2. Mose 3
Mose aber hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe hinter die Wüste und kam an den Berg Gottes, Horeb.
22 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Mose aber hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe hinter die Wüste und kam an den Berg Gottes, Horeb.
- 2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch. Und er sah, daß der Busch mit Feuer brannte und ward doch nicht verzehrt;
- 3 und sprach: ich will dahin und beschauen dies große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt.
- 4 Da aber der HERR sah, daß er hinging, zu sehen, rief ihm Gott aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
- 5 Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist ein heilig Land!
- 6 Und sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich Gott anzuschauen.
- 7 Und der HERR sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volkes in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie drängen; ich habe ihr Leid erkannt
- 8 und bin herniedergefahren, daß ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, an den Ort der Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter.
- 9 Weil nun das Geschrei der Kinder Israel vor mich gekommen ist, und ich auch dazu ihre Angst gesehen habe, wie die Ägypter sie ängsten,
- 10 so gehe nun hin, ich will dich zu Pharao senden, daß du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führest.
- 11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, daß ich zu Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten?
- 12 Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir ein Zeichen sein, daß ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.
- 13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israel komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie mir sagen werden: Wie heißt sein Name? was soll ich ihnen sagen?
- 14 Gott sprach zu Mose: ICH WERDE SEIN, DER ICH SEIN WERDE. Und sprach: Also sollst du den Kindern Israel sagen: ICH WERDE SEIN hat mich zu euch gesandt.
- 15 Und Gott sprach weiter zu Mose: Also sollst du den Kindern Israel sagen: Der HERR, eurer Väter Gott, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name ewiglich, dabei soll man mein Gedenken für und für.
- 16 Darum so gehe hin und versammle die Ältesten in Israel und sprich zu ihnen: Der HERR, euer Väter Gott, ist mir erschienen, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, und hat gesagt: Ich habe euch heimgesucht, und gesehen, was euch in Ägypten widerfahren ist,
- 17 und habe gesagt: ich will euch aus dem Elend Ägyptens führen in das Land der Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter, in das Land, darin Milch und Honig fließt.
- 18 Und wenn sie deine Stimme hören, so sollst du und die Ältesten in Israel hineingehen zum König in Ägypten und zu ihm sagen: Der HERR, der Hebräer Gott, hat uns gerufen. So laß uns nun gehen drei Tagereisen in die Wüste, daß wir opfern unserm Gott.
- 19 Aber ich weiß, daß euch der König in Ägypten nicht wird ziehen lassen, außer durch eine starke Hand.
- 20 Denn ich werde meine Hand ausstrecken und Ägypten schlagen mit allerlei Wundern, die ich darin tun werde. Darnach wird er euch ziehen lassen.
- 21 Und ich will diesem Volk Gnade geben vor den Ägyptern, daß, wenn ihr auszieht, ihr nicht leer auszieht;
- 22 sondern ein jeglich Weib soll von ihrer Nachbarin und Hausgenossin fordern silberne und goldene Gefäße und Kleider; die sollt ihr auf eure Söhne und Töchter legen und von den Ägyptern zur Beute nehmen.
Kapitelüberblick
Ein Dornbusch brennt, ohne vom Feuer verzehrt zu werden. Als Mose dieses außergewöhnliche Ereignis näher betrachten will, spricht Gott aus dem Busch zu ihm. Er fordert Mose auf, seine Schuhe auszuziehen, und offenbart sich als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Anschließend erklärt er, dass er das Leiden Israels kennt und sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft befreien will.
Mose soll zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten führen. Angesichts dieser gewaltigen Aufgabe zweifelt er an seiner eigenen Eignung. Doch Gott verspricht ihm seine Gegenwart und offenbart seinen Namen: „Ich bin, der ich bin.“ Damit verbindet er seine Berufung mit der Gewissheit, dass seine früheren Verheißungen weiterhin gelten.
Schließlich erhält Mose konkrete Anweisungen für seine Rückkehr nach Ägypten. Er soll die Ältesten Israels versammeln und gemeinsam mit ihnen vor den Pharao treten. Gott kündigt bereits den Widerstand des Königs an, verspricht aber zugleich, seine Macht zu offenbaren und Israel aus der Unterdrückung herauszuführen.
Einführung
Etwa vierzig Jahre sind seit Moses Flucht aus Ägypten vergangen, wie Stephanus später in Apostelgeschichte 7,30 erklärt. Der einstige Angehörige des ägyptischen Königshauses lebt inzwischen in Midian, hat eine Familie gegründet und arbeitet als Hirte. Seine frühere Lebensstellung liegt weit hinter ihm. Statt von den Möglichkeiten und Erwartungen des königlichen Hofes geprägt zu sein, besteht sein Alltag nun aus der Verantwortung für eine Herde.
Diese lange Zeitspanne ist für das Verständnis seiner Berufung bedeutsam. Als jüngerer Mann hatte Mose versucht, einem misshandelten Israeliten zu helfen, dabei jedoch einen Ägypter getötet. Sein Eingreifen führte nicht zur Befreiung des Volkes, sondern zwang ihn zur Flucht. Der biblische Bericht schildert keine weiteren Versuche Moses, während seiner Jahre in Midian politisch auf Ägypten einzuwirken. Auch erfahren wir nicht, ob er noch damit rechnete, eines Tages zu seinen Landsleuten zurückzukehren.
Eine wichtige Rolle spielt der Schauplatz der folgenden Ereignisse. Mose gelangt mit den Schafen seines Schwiegervaters in die Gegend des Horeb, der als Berg Gottes bezeichnet wird. Horeb und Sinai sind in der biblischen Überlieferung eng miteinander verbunden. Besonders das fünfte Mosebuch verwendet den Namen Horeb für den Ort, an dem Israel später Gottes Gebote empfängt. Die genaue geografische Lage des Berges ist historisch umstritten.
Für den Aufbau des zweiten Mosebuches entsteht dadurch eine bedeutsame Verbindung. Der Ort, an dem Mose seine persönliche Berufung empfängt, wird später auch für die Geschichte des gesamten Volkes von zentraler Bedeutung sein. Der Leser begegnet diesem Berg somit zunächst aus der Perspektive eines einzelnen Hirten, bevor er zum Schauplatz der großen Bundesgeschichte Israels wird.
2. Mose 3,1–6
Gott begegnet Mose im brennenden Dornbusch
Mose führt die Schafe seines Schwiegervaters Jethro durch die abgelegenen Weidegebiete Midians. Die Herde gehört nicht ihm selbst, sondern dem Mann, in dessen Familie er nach seiner Flucht aus Ägypten Aufnahme gefunden hat. Als Hirte trägt Mose die Verantwortung, geeignete Weideplätze und ausreichend Wasser für die Tiere zu finden. Seine Arbeit führt ihn dabei durch eine Landschaft, in der Menschen nur unter schwierigen Bedingungen leben können. Eines Tages gelangt er mit der Herde bis in die Gegend des Horeb, den der biblische Erzähler als Berg Gottes bezeichnet.
Die Bezeichnung „Berg Gottes“ erhält ihre besondere Bedeutung durch die Offenbarung, die Mose dort empfängt, und durch die späteren Ereignisse der Geschichte Israels. Der Text erklärt nicht, dass Mose bereits vor seiner Ankunft wusste, welche Bedeutung dieser Ort einmal haben würde. Auch wird nicht berichtet, dass er gezielt dorthin gegangen sei, um Gott zu suchen. Er befindet sich zunächst bei seiner gewöhnlichen Arbeit, als etwas geschieht, das seinen bisherigen Lebensweg grundlegend verändern wird.
In Vers 2 erscheint ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus einem Dornbusch. Mose bemerkt, dass der Busch brennt, ohne dabei verzehrt zu werden. Gerade dieser ungewöhnliche Zustand weckt seine Aufmerksamkeit. Ein gewöhnlicher Dornbusch würde unter der Einwirkung des Feuers nach und nach verbrennen. Hier aber bleibt er bestehen, obwohl die Flamme sichtbar ist.
Der Bibeltext beschreibt keine natürliche Ursache für dieses Ereignis. Er berichtet ausdrücklich von einer göttlichen Erscheinung. Dennoch sollten wir bei den Einzelheiten bleiben, die tatsächlich genannt werden. Wir erfahren nicht, welche Pflanzenart Mose genau vor sich hatte, wie groß der Busch war oder wie lange das Feuer bereits brannte. Ebenso wenig wird erklärt, auf welche Weise das Feuer den Busch nicht verzehrte. Der Schwerpunkt liegt nicht auf einer naturwissenschaftlichen Untersuchung des Vorgangs, sondern auf seiner Bedeutung als sichtbare Erscheinung, durch die Mose auf die bevorstehende Begegnung aufmerksam wird.
Die Bedeutung des Feuers
Feuer begegnet in der Bibel wiederholt im Zusammenhang mit Gottes Gegenwart. Als Gott mit Abraham seinen Bund bestätigte, erschien ein Zeichen in Gestalt eines rauchenden Ofens und einer brennenden Fackel, die zwischen den zerteilten Opferstücken hindurchfuhr (1. Mose 15,17). Später wird Gott das Volk Israel durch eine Feuersäule führen, die in der Nacht sichtbar ist (2. Mose 13,21–22). Auch bei der Offenbarung am Sinai wird Feuer eine wichtige Rolle spielen (2. Mose 19,18).
Diese Stellen zeigen, dass Feuer innerhalb der biblischen Erzählungen ein wiederkehrendes Zeichen göttlicher Gegenwart sein kann. Dabei besitzt es nicht an jeder Stelle dieselbe Bedeutung. Es kann Gottes Herrlichkeit sichtbar machen, seine Führung begleiten oder im Zusammenhang mit Gericht und Heiligkeit stehen. Deshalb wäre es zu einfach, das Feuer grundsätzlich mit nur einer einzigen geistlichen Eigenschaft gleichzusetzen.
Beim Dornbusch fällt besonders auf, dass die Flamme ihn nicht vernichtet. Manche Ausleger erkennen darin ein Bild für Israel: Das Volk leidet unter der schweren Bedrängnis Ägyptens, wird jedoch nicht ausgelöscht. Dieser Vergleich ist angesichts des bisherigen Geschehens gut nachvollziehbar. Wie der Busch im Feuer bestehen bleibt, hat sich auch Israel trotz seiner Unterdrückung weiter vermehrt.
Allerdings erklärt Gott diese Symbolik gegenüber Mose nicht ausdrücklich. Der Text sagt nicht, der Busch stelle Israel dar oder die Flamme bedeute die ägyptische Knechtschaft. Eine solche Verbindung kann als geistliche Betrachtung hilfreich sein, sollte aber nicht mit der unmittelbaren Aussage des Verses verwechselt werden. Sicher ist zunächst, dass Mose durch die außergewöhnliche Erscheinung auf Gottes Gegenwart vorbereitet wird.
Mose tritt näher, um die Erscheinung zu verstehen
Vers 3 beschreibt Moses Reaktion. Er beschließt, näherzutreten und sich anzusehen, weshalb der Dornbusch nicht verbrennt. Seine Aufmerksamkeit gilt zunächst dem ungewöhnlichen Vorgang. Der Bericht deutet nicht an, dass Mose bereits erkannt hätte, wer sich ihm offenbart oder welche Botschaft ihn erwartet.
Hier wird eine bemerkenswerte Einzelheit sichtbar. Die Erscheinung zieht Moses Aufmerksamkeit auf sich, doch die eigentliche Offenbarung beginnt erst, als Gott zu ihm spricht. Das Feuer allein erklärt Mose noch nicht, wer Gott ist oder was er von ihm will. Erst Gottes Wort macht aus dem außergewöhnlichen Ereignis eine persönliche Begegnung.
Vers 4 betont ausdrücklich, dass der HERR sieht, wie Mose nähertritt, um die Erscheinung zu betrachten. Daraufhin ruft Gott aus dem Dornbusch: „Mose, Mose!“ Die zweimalige Nennung seines Namens verleiht dem Ruf besonderen Nachdruck.
Ähnliche Anreden finden sich auch an anderen Stellen der Bibel. Als Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll, wird er mit den Worten „Abraham, Abraham!“ aufgehalten (1. Mose 22,11). Bei Samuels Berufung ruft Gott ebenfalls wiederholt seinen Namen (1. Samuel 3,4–10). Im Neuen Testament spricht Jesus Martha mit der doppelten Anrede „Martha, Martha!“ an (Lukas 10,41).
Diese Beispiele zeigen, dass eine wiederholte Namensnennung in bedeutungsvollen persönlichen Anreden vorkommt. Sie bildet jedoch keinen festen Geheimcode, aus dem sich allein eine bestimmte Botschaft ableiten ließe. Im vorliegenden Zusammenhang unterstreicht sie vor allem, dass Gott Mose persönlich anspricht.
Mose antwortet: „Hier bin ich!“ Mit diesen Worten zeigt er, dass er den Ruf gehört hat und bereit ist zuzuhören. Ähnliche Antworten begegnen bereits bei Abraham und Jakob (1. Mose 22,1; 46,2). Mose weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Aufgabe ihm übertragen werden soll. Seine Antwort bedeutet deshalb nicht, dass er bereits dem späteren Befreiungsauftrag zustimmt. Sie zeigt zunächst seine Aufmerksamkeit gegenüber dem, der ihn ruft.
Wer spricht aus dem Dornbusch?
Eine der wichtigsten Fragen dieses Abschnitts entsteht durch die unterschiedliche Bezeichnung des Erscheinenden. In Vers 2 wird der Engel des HERRN genannt. In Vers 4 heißt es dagegen, dass der HERR das Näherkommen Moses sieht und Gott aus dem Dornbusch zu ihm spricht. In Vers 6 stellt sich dieser Sprecher ausdrücklich als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vor.
Der Wechsel ist bedeutsam. Die Erzählung beschreibt nicht zunächst einen Engel, der Mose lediglich eine fremde Botschaft übermittelt, und anschließend eine davon klar getrennte Erscheinung Gottes. Vielmehr gehen die Bezeichnungen innerhalb derselben Begegnung unmittelbar ineinander über. Die göttliche Autorität des Sprechers steht außer Frage.
Das hebräische Wort mal'ach, das mit „Engel“ übersetzt wird, bedeutet zunächst „Bote“ oder „Gesandter“. Es beschreibt eine Funktion und beantwortet für sich genommen noch nicht jede Frage nach dem Wesen desjenigen, der als Bote auftritt. In verschiedenen alttestamentlichen Erzählungen spricht der Engel des HERRN mit einer Autorität, die unmittelbar mit Gott selbst verbunden ist.
Eine ähnliche Erscheinung begegnet beispielsweise in 1. Mose 22,11–18. Dort spricht der Engel des HERRN zu Abraham und verwendet innerhalb seiner Botschaft die göttliche Ich-Form. Auch in Richter 13 wird die Begegnung mit dem Engel des HERRN so beschrieben, dass Manoach anschließend befürchtet, sterben zu müssen, weil er Gott gesehen habe.
Diese Stellen lassen erkennen, weshalb die genaue Identität des Engels des HERRN seit langer Zeit unterschiedlich erklärt wird. Viele christliche Ausleger verstehen solche Erscheinungen als Offenbarungen des präexistenten Christus, also des Sohnes Gottes vor seiner Menschwerdung. Andere sehen darin eine Erscheinungsweise Gottes selbst oder einen himmlischen Boten, der mit vollständiger göttlicher Vollmacht spricht.
Für 2. Mose 3 lässt sich sicher festhalten, dass Mose hier Gott selbst begegnet und seine Stimme hört. Der Erzähler bezeichnet den Vorgang ausdrücklich als göttliche Offenbarung. Die weitergehende Frage, ob der Engel des HERRN persönlich mit dem präexistenten Sohn Gottes gleichzusetzen ist, wird im Kapitel jedoch nicht ausdrücklich beantwortet.
Das Neue Testament bestätigt die hohe Bedeutung dieser Begegnung. Stephanus erinnert in Apostelgeschichte 7,30–35 an die Erscheinung des Engels im brennenden Dornbusch und gibt die anschließende Rede Gottes wieder. Auch Jesus greift die Worte aus 2. Mose 3,6 auf, als er mit den Sadduzäern über die Auferstehung spricht (Markus 12,26–27). Dadurch wird deutlich, dass die Begegnung am Horeb innerhalb der gesamten biblischen Offenbarung von bleibender Bedeutung ist.
Warum muss Mose seine Schuhe ausziehen?
Nachdem Mose auf Gottes Ruf geantwortet hat, erhält er zunächst keine Erklärung über Israels bevorstehende Befreiung. Stattdessen wird ihm befohlen, nicht näherzutreten und seine Schuhe auszuziehen. Der Grund wird unmittelbar genannt: Der Boden, auf dem er steht, ist heilig.
Diese Aufforderung zeigt, dass die Nähe Gottes nicht mit einer gewöhnlichen menschlichen Begegnung gleichgesetzt werden darf. Mose hatte sich dem Dornbusch zunächst genähert, weil er die außergewöhnliche Erscheinung untersuchen wollte. Nun wird ihm bewusst gemacht, dass er nicht einfach einem bemerkenswerten Naturereignis gegenübersteht, sondern sich in der Gegenwart des heiligen Gottes befindet.
Heilig bedeutet in diesem Zusammenhang, dass etwas Gott zugehört und durch seine Gegenwart oder seine Bestimmung von dem gewöhnlichen Gebrauch unterschieden ist. Der Boden am Horeb wird nicht deshalb heilig genannt, weil er aus einem besonderen Gestein besteht oder eine geheimnisvolle natürliche Kraft besitzt. Seine Heiligkeit steht unmittelbar mit Gottes Gegenwart in Verbindung.
Das Ausziehen der Schuhe ist eine sichtbare Handlung der Ehrfurcht. Mose soll durch sein Verhalten anerkennen, dass er sich nicht einem gewöhnlichen Gegenüber nähert. Der Befehl betrifft eine konkrete Situation, in der Gott selbst die angemessene Haltung vorgibt.
Eine fast gleichlautende Aufforderung begegnet später in Josua 5,15. Dort fordert der Fürst über das Heer des HERRN Josua ebenfalls auf, seine Schuhe auszuziehen, weil der Ort heilig ist. Die Ähnlichkeit verbindet beide Begegnungen besonders hinsichtlich der Ehrfurcht vor Gottes Gegenwart. Sie beweist jedoch für sich allein nicht, dass die beiden Erscheinungsfiguren in jeder Hinsicht dieselbe Person sein müssen.
Bemerkenswert ist außerdem die Verbindung von Nähe und Abstand. Gott ruft Mose persönlich beim Namen und lässt sich auf eine Begegnung mit ihm ein. Gleichzeitig setzt er eine Grenze: Mose darf nicht nach eigenem Ermessen weiter herantreten. Die göttliche Offenbarung macht Gemeinschaft möglich, hebt aber den Unterschied zwischen dem Schöpfer und dem Menschen nicht auf.
Diese Spannung gehört zu einem wichtigen Grundgedanken der Bibel. Gott wendet sich Menschen zu und spricht mit ihnen, doch seine Heiligkeit verlangt Ehrfurcht. Vertrauen auf Gott und Achtung vor seiner Größe sind deshalb keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.
Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs
In Vers 6 erklärt der Sprecher, wer er ist. Er bezeichnet sich als den Gott von Moses Vater sowie als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
Diese Selbstvorstellung ist für das Verständnis der gesamten Begegnung entscheidend. Gott tritt Mose nicht als eine bisher völlig unbekannte Gottheit entgegen. Er stellt die Verbindung zur Geschichte der Erzväter her, denen er bereits Jahrhunderte zuvor seine Verheißungen gegeben hatte.
Dabei ist die Reihenfolge bemerkenswert. Zunächst verweist Gott auf Moses Vater und damit auf die unmittelbare familiäre Herkunft. Anschließend nennt er die drei großen Vorfahren Israels. Die persönliche Geschichte Moses wird so mit der umfassenderen Geschichte des Volkes verbunden.
Gerade nach seinem langen Aufenthalt in Midian besitzt diese Verbindung besonderes Gewicht. Mose hat Ägypten verlassen und lebt inzwischen in einer anderen Familie und Gemeinschaft. Doch der Gott, der ihn nun anspricht, ist derselbe, der Abraham berief, Isaak seine Zusagen bestätigte und Jakob auf seinem Weg nach Ägypten begleitete.
Die göttliche Selbstvorstellung eröffnet deshalb nicht einfach eine neue, von der Vergangenheit unabhängige Geschichte. Sie führt die bisherige Geschichte weiter. Gottes Vorhaben mit Israel beginnt nicht erst am Dornbusch. Was nun angekündigt werden soll, steht in Verbindung mit seinen früheren Zusagen.
Im Neuen Testament erhält gerade diese Formulierung eine zusätzliche Bedeutung. Jesus verwendet sie in Markus 12,26–27 als Teil seiner Antwort auf die Frage nach der Auferstehung. Er erinnert daran, dass Gott sich gegenüber Mose als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bezeichnet, und erklärt, dass Gott nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen ist.
Jesus verwendet die Worte damit innerhalb einer Argumentation über die bleibende Beziehung Gottes zu den Erzvätern und die Auferstehung. Diese spätere Auslegung erweitert den Blick auf die Aussage aus 2. Mose 3. Die ursprüngliche Erzählung handelt zunächst von der Offenbarung an Mose und der Fortführung der Bundesgeschichte Israels. Jesus zeigt darüber hinaus, dass Gottes Beziehung zu den Menschen, denen er seine Verheißungen gegeben hat, nicht durch ihren Tod bedeutungslos wird.
Mose verbirgt sein Angesicht
Nachdem Gott sich zu erkennen gegeben hat, verhüllt Mose sein Gesicht. Der Grund wird ausdrücklich genannt: Er fürchtet sich, Gott anzuschauen.
Damit verändert sich seine Haltung gegenüber der Erscheinung. Zunächst wollte er näher herantreten, um zu verstehen, weshalb der Dornbusch nicht verbrannte. Nun weiß er, dass er in der Gegenwart des Gottes seiner Vorfahren steht. Seine ursprüngliche Neugier tritt hinter die Ehrfurcht zurück.
Die Erzählung beschreibt diese Furcht nicht als Folge einer feindseligen Drohung Gottes. Gott hat Mose beim Namen gerufen und sich ihm offenbart. Dennoch erkennt Mose, dass diese Begegnung weit über seine gewöhnlichen Erfahrungen hinausgeht. Seine Reaktion zeigt das Bewusstsein, dass der heilige Gott nicht wie ein gewöhnlicher Mensch betrachtet oder untersucht werden kann.
Eine spätere Stelle vertieft diesen Gedanken. In 2. Mose 33,18–23 bittet Mose darum, Gottes Herrlichkeit sehen zu dürfen. Dort wird ausdrücklich zwischen Gottes Offenbarung und der für den Menschen nicht unmittelbar erträglichen Fülle seiner Herrlichkeit unterschieden. Beide Abschnitte zeigen, dass Gott sich Menschen wirklich zu erkennen gibt, ohne dadurch vollständig menschlicher Wahrnehmung verfügbar zu werden.
Dabei sollte Moses Verhüllen des Gesichts nicht so verstanden werden, als habe er nun jede Möglichkeit verloren, Gott zu begegnen. Gerade das Gegenteil geschieht im weiteren Verlauf. Gott wird mit ihm sprechen, seine Fragen beantworten und ihn mit einer großen Aufgabe betrauen. Ehrfurcht verhindert die Gemeinschaft mit Gott also nicht. Sie prägt vielmehr die Haltung, in der Mose seine Worte empfängt.
In diesen ersten sechs Versen hat Gott noch keinen vollständigen Auftrag ausgesprochen. Mose weiß noch nicht, dass er zum Pharao zurückkehren und Israel aus Ägypten führen soll. Er hat jedoch bereits erfahren, mit wem er spricht: mit dem heiligen Gott, der sich seinen Vorfahren offenbart und ihnen Verheißungen gegeben hat.
Diese Grundlage ist entscheidend für alles, was nun folgt. Bevor Mose erfährt, was er tun soll, begegnet er demjenigen, der ihn senden wird. Seine zukünftige Aufgabe beginnt nicht mit einem menschlichen Plan, sondern mit Gottes eigener Offenbarung.
Erst danach erklärt Gott, weshalb er Mose angesprochen hat. Die folgenden Verse führen den Blick von der Heiligkeit des Dornbusches zurück zum leidenden Volk in Ägypten. Dort soll sichtbar werden, dass der Gott der Erzväter seine Verheißungen nicht vergessen hat und nun die Befreiung Israels ankündigt.
2. Mose 3,7–10
Gott hat das Leiden Israels gesehen
Nachdem Gott sich Mose als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs offenbart hat, erklärt er ihm den Grund dieser außergewöhnlichen Begegnung. Seine Worte führen den Blick von dem brennenden Dornbusch unmittelbar nach Ägypten, wo die Israeliten seit vielen Jahren unter schwerer Zwangsarbeit leiden. Gott spricht von ihrer Bedrängnis, ihrem Schreien und ihren Schmerzen. Dabei macht er deutlich, dass ihm nicht nur die äußeren Verhältnisse bekannt sind, sondern auch das Leid, das die Menschen dadurch erfahren.
Besonders auffällig ist, wie persönlich Gott über die Israeliten spricht. Er bezeichnet sie ausdrücklich als sein Volk. Diese Formulierung erinnert an die Beziehung, die er bereits mit ihren Vorfahren begründet hatte. Obwohl die Israeliten unter der Herrschaft des Pharaos leben und dessen Befehlen unterworfen sind, gehören sie nicht dem ägyptischen König. Ihre tiefere Zugehörigkeit wird durch Gottes Bund mit Abraham, Isaak und Jakob bestimmt.
Damit erhält die bevorstehende Befreiung von Anfang an eine besondere Bedeutung. Es geht nicht lediglich darum, eine unterdrückte Bevölkerungsgruppe aus schwierigen Lebensbedingungen herauszuführen. Gott handelt an Menschen, denen er durch seine früheren Verheißungen verbunden ist. Ihre Geschichte in Ägypten hat diese Beziehung nicht aufgehoben.
Gott sieht das Elend seines Volkes
In Vers 7 erklärt Gott, dass er das Elend der Israeliten gesehen hat. Der hebräische Text betont diese Aussage durch eine Verbindung zweier Formen desselben Verbs. Dadurch erhält das Sehen besonderes Gewicht. Sinngemäß lässt sich die Formulierung mit „Ich habe das Elend sehr wohl gesehen“ wiedergeben.
Diese sprachliche Verstärkung ist bedeutsam. Gott spricht nicht von einer flüchtigen Wahrnehmung oder einer allgemeinen Kenntnis der Ereignisse. Seine Worte unterstreichen, dass das Leiden Israels seiner Aufmerksamkeit keineswegs entgangen ist.
Hier entsteht eine Verbindung zum bisherigen Verlauf des zweiten Mosebuches. In Kapitel 1 wurde beschrieben, wie die Ägypter den Israeliten das Leben durch harte Arbeit verbitterten. In Kapitel 2 begegnete Mose persönlich einem misshandelten Hebräer. Nun spricht Gott selbst über die Not des gesamten Volkes.
Während Mose zunächst nur einzelne Situationen beobachten konnte, umfasst Gottes Aussage die Lage Israels in ihrer ganzen Bedeutung. Er kennt die Verhältnisse, unter denen die Menschen leben müssen. Dabei geht es nicht allein um die Schwere ihrer Arbeit, sondern um die umfassende Unterdrückung, die ihre Freiheit und ihre Zukunft bedroht.
Eine bemerkenswerte Parallele findet sich in 1. Mose 16. Dort begegnet der Engel des HERRN der ägyptischen Magd Hagar, die vor ihrer Herrin Sarai geflohen war. Hagar erkennt in dieser Begegnung, dass Gott sie in ihrer schwierigen Lage wahrgenommen hat. Sie nennt ihn deshalb den Gott, der nach ihr sieht (1. Mose 16,13).
Beide Erzählungen stehen in unterschiedlichen geschichtlichen Zusammenhängen. Dennoch verbindet sie eine wichtige Aussage über Gottes Wesen: Menschen, die unter schwierigen Verhältnissen leiden und nur begrenzte Möglichkeiten besitzen, ihre Situation zu verändern, sind seinem Blick nicht entzogen.
Gott hört das Schreien der Bedrängten
Anschließend erklärt Gott, dass er das Geschrei der Israeliten wegen ihrer Unterdrücker gehört hat. Damit wird die Ursache ihrer Klage noch einmal genauer bestimmt. Ihr Schreien richtet sich gegen eine tatsächliche Bedrängnis, die ihnen durch andere Menschen zugefügt wird.
Das hebräische Wort für die Unterdrücker bezeichnet Menschen, die andere zur Arbeit antreiben oder unter Druck setzen. Im ägyptischen Zusammenhang sind damit die Verantwortlichen gemeint, die die auferlegten Arbeitsleistungen durchsetzen. Die Klage Israels entsteht also nicht aus einer bloß empfundenen Unzufriedenheit, sondern aus einem System, das die Menschen zu schwerer Arbeit zwingt.
Diese Einzelheit ist wichtig, weil Gott das Leiden nicht von seinen menschlichen Ursachen trennt. Er spricht ausdrücklich von denjenigen, die das Volk bedrängen. Damit wird deutlich, dass die Unterdrückung nicht einfach ein namenloses Schicksal ist. Sie entsteht durch Entscheidungen und Handlungen von Menschen, die Macht über andere ausüben.
Zugleich beschreibt Gottes Aussage eine persönliche Zuwendung zu den Leidenden. Er hört ihr Schreien nicht, weil sie gesellschaftlich einflussreich wären oder ihre Forderungen durch eigene Stärke durchsetzen könnten. Gerade die Menschen, deren Stimme unter der ägyptischen Herrschaft kaum Gewicht besitzt, werden von ihm gehört.
Hier begegnet uns ein Gedanke, der später in den Psalmen vielfach aufgegriffen wird. In Psalm 34,18 wird beschrieben, dass Gott das Schreien der Gerechten hört und sie aus ihren Bedrängnissen errettet. Solche Aussagen sollen nicht bedeuten, dass jeder Hilferuf unmittelbar zur vollständigen Beseitigung aller Schwierigkeiten führt. Sie bezeugen vielmehr, dass die Not der Menschen Gott nicht gleichgültig ist.
Gott kennt ihre Schmerzen
Die dritte Aussage in Vers 7 geht noch einen Schritt weiter. Gott erklärt, dass er die Schmerzen seines Volkes kennt.
Das verwendete hebräische Wort bezeichnet Leiden beziehungsweise Schmerzen und kann sowohl körperliche als auch seelische Belastungen umfassen. In diesem Zusammenhang ist es eng mit der schweren Knechtschaft Israels verbunden. Die Unterdrückung verursacht nicht nur äußere Nachteile, sondern trifft die Menschen in ihrem persönlichen Erleben.
Damit unterscheidet sich Gottes Wissen von einer rein sachlichen Betrachtung gesellschaftlicher Zustände. Ein Herrscher könnte wissen, wie viele Arbeiter eingesetzt werden und welche Leistungen sie erbringen müssen, ohne sich um ihre persönlichen Leiden zu kümmern. Gott spricht dagegen ausdrücklich von ihren Schmerzen.
Das hebräische Verb für „kennen“ ist dabei besonders bedeutungsvoll. Es beschreibt im Alten Testament häufig mehr als das bloße Vorhandensein von Informationen. Je nach Zusammenhang kann es auch ein persönliches Erkennen und eine bewusste Beziehung ausdrücken.
In Gottes Worten geht es deshalb nicht darum, dass er erst jetzt von den Schwierigkeiten Israels erfährt. Er macht Mose vielmehr deutlich, dass ihm das wirkliche Ausmaß ihrer Not bekannt ist und dass er sich ihr zuwendet.
Die drei Aussagen von Vers 7 bilden damit einen engen Zusammenhang. Gott sieht das äußere Elend, hört den Hilferuf und kennt das Leiden, das hinter diesem Hilferuf steht. Die Menschen müssen ihre Schmerzen nicht erst einem Gott erklären, der ihre Lebensumstände nicht kennt.
Diese Gewissheit darf jedoch nicht mit der Behauptung verwechselt werden, dass jedes Leiden von Gott ausdrücklich verursacht worden sei oder einem bestimmten verborgenen Zweck dienen müsse. Der Text benennt die Ägypter als Unterdrücker. Gottes Kenntnis ihres Unrechts bedeutet nicht, dass er dieses Unrecht gutheißt.
„Ich bin herabgefahren“ – Gott kündigt seine Rettung an
In Vers 8 verändert sich die Rede Gottes. Nachdem er beschrieben hat, was er gesehen, gehört und erkannt hat, erklärt er nun, was er tun will. Er ist herabgekommen, um Israel aus der Gewalt der Ägypter zu befreien.
Die Formulierung vom Herabkommen Gottes begegnet auch an anderen Stellen des Alten Testaments. In 1. Mose 11,5 wird beispielsweise berichtet, dass Gott herabfährt, um die Stadt und den Turm der Menschen zu betrachten. Solche Aussagen verwenden eine anschauliche menschliche Sprache, um Gottes unmittelbares Eingreifen in das Geschehen auf der Erde zu beschreiben.
Dabei sollte man nicht annehmen, Gott habe sich zuvor an einem weit entfernten Ort aufgehalten und müsse erst eine räumliche Entfernung überwinden, um die Ereignisse in Ägypten wahrzunehmen. Die Bibel beschreibt Gott an anderen Stellen ausdrücklich als denjenigen, dem Himmel und Erde nicht verborgen sind (Jeremia 23,23–24).
Das Herabkommen bezeichnet deshalb hier besonders seine entschlossene Hinwendung zum Handeln. Die Zeit, in der Israels Unterdrückung fortbesteht, ohne dass eine Befreiung sichtbar wird, soll nicht unverändert weitergehen. Gott kündigt an, in die Geschichte seines Volkes einzugreifen.
Bemerkenswert ist die Reihenfolge seiner Aussagen. Zuerst spricht Gott davon, dass er selbst Israel erretten und aus Ägypten herausführen wird. Erst in Vers 10 erklärt er Mose, dass dieser zum Pharao gehen soll.
Damit wird von Anfang an zwischen dem eigentlichen Urheber der Befreiung und dem Menschen unterschieden, den Gott dafür beauftragt. Mose wird eine entscheidende Aufgabe erhalten, doch die Rettung Israels ist nicht sein unabhängiges Vorhaben. Sie beginnt mit Gottes Entschluss.
Diese Unterscheidung erhält besonderes Gewicht, wenn wir an Moses frühere Lebensgeschichte denken. Als junger Mann hatte er versucht, gegen die ägyptische Unterdrückung einzugreifen, und dabei einen Ägypter getötet. Nun wird ihm nicht aufgetragen, erneut aus eigener Kraft gegen die Herrschaft des Pharaos vorzugehen. Gott selbst bestimmt den Auftrag und wird den Weg seiner Durchführung offenbaren.
Nicht nur herausführen, sondern in ein neues Land bringen
Gottes Rettungsabsicht umfasst mehr als das Ende der Knechtschaft. Er verspricht, Israel aus Ägypten herauszuführen und in ein gutes und weites Land zu bringen.
Diese beiden Bewegungen gehören zusammen. Die Israeliten sollen nicht lediglich ihre bisherige Heimat verlassen, ohne zu wissen, wohin sie gehen können. Gott verbindet die Befreiung aus der fremden Herrschaft mit einer zukünftigen Lebensgrundlage.
Besonders wichtig ist die Beschreibung des verheißenen Landes als gut und weit. Für ein Volk, dessen Alltag von Zwangsarbeit und fehlender Selbstbestimmung geprägt ist, eröffnet diese Zusage eine neue Perspektive. Die Menschen sollen wieder einen Ort erhalten, an dem sie als Gemeinschaft leben können.
Dabei bezeichnet „weit“ nicht notwendigerweise ein unbegrenztes Gebiet. Der Ausdruck steht im Zusammenhang mit der positiven Beschreibung eines Landes, das ausreichend Raum und günstige Lebensbedingungen bietet. Die genaue geografische Ausdehnung des späteren israelitischen Siedlungsgebietes wird an dieser Stelle noch nicht festgelegt.
Die Beschreibung erinnert zugleich an Gottes ursprüngliche Verheißungen an Abraham. In 1. Mose 12,7 hatte Gott seinem Nachkommen das Land zugesagt. Später bestätigte er Abraham, Isaak und Jakob diese Verheißung mehrfach.
Wenn Gott Mose nun das Ziel der Befreiung nennt, nimmt er damit eine Zusage wieder auf, die bereits lange vor der Geburt Moses gegeben worden war. Der Auszug aus Ägypten ist deshalb keine völlig neue Richtung der Geschichte Israels, sondern führt eine ältere Verheißung ihrer Erfüllung entgegen.
Ein Land, in dem Milch und Honig fließen
Eine weitere Beschreibung macht deutlich, welche Lebensbedingungen Israel erwarten darf. Gott spricht von einem Land, das von Milch und Honig fließt.
Diese Wendung ist ein anschauliches Bild für Fruchtbarkeit und eine gute Versorgung. Milch verweist auf die Haltung von Tieren und die Möglichkeit, durch sie Nahrung zu gewinnen. Honig steht für süße, wertvolle Erzeugnisse der Natur. Bei der historischen Einordnung ist zu beachten, dass das hebräische Wort für Honig je nach Zusammenhang auch eingedickten Fruchtsaft bezeichnen kann. Ob hier besonders Bienenhonig oder eine allgemeinere Vorstellung süßer Erzeugnisse gemeint ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit entscheiden.
Die bildhafte Formulierung besagt jedenfalls nicht, dass buchstäblich Flüsse aus Milch und Honig durch das Land strömen. Sie beschreibt vielmehr eine Landschaft, deren natürliche Voraussetzungen ein gutes und fruchtbares Leben ermöglichen.
Gerade im Gegensatz zur Knechtschaft Ägyptens besitzt diese Verheißung eine besondere Bedeutung. Dort müssen die Israeliten schwere Arbeit für einen fremden Herrscher leisten. Das verheißene Land eröffnet ihnen die Aussicht, ihre eigene Gemeinschaft innerhalb der von Gott zugesagten Lebensordnung aufzubauen.
Allerdings sollte die Beschreibung nicht so verstanden werden, als würde das Leben in Kanaan von jeder Anstrengung befreit sein. Auch ein fruchtbares Land muss bewirtschaftet werden. Die Bewohner benötigen Nahrung, Wasser, Schutz und eine geordnete Gemeinschaft. Gottes Verheißung richtet sich nicht auf ein Leben ohne jede Arbeit, sondern auf eine neue Lebensgrundlage außerhalb der ägyptischen Zwangsherrschaft.
Das verheißene Land ist bereits bewohnt
Am Ende von Vers 8 nennt Gott sechs Bevölkerungsgruppen, die in dem Land leben: Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter.
Diese Aufzählung ist wichtig, weil sie zeigt, dass die zukünftige Heimat Israels keineswegs ein menschenleeres Gebiet ist. Die Verheißung betrifft ein Land, in dem bereits andere Völker leben und eigene Gemeinschaften bestehen.
Die Bezeichnungen stehen für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen des alten Kanaan. Ihre genaue geschichtliche Einordnung und räumliche Verteilung sind nicht in jedem Fall eindeutig zu bestimmen. Manche Namen bezeichnen größere Bevölkerungsgruppen, während andere stärker mit bestimmten Regionen oder Städten verbunden sind. So werden die Jebusiter in späteren biblischen Berichten besonders mit Jerusalem in Verbindung gebracht (Josua 15,63).
Dass Gott diese Völker bereits hier nennt, bereitet einen weiteren wichtigen Teil der Geschichte Israels vor. Der Weg in das verheißene Land wird nicht allein eine Wanderung durch die Wüste sein. Später werden Fragen nach dem Verhältnis zu den bisherigen Bewohnern, nach Gericht, Landbesitz und der Verantwortung Israels vor Gott hinzukommen.
Diese schwierigen Themen müssen an den entsprechenden Stellen der Bibel gründlich untersucht werden. Vers 8 selbst enthält noch keinen ausführlichen Bericht über die spätere Eroberung Kanaans und erlaubt auch nicht, sämtliche Bewohner des Landes ohne weitere Prüfung als gleichermaßen schuldig zu beurteilen.
Bereits in 1. Mose 15,16 hatte Gott Abraham gegenüber erklärt, dass die Schuld der Amoriter noch nicht voll geworden sei. Diese Aussage zeigt, dass die spätere Landgeschichte im biblischen Zusammenhang auch mit Gottes Gericht verbunden wird. Zugleich macht sie deutlich, dass die zeitliche Entwicklung nicht beliebig ist. Die Verheißung an Israel darf deshalb nicht aus dem größeren Zusammenhang von Gottes Gerechtigkeit und seinem Handeln an den Völkern herausgelöst werden.
Das Schreien ist vor Gott gekommen
In Vers 9 greift Gott das Geschrei der Israeliten erneut auf. Dabei wird nun betont, dass ihre Klage vor ihn gekommen ist und dass er gesehen hat, wie die Ägypter sie bedrängen.
Diese Wiederholung ist kein unnötiger Rückgriff auf die bisherigen Aussagen. Sie verbindet die Beschreibung des Elends mit dem Auftrag, der unmittelbar danach ausgesprochen wird.
Während Vers 7 zunächst Gottes Kenntnis der Not hervorhebt und Vers 8 seine Rettungsabsicht offenbart, führt Vers 9 die Aufmerksamkeit nochmals auf den konkreten Anlass seines Eingreifens zurück. Die Unterdrückung ist weiterhin Wirklichkeit. Das Volk leidet noch immer unter der ägyptischen Herrschaft.
Die Formulierung, dass das Geschrei vor Gott gekommen sei, erinnert an andere biblische Stellen, in denen menschliches Unrecht eine Antwort Gottes nach sich zieht. In 1. Mose 4,10 spricht Gott zu Kain davon, dass das Blut seines ermordeten Bruders Abel von der Erde zu ihm schreit.
Die beiden Situationen sind unterschiedlich, doch sie besitzen einen gemeinsamen Grundgedanken. Schweres Unrecht bleibt nicht allein eine Angelegenheit zwischen Tätern und Opfern. Es steht auch vor Gott, der die menschlichen Handlungen sieht und gerecht beurteilt.
Im Fall Israels wird dieser Gedanke durch die ausdrückliche Erwähnung der ägyptischen Unterdrückung verstärkt. Gott nennt nicht nur das Leid des Volkes, sondern auch die Menschen, die es verursachen. Die angekündigte Befreiung steht deshalb in einem Zusammenhang mit der Verantwortung der ägyptischen Herrschaft für ihr Handeln.
Mose erhält den Auftrag, zum Pharao zu gehen
Nach diesen Erklärungen spricht Gott in Vers 10 erstmals den konkreten Auftrag aus. Mose soll zum Pharao gehen und die Kinder Israels aus Ägypten führen.
Hier erreicht die Gottesrede ihren entscheidenden Wendepunkt. Bis dahin hat Mose erfahren, dass Gott sein Volk befreien will. Nun erkennt er, dass er selbst eine Aufgabe innerhalb dieses Vorhabens übernehmen soll.
Für Mose bedeutet dieser Auftrag eine außergewöhnliche Herausforderung. Er soll in das Land zurückkehren, aus dem er nach der Tötung eines Ägypters fliehen musste. Dort soll er vor die höchste politische Autorität treten und die Befreiung eines Volkes verlangen, dessen Arbeitskraft für die ägyptische Herrschaft von großer Bedeutung ist.
Der Bibeltext erklärt an dieser Stelle noch nicht, wie Mose zum Pharao gelangen soll, welche Worte er zunächst sprechen muss oder welche Mittel ihm zur Verfügung stehen werden. Diese Fragen werden im weiteren Verlauf beantwortet. Zunächst steht allein Gottes eindeutige Sendung im Mittelpunkt.
Besonders bedeutsam ist die Verbindung zwischen Gottes eigenem Handeln und dem Auftrag an Mose. In Vers 8 hatte Gott angekündigt, dass er selbst Israel erretten werde. In Vers 10 beauftragt er nun Mose, das Volk herauszuführen.
Darin liegt kein Widerspruch. Die beiden Aussagen zeigen vielmehr, dass Gott seine Absicht durch einen von ihm gesandten Menschen verwirklichen will. Mose soll handeln, doch seine Sendung beruht auf Gottes eigener Entscheidung und Autorität.
Diese Verbindung wird später immer wieder sichtbar. Mose wird vor dem Pharao sprechen, Gottes Botschaften überbringen und das Volk führen. Dennoch wird die Befreiung nicht als Leistung eines außergewöhnlichen Menschen dargestellt, der allein aus seinen Fähigkeiten heraus eine Weltmacht überwindet. Gott selbst bleibt derjenige, der das Rettungswerk beginnt, trägt und zur Erfüllung führt.
Für das Verständnis von Moses Berufung ist dies besonders wichtig. Seine Aufgabe entsteht nicht aus dem Anspruch, den er früher möglicherweise selbst auf eine Führungsrolle erhoben hatte. Sie wird ihm nun ausdrücklich von Gott übertragen.
Damit beantwortet der Bericht zugleich eine Frage, die in Kapitel 2 noch offen geblieben war. Dort hatte ein Israelit Mose entgegengehalten, wer ihn eigentlich zum Obersten und Richter über sie eingesetzt habe. Jetzt beginnt Gott selbst, die Grundlage für Moses zukünftige Stellung zu schaffen.
Ob Mose bereit ist, diese Berufung anzunehmen, bleibt jedoch zunächst offen. Er hat viele Jahre fern von Ägypten gelebt und steht nun vor einer Aufgabe, die seine bisherigen Möglichkeiten weit zu übersteigen scheint.
Seine erste Reaktion wird deshalb nicht von Selbstsicherheit geprägt sein. Statt sofort aufzubrechen, stellt er Gott eine grundlegende Frage nach seiner eigenen Eignung. Gerade an dieser Stelle wird sich zeigen, worauf Gottes Berufung tatsächlich gründet und weshalb Mose die bevorstehende Aufgabe nicht aus eigener Kraft erfüllen muss.
2. Mose 3,11–12
„Wer bin ich?“ – Gottes Antwort auf Moses Zweifel
Mose hat gerade einen Auftrag erhalten, der seine bisherigen Lebensverhältnisse vollständig verändern würde. Er soll nach Ägypten zurückkehren, vor den Pharao treten und das Volk Israel aus seiner Knechtschaft herausführen. Doch anstatt unmittelbar aufzubrechen, stellt er Gott eine Frage, die seine Unsicherheit erkennen lässt: „Wer bin ich, daß ich zum Pharao gehe, und daß ich die Kinder Israel aus Ägypten führe?“ (2. Mose 3,11).
Diese Frage ist angesichts seiner Lebensgeschichte verständlich. Mose hatte seine Jugend innerhalb des ägyptischen Königshauses verbracht und war in der Weisheit der Ägypter unterrichtet worden. Doch seine frühere Stellung liegt viele Jahre zurück. Nach der Tötung eines Ägypters musste er fliehen und hatte seither in Midian gelebt. Inzwischen arbeitet er als Hirte und trägt Verantwortung für die Schafe seines Schwiegervaters. Nun soll er aus dieser vergleichsweise einfachen Lebenssituation heraus dem mächtigsten Herrscher seines früheren Heimatlandes gegenübertreten.
Dabei geht es nicht nur um die Schwierigkeit, vor dem Pharao zu erscheinen. Mose soll auch ein ganzes Volk aus einer bestehenden Herrschaftsordnung herausführen. Die Israeliten leben seit Generationen in Ägypten. Sie besitzen keine eigene politische Macht, mit der sie ihre Befreiung durchsetzen könnten. Ihre Arbeit wird von ägyptischen Aufsehern kontrolliert, und ihre bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Herrscher Ägyptens nicht bereit sind, ihnen freiwillig Freiheit zu gewähren.
Mose steht deshalb vor einer Aufgabe, die weit über das hinausgeht, was ein einzelner Mensch gewöhnlich leisten könnte. Seine Frage betrifft sowohl seine persönliche Eignung als auch die außergewöhnliche Größe des Auftrags.
Warum zweifelt Mose an seiner Eignung?
Der hebräische Wortlaut seiner Frage ist auffallend knapp. Wörtlich beginnt sie mit den Worten: „Wer bin ich?“ Mose führt zunächst keine ausführliche Begründung an. Er nennt weder seine Vergangenheit noch sein Alter oder seine fehlende politische Stellung. Diese Umstände helfen zwar, seine Situation zu verstehen, doch der Bibeltext erklärt nicht ausdrücklich, welche davon seine Frage am stärksten bestimmt.
Deshalb sollten wir seine Worte nicht vorschnell auf eine einzige innere Haltung festlegen. Vielleicht empfindet er seine gegenwärtige Stellung als unbedeutend. Möglicherweise erinnert er sich an den früheren gescheiterten Versuch, seinem Volk zu helfen. Ebenso könnte ihm bewusst sein, dass seine eigenen Möglichkeiten zur Durchsetzung einer solchen Befreiung nicht ausreichen.
Was ihn im Einzelnen bewegt, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass er seine eigene Person angesichts des göttlichen Auftrags infrage stellt.
Eine besondere Bedeutung erhält seine Frage durch die Ereignisse des vorherigen Kapitels. Als Mose dort einen Streit zwischen zwei Israeliten beenden wollte, hatte einer von ihnen gefragt, wer ihn zum Obersten und Richter über sie eingesetzt habe (2. Mose 2,14). Damals konnte Mose auf keinen ausdrücklich berichteten göttlichen Auftrag verweisen. Nun begegnet er Gott selbst, der ihn zu seinem Volk senden will.
Damit verändert sich die Grundlage seiner zukünftigen Stellung. Mose muss seine Autorität nicht allein aus seiner Herkunft, seiner Ausbildung oder seiner eigenen Entschlossenheit ableiten. Er wird ausdrücklich von Gott beauftragt.
Die Frage „Wer bin ich?“ bleibt dennoch bedeutsam. Denn selbst eine göttliche Berufung beseitigt nicht automatisch alle menschlichen Schwierigkeiten. Mose wird tatsächlich nach Ägypten zurückkehren müssen. Er wird vor dem Pharao sprechen, dessen Widerstand erleben und Verantwortung für viele Menschen übernehmen. Gottes Auftrag macht diese Herausforderungen nicht unwirklich.
Gerade deshalb ist entscheidend, wie Gott auf seine Unsicherheit antwortet.
„Ich will mit dir sein“
Gottes Antwort beginnt mit einer kurzen Verheißung: „Ich will mit dir sein“ (2. Mose 3,12).
Bemerkenswert ist, was Gott nicht sagt. Er zählt Moses besonderen Fähigkeiten nicht auf. Er erinnert ihn nicht ausführlich an seine Ausbildung am ägyptischen Königshof und versichert ihm auch nicht, dass er aufgrund seiner Persönlichkeit besonders geeignet sei.
Stattdessen richtet Gott Moses Aufmerksamkeit auf seine eigene Gegenwart.
Damit verschiebt sich der entscheidende Ausgangspunkt. Mose fragt danach, wer er selbst sei, um einen solchen Auftrag auszuführen. Gott antwortet mit der Zusage, dass Mose diesen Weg nicht ohne ihn gehen wird.
Diese Antwort bedeutet nicht, dass Moses Fähigkeiten und Entscheidungen bedeutungslos wären. Er wird sprechen, handeln, Anweisungen empfangen und Verantwortung tragen müssen. Doch seine persönliche Leistungsfähigkeit bildet nicht die letzte Grundlage für das Gelingen seiner Sendung. Entscheidend ist, dass Gott ihn beauftragt hat und ihm seine Gegenwart zusagt.
Eine ähnliche Verheißung hatte bereits Jakob empfangen. Als er sein Elternhaus verlassen musste, versprach Gott ihm, mit ihm zu sein und ihn auf seinem Weg zu behüten (1. Mose 28,15). Auch Isaak hatte Gott zuvor seine Gegenwart zugesagt (1. Mose 26,3).
Diese Parallelen zeigen, dass die Zusage an Mose innerhalb einer längeren Geschichte steht. Der Gott, der die Erzväter auf ihren Wegen begleitete, verspricht nun auch dem Mann seine Gegenwart, durch den er die Nachkommen dieser Väter aus Ägypten führen will.
Später begegnet uns dieselbe Grundstruktur bei weiteren Berufungen. Als Gideon angesichts der Bedrohung Israels an seiner eigenen Eignung zweifelt, antwortet Gott ebenfalls mit der Zusage seiner Gegenwart (Richter 6,14–16). Auch Jeremia erhält bei seiner Berufung die Versicherung, dass Gott mit ihm sein wird, obwohl er sich zunächst für zu jung hält (Jeremia 1,6–8).
Die Situationen unterscheiden sich, doch die gemeinsame Aussage ist deutlich: Wenn Gott einen Menschen ausdrücklich in seinen Dienst beruft, gründet dessen Aufgabe nicht allein auf menschlicher Stärke.
Für Mose besitzt diese Verheißung besonderes Gewicht. Der Weg zurück nach Ägypten wird ihn erneut mit jener Macht konfrontieren, vor der er einst fliehen musste. Diesmal soll er jedoch nicht aufgrund eines eigenen Befreiungsversuchs handeln. Er wird als Gesandter Gottes zurückkehren.
Eine sprachliche Verbindung zu Gottes Namen
Auch die hebräische Formulierung der Verheißung verdient Aufmerksamkeit. Das Wort ehyeh, das hier mit „ich will sein“ wiedergegeben wird, begegnet wenige Verse später erneut.
In 2. Mose 3,14 verwendet Gott dieselbe Verbform innerhalb seiner Selbstoffenbarung, die traditionell mit „Ich bin, der ich bin“ übersetzt wird.
Diese sprachliche Verbindung ist besonders aufschlussreich. Noch bevor Gott seinen Namen ausführlicher erklärt, verspricht er Mose seine Gegenwart. Dadurch erhält die anschließende Offenbarung einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem bevorstehenden Auftrag.
Gottes Selbstoffenbarung steht nicht losgelöst von der Geschichte seines Volkes. Der Gott, der Mose sendet, ist zugleich derjenige, der verspricht, mit ihm zu sein.
Allerdings bedeutet die gemeinsame Verbform nicht, dass Vers 12 bereits sämtliche Fragen zur Bedeutung des Gottesnamens beantwortet. Der Ausdruck in Vers 14 besitzt eine eigene sprachliche und theologische Tiefe. Diese wird im folgenden Abschnitt genauer untersucht.
Für den unmittelbaren Zusammenhang genügt zunächst die Erkenntnis, dass Gottes zugesagte Gegenwart und seine spätere Selbstbezeichnung eng miteinander verbunden sind.
Ein Zeichen, das erst später erfüllt wird
Nach der Verheißung seiner Gegenwart gibt Gott Mose ein Zeichen. Wenn er Israel aus Ägypten herausgeführt hat, wird das Volk Gott auf eben diesem Berg dienen.
Auf den ersten Blick ist diese Zusage ungewöhnlich. Mose steht am Anfang einer schwierigen Aufgabe und fragt nach seiner Eignung. Gott nennt ihm daraufhin ein Ereignis, das erst nach der erfolgreichen Befreiung eintreten wird.
Normalerweise würden wir vielleicht erwarten, dass Mose sofort einen sichtbaren Beweis erhält, bevor er sich auf den Weg macht. Doch das hier angekündigte Zeichen verweist auf die Zukunft. Erst nachdem die Israeliten Ägypten verlassen haben, sollen sie gemeinsam an diesem Berg vor Gott stehen.
Das hebräische Wort für „Zeichen“ kann unterschiedliche Arten bestätigender Ereignisse bezeichnen. Nicht jedes Zeichen muss bereits im Augenblick seiner Ankündigung sichtbar sein. Manche Zeichen bestätigen eine göttliche Aussage erst dann vollständig, wenn das angekündigte Ereignis tatsächlich eintritt.
Genau diese Funktion besitzt die Verheißung in Vers 12. Gott nennt Mose bereits das Ziel seines Auftrags und versichert ihm damit, dass die Befreiung gelingen wird. Wenn das Volk später am Horeb versammelt ist, wird die Erfüllung dieser Zusage rückblickend bestätigen, dass Mose tatsächlich von Gott gesandt wurde.
Bis dahin bleibt Mose jedoch auf Gottes Wort angewiesen. Das angekündigte Zeichen nimmt ihm die Notwendigkeit des Vertrauens nicht ab.
Damit zeigt sich eine wichtige Eigenschaft biblischen Glaubens. Gottes Verheißungen können eine Gewissheit begründen, deren vollständige Erfüllung zunächst noch aussteht. Der Mensch handelt dann nicht, weil er bereits alle Ergebnisse sehen kann, sondern weil er demjenigen vertraut, der die Zusage gegeben hat.
Warum soll Israel gerade auf diesem Berg Gott dienen?
Die Ortsangabe in Gottes Verheißung ist von besonderer Bedeutung. Mose befindet sich am Horeb, wo er die Stimme Gottes aus dem Dornbusch hört. Genau dorthin soll er später mit dem befreiten Volk zurückkehren.
Damit verbindet Gott Moses persönliche Berufung mit der zukünftigen Geschichte ganz Israels. Was zunächst als Begegnung mit einem einzelnen Hirten beginnt, soll später zu einer gemeinsamen Begegnung des Volkes mit seinem Gott führen.
Im weiteren Verlauf des zweiten Mosebuches wird diese Zusage erfüllt. Nach dem Auszug aus Ägypten und dem Weg durch die Wüste gelangt Israel in die Gegend des Sinai. In 2. Mose 19,2 wird berichtet, dass sich das Volk dort vor dem Berg lagert. Anschließend begegnet Gott Israel und offenbart ihm seine Bundesordnung.
Besonders wichtig ist dabei die Formulierung, dass die Israeliten Gott auf diesem Berg „dienen“ werden.
Das hebräische Verb avad kann sowohl gewöhnliches Arbeiten als auch den Dienst für einen Herrn bezeichnen. Im religiösen Zusammenhang wird es außerdem für die Verehrung und den Dienst gegenüber Gott verwendet.
Diese Bedeutungsbreite eröffnet innerhalb des zweiten Mosebuches einen bemerkenswerten Zusammenhang. In Ägypten müssen die Israeliten unter Zwang für den Pharao arbeiten. Nun kündigt Gott an, dass sie künftig ihm dienen werden.
In beiden Fällen begegnet die Sprache des Dienens, doch die Verhältnisse sind grundlegend verschieden. Der Pharao benutzt die Arbeitskraft der Israeliten für seine eigenen Zwecke und hält sie durch Unterdrückung fest. Gott dagegen will sein Volk aus dieser Knechtschaft herausführen und ihm eine neue Beziehung zu sich eröffnen.
Der Auszug besitzt damit ein Ziel, das über die bloße Beendigung ägyptischer Herrschaft hinausgeht. Israel soll nicht nur von einer fremden Macht befreit werden, sondern den Gott kennenlernen und verehren, der seine Verheißungen an die Erzväter erfüllt.
Diese Verbindung wird später ausdrücklich aufgegriffen. In 2. Mose 19,4–6 erinnert Gott das Volk zunächst daran, wie er es aus Ägypten herausgeführt und zu sich gebracht hat. Erst danach spricht er über die besondere Beziehung, in der Israel als sein Bundesvolk leben soll.
Die Reihenfolge ist entscheidend. Israel muss seine Befreiung nicht erst durch Gehorsam verdienen. Gott handelt zunächst rettend und führt das Volk zu sich. Der anschließende Dienst für Gott ist die Antwort innerhalb dieser neu gestalteten Gemeinschaft.
Dabei sollte das Wort „dienen“ nicht auf einen einzigen Gottesdienst oder eine einzelne Opferhandlung beschränkt werden. Im größeren biblischen Zusammenhang umfasst der Dienst für Gott auch die dauerhafte Ausrichtung des Lebens auf ihn. Die konkrete Gestaltung dieser Beziehung wird allerdings erst in den folgenden Kapiteln ausführlich offenbart.
Gottes Berufung verändert den Maßstab
Die beiden Verse enthalten nur eine kurze Frage und eine knappe Antwort. Dennoch legen sie eine wesentliche Grundlage für das Verständnis der gesamten weiteren Geschichte Moses.
Mose betrachtet zunächst die außergewöhnliche Größe der Aufgabe und seine eigenen begrenzten Möglichkeiten. Gott beantwortet diese Unsicherheit, indem er seine Gegenwart zusagt und bereits das zukünftige Ziel der Befreiung nennt.
Daraus ergibt sich weder die Aufforderung, menschliche Fähigkeiten grundsätzlich geringzuschätzen, noch die Behauptung, jeder Mensch könne beliebige große Vorhaben allein deshalb verwirklichen, weil er an Gott glaubt. Die Verheißung richtet sich hier an Mose innerhalb eines konkreten göttlichen Auftrags. Sie darf nicht von dieser Berufung getrennt und zu einer allgemeinen Erfolgsgarantie für menschliche Pläne gemacht werden.
Die stärkere geistliche Aussage liegt darin, dass Gott seine Sendung nicht von Moses Selbstvertrauen abhängig macht. Er verspricht ihm nicht, dass der Weg leicht sein wird. Vielmehr sagt er ihm zu, auf diesem Weg mit ihm zu sein.
Damit ist allerdings noch nicht jede Unsicherheit Moses beantwortet. Selbst wenn Gott ihn begleiten wird, bleibt für ihn eine weitere wichtige Frage offen: Wie soll er den Israeliten erklären, welcher Gott ihn gesandt hat?
Gerade weil Mose seinem Volk gegenüber als Bote auftreten soll, möchte er wissen, mit welcher Botschaft er sich auf den Gott ihrer Vorfahren berufen kann. Seine nächste Frage führt deshalb zum Mittelpunkt dieses Kapitels: Gottes Offenbarung seines Namens und der Bedeutung seiner bleibenden Gegenwart.
2. Mose 3,13–15
Gott offenbart seinen Namen
Mose hat von Gott einen außergewöhnlichen Auftrag erhalten. Er soll nach Ägypten zurückkehren, die Israeliten aufsuchen und ihnen verkünden, dass der Gott ihrer Vorfahren ihn gesandt hat. Doch bevor er diesen Weg antritt, stellt er eine weitere Frage. Was soll er antworten, wenn die Israeliten wissen wollen, wie der Gott heißt, in dessen Auftrag er zu ihnen kommt?
Diese Frage führt zum Mittelpunkt der göttlichen Selbstoffenbarung am Horeb. Mose fragt nicht mehr unmittelbar nach seiner eigenen Eignung. Nun geht es um die Identität und Autorität dessen, der ihn sendet. Er möchte wissen, wie er Gott gegenüber seinem Volk bezeichnen und seine Sendung verständlich machen soll.
Gottes Antwort gehört zu den bedeutendsten Aussagen des Alten Testaments. Sie verbindet seinen Namen mit seiner Gegenwart, seiner bleibenden Identität und den Verheißungen an die Erzväter. Zugleich enthält der hebräische Wortlaut sprachliche Besonderheiten, die sich nicht vollständig in einem einzigen deutschen Satz wiedergeben lassen.
Warum fragt Mose nach Gottes Namen?
In Vers 13 beschreibt Mose eine mögliche Begegnung mit den Israeliten. Er stellt sich vor, wie er zu ihnen kommt und erklärt, dass der Gott ihrer Väter ihn geschickt hat. Daraufhin könnten sie fragen, wie dieser Gott heißt.
Eine solche Frage besitzt im damaligen religiösen Umfeld eine besondere Bedeutung. Die Menschen Ägyptens kannten zahlreiche Gottheiten, die mit bestimmten Aufgaben, Lebensbereichen und Heiligtümern verbunden waren. Auch die umliegenden Völker verehrten verschiedene Götter. In einer solchen Welt war die Frage nach dem Namen einer Gottheit zugleich eine Frage nach ihrer Identität.
Doch damit ist Moses Anliegen noch nicht vollständig erklärt. Denn der Name eines Gottes war nicht bloß eine Bezeichnung, mit der man ihn von anderen unterscheiden konnte. In der biblischen Sprache steht der Name häufig in enger Verbindung mit der Person, ihrem Wesen und ihrem offenbarten Handeln.
Wenn Gott beispielsweise Abraham seinen Segen verheißt, besteht seine Zusage nicht einfach aus einer unbekannten göttlichen Macht, die irgendwann eingreifen könnte. Abraham begegnet einem bestimmten Gott, der zu ihm spricht, einen Bund mit ihm schließt und verbindliche Verheißungen gibt.
Mose möchte deshalb eine Antwort erhalten, die seine Botschaft eindeutig mit diesem Gott verbindet. Die Israeliten sollen erkennen können, dass er nicht mit einer selbst erfundenen religiösen Behauptung auftritt, sondern sich auf den Gott beruft, der bereits zu ihren Vorfahren gesprochen hatte.
Allerdings sollten wir aus Moses Frage nicht folgern, die Israeliten hätten Gottes Namen vollständig vergessen. Der Text sagt nicht, dass niemand in Ägypten mehr wusste, wie der Gott Abrahams hieß. Ebenso wenig erklärt er, Mose habe selbst noch nie von diesem Namen gehört.
Schon im ersten Mosebuch wird der Gottesname HERR verwendet. Abraham ruft den Namen des HERRN an (1. Mose 12,8), und auch bei Isaak begegnet dieselbe Ausdrucksweise (1. Mose 26,25). Die Frage Moses muss deshalb im Zusammenhang seiner bevorstehenden Sendung verstanden werden. Er fragt nach einer göttlichen Selbstbezeichnung, mit der er sich gegenüber Israel ausdrücklich auf Gottes Autorität berufen kann.
„Ich bin, der ich bin“
In Vers 14 antwortet Gott mit den Worten: „Ich bin, der ich bin!“ So gibt die Schlachter 1951 den hebräischen Ausdruck wieder.
Im hebräischen Text steht die Formulierung Ehyeh ascher ehyeh. Sie besteht aus dem zweimal verwendeten Wort ehyeh und dem verbindenden Wort ascher.
Das Wort ehyeh stammt vom hebräischen Verb hajah, das „sein“ oder „werden“ bedeuten kann. Seine Form bezeichnet die erste Person Einzahl: Gott spricht von sich selbst. Das Wort ascher kann je nach Zusammenhang mit „der“, „welcher“, „was“ oder „dass“ wiedergegeben werden.
Die Schwierigkeit liegt darin, dass die hebräische Verbform nicht genau denselben Zeitregeln folgt wie unsere deutsche Sprache. Sie kann im entsprechenden Zusammenhang eine gegenwärtige Wirklichkeit ausdrücken, aber auch auf etwas Zukünftiges hinweisen.
Deshalb begegnen in deutschen und internationalen Bibelübersetzungen unterschiedliche Wiedergaben. Neben der bekannten Formulierung „Ich bin, der ich bin“ ist auch „Ich werde sein, der ich sein werde“ sprachlich möglich.
Beide Übersetzungen erfassen wichtige Seiten des hebräischen Ausdrucks. Die erste hebt Gottes bleibende Identität hervor. Die zweite lässt stärker erkennen, dass sich Gottes Wesen und seine Gegenwart auch in seinem zukünftigen Handeln erweisen werden.
Es wäre deshalb zu einfach, eine dieser Möglichkeiten allein aufgrund der deutschen Zeitform für die einzig denkbare Bedeutung zu erklären. Der hebräische Wortlaut besitzt eine größere sprachliche Offenheit.
Entscheidend ist, was die Aussage innerhalb der Begegnung mit Mose bedeutet. Gott beantwortet die Frage nach seiner Identität nicht, indem er sich mit einer ägyptischen Gottheit vergleicht oder seine Stellung innerhalb einer Götterwelt beschreibt. Er spricht aus sich selbst heraus und macht deutlich, dass seine Identität nicht von einer menschlichen Einordnung abhängt.
Darin liegt eine wichtige Besonderheit dieser Offenbarung. Mose erhält keine Erklärung, die Gott auf eine bestimmte Naturkraft, einen einzelnen Lebensbereich oder eine begrenzte Aufgabe festlegt. Der Gott, der ihn sendet, lässt sich nicht auf solche Vorstellungen reduzieren.
Gottes Name und seine zugesagte Gegenwart
Eine besonders wichtige Hilfe zum Verständnis findet sich bereits zwei Verse zuvor. Dort hatte Gott Mose versprochen: „Ich will mit dir sein“ (2. Mose 3,12).
Das hebräische Wort für „ich will sein“ lautet ebenfalls ehyeh. Zwischen dieser Verheißung und der Selbstoffenbarung in Vers 14 besteht deshalb eine unmittelbare sprachliche Verbindung.
Dieser Zusammenhang ist für die Auslegung von großer Bedeutung. Mose hatte nach seiner eigenen Eignung gefragt. Gott antwortete ihm mit seiner Gegenwart. Nun fragt Mose nach Gottes Namen, und Gott verwendet erneut dieselbe Verbform.
Damit steht die Offenbarung nicht losgelöst von den Ereignissen, die bevorstehen. Gott zeigt sich nicht nur als derjenige, dessen Identität Bestand hat. Er ist auch derjenige, der Mose auf dem bevorstehenden Weg begleiten wird.
Die mögliche Übersetzung „Ich werde sein, der ich sein werde“ passt besonders gut zu diesem Zusammenhang. Sie lässt erkennen, dass Mose Gottes Treue im Verlauf der kommenden Ereignisse erfahren soll. Der Gott, der seine Gegenwart verspricht, wird sich in seinem Handeln als derselbe erweisen, der nun zu Mose spricht.
Allerdings darf diese zukunftsbezogene Bedeutung nicht so verstanden werden, als müsse Gott erst zu dem werden, was er bisher noch nicht ist. Die hebräische Formulierung enthält keine Aussage darüber, dass Gottes Wesen unvollständig wäre oder sich erst durch spätere Ereignisse entwickeln müsste.
Vielmehr lässt sie Raum für einen Zusammenhang zwischen Gottes beständiger Identität und seiner zukünftigen Selbstoffenbarung. Er bleibt derselbe Gott, während sein Handeln in der Geschichte immer deutlicher erkennen lässt, wer er ist.
Diese Verbindung wird später besonders in den Ereignissen des Auszugs sichtbar. Gott kündigt nicht nur eine Befreiung an. Er wird tatsächlich gegen den Widerstand des Pharaos handeln und Israel aus Ägypten herausführen. Dadurch wird seine zuvor gegebene Zusage in der Geschichte erfahrbar.
Ist Gottes Name eine Aussage über seine Ewigkeit?
Die traditionelle Übersetzung „Ich bin, der ich bin“ wird häufig mit Gottes ewiger Existenz verbunden. Danach offenbart Gott sich als derjenige, dessen Sein keinen Anfang und kein Ende besitzt.
Diese Deutung besitzt einen wichtigen biblischen Hintergrund. An anderen Stellen erklärt die Schrift ausdrücklich, dass Gott vor der Entstehung der Welt existiert und seine Herrschaft über die Zeit hinaus Bestand hat. Psalm 90,2 spricht davon, dass Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit Gott ist. In Jesaja 44,6 bezeichnet er sich als den Ersten und den Letzten und erklärt, dass es außer ihm keinen Gott gibt.
Solche Aussagen gehören zum biblischen Gesamtbild des ewigen Gottes. Deshalb ist es verständlich, wenn christliche Ausleger auch in 2. Mose 3,14 einen Hinweis auf seine bleibende und unabhängige Existenz erkennen.
Dennoch sollten wir unterscheiden zwischen der ausdrücklichen Bedeutung des hebräischen Satzes und der weiterführenden theologischen Erklärung. Die einzelnen Wörter von Ehyeh ascher ehyeh enthalten nicht bereits eine vollständige philosophische Beschreibung darüber, wie Gott außerhalb der Zeit existiert oder wie sein ewiges Wesen zu verstehen ist.
Die Aussage steht zunächst innerhalb einer konkreten geschichtlichen Begegnung. Mose benötigt Gewissheit über den Gott, der ihn nach Ägypten sendet. Gottes Antwort verbindet seine Identität mit der Verheißung, auf diesem Weg gegenwärtig zu sein.
Die Ewigkeit Gottes widerspricht dieser Bedeutung nicht. Sie gehört jedoch zu einer umfassenderen biblischen Betrachtung und sollte nicht ausschließlich aus einer einzigen hebräischen Verbform bewiesen werden.
„Ich bin“ hat mich zu euch gesandt
Im zweiten Teil von Vers 14 gibt Gott Mose eine unmittelbare Anweisung. Er soll den Israeliten sagen, dass „Ich bin“ ihn zu ihnen gesandt habe.
Die Selbstbezeichnung wird hier auf das einzelne Wort ehyeh verkürzt. Damit wird der zuvor gegebene Ausdruck zu einer Formulierung, die Mose gegenüber dem Volk verwenden soll.
Diese Anweisung ist bemerkenswert, weil Gottes Antwort nicht bei einer allgemeinen Erklärung stehen bleibt. Mose erhält konkrete Worte für seine Botschaft.
Er soll also nicht lediglich berichten, dass er eine außergewöhnliche Erscheinung in der Wüste gesehen habe. Er soll sich ausdrücklich auf den Gott berufen, der sich ihm offenbart und ihm seine Sendung bestätigt hat.
Dabei ist wichtig, dass die Formulierung weiterhin aus Gottes eigener Perspektive gesprochen ist. Das hebräische ehyeh bedeutet „ich bin“ beziehungsweise „ich werde sein“. Es ist die Aussage Gottes über sich selbst.
Im folgenden Vers begegnet dagegen der Gottesname JHWH. Zwischen beiden Bezeichnungen besteht eine enge sprachliche und theologische Verbindung, doch sie sind nicht einfach dieselbe hebräische Wortform.
Gerade dieser Übergang hilft, die Bedeutung der gesamten Antwort besser zu verstehen.
Der Gottesname JHWH
In Vers 15 spricht Gott erneut zu Mose. Jetzt soll er den Israeliten ausdrücklich verkünden, dass der HERR, der Gott ihrer Väter, ihn gesandt hat.
Im hebräischen Grundtext steht an dieser Stelle der Gottesname, der aus vier Konsonanten besteht: JHWH. Diese vier Buchstaben werden auch als Tetragramm bezeichnet. Das Wort bedeutet einfach „vier Buchstaben“.
In der Schlachter 1951 wird dieser Name gewöhnlich mit „HERR“ wiedergegeben. Die Großschreibung macht kenntlich, dass im hebräischen Text nicht nur das allgemeine Wort für einen Herrn steht, sondern der besondere Gottesname JHWH.
Damit ist eine wichtige Unterscheidung verbunden. Im Deutschen verwenden wir das Wort „Herr“ sowohl als Anrede für Menschen als auch als Bezeichnung Gottes. Im hebräischen Text steht hier jedoch ein Eigenname, durch den sich der Gott Israels ausdrücklich zu erkennen gibt.
Die genaue ursprüngliche Aussprache dieses Namens lässt sich heute nicht mit völliger Sicherheit rekonstruieren. In der hebräischen Schrift wurden ursprünglich überwiegend Konsonanten geschrieben. Die später hinzugefügten Vokalzeichen bewahren nicht ohne Weiteres die ursprüngliche Aussprache des Gottesnamens.
Hinzu kommt eine besondere jüdische Überlieferung. Aus Ehrfurcht vor dem Namen Gottes entwickelte sich die Praxis, die vier Buchstaben beim Vorlesen nicht auszusprechen, sondern beispielsweise durch Adonai, also „Herr“, zu ersetzen. Diese Lesetradition erklärt, weshalb viele Bibelübersetzungen bis heute „HERR“ verwenden.
In der wissenschaftlichen Forschung gilt die Aussprache „Jahwe“ als gut begründete Rekonstruktion. Sie ist jedoch nicht in jeder Einzelheit zweifelsfrei gesichert.
Auch die Form „Jehova“ ist historisch verbreitet. Sie entstand im Zusammenhang mit der späteren Verbindung der Konsonanten des Gottesnamens mit Vokalzeichen, die der jüdischen Lesetradition dienen. Sie gilt daher gewöhnlich nicht als die ursprüngliche hebräische Aussprache.
Für das Verständnis des Verses ist die genaue Aussprache allerdings nicht der entscheidende Punkt. Wichtig ist, dass Gott hier seinen persönlichen Namen nennt und ihn ausdrücklich mit seiner bisherigen Beziehung zu Israel verbindet.
Was bedeutet JHWH?
Der Gottesname JHWH wird häufig mit dem hebräischen Verb für „sein“ beziehungsweise „werden“ in Verbindung gebracht. Diese Erklärung ist besonders aufgrund der unmittelbar vorausgehenden Aussage in Vers 14 naheliegend.
Dabei lässt sich ein sprachlicher Unterschied erkennen. Während ehyeh eine Form der ersten Person ist, wird der Gottesname JHWH gewöhnlich mit einer Form verbunden, die aus der Perspektive anderer von Gott spricht.
Vereinfacht könnte man den Zusammenhang so beschreiben: Gott spricht von sich selbst als dem, der ist beziehungsweise sein wird. Sein Volk verwendet dagegen den Namen, unter dem es ihn kennt und anruft.
Diese Erklärung macht die Beziehung zwischen den beiden Versen verständlich. Dennoch wäre es zu weitgehend, die genaue sprachgeschichtliche Entstehung des Namens JHWH als vollständig geklärt darzustellen.
Die Form des Gottesnamens lässt sich nicht ohne offene Fragen aus einer gewöhnlichen hebräischen Verbform ableiten. In der Forschung werden deshalb unterschiedliche sprachliche Herleitungen diskutiert. Die biblische Erzählung stellt jedoch ausdrücklich eine Verbindung zur Selbstoffenbarung Gottes in Vers 14 her.
Für unsere Auslegung genügt deshalb eine sorgfältige Unterscheidung: Der Gottesname JHWH steht in enger Verbindung mit Gottes Aussage über sein Sein und seine Gegenwart. Die genaue ursprüngliche Wortbildung und vollständige sprachliche Bedeutung des Namens sind jedoch nicht in allen Einzelheiten gesichert.
Damit verhindern wir, dass eine mögliche sprachwissenschaftliche Rekonstruktion als ausdrückliche Aussage der Bibel behandelt wird.
Warum verbindet Gott seinen Namen mit Abraham, Isaak und Jakob?
Nachdem Gott seinen Namen genannt hat, bezeichnet er sich erneut als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
Diese Ergänzung ist entscheidend. Der Gottesname wird nicht isoliert genannt, sondern unmittelbar mit den Männern verbunden, denen Gott seine Verheißungen gegeben hatte.
Damit erhält Mose eine Antwort, die für die Israeliten von besonderer Bedeutung ist. Sie sollen nicht an einen unbekannten Gott glauben, dessen Beziehung zu ihnen erst jetzt beginnt. Sie sollen erkennen, dass derjenige, der Mose sendet, derselbe Gott ist, der ihre Vorfahren berufen und ihnen seine Zusagen gegeben hat.
Die Selbstoffenbarung Gottes ist deshalb zugleich eine Bestätigung seiner geschichtlichen Treue.
Abraham hatte Gott die Verheißung eines großen Volkes und eines eigenen Landes empfangen. Isaak erhielt die Bestätigung dieser Zusage. Auch Jakob wurde Gottes Begleitung zugesichert, als er auf seinem Lebensweg vor einer ungewissen Zukunft stand.
Nun leben ihre Nachkommen unter einer fremden Herrschaft. Die einstigen Verheißungen scheinen angesichts der ägyptischen Knechtschaft weit entfernt zu sein. Doch Gott verbindet seinen Namen gerade mit dieser Geschichte.
Der Zusammenhang zeigt, dass seine Identität nicht durch den Wechsel menschlicher Generationen verändert wird. Abraham, Isaak und Jakob sind längst gestorben. Ihre Nachkommen leben inzwischen unter ganz anderen Verhältnissen. Dennoch bleibt Gott derselbe, der ihnen seine Zusagen gegeben hat.
Diese Beständigkeit besitzt für den Auftrag Moses eine grundlegende Bedeutung. Er soll die Israeliten nicht durch seine eigene Persönlichkeit überzeugen, sondern ihnen das Wort des Gottes überbringen, dessen Bund weiterhin besteht.
Kannten die Erzväter den Namen JHWH bereits?
An dieser Stelle entsteht eine wichtige Frage, wenn wir das erste und zweite Mosebuch miteinander vergleichen.
Im ersten Mosebuch wird der Name JHWH bereits mehrfach verwendet. Abraham ruft ihn an, und auch in den Geschichten Isaaks und Jakobs begegnet er ausdrücklich.
In 2. Mose 6,2–3 sagt Gott jedoch später zu Mose, dass er Abraham, Isaak und Jakob als Gott, der Allmächtige, erschienen sei, ihnen aber unter seinem Namen JHWH nicht in derselben Weise bekannt geworden sei.
Diese Aussage hat unterschiedliche Erklärungen hervorgerufen.
Eine verbreitete Auslegung versteht 2. Mose 6,3 so, dass die Erzväter den Namen zwar kannten, seine volle Bedeutung jedoch noch nicht durch die geschichtliche Erfüllung der Bundesverheißungen erfahren hatten. Sie hatten Gottes Zusagen empfangen, aber die große Befreiung Israels noch nicht erlebt.
Nach dieser Erklärung offenbart Gott Mose nicht einfach eine bislang unbekannte Lautfolge. Er lässt sein Volk vielmehr in einer neuen und entscheidenden Weise erkennen, was seine Treue und Macht bedeuten.
Andere Ausleger sehen in den unterschiedlichen Aussagen einen Hinweis darauf, dass die biblischen Bücher ältere Überlieferungen bewahren, in denen die Bekanntheit des Gottesnamens verschieden dargestellt wird.
Beide Erklärungsrichtungen müssen sorgfältig voneinander unterschieden werden. Die erste versucht, die Aussagen innerhalb der erzählten Geschichte miteinander zu verbinden. Die zweite betrachtet stärker die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Texte.
Für 2. Mose 3,15 können wir unabhängig von dieser weiterführenden Diskussion festhalten: Gott stellt sich ausdrücklich als der Gott der Erzväter vor. Die Israeliten sollen seinen Namen mit dem Gott verbinden, der ihrer Familie bereits seit Generationen Verheißungen gegeben hatte.
Die genauere Frage nach 2. Mose 6,3 werden wir bei der Auslegung dieses späteren Kapitels erneut untersuchen müssen, weil dort der Zusammenhang ausführlicher erklärt wird.
„Das ist mein Name ewiglich“
Am Ende von Vers 15 erklärt Gott, dass dies sein Name für immer und seine Benennung von Generation zu Generation sei.
Diese Aussage macht deutlich, dass die Offenbarung nicht allein für Mose bestimmt ist. Gott spricht über die bleibende Bedeutung seines Namens für die kommenden Generationen Israels.
Das hebräische Wort für „Gedenken“ beziehungsweise „Gedächtnis“ steht hier in Verbindung mit dem Gottesnamen. Gemeint ist nicht lediglich, dass Menschen sich die Buchstaben merken sollen. Der Name soll Gottes Volk über die Generationen hinweg an denjenigen erinnern, der sich ihm offenbart und seine Verheißungen gegeben hat.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Gottes Name wird in der Bibel nicht wie eine geheimnisvolle Formel behandelt, deren bloße Aussprache unabhängig von der Beziehung zu Gott besondere Macht verleiht. Seine Bedeutung liegt darin, dass er auf den lebendigen Gott verweist, der sich selbst zu erkennen gegeben hat.
Später wird Israel immer wieder aufgefordert, den Namen des HERRN anzurufen, ihn zu loben und ihn nicht zu missbrauchen. Diese Anweisungen setzen voraus, dass der Name Gottes mit seiner Person und seiner Ehre verbunden ist.
Besonders deutlich wird dies im dritten Gebot. In 2. Mose 20,7 verbietet Gott, seinen Namen zu missbrauchen. Der Name soll nicht für falsche Aussagen, unaufrichtige Schwüre oder eine Haltung verwendet werden, die seiner Heiligkeit widerspricht.
Damit entsteht eine enge Verbindung zwischen Gottes Selbstoffenbarung und der Verantwortung seines Volkes. Wer seinen Namen kennt und verwendet, soll ihn nicht von Gottes Wesen und seinen Geboten trennen.
Gleichzeitig bedeutet die Aussage von der ewigen Bedeutung seines Namens nicht, dass alle Menschen zu allen Zeiten eine bestimmte rekonstruierte hebräische Aussprache verwenden müssten. Der Vers erklärt die bleibende Identität Gottes und die Bedeutung seines Namens für das Gedenken seines Volkes. Eine allgemeine Verpflichtung auf eine einzige moderne Aussprache wird hier nicht ausdrücklich formuliert.
Gottes Selbstoffenbarung und Jesus Christus
Eine weitere Verbindung entsteht im Neuen Testament. Jesus spricht im Johannesevangelium wiederholt über seine besondere Beziehung zum Vater und verwendet dabei Aussagen, die an die alttestamentliche Selbstoffenbarung Gottes erinnern.
Besonders bekannt ist Johannes 8,58. Dort erklärt Jesus, dass er bereits vor Abraham existiert. Die Aussage besitzt eine außergewöhnliche Bedeutung, weil Jesus sich damit nicht nur als späteren Lehrer innerhalb der Geschichte Israels beschreibt, sondern eine Existenz beansprucht, die über sein irdisches Leben hinausreicht.
Viele christliche Ausleger verbinden seine Worte deshalb unmittelbar mit 2. Mose 3,14.
Diese Verbindung ist theologisch nachvollziehbar, verlangt aber sprachliche Genauigkeit. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta, wird Gottes Selbstoffenbarung in 2. Mose 3,14 mit einer Formulierung wiedergegeben, die sinngemäß „Ich bin der Seiende“ bedeutet. Johannes 8,58 verwendet dagegen die kürzere Wendung „Ich bin“.
Die beiden Stellen stehen somit nicht als vollständig wortgleiche griechische Zitate nebeneinander.
Hinzu kommt, dass auch andere alttestamentliche Gottesworte für die Aussagen Jesu bedeutsam sind. Besonders in Jesaja 43 und 46 begegnen Formulierungen, mit denen Gott seine einzigartige Identität und seine Herrschaft über die Geschichte hervorhebt.
Deshalb sollte Johannes 8,58 nicht ausschließlich auf eine vermeintlich identische Wortfolge mit 2. Mose 3,14 reduziert werden. Das Johannesevangelium entfaltet die Bedeutung Jesu innerhalb eines breiteren Zusammenhangs göttlicher Selbstoffenbarung.
Gleichzeitig ist die christologische Verbindung keineswegs bedeutungslos. Das Neue Testament stellt Jesus in eine einzigartige Beziehung zur göttlichen Identität und beschreibt ihn als denjenigen, durch den Gott sich endgültig offenbart (Johannes 1,1–18; Hebräer 1,1–3).
Die Aussage von 2. Mose 3 bleibt dabei zunächst die Selbstoffenbarung des Gottes Israels gegenüber Mose. Erst innerhalb des gesamten biblischen Zeugnisses entsteht die weiterführende Frage, wie die Offenbarung Gottes in Jesus Christus mit dieser alttestamentlichen Selbstbezeichnung zusammenhängt.
Ein Name, der Gewissheit schenkt
Wenn wir die drei Verse als Ganzes betrachten, fällt auf, wie sorgfältig Gott Moses Frage beantwortet. Er gibt ihm nicht lediglich einen Namen, den er weitergeben soll. Seine Antwort verbindet diesen Namen mit seiner eigenen Identität, seiner Gegenwart und seiner bisherigen Geschichte mit Israel.
Mose erhält damit eine Grundlage für seine bevorstehende Botschaft. Er kann zu den Israeliten zurückkehren und ihnen sagen, wer ihn gesandt hat. Die Autorität seiner Worte liegt nicht darin, dass er einst am ägyptischen Königshof gelebt hat oder über außergewöhnliche persönliche Fähigkeiten verfügt. Sie liegt bei dem Gott, der sich ihm offenbart.
Zugleich wird deutlich, dass Gottes Name nicht von seinem Handeln getrennt werden darf. Derjenige, der sich Mose zu erkennen gibt, ist derselbe, der das Leiden Israels gesehen hat und dessen Befreiung ankündigt. Seine Selbstoffenbarung bleibt nicht bei Worten stehen. Sie wird in den folgenden Ereignissen eine geschichtliche Bestätigung erhalten.
Darin liegt die besondere Bedeutung dieser Begegnung. Gott ist nicht von den politischen Verhältnissen Ägyptens abhängig. Seine Identität wird weder durch die Macht des Pharaos bestimmt noch durch die gegenwärtige Schwäche Israels infrage gestellt. Er ist der Gott, der seinen Vorfahren Verheißungen gegeben hat und dessen Beziehung zu ihrem Volk weiterhin besteht.
Für Mose bedeutet dies, dass seine Sendung in einer Wirklichkeit gründet, die größer ist als seine eigene Lebensgeschichte. Der Gott, der ihn beruft, war bereits der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Er wird auch dann derselbe bleiben, wenn Mose nach Ägypten zurückkehrt und sich dem Widerstand des Pharaos stellen muss.
Damit ist Moses Frage nach dem Namen beantwortet. Doch nun muss er erfahren, wie er diese Botschaft überbringen soll. In den folgenden Versen gibt Gott ihm deshalb genaue Anweisungen für seine Begegnung mit den Ältesten Israels und erklärt, welche Forderung sie gemeinsam an den ägyptischen König richten sollen.
2. Mose 3,16–18
Mose erhält seinen ersten Auftrag
Nachdem Gott Mose seinen Namen offenbart hat, erklärt er ihm, wie seine Rückkehr nach Ägypten beginnen soll. Mose soll nicht unmittelbar vor den Pharao treten, sondern zunächst die Ältesten Israels versammeln. Ihnen soll er berichten, dass der Gott ihrer Vorfahren ihm erschienen ist und das Leiden seines Volkes nicht unbeachtet gelassen hat.
Diese Reihenfolge ist bemerkenswert. Mose erhält den Auftrag, zuerst mit den Menschen zu sprechen, die er aus der Knechtschaft herausführen soll. Ihre Geschichte, ihre Not und ihre Hoffnung stehen am Anfang seiner Sendung. Erst danach ist eine gemeinsame Begegnung mit dem ägyptischen König vorgesehen.
Gott gibt Mose dabei nicht nur eine allgemeine Aufgabe. Er nennt ihm auch den Inhalt der Botschaft, die er überbringen soll. Die Ältesten sollen erfahren, dass Gott sich ihrer angenommen hat, dass er sie aus ihrem gegenwärtigen Elend herausführen will und dass seine früheren Verheißungen weiterhin gelten.
Warum soll Mose zuerst die Ältesten Israels versammeln?
Vers 16 beginnt mit der Aufforderung, die Ältesten Israels zusammenzurufen. Damit sind Männer gemeint, die innerhalb des Volkes aufgrund ihrer Stellung, Erfahrung oder Verantwortung als Vertreter der Gemeinschaft anerkannt waren.
Der Begriff „Älteste“ bezeichnet im Alten Testament nicht ausschließlich Menschen eines bestimmten Lebensalters. Er kann auch eine gesellschaftliche Funktion beschreiben. Älteste konnten innerhalb ihrer Familien und Gemeinschaften Verantwortung übernehmen, Entscheidungen mittragen und als Ansprechpartner dienen.
Dass es solche Vertreter bereits während der ägyptischen Knechtschaft gab, zeigt, dass die Israeliten trotz ihrer Unterdrückung nicht jede Form innerer Gemeinschaftsordnung verloren hatten. Sie lebten weiterhin in Familien- und Verwandtschaftsverbänden, innerhalb derer bestimmte Personen eine anerkannte Stellung besaßen.
Allerdings erfahren wir an dieser Stelle nicht, wie viele Älteste es gab, nach welchen Regeln sie ausgewählt wurden oder welche genauen Befugnisse sie besaßen. Es wäre deshalb voreilig, bereits hier eine vollständig entwickelte politische oder religiöse Verwaltungsordnung vorauszusetzen.
Auch die später ausdrücklich genannten siebzig Ältesten Israels dürfen nicht ohne Weiteres mit einer bestimmten Anzahl von Vertretern in 2. Mose 3 gleichgesetzt werden. Die Zahl wird in unserem Abschnitt nicht genannt.
Für den Verlauf der Erzählung ist vor allem ihre vermittelnde Funktion wichtig. Mose soll Gottes Botschaft nicht zunächst jedem Israeliten einzeln überbringen. Er soll diejenigen versammeln, die innerhalb des Volkes als Ansprechpartner gelten und die Nachricht in die Gemeinschaft hineintragen können.
Darin zeigt sich eine geordnete Vorbereitung der bevorstehenden Befreiung. Mose wird nicht beauftragt, allein aufgrund einer persönlichen Erscheinung die Führung des Volkes an sich zu reißen. Vielmehr soll er den anerkannten Vertretern Israels mitteilen, weshalb er zurückgekehrt ist und in wessen Auftrag er handelt.
Seine zukünftige Stellung erhält dadurch eine wichtige Grundlage. Die Menschen sollen die Botschaft hören, bevor sie gemeinsam weitere Schritte unternehmen.
Die Botschaft beginnt mit dem Gott ihrer Väter
Mose soll den Ältesten erklären, dass ihm der HERR erschienen ist, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
Diese Bezeichnung knüpft unmittelbar an die überlieferte Geschichte Israels an. Die Ältesten sollen erkennen, dass Moses Auftrag mit dem Gott verbunden ist, der ihre Vorfahren berufen und ihnen seine Zusagen gegeben hat.
Dabei ist bemerkenswert, dass Gott Mose nicht anweist, sich selbst in den Mittelpunkt seiner Botschaft zu stellen. Mose soll nicht zuerst von seiner Ausbildung in Ägypten, seinem langen Aufenthalt in Midian oder seinen persönlichen Fähigkeiten berichten. Er soll erklären, wer ihm begegnet ist.
Seine Botschaft gründet somit auf Gottes Offenbarung und nicht auf seiner eigenen Lebensleistung.
Das ist besonders bedeutsam, weil Mose sein Volk vor vielen Jahren unter schwierigen Umständen verlassen hatte. Sein früheres Eingreifen war auf Ablehnung gestoßen und hatte ihn zur Flucht gezwungen. Ob die Ältesten seine damalige Geschichte noch genau kannten oder welche Erwartungen sie an seine Rückkehr hätten, wird nicht berichtet.
Gott gibt ihm deshalb eine Botschaft, deren Mittelpunkt nicht seine Vergangenheit ist, sondern Gottes Beziehung zu Israel.
Die Namen Abraham, Isaak und Jakob stellen diese Beziehung in einen geschichtlichen Zusammenhang, der weit über Moses eigenes Leben hinausreicht. Sie erinnern daran, dass die bevorstehende Befreiung Teil einer Geschichte ist, die Gott bereits Generationen zuvor begonnen hatte.
„Ich habe achtgegeben auf euch“
Ein besonders wichtiger Ausdruck begegnet am Ende von Vers 16. Nach der Schlachter 1951 soll Mose dem Volk ausrichten, dass Gott auf die Israeliten und auf das achtgegeben hat, was ihnen in Ägypten widerfahren ist.
Im hebräischen Text steht hier eine auffällige Verbindung zweier Formen desselben Verbs. Sie lautet paqod paqadti und kann sinngemäß mit „Ich habe mich euer gewiss angenommen“ wiedergegeben werden.
Das zugrunde liegende Verb paqad besitzt im Alten Testament eine größere Bedeutungsbreite. Je nach Zusammenhang kann es unter anderem bedeuten, nach jemandem zu sehen, sich einer Person anzunehmen, etwas zu beachten oder jemanden zur Verantwortung zu ziehen.
Deshalb wird die entsprechende Wortfamilie in verschiedenen Bibelübersetzungen nicht immer gleich wiedergegeben. Ältere deutsche Übersetzungen verwenden an manchen Stellen das Wort „heimsuchen“. Dieses Wort darf jedoch nicht automatisch negativ verstanden werden.
In unserem Zusammenhang beschreibt Gottes Aussage eindeutig seine rettende Hinwendung zu Israel. Er hat auf die Not seines Volkes geachtet und kündigt nun an, die bestehenden Verhältnisse zu verändern.
Die Verbindung zweier Formen desselben hebräischen Verbs verstärkt die Aussage. Gott spricht nicht von einem ungewissen Interesse, das möglicherweise irgendwann Folgen haben könnte. Seine Worte unterstreichen, dass er sich der Lage seines Volkes tatsächlich angenommen hat.
Besonders wichtig ist dabei die Verbindung zu einer älteren Verheißung.
Die Worte erinnern an Josephs letzte Verheißung
Am Ende des ersten Mosebuches hatte Joseph kurz vor seinem Tod seinen Brüdern angekündigt, dass Gott sich ihrer gewiss annehmen und sie aus Ägypten herausführen werde. Diese Zusage steht in 1. Mose 50,24–25.
Dort verwendet der hebräische Text ebenfalls die verstärkende Verbindung zweier Formen des Verbs paqad. Joseph spricht sinngemäß davon, dass Gott sich ihrer ganz gewiss annehmen wird.
Damit entsteht eine besonders enge sprachliche Verbindung zu Gottes Worten in 2. Mose 3,16.
Joseph hatte eine zukünftige göttliche Zuwendung angekündigt. Nun soll Mose verkünden, dass Gott sich seines Volkes angenommen hat.
Diese Verbindung ist deshalb so bedeutsam, weil Josephs Aussage nicht nur eine allgemeine Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen gewesen war. Er hatte ausdrücklich von der Rückkehr in das Land gesprochen, das Gott Abraham, Isaak und Jakob verheißen hatte.
Josephs letzte Worte verbanden also zwei Erwartungen miteinander: Gott würde sich seines Volkes annehmen, und er würde es aus Ägypten in das Land der Verheißung führen.
Genau diese beiden Gedanken begegnen nun wieder in Moses Botschaft.
Daran wird sichtbar, wie sorgfältig die Geschichte des Auszugs an das Ende des ersten Mosebuches anknüpft. Zwischen Joseph und Mose liegen mehrere Generationen. Die politischen Verhältnisse haben sich verändert, und die Nachkommen Israels leben inzwischen unter schwerer Zwangsarbeit.
Doch die Verheißung ist nicht bedeutungslos geworden.
Was Joseph vor seinem Tod angekündigt hatte, wird nun in Gottes Auftrag an Mose wieder aufgenommen. Damit erhalten die Ältesten eine Botschaft, die unmittelbar an die Hoffnung ihrer Vorfahren anschließt.
Eine spätere jüdische Auslegung verstand gerade die wiederholte Form des Verbs paqad als besonderes Erkennungszeichen der angekündigten Befreiung. Die sprachliche Verbindung zwischen Josephs und Moses Worten ist im Bibeltext tatsächlich vorhanden. Dass sie bereits vor Moses Rückkehr als festgelegtes geheimes Erkennungszeichen überliefert worden sei, wird dort allerdings nicht ausdrücklich berichtet.
Die sichere Beobachtung ist deshalb bereits bedeutend genug: Die Ankündigung Josephs und Gottes Botschaft an Mose sind bewusst eng miteinander verbunden. Die Geschichte führt eine alte Verheißung weiter und zeigt nun den Beginn ihrer Erfüllung.
Gott kennt, was Israel widerfahren ist
Gottes Aussage beschränkt sich nicht darauf, dass er sich seines Volkes angenommen hat. Mose soll auch ausdrücklich erwähnen, dass Gott weiß, was den Israeliten in Ägypten widerfahren ist.
Damit erhalten die Ältesten eine Botschaft, die unmittelbar ihre gegenwärtigen Erfahrungen betrifft.
Die schwere Arbeit, die Gewalt der Aufseher und die lange Zeit der Unterdrückung sind keine Ereignisse, die vor Gott verborgen geblieben wären. Er kennt die Geschichte seines Volkes und die Verantwortung derjenigen, die es bedrängen.
Gerade für die Menschen, die täglich unter der Knechtschaft leiden, besitzt diese Aussage eine besondere Bedeutung. Sie müssen nicht zuerst beweisen, dass ihre Not wirklich besteht, bevor Gott sich ihnen zuwendet.
Dabei richtet sich Gottes Aufmerksamkeit auf die gesamte Lage des Volkes. Es geht nicht nur um einzelne Gewalttaten, sondern um die Verhältnisse, unter denen die Israeliten seit langer Zeit leben.
Wichtig ist jedoch, Gottes Kenntnis des Leidens nicht mit einer ausdrücklichen Billigung aller Ereignisse zu verwechseln. Der Text macht deutlich, dass die Unterdrückung von den Ägyptern ausgeht. Gottes Zuwendung bedeutet gerade, dass diese Verhältnisse nicht unverändert bestehen bleiben sollen.
Die Befreiung hat ein bestimmtes Ziel
In Vers 17 soll Mose den Ältesten Gottes Absicht erklären. Die Israeliten werden nicht nur aus dem Elend Ägyptens herausgeführt, sondern sollen in das Land gelangen, das Gott ihren Vorfahren verheißen hat.
Die Aussage wird nun als unmittelbare Botschaft an die Betroffenen formuliert. Die Menschen, die gegenwärtig unter der ägyptischen Herrschaft leiden, sollen hören, welche Zukunft Gott für sie angekündigt hat.
Dabei werden die Völker genannt, die bereits in Kanaan leben. Die Aufzählung macht deutlich, dass die Verheißung ein wirkliches geografisches Ziel besitzt und nicht lediglich eine bildhafte Beschreibung innerer Freiheit ist.
Das Land, das von Milch und Honig fließt, steht für die Aussicht auf eine fruchtbare Lebensgrundlage. Nach Generationen der Zwangsarbeit sollen die Israeliten unter anderen Bedingungen leben können.
Doch die Botschaft enthält noch keine ausführliche Erklärung, wie sie dorthin gelangen werden. Die Schwierigkeiten des Weges, die Versorgung in der Wüste und die späteren Auseinandersetzungen um das Land werden erst in den folgenden Büchern ausführlicher behandelt.
Hier steht zunächst Gottes Zusage im Mittelpunkt. Mose soll dem Volk verkünden, dass die ägyptische Knechtschaft nicht das endgültige Ziel seiner Geschichte ist.
Damit schließt sich auch der Zusammenhang zu Josephs letzten Worten. Der Gott, der sich seines Volkes annimmt, will es tatsächlich in das verheißene Land führen. Die alte Hoffnung wird zu einer unmittelbar bevorstehenden Aufgabe.
Werden die Ältesten Mose glauben?
In Vers 18 spricht Gott darüber, wie die Ältesten auf Moses Botschaft reagieren werden.
Der hebräische Text verwendet eine Formulierung, die sich unmittelbar als „Sie werden auf deine Stimme hören“ verstehen lässt. Die Schlachter 1951 gibt den Übergang mit den Worten „Und wenn sie auf dich hören“ wieder und verbindet ihn mit dem anschließenden Auftrag.
Diese unterschiedlichen Wiedergaben verändern die sprachliche Betonung etwas. Während die erste die erwartete Reaktion der Ältesten hervorhebt, stellt die zweite die weitere Handlung unter die Voraussetzung ihres Hörens.
Der weitere Verlauf zeigt jedenfalls, dass Moses Botschaft zunächst tatsächlich Zustimmung findet. In 2. Mose 4,29–31 versammeln Mose und Aaron die Ältesten, überbringen Gottes Worte und zeigen die angekündigten Zeichen. Daraufhin glaubt das Volk und betet den HERRN an.
Diese spätere Erfüllung ist wichtig, weil sie zeigt, dass Gott Mose nicht ohne jede Vorbereitung zu einem Volk sendet, das ihn grundsätzlich zurückweisen muss.
Allerdings bedeutet die anfängliche Zustimmung nicht, dass die Israeliten von diesem Zeitpunkt an unter allen Umständen zuversichtlich bleiben. Als die Unterdrückung später noch schwerer wird, berichtet 2. Mose 6,9, dass sie wegen ihrer Mutlosigkeit und der harten Arbeit nicht auf Moses Worte hören.
Die beiden Aussagen stehen nicht notwendig im Widerspruch. Sie beziehen sich auf unterschiedliche Situationen. Zunächst nehmen die Israeliten die Botschaft ihrer bevorstehenden Befreiung an. Nach einer weiteren Verschärfung ihrer Lebensverhältnisse fällt es ihnen jedoch schwer, an diese Hoffnung festzuhalten.
Damit beschreibt die Bibel eine verständliche menschliche Erfahrung. Menschen können einer Verheißung zunächst vertrauen und dennoch durch anhaltendes Leid entmutigt werden. Die spätere Mutlosigkeit beweist nicht, dass ihre anfängliche Hoffnung unecht gewesen wäre.
Für Mose ist die Zusage aus Vers 18 dennoch eine wichtige Ermutigung. Er soll mit der Erwartung zu seinem Volk gehen, dass seine Botschaft nicht von vornherein unbeachtet bleibt.
Mose soll nicht allein zum Pharao gehen
Nachdem die Ältesten die Botschaft gehört haben, sollen sie gemeinsam mit Mose vor den König von Ägypten treten.
Auch diese Anweisung verdient Aufmerksamkeit. Gott beauftragt Mose zwar persönlich mit der Führung des Volkes, doch die erste Begegnung mit dem Pharao soll nach diesem Auftrag nicht ausschließlich durch ihn allein erfolgen.
Die Ältesten sollen beteiligt werden.
Dadurch wird die Forderung gegenüber dem ägyptischen König als Anliegen des Volkes sichtbar. Mose tritt nicht bloß als einzelner Mann auf, der aufgrund einer persönlichen Erfahrung eine ungewöhnliche Bitte vorträgt. Er soll gemeinsam mit anerkannten Vertretern Israels sprechen.
Das bedeutet nicht, dass die Ältesten dieselbe besondere Berufung besitzen wie Mose. Gott hat Mose am Dornbusch angesprochen und ihn ausdrücklich gesandt. Doch die Verantwortung, die kommende Veränderung innerhalb des Volkes vorzubereiten, wird nicht vollständig von dessen bestehenden Gemeinschaftsstrukturen getrennt.
Der Auftrag verbindet somit die persönliche Sendung Moses mit der Beteiligung der israelitischen Vertreter.
Ob alle Ältesten tatsächlich bei jeder späteren Begegnung mit dem Pharao anwesend sind, wird durch Vers 18 nicht festgelegt. Der weitere Bericht konzentriert sich zunehmend auf Mose und Aaron als diejenigen, die Gottes Worte vor dem König vertreten. Die hier gegebene Anweisung bleibt dennoch ein wichtiger Bestandteil der ursprünglichen Vorbereitung.
„Der HERR, der Hebräer Gott, ist uns begegnet“
Gott gibt Mose und den Ältesten auch die Worte vor, mit denen sie sich an den Pharao wenden sollen. Sie sollen erklären, dass ihnen der HERR, der Gott der Hebräer, begegnet ist.
Diese Bezeichnung unterscheidet sich von der Anrede gegenüber den Israeliten. Ihnen gegenüber wird besonders die Verbindung zu Abraham, Isaak und Jakob hervorgehoben. Vor dem ägyptischen König soll dagegen deutlich werden, dass der Gott, der diese Forderung stellt, der Gott des unterdrückten hebräischen Volkes ist.
Das Wort „Hebräer“ begegnet bereits im ersten Mosebuch und wird auch in Ägypten als Bezeichnung für Angehörige der israelitischen Volksgruppe verwendet. So wird Joseph als Hebräer bezeichnet, und im ersten Kapitel des zweiten Mosebuches spricht der Pharao von den hebräischen Frauen.
Die Bezeichnung ist deshalb für die Situation am ägyptischen Königshof verständlich. Sie macht deutlich, um welches Volk es geht und wessen Gott die bevorstehende Forderung begründet.
Besonders wichtig ist die Formulierung „ist uns begegnet“.
Der hebräische Ausdruck beschreibt eine Begegnung mit Gott, die nicht von den Menschen selbst herbeigeführt oder nach ihren eigenen Vorstellungen bestimmt wurde. Gott ist derjenige, von dem die Begegnung ausgeht.
Dabei dürfen wir nicht übersehen, dass die unmittelbare Offenbarung am Dornbusch zunächst Mose galt. Es wird nicht behauptet, alle Ältesten hätten dieselbe Erscheinung persönlich gesehen.
Wenn Mose und die Vertreter Israels später gemeinsam von Gottes Begegnung mit ihnen sprechen sollen, stehen sie als Repräsentanten des Volkes vor dem Pharao. Die göttliche Botschaft betrifft die gesamte Gemeinschaft, auch wenn Mose persönlich der Empfänger der ursprünglichen Offenbarung ist.
So wird die Begegnung am Horeb zur Grundlage einer öffentlichen Forderung gegenüber der ägyptischen Herrschaft.
Warum bittet Mose um drei Tagesreisen?
Der letzte Teil von Vers 18 enthält eine besonders wichtige Einzelheit. Mose und die Ältesten sollen den Pharao bitten, das Volk drei Tagesreisen weit in die Wüste ziehen zu lassen, damit es dort dem HERRN Opfer darbringen kann.
Diese Forderung ist zunächst deutlich begrenzter formuliert als Gottes zuvor angekündigtes Ziel. Gott will Israel vollständig aus Ägypten befreien und in das verheißene Land führen. Gegenüber dem Pharao soll jedoch zunächst die Erlaubnis zu einer Reise in die Wüste erbeten werden, deren Entfernung mit drei Tagesreisen beschrieben wird.
Gerade dieser Unterschied hat immer wieder Fragen ausgelöst. Weshalb wird nicht von Anfang an die vollständige Auswanderung verlangt?
Eine mögliche Erklärung sieht darin eine erste, begrenzte Forderung, an der die Haltung des Pharaos gegenüber dem Gott Israels sichtbar werden soll. Der König erhält damit die Gelegenheit, zumindest die ausdrückliche Bitte um einen religiösen Dienst außerhalb Ägyptens anzuerkennen.
Diese Deutung passt zum weiteren Verlauf. Der Pharao wird zunächst nicht einmal diese Forderung erfüllen wollen. Seine Weigerung macht sichtbar, dass er den Anspruch des Gottes Israels auf sein Volk nicht anerkennt.
Allerdings erklärt Vers 18 nicht ausdrücklich, dass Gott die drei Tagesreisen als politischen Test angeordnet habe. Ebenso wenig wird berichtet, Mose solle dem Pharao eine Rückkehr versprechen, die in Wahrheit gar nicht beabsichtigt sei.
Der Text nennt eine konkrete Forderung nach einer Reise in die Wüste und dem dortigen Opferdienst. Über die Frage, welche weiteren Verhandlungen sich daraus hätten entwickeln können, wenn der Pharao sofort zugestimmt hätte, gibt er keine sichere Auskunft.
Deshalb sollten wir weder eine bewusste Täuschung noch eine vollständig ausgearbeitete diplomatische Strategie als ausdrückliche Aussage dieses Verses darstellen.
Auch die genaue Entfernung bleibt offen. Drei Tagesreisen beschreiben einen Reisezeitraum, legen aber keinen eindeutig bestimmbaren geografischen Zielpunkt fest. Wie weit eine Gruppe in drei Tagen gelangen konnte, hing unter anderem vom Gelände, der Größe der Reisegesellschaft und den mitgeführten Tieren ab.
Der Text nennt hier keinen bestimmten Opferplatz. Die Forderung ist deshalb vor allem durch ihren religiösen Zweck bestimmt.
Weshalb soll Israel in der Wüste opfern?
Der Pharao soll den Israeliten erlauben, außerhalb Ägyptens Opfer für ihren Gott darzubringen.
Diese Bitte macht deutlich, dass die Beziehung Israels zu Gott einen Anspruch auf ihren tatsächlichen Lebensvollzug erhebt. Die Menschen sollen nicht nur innerlich an ihren Gott denken dürfen. Sie sollen ihm auch durch eine gemeinsame Handlung dienen können.
Opferhandlungen waren im alten Vorderen Orient ein wesentlicher Bestandteil religiösen Lebens. Auch im ersten Mosebuch begegnen bereits Menschen, die Gott Altäre errichten und ihm Opfer darbringen.
Zu diesem Zeitpunkt ist die ausführliche Opferordnung, die später am Sinai gegeben wird, jedoch noch nicht offenbart. Deshalb dürfen wir aus der Forderung in Vers 18 nicht bereits alle späteren Einzelheiten des israelitischen Opferdienstes ableiten.
Gott nennt hier weder die genaue Anzahl der Opfer noch die Art der Tiere oder den vollständigen Ablauf der beabsichtigten Feier.
Der zentrale Gedanke ist vielmehr, dass Israel seinem Gott außerhalb der unmittelbaren ägyptischen Herrschaft dienen soll.
Darin liegt ein Anspruch, der für den Pharao weitreichende Folgen besitzt. Wenn die Israeliten dem HERRN gehören und seiner Weisung folgen sollen, kann der ägyptische König nicht uneingeschränkt über ihre Zeit, ihre Arbeit und ihre religiösen Verpflichtungen bestimmen.
Damit berührt die scheinbar begrenzte Bitte bereits die grundlegende Frage, wem dieses Volk letztlich verpflichtet ist.
Der Pharao betrachtet die Israeliten als Arbeitskräfte, über die er verfügen kann. Gottes Botschaft macht dagegen deutlich, dass ihre Beziehung zu ihm eine höhere Bedeutung besitzt als die Forderungen der ägyptischen Herrschaft.
Diese Spannung wird in den folgenden Kapiteln offen hervortreten. Die Auseinandersetzung betrifft nicht nur die Frage, ob ein Volk für einige Tage seine Arbeit unterbrechen darf. Sie führt schließlich zur grundsätzlichen Entscheidung, ob der Pharao den Anspruch des Gottes Israels anerkennen wird.
Eine Botschaft, die zwei unterschiedliche Reaktionen hervorruft
In diesen drei Versen legt Gott die ersten Schritte seiner Sendung sorgfältig fest. Mose soll die Ältesten versammeln, ihnen Gottes Botschaft überbringen und anschließend gemeinsam mit ihnen vor den König treten.
Dabei werden zwei sehr unterschiedliche Zuhörergruppen angesprochen. Die Ältesten Israels erhalten eine Botschaft der Hoffnung, die an die Verheißungen ihrer Vorfahren anknüpft. Der Pharao wird dagegen mit einer Forderung konfrontiert, die seiner bisherigen Herrschaft über Israel eine Grenze setzt.
Damit bereitet Gott zwei Begegnungen vor, die für den weiteren Verlauf entscheidend werden. Die erste soll Israel auf die bevorstehende Befreiung ausrichten. Die zweite führt die göttliche Forderung unmittelbar in das politische Machtzentrum Ägyptens.
Für Mose bedeutet dies, dass seine Aufgabe nun konkrete Gestalt annimmt. Er weiß, zu wem er zuerst gehen, welche Worte er sprechen und welchen nächsten Schritt er gemeinsam mit den Vertretern des Volkes unternehmen soll.
Doch ein entscheidendes Hindernis bleibt bestehen. Der Pharao besitzt die Macht, der Forderung entgegenzutreten, und hat bisher keinen Anlass erkennen lassen, Israel freiwillig ziehen zu lassen.
Gerade darauf geht Gott nun ein. In den folgenden Versen kündigt er an, wie der ägyptische König reagieren wird und weshalb dessen Widerstand die Befreiung Israels letztlich nicht verhindern kann.
2. Mose 3,19–22
Gott kündigt Widerstand und Befreiung an
Noch bevor Mose nach Ägypten zurückkehrt, erklärt Gott ihm, dass der bevorstehende Auftrag auf erheblichen Widerstand stoßen wird. Der Pharao wird die Israeliten nicht freiwillig ziehen lassen. Doch seine Weigerung wird Gottes Vorhaben nicht verhindern. Gott kündigt an, selbst einzugreifen und durch außergewöhnliche Machttaten die Befreiung seines Volkes herbeizuführen.
Dabei offenbart er Mose nicht nur die Schwierigkeiten, die vor ihm liegen. Er beschreibt auch das Ergebnis der kommenden Auseinandersetzung. Israel wird Ägypten verlassen, und die Menschen werden nicht mit leeren Händen fortziehen müssen. Gott verspricht, ihnen Gunst bei den Ägyptern zu verschaffen, sodass sie Silber, Gold und Kleidung erhalten.
Damit endet das Kapitel mit einer bemerkenswerten Gewissheit. Mose kennt noch nicht den genauen Verlauf der kommenden Ereignisse. Er weiß weder, wie lange der Pharao Widerstand leisten wird, noch welche einzelnen Wunder geschehen werden. Doch Gott macht ihm deutlich, dass die Macht Ägyptens der Erfüllung seiner Verheißungen letztlich nicht im Wege stehen wird.
Gott kennt den Widerstand des Pharaos
In Vers 19 erklärt Gott ausdrücklich, dass der König von Ägypten die Israeliten nicht ziehen lassen wird, solange er nicht durch eine starke Hand dazu gezwungen wird.
Diese Aussage ist für Moses bevorstehende Aufgabe von großer Bedeutung. Gott verschweigt ihm nicht, dass seine Botschaft zunächst auf Ablehnung stoßen wird. Mose soll nicht mit der Erwartung nach Ägypten zurückkehren, der Pharao werde der Bitte um eine Reise in die Wüste ohne Weiteres zustimmen.
Der Widerstand des Königs ist angesichts der bisherigen Geschichte nachvollziehbar. Die ägyptische Herrschaft nutzt die Israeliten seit langer Zeit als Arbeitskräfte. Sie werden zum Bau von Vorratsstädten und zu schweren Arbeiten gezwungen. Ihre Unterdrückung dient damit den Interessen des ägyptischen Machtapparates.
Die Freilassung dieses Volkes würde bestehende wirtschaftliche und politische Verhältnisse verändern. Zugleich müsste der Pharao anerkennen, dass seine Herrschaft über die Israeliten nicht unbegrenzt ist.
Damit betrifft Moses Botschaft mehr als die Erlaubnis zu einer religiösen Handlung. Bereits die Aufforderung, Israel zum Gottesdienst in die Wüste ziehen zu lassen, stellt den Anspruch des ägyptischen Königs auf uneingeschränkte Verfügung über das Volk infrage.
Allerdings nennt Gott in Vers 19 noch nicht sämtliche persönlichen Beweggründe des Pharaos. Wir erfahren hier nicht, welche Überlegungen der König bei Moses erster Ankunft anstellen wird oder wie er seine Entscheidung gegenüber seinen Beamten begründet. Diese Einzelheiten werden erst im weiteren Verlauf der Erzählung sichtbar.
Fest steht zunächst, dass Gott die bevorstehende Verweigerung kennt und Mose darauf vorbereitet.
Bedeutet Gottes Vorherwissen, dass der Pharao keine eigene Entscheidung trifft?
Aus Gottes Ankündigung ergibt sich eine wichtige Frage: Wenn Gott bereits weiß, dass der Pharao Israel nicht ziehen lassen wird, bedeutet das, dass der König keine wirkliche Verantwortung für seine Entscheidung trägt?
Der unmittelbare Vers beantwortet diese umfassende Frage noch nicht. Er erklärt zunächst Gottes Wissen über die kommende Reaktion. Eine ausdrückliche Aussage, Gott zwinge den Pharao bereits an dieser Stelle zu seiner Weigerung, enthält er nicht.
Der weitere Verlauf des zweiten Mosebuches zeigt, dass die Frage nach dem menschlichen Willen und Gottes Handeln sorgfältig untersucht werden muss. In den folgenden Kapiteln begegnen unterschiedliche Aussagen über das Herz des Pharaos. Manchmal wird berichtet, dass der Pharao sein Herz selbst verhärtet oder verhärtet bleibt. An anderen Stellen heißt es ausdrücklich, dass Gott sein Herz verhärtet.
Diese Formulierungen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Der biblische Bericht verwendet beide und verlangt deshalb eine Erklärung, die beide Seiten ernst nimmt.
Eine verbreitete Auslegung versteht die göttliche Verhärtung als Gericht über einen Herrscher, der sich Gottes Wort wiederholt widersetzt. Andere Ausleger betonen stärker, dass Gott selbst wirksam in die Entwicklung eingreift und der Widerstand des Königs innerhalb seines souveränen Handelns steht.
Welche Bedeutung die einzelnen Formulierungen besitzen und wie sie miteinander zusammenhängen, muss anhand ihres jeweiligen Zusammenhangs geprüft werden. Besonders 2. Mose 4,21; 7,3; 8,11; 9,12 und 10,1 werden dafür wichtig sein.
Für unseren gegenwärtigen Abschnitt ist zunächst eine engere Aussage gesichert: Gott kennt den kommenden Widerstand des Pharaos und kündigt an, dass er ihn überwinden wird. Die vollständige Frage nach Gottes Handeln und menschlicher Verantwortung wird hier noch nicht abschließend erklärt.
Was bedeutet die „starke Hand“?
Die Schlachter 1951 übersetzt Vers 19 so, dass der Pharao Israel nicht ziehen lassen wird, wenn er nicht durch eine starke Hand gezwungen wird.
Im hebräischen Text steht die Wendung bejad chasaqah. Sie bedeutet „durch eine starke Hand“ oder „mit mächtiger Hand“.
Die Hand ist in der biblischen Sprache ein häufiges Bild für Macht und Handlungsfähigkeit. Wer etwas in seiner Hand hat, besitzt darüber eine gewisse Verfügung. Eine starke Hand beschreibt entsprechend die Fähigkeit, etwas mit Nachdruck durchzusetzen.
Gerade innerhalb der Auszugsgeschichte wird dieses Bild von besonderer Bedeutung. Gottes Hand steht wiederholt für seine Macht, durch die er sein Volk aus Ägypten befreit. So wird später ausdrücklich daran erinnert, dass der HERR Israel mit starker Hand aus dem Haus der Knechtschaft geführt hat (2. Mose 13,3).
Allerdings enthält der hebräische Wortlaut von Vers 19 eine sprachliche Schwierigkeit. Vor der Wendung „durch eine starke Hand“ steht eine Verneinung. Deshalb ist umstritten, wie der letzte Teil des Satzes genau mit dem vorherigen Gedanken verbunden werden muss.
Eine verbreitete Auslegung versteht die Aussage im Sinne der Schlachter 1951: Der Pharao wird Israel nicht freigeben, außer wenn eine starke Hand ihn dazu zwingt.
Eine andere Deutung nimmt die Verneinung stärker in ihrer unmittelbaren Form auf und versteht den Satz so, dass der Pharao zunächst nicht einmal unter starkem Druck nachgeben wird. Erst die Gesamtheit der anschließend angekündigten Wundertaten führt dann zur Freilassung.
Beide Auslegungen versuchen, den hebräischen Wortlaut mit der folgenden Aussage in Vers 20 zu verbinden. Der Unterschied betrifft vor allem die genaue sprachliche Beziehung zwischen den beiden Versen.
Für den weiteren Verlauf ist entscheidend, dass der Pharao sich nicht durch eine gewöhnliche Aufforderung überzeugen lassen wird. Erst Gottes machtvolles Eingreifen wird die Verhältnisse verändern.
Die unterschiedliche Übersetzung sollte deshalb nicht übergangen werden. Zugleich müssen wir aus ihr keinen größeren Gegensatz konstruieren, als der Zusammenhang tatsächlich enthält. Beide Deutungen rechnen mit erheblichem Widerstand und Gottes entscheidendem Handeln.
„Ich werde meine Hand ausstrecken“
In Vers 20 erklärt Gott, wie er auf die Verweigerung des Pharaos reagieren wird. Er kündigt an, seine Hand auszustrecken und Ägypten mit seinen Wundertaten zu schlagen.
Das Bild der ausgestreckten Hand verstärkt die Aussage über Gottes Macht. Es beschreibt nicht eine gewöhnliche körperliche Bewegung, die Mose sehen müsste. Vielmehr verwendet Gott eine anschauliche Ausdrucksweise für sein wirksames Eingreifen in die Geschichte.
Die Formulierung begegnet später wiederholt innerhalb der Auszugserzählung. In 2. Mose 7,5 kündigt Gott an, dass die Ägypter erkennen werden, dass er der HERR ist, wenn er seine Hand über Ägypten ausstreckt und die Israeliten herausführt.
Damit erhält die kommende Auseinandersetzung eine zusätzliche Bedeutung. Es geht nicht nur darum, dass der Pharao seine bisherige Entscheidung ändern muss. Gottes Handeln soll auch offenbaren, wer tatsächlich die Macht besitzt, Israel zu befreien.
Der ägyptische König erscheint zunächst als derjenige, der über die Lebensverhältnisse des Volkes bestimmt. Er verfügt über politische Macht, Beamte und Arbeitskräfte. Doch Gott kündigt an, dass die Herrschaft des Pharaos seinem Willen nicht endgültig entgegenstehen kann.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Gottes überlegene Macht bedeutet nicht, dass die folgenden Ereignisse ohne menschliche Beteiligung ablaufen werden. Mose wird als sein Gesandter auftreten, Aaron wird später hinzukommen, und beide werden bestimmte Handlungen im Auftrag Gottes ausführen.
Trotzdem bleibt der entscheidende Ursprung der Befreiung bei Gott. Die Wunder sind nicht als selbstständige Leistungen Moses oder Aarons dargestellt. Sie geschehen aufgrund der göttlichen Macht, in deren Auftrag die beiden handeln.
Warum kündigt Gott an, Ägypten zu schlagen?
Die Ankündigung, Ägypten mit Wundertaten zu schlagen, bereitet die späteren Plagen vor.
Das deutsche Wort „Wunder“ kann zunächst an außergewöhnliche oder erstaunliche Ereignisse denken lassen. Im vorliegenden Zusammenhang geht es jedoch um mehr als ungewöhnliche Erscheinungen, die menschliches Staunen hervorrufen.
Die angekündigten Taten besitzen eine gerichtliche Bedeutung. Sie richten sich gegen ein Herrschaftssystem, das Gottes Volk unterdrückt und sich seiner Freilassung widersetzt.
Dabei wird der Pharao nicht nur mit Worten konfrontiert. Gott kündigt Ereignisse an, die seine Macht und die Sicherheit Ägyptens unmittelbar berühren werden.
Die einzelnen Plagen werden später ausführlich beschrieben. Das Wasser des Nils wird zu Blut, Frösche und andere Plagen treffen das Land, und schließlich wird die Tötung der Erstgeborenen zum letzten schweren Gericht über Ägypten führen.
An dieser Stelle nennt Gott die einzelnen Ereignisse jedoch noch nicht. Er spricht zusammenfassend von allen Wundertaten, die er in Ägypten ausführen wird.
Deshalb sollten wir nicht behaupten, Mose habe bereits am Dornbusch den vollständigen Ablauf sämtlicher Plagen kennengelernt. Die konkrete Offenbarung wird schrittweise erfolgen.
Eine wichtige Verbindung besteht zu 2. Mose 12,12. Dort erklärt Gott später ausdrücklich, dass er Gericht über alle Götter Ägyptens halten wird.
Damit erhält die Auseinandersetzung eine religiöse Dimension. Die Macht Ägyptens ist nicht von seinen Vorstellungen über die Götter und die göttliche Stellung des Königs zu trennen. Gottes Handeln stellt auch diese religiöse Ordnung infrage.
Allerdings lässt sich daraus nicht automatisch ableiten, dass jede einzelne Plage genau einem bestimmten ägyptischen Gott zugeordnet werden muss. Solche Vergleiche können historische Hintergründe erhellen, doch die Bibel liefert keine vollständige Liste, in der jeder Plage ein einzelner ägyptischer Gott zugewiesen wird.
Die gesicherte Aussage lautet deshalb: Gott kündigt Gericht über Ägypten an, um den Widerstand gegen die Befreiung seines Volkes zu überwinden. Die späteren Kapitel zeigen zugleich, dass dieses Gericht auch die religiösen Machtansprüche Ägyptens betrifft.
Gottes Wunder und die Verantwortung des Pharaos
Die angekündigten Wundertaten führen zu einer weiteren Frage. Weshalb muss Gott Ägypten wiederholt schlagen, anstatt die Israeliten unmittelbar aus dem Land herauszuführen?
Der Bibeltext erklärt an dieser Stelle nicht sämtliche Gründe für die gewählte Abfolge. Er sagt jedoch ausdrücklich, dass der Pharao Israel nicht freiwillig ziehen lassen wird.
Damit stehen die kommenden Gerichte in unmittelbarem Zusammenhang mit seinem Widerstand. Gott fordert die Freilassung seines Volkes, doch der König verweigert sie.
Die späteren Berichte zeigen, dass der Pharao mehrfach auf die Plagen reagiert. Zeitweise verspricht er Zugeständnisse, die er anschließend wieder zurücknimmt. Dadurch entfaltet die Erzählung die Auseinandersetzung zwischen Gottes Forderung und dem fortgesetzten Widerstand des ägyptischen Königs.
Wichtig ist, dass die Bibel die Plagen nicht als bedeutungslose Machtdemonstrationen beschreibt. Sie stehen im Zusammenhang mit der Unterdrückung Israels, der Weigerung des Pharaos und der Offenbarung Gottes.
Gleichzeitig dürfen wir die Leiden der ägyptischen Bevölkerung nicht einfach übergehen. Die angekündigten Gerichte werden schwere Folgen für das gesamte Land besitzen. Gerade deshalb müssen sie in den folgenden Kapiteln sorgfältig betrachtet werden, ohne ihre Härte zu verharmlosen oder zusätzliche Einzelheiten zu erfinden.
Der Text stellt Gottes Handeln als Gericht und Befreiung dar. Wie sich diese beiden Seiten in den einzelnen Ereignissen zeigen, gehört zu den wichtigen Fragen der weiteren Auslegung.
„Danach wird er euch ziehen lassen“
Am Ende von Vers 20 steht eine klare Zusage: Nach Gottes Eingreifen wird der Pharao die Israeliten ziehen lassen.
Diese Aussage verleiht dem bevorstehenden Auftrag seine besondere Gewissheit. Gott kündigt nicht nur einen schwierigen Kampf an, dessen Ausgang offenbleibt. Er nennt Mose bereits das Ergebnis.
Dabei ist bemerkenswert, dass die Entscheidung des Pharaos schließlich tatsächlich eine Veränderung erfahren wird. Der Herrscher, der die Freilassung zunächst verweigert, wird das Volk später zum Aufbruch auffordern.
In 2. Mose 12,31–32 lässt der Pharao Mose und Aaron nach der letzten Plage rufen und befiehlt ihnen, mit den Israeliten aus seinem Volk fortzuziehen. Damit erfüllt sich die Ankündigung, dass er sie schließlich ziehen lassen wird.
Allerdings wird der spätere Verlauf noch eine weitere Schwierigkeit offenbaren. Nach dem Auszug ändert der Pharao erneut seine Haltung und verfolgt die Israeliten mit seinem Heer (2. Mose 14,5–9).
Deshalb darf die Aussage von Vers 20 nicht so verstanden werden, als werde der König nach den Plagen dauerhaft zu einem gehorsamen Diener Gottes oder als sei jede weitere Bedrohung durch Ägypten ausgeschlossen.
Die Verheißung bezieht sich zunächst auf die tatsächliche Freilassung des Volkes. Die endgültige Befreiung von der ägyptischen Verfolgung wird erst beim Durchzug durch das Meer sichtbar.
Diese Unterscheidung hilft, Gottes Ankündigung genau zu verstehen. Er verspricht Mose die Freigabe Israels, ohne damit zu behaupten, dass auf dem anschließenden Weg keinerlei Gefahr mehr entstehen wird.
Israel soll Ägypten nicht mit leeren Händen verlassen
Nach der Ankündigung der Befreiung folgt in Vers 21 eine weitere Verheißung. Gott wird seinem Volk Gunst bei den Ägyptern verschaffen, sodass die Israeliten das Land nicht mit leeren Händen verlassen müssen.
Diese Aussage überrascht zunächst. Das Volk leidet unter der Herrschaft Ägyptens, und Gott hat schwere Gerichte über das Land angekündigt. Dennoch sollen die Israeliten beim Auszug nicht ausschließlich auf Ablehnung stoßen.
Vielmehr werden Ägypter bereit sein, ihnen wertvolle Gegenstände zu überlassen.
Die Zusage macht deutlich, dass die Beziehung zwischen den Israeliten und der ägyptischen Bevölkerung nicht auf eine einzige Haltung reduziert werden darf. Die Unterdrückung wird durch die ägyptische Herrschaft ausgeübt und von den Verantwortlichen durchgesetzt. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder einzelne Ägypter den Israeliten in gleicher Weise feindlich gegenübersteht.
Bereits die Geschichte Moses hatte gezeigt, dass eine Angehörige des ägyptischen Königshauses einem hebräischen Kind mit Erbarmen begegnen konnte. Nun kündigt Gott an, dass auch andere Ägypter den Israeliten Gunst erweisen werden.
Diese Beobachtung ist wichtig, weil sie eine undifferenzierte Verurteilung eines ganzen Volkes verhindert. Die Bibel beschreibt das Gericht über Ägypten, zeigt aber zugleich einzelne Ägypter, die anders handeln als die unterdrückende Staatsmacht.
Das Wort für Gunst bezeichnet hier eine wohlwollende Haltung, durch die den Israeliten ihre Bitten gewährt werden können. Der spätere Bericht in 2. Mose 11,3 und 12,36 bestätigt ausdrücklich, dass Gott seinem Volk diese Gunst bei den Ägyptern verschaffte.
Die Israeliten werden somit nicht allein durch die Überwindung des politischen Widerstandes befreit. Sie erhalten auch materielle Mittel, die für ihren weiteren Weg von Bedeutung sein können.
Eine alte Verheißung an Abraham erfüllt sich
Besonders aufschlussreich ist die Verbindung zu 1. Mose 15.
Dort hatte Gott Abraham angekündigt, dass seine Nachkommen als Fremde in einem anderen Land leben und dort bedrückt werden würden. Zugleich versprach er, das Volk zu richten, dem sie dienen müssten, und ihre Nachkommen anschließend mit großem Besitz herauszuführen (1. Mose 15,13–14).
Diese Worte besitzen eine bemerkenswerte Nähe zu Gottes Ankündigung am Dornbusch.
Abraham hatte von einer zukünftigen Bedrängnis seiner Nachkommen erfahren. Nun sind diese Nachkommen tatsächlich zu einem großen Volk geworden, das unter einer fremden Herrschaft leidet.
Gott hatte außerdem angekündigt, das unterdrückende Volk zu richten. In 2. Mose 3 erklärt er nun, dass er Ägypten mit seinen Wundertaten schlagen wird.
Schließlich hatte er versprochen, dass die Nachkommen Abrahams mit großem Besitz herauskommen würden. Genau diesen Gedanken greift die Zusage auf, dass Israel Ägypten nicht mit leeren Händen verlassen soll.
Damit steht auch dieser Teil der Befreiung innerhalb einer viel älteren Verheißung.
Die später erhaltenen Gegenstände sind deshalb in der Erzählung nicht bloß eine unerwartete Begleiterscheinung des Auszugs. Sie gehören zu dem, was Gott Abraham bereits über die Zukunft seiner Nachkommen angekündigt hatte.
Darin zeigt sich erneut, dass die Geschichte Israels nicht erst mit Moses Berufung beginnt. Der Auszug wird als Erfüllung eines Vorhabens dargestellt, das Gott schon den früheren Generationen offenbart hatte.
Die Frauen sollen Silber, Gold und Kleidung erbitten
Vers 22 beschreibt genauer, wie die Israeliten diese Gegenstände erhalten werden. Die Frauen sollen ihre Nachbarinnen und die Frauen, mit denen sie in einer Hausgemeinschaft verbunden sind, um silberne und goldene Gegenstände sowie um Kleidung bitten.
Der hebräische Text verwendet für die Bitte das Verb scha'al. Es bedeutet zunächst „fragen“, „erbitten“ oder „verlangen“. Je nach Zusammenhang kann es auch beim Ausleihen von Gegenständen verwendet werden.
Im vorliegenden Vers steht jedoch nicht ausdrücklich, dass die Israelitinnen eine spätere Rückgabe versprechen sollen.
Diese sprachliche Einzelheit ist wichtig, weil der Abschnitt häufig mit der Frage verbunden wurde, ob die Israeliten die Ägypter getäuscht hätten.
Manche älteren Übersetzungen verwenden an entsprechenden Stellen ein Wort, das im heutigen Sprachgebrauch unmittelbar an das vorübergehende Ausleihen denken lässt. Dadurch kann der Eindruck entstehen, die Israeliten hätten Gegenstände unter dem Vorwand einer späteren Rückgabe erhalten.
Der hebräische Wortlaut verlangt eine solche Deutung jedoch nicht. Er beschreibt zunächst eine Bitte um Gegenstände.
Auch der spätere Bericht in 2. Mose 12,35–36 erklärt nicht, dass die Israeliten ausdrücklich versprochen hätten, das Silber, Gold und die Kleidung später wieder zurückzubringen.
Stattdessen wird berichtet, dass Gott ihnen Gunst bei den Ägyptern verschaffte und diese ihnen die erbetenen Dinge überließen.
Eine absichtliche Täuschung lässt sich deshalb aus dem verwendeten Verb allein nicht beweisen.
Dabei ist ebenso wichtig, den Vorgang nicht zu verharmlosen. Die Bibel spricht nicht bloß von einigen belanglosen Geschenken. Sie verwendet ausdrücklich eine Sprache, die mit dem Herausnehmen wertvollen Besitzes aus Ägypten verbunden ist.
Beide Beobachtungen müssen deshalb zusammengehalten werden: Die Israeliten erbitten die Gegenstände, und der biblische Erzähler beschreibt das Ergebnis zugleich als eine Beraubung beziehungsweise Ausplünderung Ägyptens.
Was bedeutet es, Ägypten zu berauben?
Die Schlachter 1951 beendet Vers 22 mit der Aussage, dass die Israeliten Ägypten berauben werden.
Das hebräische Verb gehört zu einer Wortfamilie, die häufig Rettung oder Herausziehen aus einer Gefahr bezeichnet. In der hier verwendeten Form kann es jedoch bedeuten, jemanden seiner Habe zu entledigen oder auszuplündern.
Deshalb geben viele Übersetzungen die letzte Aussage mit „Ägypten ausplündern“ wieder.
Diese Formulierung erinnert an die Sprache militärischer Siege. Ein besiegter Gegner verliert wertvolle Gegenstände, die anschließend den Siegern zufallen.
Doch der unmittelbare Zusammenhang beschreibt keine bewaffnete Plünderung durch israelitische Soldaten. Gott spricht vielmehr davon, dass die Israelitinnen bei ihren Nachbarinnen Gegenstände erbitten sollen und dass sein Volk dabei Gunst erfahren wird.
Die spätere Erfüllung bestätigt diesen Zusammenhang. In 2. Mose 12,36 heißt es ausdrücklich, dass die Ägypter den Israeliten die erbetenen Dinge überließen. Der Text berichtet an dieser Stelle nicht, dass die Israeliten Häuser gewaltsam durchsuchten oder Gegenstände gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Besitzer an sich rissen.
Damit entsteht eine besondere Umkehrung der bisherigen Machtverhältnisse. Ein Volk, das über Generationen unterdrückt wurde, verlässt Ägypten schließlich mit wertvollen Gütern aus dem Besitz der bisherigen Herrschaftsgesellschaft.
Die Sprache der Ausplünderung unterstreicht, dass Ägypten im Zusammenhang der Befreiung einen Verlust erleidet. Der Vorgang besitzt deshalb auch eine gerichtliche Dimension.
Sind die Gegenstände eine Entschädigung für die Zwangsarbeit?
Eine verbreitete Auslegung versteht das Silber, Gold und die Kleidung als eine Form der Entschädigung für die schwere Arbeit, die Israel über lange Zeit in Ägypten leisten musste.
Diese Deutung ist angesichts des Zusammenhangs nachvollziehbar. Die Israeliten haben über Generationen unter Zwang gearbeitet. Nun erhalten sie beim Auszug Güter aus dem Besitz der Ägypter.
Auch eine spätere Bestimmung des mosaischen Gesetzes bietet eine interessante Parallele. In 5. Mose 15,12–15 wird angeordnet, dass ein freigelassener hebräischer Knecht nicht mit leeren Händen entlassen werden soll. Sein Herr soll ihn vielmehr großzügig mit Gütern aus seiner Herde, seiner Tenne und seiner Kelter ausstatten.
Als Begründung wird ausdrücklich daran erinnert, dass Israel selbst ein Knecht in Ägypten gewesen war und vom HERRN erlöst wurde.
Damit verbindet die Bibel die Erinnerung an die Befreiung aus der Knechtschaft mit einer sozialen Verpflichtung gegenüber Menschen, die aus einem Abhängigkeitsverhältnis entlassen werden.
Diese Verbindung unterstützt den Gedanken, dass Freiheit nicht nur die Aufhebung einer persönlichen Abhängigkeit betrifft. Sie soll auch die Möglichkeit eröffnen, unter neuen Bedingungen leben zu können.
Dennoch müssen wir die Aussagegrenzen beachten. 2. Mose 3,22 bezeichnet die erbetenen Gegenstände nicht ausdrücklich als nachträglich ausgezahlten Arbeitslohn. Es wird auch keine Berechnung vorgenommen, wie viel die Israeliten aufgrund ihrer früheren Arbeit rechtlich zu beanspruchen hätten.
Eine Deutung als Ausgleich für erlittenes Unrecht ist deshalb gut begründbar, aber nicht mit einer ausdrücklich formulierten Lohnabrechnung gleichzusetzen.
Die sichere Aussage bleibt, dass Gott seinem Volk zusagt, es nicht mittellos aus Ägypten herauszuführen und damit zugleich die frühere Verheißung an Abraham zu erfüllen.
Weshalb werden die Söhne und Töchter erwähnt?
Ein besonderes Detail begegnet am Ende von Vers 22. Die erhaltenen Gegenstände und Kleidungsstücke sollen den Söhnen und Töchtern angelegt beziehungsweise übergeben werden.
Damit rückt die Erzählung die Familien Israels in den Blick.
Die bevorstehende Befreiung betrifft nicht nur erwachsene Männer, die bisher zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. Auch Frauen, Kinder und die kommenden Generationen gehören zu dem Volk, das Ägypten verlassen soll.
Dass die Gegenstände ausdrücklich den Söhnen und Töchtern zugeordnet werden, lässt die Veränderung der Lebensverhältnisse besonders anschaulich werden. Die Kinder eines unterdrückten Volkes sollen beim Auszug nicht ausschließlich die Zeichen ihrer bisherigen Armut und Unfreiheit mit sich tragen.
Die Erwähnung von Kleidung und wertvollen Gegenständen macht sichtbar, dass sie an der neuen Lebenssituation ihrer Familien teilhaben.
Dabei sollten wir nicht behaupten, jedes Kind werde eine genau bestimmte Menge Gold oder Silber erhalten. Der Text nennt weder Einzelmengen noch eine feste Verteilung innerhalb der Familien.
Die Aussage beschreibt vielmehr die Fülle der erhaltenen Gegenstände und ihre Verwendung innerhalb des Volkes.
Auch die besondere Rolle der Frauen verdient Beachtung. Sie erscheinen hier nicht als unbeteiligte Begleiterinnen eines ausschließlich von Männern getragenen Auszugs. Gott nennt sie ausdrücklich als diejenigen, die die Gegenstände erbitten sollen.
Später wird 2. Mose 11,2 die entsprechende Aufforderung an Männer und Frauen richten. Die Vorbereitung der Befreiung umfasst damit die Gemeinschaft in ihrer ganzen Breite.
Was verrät die Erwähnung der Nachbarinnen über das Leben in Ägypten?
Eine weitere Einzelheit liegt in der Beschreibung der Frauen, an die sich die Israelitinnen wenden sollen.
Der Text nennt Nachbarinnen und Frauen, die innerhalb einer Hausgemeinschaft wohnen beziehungsweise sich dort aufhalten.
Diese Formulierung lässt erkennen, dass zwischen Israeliten und Ägyptern persönliche Beziehungen im unmittelbaren Lebensumfeld bestanden haben konnten. Obwohl die Israeliten als Volk unterdrückt wurden, lebten sie offenbar nicht in jeder Hinsicht vollständig getrennt von der ägyptischen Bevölkerung.
Allerdings sollten wir daraus keine zu genaue Beschreibung ihrer gesamten Siedlungsstruktur ableiten.
Bereits im ersten Mosebuch hatte Joseph seine Familie im Gebiet Gosen angesiedelt. Später wird dieses Gebiet weiterhin mit dem Aufenthalt Israels verbunden. Daneben gibt es Hinweise auf Kontakte und räumliche Nähe zwischen Israeliten und Ägyptern.
Wie die Wohnverhältnisse im Einzelnen organisiert waren, lässt sich aus Vers 22 jedoch nicht vollständig rekonstruieren.
Besonders die hebräische Bezeichnung der zweiten Frauengruppe ist nicht ganz einfach. Sie kann auf eine Frau hinweisen, die in einem Haus wohnt oder sich dort vorübergehend aufhält. Die genaue soziale Beziehung zur israelitischen Frau wird nicht ausführlich erklärt.
Die wichtigste Beobachtung lautet deshalb, dass die Israelitinnen sich mit ihrer Bitte an Frauen wenden sollen, zu denen eine räumliche oder häusliche Beziehung besteht.
Gottes angekündigte Gunst wird somit nicht nur in einer offiziellen politischen Entscheidung sichtbar. Sie wirkt sich auch auf das Verhalten einzelner Menschen innerhalb ihres unmittelbaren Lebensumfeldes aus.
Gottes Verheißung und ihre spätere Erfüllung
Die letzten Verse von 2. Mose 3 besitzen einen wichtigen Aufbau. Gott kündigt zunächst den Widerstand des Pharaos an. Danach beschreibt er sein machtvolles Eingreifen und schließlich den Auszug Israels mit wertvollen Gegenständen.
Im weiteren Verlauf des zweiten Mosebuches werden diese Ankündigungen schrittweise erfüllt.
Der Pharao verweigert zunächst die Freilassung des Volkes. Gott lässt durch Mose und Aaron seine Worte überbringen und vollzieht die angekündigten Gerichte. Schließlich muss der ägyptische König die Israeliten ziehen lassen.
Kurz vor dem Auszug erhalten die Israeliten die Anweisung, silberne und goldene Gegenstände von den Ägyptern zu erbitten (2. Mose 11,2–3). In 2. Mose 12,35–36 wird ausdrücklich berichtet, dass sie dieser Anweisung folgen und die erbetenen Dinge erhalten.
Dadurch entsteht eine enge Verbindung zwischen Gottes Worten am Dornbusch und ihrer späteren geschichtlichen Erfüllung.
Für Mose besitzt diese Verbindung eine besondere Bedeutung. Er erhält die Ankündigung zu einem Zeitpunkt, an dem noch nichts von der bevorstehenden Befreiung sichtbar ist. Der Pharao herrscht weiterhin über Ägypten, die Israeliten stehen unter Zwangsarbeit, und Mose befindet sich noch in Midian.
Trotzdem spricht Gott über das kommende Ergebnis mit Gewissheit.
Diese Gewissheit gründet nicht auf einer günstigen politischen Entwicklung. Sie entsteht auch nicht daraus, dass Mose bereits über die notwendigen menschlichen Mittel verfügen würde.
Sie gründet auf Gottes eigener Zusage, sein Volk zu befreien.
Die Befreiung Israels beginnt mit Gottes Entschluss
Am Ende dieses Kapitels lässt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen Moses früherem Handeln und seinem neuen Auftrag erkennen.
Als jüngerer Mann hatte Mose das Leiden seines Volkes gesehen und versucht, gegen das Unrecht einzugreifen. Sein gewaltsames Vorgehen führte jedoch nicht zur Befreiung Israels. Er musste Ägypten verlassen und lebte anschließend viele Jahre in Midian.
Nun wird er erneut mit der Not seines Volkes verbunden. Doch diesmal geht die Initiative ausdrücklich von Gott aus.
Gott bestimmt den Auftrag, offenbart seinen Namen, nennt die ersten Schritte und kündigt bereits den kommenden Widerstand an. Er verspricht außerdem, selbst machtvoll einzugreifen und die Befreiung zu vollenden.
Dabei wird Mose nicht von menschlicher Verantwortung befreit. Er muss zurückkehren, sprechen, handeln und Gottes Anweisungen folgen. Doch seine Aufgabe besteht nicht darin, eine selbst entworfene Rettungsstrategie gegen Ägypten durchzusetzen.
Er soll als Gesandter des Gottes handeln, der Abraham, Isaak und Jakob seine Verheißungen gegeben hat.
Damit schließt sich der große Zusammenhang des dritten Kapitels. Was mit einer unerwarteten Begegnung während Moses gewöhnlicher Hirtenarbeit begann, ist zu einem umfassenden göttlichen Auftrag geworden.
Der Gott, der sich im brennenden Dornbusch offenbarte, hat deutlich gemacht, dass er das Leiden Israels kennt, seinen Bund nicht vergessen hat und die Macht besitzt, seine Zusagen zu erfüllen.
Doch noch steht Mose am Anfang seiner Berufung. Obwohl Gott ihm so viel erklärt hat, sind seine persönlichen Bedenken nicht vollständig überwunden.
Das folgende Kapitel wird zeigen, dass Mose weitere Fragen stellt und sich erneut unsicher fühlt. Gott wird darauf antworten und ihn auf die schwierige Begegnung mit dem Pharao vorbereiten.
Die entscheidende Grundlage ist jedoch bereits gelegt: Israels Befreiung beruht auf Gottes Treue und Macht. Mose wird als sein Bote daran mitwirken, aber Gott selbst bleibt der Urheber der Rettung.
Geistliche Kernbotschaft
Gottes Berufung beginnt nicht bei der Größe menschlicher Fähigkeiten, sondern bei seiner eigenen Treue. Mose steht vor einer Aufgabe, die weit über seine bisherigen Möglichkeiten hinausgeht. Er soll einem mächtigen Herrscher gegenübertreten und ein unterdrücktes Volk in die Freiheit führen. Doch Gott begründet diesen Auftrag nicht mit Moses Ausbildung, seiner Erfahrung oder seiner persönlichen Stärke. Entscheidend ist, dass er selbst Mose sendet und ihm seine Gegenwart zusagt.
Darin zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen menschlichen Plänen und Gottes Handeln. Menschen beurteilen ihre Möglichkeiten häufig danach, welche Mittel ihnen zur Verfügung stehen und welche Hindernisse sie erkennen können. Gott kennt diese Hindernisse ebenfalls. Dennoch ist sein Vorhaben nicht auf das begrenzt, was ein Mensch aus eigener Kraft erreichen könnte. Die Befreiung Israels soll deshalb nicht zum Denkmal eines außergewöhnlichen Anführers werden, sondern Gottes Macht und Bundestreue offenbaren.
Besonders bedeutsam ist, dass Gott seine Absichten aus einer bereits bestehenden Beziehung heraus erklärt. Er stellt sich als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vor und verbindet seine zukünftigen Taten mit seinen früheren Verheißungen. Die lange Unterdrückung Israels hat seinen Bund nicht aufgehoben. Auch der Wechsel menschlicher Generationen konnte seine Zusagen nicht bedeutungslos machen. Was Gott versprochen hat, bleibt für sein weiteres Handeln maßgeblich.
Dabei offenbart Gott seinen Namen nicht als eine geheimnisvolle Formel, durch deren bloße Aussprache Menschen über göttliche Macht verfügen könnten. Er gibt sich als derjenige zu erkennen, dessen Identität Bestand hat und der seine Gegenwart zusagt. Mose soll wissen, mit wem er spricht und in wessen Auftrag er handelt. Gottes Name verweist damit auf seine Wirklichkeit, seine Treue und die Beziehung, die er zu seinem Volk begründet hat.
Eine weitere geistliche Wahrheit liegt in der Verbindung von Gottes Heiligkeit und seiner Zuwendung. Der Gott, vor dem Mose seine Schuhe ausziehen muss, ist zugleich der Gott, der sich den bedrängten Israeliten zuwendet. Seine Heiligkeit bedeutet nicht, dass ihm menschliches Leid gleichgültig wäre. Ebenso wenig hebt seine Barmherzigkeit den Unterschied zwischen Gott und Mensch auf. Die Begegnung am Dornbusch zeigt beides: Gott ist dem Menschen nicht einfach gleichzustellen, doch er bleibt ihm auch nicht unnahbar.
Die angekündigte Befreiung besitzt schließlich ein Ziel, das über das Ende der Zwangsarbeit hinausreicht. Israel soll aus der Herrschaft Ägyptens herausgeführt werden, um seinem Gott zu dienen. Diese Reihenfolge ist wesentlich. Zuerst steht Gottes rettendes Handeln, anschließend die neue Lebensordnung des befreiten Volkes. Der Dienst für Gott ist nicht der Preis, mit dem Israel seine Freiheit erkaufen muss. Er gehört zu der Beziehung, in die Gott sein Volk durch seine Befreiung führen will.
Im größeren Zusammenhang der Bibel weist dieses Muster über den geschichtlichen Auszug hinaus. Auch das Evangelium verkündet eine Rettung, deren Ursprung in Gottes Gnade liegt. Durch Jesus Christus schafft Gott die Grundlage für die Befreiung von Sünde und für ein erneuertes Leben in Gemeinschaft mit ihm. Diese Verbindung macht die Ereignisse am Horeb nicht zu einer bloßen Bildgeschichte. Israels Befreiung bleibt ein wirkliches geschichtliches Handeln Gottes, das innerhalb der gesamten Heilsgeschichte eine weiterführende Bedeutung erhält.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
1. Mose 15,13–14 – Die Befreiung wurde Abraham bereits angekündigt
Lange bevor Mose geboren wurde, erklärte Gott Abraham, dass seine Nachkommen als Fremde in einem anderen Land leben und dort bedrückt werden würden. Zugleich kündigte er an, das Volk zu richten, dem sie dienen müssten, und ihre Nachkommen anschließend mit großem Besitz herauszuführen.
Diese Verheißung bildet einen besonders wichtigen Hintergrund für 2. Mose 3. Die Unterdrückung Israels erscheint dadurch nicht als ein Ereignis, das Gottes ursprünglichen Plan unerwartet zunichtemacht. Bereits Abraham hatte erfahren, dass zwischen der Verheißung des Landes und ihrer späteren Erfüllung eine lange Zeit der Fremdlingschaft liegen würde.
Auffällig ist die Verbindung zwischen den angekündigten Gerichten und dem Auszug mit Besitz. Beide Bestandteile begegnen wieder in Gottes Worten an Mose. Damit wird sichtbar, dass die bevorstehende Befreiung nicht aus einer neuen, von der bisherigen Geschichte unabhängigen Entscheidung entsteht. Sie führt vielmehr eine ältere göttliche Zusage ihrer geschichtlichen Erfüllung entgegen.
Dabei dürfen wir Gottes Vorherwissen nicht mit einer ausdrücklichen Billigung der Unterdrückung verwechseln. Dass Gott Abraham das kommende Leid seiner Nachkommen ankündigte, bedeutet nicht, dass die ägyptischen Unterdrücker dadurch von ihrer Verantwortung befreit wären. Gerade das angekündigte Gericht zeigt, dass ihr Handeln vor Gott nicht bedeutungslos ist.
2. Mose 6,2–8 – Gottes Name wird mit seinem Rettungshandeln verbunden
Nur wenige Kapitel später spricht Gott erneut ausführlich über seinen Namen und seine Verheißungen. In 2. Mose 6 erinnert er Mose daran, dass er den Bund mit Abraham, Isaak und Jakob aufgerichtet hat. Anschließend erklärt er, dass er das Wehklagen Israels gehört habe und sein Volk aus der Knechtschaft herausführen werde.
Diese Verbindung ist für das Verständnis der Namensoffenbarung besonders wichtig. Gottes Name wird nicht von seinen Taten getrennt. Er erklärt, wer er ist, und kündigt zugleich an, was er für Israel tun wird.
In 2. Mose 6,7 wird ausdrücklich beschrieben, dass die Israeliten erkennen sollen, dass der HERR ihr Gott ist, der sie aus der ägyptischen Knechtschaft herausführt. Gotteserkenntnis besitzt hier also nicht nur eine sprachliche oder gedankliche Bedeutung. Das Volk soll durch die bevorstehenden Ereignisse erfahren, dass der Gott seiner Vorfahren tatsächlich handelt.
Zugleich führt 2. Mose 6,3 zu einer wichtigen Auslegungsfrage. Dort wird die Offenbarung des Namens JHWH gegenüber den Erzvätern anders beschrieben als manche Stellen des ersten Mosebuches erwarten lassen. Ob der Unterschied vor allem die Kenntnis der Namensform oder die neue Erfahrung ihrer Bedeutung betrifft, muss im Zusammenhang dieses späteren Kapitels untersucht werden. Die Spannung sollte nicht durch eine vorschnelle Behauptung übergangen werden.
Jesaja 43,10–13 – Gottes einzigartige Identität zeigt sich in seiner Rettungsmacht
Im Buch Jesaja spricht Gott zu Israel über seine einzigartige Stellung gegenüber allen anderen Göttern. Er erklärt, dass es außer ihm keinen Retter gibt und dass niemand seine Hand zurückhalten kann.
Diese Aussagen besitzen eine deutliche Verbindung zur Begegnung am Horeb. Dort offenbart Gott sich Mose als derjenige, der sein Volk tatsächlich aus der Gewalt Ägyptens befreien wird. In Jesaja wird derselbe Grundgedanke innerhalb einer umfassenderen Verkündigung entfaltet: Gottes Identität zeigt sich in seiner Macht, Verheißungen zu erfüllen, zu retten und über die Geschichte zu herrschen.
Besonders bedeutsam ist dabei die Aussage über Gottes Einzigkeit. Der HERR wird nicht als eine Gottheit unter vielen vorgestellt, die lediglich für einen bestimmten Teil der Welt zuständig wäre. Er beansprucht eine Stellung, die keinem anderen Gott zukommt.
Diese Verbindung vertieft die Bedeutung seines Namens, ohne die Formulierung aus 2. Mose 3,14 auf eine einzige sprachliche Erklärung festzulegen. Gottes Selbstoffenbarung umfasst mehr als die Bedeutung einzelner Wörter. Sie entfaltet sich im Zusammenhang seines Handelns, seiner Verheißungen und seiner einzigartigen Herrschaft.
Apostelgeschichte 7,30–36 – Mose wird als zurückgewiesener Befreier von Gott gesandt
Stephanus erinnert in seiner Rede vor dem Hohen Rat ausführlich an die Berufung Moses. Er berichtet von der Erscheinung in der Wüste, von Gottes Worten und von dem Auftrag, Israel aus Ägypten herauszuführen.
Besonders auffällig ist, dass Stephanus diese Berufung mit Moses früherer Ablehnung durch seine Landsleute verbindet. Als Mose versucht hatte, einen Streit zu schlichten, wurde seine Autorität infrage gestellt. Später sendet Gott gerade diesen Mose als Führer und Befreier seines Volkes.
Damit betont Stephanus einen wichtigen Gegensatz zwischen menschlicher Zurückweisung und göttlicher Sendung. Moses frühere Ablehnung bedeutet nicht, dass Gott ihn nicht für eine spätere Aufgabe berufen könnte.
Die Rede verfolgt jedoch noch ein größeres Ziel. Stephanus erinnert daran, dass Gottes Boten innerhalb der Geschichte Israels wiederholt auf Widerstand stießen. Diese Linie führt er schließlich bis zur Ablehnung Jesu Christi weiter.
Daraus entsteht eine heilsgeschichtliche Verbindung zwischen Mose und Christus. Beide besitzen innerhalb ihrer jeweiligen Sendung eine von Gott gegebene Aufgabe, die durch menschliche Zurückweisung nicht bedeutungslos wird. Dennoch bleibt ihre Stellung verschieden. Mose ist ein berufener menschlicher Befreier, während das Neue Testament Jesus als den Sohn Gottes und den entscheidenden Mittler des Heils bezeugt.
Johannes 8,58 – Jesu Worte im Licht der göttlichen Selbstoffenbarung
Im Johannesevangelium erklärt Jesus, dass er bereits vor Abraham existiert. Seine Aussage besitzt innerhalb des Gesprächs eine außergewöhnliche Bedeutung und führt zu einer heftigen Reaktion seiner Zuhörer.
Christliche Ausleger verbinden diese Worte seit langer Zeit mit der Selbstoffenbarung Gottes in 2. Mose 3. Die Verbindung ist verständlich, weil beide Stellen innerhalb der biblischen Darstellung göttlicher Identität stehen.
Allerdings muss die sprachliche Beziehung genau beschrieben werden. Johannes 8,58 enthält nicht die vollständige griechische Formulierung, mit der 2. Mose 3,14 in der Septuaginta wiedergegeben wird. Besonders die Gottesworte aus Jesaja, in denen Gott sich mit einer kurzen „Ich bin“- beziehungsweise „Ich bin es“-Formulierung bezeichnet, bilden ebenfalls einen wichtigen Hintergrund.
Sicher ist, dass Jesus in Johannes 8,58 seine persönliche Existenz vor Abraham beansprucht. Die weitergehende Bedeutung seiner Worte ergibt sich aus dem Gesamtzeugnis des Johannesevangeliums, das ihn bereits im Prolog als das ewige Wort beschreibt, durch das alles geschaffen wurde (Johannes 1,1–3).
Die Verbindung zu 2. Mose 3 ist deshalb theologisch bedeutsam, darf aber nicht auf die Behauptung reduziert werden, Jesus habe dort einfach einen vollständig wortgleichen Satz aus dem brennenden Dornbusch wiederholt.
Matthäus 28,18–20 – Christi Auftrag und die Verheißung seiner Gegenwart
Am Ende des Matthäusevangeliums beauftragt der auferstandene Jesus seine Jünger, Menschen aus allen Völkern zu Jüngern zu machen. Er begründet diesen Auftrag mit seiner umfassenden Vollmacht und schließt mit der Zusage, bei ihnen zu sein bis an das Ende der Weltzeit.
Diese Verbindung erinnert an die Antwort, die Mose auf seine Frage nach der eigenen Eignung erhielt. Auch dort steht nicht zuerst die menschliche Leistungsfähigkeit im Mittelpunkt, sondern die Gegenwart dessen, der den Auftrag erteilt.
Die beiden Berufungssituationen sind jedoch nicht identisch. Mose wird zu einer bestimmten Zeit gesandt, um Israel aus Ägypten herauszuführen. Die Jünger Jesu erhalten dagegen nach seiner Auferstehung den Auftrag, das Evangelium unter allen Völkern zu verkünden.
Gerade dieser Unterschied macht den größeren Zusammenhang sichtbar. Gottes rettendes Handeln beschränkt sich im Neuen Testament nicht auf die nationale Befreiung Israels. Durch Jesus Christus wird die Einladung zur Gemeinschaft mit Gott Menschen aller Völker verkündet.
Die zugesagte Gegenwart bleibt dabei ein entscheidender Bestandteil der Sendung. Sie bedeutet nicht, dass den Jüngern keine Schwierigkeiten begegnen werden. Das Neue Testament berichtet ausdrücklich von Verfolgung, Widerstand und Leiden. Doch ihre Aufgabe steht unter der Verheißung Christi, sie auf diesem Weg nicht zu verlassen.
Wichtige Lektionen
Gott begegnet Menschen auch mitten in gewöhnlichen Lebensumständen. Mose war mit der Versorgung einer Herde beschäftigt, als seine Berufung begann. Daraus folgt nicht, dass jede ungewöhnliche Beobachtung im Alltag eine besondere göttliche Botschaft enthält. Es erinnert jedoch daran, dass Gottes Handeln nicht auf bestimmte Orte, gesellschaftliche Stellungen oder außergewöhnliche religiöse Situationen beschränkt ist. Ein Mensch muss nicht erst eine bedeutende öffentliche Stellung besitzen, um vor Gott wertvoll zu sein oder Verantwortung übernehmen zu können.
Ehrfurcht und Vertrauen gehören zusammen. Mose durfte sich dem brennenden Dornbusch nicht nach eigenem Ermessen nähern. Er musste anerkennen, dass Gott heilig ist. Gleichzeitig wurde er persönlich angesprochen und durfte Gottes Worte hören. Für das Glaubensleben bedeutet dies, dass eine vertraute Beziehung zu Gott seine Heiligkeit nicht bedeutungslos macht. Wer Gott liebt und ihm vertraut, sollte auch sein Wort ernst nehmen und ihm mit Achtung begegnen.
Unsicherheit muss nicht das Ende einer verantwortungsvollen Aufgabe bedeuten. Mose stellte angesichts seiner Berufung seine eigene Eignung infrage. Gott begegnete seiner Frage mit einer Verheißung. Daraus dürfen wir keine allgemeine Erfolgsgarantie für selbst gewählte Vorhaben ableiten. Doch die Geschichte ermutigt dazu, persönliche Grenzen nicht als den einzigen Maßstab des eigenen Handelns zu betrachten. Wo ein Auftrag tatsächlich Gottes offenbartem Willen entspricht, sind Gehorsam und Vertrauen wichtiger als die Vorstellung, alles allein beherrschen zu müssen.
Gottes Name verdient einen bewussten und ehrfürchtigen Umgang. Die Offenbarung am Horeb zeigt, dass sein Name mit seiner Person und seiner Treue verbunden ist. Deshalb sollte er nicht gedankenlos verwendet oder für eigene Zwecke vereinnahmt werden. Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Mensch eine bestimmte hebräische Aussprache beherrscht, sondern ob er den Gott ernst nimmt, dessen Namen er ausspricht. Eine ehrfürchtige Haltung zeigt sich auch darin, dass Menschen Gottes Namen nicht benutzen, um unbegründete Behauptungen mit scheinbar göttlicher Autorität auszustatten.
Widerstand ist nicht automatisch ein Beweis dafür, dass ein Weg falsch ist. Gott kündigte Mose ausdrücklich an, dass der Pharao seiner Botschaft zunächst nicht folgen würde. Der Auftrag war damit nicht hinfällig. Allerdings dürfen wir daraus ebenso wenig folgern, jeder persönliche Widerstand bestätige eine göttliche Berufung. Menschen können auch deshalb auf Ablehnung stoßen, weil sie sich irren oder unklug handeln. Entscheidend ist, ob ihre Aufgabe tatsächlich mit Gottes Wort und einem verantwortbaren Handeln übereinstimmt.
Gottes Treue darf nicht mit menschlicher Ungeduld verwechselt werden. Zwischen den Verheißungen an Abraham und der bevorstehenden Befreiung Israels lagen viele Generationen. Die Erfüllung geschah nicht zu einem Zeitpunkt, den die Betroffenen selbst festlegen konnten. Daraus lässt sich lernen, dass die lange Dauer einer schwierigen Lebenssituation nicht für sich allein beweist, Gott habe seine Verheißungen aufgegeben. Zugleich gibt uns dieser Abschnitt nicht das Recht, anderen Menschen einen bestimmten Zeitpunkt ihrer Befreiung oder das sichere Ende ihres persönlichen Leidens vorauszusagen.
Gottes Hilfe schließt menschliche Mitwirkung nicht aus. Obwohl Gott erklärt, Israel selbst befreien zu wollen, beauftragt er Mose mit konkreten Schritten. Dieser soll die Ältesten versammeln, Gottes Botschaft überbringen und vor den Pharao treten. Das zeigt, dass Vertrauen auf Gott nicht mit Untätigkeit gleichgesetzt werden darf. Wer Verantwortung übertragen bekommt, soll gewissenhaft handeln, ohne die Ergebnisse ausschließlich der eigenen Kraft zuzuschreiben.
Befreiung und Verantwortung gehören zusammen. Israel soll Ägypten nicht verlassen, um anschließend ohne jede Orientierung zu leben. Gott führt sein Volk zu sich und eröffnet ihm eine neue Lebensordnung. Diese Reihenfolge erinnert an einen wesentlichen Grundgedanken des Evangeliums. Gottes Gnade ist nicht der Lohn menschlicher Leistungen. Sie führt jedoch in ein Leben, das von der Beziehung zu ihm geprägt sein soll.
So lehrt 2. Mose 3 einen Glauben, der Gottes Größe anerkennt, seine Zusagen ernst nimmt und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Im Mittelpunkt steht nicht ein Mensch, der aus eigener Kraft alle Hindernisse überwindet, sondern der Gott, der sich offenbart, seine Verheißungen erfüllt und Menschen in seinen Dienst ruft.