich seinen eigentlichen Schwerpunkt. Die Aufzählung der älteren Stämme und der verschiedenen levitischen Familien bereitet die Herkunft der beiden Männer vor, denen Gott seinen Befreiungsauftrag anvertraut hat. Zugleich wird sichtbar, dass ihre Berufung nicht außerhalb der bisherigen Geschichte Israels steht. Der Gott, der seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob geschlossen hat, handelt nun durch Menschen aus deren Nachkommenschaft. Aus der weit verzweigten Familie Jakobs führt die Erzählung deshalb zu jener Abstammungslinie, deren Mitglieder für die bevorstehenden Ereignisse eine besondere Verantwortung tragen werden.
2. Mose 6,20–27
Moses und Aarons Herkunft und die Bedeutung ihrer Familienlinien
Mit Amram und Jochebed erreicht das Geschlechtsregister die unmittelbare Familie Moses und Aarons. Vers 20 nennt Amram als den Mann Jochebeds und bezeichnet beide ausdrücklich als Eltern der beiden Brüder. Damit werden die Männer, die bisher vor allem durch ihre Berufung und ihr Auftreten vor dem Pharao bekannt waren, innerhalb einer konkreten Familie eingeordnet. Ihre Herkunft war bereits zu Beginn der Lebensgeschichte Moses angedeutet worden. In 2. Mose 2,1–2 wird berichtet, dass ein Mann aus dem Stamm Levi eine Frau aus demselben Stamm heiratete und sie einen Sohn gebar. Erst hier erfahren wir ihre Namen. Nach 4. Mose 26,59 gehörte auch Mirjam zu ihren Kindern, obwohl sie im vorliegenden Geschlechtsregister nicht ausdrücklich aufgeführt wird. Das zeigt, dass die Aufzählung nicht jedes Familienmitglied gleichermaßen berücksichtigt. Sie konzentriert sich auf diejenigen Personen und Abstammungslinien, die für ihren besonderen Zusammenhang von Bedeutung sind.
Eine ungewöhnliche Einzelheit betrifft die Verwandtschaft zwischen Amram und Jochebed. Die Schlachter-Bibel von 1951 bezeichnet Jochebed als seine Base. Im hebräischen Text steht genauer, dass sie die Schwester seines Vaters war. Amram heiratete demnach seine Tante. Diese Verbindung wirft eine Frage auf, weil das später durch Mose verkündete Gesetz eine solche Ehe ausdrücklich untersagt (3. Mose 18,12). Die Erzählung berichtet die Eheschließung jedoch als Teil der Familiengeschichte vor der Gesetzgebung am Sinai. Sie enthält an dieser Stelle weder eine ausdrückliche Verurteilung noch eine besondere Rechtfertigung der Verbindung. Deshalb wäre es ebenso unbegründet, die späteren Ehegesetze einfach rückwirkend als damals bereits verkündete Bestimmungen vorauszusetzen, wie aus dem Schweigen des Textes eine grundsätzliche göttliche Billigung solcher Ehen abzuleiten. Für das Verständnis des Kapitels ist entscheidend, dass die Bibel die tatsächliche Familienherkunft Moses und Aarons nennt, ohne die gesamte Lebensgeschichte ihrer Eltern zu bewerten.
Zusätzlich wird Amrams Lebensalter mit 137 Jahren angegeben. Gemeinsam mit den zuvor genannten Lebensspannen Levis und Kahaths entsteht dadurch eine auffällige Folge von Altersangaben. Allerdings lässt sich daraus keine vollständig gesicherte Chronologie des ägyptischen Aufenthalts berechnen. Die Bibel erklärt hier weder sämtliche Geburtszeitpunkte noch ausdrücklich, ob jede Abstammungsfolge für chronologische Berechnungen lückenlos zu verstehen ist. Besonders im Verhältnis zu den 430 Jahren aus 2. Mose 12,40 entstehen Fragen, die durch unterschiedliche Textüberlieferungen und Auslegungen zusätzlich erschwert werden. Das Geschlechtsregister sollte deshalb nicht als vollständige Zeittafel behandelt werden. Sein Hauptanliegen liegt darin, die Herkunft der genannten Familien nachvollziehbar zu machen. Dafür ist die genaue Beziehung zwischen den einzelnen Namen wichtiger als eine nachträglich errechnete Jahreszahl.
In den Versen 21–22 werden weitere Nachkommen Kahaths aufgeführt. Von Jizhar stammen Korah, Nepheg und Sichri ab. Korah erhält später in der Wüstenwanderung eine besondere Bedeutung, als er gemeinsam mit anderen Männern gegen die Stellung Moses und Aarons auftritt (4. Mose 16). Damit zeigt sich, dass auch innerhalb des Stammes Levi schwere Auseinandersetzungen um geistliche Verantwortung und Autorität entstehen werden. Diese spätere Entwicklung darf jedoch nicht in die gegenwärtige Aufzählung hineingelesen werden, als wäre Korahs Widerstand bereits hier ausdrücklich angekündigt. Der Text nennt zunächst nur seine Abstammung. Anschließend folgen die Söhne Ussiels: Misael, Elzaphan und Sitri. Auch sie gehören zur weiteren Verwandtschaft Moses und Aarons. Misael und Elzaphan werden später in 3. Mose 10,4 ausdrücklich erwähnt, als sie nach dem Tod Nadabs und Abihus mit einer besonderen Aufgabe betraut werden. Die Namen sind somit keine bedeutungslose Ergänzung. Mehrere dieser Familienangehörigen werden in der weiteren Geschichte Israels erneut hervortreten.
Besondere Aufmerksamkeit erhält ab Vers 23 die Familie Aarons. Der Text nennt seine Frau Eliseba, die Tochter Amminadabs und Schwester Nahassons. Durch diese Angaben wird auch ihre Herkunft näher bestimmt. Nahasson begegnet später als ein führender Mann aus dem Stamm Juda (4. Mose 1,7). Aarons Ehe verbindet somit zwei bedeutende Familienlinien Israels miteinander: seine eigene levitische Herkunft und die Familie seiner Frau aus Juda. Daraus lässt sich allerdings noch keine ausdrücklich beabsichtigte prophetische Verbindung zwischen dem späteren Priestertum und dem Königtum ableiten. Der unmittelbare Bericht hält zunächst eine familiäre Beziehung fest. Zugleich wird deutlich, dass die Stämme Israels keine vollständig voneinander getrennten Familienverbände waren, sondern durch Ehen miteinander verbunden sein konnten. Dass Eliseba und ihre Angehörigen namentlich genannt werden, hilft außerdem, Aarons Nachkommen innerhalb dieser Verwandtschaftsbeziehungen genauer einzuordnen.
Aus der Ehe zwischen Aaron und Eliseba gehen vier Söhne hervor: Nadab, Abihu, Eleasar und Itamar. Ihre Namen werden später bei der Einsetzung des Priestertums erneut genannt. In 2. Mose 28,1 bestimmt Gott Aaron und seine Söhne für den Priesterdienst. Damit erhält die hier festgehaltene Familienlinie eine Bedeutung, die über den gegenwärtigen Befreiungsauftrag hinausgeht. Aaron wird nicht nur als Sprecher Moses vor dem Pharao dienen, sondern später eine besondere Verantwortung im Gottesdienst Israels übernehmen. Seine Söhne sollen an diesem Dienst teilhaben. Allerdings zeigt die weitere Geschichte, dass die Zugehörigkeit zur priesterlichen Familie nicht von selbst einen treuen Umgang mit Gottes Anweisungen gewährleistet. Nadab und Abihu sterben nach 3. Mose 10,1–2, weil sie vor dem HERRN ein Feuer darbringen, das er ihnen nicht geboten hatte. Eleasar und Itamar führen ihren priesterlichen Dienst dagegen weiter. Später übernimmt Eleasar nach Aarons Tod dessen hohepriesterliche Aufgabe (4. Mose 20,25–28). Die namentliche Nennung der vier Söhne bereitet somit wichtige Ereignisse vor, die zeigen werden, welche Verantwortung mit dem Dienst vor Gott verbunden ist.
In Vers 24 kehrt das Register nochmals zu Korah zurück und nennt seine Söhne Assir, Elkana und Abiasaph. Aus ihnen gehen die Familien der Korahiter hervor. Diese Ergänzung ist besonders interessant, wenn man ihre spätere Geschichte betrachtet. Obwohl Korah selbst an der Rebellion gegen Mose und Aaron beteiligt ist und dabei umkommt, erklärt 4. Mose 26,11 ausdrücklich, dass seine Söhne nicht starben. Seine Familienlinie bleibt also bestehen. Später begegnen die Nachkommen Korahs auch im Zusammenhang mit dem Dienst am Heiligtum und in Überschriften mehrerer Psalmen. Beispielsweise werden Psalm 42 und weitere Lieder den Söhnen Korahs zugeordnet. Das bedeutet nicht, dass die drei hier genannten Söhne persönlich jedes dieser späteren Lieder verfasst hätten. Vielmehr zeigt die Verbindung, dass sich aus ihrer Familie eine länger bestehende Gemeinschaft entwickelte, die im Gottesdienst Israels eine Rolle spielte. Die Geschichte Korahs und seiner Nachkommen macht zugleich deutlich, dass die Schuld eines Vaters nicht automatisch bedeutet, dass seine gesamte Nachkommenschaft dieselbe Schuld tragen oder dauerhaft von jeder Aufgabe ausgeschlossen sein muss.
Noch eine Generation weiter führt Vers 25. Eleasar, einer der Söhne Aarons, heiratet eine Tochter Putiels, deren eigener Name nicht genannt wird. Aus dieser Ehe geht Pinehas hervor. Mit ihm erreicht die Aufzählung einen weiteren Mann, dessen Bedeutung sich erst im späteren Verlauf der Wüstenwanderung vollständig erschließt. In 4. Mose 25,6–13 wird berichtet, wie Pinehas in einer schweren Krise des Volkes entschieden eingreift. Gott erklärt daraufhin, dass Pinehas durch seinen Eifer das Gericht von Israel abgewendet habe, und verheißt ihm einen Bund des Friedens sowie eine bleibende priesterliche Stellung für seine Nachkommen. Diese spätere Verheißung darf nicht einfach auf seine Geburt zurückverlegt werden, als sei sein Verhalten bereits durch seine Abstammung festgelegt gewesen. Doch die Erwähnung in 2. Mose 6 zeigt, aus welcher Familie der spätere Priester stammt. Zugleich verbindet sie die Berufung Aarons mit einer Geschichte des Priesterdienstes, die über mehrere Generationen weitergehen wird.
Am Ende von Vers 25 fasst der Erzähler die aufgezählten Männer als Häupter der levitischen Vaterhäuser zusammen. Dadurch wird die besondere Ausrichtung des Registers nochmals erkennbar. Obwohl Mose die zentrale Gestalt der bisherigen Befreiungsgeschichte ist, werden seine Frau Zippora und seine Söhne Gersom und Elieser hier nicht genannt. Die Nachkommen Aarons erhalten dagegen erheblich mehr Raum. Der Text erklärt diesen Unterschied nicht ausdrücklich. Angesichts der späteren Bedeutung des erblichen Priestertums liegt jedoch die Deutung nahe, dass die Familienlinie Aarons besonders hervorgehoben wird, weil seine Nachkommen dauerhafte Aufgaben am Heiligtum übernehmen sollen. Diese Beobachtung ist aussagekräftiger als die Annahme, jede genannte Person müsse bereits im gegenwärtigen Kapitel eine unmittelbar erkennbare Rolle spielen. Das Register hält Familienverbindungen fest, deren Bedeutung sich teilweise erst in späteren biblischen Berichten zeigt.
Nach dieser ausführlichen Abstammungsübersicht kehren die Verse 26–27 ausdrücklich zu Mose und Aaron zurück. Der Erzähler stellt klar, dass es sich bei den genannten Brüdern um genau jene Männer handelt, denen Gott befohlen hat, Israel aus Ägypten herauszuführen. Dabei wird eine besondere Formulierung verwendet: Die Israeliten sollen nach ihren „Heerscharen“ ausziehen (Vers 26). Das zugrunde liegende hebräische Wort zəva'ot kann geordnete Scharen oder militärisch gegliederte Verbände bezeichnen. Im Zusammenhang des Auszugs unterstreicht es, dass Israel nicht einfach als eine unbestimmte Menschenmenge betrachtet wird, sondern als ein Volk, das geordnet aus Ägypten herausgeführt werden soll. Daraus folgt nicht, dass die Israeliten ihre Befreiung durch einen eigenen bewaffneten Krieg gegen den Pharao erringen müssten. Die bisherige Erzählung betont vielmehr, dass Gott selbst die entscheidende Macht zur Befreiung einsetzen wird. In 2. Mose 12,41 wird die Bezeichnung der Heerscharen des HERRN erneut aufgegriffen, als der tatsächliche Auszug stattfindet.
Eine letzte Besonderheit liegt in der Reihenfolge der beiden Namen. Vers 26 spricht von Aaron und Mose, während Vers 27 die Reihenfolge Mose und Aaron verwendet. Das passt zu den unterschiedlichen Aufgaben, die im unmittelbaren Zusammenhang hervortreten. Aaron, dessen Familie im Geschlechtsregister ausführlich behandelt wird, steht zunächst an erster Stelle. Anschließend rückt Mose als der von Gott berufene Leiter der Befreiung wieder nach vorn. Aus dieser Namensfolge sollte allerdings keine feste Rangordnung oder verborgene Symbolik abgeleitet werden. Die Verse wollen vor allem die Identität der Brüder bestätigen: Diese Männer aus dem Stamm Levi sind diejenigen, die Gottes Auftrag empfangen haben und vor dem König Ägyptens auftreten sollen.
Damit findet das Geschlechtsregister seinen Abschluss und verbindet sich wieder mit der unterbrochenen Handlung. Aus einer weit zurückreichenden Familiengeschichte sind zwei Männer hervorgetreten, denen Gott eine außergewöhnliche Aufgabe anvertraut hat. Ihre Herkunft erklärt, zu welchem Volk und zu welcher Familie sie gehören; ihre Berufung erklärt, weshalb sie vor dem Pharao stehen. Zugleich weist die ausführliche Nennung von Aarons Nachkommen bereits auf den späteren Dienst am Heiligtum voraus. Die Befreiung aus Ägypten wird also nicht das Ende der Geschichte Gottes mit Israel sein. Sie bereitet ein Leben vor, in dem Gottes Gegenwart, seine Anweisungen und der Dienst vor ihm eine zentrale Bedeutung erhalten. Doch bevor dieser Weg beginnen kann, muss Mose erneut dem ägyptischen Herrscher gegenübertreten. Genau an diesem Punkt setzt die Erzählung nach dem Geschlechtsregister wieder ein.
2. Mose 6,28–30
Die Rückkehr zum Auftrag und Moses erneuter Einwand
Nachdem die Herkunft Moses und Aarons ausführlich dargestellt worden ist, kehrt die Erzählung zu Gottes Auftrag zurück. Vers 28 erinnert daran, dass der HERR in Ägypten zu Mose gesprochen hatte. Diese Ortsangabe ist bedeutsam, weil sie den Leser wieder in die Situation zurückführt, in der die beiden Brüder dem mächtigen Pharao gegenüberstehen sollen. Die Befreiung Israels ist noch nicht erfolgt, und der ägyptische Herrscher hat seine ablehnende Haltung nicht geändert. Auch Moses Schwierigkeiten sind nicht verschwunden. Dennoch bleibt Gottes Auftrag bestehen. Die Familiengeschichte hat gezeigt, wer Mose und Aaron sind und woher sie stammen. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf die Aufgabe, zu der Gott sie berufen hat.
Die Verse 28–30 greifen dabei nahezu dieselbe Gesprächssituation auf, die bereits in den Versen 10–12 geschildert wurde. Dort hatte Gott Mose aufgefordert, zum Pharao zu gehen, und Mose hatte mit dem Hinweis auf seine mangelnde Redefähigkeit geantwortet. Diese Wiederaufnahme ist eine bekannte Erzählweise der Bibel: Nach einem längeren eingeschobenen Abschnitt wird ein früherer Gedanke wiederholt, damit der ursprüngliche Handlungsfaden weitergeführt werden kann. Deshalb muss die erneute Wiedergabe nicht bedeuten, dass Gott an einem späteren Tag denselben Auftrag noch einmal erteilte und Mose zum wiederholten Mal dieselben Worte sprach. Sie kann vielmehr das zuvor begonnene Gespräch wieder aufnehmen. Dafür spricht, dass die Formulierungen und die Reihenfolge der Gedanken weitgehend übereinstimmen. Zugleich bereitet diese Wiederholung unmittelbar die Antwort Gottes vor, die erst im folgenden Kapitel berichtet wird.
In Vers 29 stellt Gott seiner Anweisung erneut die Worte „Ich bin der HERR“ voran. Diese Selbstvorstellung verbindet den Auftrag mit dem Anfang des Kapitels, wo Gott Mose seine Treue zum Bund mit den Vorfahren Israels zugesichert hatte. Der gleiche Gott, der Abraham, Isaak und Jakob seine Verheißungen gab, spricht nun zu Mose und fordert ihn auf, vor dem ägyptischen König aufzutreten. Damit beruht Moses Sendung nicht auf seiner persönlichen Stellung oder seinen besonderen Fähigkeiten, sondern auf der Autorität des Gottes, der ihn beauftragt hat. Die erneute Selbstvorstellung erinnert daran, dass Gottes Identität und sein angekündigtes Handeln untrennbar miteinander verbunden sind. Er hat nicht nur einen Auftrag erteilt, sondern auch zugesagt, selbst die Befreiung herbeizuführen.
Besonders auffällig ist die umfassende Formulierung des Befehls. Mose soll dem Pharao alles mitteilen, was Gott zu ihm redet. Damit wird seine Verantwortung genauer beschrieben. Er darf die Botschaft nicht nach eigenem Ermessen verändern, um sie für den ägyptischen König annehmbarer zu machen. Ebenso wenig soll er nur diejenigen Teile überbringen, deren Erfolg ihm wahrscheinlich erscheint. Als Gottes Bote ist es seine Aufgabe, die ihm anvertrauten Worte zuverlässig weiterzugeben. Schon bei seiner Berufung hatte Gott erklärt, dass er Mose beim Reden helfen und ihn lehren werde, was er sagen soll (2. Mose 4,12). Nun wird erneut deutlich, dass der Inhalt der Botschaft von Gott bestimmt wird. Mose soll nicht seine eigenen Vorstellungen durchsetzen, sondern das weitergeben, was ihm aufgetragen ist.
Diese Unterscheidung ist für die bevorstehende Auseinandersetzung mit dem Pharao wesentlich. Mose besitzt keine eigene Herrschaftsgewalt über Ägypten und kann die Freilassung Israels nicht aus eigener Kraft erzwingen. Seine Aufgabe besteht zunächst darin, den göttlichen Anspruch vorzutragen. Der Pharao wiederum wird auf diese Worte antworten und dadurch seine Haltung gegenüber Gott offenbaren. Der Erfolg des Befreiungsplans hängt jedoch nicht davon ab, ob Mose den König durch seine persönliche Überzeugungskraft gewinnen kann. Gott hatte bereits angekündigt, dass der Herrscher sich widersetzen werde und dass deshalb sein eigenes machtvolles Eingreifen notwendig sein würde (2. Mose 3,19–20). Das nimmt Mose nicht die Verantwortung, treu zu sprechen. Es zeigt aber, dass er nicht selbst die Macht besitzen muss, um das angekündigte Ergebnis herbeizuführen.
Trotzdem bleibt Moses Unsicherheit bestehen. In Vers 30 erklärt er erneut, dass er unbeschnittene Lippen habe, und fragt, wie der Pharao unter diesen Umständen auf ihn hören sollte. Diese Worte greifen seinen früheren Einwand aus Vers 12 auf. Mose betrachtet seine empfundene Einschränkung beim Reden weiterhin als schwerwiegendes Hindernis. Die ungewöhnliche Bezeichnung seiner Lippen wurde bereits im Zusammenhang seiner ersten Antwort erklärt. Sie beschreibt bildhaft seine mangelnde Eignung, wie er selbst sie empfindet. Der Text nennt hier weder eine konkrete körperliche Ursache noch ein besonderes Fehlverhalten, das diese Einschränkung hervorgerufen hätte. Deshalb wäre es unbegründet, aus der Formulierung eine bestimmte Erkrankung oder eine verborgene persönliche Schuld abzuleiten. Im Mittelpunkt steht Moses Zweifel, ob gerade er der geeignete Mann ist, um vor dem mächtigsten Herrscher des Landes zu sprechen.
Seine Frage besitzt jedoch eine weitere Bedeutung. Mose fragt nicht lediglich, ob er seine Worte verständlich aussprechen kann. Er zweifelt daran, dass der Pharao überhaupt auf ihn hören wird. Im biblischen Sprachgebrauch kann das Hören einer Botschaft mehr bedeuten als ihre bloße akustische Wahrnehmung. Oft geht es darum, die Worte anzunehmen und entsprechend zu handeln. Gerade darin liegt das eigentliche Problem der bisherigen Begegnungen. Der Pharao hatte Mose und Aaron durchaus verstanden, ihre Forderung aber ausdrücklich zurückgewiesen. Seine Ablehnung beruhte nicht darauf, dass die Botschaft unverständlich gewesen wäre, sondern darauf, dass er Gottes Autorität nicht anerkennen wollte (2. Mose 5,2). Moses Sorge um seine eigene Redefähigkeit ist deshalb nachvollziehbar, erfasst aber nicht die ganze Ursache des Widerstands. Selbst ein sprachlich vollkommen überzeugender Bote könnte den Pharao nicht allein durch geschickte Worte dazu bringen, Gottes Anspruch anzuerkennen.
Darin zeigt sich ein bedeutsamer Gegensatz zwischen menschlicher Einschätzung und göttlichem Auftrag. Mose betrachtet die vor ihm liegende Aufgabe aus der Perspektive seiner bisherigen Erfahrungen. Er hat den Widerstand des Pharaos erlebt, die Enttäuschung seines Volkes erfahren und sieht weiterhin seine eigenen Grenzen. Gott dagegen hat bereits erklärt, dass die Befreiung Israels nicht von der freiwilligen Zustimmung des ägyptischen Herrschers abhängen wird. Beide Seiten beziehen sich somit auf dieselbe schwierige Situation, betrachten sie aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Mose fragt nach seiner Fähigkeit, den Pharao zum Hören zu bewegen. Gottes bisherige Zusagen richten den Blick darauf, dass er selbst handeln und den Widerstand des Königs überwinden wird.
Bemerkenswert ist schließlich, dass das Kapitel mit Moses unbeantworteter Frage endet. Nachdem Gott seine weitreichenden Verheißungen ausgesprochen und die Herkunft der beiden Brüder festgehalten hat, steht am Schluss erneut die Unsicherheit des Mannes, der diese Botschaft überbringen soll. Die Erzählung verschweigt damit nicht, dass ein von Gott berufener Mensch trotz wiederholter Zusagen weiterhin mit seinen eigenen Grenzen ringen kann. Zugleich wird Moses Einwand nicht zum Anlass genommen, den Auftrag zurückzunehmen. Vielmehr bleibt die entscheidende Antwort noch aus. Erst in 2. Mose 7,1–2 wird Gott genauer erklären, welche Stellung Mose gegenüber dem Pharao einnehmen und wie Aaron ihn beim Reden unterstützen soll. Damit bilden das Ende des sechsten und der Anfang des siebten Kapitels einen unmittelbaren Zusammenhang.
So endet 2. Mose 6 an einem Punkt, an dem Gottes Verheißungen und Moses persönliche Möglichkeiten weiterhin weit auseinanderzuliegen scheinen. Die Befreiung ist angekündigt, aber noch nicht sichtbar. Der Auftrag ist eindeutig, doch Mose zweifelt an seiner Fähigkeit, ihn auszuführen. Gerade diese Spannung bereitet die folgenden Ereignisse vor. Die Geschichte wird nicht dadurch weitergehen, dass Mose plötzlich jede Unsicherheit verliert oder aus eigener Kraft zu einem mächtigen Redner wird. Entscheidend wird vielmehr sein, dass Gott seinen Auftrag durch Mose und Aaron ausführen lässt und selbst die Macht besitzt, seine Zusagen gegenüber dem Pharao zu verwirklichen.
Geistliche Kernbotschaft
Die zentrale Botschaft von 2. Mose 6 liegt in Gottes unveränderlicher Treue zu seinen Verheißungen. Während Menschen an ihren Grenzen stehen, enttäuscht werden und den weiteren Weg nicht erkennen können, bleibt Gott seinem Wort verpflichtet. Seine Zusagen an Abraham, Isaak und Jakob verlieren ihre Gültigkeit nicht dadurch, dass ihre Nachkommen inzwischen in Ägypten versklavt sind. Auch der Widerstand des Pharaos verändert Gottes Absicht nicht. Das Kapitel zeigt damit einen entscheidenden Unterschied zwischen menschlicher Hoffnung und göttlicher Treue. Menschen können nur begrenzt vorausblicken und beurteilen ihre Situation häufig danach, was sie unmittelbar erleben. Gottes Verheißung dagegen reicht über den gegenwärtigen Augenblick hinaus. Ihre Zuverlässigkeit gründet nicht in günstigen Umständen, sondern in dem Gott, der sie gegeben hat.
Besonders bedeutsam ist, wie Gott sich seinem Volk zu erkennen geben möchte. Seine Selbstvorstellung als HERR bleibt nicht bei der Mitteilung eines Namens stehen. Die Israeliten sollen durch die bevorstehende Befreiung erfahren, dass der Gott ihrer Vorfahren tatsächlich handelt und zu seinen Zusagen steht. Dadurch erhält die Erkenntnis Gottes eine persönliche und geschichtliche Bedeutung. Ihn zu kennen bedeutet im Zusammenhang dieses Kapitels mehr, als von seiner Existenz zu wissen oder seinen Namen aussprechen zu können. Israel soll an seiner Rettung erkennen, dass er mächtig, zuverlässig und seinem Bund treu ist. Gottes Wesen wird dabei nicht durch menschliche Vorstellungen bestimmt, sondern durch das, was er selbst über sich offenbart und was er für sein Volk tut.
Die angekündigte Erlösung macht außerdem deutlich, dass Gottes Ziel über die Beendigung eines leidvollen Zustandes hinausreicht. Er möchte Israel nicht lediglich aus Ägypten herausführen, sondern als sein Volk in einer verbindlichen Beziehung zu ihm leben lassen. Freiheit und Zugehörigkeit zu Gott werden dadurch miteinander verbunden. Der Pharao hatte über die Israeliten verfügt, als wären sie ausschließlich zur Erfüllung seiner Forderungen da. Gott dagegen nimmt sie als sein Volk an und eröffnet ihnen eine andere Lebensordnung. Die spätere Gesetzgebung wird zeigen, wie diese Beziehung das Zusammenleben, den Gottesdienst und den Umgang mit anderen Menschen prägen soll. Doch die Reihenfolge ist entscheidend: Gott kündigt zuerst seine rettende Tat an. Israel soll ihm nicht durch eigene Leistungen die Befreiung abkaufen, sondern nach seiner Rettung lernen, als sein Volk zu leben.
Eine weitere wichtige Botschaft betrifft Gottes Umgang mit menschlicher Schwäche. Weder die Mutlosigkeit Israels noch Moses Zweifel führen dazu, dass Gott seinen Auftrag zurücknimmt. Das Volk ist durch die harte Knechtschaft innerlich so bedrängt, dass es kaum noch auf die angekündigte Rettung hören kann. Mose wiederum hält seine eigenen sprachlichen Fähigkeiten für unzureichend. Diese unterschiedlichen Schwierigkeiten werden in der Erzählung ernst genommen, doch sie bilden nicht die Grundlage für Gottes Entscheidung. Er handelt, weil er seines Bundes gedenkt und die Befreiung seines Volkes beschlossen hat. Daraus ergibt sich keine Zusage, dass menschlicher Unglaube oder Ungehorsam grundsätzlich bedeutungslos wären. Das Kapitel zeigt vielmehr, dass Gottes Treue größer ist als die gegenwärtige Kraft und Zuversicht der Menschen, denen seine Verheißung gilt.
Gerade diese Verbindung von göttlicher Treue und menschlicher Begrenztheit bereitet den weiteren Verlauf der Befreiungsgeschichte vor. Mose wird nicht deshalb zum geeigneten Boten, weil er plötzlich alle seine Zweifel überwindet. Auch Israel wird nicht aufgrund einer außergewöhnlichen eigenen Stärke aus Ägypten herausgeführt. Entscheidend ist, dass Gott seine Absicht durch Menschen verwirklicht, die auf seine Hilfe angewiesen bleiben. Die geistliche Mitte dieses Kapitels liegt deshalb nicht in der Größe menschlicher Möglichkeiten, sondern in der Verlässlichkeit Gottes. Wer ihn nur nach dem beurteilt, was im Augenblick sichtbar ist, kann seine Wege leicht missverstehen. Wer jedoch auf seine offenbarten Verheißungen achtet, erkennt, dass seine Treue nicht erst dort beginnt, wo Menschen bereits eine Lösung sehen.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Verheißungen aus 2. Mose 6 stehen in unmittelbarer Verbindung mit Gottes Bund mit Abraham. In 1. Mose 15,13–16 hatte Gott bereits angekündigt, dass Abrahams Nachkommen eine Zeit lang in einem fremden Land leben und dort bedrückt werden würden. Gleichzeitig versprach er, das Volk, dem sie dienen müssten, zu richten und die Nachkommen Abrahams herauszuführen. Diese frühere Ankündigung hilft, die Ereignisse in Ägypten innerhalb der größeren Bundesgeschichte einzuordnen. Die Unterdrückung bedeutet nicht, dass Gottes ursprünglicher Plan gescheitert wäre. Seine Zusage hatte die kommende Not bereits berücksichtigt. Mit der Befreiung beginnt nun die Verwirklichung dessen, was Abraham lange zuvor angekündigt worden war. Auch 1. Mose 17,7–8 ist wichtig, weil Gott dort verspricht, der Gott Abrahams und seiner Nachkommen zu sein und ihnen das Land Kanaan zu geben. Genau diese beiden Elemente – die Beziehung zu Gott und die Landverheißung – werden in 2. Mose 6 wieder aufgenommen.
Eine zweite bedeutsame Verbindung führt zu den Zehn Geboten. Bevor Gott Israel seine Gebote verkündigt, erinnert er das Volk in 2. Mose 20,2 daran, dass er es aus Ägypten, aus der Knechtschaft, herausgeführt hat. Diese Reihenfolge erklärt, wie Befreiung und Gehorsam im Bund miteinander verbunden sind. Gott beginnt nicht mit der Forderung, Israel müsse sich seine Rettung zunächst durch vollkommene Gesetzestreue verdienen. Er stellt sich als der Gott vor, der bereits rettend gehandelt hat. Die anschließenden Gebote beschreiben, wie sein befreites Volk leben soll. Dadurch erhält auch das Sabbatgebot einen wichtigen Zusammenhang. Während 2. Mose 20,8–11 die Sabbatruhe ausdrücklich mit Gottes Schöpfungswerk begründet, erinnert 5. Mose 5,12–15 zusätzlich an die frühere Knechtschaft Israels. Gerade Menschen, die selbst unter fremder Herrschaft leiden mussten, sollen ihren Knechten und Mägden die gebotene Ruhe ermöglichen. Die Befreiung aus Ägypten wird damit zu einer bleibenden Grundlage für einen gerechten Umgang mit anderen Menschen.
Besonders eng ist auch die Verbindung zu 2. Mose 7,1–5. Am Ende des sechsten Kapitels fragt Mose erneut, wie der Pharao auf ihn hören sollte, wenn er sich selbst als ungeeigneten Sprecher betrachtet. Im folgenden Kapitel antwortet Gott, indem er die Aufgaben Moses und Aarons genauer bestimmt. Aaron soll die ihm von Mose übermittelten Worte vortragen, während Mose den göttlichen Auftrag empfängt und weitergibt. Zugleich kündigt Gott an, dass er seine Gerichte über Ägypten bringen und dadurch zeigen wird, dass er der HERR ist. Diese Fortsetzung erklärt, weshalb Moses persönliche Redefähigkeit nicht das entscheidende Hindernis der Befreiung ist. Gott hat den Widerstand des Pharaos bereits berücksichtigt. Die Aufgabe seiner Boten besteht darin, seine Botschaft zuverlässig weiterzugeben; das angekündigte rettende Eingreifen bleibt Gottes eigenes Werk.
Im weiteren Alten Testament wird die Befreiung aus Ägypten immer wieder als grundlegender Ausdruck von Gottes Treue verstanden. Besonders deutlich geschieht dies in Psalm 105,8–11.42–45. Der Psalm erinnert daran, dass Gott seines Bundes mit Abraham gedachte und sein Volk schließlich aus Ägypten führte. Dabei verbindet er Gottes frühere Zusagen mit der tatsächlichen Rettung und dem Ziel, dass Israel nach seinen Anweisungen leben soll. Psalm 106 schildert daneben, wie häufig die Israeliten trotz ihrer Rettung ungehorsam wurden. Dennoch wird auch dort Gottes Erbarmen hervorgehoben. Beide Psalmen vertiefen damit einen Gedanken aus 2. Mose 6: Gottes Treue besteht nicht darin, dass sein Volk jederzeit vollkommen auf ihn vertraut, sondern darin, dass er seine eigenen Verheißungen nicht leichtfertig aufgibt. Zugleich entbindet diese Treue die Menschen nicht von der Verantwortung, auf ihn zu hören.
Eine weiterführende Verbindung entsteht durch die prophetischen Verheißungen eines erneuerten Bundes. In Jeremia 31,31–34 kündigt Gott einen neuen Bund mit Israel und Juda an, nachdem der frühere Bund von den Menschen gebrochen worden war. Dabei greift er die vertraute Bundesbeziehung erneut auf: Er wird ihr Gott sein, und sie werden sein Volk sein. Anders als bei der ersten Befreiung beschreibt Jeremia nun eine tiefgreifende innere Erneuerung. Gottes Gesetz soll in die Herzen geschrieben werden, und die Erkenntnis Gottes soll das Leben seines Volkes bestimmen. Der Hebräerbrief nimmt diese Verheißung ausdrücklich auf und verbindet sie mit dem neuen Bund, den Jesus Christus vermittelt (Hebräer 8,6–13). Damit wird die Bundessprache aus der Geschichte Israels nicht bedeutungslos, sondern erhält innerhalb der weiteren Heilsgeschichte eine neue Entfaltung. Die äußere Befreiung aus Ägypten und die im neuen Bund verheißene innere Erneuerung sind dabei nicht dasselbe Ereignis. Sie gehören jedoch zu einer biblischen Geschichte, in der Gott Menschen aus ihrer Gebundenheit herausführt, damit sie in Gemeinschaft mit ihm leben können.
Auch das Neue Testament greift den Auszug aus Ägypten ausdrücklich auf. In Hebräer 11,24–29 wird Mose als Beispiel des Glaubens beschrieben. Er entscheidet sich, mit dem Volk Gottes zu leiden, anstatt die zeitweiligen Vorteile seiner Stellung in Ägypten zu genießen. Später führt er Israel durch den Glauben aus dem Land der Knechtschaft. Der Hebräerbrief verschweigt dabei nicht die Schwierigkeiten der damaligen Geschichte, sondern betrachtet Moses Entscheidungen im Licht seines Vertrauens auf Gottes zukünftiges Handeln. Diese Perspektive ergänzt 2. Mose 6, ohne Moses dort berichtete Unsicherheit zu leugnen. Sein Glaube bedeutete nicht, dass er niemals Fragen oder Furcht empfand. Er zeigt sich vielmehr darin, dass er trotz seiner Begrenztheit den Weg weiterging, zu dem Gott ihn berufen hatte.
Die Erlösungssprache aus 2. Mose 6 führt schließlich zu einem wichtigen Zusammenhang mit Jesus Christus. In Epheser 1,7 beschreibt Paulus die Erlösung durch das Blut Christi als Vergebung der Sünden. Während die Befreiung Israels aus Ägypten zunächst die tatsächliche Knechtschaft unter einem menschlichen Herrscher betrifft, richtet sich die Erlösung durch Christus auf das tiefere Problem der Sünde und der Trennung von Gott. Der erste Korintherbrief stellt zudem eine ausdrückliche Verbindung zwischen Christus und dem Passahlamm her (1. Korinther 5,7). Das Passah wird innerhalb der Exodusgeschichte erst in 2. Mose 12 eingesetzt. Dennoch zeigt diese neutestamentliche Deutung, wie das Rettungsgeschehen Israels später zum wichtigen Hintergrund für das Verständnis des Todes Jesu wird. Die Unterschiede zwischen den Ereignissen bleiben bestehen: Israel wird aus der Herrschaft Ägyptens herausgeführt, während Christus Menschen durch sein Opfer von der Schuld der Sünde erlöst. Gemeinsam ist beiden Rettungsgeschichten, dass Gott selbst die entscheidende Grundlage der Befreiung schafft.
Wichtige Lektionen
Eine wichtige Lektion dieses Kapitels betrifft den Umgang mit Zusagen, deren Erfüllung noch nicht sichtbar geworden ist. Die Israeliten hatten Gottes Verheißung gehört, mussten aber weiterhin unter den Bedingungen ihrer Knechtschaft leben. Aus ihrer gegenwärtigen Erfahrung ließ sich die angekündigte Rettung kaum erkennen. Auch heute kann zwischen einer begründeten Hoffnung und ihrer Erfüllung eine schwierige Zeit liegen. Die Geschichte fordert allerdings nicht dazu auf, jede persönliche Erwartung automatisch als göttliche Verheißung zu betrachten. Entscheidend ist, ob eine Zusage tatsächlich auf Gottes Wort beruht oder lediglich aus den eigenen Wünschen entstanden ist. Wo Gott etwas ausdrücklich versprochen hat, darf seine Treue ernst genommen werden. Wo die Bibel dagegen keinen bestimmten Ausgang zusichert, sollten Menschen ihre Erwartungen nicht mit derselben Gewissheit versehen.
Ebenso lehrt die Reaktion Israels, die Grenzen leidender Menschen zu berücksichtigen. Das Volk hört wegen seiner inneren Bedrängnis und der harten Arbeit nicht auf Mose. Diese Erklärung verhindert ein vorschnelles Urteil über seinen geistlichen Zustand. Wer selbst unter großer Belastung steht, kann Schwierigkeiten haben, ermutigende Worte aufzunehmen, selbst wenn sie gut begründet sind. Deshalb ist es wichtig, anderen Menschen in ihrer Not nicht sofort mangelnden Glauben vorzuwerfen. Manchmal brauchen sie zunächst Verständnis, Entlastung und konkrete Hilfe, bevor sie wieder offen über ihre Zukunft sprechen können. Aus Gottes Verhalten lässt sich jedenfalls erkennen, dass die gegenwärtige Erschöpfung Israels für ihn kein Grund ist, seine angekündigte Zuwendung zurückzunehmen.
Moses wiederholte Einwände machen außerdem deutlich, dass persönliche Unsicherheit nicht immer ein zuverlässiger Maßstab für die eigene Aufgabe ist. Er betrachtet seine sprachlichen Möglichkeiten als unzureichend und zweifelt deshalb daran, ob der Pharao auf ihn hören wird. Gott berücksichtigt diese Sorge, stellt ihm Aaron zur Seite und hält dennoch an seiner Berufung fest. Daraus folgt nicht, dass jeder Mensch jede schwierige Aufgabe annehmen müsste, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Grenzen er besitzt. Moses Berufung war ein ausdrücklich berichteter göttlicher Auftrag. Die übertragbare Lehre liegt vielmehr darin, persönliche Grenzen wahrzunehmen, geeignete Unterstützung anzunehmen und nicht vorschnell anzunehmen, eine Aufgabe sei allein deshalb unmöglich, weil man sie nicht ohne Hilfe erfüllen kann. Gerade die Zusammenarbeit zwischen Mose und Aaron zeigt, dass Verantwortung nicht immer von einer einzelnen Person getragen werden muss.
Auch das Geschlechtsregister enthält eine praktische Lehre. Es erinnert daran, dass Gott Menschen innerhalb ihrer tatsächlichen Familiengeschichte beruft. Die Abstammung Moses und Aarons ist mit einer längeren Geschichte verbunden, zu der neben Gottes Verheißungen auch menschliche Fehler und spätere familiäre Konflikte gehören. Die Bibel stellt ihre Vorfahren nicht durchgehend als moralische Vorbilder dar. Dennoch werden Mose und Aaron für eine bedeutende Aufgabe ausgewählt. Daraus darf nicht geschlossen werden, dass persönliche Entscheidungen oder der eigene Lebenswandel bedeutungslos seien. Wohl aber zeigt die Geschichte, dass ein Mensch nicht ausschließlich durch die Fehler früherer Generationen beurteilt werden sollte. Entscheidend für seine Verantwortung ist auch, wie er selbst auf das reagiert, was Gott ihm anvertraut.
Eine weitere Lektion betrifft das Verhältnis zwischen einem erhaltenen Auftrag und dem Wunsch nach sofortigem Erfolg. Mose soll wieder vor den Pharao treten, obwohl sein erster Versuch zu einer Verschärfung der Unterdrückung geführt hat. Der Text begründet die Fortsetzung jedoch nicht mit einer allgemeinen Pflicht, aussichtslose Vorhaben unbegrenzt weiterzuführen. Ausschlaggebend ist, dass Gott Mose seinen Auftrag erneut bestätigt. Für heutige Entscheidungen bedeutet das, sorgfältig zwischen Standhaftigkeit und bloßem Festhalten an eigenen Vorstellungen zu unterscheiden. Schwierigkeiten können ein Grund sein, das eigene Vorgehen zu überprüfen, Unterstützung zu suchen oder notwendige Veränderungen vorzunehmen. Sie beweisen aber nicht für sich allein, dass eine verantwortungsvoll getroffene Entscheidung falsch gewesen sein muss.
Schließlich führt das Kapitel zu einer Frage, die für das persönliche Glaubensleben grundlegend ist: Welchen Platz soll die Beziehung zu Gott im eigenen Leben einnehmen? Gottes Absicht mit Israel endet nicht bei der Beseitigung seiner äußeren Not. Er möchte, dass die Menschen ihn als ihren Gott erkennen und entsprechend seiner Führung leben. Auch heute kann der Wunsch nach Gottes Hilfe leicht auf die Lösung einzelner Probleme beschränkt bleiben. Der biblische Zusammenhang eröffnet jedoch eine umfassendere Perspektive. Gottes rettendes Handeln zielt auf Gemeinschaft mit ihm, auf Vertrauen und auf ein Leben, das durch seinen Willen geprägt wird. Wer seine Hilfe sucht, darf deshalb nicht nur nach dem fragen, was sich an den äußeren Umständen ändern soll, sondern auch danach, wie die Beziehung zu Gott dadurch vertieft werden kann.
2. Mose 6 endet, bevor die angekündigte Befreiung sichtbar wird. Dennoch besitzt das Kapitel eine eigene, abgeschlossene Botschaft: Gottes Treue ist nicht davon abhängig, dass Menschen seinen Weg bereits vollständig verstehen. Seine Verheißungen verlangen weder, vorhandenes Leid zu leugnen, noch die eigenen Grenzen zu übersehen. Sie laden dazu ein, Gottes Wort sorgfältig zu prüfen, ihm innerhalb der tatsächlich gegebenen Zusagen zu vertrauen und die nächsten verantwortbaren Schritte zu gehen. Die Israeliten stehen noch vor einer schweren Auseinandersetzung mit dem Pharao. Doch die Grundlage ihrer Hoffnung ist gelegt: Der Gott ihrer Vorfahren hat seinen Bund nicht vergessen und wird selbst handeln, um sein Volk zu befreien.