Epheser 4

So ermahne nun euch ich Gefangener in dem HERRN, daß ihr wandelt, wie sich's gebührt eurer Berufung, mit der ihr berufen seid,

32 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 So ermahne nun euch ich Gefangener in dem HERRN, daß ihr wandelt, wie sich's gebührt eurer Berufung, mit der ihr berufen seid,
  2. 2 mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, und vertraget einer den andern in der Liebe
  3. 3 und seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:
  4. 4 ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eurer Berufung;
  5. 5 ein HERR, ein Glaube, eine Taufe;
  6. 6 ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch allen und durch euch alle und in euch allen.
  7. 7 Einem jeglichen aber unter uns ist gegeben die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi.
  8. 8 Darum heißt es: “Er ist aufgefahren in die Höhe und hat das Gefängnis gefangengeführt und hat den Menschen Gaben gegeben.”
  9. 9 Daß er aber aufgefahren ist, was ist's, denn daß er zuvor ist hinuntergefahren in die untersten Örter der Erde?
  10. 10 Der hinuntergefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, auf daß er alles erfüllte.
  11. 11 Und er hat etliche zu Aposteln gesetzt, etliche aber zu Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern,
  12. 12 daß die Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Dienstes, dadurch der Leib Christi erbaut werde,
  13. 13 bis daß wir alle hinkommen zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkommener Mann werden, der da sei im Maße des vollkommenen Alters Christi,
  14. 14 auf daß wir nicht mehr Kinder seien und uns bewegen und wiegen lassen von allerlei Wind der Lehre durch Schalkheit der Menschen und Täuscherei, womit sie uns erschleichen, uns zu verführen.
  15. 15 Lasset uns aber rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus,
  16. 16 von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hanget durch alle Gelenke, dadurch eins dem andern Handreichung tut nach dem Werk eines jeglichen Gliedes in seinem Maße und macht, daß der Leib wächst zu seiner selbst Besserung, und das alles in Liebe.
  17. 17 So sage ich nun und bezeuge in dem HERRN, daß ihr nicht mehr wandelt, wie die andern Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes,
  18. 18 deren Verstand verfinstert ist, und die entfremdet sind von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, so in ihnen ist, durch die Blindheit ihres Herzens;
  19. 19 welche ruchlos sind und ergeben sich der Unzucht und treiben allerlei Unreinigkeit samt dem Geiz.
  20. 20 Ihr aber habt Christum nicht also gelernt,
  21. 21 so ihr anders von ihm gehört habt und in ihm belehrt, wie in Jesu ein rechtschaffenes Wesen ist.
  22. 22 So legt nun von euch ab nach dem vorigen Wandel den alten Menschen, der durch Lüste im Irrtum sich verderbt.
  23. 23 Erneuert euch aber im Geist eures Gemüts
  24. 24 und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit.
  25. 25 Darum leget die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeglicher mit seinem Nächsten, sintemal wir untereinander Glieder sind.
  26. 26 Zürnet, und sündiget nicht; lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.
  27. 27 Gebet auch nicht Raum dem Lästerer.
  28. 28 Wer gestohlen hat der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit den Händen etwas Gutes, auf daß er habe, zu geben dem Dürftigen.
  29. 29 Lasset kein faul Geschwätz aus eurem Munde gehen, sondern was nützlich zur Besserung ist, wo es not tut, daß es holdselig sei zu hören.
  30. 30 Und betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung.
  31. 31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung sei ferne von euch samt aller Bosheit.
  32. 32 Seid aber untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott euch auch vergeben hat in Christo.

Kapitelüberblick

Ein Leben mit Jesus Christus verändert nicht nur die Beziehung des Menschen zu Gott, sondern auch seinen Umgang mit anderen. Paulus zeigt, wie die Gläubigen ihrer Berufung entsprechend leben und die von Gott geschenkte Einheit durch Demut, Geduld und Liebe bewahren sollen. Obwohl sie unterschiedliche Fähigkeiten und Aufgaben besitzen, gehören sie zu einem Leib und haben einen gemeinsamen Herrn.

Christus hat seiner Gemeinde geistliche Dienste gegeben, damit alle Gläubigen im Glauben wachsen, die Wahrheit erkennen und zu geistlicher Reife gelangen. Dabei soll die Liebe das gesamte Miteinander prägen.

Anschließend beschreibt Paulus den Gegensatz zwischen dem früheren Leben ohne Gott und dem neuen Leben in Christus. Die Erneuerung beginnt im Denken und soll im täglichen Verhalten sichtbar werden. Unwahrheit, Bitterkeit, verletzende Worte und ungerechter Zorn sollen keinen Raum mehr haben. Stattdessen sollen Wahrhaftigkeit, Güte, gegenseitige Rücksichtnahme und Vergebung das Zusammenleben bestimmen. So wird sichtbar, wie der Glaube an Christus das Leben eines Menschen von innen heraus verändert.

Einführung

Mit den Worten „So ermahne ich euch nun“ beginnt Paulus in Epheser 4,1 einen neuen Abschnitt seines Briefes. Das kleine Wort „nun“ ist dabei bedeutsam, denn es verbindet die folgenden Ermahnungen mit allem, was zuvor über Gottes Handeln gesagt wurde. Paulus stellt seine Anweisungen nicht isoliert auf, sondern entwickelt sie aus den Grundlagen, die er bereits gelegt hat.

In Epheser 1 hat er beschrieben, welche geistlichen Segnungen Gott den Menschen durch Christus schenkt. Epheser 2 erklärt, dass die Errettung aus Gnade durch den Glauben geschieht und nicht durch menschliche Verdienste (Epheser 2,8–10). Zugleich hatte Paulus gezeigt, dass durch Christus die frühere Trennung zwischen Juden und Nichtjuden überwunden wurde. Menschen, die einst voneinander getrennt waren, erhalten nun durch denselben Geist Zugang zum Vater (Epheser 2,18).

Im dritten Kapitel spricht Paulus ausführlicher über seinen Auftrag, diese Botschaft auch den nichtjüdischen Völkern bekannt zu machen. Er bezeichnet sich dabei als Gefangenen Christi Jesu (Epheser 3,1). Wenn er zu Beginn des vierten Kapitels erneut auf seine Gefangenschaft verweist, erinnert das an die persönlichen Umstände, unter denen er seine Ermahnungen ausspricht. Sein Dienst für Christus war mit wirklichem Leiden verbunden.

Wichtig ist deshalb die Reihenfolge seiner Gedanken: Zuerst erklärt Paulus, was Gott durch Christus für die Gläubigen getan hat. Darauf aufbauend beschreibt er, wie sie leben sollen. Ihre Lebensführung soll nicht dazu dienen, sich Gottes Gnade zu verdienen, sondern ihrer bereits empfangenen Berufung entsprechen.

Mit diesem Hintergrund beginnt Paulus seine erste Aufforderung: Die Gläubigen sollen so leben, dass ihr Verhalten zu der Berufung passt, die sie von Gott empfangen haben.

Epheser 4,1–3

Der Berufung würdig leben und die Einheit des Geistes bewahren

Mit einer eindringlichen Ermahnung beginnt Paulus den praktischen Teil seines Briefes. Er bezeichnet sich in Epheser 4,1 als einen „Gebundenen im Herrn“. Damit erinnert er seine Leser daran, dass seine Treue zu Christus ihn sogar die Freiheit gekostet hat. Dennoch spricht er nicht aus Bitterkeit oder Enttäuschung. Seine Gefangenschaft hat seine Überzeugung nicht erschüttert. Gerade unter diesen Umständen fordert er die Gläubigen auf, ihrer göttlichen Berufung entsprechend zu leben. Der Glaube an Christus soll nicht nur in ihren Worten erkennbar sein, sondern ihre gesamte Lebensführung bestimmen.

Die Aufforderung, der Berufung „würdig“ zu wandeln, darf allerdings nicht so verstanden werden, als müssten Christen sich Gottes Annahme erst durch ein vorbildliches Leben verdienen. Paulus hatte bereits erklärt, dass die Errettung ein Geschenk der Gnade ist und nicht aus menschlichen Werken hervorgeht (Epheser 2,8–9). Gleichzeitig hatte er hinzugefügt, dass die Gläubigen in Christus zu guten Werken geschaffen wurden, die Gott für sie vorbereitet hat (Epheser 2,10). Diese Reihenfolge ist entscheidend: Nicht der Gehorsam verschafft dem Menschen die Erlösung, sondern die empfangene Gnade führt zu einer veränderten Lebensführung. Ein würdiger Wandel bedeutet deshalb, so zu leben, dass das eigene Verhalten mit der Berufung durch Christus übereinstimmt.

Das Wort „wandeln“ beschreibt in der biblischen Sprache nicht nur einzelne Handlungen, sondern die gesamte Lebensrichtung eines Menschen. Schon in Epheser 2,2 hatte Paulus daran erinnert, wie die Gläubigen früher nach den Maßstäben dieser Welt lebten. Nun fordert er sie auf, einen anderen Weg einzuschlagen. Ihre Entscheidungen, ihre Worte und besonders ihr Umgang miteinander sollen erkennen lassen, dass sie zu Christus gehören. Dabei richtet sich seine Ermahnung nicht nur an besonders verantwortliche Gemeindeglieder. Sie gilt allen, die Gottes Ruf angenommen haben. Jeder Christ trägt Verantwortung dafür, dass sein persönliches Verhalten dem gemeinsamen Glaubensleben dient.

Bemerkenswert ist, womit Paulus diese neue Lebensführung in Vers 2 beschreibt. Er beginnt nicht mit außergewöhnlichen geistlichen Leistungen, umfangreichem Wissen oder besonderen Fähigkeiten. Stattdessen nennt er Demut, Sanftmut, Geduld und die Bereitschaft, einander in Liebe zu ertragen. Damit zeigt er, dass geistliche Reife gerade dort sichtbar wird, wo Menschen miteinander leben und ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten, Erfahrungen und Schwächen aufeinandertreffen. Ein Mensch kann viel über die Bibel wissen und dennoch durch Stolz, Härte oder Ungeduld das Zusammenleben erschweren. Wahre Erkenntnis Gottes soll sich deshalb auch darin zeigen, wie jemand andere behandelt.

Demut bedeutet zunächst, sich selbst nicht über andere zu erheben. Sie verlangt weder, den eigenen Wert zu verleugnen, noch die von Gott geschenkten Fähigkeiten geringzuschätzen. Vielmehr erkennt ein demütiger Mensch an, dass er selbst auf Gottes Gnade angewiesen ist und deshalb keinen Grund hat, andere aus einer Haltung der Überlegenheit zu betrachten. Bereits in Philipper 2,3–5 fordert Paulus die Gläubigen auf, nicht aus Ehrgeiz oder Selbstsucht zu handeln, sondern aufeinander Rücksicht zu nehmen und sich an der Gesinnung Jesu Christi zu orientieren. Demut schafft die Voraussetzung dafür, dass Menschen einander zuhören, berechtigte Korrektur annehmen und das Wohl des anderen nicht hinter die eigenen Interessen stellen.

Eng damit verbunden ist die Sanftmut. Sie darf nicht mit Schwäche, Unsicherheit oder fehlender Entschlossenheit verwechselt werden. Jesus selbst bezeichnete sich als sanftmütig und von Herzen demütig (Matthäus 11,29). Gleichzeitig konnte er Unrecht deutlich benennen und Menschen entschieden zur Umkehr aufrufen. Sanftmut bedeutet daher nicht, notwendige Wahrheiten zu verschweigen, sondern sie ohne Überheblichkeit, Feindseligkeit oder verletzende Härte zu vertreten. Gerade bei Meinungsverschiedenheiten ist diese Haltung wichtig. Wer sanftmütig handelt, muss seine Überzeugung nicht aufgeben, um seinem Gegenüber mit Achtung zu begegnen.

Anschließend spricht Paulus von Geduld und davon, einander in Liebe zu ertragen. Hier geht es um mehr als eine freundliche Haltung gegenüber Menschen, mit denen man ohnehin gut auskommt. Geduld wird besonders dann erforderlich, wenn Erwartungen enttäuscht werden, jemand wiederholt Fehler macht oder Veränderungen langsamer eintreten als erhofft. Das gegenseitige Ertragen setzt voraus, dass auch Gläubige noch Schwächen haben und im Glauben wachsen müssen. Christliche Gemeinschaft besteht nicht aus vollkommenen Menschen, die niemals Anlass zu Spannungen geben. Sie lebt davon, dass Menschen einander mit derselben Barmherzigkeit begegnen, die sie selbst von Gott benötigen.

Diese Liebe bedeutet jedoch nicht, Unrecht gutzuheißen oder notwendige Korrekturen zu vermeiden. Paulus wird später ausdrücklich dazu auffordern, die Wahrheit zu reden und sündhaftes Verhalten abzulegen (Epheser 4,25–32). Liebe und Wahrheit gehören für ihn zusammen. Während Gleichgültigkeit über Fehler hinwegsieht, ohne dem anderen wirklich zu helfen, sucht echte Liebe sein Bestes. Sie ist bereit zu vergeben, aber auch aufrichtig zu sprechen. Das gegenseitige Ertragen beschreibt deshalb keine grenzenlose Duldung jeder Handlung, sondern eine geduldige, von Liebe getragene Beziehung zu Menschen, die ebenso wie wir selbst auf Gottes Gnade angewiesen sind.

In Vers 3 führt Paulus diese Eigenschaften auf ein gemeinsames Ziel hin: Die Gläubigen sollen sich ernsthaft darum bemühen, die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens zu bewahren. Die Formulierung ist bedeutsam. Paulus verlangt nicht, dass die Gemeinde ihre geistliche Einheit aus eigener Kraft erschafft. Er spricht davon, eine bereits vorhandene Einheit zu bewahren. Diese Einheit hat ihren Ursprung im Wirken des Heiligen Geistes. Durch Christus hat Gott Menschen miteinander verbunden, die zuvor voneinander getrennt waren. Bereits in Epheser 2,14–18 hatte Paulus erklärt, dass Christus Frieden geschaffen und den Zugang zum Vater durch einen Geist eröffnet hat.

Dass diese Einheit von Gott geschenkt wird, macht menschliche Verantwortung keineswegs überflüssig. Paulus fordert ausdrücklich dazu auf, sie mit Eifer zu bewahren. Das setzt Aufmerksamkeit, Bereitschaft zur Versöhnung und bewusste Entscheidungen voraus. Stolz kann Beziehungen zerstören, verletzende Worte können Misstrauen hervorrufen, und ungeklärte Konflikte können sich zu dauerhaften Trennungen entwickeln. Deshalb braucht geistliche Gemeinschaft Menschen, die nicht ausschließlich auf ihre eigenen Rechte bestehen, sondern auch bereit sind, zuzuhören, Missverständnisse zu klären und Frieden zu suchen. Der Friede ist dabei nicht bloß die Abwesenheit offener Streitigkeiten. Er beschreibt ein Miteinander, in dem die durch Christus geschaffene Versöhnung im täglichen Leben wirksam werden soll.

Die „Einheit des Geistes“ darf allerdings nicht mit äußerlicher Gleichförmigkeit verwechselt werden. Menschen können unterschiedliche Persönlichkeiten, Begabungen und Aufgaben besitzen und dennoch im Glauben verbunden sein. Ebenso wenig bedeutet Einheit, dass Wahrheit unwichtig wäre oder jede Überzeugung zugunsten eines oberflächlichen Friedens aufgegeben werden müsste. Paulus verbindet im weiteren Verlauf des Kapitels gerade die Einheit mit der Erkenntnis Christi und dem Festhalten an der Wahrheit in Liebe (Epheser 4,13–15). Die Einheit, die er beschreibt, ist deshalb weder erzwungene Übereinstimmung noch bloße organisatorische Zugehörigkeit. Sie beruht auf einer gemeinsamen geistlichen Grundlage und soll in einem liebevollen, wahrhaftigen Zusammenleben sichtbar werden.

Damit wird verständlich, warum Paulus seine Ermahnung ausgerechnet mit diesen zwischenmenschlichen Eigenschaften beginnt. Die Gemeinde kann ihre Berufung nur dann glaubwürdig leben, wenn die von Gott geschenkte Gemeinschaft nicht durch Selbstsucht und gegenseitige Feindseligkeit beschädigt wird. Demut, Sanftmut, Geduld und Liebe sind deshalb keine nebensächlichen Eigenschaften, sondern wesentliche Voraussetzungen für ein Leben, das der Berufung durch Christus entspricht. Auf welcher Grundlage diese Einheit überhaupt besteht, erklärt Paulus unmittelbar anschließend mit sieben Aussagen über das, was alle Gläubigen miteinander verbindet.

Epheser 4,4–6

Sieben Grundlagen der christlichen Einheit

Nachdem Paulus die Gläubigen aufgefordert hat, die Einheit des Geistes zu bewahren, erklärt er nun, worauf diese Einheit gegründet ist. In Epheser 4,4–6 nennt er sieben Gemeinsamkeiten, die alle Gläubigen miteinander verbinden: einen Leib, einen Geist, eine Hoffnung, einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe und einen Gott und Vater aller. Auffällig ist die siebenfache Wiederholung des Wortes „ein“. Paulus will damit verdeutlichen, dass die Einheit der Gemeinde nicht allein aus gegenseitiger Sympathie, gemeinsamen Interessen oder menschlichen Vereinbarungen entsteht. Sie hat ihren Ursprung in Gottes eigenem Handeln und beruht auf geistlichen Wirklichkeiten, die allen Gläubigen gemeinsam sind. Deshalb ist die Einheit, zu der Paulus aufruft, weit mehr als ein friedliches Nebeneinander verschiedener Menschen.

An erster Stelle nennt Paulus den einen Leib. Dieses Bild hatte er bereits in Epheser 2,16 vorbereitet, als er erklärte, dass Christus Juden und Nichtjuden durch das Kreuz mit Gott versöhnt und sie zu einem Leib verbunden hat. Menschen, die zuvor durch religiöse und gesellschaftliche Grenzen voneinander getrennt waren, gehören nun zu einer gemeinsamen geistlichen Gemeinschaft. In 1. Korinther 12,12–27 entfaltet Paulus dieses Bild besonders ausführlich. So wie ein menschlicher Körper aus vielen unterschiedlichen Gliedern besteht, die dennoch zusammengehören, besteht auch die Gemeinde aus Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und Aufgaben. Nicht jeder übernimmt dieselbe Verantwortung, und nicht alle besitzen dieselben geistlichen Gaben. Dennoch ist niemand allein aufgrund seiner Aufgabe wichtiger oder wertvoller als die anderen. Das Bild des einen Leibes macht deutlich, dass christliche Gemeinschaft sowohl Zusammengehörigkeit als auch gegenseitige Verantwortung bedeutet. Wenn ein Glied leidet, betrifft das den ganzen Leib; wenn eines geehrt wird, können sich die anderen mitfreuen.

Unmittelbar damit verbindet Paulus den einen Geist. Gemeint ist der Heilige Geist, durch den Gott seine Gemeinde zu einer geistlichen Gemeinschaft verbindet. Bereits in Epheser 2,18 hatte Paulus erklärt, dass sowohl Juden als auch Nichtjuden durch Christus in einem Geist Zugang zum Vater haben. Ihre gemeinsame Stellung vor Gott beruht deshalb nicht auf einer gemeinsamen Herkunft, sondern auf demselben göttlichen Wirken. Besonders deutlich wird dieser Gedanke in 1. Korinther 12,13, wo Paulus beschreibt, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft durch einen Geist zu einem Leib verbunden wurden. Der Heilige Geist schafft dabei keine Gemeinschaft, in der persönliche Unterschiede ausgelöscht werden. Vielmehr verbindet er unterschiedliche Menschen in ihrer Zugehörigkeit zu Christus. Zugleich schenkt er ihnen verschiedene geistliche Gaben, die dem Aufbau der gesamten Gemeinde dienen. Die Vielfalt der Aufgaben widerspricht deshalb nicht der Einheit des Geistes, sondern soll innerhalb dieser Einheit ihren Platz finden.

Als dritte Gemeinsamkeit nennt Paulus die eine Hoffnung, zu der die Gläubigen berufen worden sind. Diese Hoffnung ist mehr als ein allgemeiner Wunsch nach einer besseren Zukunft. Sie gründet sich auf Gottes Zusagen und auf das, was Jesus Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung ermöglicht hat. Bereits in Epheser 1,18 hatte Paulus dafür gebetet, dass die Gläubigen erkennen mögen, welche Hoffnung mit ihrer Berufung verbunden ist und welchen Reichtum Gottes verheißenes Erbe besitzt. Die christliche Hoffnung richtet sich auf die endgültige Erfüllung der Erlösung, die Auferstehung und das ewige Leben in Gottes Gegenwart. Petrus beschreibt dieselbe Zuversicht als eine lebendige Hoffnung, die durch die Auferstehung Jesu Christi begründet ist (1. Petrus 1,3–4). Diese gemeinsame Zukunftsperspektive verbindet Menschen über ihre gegenwärtigen Lebensumstände hinaus. Manche erleben Wohlstand, andere Armut; manche genießen gesellschaftliche Anerkennung, andere erfahren Ablehnung oder Verfolgung. Doch ihre letzte Hoffnung hängt nicht von diesen unterschiedlichen Umständen ab. Sie gründet sich auf denselben Herrn und dieselbe Verheißung.

Mit Vers 5 rückt Paulus Jesus Christus ausdrücklich in den Mittelpunkt: Es gibt einen Herrn, einen Glauben und eine Taufe. Wenn die ersten drei Aussagen besonders die Gemeinschaft der Gläubigen und das Wirken des Geistes hervorheben, macht diese zweite Gruppe deutlich, dass ihre Einheit untrennbar mit Christus verbunden ist. Der Ausdruck „ein Herr“ bezeichnet Jesus Christus, den Gott über alles erhöht hat (Philipper 2,9–11). Seine Herrschaft ist nicht auf eine einzelne Volksgruppe, Gemeinde oder gesellschaftliche Schicht beschränkt. Alle, die zu ihm gehören, stehen unter derselben göttlichen Autorität. Gerade deshalb darf sich keine menschliche Führungsperson an seine Stelle setzen. In 1. Korinther 1,12–13 kritisiert Paulus die Neigung, sich nach bestimmten geistlichen Lehrern in rivalisierende Gruppen aufzuteilen. Die entscheidende Frage lautet dort, ob Christus etwa geteilt sei. Die Gemeinde gehört nicht ihren menschlichen Mitarbeitern, sondern ihrem Herrn. Ihre Einheit wird deshalb gefährdet, wenn persönliche Anhängerschaft, Machtansprüche oder menschliches Ansehen wichtiger werden als die gemeinsame Treue zu Jesus Christus.

Der eine Glaube bezeichnet die gemeinsame Bindung an diesen Herrn. Dabei gehören zwei Bedeutungsaspekte eng zusammen: das persönliche Vertrauen auf Christus und die gemeinsame Glaubensbotschaft, durch die Christus erkannt und verkündigt wird. Paulus hatte bereits erklärt, dass Menschen durch den Glauben an Gottes rettender Gnade teilhaben (Epheser 2,8). Dieser Glaube ist jedoch nicht lediglich ein unbestimmtes religiöses Gefühl. Er richtet sich auf Jesus Christus und auf Gottes Handeln durch ihn. Wenn Paulus von einem Glauben spricht, meint er deshalb keine Gemeinschaft, in der jede beliebige Vorstellung von Gott gleichermaßen verbindlich wäre. Christlicher Glaube besitzt einen gemeinsamen Inhalt und verlangt zugleich eine persönliche Antwort des Vertrauens. Wie sich dieser Glaube entwickeln und vertiefen soll, erklärt Paulus wenig später, wenn er von der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes spricht (Epheser 4,13). Die Einheit ist somit nicht von der Wahrheit getrennt, sondern auf die gemeinsame Erkenntnis Christi ausgerichtet.

Auch die eine Taufe gehört zu diesen Grundlagen. Im Neuen Testament ist die Taufe eng mit dem Glauben an Jesus Christus und der Zugehörigkeit zu ihm verbunden. Paulus erklärt in Römer 6,3–4, dass die Taufe auf Christus seinen Tod und seine Auferstehung zum Ausdruck bringt. Der Getaufte bekennt damit seine Verbindung zu dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn und die daraus folgende Berufung zu einem neuen Leben. In Galater 3,26–28 verbindet Paulus den Glauben, die Taufe auf Christus und die Überwindung früherer gesellschaftlicher Trennungen. Menschen unterschiedlicher Herkunft erhalten durch Christus dieselbe grundlegende Stellung vor Gott. Die eine Taufe ist deshalb kein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer bevorzugten menschlichen Gruppe, sondern verweist auf den einen Christus, dem alle Gläubigen angehören. Epheser 4,5 erklärt allerdings nicht sämtliche Einzelheiten der Tauflehre. Paulus behandelt hier weder die genaue Durchführung der Taufe noch die unterschiedlichen Fragen, die später über sie entstanden sind. Sein unmittelbares Anliegen besteht darin, die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus hervorzuheben, die durch die Taufe bekannt wird.

Den Höhepunkt erreicht die Aufzählung in Vers 6: Es gibt einen Gott und Vater aller, der über allen, durch alle und in allen ist. Damit führt Paulus die Einheit der Gemeinde auf ihren höchsten Ursprung zurück. Die Gläubigen gehören nicht nur zu einem gemeinsamen Leib und bekennen denselben Herrn, sondern stehen auch in einer gemeinsamen Beziehung zu Gott als ihrem Vater. Bereits in Epheser 1,3 hatte Paulus Gott als den Vater unseres Herrn Jesus Christus bezeichnet, von dem die geistlichen Segnungen ausgehen. Nun betont er, dass dieser eine Gott über allen steht, durch alle wirkt und in allen gegenwärtig ist. Im Zusammenhang des Kapitels bezieht sich dieses „alle“ besonders auf die Gläubigen, deren gemeinsame Berufung Paulus beschreibt. Aus der Formulierung darf deshalb nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, jeder Mensch stehe unabhängig von seinem Verhältnis zu Christus bereits in derselben geistlichen Gemeinschaft mit Gott. Der Schwerpunkt liegt vielmehr darauf, dass alle Glieder des Leibes denselben Vater haben und von seinem Wirken abhängig sind.

Bemerkenswert ist außerdem, wie selbstverständlich Paulus den Heiligen Geist, Jesus Christus als den Herrn und Gott den Vater miteinander verbindet. Diese dreifache Struktur begegnet bereits in Epheser 2,18: Durch Christus haben die Gläubigen in einem Geist Zugang zum Vater. In Epheser 4,4–6 erscheinen der eine Geist, der eine Herr und der eine Gott und Vater als gemeinsame Grundlage der Gemeinde. Paulus entwickelt an dieser Stelle noch keine ausführliche Erklärung über das göttliche Wesen. Dennoch unterscheidet er Vater, Sohn und Heiligen Geist und verbindet ihr Wirken untrennbar miteinander. Der Heilige Geist schafft die Gemeinschaft der Gläubigen, Jesus Christus ist ihr gemeinsamer Herr, und Gott der Vater steht als Ursprung und Ziel über allem. Die Aussagen stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern beschreiben verschiedene Aspekte desselben göttlichen Heilshandelns.

Die siebenfache Betonung der Einheit hat schließlich eine wichtige Konsequenz für das Verständnis christlicher Gemeinschaft. Paulus beschreibt Einheit nicht als Ergebnis eines möglichst geringen gemeinsamen Nenners. Sie entsteht auch nicht dadurch, dass Unterschiede, Schwierigkeiten oder Fragen nach der Wahrheit einfach übergangen werden. Ihr Fundament liegt in dem, was Gott durch Christus geschaffen hat und woran alle Gläubigen gemeinsam Anteil haben. Deshalb gehören Einheit und Treue zum gemeinsamen Glauben zusammen. Wo Menschen denselben Herrn bekennen, denselben Geist empfangen und dieselbe Hoffnung besitzen, sollen sie einander nicht aufgrund persönlicher Vorlieben, gesellschaftlicher Unterschiede oder menschlicher Rangordnungen geringschätzen.

Gleichzeitig bedeutet diese Einheit keineswegs, dass jeder Christ dieselben Fähigkeiten oder Aufgaben haben müsste. Gerade nachdem Paulus die sieben gemeinsamen Grundlagen beschrieben hat, wendet er sich der Verschiedenheit der geistlichen Gaben zu. Dieser Übergang ist bewusst gewählt: Die Gemeinde besitzt einen gemeinsamen Herrn, aber Christus wirkt durch unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise. In den folgenden Versen erklärt Paulus, warum diese Vielfalt nicht zur Spaltung führen soll, sondern von Christus selbst gegeben wird, damit sein Leib aufgebaut wird und geistlich wachsen kann.

Epheser 4,7–10

Der erhöhte Christus als Geber der geistlichen Gaben

Nachdem Paulus die sieben gemeinsamen Grundlagen des christlichen Glaubens beschrieben hat, richtet er den Blick auf die unterschiedlichen Gaben, die Christus seiner Gemeinde schenkt. In Epheser 4,7 erklärt er, dass jedem Einzelnen Gnade gegeben wurde, entsprechend dem Maß der Gabe Christi. Damit führt er einen wichtigen neuen Gedanken ein: Obwohl alle Gläubigen zu demselben Leib gehören und denselben Herrn haben, erhalten sie nicht zwangsläufig dieselben Aufgaben oder Fähigkeiten. Die Einheit der Gemeinde bedeutet also nicht, dass alle Menschen gleich sein müssen. Vielmehr zeigt sich Gottes Weisheit gerade darin, dass Christus unterschiedliche Gaben schenkt, durch die sich die Gläubigen gegenseitig unterstützen und gemeinsam zum Wachstum der Gemeinde beitragen können.

Das Wort „Gnade“ bezeichnet hier besonders die unverdiente Befähigung, die Christus den Gläubigen für ihren Dienst schenkt. Während Paulus in Epheser 2,8–9 die rettende Gnade Gottes hervorhebt, geht es nun um ihre konkrete Wirkung innerhalb der christlichen Gemeinschaft. Bemerkenswert ist, dass Paulus ausdrücklich von „jedem einzelnen“ spricht. Damit macht er deutlich, dass nicht nur Apostel, Lehrer oder andere verantwortliche Personen von Christus beschenkt werden. Jeder Gläubige besitzt einen Platz in Gottes Gemeinde und kann entsprechend den von Christus geschenkten Möglichkeiten zu ihrem Aufbau beitragen. Diese Wahrheit bewahrt sowohl vor Überheblichkeit als auch vor Minderwertigkeitsgefühlen. Niemand darf sich aufgrund besonderer Fähigkeiten über andere erheben, denn jede geistliche Gabe ist ein Geschenk. Ebenso muss sich niemand für unbedeutend halten, nur weil seine Aufgabe weniger sichtbar ist.

Dass die Gaben nach dem Maß der Gabe Christi verteilt werden, unterstreicht außerdem, wer über ihre Verteilung entscheidet. Nicht menschliches Ansehen, gesellschaftliche Stellung oder persönliche Wünsche bestimmen letztlich den geistlichen Wert eines Menschen. Christus selbst ist der Geber. In 1. Korinther 12,4–11 beschreibt Paulus ebenfalls unterschiedliche Gnadengaben, die durch denselben Geist zum gemeinsamen Nutzen gegeben werden. Dort wird ausdrücklich betont, dass der Heilige Geist die Gaben nach seinem Willen zuteilt. Beide Aussagen ergänzen sich: Die geistlichen Gaben stammen aus Gottes Wirken und sollen nicht dem persönlichen Ruhm dienen, sondern dem Wohl der Gemeinschaft. Ihr Wert bemisst sich deshalb nicht zuerst daran, wie beeindruckend sie erscheinen, sondern daran, ob sie entsprechend ihrer Bestimmung eingesetzt werden.

Um zu erklären, warum Christus seiner Gemeinde solche Gaben geben kann, greift Paulus in Vers 8 auf Psalm 68,19 zurück. Dort wird Gottes siegreiches Handeln mit dem Bild eines Herrschers beschrieben, der nach einem errungenen Sieg in die Höhe emporsteigt und Gefangene mitführt. Im ursprünglichen Zusammenhang feiert der Psalm Gottes Macht über seine Feinde und seine herrschaftliche Gegenwart unter seinem Volk. Das Bild erinnert an einen siegreichen König, dessen Triumph öffentlich sichtbar wird. Paulus nimmt diese Vorstellung auf und wendet sie auf Jesus Christus an. Derjenige, der durch seinen Tod und seine Auferstehung den entscheidenden Sieg errungen hat, ist nun erhöht und besitzt die Vollmacht, seiner Gemeinde Gaben zu schenken.

Beim Vergleich mit Psalm 68 fällt allerdings eine wichtige Besonderheit auf. Während der Psalm davon spricht, dass Gott Gaben von Menschen empfangen hat, formuliert Paulus in Epheser 4,8, dass der erhöhte Christus den Menschen Gaben gegeben hat. Diese Abweichung sollte nicht übersehen werden, denn Paulus übernimmt den Psalm nicht als wortgetreues Zitat. Er verwendet das Siegesbild und richtet es auf das aus, was Christus als erhöhter Herr für seine Gemeinde tut. In der Bildwelt eines siegreichen Herrschers können empfangene Gaben Ausdruck seines Triumphes sein, während seine Freigebigkeit die Folgen seiner Herrschaft sichtbar macht. Auch alte jüdische Auslegungstraditionen kannten eine Verbindung zwischen dem Aufstieg und der Weitergabe von Gaben. Welche dieser Vorstellungen Paulus im Einzelnen voraussetzt, lässt sich nicht endgültig entscheiden. Seine eigentliche Aussage bleibt jedoch eindeutig: Der Sieg und die Erhöhung Christi bilden die Grundlage dafür, dass er seine Gemeinde beschenkt.

Auch die Aussage, dass Christus Gefangene mitgeführt hat, gehört zu diesem Siegesbild. Sie beschreibt zunächst den Triumph eines Herrschers über überwundene Gegner. Im größeren Zusammenhang des Neuen Testaments wird Christi Sieg besonders mit der Überwindung der Macht der Sünde, des Todes und der gottfeindlichen Mächte verbunden. Kolosser 2,15 spricht davon, dass Christus die Mächte und Gewalten entwaffnet und über sie triumphiert hat. Hebräer 2,14–15 erklärt, dass Jesus durch seinen Tod die Macht dessen überwunden hat, der die Gewalt des Todes hatte, und Menschen aus ihrer Todesfurcht befreit. Diese Stellen helfen, die geistliche Bedeutung des Siegesbildes zu verstehen. Epheser 4,8 selbst benennt jedoch nicht ausdrücklich, wer mit den Gefangenen gemeint ist. Deshalb wäre es zu weitgehend, aus dieser Formulierung allein abzuleiten, Christus habe bei seiner Himmelfahrt eine bestimmte Gruppe auferstandener Menschen mit in den Himmel genommen. Der sichere Mittelpunkt der Aussage liegt in seinem Sieg und seiner königlichen Vollmacht.

In den Versen 9 und 10 beschäftigt sich Paulus anschließend mit der Bedeutung des Aufsteigens Christi. Er erklärt, dass derjenige, der aufgefahren ist, zuvor auch hinabgefahren ist. Die Schlachter-Übersetzung von 1951 spricht dabei von den „untersten Örtern der Erde“. Diese Formulierung gehört zu den schwierigeren Aussagen des Kapitels, weil sie unterschiedlich verstanden werden kann. Eine verbreitete Auslegung sieht darin die Menschwerdung Jesu Christi: Der Sohn Gottes kam aus der himmlischen Herrlichkeit in diese Welt, nahm menschliche Natur an und erniedrigte sich bis zum Tod am Kreuz. Für diesen Gedanken gibt es deutliche biblische Grundlagen. In Philipper 2,6–11 beschreibt Paulus den Weg Christi von seiner freiwilligen Erniedrigung bis zu seiner anschließenden Erhöhung. Auch Jesus selbst spricht davon, dass er vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen ist und die Welt wieder verlässt, um zum Vater zu gehen (Johannes 16,28).

Eine andere Auslegung versteht das Hinabfahren als Hinweis auf Christi Tod und seinen Eintritt in den Bereich der Toten. Dafür wird angeführt, dass die Wendung von den unteren Bereichen der Erde auch als Bezeichnung für die Tiefe unter der Erdoberfläche verstanden werden kann. Der sprachliche Ausdruck lässt eine solche Deutung zu, zwingt jedoch nicht dazu. Denn die Formulierung kann ebenso die Erde als den tiefer gelegenen Bereich im Gegensatz zum Himmel bezeichnen. Entscheidend ist deshalb, dass Paulus hier nicht ausführlich beschreibt, was zwischen dem Tod und der Auferstehung Jesu geschah. Sein Anliegen besteht darin, den Weg desselben Christus von der Erniedrigung zur höchsten Erhöhung zu verdeutlichen. Aus dieser Stelle allein lässt sich weder ein bewusster Aufenthalt Verstorbener in einer jenseitigen Welt noch eine Verkündigung an Tote beweisen. Solche Fragen müssten anhand anderer Bibelstellen eigenständig untersucht werden.

Die Aussage über das Hinabfahren erhält ihre besondere Bedeutung durch den anschließenden Gegensatz. In Vers 10 betont Paulus, dass derselbe Christus, der hinabgefahren ist, auch über alle Himmel hinaufgefahren ist. Damit beschreibt er nicht zwei voneinander unabhängige göttliche Handlungen, sondern den Weg einer einzigen Person. Jesus Christus, der sich erniedrigte und den Menschen nahekam, ist derselbe Herr, der nun in himmlischer Herrlichkeit regiert. Seine Erhöhung bedeutet nicht, dass ein anderer an seine Stelle getreten wäre oder dass seine menschliche Erfahrung bedeutungslos geworden sei. Der erhöhte Herr ist derjenige, der den Weg des Leidens, der Hingabe und des Todes gegangen ist. Gerade darin liegt die besondere Tiefe seiner Herrschaft: Derjenige, dem alle Macht gegeben ist, hat sich zuvor selbst für die Menschen hingegeben.

Die Worte „über alle Himmel“ unterstreichen die umfassende Erhöhung Christi. Paulus will damit nicht in erster Linie eine genaue räumliche Einteilung des Himmels erklären. Vielmehr beschreibt er die überragende Stellung Jesu über alle geschaffenen Mächte und Herrschaftsbereiche. Bereits in Epheser 1,20–23 hatte Paulus erklärt, dass Gott Christus von den Toten auferweckt, zu seiner Rechten gesetzt und ihn über jede Herrschaft, Gewalt, Macht und jeden Namen erhöht hat. Zugleich hat Gott ihn der Gemeinde als Haupt gegeben. Damit wird verständlich, weshalb Paulus die Himmelfahrt Christi gerade im Zusammenhang mit den geistlichen Gaben erwähnt. Jesus ist nicht lediglich ein Lehrer aus der Vergangenheit, dessen Anhänger sein Werk aus eigener Kraft fortsetzen müssen. Er ist der lebendige und erhöhte Herr, der weiterhin für seine Gemeinde handelt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient schließlich die Aussage am Ende von Vers 10, dass Christus hinaufgefahren ist, „damit er alles erfülle“. Diese Formulierung verweist auf die umfassende Reichweite seiner erhöhten Herrschaft und seines Wirkens. Sie bedeutet nicht, dass Christus mit jedem Teil der Schöpfung identisch wäre oder dass dadurch alle Menschen unabhängig von ihrem Glauben bereits erlöst seien. Vielmehr steht sie in Verbindung mit Epheser 1,22–23, wo Christus als Haupt über alles und in besonderer Beziehung zu seiner Gemeinde beschrieben wird. Seine Erhöhung bringt sein Wirken nicht zum Abschluss, sondern eröffnet die umfassende Ausübung seiner königlichen Vollmacht. Derjenige, der die Welt betreten, gelitten, den Tod überwunden und den Himmel wieder eingenommen hat, wirkt nun als erhöhter Herr für die Menschen, die zu ihm gehören.

Gerade dieser Zusammenhang macht die geistlichen Gaben zu etwas Besonderem. Sie sind nicht bloß natürliche Begabungen, die Menschen zufällig besitzen, und auch keine Auszeichnungen, mit denen sich einzelne Gemeindeglieder über andere erheben dürften. Paulus beschreibt sie als Ausdruck der Fürsorge des erhöhten Christus für seinen Leib. Seine Herrschaft zeigt sich nicht allein darin, dass ihm alle Macht gegeben ist, sondern auch darin, dass er Menschen befähigt, einander zu dienen und seine Gemeinde aufzubauen. So entsteht eine Verbindung zwischen dem großen Erlösungswerk Christi und dem oft unscheinbaren Dienst einzelner Gläubiger: Was Christus durch seinen Sieg ermöglicht hat, soll im Leben seiner Gemeinde konkrete Früchte tragen.

Damit bereitet Paulus den nächsten Gedanken vor. Nachdem er erklärt hat, dass der erhöhte Christus seiner Gemeinde Gaben schenkt, beschreibt er in den folgenden Versen, welche besonderen Dienste Christus gegeben hat und welches Ziel diese erfüllen sollen. Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer werden nicht genannt, um menschliche Rangordnungen zu begründen. Ihre Aufgabe steht vielmehr im Dienst eines gemeinsamen Zieles: Alle Gläubigen sollen zugerüstet werden, damit der Leib Christi wächst und die Gemeinde zur geistlichen Reife gelangt.

Epheser 4,11–13

Geistliche Dienste zur Zurüstung und Reife der Gemeinde

Nachdem Paulus erklärt hat, dass der erhöhte Christus seiner Gemeinde unterschiedliche Gaben schenkt, beschreibt er nun, wie diese Gaben innerhalb der Gemeinschaft wirksam werden sollen. In Epheser 4,11 nennt er Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Dabei ist bemerkenswert, dass Paulus nicht nur von bestimmten Fähigkeiten spricht, sondern von Menschen, die Christus seiner Gemeinde für besondere Aufgaben gegeben hat. Der erhöhte Herr sorgt also nicht allein dadurch für seine Gemeinde, dass er einzelnen Gläubigen geistliche Begabungen schenkt. Er beruft und befähigt auch Menschen, durch deren Dienst andere im Glauben gestärkt und für ihre eigenen Aufgaben vorbereitet werden. Die verschiedenen Dienste sind deshalb Ausdruck der Fürsorge Christi für seinen Leib. Ihre Bedeutung liegt nicht im persönlichen Ansehen der betreffenden Menschen, sondern in dem Auftrag, den Christus ihnen gegeben hat.

An erster Stelle nennt Paulus die Apostel. Das griechische Wort apostolos bezeichnet grundsätzlich einen Gesandten, der mit einem Auftrag ausgesandt wird. Im Neuen Testament besitzt dieser Begriff jedoch eine besondere Bedeutung, wenn er auf die von Christus berufenen Apostel angewendet wird. Sie waren Zeugen seiner Auferstehung und hatten den Auftrag, das Evangelium mit besonderer Vollmacht zu verkündigen (Apostelgeschichte 1,21–22; 1. Korinther 9,1). Ihre Verkündigung und Lehre bildeten eine grundlegende Grundlage für die entstehende Gemeinde. Bereits in Epheser 2,20 hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen auf dem Fundament der Apostel und Propheten aufgebaut sind, während Jesus Christus selbst der Eckstein ist. Das Fundament ist dabei nicht von Christus unabhängig. Vielmehr beruht die Autorität der apostolischen Verkündigung auf dem Herrn, der sie gesandt hat. Zugleich verwendet das Neue Testament den Begriff „Apostel“ nicht an jeder Stelle im gleich engen Sinn. Deshalb muss zwischen der besonderen grundlegenden Berufung der ersten Apostel und dem allgemeineren Gedanken eines von Christus ausgesandten Boten unterschieden werden.

Neben den Aposteln nennt Paulus die Propheten. Damit greift er einen Dienst auf, der bereits im Alten Testament von großer Bedeutung war. Propheten waren Menschen, denen Gott seine Botschaft anvertraute, damit sie seinen Willen bekannt machten, zur Umkehr aufriefen, ermutigten oder zukünftige Ereignisse ankündigten. Auch innerhalb der neutestamentlichen Gemeinde gab es Menschen mit prophetischen Gaben. In Apostelgeschichte 11,27–28 wird beispielsweise von dem Propheten Agabus berichtet, der eine bevorstehende Hungersnot ankündigte. Paulus erklärt in 1. Korinther 14,3, dass prophetisches Reden der Erbauung, Ermahnung und Tröstung der Gemeinde dienen soll. Prophetie war somit nicht ausschließlich auf Vorhersagen zukünftiger Ereignisse beschränkt. Gleichzeitig sollte prophetisches Reden geprüft werden (1. Korinther 14,29; 1. Thessalonicher 5,20–21). Daraus ergibt sich ein wichtiger Grundsatz: Eine beanspruchte prophetische Botschaft darf nicht ungeprüft angenommen werden, nur weil jemand sie als göttliche Offenbarung bezeichnet. Epheser 4 zeigt, dass Christus seiner Gemeinde prophetischen Dienst gegeben hat. Der Abschnitt legt jedoch nicht ausdrücklich fest, in welcher Form und Häufigkeit diese Gabe zu jeder späteren Zeit auftreten muss. Ebenso wenig enthält er die Aussage, dass sie mit dem Tod der ersten Apostel grundsätzlich unmöglich geworden wäre.

Als Nächstes folgen die Evangelisten. Ihre Aufgabe besteht besonders darin, die gute Nachricht von Jesus Christus zu verkündigen und Menschen mit der Botschaft der Erlösung bekannt zu machen. Ein biblisches Beispiel ist Philippus, der in Apostelgeschichte 21,8 ausdrücklich als Evangelist bezeichnet wird. Bereits in Apostelgeschichte 8 wird berichtet, wie er in Samaria Christus verkündigte und später einem äthiopischen Hofbeamten anhand der Schrift das Evangelium erklärte. Sein Dienst zeigt, dass Evangelisation sowohl durch die öffentliche Verkündigung vor größeren Menschengruppen als auch durch das persönliche Gespräch geschehen kann. Im Mittelpunkt steht dabei nicht der Verkündiger selbst, sondern die Botschaft von Jesus Christus. Evangelisten tragen dazu bei, dass Menschen zum Glauben finden und mit der Gemeinde verbunden werden. Ihre Aufgabe ergänzt damit die anderen geistlichen Dienste, denn eine Gemeinde soll nicht nur ihre bestehenden Mitglieder stärken, sondern auch das Evangelium zu Menschen bringen, die Christus noch nicht kennen.

Anschließend nennt Paulus Hirten und Lehrer. Im griechischen Satz sind diese beiden Bezeichnungen besonders eng miteinander verbunden. Das deutet darauf hin, dass der Hirtendienst und die Aufgabe des Lehrens eng zusammengehören, ohne dass daraus zwingend folgt, beide Begriffe müssten in jeder Hinsicht genau dasselbe Amt bezeichnen. Das Bild des Hirten war den ursprünglichen Lesern aus der Heiligen Schrift vertraut. Bereits im Alten Testament wird Gott als Hirte seines Volkes beschrieben (Psalm 23,1; Hesekiel 34,11–16). Jesus bezeichnet sich selbst als den guten Hirten, der seine Schafe kennt und sein Leben für sie lässt (Johannes 10,11–14). Wer innerhalb der Gemeinde einen Hirtendienst übernimmt, soll daher nicht über Menschen herrschen, sondern sie geistlich begleiten, schützen, ermutigen und ihnen helfen, auf dem Weg des Glaubens zu bleiben. Petrus fordert die Verantwortlichen ausdrücklich auf, Gottes Herde freiwillig und ohne Herrschsucht zu betreuen und ihr als Vorbilder zu dienen (1. Petrus 5,2–3).

Die Aufgabe der Lehrer ergänzt diese Fürsorge durch die verständliche Vermittlung und Erklärung von Gottes Wort. Geistliche Reife entsteht nicht allein durch Begeisterung oder religiöse Erfahrungen. Menschen müssen verstehen lernen, wer Gott ist, was Jesus Christus getan hat und welche Bedeutung seine Worte für ihr Leben besitzen. Eine sorgfältige biblische Unterweisung hilft den Gläubigen, ihre Überzeugungen auf eine tragfähige Grundlage zu stellen und zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden. Gerade deshalb gehört zum verantwortlichen Lehrdienst nicht nur die Fähigkeit, Wissen weiterzugeben, sondern auch die Bereitschaft, sich selbst der Autorität der Heiligen Schrift unterzuordnen. Lehrer sollen Menschen nicht von ihrer eigenen Person abhängig machen, sondern ihnen helfen, Christus besser kennenzulernen. Auch Hirten bleiben dabei selbst auf die Führung des guten Hirten angewiesen.

Nachdem Paulus diese verschiedenen Dienste genannt hat, erklärt er in Vers 12 ihren gemeinsamen Zweck. Christus hat sie gegeben, um die Heiligen für das Werk des Dienstes zuzurüsten und dadurch den Leib Christi aufzubauen. Der Ausdruck „Heilige“ meint hier nicht eine kleine Gruppe besonders vollkommener Christen, die aufgrund außergewöhnlicher Leistungen über anderen stehen. Bereits in Epheser 1,1 hatte Paulus die Gläubigen als Heilige angesprochen. Gemeint sind Menschen, die durch ihre Zugehörigkeit zu Christus Gott geweiht sind. Sie haben eine neue Stellung empfangen und sind zugleich dazu berufen, dieser Stellung entsprechend zu leben. Wenn Paulus nun von der Zurüstung der Heiligen spricht, bezieht er deshalb die gesamte Gemeinde ein.

Gerade die Formulierung „für das Werk des Dienstes“ ist von großer Bedeutung. Paulus beschreibt die genannten geistlichen Mitarbeiter nicht als eine besondere Gruppe, die sämtliche Aufgaben übernehmen soll, während die übrigen Gläubigen lediglich zuhören und empfangen. Die Dienste sollen vielmehr dazu beitragen, dass die Gläubigen selbst für ihren Dienst befähigt werden. Das griechische Wort für „Zurüstung“ bezeichnet in diesem Zusammenhang das geeignete Vorbereiten und Befähigen für eine Aufgabe. Es geht nicht lediglich um das Ansammeln religiösen Wissens, sondern darum, dass Menschen durch geistliche Unterweisung, Begleitung und Förderung fähig werden, entsprechend ihrer Berufung zu handeln. Auch die Satzstruktur unterstützt diese Zielrichtung: Die Zurüstung der Gläubigen führt zum Werk des Dienstes, das wiederum dem Aufbau des Leibes Christi dient.

Damit wird eine grundlegende Wahrheit über das Wesen der Gemeinde sichtbar. Christlicher Dienst ist nicht auf wenige besonders begabte oder offiziell beauftragte Personen beschränkt. Jeder Gläubige soll entsprechend den Möglichkeiten, die Gott ihm schenkt, zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Das kann durch die Verkündigung des Evangeliums geschehen, durch seelsorgerliche Begleitung, durch praktische Hilfe, durch Ermutigung oder durch andere Formen verantwortlicher Mitarbeit. Nicht jede Aufgabe ist gleichermaßen sichtbar, doch alle können dem Aufbau der Gemeinde dienen. Paulus erklärt in 1. Korinther 12,22–25 sogar, dass diejenigen Glieder des Leibes, die schwächer erscheinen, unentbehrlich sind. Deshalb darf die Gemeinde den Wert eines Menschen nicht danach beurteilen, wie öffentlich sein Dienst wahrgenommen wird. Entscheidend ist, dass jeder seine Gaben in Liebe und Verantwortung einsetzt.

Der Ausdruck „Erbauung des Leibes Christi“ führt das Bild der Gemeinde als lebendigen Organismus weiter. Paulus verbindet hier Vorstellungen, die er bereits zuvor verwendet hat. In Epheser 2,20–22 beschreibt er die Gläubigen als ein geistliches Gebäude, das auf Christus gegründet ist und zu einer Wohnung Gottes im Geist heranwächst. In Epheser 4 spricht er nun vom Leib Christi, der aufgebaut werden soll. Beide Bilder machen deutlich, dass die Gemeinde nicht einfach eine menschliche Organisation ist, deren Erfolg ausschließlich von äußeren Strukturen abhängt. Sie ist eine von Christus gegründete Gemeinschaft, deren Glieder geistlich miteinander verbunden sind. Ihre Erbauung bedeutet deshalb mehr als die Vergrößerung ihrer Mitgliederzahl oder die Erweiterung ihrer Einrichtungen. Sie umfasst insbesondere die Stärkung des Glaubens, das Wachstum in der Erkenntnis Gottes und die Entwicklung einer Lebensweise, die Christus entspricht.

In Vers 13 beschreibt Paulus, auf welches Ziel diese geistlichen Dienste ausgerichtet sind. Sie sollen dazu beitragen, dass alle Gläubigen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen. Auf den ersten Blick könnte diese Aussage überraschen, denn bereits in Vers 5 hatte Paulus erklärt, dass es nur einen Glauben gibt. Weshalb spricht er nun davon, dass die Gläubigen erst noch zur Einheit des Glaubens gelangen sollen? Der scheinbare Widerspruch löst sich, wenn man zwischen der bereits geschenkten gemeinsamen Glaubensgrundlage und dem fortschreitenden Wachstum in dieser Gemeinschaft unterscheidet. Die Gläubigen gehören durch Christus bereits zusammen. Dennoch sind ihre Erkenntnis, ihre geistliche Reife und ihre Fähigkeit, Gottes Wahrheit zu verstehen und entsprechend zu handeln, noch nicht vollständig entwickelt. Die vorhandene Einheit soll deshalb immer tiefer im gemeinsamen Glauben verwurzelt werden.

Dabei verbindet Paulus die Einheit des Glaubens ausdrücklich mit der Erkenntnis des Sohnes Gottes. Diese Erkenntnis ist mehr als das Wissen über einzelne Ereignisse aus dem Leben Jesu oder die Fähigkeit, bestimmte Glaubenssätze wiederzugeben. Sie umfasst das wachsende Verständnis seiner Person, seines Erlösungswerkes, seiner Lehre und seiner Bedeutung für das eigene Leben. Schon in Epheser 1,17–18 hatte Paulus darum gebetet, dass Gott den Gläubigen Weisheit und Offenbarung zur Erkenntnis seiner selbst schenken und die Augen ihres Herzens erleuchten möge. Wahre geistliche Erkenntnis ist somit nicht bloß eine menschliche Denkleistung. Sie wächst dort, wo Menschen Gottes Wort aufnehmen, Christus vertrauen und ihr Leben zunehmend nach seinem Willen ausrichten. Zugleich darf persönliche Glaubenserfahrung niemals gegen die Wahrheit der Schrift ausgespielt werden. Gerade weil Paulus die Erkenntnis Christi als gemeinsames Ziel nennt, muss sie an dem Christus ausgerichtet bleiben, der durch das Evangelium verkündigt wird.

Anschließend verwendet Paulus das Bild eines „vollkommenen Mannes“. Diese Formulierung bedarf einer sorgfältigen Erklärung, weil das Wort „vollkommen“ leicht missverstanden werden kann. Im griechischen Grundtext steht hier ein Ausdruck, der im Zusammenhang besonders einen erwachsenen, ausgereiften Menschen beschreibt. Paulus verwendet damit das Bild des menschlichen Wachstums, um den Unterschied zwischen geistlicher Unreife und geistlicher Mündigkeit zu verdeutlichen. Dass er gerade diesen Gegensatz meint, wird im folgenden Vers deutlich, wo er davor warnt, dass die Gläubigen unmündigen Kindern gleichen, die von jeder neuen Lehre hin und her bewegt werden. Der „vollkommene Mann“ bezeichnet deshalb zunächst das Ziel einer gefestigten, erwachsenen Glaubensgemeinschaft.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus nicht von vielen vollkommenen Männern spricht, sondern die Einzahl verwendet. Damit setzt er das zuvor verwendete Bild des einen Leibes fort. Die vielen Gläubigen sollen gemeinsam zu einem geistlich reifen Ganzen heranwachsen. Schon in Epheser 2,15 hatte Paulus beschrieben, dass Christus aus den zuvor getrennten Menschen einen neuen Menschen geschaffen hat. Die Gemeinde soll nun in dieser neuen, durch Christus begründeten Gemeinschaft zur Reife gelangen. Der Ausdruck ist deshalb keine besondere Forderung an das männliche Geschlecht und auch keine Behauptung, ein einzelner Christ müsse bereits in seinem gegenwärtigen Leben jede denkbare Stufe geistlicher Entwicklung vollständig abgeschlossen haben. Vielmehr beschreibt Paulus das gemeinsame Ziel, auf das Christus seine Gemeinde hinführt.

Damit wird die Bedeutung der geistlichen Vollkommenheit genauer erkennbar. Der biblische Begriff darf weder abgeschwächt noch überdehnt werden. Paulus erwartet wirkliches Wachstum, zunehmende Heiligung und einen Glauben, der nicht dauerhaft in Unwissenheit oder Unmündigkeit verharrt. Gleichzeitig spricht er hier nicht ausdrücklich davon, dass jeder Gläubige schon jetzt einen Zustand erreicht, in dem keine weitere Erkenntnis, Korrektur oder Entwicklung mehr nötig wäre. In Philipper 3,12–14 bekennt Paulus selbst, dass er das endgültige Ziel noch nicht ergriffen hat, sondern ihm weiter nachjagt. Der Weg christlicher Reife ist daher von ernsthaftem Wachstum und beständiger Abhängigkeit von Christus geprägt. Die endgültige Vollendung der Erlösung bleibt zugleich mit der zukünftigen Hoffnung der Gläubigen verbunden.

Den Maßstab dieses Wachstums beschreibt Paulus am Ende von Vers 13 mit der „vollen Größe Christi“. Das ist eine außergewöhnlich hohe Zielsetzung. Die Gemeinde soll sich nicht mit menschlichen Vergleichen zufriedengeben oder ihre geistliche Reife daran messen, ob sie besser erscheint als andere Gemeinschaften. Jesus Christus selbst ist der Maßstab. An ihm wird erkennbar, wie Gottes Wahrheit, Liebe, Heiligkeit, Demut und Treue vollkommen miteinander verbunden sind. Dabei bedeutet das Wachstum zur Fülle Christi nicht, dass Menschen zu göttlichen Wesen werden oder dieselbe Stellung wie der Sohn Gottes erhalten. Es geht um die zunehmende Übereinstimmung mit seinem Wesen und darum, dass seine Gemeinde als sein Leib immer deutlicher widerspiegelt, wem sie gehört. Paulus spricht an anderer Stelle davon, dass die Gläubigen in das Bild Christi verwandelt werden (2. Korinther 3,18). Diese Verwandlung geschieht durch das Wirken Gottes und soll im Charakter und Verhalten der Gläubigen sichtbar werden.

Die Worte „bis wir alle“ unterstreichen schließlich, dass Paulus den gesamten Leib Christi vor Augen hat. Geistliche Reife ist nicht das ausschließliche Ziel einzelner Leiter, besonders erfahrener Christen oder außergewöhnlich begabter Menschen. Alle Gläubigen sind eingeladen und aufgerufen, in der Erkenntnis des Sohnes Gottes zu wachsen. Deshalb darf geistliche Leitung nicht darauf ausgerichtet sein, Menschen dauerhaft abhängig und unmündig zu halten. Ihr Auftrag besteht gerade darin, sie zu befähigen, im Glauben selbstständig und verantwortungsvoll zu handeln. Je besser dieser Auftrag erfüllt wird, desto stärker wird die Gemeinde als Ganzes. Ob und in welcher Weise jeder der genannten Dienste während sämtlicher späterer Epochen der Kirchengeschichte in derselben Form vorhanden sein muss, legt dieser Abschnitt nicht im Einzelnen fest. Unmissverständlich ist jedoch, dass die Aufgabe der geistlichen Zurüstung und des Wachstums bestehen bleibt, solange die Gemeinde dieses Ziel noch nicht vollständig erreicht hat.

So entsteht aus den Versen 11–13 ein zusammenhängendes Bild von Christi Fürsorge für seine Gemeinde. Der erhöhte Herr schenkt unterschiedliche Dienste, damit Menschen befähigt werden, einander zu helfen und gemeinsam im Glauben zu wachsen. Die Verschiedenheit der Gaben soll nicht zu Konkurrenz oder geistlicher Überlegenheit führen, sondern dem Aufbau des einen Leibes dienen. Entscheidend ist dabei nicht, wie viele besondere Ämter eine Gemeinde besitzt oder wie beeindruckend einzelne Mitarbeiter auftreten. Entscheidend ist, ob ihr Dienst dazu beiträgt, dass die Gläubigen Christus tiefer erkennen, in seiner Wahrheit gefestigt werden und seinem Wesen ähnlicher werden.

Warum diese geistliche Reife so dringend notwendig ist, erklärt Paulus unmittelbar in den folgenden Versen. Denn eine Gemeinde, die im Glauben unmündig bleibt, ist anfällig für irreführende Lehren und menschliche Täuschung. Dagegen sollen die Gläubigen lernen, an der Wahrheit festzuhalten und zugleich in der Liebe zu wachsen. So wird der Leib Christi nicht durch menschliche Macht oder äußeren Zwang zusammengehalten, sondern durch die lebendige Verbindung zu seinem Haupt, Jesus Christus.

Epheser 4,14–16

In Wahrheit und Liebe zu Christus hinwachsen

Nachdem Paulus das Ziel der geistlichen Reife beschrieben hat, erklärt er nun, weshalb dieses Wachstum für die Gemeinde so wichtig ist. In Epheser 4,14 spricht er davon, dass die Gläubigen nicht länger unmündigen Kindern gleichen sollen, die von jedem Wind der Lehre hin und her bewegt werden. Mit diesem anschaulichen Vergleich beschreibt er die Gefahr eines Glaubens, der noch keine feste Grundlage besitzt. So wie ein kleines Kind vieles erst lernen muss und sich leicht von äußeren Eindrücken beeinflussen lässt, kann auch ein geistlich unerfahrener Mensch durch überzeugend klingende Aussagen verunsichert oder in eine falsche Richtung geführt werden. Paulus verurteilt damit nicht Menschen, die erst am Anfang ihres Glaubens stehen. Geistliche Unreife ist zunächst ein natürlicher Ausgangspunkt, von dem aus Wachstum möglich und notwendig ist. Problematisch wird sie dort, wo Menschen dauerhaft ohne ausreichende Erkenntnis bleiben und deshalb nicht lernen, Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden.

Das Bild vom Hin- und Hergeworfenwerden verstärkt diesen Gedanken. Paulus verwendet eine Sprache, die an ein Schiff erinnert, das durch Wellen und wechselnde Winde seinen Kurs verliert. Solange es keine sichere Orientierung besitzt, wird seine Richtung von den äußeren Kräften bestimmt. Ähnlich kann es einem Menschen ergehen, dessen Glaubensüberzeugungen vor allem davon abhängen, welche religiöse Aussage er zuletzt gehört hat. Begegnet er einem eindrucksvollen Redner, übernimmt er dessen Ansichten. Hört er später eine andere, ebenso überzeugend vorgetragene Erklärung, verwirft er seine bisherigen Überzeugungen wieder. Dabei muss ihm nicht einmal bewusst sein, dass seine Vorstellungen einander widersprechen. Entscheidend ist für ihn möglicherweise weniger die biblische Begründung als die Sicherheit, Begeisterung oder persönliche Ausstrahlung desjenigen, der eine Lehre vertritt. Genau vor einer solchen Abhängigkeit von wechselnden menschlichen Einflüssen möchte Paulus die Gläubigen bewahren.

Dabei bezeichnet der Ausdruck „jeder Wind der Lehre“ nicht einfach jede neue Erkenntnis als gefährlich. Auch ein geistlich reifer Christ kann etwas dazulernen, eine bisherige Auffassung korrigieren oder durch gründlicheres Bibelstudium zu einem tieferen Verständnis gelangen. Paulus selbst fordert die Gläubigen dazu auf, in der Erkenntnis Christi zu wachsen. Das Problem besteht deshalb nicht darin, dass sich das Verständnis eines Menschen weiterentwickelt. Gefährlich wird es, wenn Überzeugungen ohne sorgfältige Prüfung übernommen werden oder wenn die Lehre nicht mehr am Evangelium Jesu Christi ausgerichtet ist. Die Bibel beschreibt eine andere Haltung am Beispiel der Menschen in Beröa. Sie nahmen die Verkündigung des Paulus bereitwillig auf, untersuchten aber zugleich täglich die Schriften, um zu prüfen, ob seine Aussagen zutrafen (Apostelgeschichte 17,11). Ihr Vertrauen auf Gottes Wort schloss sorgfältiges Nachdenken nicht aus, sondern machte es gerade notwendig.

Paulus geht jedoch noch weiter. Er warnt nicht nur vor wechselnden Lehrmeinungen, sondern auch vor Menschen, die andere durch geschickte Täuschung zum Irrtum verführen. In Epheser 4,14 spricht er von menschlicher Schlauheit und einer Vorgehensweise, die bewusst auf Irreführung ausgerichtet ist. Der griechische Ausdruck, der in der Schlachter-Übersetzung von 1951 mit „Spielerei der Menschen“ wiedergegeben wird, stammt aus dem Bereich des Würfelspiels und kann mit betrügerischen Machenschaften verbunden sein. Im Zusammenhang beschreibt Paulus damit kein harmloses Spiel, sondern ein Vorgehen, bei dem andere durch List und geschickte Einflussnahme getäuscht werden. Eine falsche Lehre muss demnach nicht immer offensichtlich widersinnig erscheinen. Sie kann sorgfältig aufgebaut sein, überzeugende Worte verwenden und sogar einzelne biblische Aussagen enthalten, die jedoch aus ihrem Zusammenhang gelöst oder in eine falsche Richtung gelenkt werden.

Gerade darin liegt eine ernsthafte Gefahr. Menschen lassen sich nicht ausschließlich durch offene Angriffe auf ihren Glauben beeinflussen. Manchmal beginnt Irreführung damit, dass eine richtige Aussage übermäßig betont wird, während andere notwendige Wahrheiten verschwiegen werden. Auch das Berufungsbewusstsein eines Lehrers, sein persönliches Ansehen oder seine Fähigkeit, starke Gefühle hervorzurufen, können dazu führen, dass seine Aussagen weniger kritisch geprüft werden. Jesus selbst warnte davor, dass falsche Propheten äußerlich harmlos erscheinen können, während ihre tatsächliche Wirkung zerstörerisch ist (Matthäus 7,15–20). Auch Paulus erklärte den Ältesten von Ephesus, dass Männer auftreten würden, die verkehrte Dinge reden, um Menschen hinter sich herzuziehen (Apostelgeschichte 20,29–30). Solche Warnungen zeigen, dass die Gemeinde nicht nur vor offenkundigem Unglauben geschützt werden muss, sondern auch vor religiöser Täuschung, die innerhalb einer Glaubensgemeinschaft entstehen kann.

Die Antwort auf diese Gefahr besteht allerdings nicht darin, grundsätzlich jedem Menschen zu misstrauen oder jede abweichende Meinung sofort als bewusste Verführung zu verurteilen. Nicht jeder, der eine falsche Auffassung vertritt, handelt absichtlich betrügerisch. Menschen können irren, weil sie unzureichend unterrichtet wurden, bestimmte Zusammenhänge übersehen oder selbst durch andere beeinflusst worden sind. Deshalb fordert Paulus die Gläubigen nicht zu einer Haltung ständiger Verdächtigung auf. Vielmehr sollen sie geistlich erwachsen werden und lernen, Aussagen am Wort Gottes zu prüfen. In 1. Thessalonicher 5,21 verbindet er diese Verantwortung mit der Aufforderung, alles zu prüfen und das Gute festzuhalten. Reifer Glaube bedeutet somit weder leichtgläubige Zustimmung noch grundsätzliche Ablehnung, sondern eine auf Gottes Wahrheit gegründete Urteilsfähigkeit.

In Vers 15 stellt Paulus der geistlichen Unmündigkeit eine andere Lebenshaltung gegenüber. Die Gläubigen sollen „wahrhaftig in der Liebe“ sein und in allen Bereichen zu Christus hinwachsen. Diese Formulierung ist besonders gehaltvoll. Im griechischen Grundtext steht ein Verb, das mit dem Wort für Wahrheit zusammenhängt und sowohl das Festhalten an der Wahrheit als auch ein wahrhaftiges Verhalten ausdrücken kann. Paulus spricht daher nicht nur davon, dass Christen richtige Lehren kennen oder wahre Aussagen aussprechen sollen. Die Wahrheit soll ihr Denken, Reden und Handeln bestimmen. Sie sollen Menschen werden, deren äußeres Verhalten mit dem übereinstimmt, was sie vor Gott als richtig erkannt haben. Wahrheit ist in diesem Zusammenhang nicht bloß ein Bestand an Informationen, sondern eine Lebenswirklichkeit, die den gesamten Menschen prägen soll.

Unmittelbar damit verbindet Paulus die Liebe. Diese Verbindung ist entscheidend, weil Wahrheit und Liebe leicht gegeneinander ausgespielt werden können. Manche Menschen halten es für ausreichend, sachlich recht zu haben, selbst wenn sie ihre Überzeugungen in einer verletzenden oder hochmütigen Weise vertreten. Andere wiederum möchten um jeden Preis freundlich erscheinen und vermeiden deshalb jede notwendige Auseinandersetzung mit falschen Vorstellungen oder sündhaftem Verhalten. Paulus weist einen Weg, der beide Einseitigkeiten überwindet. Die Wahrheit soll nicht durch Härte entstellt werden, und die Liebe darf nicht zur Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Wort werden. Beides gehört untrennbar zusammen, weil Christus selbst sowohl die Wahrheit offenbart als auch Gottes Liebe sichtbar gemacht hat.

Wie diese Verbindung praktisch aussehen kann, wird besonders dort deutlich, wo ein Mensch korrigiert werden muss. Wer ausschließlich darauf bedacht ist, einen Fehler aufzudecken und seine eigene Überlegenheit zu beweisen, mag inhaltlich richtige Aussagen machen und dennoch seinem Gegenüber erheblichen Schaden zufügen. Andererseits hilft es einem Menschen nicht, wenn man ihm aus falsch verstandener Rücksichtnahme eine notwendige Wahrheit vorenthält. In Galater 6,1 fordert Paulus die geistlich Gesinnten auf, einen Menschen, der von einer Verfehlung übereilt worden ist, im Geist der Sanftmut zurechtzubringen. Dabei sollen sie zugleich auf sich selbst achten. Diese Haltung entspricht dem Gedanken aus Epheser 4,15: Wahrheit soll dem anderen helfen, nicht ihn demütigen. Liebe wiederum sucht sein wirkliches Wohl und ist deshalb bereit, auch Schwieriges ehrlich anzusprechen.

Auffällig ist außerdem, dass Paulus die Wahrhaftigkeit in der Liebe unmittelbar mit geistlichem Wachstum verbindet. Er beschreibt kein starres Glaubensleben, in dem es lediglich darum geht, einen einmal erreichten Zustand zu bewahren. Die Gläubigen sollen vielmehr „in allen Stücken“ wachsen. Damit reicht die von Christus gewirkte Erneuerung über einzelne Bereiche des religiösen Lebens hinaus. Ein Mensch kann beispielsweise ein umfangreiches Bibelwissen besitzen und dennoch im Umgang mit anderen ungeduldig oder selbstgerecht handeln. Ein anderer kann hilfsbereit und freundlich sein, sich aber kaum mit der Frage beschäftigen, ob seine religiösen Überzeugungen tatsächlich dem Wort Gottes entsprechen. Paulus trennt diese Bereiche nicht voneinander. Das Wachstum soll sowohl das Verständnis der Wahrheit als auch den Charakter, die Beziehungen und die praktische Lebensführung umfassen.

Das Ziel dieses Wachstums ist Jesus Christus selbst. Paulus bezeichnet ihn am Ende von Vers 15 ausdrücklich als das Haupt des Leibes. Damit verbindet er das Bild des geistlichen Wachstums mit der bereits zuvor beschriebenen Gemeinde als einem Leib. Ein menschlicher Körper besteht aus vielen verschiedenen Gliedern, die nicht unabhängig voneinander leben und handeln können. Ebenso besitzt die christliche Gemeinde ihre geistliche Identität und ihren Zusammenhalt nicht aus sich selbst heraus. Christus ist ihr Haupt, das heißt, er besitzt die maßgebliche Stellung und Autorität über sie. Bereits in Epheser 1,22–23 hatte Paulus erklärt, dass Gott alles unter Christi Füße gelegt und ihn der Gemeinde als Haupt über alles gegeben hat. Seine Stellung beruht daher nicht auf einer von Menschen übertragenen Verantwortung. Sie gehört zu seiner einzigartigen Herrschaft als dem auferstandenen und erhöhten Herrn.

Wenn die Gemeinde zu Christus hinwachsen soll, bedeutet das auch, dass menschliche Leiter niemals zum endgültigen Mittelpunkt ihres Glaubens werden dürfen. Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer haben wichtige Aufgaben, doch sie bleiben Diener des einen Herrn. Ihre Verantwortung besteht darin, Menschen enger mit Christus zu verbinden, nicht sie dauerhaft an die eigene Person zu binden. Diese Unterscheidung schützt die Gemeinde vor einer gefährlichen Verwechslung menschlicher Autorität mit der Autorität Jesu. Kein geistlicher Mitarbeiter kann für sich beanspruchen, unabhängig von Christus die Wahrheit zu bestimmen oder über dem Wort Gottes zu stehen. Ebenso darf persönliche Loyalität gegenüber einem Lehrer nicht wichtiger werden als die Treue zum Herrn. Geistliches Wachstum führt Menschen deshalb nicht zu immer größerer Abhängigkeit von einer menschlichen Persönlichkeit, sondern zu einer tieferen und festeren Verbindung mit Jesus Christus.

In Vers 16 entfaltet Paulus dieses Bild weiter. Er beschreibt den ganzen Leib als eine lebendige Einheit, die von Christus aus zusammengefügt und durch ihre verschiedenen Verbindungen zusammengehalten wird. Dabei lenkt er den Blick auf die gegenseitige Unterstützung der einzelnen Glieder. Ein gesunder Körper funktioniert nicht dadurch, dass ein einziges Glied sämtliche Aufgaben übernimmt. Seine verschiedenen Teile sind aufeinander angewiesen und tragen entsprechend ihrer jeweiligen Funktion zum Leben des Ganzen bei. Paulus überträgt dieses Bild auf die Gemeinde, um zu zeigen, dass Christus seine Gläubigen nicht als voneinander unabhängige Einzelpersonen betrachtet. Sie gehören zusammen und sollen einander so unterstützen, dass der gesamte Leib gestärkt wird.

Besonders bedeutsam ist die Formulierung, dass jedes einzelne Glied nach dem Maß seiner Leistungsfähigkeit zum Wachstum beiträgt. Paulus erwartet nicht von allen Christen dieselbe Aufgabe oder denselben Umfang des Dienstes. Er berücksichtigt vielmehr, dass die Glieder unterschiedliche Funktionen besitzen. Gerade dadurch wird die Vielfalt der Gemeinde sinnvoll. Ein Mensch kann andere durch verständliche biblische Unterweisung stärken, während ein anderer besondere Fähigkeiten besitzt, Menschen in schwierigen Lebenssituationen beizustehen. Wieder andere leisten durch praktische Hilfe, Ermutigung oder treuen Dienst einen wichtigen Beitrag. Entscheidend ist nicht, dass jeder möglichst viele Aufgaben übernimmt, sondern dass die vorhandenen Gaben entsprechend ihrer Bestimmung eingesetzt werden. Niemand soll sich aufgrund seiner Fähigkeiten über andere erheben, und niemand soll meinen, sein Beitrag sei deshalb wertlos, weil er weniger sichtbar ist.

Dabei muss eine wichtige Aussage des Verses beachtet werden: Der Leib wächst „von welchem aus“, also von Christus her. Das Wachstum der Gemeinde entspringt nicht einer eigenständigen menschlichen Kraft, die Christus lediglich gelegentlich unterstützt. Vielmehr ist Christus selbst der Ursprung des Lebens und der geistlichen Befähigung. Die Gläubigen haben wirklich etwas beizutragen, aber ihr Dienst bleibt von der Verbindung zu ihm abhängig. Jesus hat diesen Zusammenhang mit dem Bild des Weinstocks und der Reben erklärt. In Johannes 15,4–5 beschreibt er, dass eine Rebe nur Frucht bringen kann, wenn sie mit dem Weinstock verbunden bleibt. Ebenso können seine Jünger ohne ihn keine bleibende geistliche Frucht hervorbringen. Paulus verwendet in Epheser 4 ein anderes Bild, doch der grundlegende Gedanke ist verwandt: Christus ist die Quelle, aus der seine Gemeinde lebt und wächst.

Die Aussage, dass der Leib sich selbst erbaut, widerspricht dieser Abhängigkeit keineswegs. Sie beschreibt vielmehr, wie Christus durch das Zusammenwirken seiner Glieder das Wachstum der Gemeinde bewirkt. Die Gläubigen bleiben nicht untätig, während Gott unabhängig von ihrem Handeln alles ausführt. Sie werden vielmehr durch seine Gaben befähigt, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Darin zeigt sich eine wichtige Verbindung zwischen Gottes Wirken und menschlichem Handeln. Geistliches Wachstum ist Gottes Werk, aber es soll im Leben seiner Kinder konkrete Gestalt annehmen. Wer seine Fähigkeiten aus Gleichgültigkeit ungenutzt lässt oder sich bewusst von der Gemeinschaft zurückzieht, übersieht deshalb einen wesentlichen Teil der Verantwortung, die Paulus mit der Zugehörigkeit zum Leib Christi verbindet.

Am Ende von Vers 16 führt Paulus seine Ausführungen erneut zur Liebe zurück. Der ganze Leib soll sich „in Liebe“ aufbauen. Damit schließt sich der gedankliche Kreis zu den ersten Versen des Kapitels, in denen Demut, Sanftmut, Geduld und gegenseitige Liebe als Voraussetzungen für die Bewahrung der Einheit beschrieben wurden. Nun erscheint die Liebe als die Umgebung, in der das gemeinsame Wachstum geschieht. Selbst die besten Fähigkeiten können ihren eigentlichen Zweck verfehlen, wenn sie von Stolz, Konkurrenzdenken oder dem Wunsch nach persönlicher Anerkennung bestimmt werden. Bereits in 1. Korinther 13,1–3 hatte Paulus erklärt, dass außergewöhnliche geistliche Fähigkeiten ohne Liebe ihren entscheidenden Wert verlieren. Geistliche Gaben sind deshalb nicht schon durch ihre bloße Existenz ein Zeichen reifer Christusnachfolge. Ihre gottgewollte Wirkung zeigt sich dort, wo sie in Liebe zum Wohl anderer eingesetzt werden.

Aus diesen drei Versen entsteht ein eindrucksvolles Bild geistlicher Reife. Ein mündiger Christ ist nicht jemand, der glaubt, bereits alles zu wissen, jede Frage beantworten zu können oder niemals mehr eine Korrektur zu benötigen. Geistliche Reife zeigt sich vielmehr darin, dass ein Mensch zunehmend fest in Gottes Wahrheit gegründet ist, irreführende Einflüsse erkennen kann, bereit bleibt zu lernen und seine Überzeugungen in Liebe lebt. Ebenso besteht eine reife Gemeinde nicht einfach aus vielen kenntnisreichen Einzelpersonen. Sie ist eine Gemeinschaft, deren Glieder miteinander verbunden bleiben, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam Christus ähnlicher werden.

Damit beendet Paulus den Abschnitt über die Einheit, die geistlichen Gaben und das Wachstum der Gemeinde. Seine Gedanken haben sich schrittweise entwickelt: Die Gläubigen sollen die von Gott geschenkte Einheit bewahren, die unterschiedlichen Gaben Christi zum gemeinsamen Aufbau einsetzen und in Wahrheit und Liebe geistlich reifen. Doch dieses Wachstum betrifft nicht nur das Zusammenleben innerhalb der Gemeinde. Es verlangt auch eine grundlegende Veränderung der persönlichen Lebensführung. Deshalb wendet sich Paulus ab Vers 17 dem Gegensatz zwischen dem früheren Leben ohne Gott und dem neuen Leben in Christus zu. Was bisher als gemeinsames Ziel der Gemeinde beschrieben wurde, soll nun im Denken, Wollen und Handeln jedes einzelnen Gläubigen sichtbar werden.

Epheser 4,17–19

Die Entfremdung von Gott und ihre Folgen

Mit Vers 17 beginnt Paulus einen neuen Abschnitt seiner Ermahnungen. Nachdem er erklärt hat, wie die Gemeinde zur Einheit des Glaubens und zur geistlichen Reife gelangen soll, richtet er den Blick nun auf die persönliche Lebensführung der Gläubigen. Dabei spricht er mit besonderem Nachdruck. Er sagt nicht lediglich, dass eine bestimmte Lebensweise empfehlenswert wäre, sondern erklärt, dass er seine Aufforderung „im Herrn“ bezeugt. Damit unterstreicht er den Ernst seiner Worte und verbindet sie mit der Autorität Jesu Christi. Wer zu Christus gehört, soll nicht einfach sein bisheriges Leben unverändert fortsetzen. Die Beziehung zu Jesus verlangt eine neue Ausrichtung des Denkens, Wollens und Handelns. Deshalb fordert Paulus die Gläubigen auf, nicht länger so zu leben wie Menschen, deren Lebensführung von Gott entfremdet ist.

Bemerkenswert ist, dass Paulus seine Warnung mit dem früheren Leben der Heiden verbindet. Dabei muss der geschichtliche Zusammenhang berücksichtigt werden. Viele der Gläubigen, an die sich der Brief richtet, stammten selbst aus den nichtjüdischen Völkern. Paulus hatte sie bereits in Epheser 2,11–12 an ihre frühere Stellung erinnert, als sie noch außerhalb der Bundesverheißungen Israels standen und ohne die Hoffnung lebten, die sie inzwischen durch Christus empfangen hatten. Wenn er nun davor warnt, weiterhin wie die Heiden zu leben, richtet sich seine Aussage deshalb nicht gegen eine bestimmte ethnische Herkunft. Er beschreibt vielmehr den Gegensatz zwischen einem Leben, das von Gott getrennt ist, und einem Leben, das durch Christus erneuert wird. Die Gläubigen sollen nicht zu ihrer früheren geistlichen Ausrichtung zurückkehren. Ihre Herkunft bestimmt nicht mehr ihre Lebensweise; entscheidend ist ihre neue Zugehörigkeit zu Jesus Christus.

Paulus beginnt seine Beschreibung dieser früheren Lebensweise mit einer ungewöhnlichen Formulierung. Er spricht in Vers 17 von der „Eitelkeit ihres Sinnes“. Das Wort „Eitelkeit“ darf hier nicht im heutigen alltäglichen Sinn verstanden werden, als ginge es lediglich um übertriebene Selbstbewunderung oder den Wunsch, besonders schön und angesehen zu erscheinen. Der zugrunde liegende griechische Begriff bezeichnet vielmehr Nichtigkeit, Vergeblichkeit oder eine innere Leere. Paulus beschreibt damit ein Denken, das sein eigentliches Ziel verfehlt, weil ihm die Ausrichtung auf Gott fehlt. Ein Mensch kann durchaus klug sein, umfangreiche Kenntnisse besitzen und bemerkenswerte Leistungen vollbringen, während ihm dennoch das Verständnis für den höchsten Sinn seines Lebens fehlt. Die geistliche Leere, von der Paulus spricht, ist deshalb nicht mit einem Mangel an menschlicher Intelligenz gleichzusetzen.

Dieser Gedanke wird verständlicher, wenn man berücksichtigt, wie die Bibel das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen beschreibt. Nach 1. Mose 1,26–27 wurde der Mensch nach Gottes Bild geschaffen. Sein Leben besitzt daher eine von Gott gegebene Würde und Bestimmung. Er ist nicht lediglich dazu berufen, seine eigenen Wünsche zu erfüllen, sondern in einer lebendigen Beziehung zu seinem Schöpfer zu stehen und dessen Willen in seinem Leben widerzuspiegeln. Wird Gott aus dieser grundlegenden Beziehung verdrängt, kann der Mensch zwar weiterhin zahlreiche irdische Ziele verfolgen, doch die Verbindung zum eigentlichen Ursprung und Ziel seines Lebens geht verloren. Genau diese tiefere Orientierungslosigkeit beschreibt Paulus mit der Nichtigkeit des Denkens. Es geht nicht darum, dass alles, was ein Mensch ohne bewussten Glauben tut, grundsätzlich wertlos wäre. Vielmehr fehlt seinem Denken die geistliche Ausrichtung, durch die er sein Leben im Licht Gottes verstehen und gestalten könnte.

In Vers 18 beschreibt Paulus diese innere Situation noch genauer. Er spricht von Menschen, deren Verstand verfinstert ist und die dem Leben Gottes entfremdet sind. Die Verfinsterung des Verstandes bedeutet nicht, dass ein Mensch unfähig geworden wäre, logisch zu denken, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen oder zwischen alltäglich richtigem und falschem Verhalten zu unterscheiden. Paulus richtet den Blick besonders auf das geistliche Verständnis. Ein Mensch kann viele Zusammenhänge dieser Welt erkennen und dennoch Gottes Wesen, seinen Willen und die Bedeutung der Erlösung nicht richtig verstehen. Schon in Römer 1,21 hatte Paulus einen ähnlichen Zusammenhang beschrieben. Dort erklärt er, dass Menschen Gott zwar erkennen konnten, ihn aber nicht entsprechend ehrten und ihr Denken dadurch in eine verkehrte Richtung geriet. Die Finsternis des Verstandes steht somit in Verbindung mit einer gestörten Beziehung zu Gott und beeinflusst die Art, wie Menschen ihr Leben beurteilen.

Die Formulierung „dem Leben Gottes entfremdet“ gehört zu den tiefsten Aussagen dieses Abschnitts. Paulus beschreibt damit nicht einfach einen Menschen, der bestimmte religiöse Kenntnisse noch nicht erworben hat. Er spricht von einer Trennung von dem Leben, das seinen Ursprung in Gott hat und durch die Gemeinschaft mit ihm geprägt wird. Gott ist nach der Bibel nicht nur der Schöpfer des äußeren Lebens, sondern auch die Quelle des geistlichen Lebens. Jesus erklärte in Johannes 17,3, dass das ewige Leben darin besteht, den allein wahren Gott und den von ihm gesandten Jesus Christus zu erkennen. Dieses Erkennen meint mehr als theoretisches Wissen. Es beschreibt eine wirkliche Beziehung, die auf Glauben, Vertrauen und Gemeinschaft beruht. Wer von diesem Leben entfremdet ist, kann körperlich lebendig, gesellschaftlich erfolgreich und äußerlich zufrieden sein, während ihm die erneuernde Gemeinschaft mit Gott fehlt.

Bereits in Epheser 2,1–5 hatte Paulus denselben grundlegenden Gegensatz angesprochen. Dort beschrieb er die Gläubigen als Menschen, die früher durch ihre Übertretungen und Sünden geistlich tot waren, durch Gottes Barmherzigkeit aber mit Christus lebendig gemacht wurden. Der geistliche Tod bedeutet nicht, dass der Mensch aufgehört hätte zu existieren oder keinerlei gute Handlung mehr ausführen könnte. Er bezeichnet seine Trennung von Gott durch die Sünde. Das neue Leben entsteht deshalb nicht allein dadurch, dass ein Mensch bessere Gewohnheiten entwickelt oder sich größere religiöse Kenntnisse aneignet. Es ist Gottes rettendes Handeln, das die gestörte Beziehung wiederherstellt. Diese Verbindung hilft, Epheser 4,18 richtig zu verstehen: Die Entfremdung vom Leben Gottes beschreibt den Zustand, aus dem Christus die Gläubigen befreit hat und in den sie nicht zurückkehren sollen.

Als Ursache dieser Entfremdung nennt Paulus die Unwissenheit, die in den Menschen vorhanden ist, und die Verhärtung ihres Herzens. Diese beiden Begriffe gehören eng zusammen. Auf den ersten Blick könnte man annehmen, dass Paulus lediglich einen Mangel an religiöser Bildung beschreibt. Doch seine Worte gehen tiefer. Die Unwissenheit steht hier in Verbindung mit einer inneren Haltung, die sich gegenüber Gottes Wahrheit verschließt. Das Herz bezeichnet in der biblischen Sprache nicht nur den Bereich der Gefühle, sondern auch das innere Zentrum des Menschen, in dem Überzeugungen, Entscheidungen und Wünsche ihren Ursprung haben. Ein verhärtetes Herz ist deshalb nicht einfach ein Mensch mit wenig Wissen, sondern ein Mensch, dessen innere Haltung für Gottes Wahrheit zunehmend unempfänglich geworden ist.

Das Bild der Herzensverhärtung besitzt bereits im Alten Testament eine wichtige Bedeutung. Besonders deutlich begegnet es in der Geschichte des Pharaos, der Gottes Aufforderung wiederholt widerstand und sich weigerte, Israel ziehen zu lassen (2. Mose 7–11). Dabei zeigt die Erzählung, wie eng menschliche Verantwortung und die zunehmende Verfestigung einer widerständigen Haltung miteinander verbunden sein können. Auch in Psalm 95,7–8 wird das Volk Gottes davor gewarnt, sein Herz gegenüber Gottes Stimme zu verhärten. Die Gefahr besteht darin, dass ein Mensch Gottes Willen zwar wahrnimmt, ihn aber nicht annehmen möchte. Wird eine solche Haltung beständig gepflegt, kann seine Bereitschaft schwinden, auf Gottes Wahrheit zu hören. Die Verhärtung ist somit nicht bloß ein intellektuelles Problem. Sie betrifft die innere Einstellung des Menschen gegenüber seinem Schöpfer.

Dabei darf die Aussage des Paulus nicht so verstanden werden, als sei jede Unwissenheit automatisch eine bewusste Auflehnung gegen Gott. Die Bibel unterscheidet zwischen Menschen, die aus Unkenntnis handeln, und solchen, die erkannte Wahrheit absichtlich zurückweisen. Paulus selbst erklärte rückblickend, dass er während seiner Verfolgung der Christen unwissend und im Unglauben gehandelt hatte und dennoch Gottes Barmherzigkeit empfing (1. Timotheus 1,13). Epheser 4,18 beschreibt deshalb keine allgemeine Regel, nach der jeder Mensch ohne ausreichende Gotteserkenntnis bereits bewusst alle verfügbaren Wahrheiten abgelehnt hätte. Der Text zeigt vielmehr, wie eng geistliche Unwissenheit und die Haltung des Herzens zusammenwirken können. Wo sich ein Mensch gegenüber Gottes Licht verschließt, wird sein Verständnis beeinträchtigt. Ein verdunkeltes Verständnis wiederum erschwert es, Gottes Willen richtig zu erkennen. So können Denken und innere Haltung einander zunehmend in eine falsche Richtung beeinflussen.

In Vers 19 beschreibt Paulus schließlich, welche Folgen diese Entwicklung im praktischen Leben haben kann. Er spricht von Menschen, die „alles Gefühl verloren“ haben und sich der Ausschweifung hingeben. Diese Formulierung bedeutet nicht, dass solche Menschen keine menschlichen Gefühle mehr besitzen oder grundsätzlich unfähig wären, Zuneigung, Freude oder Mitgefühl zu empfinden. Gemeint ist vielmehr eine zunehmende moralische Unempfindlichkeit. Wer sich wiederholt über das hinwegsetzt, was er als richtig erkannt hat, kann gegenüber seinem eigenen Fehlverhalten abstumpfen. Was zunächst noch Gewissensunruhe auslöste, wird möglicherweise später entschuldigt, verharmlost oder schließlich als selbstverständlich betrachtet. Paulus beschreibt damit eine ernste geistliche Gefahr: Der Mensch kann sich so sehr an das Unrecht gewöhnen, dass er dessen Schwere nicht mehr angemessen empfindet.

Diese Entwicklung betrifft besonders das Gewissen, das im Neuen Testament als ein inneres Zeugnis über das eigene Verhalten beschrieben wird. In Römer 2,14–15 erklärt Paulus, dass auch Menschen, die das geschriebene Gesetz nicht besitzen, durch ihr Gewissen und ihre Gedanken mit Fragen von Recht und Unrecht konfrontiert werden. Das Gewissen ist jedoch nicht mit einer vollkommenen und unfehlbaren Erkenntnis des göttlichen Willens gleichzusetzen. Es kann durch unzureichende Erkenntnis, falsche Überzeugungen und wiederholte Entscheidungen beeinflusst werden. Deshalb braucht der Mensch nicht nur ein Gewissen, sondern auch die Wahrheit Gottes, an der sein Denken und Handeln ausgerichtet werden können. Wenn Paulus von einem Verlust des moralischen Empfindens spricht, macht er deutlich, wie gefährlich es ist, das eigene Gewissen immer wieder zum Schweigen zu bringen, anstatt sich von Gottes Wort korrigieren zu lassen.

Anschließend beschreibt Paulus die praktische Folge dieser Abstumpfung: Die Menschen geben sich der Ausschweifung hin und verüben unterschiedliche Formen der Unreinigkeit. Der Begriff „Ausschweifung“ bezeichnet ein Verhalten, bei dem sittliche Grenzen bewusst überschritten und die eigenen Begierden weitgehend ungehindert ausgelebt werden. Dazu können sexuelle Unmoral und schamloses Verhalten gehören, doch der grundlegende Gedanke reicht über einen einzelnen Bereich hinaus. Paulus beschreibt eine Lebenshaltung, in der nicht mehr Gottes Wille, sondern die Befriedigung eigener Wünsche zum bestimmenden Maßstab wird. Auffällig ist dabei, dass er sagt, die Menschen hätten sich dieser Lebensweise selbst hingegeben. Sie erscheinen nicht einfach als passive Opfer äußerer Einflüsse, sondern als Menschen, die Verantwortung für ihr Handeln tragen. Damit wird erneut deutlich, dass Paulus nicht lediglich einen Mangel an Wissen, sondern auch das Verhältnis zwischen innerer Haltung und bewussten Entscheidungen beschreibt.

Besonders aufschlussreich ist der letzte Ausdruck des Verses. Paulus spricht davon, dass diese Unreinigkeit mit „unersättlicher Gier“ verbunden ist. Das zugrunde liegende griechische Wort bezeichnet ein maßloses Habenwollen, das sich nicht mit dem bereits Erreichten zufriedengibt. Es kann sich auf materielle Habgier beziehen, im vorliegenden Zusammenhang aber auch auf ein immer stärkeres Verlangen nach der Befriedigung eigener Begierden. Die Verbindung ist bedeutsam: Wer seine Wünsche zum höchsten Maßstab erhebt, gelangt dadurch nicht notwendigerweise zu dauerhafter Zufriedenheit. Vielmehr kann das Verlangen nach immer neuen Erfahrungen, größerem Besitz oder stärkerer Befriedigung weiterwachsen. Was zunächst als Freiheit erscheint, kann den Menschen zunehmend beherrschen. Paulus beschreibt deshalb eine Lebensweise, in der die eigenen Begierden nicht mehr verantwortungsvoll geordnet werden, sondern das Denken und Handeln bestimmen.

Darin liegt eine wichtige Verbindung zu Römer 6,16. Dort erklärt Paulus, dass der Mensch durch seinen Gehorsam erkennen lässt, wem er dient. Wer sich der Sünde hingibt, stellt sich unter ihren Einfluss; wer Gott gehorcht, richtet sein Leben nach dessen Willen aus. Die Vorstellung einer völlig unabhängigen Freiheit, in der der Mensch einfach alles tut, wonach ihn verlangt, wird dadurch kritisch hinterfragt. Denn nicht jeder Wunsch führt zum Leben, und nicht jede selbst gewählte Handlung stärkt die Freiheit des Menschen. Gerade Begierden, denen ohne Prüfung nachgegeben wird, können eine zunehmende Macht über ihn gewinnen. Epheser 4,19 zeigt diese Gefahr besonders eindringlich, indem Paulus die moralische Abstumpfung mit der unersättlichen Gier verbindet. Wo das Verlangen niemals zur Ruhe kommt, kann das Leben immer stärker von Dingen bestimmt werden, die keine bleibende Erfüllung schenken.

Die Beschreibung der Verse 17–19 darf allerdings nicht zu einer pauschalen Verurteilung aller Menschen außerhalb der christlichen Gemeinde verwendet werden. Paulus zeichnet ein ernstes Bild einer von Gott entfremdeten Lebensweise, aber er behauptet nicht, dass jeder Nichtchrist sämtliche genannten Verhaltensweisen in derselben Ausprägung zeigen müsse. Ebenso wenig bedeutet die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde automatisch, dass niemand mehr in die beschriebenen Gefahren geraten könnte. Gerade weil Paulus diese Worte an Gläubige richtet, besitzt seine Warnung auch für sie bleibende Bedeutung. Er erinnert sie daran, dass geistliche Entfremdung nicht erst bei äußerlich auffälligen Verfehlungen beginnt. Sie betrifft bereits das Denken, die innere Haltung gegenüber Gottes Wahrheit und die Bereitschaft, sich von seinem Willen leiten zu lassen.

Ebenso wichtig ist, dass Paulus die geschilderte Verhärtung nicht als grundsätzlich unveränderlichen Zustand beschreibt. Seine eigenen Leser sind der Beweis dafür, dass Menschen aus einem Leben ohne Gott herausgerufen und durch Christus erneuert werden können. Bereits in Epheser 2 hatte er erklärt, dass Gott Menschen, die in ihren Sünden geistlich tot waren, durch seine große Barmherzigkeit mit Christus lebendig gemacht hat. Die ernste Beschreibung des alten Lebens steht daher innerhalb eines Briefes, dessen Botschaft von Gottes rettender Gnade geprägt ist. Paulus will nicht Menschen als hoffnungslose Fälle abstempeln, sondern den Gläubigen verständlich machen, wovon Christus sie befreit hat und weshalb sie ihre frühere Lebensweise nicht wieder aufnehmen sollen. Die Warnung ist ernst, aber sie steht nicht im Gegensatz zur Hoffnung auf Veränderung.

Wenn man die drei Verse im Zusammenhang betrachtet, wird eine innere Entwicklung erkennbar. Paulus beginnt beim Denken, beschreibt anschließend die Entfremdung vom Leben Gottes und die Verhärtung des Herzens und führt schließlich zu einem Verhalten, das durch moralische Abstumpfung und ungeordnete Begierden geprägt ist. Diese Reihenfolge macht deutlich, dass sündhaftes Handeln nicht ausschließlich eine Frage äußerer Gewohnheiten ist. Es besitzt auch eine geistliche und innere Dimension. Was ein Mensch über Gott, sich selbst und den Sinn seines Lebens glaubt, beeinflusst seine Entscheidungen. Ebenso können seine bewussten Entscheidungen wiederum sein Denken und seine innere Haltung prägen. Deshalb wäre es unzureichend, christliche Lebensveränderung lediglich als das Erlernen eines besseren Verhaltens zu verstehen. Sie muss tiefer reichen und den Menschen in seiner Beziehung zu Gott, seinem Denken und seinem Wollen erfassen.

Genau an dieser Stelle bereitet Paulus den entscheidenden Gegensatz vor. Nachdem er beschrieben hat, wie ein Leben aussieht, das sich von Gott entfernt hat, wendet er sich in den folgenden Versen unmittelbar an die Gläubigen und erinnert sie daran, dass sie Christus auf eine völlig andere Weise kennengelernt haben. Die christliche Lebensführung beginnt nicht mit dem Versuch, sich durch eigene Anstrengung äußerlich zu verbessern. Ihr Ursprung liegt in der Begegnung mit Jesus Christus und in der Wahrheit, die durch ihn offenbar geworden ist. Deshalb spricht Paulus anschließend davon, den alten Menschen abzulegen, im Denken erneuert zu werden und den neuen Menschen anzuziehen. Damit wird er erklären, wie die durch Christus geschenkte Erneuerung das gesamte Leben verändern soll.

Epheser 4,20–24

Den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen anziehen

Mit den Worten „Ihr aber“ setzt Paulus in Epheser 4,20 einen deutlichen Gegensatz zu seiner vorherigen Beschreibung des Lebens ohne Gott. Während er zuvor von einem verfinsterten Verstand, einem verhärteten Herzen und einer Lebensweise gesprochen hat, die von ungeordneten Begierden bestimmt wird, erinnert er die Gläubigen nun daran, dass sie durch Jesus Christus etwas grundlegend anderes kennengelernt haben. Bemerkenswert ist dabei seine Formulierung: Er sagt nicht einfach, dass sie bestimmte religiöse Regeln gelernt oder neue moralische Vorschriften erhalten hätten. Vielmehr erklärt er, dass sie Christus selbst kennengelernt haben. Damit macht Paulus deutlich, dass der christliche Glaube seinen Mittelpunkt nicht in einem bloßen Regelwerk oder einem bestimmten Lebensideal besitzt, sondern in der Person Jesu Christi. Die Veränderung des Lebens beginnt mit der Begegnung mit ihm und mit der Wahrheit, die durch ihn offenbar geworden ist.

Diese Aussage besitzt eine besondere Bedeutung, weil die Gläubigen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und religiösen Hintergründen stammten. Viele hatten früher andere Götter verehrt oder ihr Leben nach Vorstellungen ausgerichtet, die nicht mit Gottes Willen übereinstimmten. Durch die Verkündigung des Evangeliums hatten sie jedoch erfahren, wer Jesus Christus ist, was er durch seinen Tod und seine Auferstehung vollbracht hat und zu welchem Leben er die Menschen beruft. Paulus betrachtet diese Erkenntnis nicht als eine zusätzliche religiöse Möglichkeit neben anderen. Wer Christus wirklich kennengelernt hat, kann die frühere Lebensweise nicht mehr als unveränderten Maßstab seines Handelns betrachten. Denn die Botschaft Jesu betrifft nicht nur die Hoffnung auf zukünftige Erlösung, sondern auch die Frage, wem der Mensch bereits jetzt gehört und wie er sein gegenwärtiges Leben gestalten soll.

In Vers 21 vertieft Paulus diesen Gedanken. Er spricht davon, dass die Gläubigen von Christus gehört haben und in ihm unterrichtet worden sind, weil die Wahrheit in Jesus ist. Seine Formulierung enthält eine gewisse nachdrückliche Voraussetzung: Wenn sie Christus tatsächlich gehört und seine Lehre angenommen haben, dann müssen sie auch verstehen, welche Veränderung damit verbunden ist. Paulus zweifelt damit nicht grundsätzlich an ihrem Glauben, sondern ruft ihnen die Bedeutung dessen ins Gedächtnis, was sie bereits gelernt haben. Das Hören auf Christus muss dabei nicht bedeuten, dass alle Empfänger des Briefes Jesus während seines irdischen Lebens persönlich gehört hätten. Sie begegneten seiner Botschaft durch die Verkündigung des Evangeliums. Wer diese Botschaft im Glauben annimmt, hört auf den Herrn, von dem sie Zeugnis gibt. Jesus selbst hatte erklärt, dass seine Schafe seine Stimme hören und ihm folgen (Johannes 10,27). Die Beziehung zu ihm ist daher untrennbar damit verbunden, seine Worte ernst zu nehmen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Aussage, dass die Wahrheit „in Jesus“ ist. Paulus verwendet hier den persönlichen Namen Jesus, nachdem er zuvor von Christus gesprochen hat. Dadurch wird die Wahrheit, an der sich die Gläubigen ausrichten sollen, mit der konkreten Person des gekreuzigten und auferstandenen Herrn verbunden. Christliche Wahrheit besteht nicht nur aus allgemeinen Gedanken über ein gutes Leben. Sie wird durch das Leben, die Worte und das Erlösungswerk Jesu Christi erkennbar. Jesus selbst erklärte: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6). Deshalb kann die Wahrheit des Evangeliums nicht von seiner Person und seinem Wesen getrennt werden. Wer behauptet, Christus zu kennen, dessen Leben aber bewusst im Widerspruch zu seiner Lehre steht, muss sich fragen lassen, ob er die Bedeutung dieser Wahrheit wirklich verstanden hat. Paulus macht damit nicht jede menschliche Schwäche zu einem Beweis fehlenden Glaubens. Er zeigt jedoch, dass echte Christusnachfolge mehr umfasst als ein äußeres Bekenntnis.

Was die Gläubigen durch Christus gelernt haben sollen, beschreibt Paulus nun in drei eng miteinander verbundenen Aussagen: Sie sollen den alten Menschen ablegen, in ihrem Denken erneuert werden und den neuen Menschen anziehen. Diese Reihenfolge ist sorgfältig gewählt. Paulus verwendet das Bild eines Kleidungswechsels, um eine tiefgreifende Veränderung verständlich zu machen. So wie jemand ein altes Kleidungsstück ablegt und ein anderes anzieht, soll ein Mensch seine bisherige, von der Sünde geprägte Lebensweise hinter sich lassen und entsprechend seiner neuen Zugehörigkeit zu Christus leben. Das Bild beschreibt jedoch mehr als eine äußerliche Veränderung. Kleidung kann das Erscheinungsbild eines Menschen verändern, ohne dass sich sein Inneres wandelt. Paulus spricht dagegen ausdrücklich von einer Erneuerung, die das Denken und damit die innere Ausrichtung des Menschen erfasst. Das Ablegen und Anziehen sind deshalb Bilder für eine grundlegende Veränderung der Lebensweise und nicht nur für das Ersetzen einiger sichtbarer Gewohnheiten.

In Vers 22 bezeichnet Paulus die frühere Lebensweise als den „alten Menschen“. Damit meint er nicht den menschlichen Körper, der grundsätzlich schlecht wäre und deshalb überwunden werden müsste. Ebenso wenig bezeichnet der Ausdruck lediglich das persönliche Temperament oder bestimmte charakterliche Eigenheiten. Der alte Mensch beschreibt die bisherige Existenz unter der Herrschaft der Sünde, wie sie sich im Denken, Wollen und Handeln zeigt. In Römer 6,6 verwendet Paulus denselben Ausdruck und erklärt, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt worden ist, damit wir der Sünde nicht länger dienen müssen. Dort steht besonders der Herrschaftswechsel im Mittelpunkt, der durch die Verbindung mit Christi Tod ermöglicht wird. Epheser 4 betrachtet nun die Konsequenzen dieses Herrschaftswechsels für die tägliche Lebensführung. Wer durch Christus zu einem neuen Leben berufen worden ist, soll nicht länger nach den Maßstäben leben, die seine frühere Existenz bestimmt haben.

Auffällig ist, wie Paulus den Zustand des alten Menschen beschreibt. Er spricht davon, dass dieser sich durch „betrügerische Lüste“ verderbt. Das Wort „Lüste“ bezeichnet hier nicht ausschließlich sexuelle Begierden, sondern ein ungeordnetes Verlangen, das den Menschen in eine sündhafte Richtung treiben kann. Der entscheidende Zusatz lautet jedoch „betrügerisch“. Paulus macht damit deutlich, dass solche Begierden den Menschen nicht immer offen zeigen, wohin sie führen. Sie können ihm etwas versprechen, was sie letztlich nicht erfüllen. Eine sündhafte Handlung mag zunächst Freiheit, Anerkennung, Macht, Genuss oder Sicherheit in Aussicht stellen. Doch wenn der Mensch ihr folgt, kann sie sein Verhältnis zu Gott, seine Beziehungen zu anderen und seine innere Freiheit zunehmend beschädigen. Gerade weil das Verlangen etwas Gutes zu versprechen scheint, wird seine zerstörerische Wirkung häufig erst später erkannt.

Diese Verbindung zwischen Begierde und Täuschung erinnert an den Sündenfall in 1. Mose 3. Die Schlange stellte Gottes Anweisung infrage und vermittelte Eva die Vorstellung, dass der Ungehorsam einen Gewinn bringen würde. Das Verbot Gottes erschien plötzlich nicht mehr als Ausdruck seiner Fürsorge, sondern als Einschränkung einer vermeintlich größeren Möglichkeit. Die Entscheidung gegen Gottes Wort beruhte somit auch auf einer Täuschung über die Folgen des Ungehorsams. Ähnlich beschreibt Jakobus 1,14–15, wie ein Mensch durch seine eigene Begierde gereizt und gelockt werden kann und wie daraus Sünde und schließlich Tod hervorgehen. Diese Stellen helfen, den Ausdruck „betrügerische Lüste“ zu verstehen. Die Sünde gewinnt Macht, indem sie das Denken beeinflusst und dem Menschen ein falsches Bild von dem vermittelt, was für ihn wirklich gut ist.

Deshalb genügt es nicht, einzelne sündhafte Handlungen lediglich äußerlich zu unterdrücken, während der Mensch innerlich weiterhin an ihnen festhält. Das Ablegen des alten Menschen verlangt, sich von der früheren Lebensrichtung abzuwenden und die Maßstäbe zu hinterfragen, nach denen man bisher gehandelt hat. Dazu gehört auch die Bereitschaft, eigene Wünsche nicht automatisch als berechtigt oder gut anzusehen. Nicht jedes starke Verlangen führt zu einer richtigen Entscheidung. Der Mensch braucht einen Maßstab, der über seine wechselnden Gefühle und persönlichen Interessen hinausgeht. Paulus führt seine Leser deshalb unmittelbar zum nächsten Schritt: der Erneuerung des Denkens. Erst wenn Gottes Wahrheit die innere Ausrichtung eines Menschen verändert, kann auch sein Verhalten dauerhaft in eine neue Richtung wachsen.

In Vers 23 fordert Paulus die Gläubigen auf, sich „im Geiste eures Gemüts“ erneuern zu lassen. Diese Formulierung ist besonders tiefgehend, weil sie nicht nur einzelne Gedanken betrifft, sondern die grundlegende Ausrichtung des Denkens. Das griechische Wort für „Gemüt“ bezeichnet hier den Verstand beziehungsweise das Denken des Menschen. Der Ausdruck „Geist eures Gemüts“ kann die innere Haltung oder geistige Ausrichtung beschreiben, die das Denken prägt. Er darf deshalb nicht ohne weitere Begründung einfach mit dem Heiligen Geist gleichgesetzt werden. Zugleich steht die Erneuerung des Menschen nach dem gesamten Zeugnis des Neuen Testaments in enger Verbindung mit Gottes Wirken durch seinen Geist. In Titus 3,5 spricht Paulus von der Erneuerung durch den Heiligen Geist, und in 2. Korinther 3,18 beschreibt er die Verwandlung der Gläubigen durch den Geist des Herrn. Der Mensch wird also nicht allein dadurch neu, dass er sich selbst zu einer positiveren Denkweise erzieht. Die entscheidende Veränderung entsteht durch Gottes Wirken, dem sich der Mensch im Glauben öffnet.

Bemerkenswert ist dabei, dass Paulus die Erneuerung als einen fortdauernden Vorgang beschreibt. Während das Ablegen des alten und das Anziehen des neuen Menschen den grundlegenden Wechsel der Lebenszugehörigkeit hervorheben, richtet sich der Ausdruck für die Erneuerung auf einen Prozess, der das weitere Leben begleitet. Ein Mensch, der Christus angenommen hat, besitzt damit nicht automatisch in jeder Frage bereits vollständige Erkenntnis und einen vollkommen entwickelten Charakter. Alte Denkgewohnheiten, falsche Vorstellungen und eingeübte Verhaltensweisen können weiterhin korrigiert werden müssen. Deshalb gehört geistliches Wachstum untrennbar zum christlichen Leben. In Römer 12,2 fordert Paulus die Gläubigen ebenfalls auf, sich durch die Erneuerung ihres Sinnes verwandeln zu lassen, damit sie Gottes Willen prüfen und erkennen können. Beide Stellen verbinden die innere Erneuerung mit der Fähigkeit, Gottes Maßstäbe besser zu verstehen und bewusst danach zu handeln.

Die Erneuerung des Denkens betrifft dabei weit mehr als religiöses Wissen. Sie verändert auch die Art, wie ein Mensch sich selbst, andere Menschen und seine Lebensumstände beurteilt. Wer früher seinen persönlichen Vorteil über alles stellte, kann lernen, die Bedürfnisse anderer ernst zu nehmen. Wer Anerkennung hauptsächlich durch Macht, Besitz oder gesellschaftliches Ansehen suchte, kann seinen Wert zunehmend aus der Beziehung zu Gott verstehen. Wer bei Schwierigkeiten sofort mit Bitterkeit oder Rache reagierte, kann lernen, anders mit Konflikten umzugehen. Solche Veränderungen geschehen nicht notwendigerweise augenblicklich oder ohne innere Kämpfe. Sie zeigen jedoch, dass Gottes Wahrheit nicht nur aufgenommen, sondern im Leben wirksam wird. Die Erneuerung des Denkens bildet damit die Verbindung zwischen der neuen geistlichen Identität und den konkreten Entscheidungen des Alltags.

In Vers 24 beschreibt Paulus schließlich das positive Ziel dieser Veränderung: Die Gläubigen sollen den neuen Menschen anziehen, der nach Gott geschaffen ist, in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit. Mit dem Ausdruck „neuer Mensch“ führt er das zuvor verwendete Bild des Kleidungswechsels zu seinem Höhepunkt. Das christliche Leben besteht nicht nur darin, sündhafte Gewohnheiten abzulegen. An ihre Stelle soll eine neue Lebensweise treten, die Gottes Wesen widerspiegelt. Die Erneuerung ist deshalb nicht bloß ein Verzicht auf bestimmte Dinge, sondern das Hineinwachsen in eine neue Wirklichkeit. Wo früher Unwahrheit das Handeln bestimmte, soll Wahrhaftigkeit entstehen. Wo Selbstsucht regierte, soll Liebe wachsen. Wo der Mensch seinem eigenen Willen folgte, soll die Bereitschaft entstehen, Gottes Willen zu erkennen und ihm zu gehorchen.

Besonders wichtig ist die Aussage, dass dieser neue Mensch „nach Gott geschaffen“ ist. Paulus verwendet bewusst die Sprache der Schöpfung. Damit erinnert seine Formulierung an 1. Mose 1,26–27, wo Gott den Menschen nach seinem Bild erschafft. Der Mensch wurde ursprünglich dazu bestimmt, Gottes Wesen in seiner geschaffenen Existenz widerzuspiegeln. Durch die Sünde wurde diese Bestimmung tiefgreifend beschädigt, doch Gottes Absicht mit dem Menschen wurde dadurch nicht aufgehoben. In Christus beginnt das Werk der Wiederherstellung. Kolosser 3,9–10 beschreibt denselben Zusammenhang, wenn Paulus erklärt, dass die Gläubigen den alten Menschen ausgezogen und den neuen angezogen haben, der zur Erkenntnis nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird. Die Erlösung umfasst somit nicht nur die Vergebung vergangener Schuld, sondern auch die Wiederherstellung des Menschen zu einem Leben, das zunehmend Gottes Wesen entspricht.

Dass Paulus von einer Schöpfung spricht, unterstreicht zugleich, dass der neue Mensch seinen Ursprung nicht in menschlicher Selbstverbesserung hat. Ein Mensch kann sich bestimmte Gewohnheiten aneignen, seine Fähigkeiten entwickeln oder sein Verhalten durch bewusste Entscheidungen verändern. Die geistliche Neuschöpfung, von der Paulus spricht, geht jedoch tiefer. Sie entsteht aus Gottes rettendem Handeln durch Christus. Bereits in Epheser 2,10 hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen Gottes Werk sind und in Christus Jesus zu guten Werken geschaffen wurden. In 2. Korinther 5,17 beschreibt er den Menschen in Christus als neue Schöpfung. Die neue Lebensweise ist daher nicht die Voraussetzung dafür, dass Gott den Menschen annimmt, sondern die Frucht seines erneuernden Wirkens. Gerade deshalb können die Gläubigen mit Zuversicht an ihrer Veränderung mitwirken: Sie sind nicht darauf angewiesen, aus eigener Kraft ein völlig neues geistliches Leben hervorzubringen.

Dieser Gedanke besitzt auch eine wichtige Verbindung zu den Verheißungen des Alten Testaments. In Hesekiel 36,26–27 kündigt Gott an, seinem Volk ein neues Herz und einen neuen Geist zu geben. Er verspricht zugleich, seinen Geist in die Menschen zu legen und sie dadurch zu befähigen, nach seinen Geboten zu leben. Die Verheißung verbindet also die innere Erneuerung unmittelbar mit einem neuen Gehorsam. Ähnlich beschreibt Jeremia 31,33 den neuen Bund, in dem Gott sein Gesetz in das Innere seines Volkes legt und es in ihre Herzen schreibt. Die Erneuerung des Menschen bedeutet deshalb nicht, dass Gottes Wille bedeutungslos würde. Vielmehr soll der Mensch durch Gottes Gnade befähigt werden, diesen Willen aus einer veränderten inneren Haltung heraus zu tun. Das Neue liegt nicht in einer Befreiung von jeder moralischen Verantwortung, sondern in der durch Gott geschaffenen Möglichkeit, ihm aus einem erneuerten Herzen zu dienen.

Paulus beschreibt den neuen Menschen mit zwei weiteren Begriffen: Gerechtigkeit und Heiligkeit. Beide gehören eng zusammen, setzen jedoch unterschiedliche Akzente. Gerechtigkeit bezeichnet hier besonders eine Lebensweise, die dem entspricht, was vor Gott richtig ist. Sie zeigt sich in aufrichtigem Verhalten, im gerechten Umgang mit anderen und in der Bereitschaft, Gottes Maßstäbe anzuerkennen. Heiligkeit hebt hervor, dass der Mensch Gott gehört und sein Leben nicht länger von der Sünde bestimmen lassen soll. Sie bedeutet mehr als äußerliche religiöse Zugehörigkeit. Ein geheiligtes Leben soll in Denken, Worten und Handlungen erkennen lassen, dass der Mensch sich Gottes Willen unterstellt. Die Begriffe dürfen dabei nicht zu streng voneinander getrennt werden, denn echte Gerechtigkeit und Heiligkeit durchdringen das gesamte Leben. Gottes Wille betrifft sowohl die Beziehung zu ihm als auch den Umgang mit unseren Mitmenschen.

Von besonderer Bedeutung ist schließlich der Zusatz „der Wahrheit“. Paulus stellt damit eine bewusste Verbindung zu den vorherigen Versen her. In Vers 22 hatte er von den betrügerischen Begierden gesprochen, durch die der alte Mensch verdorben wird. Nun beschreibt er den neuen Menschen als eine Schöpfung, die durch Gerechtigkeit und Heiligkeit gekennzeichnet ist und mit Gottes Wahrheit übereinstimmt. Der Gegensatz reicht tief: Der alte Mensch wird von Täuschung geprägt, der neue Mensch soll von Wahrheit bestimmt werden. Sündhafte Begierden versprechen Dinge, die sie nicht zuverlässig erfüllen können. Gottes Wahrheit dagegen führt den Menschen zu einer Lebensweise, die seiner ursprünglichen Bestimmung entspricht. Deshalb kann wahre Heiligkeit nicht auf bloßem äußeren Anschein beruhen. Sie muss aus einer wirklichen inneren Veränderung hervorgehen, die mit dem Evangelium Jesu Christi übereinstimmt.

An dieser Stelle lässt sich auch eine Verbindung zu Epheser 2,15 erkennen. Dort hatte Paulus erklärt, dass Christus aus Juden und Nichtjuden einen neuen Menschen geschaffen hat. In diesem Zusammenhang steht besonders die neue Gemeinschaft im Mittelpunkt, die durch sein Versöhnungswerk entstanden ist. Epheser 4,24 richtet den Blick stärker auf die erneuerte Lebensweise der Menschen, die zu dieser Gemeinschaft gehören. Die beiden Aussagen sind eng miteinander verbunden, dürfen aber nicht einfach gleichgesetzt werden. Christus schafft eine neue Gemeinschaft, und die Menschen, die zu ihr gehören, sollen entsprechend ihrer neuen Identität leben. So wird verständlich, weshalb Paulus persönliche Heiligung und gemeinschaftliche Einheit nicht voneinander trennt. Ein Mensch, dessen Denken und Charakter erneuert werden, soll diese Veränderung auch im Umgang mit seinen Glaubensgeschwistern sichtbar werden lassen.

Dabei darf das Bild des neuen Menschen nicht zu der Vorstellung führen, dass ein Christ nach seiner Bekehrung keine Versuchungen, inneren Kämpfe oder Schwächen mehr kennen könne. Paulus richtet seine Aufforderung gerade an Menschen, die bereits zu Christus gehören. Dass sie den neuen Menschen anziehen und sich weiterhin erneuern lassen sollen, zeigt, dass ihre neue Zugehörigkeit mit einer fortdauernden Verantwortung verbunden ist. Der alte Mensch muss nicht als eine zweite, eigenständige Persönlichkeit verstanden werden, die unverändert neben dem neuen Menschen weiterlebt. Das Bild bezeichnet vielmehr die frühere, von der Sünde bestimmte Existenz, deren Verhaltensweisen abgelegt werden sollen. Die Gläubigen sind durch Christus zu einem neuen Leben berufen, müssen aber weiterhin darauf achten, dass ihre Entscheidungen dieser neuen Wirklichkeit entsprechen. Das entspricht auch Römer 6,11–13, wo Paulus die Christen auffordert, sich als für die Sünde tot und für Gott lebendig zu betrachten und ihre Glieder nicht länger der Sünde zur Verfügung zu stellen.

So verbinden die Verse 20–24 zwei Wahrheiten, die für das Verständnis des christlichen Lebens entscheidend sind. Einerseits ist die Erneuerung ein Werk Gottes. Der neue Mensch wird geschaffen, nicht durch menschliche Anstrengung hervorgebracht. Andererseits wird der Gläubige ausdrücklich dazu aufgefordert, die frühere Lebensweise abzulegen, sich erneuern zu lassen und dem neuen Leben entsprechend zu handeln. Gottes Gnade hebt die menschliche Verantwortung nicht auf, sondern schafft die Grundlage dafür, dass der Mensch ihr nachkommen kann. Christliche Heiligung ist deshalb weder ein Versuch, sich durch eigene Leistung zu erlösen, noch eine passive Haltung, bei der persönliche Entscheidungen bedeutungslos wären. Sie ist ein Leben aus der Verbindung mit Christus, in dem Gottes erneuerndes Wirken immer deutlicher im Denken und Handeln sichtbar werden soll.

Damit hat Paulus die geistliche Grundlage für seine folgenden Ermahnungen gelegt. Er hat erklärt, weshalb die frühere Lebensweise abgelegt werden muss, woher die Kraft zur Erneuerung kommt und welche neue Identität Gott den Gläubigen schenkt. Nun wird er zeigen, wie sich diese Veränderung im gewöhnlichen Alltag ausdrückt. Ab Vers 25 spricht er über Wahrhaftigkeit, den Umgang mit Zorn, ehrliche Arbeit, hilfreiche Worte und die Verantwortung gegenüber dem Heiligen Geist. Diese Anweisungen sind keine voneinander unabhängigen moralischen Regeln. Sie sind konkrete Ausdrucksformen des neuen Menschen, den Gott in Christus geschaffen hat. Was im Inneren durch Gottes Wahrheit erneuert wird, soll im täglichen Verhalten erkennbar werden.

Epheser 4,25–27

Wahrhaftigkeit, Zorn und der Umgang mit Konflikten

Nachdem Paulus beschrieben hat, dass die Gläubigen den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen anziehen sollen, beginnt er in Epheser 4,25 damit, diese grundlegende Veränderung auf konkrete Lebensbereiche anzuwenden. Seine erste Aufforderung betrifft den Umgang mit der Wahrheit. Die Gläubigen sollen die Lüge ablegen und stattdessen aufrichtig miteinander reden. Damit greift Paulus das Bild des Ablegens aus Vers 22 erneut auf und zeigt, was es im täglichen Leben bedeutet. Der alte Mensch ist durch betrügerische Begierden geprägt, während der neue Mensch in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit geschaffen wurde. Deshalb kann eine von Christus erneuerte Lebensweise nicht dauerhaft mit bewusster Unwahrhaftigkeit vereinbar sein. Wahrhaftigkeit ist kein nebensächlicher Bestandteil christlicher Moral, sondern gehört unmittelbar zu dem neuen Leben, das Gott seinen Kindern schenkt.

Die Aufforderung, die Lüge abzulegen, reicht über das Vermeiden offensichtlich falscher Aussagen hinaus. Unwahrhaftigkeit kann viele Formen annehmen. Ein Mensch kann bewusst etwas behaupten, von dem er weiß, dass es nicht stimmt. Er kann aber auch durch das gezielte Weglassen wichtiger Informationen einen falschen Eindruck erzeugen, eigene Fehler verbergen oder andere durch übertriebene Darstellungen beeinflussen. Ebenso kann Unwahrhaftigkeit entstehen, wenn jemand seine Worte so wählt, dass er äußerlich die Wahrheit sagt, sein Gegenüber aber absichtlich zu einer falschen Schlussfolgerung führt. Entscheidend ist nicht allein die äußerliche Formulierung, sondern auch die Absicht, mit der gesprochen wird. Wer bewusst täuschen möchte, handelt nicht im Geist der Wahrhaftigkeit, selbst wenn sich einzelne seiner Aussagen technisch als richtig darstellen lassen.

Paulus fordert die Gläubigen jedoch nicht nur dazu auf, etwas zu unterlassen. Er verlangt ausdrücklich, dass sie die Wahrheit miteinander reden. Dieser positive Auftrag ist bedeutsam, denn ein Mensch kann sich äußerlich davor hüten, eine direkte Lüge auszusprechen, ohne deshalb bereits wahrhaftig zu leben. Wahrhaftigkeit verlangt die Bereitschaft, aufrichtig zu sein, zu seinem Wort zu stehen und sich nicht hinter Täuschung oder Verstellung zu verbergen. Dazu gehört auch, eigene Fehler einzugestehen, anstatt sie durch Ausreden zu rechtfertigen. Wer die Wahrheit liebt, wird nicht ausschließlich darauf bedacht sein, vor anderen möglichst gut dazustehen. Er wird vielmehr danach fragen, was tatsächlich richtig ist und wie er entsprechend handeln kann. Eine solche Haltung schafft Vertrauen, weil andere sich darauf verlassen können, dass Worte und Absichten nicht bewusst auseinanderfallen.

Mit seiner Formulierung greift Paulus einen Gedanken aus Sacharja 8,16 auf. Dort fordert Gott sein Volk auf, untereinander die Wahrheit zu reden, gerechte Entscheidungen zu treffen und Frieden zu schaffen. Diese Worte stehen im Zusammenhang mit Gottes Verheißungen zur Wiederherstellung Jerusalems. Das erneuerte Zusammenleben seines Volkes soll sich nicht allein in äußerem Wohlstand oder religiösen Handlungen zeigen, sondern auch in Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Besonders interessant ist, dass Sacharja Wahrheit und Frieden eng miteinander verbindet. Wahrhaftigkeit ist demnach nicht der Gegensatz zum Frieden, sondern eine notwendige Grundlage für ihn. Wo Menschen einander betrügen, Versprechen bewusst brechen oder sich gegenseitig durch falsche Aussagen schaden, kann keine verlässliche Gemeinschaft entstehen. Dauerhafter Frieden braucht Vertrauen, und Vertrauen kann nur dort wachsen, wo Menschen aufrichtig miteinander umgehen.

Paulus begründet seine Aufforderung mit einer Aussage, die unmittelbar an das Bild des Leibes Christi erinnert: Die Gläubigen sind untereinander Glieder. Damit führt er die Verantwortung zur Wahrhaftigkeit auf ihre gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus zurück. In einem menschlichen Körper arbeiten die verschiedenen Glieder zusammen und sind auf verlässliche Informationen und funktionierende Verbindungen angewiesen. Wenn diese Zusammenarbeit gestört wird, leidet der gesamte Organismus. Ähnlich verhält es sich innerhalb der Gemeinde. Wer einen anderen Gläubigen bewusst täuscht, schadet nicht nur einer einzelnen Person, sondern beschädigt zugleich das Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft, zu der er selbst gehört. Die Lüge richtet sich deshalb letztlich gegen das Miteinander des Leibes Christi.

Dieser Zusammenhang zeigt, dass christliche Wahrhaftigkeit nicht lediglich eine persönliche Tugend ist, die jeder für sich entwickeln soll. Sie besitzt eine gemeinschaftliche Bedeutung. Wo Wahrheit bewusst verschwiegen wird, um Verantwortung zu vermeiden, können Konflikte wachsen. Wo Gerüchte ungeprüft weitergegeben werden, kann der Ruf eines Menschen beschädigt werden. Und wo Menschen aus Angst vor unangenehmen Reaktionen ihre wirklichen Absichten verbergen, entsteht eine Atmosphäre des Misstrauens. Paulus ruft die Gemeinde deshalb zu einer anderen Lebensweise auf. Ihre Mitglieder sollen so miteinander umgehen, dass Ehrlichkeit nicht zur Gefahr wird, sondern die Grundlage gegenseitigen Vertrauens bildet. Das bedeutet auch, Menschen nicht vorschnell zu verurteilen, wenn sie eigene Fehler offen eingestehen. Eine Gemeinschaft, die Wahrhaftigkeit verlangt, muss zugleich bereit sein, aufrichtige Umkehr und notwendige Korrektur zu ermöglichen.

Dabei darf die Aufforderung zur Wahrheit nicht so verstanden werden, als müsse ein Christ jede Information ungefragt offenlegen. Auch Vertraulichkeit, Rücksichtnahme und der Schutz anderer Menschen gehören zu einem verantwortlichen Umgang mit Worten. Nicht jede persönliche Angelegenheit ist für jeden bestimmt. Ebenso kann es Situationen geben, in denen Schweigen angemessener ist als eine unbedachte Äußerung. Paulus verlangt keine rücksichtslose Offenheit, die persönliche Grenzen verletzt oder vertrauliche Informationen preisgibt. Sein Anliegen besteht darin, bewusste Täuschung abzulegen und in den Beziehungen wahrhaftig zu handeln. Bereits in Epheser 4,15 hatte er die Wahrheit ausdrücklich mit der Liebe verbunden. Beide Aussagen ergänzen sich: Die Wahrheit darf nicht aus persönlicher Härte missbraucht werden, und die Liebe darf nicht als Entschuldigung für Unwahrhaftigkeit dienen.

In Vers 26 wendet sich Paulus einem weiteren Bereich zu, in dem sich der Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Menschen zeigen soll: dem Umgang mit Zorn. Die Schlachter-Bibel von 1951 gibt seine Worte folgendermaßen wieder: „Zürnet ihr, so sündiget nicht“. Diese Formulierung ist bemerkenswert, weil Paulus den Zorn nicht einfach mit jeder anderen sündhaften Handlung gleichsetzt. Stattdessen unterscheidet er zwischen dem Aufkommen von Zorn und einem Verhalten, durch das der Mensch sündigt. Gerade diese Unterscheidung ist notwendig, um den Vers richtig zu verstehen. Der Zorn als menschliche Reaktion kann aus unterschiedlichen Ursachen entstehen. Er kann Ausdruck verletzten Stolzes, enttäuschter Erwartungen oder persönlicher Selbstsucht sein. Er kann aber auch entstehen, wenn ein Mensch schweres Unrecht wahrnimmt oder erkennt, dass anderen Schaden zugefügt wird. Deshalb muss nicht nur gefragt werden, ob jemand zornig ist, sondern auch, weshalb er zornig wird und wie er mit diesem Zorn umgeht.

Paulus greift mit seiner Formulierung Psalm 4,5 auf, wobei die griechische Fassung des Psalms die Zornsprache verwendet, die auch im Epheserbrief begegnet. Der hebräische Ausdruck des Psalms lässt sich allgemeiner als Erbeben oder Erzittern verstehen. Im Zusammenhang ruft der Psalm dazu auf, sich nicht vom inneren Aufruhr zum Unrecht treiben zu lassen, sondern in Ruhe über das eigene Verhalten nachzudenken. Der Psalmbeter verbindet diese Haltung mit Vertrauen auf Gott. Diese Verbindung hilft, die Aussage des Paulus einzuordnen. Es geht nicht darum, Zorn als grundsätzlich wünschenswert darzustellen oder Christen aufzufordern, sich möglichst häufig zu empören. Vielmehr wird eine Grenze gezogen: Selbst dort, wo Zorn entsteht, darf er den Menschen nicht zum sündhaften Handeln verleiten.

Dass nicht jede Form des Zorns automatisch sündhaft ist, zeigt auch das Leben Jesu. In Markus 3,1–5 wird berichtet, wie Jesus in einer Synagoge einem Mann mit einer verdorrten Hand begegnete. Während einige Anwesende darauf warteten, ihn wegen einer Heilung am Sabbat anklagen zu können, blickte Jesus sie mit Zorn an und war zugleich über die Verhärtung ihrer Herzen betrübt. Sein Zorn entstand nicht aus verletzter Eitelkeit oder dem Wunsch nach persönlicher Vergeltung. Er stand im Zusammenhang mit der Hartherzigkeit von Menschen, die religiöse Vorschriften gegen das Wohl eines Leidenden ausspielten. Jesus reagierte jedoch nicht mit unbeherrschter Gewalt oder persönlicher Rache. Er heilte den Mann und tat damit genau das Gute, das die anderen verhindern wollten. Das Beispiel zeigt, dass ein Zorn über Unrecht mit Liebe und Barmherzigkeit verbunden sein kann, wenn er von Gottes Willen bestimmt wird.

Dennoch ist diese Unterscheidung mit großer Vorsicht anzuwenden. Menschen neigen dazu, ihren eigenen Zorn als gerechtfertigt zu betrachten. Wer sich verletzt, übergangen oder ungerecht behandelt fühlt, kann leicht zu der Überzeugung gelangen, dass jede seiner Reaktionen berechtigt sei. Doch selbst wenn der ursprüngliche Anlass des Zorns tatsächlich ein Unrecht war, folgt daraus nicht, dass jede spätere Handlung richtig ist. Ein Mensch kann zu Recht über eine Ungerechtigkeit empört sein und dennoch sündigen, indem er andere beleidigt, ihnen bewusst schadet oder Rache sucht. Darum verbindet Paulus den Zorn unmittelbar mit der Warnung vor der Sünde. Der Anlass eines Gefühls und die Art, wie man darauf reagiert, müssen sorgfältig voneinander unterschieden werden.

Jakobus beschreibt diesen Zusammenhang besonders eindringlich. In Jakobus 1,19–20 fordert er die Gläubigen auf, schnell zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn zu sein. Anschließend erklärt er, dass der Zorn des Menschen nicht die Gerechtigkeit hervorbringt, die vor Gott gilt. Diese Aussage widerspricht Epheser 4,26 nicht. Während Paulus davor warnt, im Zorn zu sündigen, erinnert Jakobus daran, dass menschlicher Zorn häufig gerade nicht zu gerechten Ergebnissen führt. Beide Texte warnen davor, die eigene Empörung als zuverlässigen Maßstab für richtiges Handeln zu betrachten. Deshalb ist es notwendig, die eigenen Motive zu prüfen. Geht es tatsächlich um Gottes Ehre, um Wahrheit und Gerechtigkeit oder vor allem darum, den eigenen Willen durchzusetzen? Möchte man einem anderen Menschen helfen, das Richtige zu erkennen, oder will man ihn für eine erlittene Kränkung bestrafen?

Nach dieser Warnung fügt Paulus hinzu, dass die Sonne nicht über dem Zorn untergehen soll. Mit diesem anschaulichen Bild betont er die Dringlichkeit, ungelösten Zorn nicht zu pflegen. In einer Welt ohne moderne künstliche Beleuchtung bildete der Sonnenuntergang einen besonders deutlichen Abschluss des Tages. Paulus nutzt diesen täglichen Übergang, um zu verdeutlichen, dass Zorn nicht ungehindert weitergetragen werden soll. Wer eine Kränkung immer wieder in seinen Gedanken bewegt, kann sie dadurch zunehmend vergrößern. Aus einer zunächst begrenzten Auseinandersetzung kann eine tief sitzende Verbitterung entstehen. Der andere Mensch wird dann nicht mehr als Person mit Stärken und Schwächen wahrgenommen, sondern hauptsächlich durch das erfahrene Unrecht beurteilt. Genau dieser Entwicklung soll frühzeitig entgegengewirkt werden.

Dabei wäre es allerdings zu eng, aus dem Sonnenuntergang eine starre Regel abzuleiten, nach der jeder Konflikt zwingend noch am selben Abend vollständig gelöst sein müsse. Manche Auseinandersetzungen sind so schwerwiegend, dass eine verantwortliche Klärung Zeit braucht. Mitunter müssen Beteiligte zunächst zur Ruhe kommen, über ihre eigenen Fehler nachdenken oder Unterstützung durch vertrauenswürdige Menschen suchen. Besonders bei Gewalt, schwerem Missbrauch oder wiederholtem schädigendem Verhalten darf die Aufforderung nicht dazu verwendet werden, einen verletzten Menschen zu einer überstürzten Versöhnung oder zur Rückkehr in eine gefährliche Situation zu drängen. Eine echte Lösung erfordert Wahrheit, Verantwortung und gegebenenfalls wirksame Schutzmaßnahmen. Der Vers verlangt vor allem, den Zorn nicht bewusst zu nähren oder ihn zu einem dauerhaften Zustand der Feindschaft werden zu lassen. Auch wenn die äußere Klärung noch aussteht, kann ein Mensch bereits die Entscheidung treffen, auf Rache zu verzichten und den Konflikt auf einem gerechten Weg anzugehen.

Damit wird ein wichtiger Unterschied zwischen Zorn und Bitterkeit erkennbar. Zorn kann als unmittelbare Reaktion auf eine bestimmte Situation entstehen. Bitterkeit entwickelt sich häufig dort, wo er dauerhaft festgehalten und immer wieder innerlich erneuert wird. Ein Mensch kann eine vergangene Verletzung gedanklich so oft durchleben, dass sie zunehmend sein Denken und Verhalten prägt. Dabei kann der Wunsch entstehen, dem anderen dieselben Schmerzen zuzufügen oder ihm grundsätzlich nichts Gutes mehr zu gönnen. Paulus wird in Vers 31 ausdrücklich fordern, alle Bitterkeit, Grimm und Bosheit abzulegen. Seine Worte über den Sonnenuntergang bereiten diese spätere Ermahnung bereits vor. Zorn soll nicht die Möglichkeit erhalten, sich zu einer Haltung zu entwickeln, die das Herz beherrscht und die Beziehungen zu anderen Menschen vergiftet.

In diesem Zusammenhang bekommt auch die Lehre Jesu über Versöhnung besondere Bedeutung. In Matthäus 5,23–24 erklärt Jesus, dass ein Mensch, der vor Gott eine Gabe darbringen möchte und sich dabei erinnert, dass sein Bruder etwas gegen ihn hat, zuerst die Versöhnung suchen soll. Damit stellt Jesus die Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Beziehung zu Gott. Religiöse Handlungen können die Pflicht zu einem gerechten Umgang mit anderen nicht ersetzen. Wer bewusst Unrecht getan hat, soll sich nicht hinter seiner Frömmigkeit verbergen, sondern Verantwortung übernehmen. Zugleich zeigt Römer 12,18, dass der Friede nicht immer vollständig von einer einzelnen Person abhängt. Paulus fordert dort dazu auf, soweit es möglich ist und an uns liegt, mit allen Menschen Frieden zu halten. Damit wird deutlich, dass Christen ernsthaft zur Versöhnung bereit sein sollen, ohne für Entscheidungen verantwortlich gemacht zu werden, die außerhalb ihrer eigenen Einflussmöglichkeiten liegen.

In Vers 27 erklärt Paulus schließlich, warum der sorgfältige Umgang mit Zorn eine solche geistliche Bedeutung besitzt: „Gebet auch nicht Raum dem Teufel!“ Diese kurze Warnung verbindet den zwischenmenschlichen Bereich mit dem geistlichen Kampf, den Paulus später in Epheser 6 ausführlicher beschreiben wird. Das griechische Wort für „Raum“ kann einen Platz, eine Gelegenheit oder einen Handlungsspielraum bezeichnen. Im Zusammenhang geht es darum, dem Teufel durch sündhaftes Verhalten keine Möglichkeit zu geben, zerstörerisch Einfluss auszuüben. Paulus beschreibt damit keine besondere räumliche Stelle im menschlichen Inneren und entwickelt auch keine ausführliche Lehre über dämonische Besessenheit. Er warnt vielmehr davor, dass ein unkontrollierter und dauerhaft festgehaltener Zorn zu einer Gelegenheit für weiteres Unrecht werden kann.

Die Verbindung zwischen Zorn und dem Wirken des Teufels ist deshalb so ernst, weil zwischenmenschliche Konflikte häufig weitreichende Folgen besitzen. Eine Kränkung kann zu verletzenden Worten führen, diese wiederum zu Misstrauen, Verleumdung oder Vergeltung. Wenn Beteiligte sich zunehmend darauf konzentrieren, einander zu schaden, geraten Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit in den Hintergrund. Gerade innerhalb der Gemeinde kann eine solche Entwicklung die Einheit beschädigen, die der Heilige Geist geschaffen hat. Der Teufel wird im Neuen Testament als Widersacher und Verführer beschrieben, der Menschen von Gott und seiner Wahrheit abbringen möchte (1. Petrus 5,8; Johannes 8,44). Deshalb gehört es zu den Gefahren geistlicher Unachtsamkeit, dass persönliche Konflikte zu einem Ausgangspunkt weiterer Sünde werden. Wo Menschen dem Zorn dauerhaft Raum geben, kann aus einer einzelnen Verletzung eine ganze Kette zerstörerischer Handlungen entstehen.

Dabei darf diese Warnung nicht so verstanden werden, als sei jeder Konflikt innerhalb einer Gemeinde unmittelbar das Ergebnis einer besonderen dämonischen Einwirkung. Paulus spricht die Gläubigen ausdrücklich auf ihre eigene Verantwortung an. Sie sollen die Lüge ablegen, wahrhaftig reden und ihren Zorn nicht zur Sünde werden lassen. Menschliche Entscheidungen bleiben deshalb von entscheidender Bedeutung. Der Hinweis auf den Teufel hebt diese Verantwortung nicht auf, sondern verstärkt sie. Christen sollen erkennen, dass ihre Worte und Handlungen nicht nur persönliche Folgen besitzen, sondern auch das geistliche Leben ihrer Gemeinschaft beeinflussen können. Der Kampf gegen das Böse beginnt in diesem Zusammenhang nicht mit außergewöhnlichen religiösen Handlungen, sondern mit der Bereitschaft, Gottes Wahrheit zu gehorchen und sündhaften Entwicklungen keinen Raum zu lassen.

Eine wichtige Parallele findet sich in 2. Korinther 2,10–11. Dort spricht Paulus über die Vergebung gegenüber einem Menschen, der Schuld auf sich geladen hatte. Er erklärt, dass die Gemeinde vergeben soll, damit sie nicht vom Satan übervorteilt wird. Auch hier steht ein zwischenmenschlicher Konflikt im Mittelpunkt. Die Gefahr besteht nicht nur im ursprünglichen Fehlverhalten, sondern auch darin, wie die Gemeinde anschließend mit der Schuld und dem betroffenen Menschen umgeht. Wo notwendige Vergebung grundsätzlich verweigert und ein Mensch trotz echter Umkehr dauerhaft von der Gemeinschaft ausgeschlossen wird, kann neues Unrecht entstehen. Diese Verbindung verdeutlicht, dass der Teufel nicht nur durch offensichtliche Sünden, sondern auch durch unversöhnliche Härte und zerstörte Beziehungen Handlungsspielraum gewinnen kann. Wahrheit und Vergebung dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Vergebung jede Konsequenz einer begangenen Tat aufhebt. Ein Mensch kann aufrichtig Vergebung suchen und dennoch Verantwortung für verursachten Schaden übernehmen müssen. Ebenso kann jemand innerlich auf Rache verzichten, ohne einer Person sofort wieder dasselbe Vertrauen entgegenzubringen. Vertrauen entsteht durch Verlässlichkeit und kann nach schweren Verletzungen nur schrittweise wiederhergestellt werden. Die biblische Aufforderung, dem Teufel keinen Raum zu geben, darf deshalb weder zur Verharmlosung von Unrecht noch zur Unterdrückung berechtigter Schutzbedürfnisse verwendet werden. Gerade ein wahrhaftiger Umgang mit Schuld verlangt, das Geschehene nicht zu beschönigen. Wo Wahrheit, gerechte Verantwortung und die Bereitschaft zur Vergebung ihren Platz erhalten, werden dagegen wichtige Voraussetzungen geschaffen, damit Konflikte nicht dauerhaft zerstörerisch wirken.

Betrachtet man die Verse 25–27 im Zusammenhang, fällt auf, dass Paulus zwei Bereiche anspricht, die besonders eng mit dem menschlichen Inneren verbunden sind: den Umgang mit der Wahrheit und die Reaktion auf erlebtes Unrecht. Beide können entweder dem Aufbau oder der Zerstörung von Beziehungen dienen. Wer die Wahrheit spricht, schafft eine Grundlage für Vertrauen. Wer seinen Zorn beherrschen lernt, verhindert, dass verletzte Gefühle zu weiterem Unrecht führen. Beide Veränderungen setzen mehr voraus als äußerliche Selbstkontrolle. Sie verlangen die Bereitschaft, das eigene Denken und die persönlichen Motive im Licht Gottes zu prüfen. Damit wird die Bedeutung der vorherigen Verse erneut konkret: Der neue Mensch soll nicht nur anders erscheinen, sondern tatsächlich anders denken und handeln.

Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus seine praktischen Anweisungen nicht allein mit dem persönlichen Vorteil des Einzelnen begründet. Seine Gedanken richten sich immer wieder auf die Gemeinschaft. Wahrhaftigkeit ist notwendig, weil die Gläubigen Glieder eines Leibes sind. Der Zorn soll begrenzt werden, weil er sonst zu weiterem Unrecht führen und dem Teufel Handlungsspielraum geben kann. Christliche Heiligung besitzt damit eine unmittelbare soziale Dimension. Sie zeigt sich nicht ausschließlich im persönlichen Gebet, im Bibelstudium oder in religiösen Überzeugungen, sondern ebenso darin, ob Menschen verlässlich, gerecht und versöhnungsbereit miteinander umgehen. Wer Christus nachfolgt, ist deshalb auch dazu berufen, Verantwortung für die Auswirkungen seiner Worte und Entscheidungen auf andere zu übernehmen.

Gleichzeitig zeigen diese Verse, dass Gottes Gebote und die durch Christus geschenkte Gnade nicht im Gegensatz zueinander stehen. Paulus hatte bereits erklärt, dass der neue Mensch nach Gott geschaffen wurde. Nun beschreibt er, wie diese neue Identität im Alltag Gestalt annehmen soll. Das Gebot, die Wahrheit zu reden, entspricht dem Wesen Gottes, der wahrhaftig ist. Die Warnung vor sündhaftem Zorn schützt die Beziehungen, die durch Liebe geprägt sein sollen. Und die Aufforderung, dem Teufel keinen Raum zu geben, erinnert daran, dass der Mensch auch nach seiner Bekehrung wachsam bleiben muss. Die neue Schöpfung in Christus macht Gottes moralischen Willen nicht bedeutungslos. Vielmehr befähigt Gottes erneuerndes Wirken den Menschen, immer mehr in Übereinstimmung mit diesem Willen zu leben.

So zeigen die Verse 25–27, dass christliche Reife gerade in Situationen sichtbar wird, in denen Aufrichtigkeit Mut erfordert und die eigenen Gefühle unter Druck geraten. Es ist vergleichsweise leicht, Wahrhaftigkeit zu bejahen, solange sie keinen persönlichen Nachteil bringt. Ebenso erscheint Geduld selbstverständlich, solange niemand die eigenen Erwartungen enttäuscht. Doch dort, wo ein Mensch versucht ist, sich durch eine Lüge zu schützen, einen Fehler zu verbergen oder aus Zorn verletzend zu reagieren, zeigt sich, welche Bedeutung Gottes Wahrheit tatsächlich für sein Leben besitzt. Paulus ruft die Gläubigen deshalb zu einer Lebensweise auf, in der nicht die unmittelbare Befriedigung eigener Interessen den Ausschlag gibt, sondern die Treue zu Christus.

Damit bereitet er den nächsten Abschnitt vor. Nachdem er den Umgang mit Wahrheit, Zorn und Konflikten behandelt hat, wendet sich Paulus weiteren Bereichen des täglichen Lebens zu. Er spricht über ehrliche Arbeit, die Bereitschaft, Bedürftigen zu helfen, und die Verantwortung für die eigenen Worte. Schließlich erinnert er daran, dass die Gläubigen den Heiligen Geist Gottes nicht betrüben sollen. Auch dort bleibt sein Grundgedanke derselbe: Das neue Leben in Christus soll nicht nur daran erkennbar sein, welches Unrecht ein Mensch unterlässt, sondern ebenso daran, welches Gute er an dessen Stelle tut.

Epheser 4,28–30

Ehrliche Arbeit, aufbauende Worte und die Verantwortung gegenüber dem Heiligen Geist

Nachdem Paulus die Gläubigen zur Wahrhaftigkeit und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Zorn aufgefordert hat, wendet er sich in Epheser 4,28 einem weiteren Bereich des täglichen Lebens zu. Er spricht über Diebstahl, ehrliche Arbeit und die Verantwortung gegenüber bedürftigen Menschen. Dabei fällt auf, dass Paulus nicht bei der Forderung stehen bleibt, ein bestimmtes Unrecht künftig zu unterlassen. Er beschreibt vielmehr, welche neue Haltung an die Stelle des früheren Verhaltens treten soll. Wer bisher gestohlen hat, soll nicht mehr stehlen, sondern durch eigene Arbeit etwas Gutes schaffen, damit er Menschen helfen kann, die Unterstützung benötigen. Darin zeigt sich ein grundlegendes Prinzip der christlichen Erneuerung: Gott möchte nicht nur, dass ein Mensch mit dem Unrecht aufhört, sondern dass sein Leben eine neue, gute Richtung erhält. Die Veränderung betrifft deshalb nicht allein seine äußeren Handlungen, sondern auch seine Einstellung zu Besitz, Arbeit und den Bedürfnissen anderer Menschen.

Bemerkenswert ist zunächst, dass Paulus den früheren Dieb direkt anspricht, ohne ihn auf seine Vergangenheit festzulegen. Er bezeichnet ihn nicht als einen Menschen, der aufgrund seines früheren Verhaltens für immer ausgeschlossen oder unbrauchbar wäre. Vielmehr setzt seine Aufforderung voraus, dass eine wirkliche Veränderung möglich ist. Ein Mensch, der bisher auf Kosten anderer gelebt hat, kann durch Gottes Gnade lernen, ehrlich zu handeln und selbst zum Wohl anderer beizutragen. Diese Hoffnung auf Veränderung gehört zum Wesen des Evangeliums. In 1. Korinther 6,9–11 erinnert Paulus die Gläubigen daran, dass einige von ihnen früher in schwerwiegenden Sünden gelebt hatten, darunter auch Diebstahl und Habgier. Anschließend erklärt er jedoch, dass sie durch Christus gereinigt, geheiligt und gerechtfertigt worden sind. Die Vergangenheit eines Menschen muss daher nicht seine Zukunft bestimmen. Entscheidend ist, ob er sich durch Gottes Gnade von seinem früheren Verhalten abwendet und beginnt, dem neuen Leben entsprechend zu handeln.

Die Aufforderung, nicht mehr zu stehlen, besitzt zugleich eine klare Verbindung zum achten Gebot: „Du sollst nicht stehlen“ (2. Mose 20,15). Dieses Gebot schützt das Eigentum anderer Menschen und setzt der menschlichen Selbstsucht eine Grenze. Wer stiehlt, eignet sich etwas an, worauf er keinen rechtmäßigen Anspruch hat. Dabei kann Diebstahl unterschiedliche Formen annehmen, doch sein grundlegendes Problem bleibt dasselbe: Der Mensch missachtet die Rechte seines Nächsten, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Paulus erklärt nicht, dass diese moralische Verantwortung durch den Glauben an Christus bedeutungslos geworden wäre. Im Gegenteil: Er bestätigt das Verbot und zeigt zugleich, wie weit die Erneuerung durch Christus darüber hinausreichen soll. Ein Christ soll nicht nur darauf verzichten, fremdes Eigentum an sich zu nehmen. Er soll eine Haltung entwickeln, die das Wohl anderer Menschen bewusst berücksichtigt.

Deshalb folgt auf das Verbot des Diebstahls unmittelbar die Aufforderung zur Arbeit. Paulus spricht davon, dass der betreffende Mensch sich bemühen soll, mit seinen Händen etwas Gutes zu erarbeiten. In der antiken Gesellschaft wurden körperliche Arbeiten häufig von Handwerkern, einfachen Arbeitern und versklavten Menschen verrichtet. In manchen gesellschaftlichen Kreisen genoss solche Arbeit weniger Ansehen als Tätigkeiten, die mit Bildung, öffentlicher Verantwortung oder gesellschaftlichem Einfluss verbunden waren. Paulus übernimmt jedoch keine Geringschätzung körperlicher Arbeit. Er betrachtet ehrliche Tätigkeit als eine sinnvolle Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und anderen zu helfen. Dabei ist die Betonung der Hände nicht so zu verstehen, als seien ausschließlich handwerkliche Berufe gottgefällig. Es geht um redliche, nützliche Arbeit, durch die der Mensch seinen Lebensunterhalt auf verantwortliche Weise erwerben und zum Wohl anderer beitragen kann.

Paulus selbst lebte diesen Grundsatz vor. Nach Apostelgeschichte 18,3 arbeitete er zeitweise gemeinsam mit Aquila und Priscilla in ihrem Handwerk. In seiner Abschiedsrede an die Ältesten von Ephesus erinnerte er daran, dass seine eigenen Hände für seinen Bedarf und für die Bedürfnisse seiner Begleiter gearbeitet hatten (Apostelgeschichte 20,33–35). Anschließend verband er diese Erfahrung mit der Aufforderung, sich der Schwachen anzunehmen. Damit begegnet uns derselbe Gedanke, den er später in Epheser 4,28 ausdrückt: Arbeit besitzt nicht nur einen persönlichen Nutzen. Sie eröffnet auch die Möglichkeit, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das bedeutet nicht, dass jeder geistliche Mitarbeiter grundsätzlich auf finanzielle Unterstützung verzichten müsste. Paulus erklärt an anderer Stelle ausdrücklich, dass diejenigen, die das Evangelium verkündigen, von diesem Dienst leben dürfen (1. Korinther 9,14). Sein eigenes Beispiel zeigt vielmehr, dass ehrliche Arbeit keine Schande ist und dass christlicher Dienst mit praktischer Hilfsbereitschaft verbunden sein soll.

Der letzte Teil von Vers 28 enthält den eigentlichen Höhepunkt der Aufforderung. Der frühere Dieb soll arbeiten, „damit er dem Dürftigen etwas zu geben habe“. Damit verändert sich die gesamte Richtung seines Handelns. Früher nahm er etwas, das einem anderen gehörte. Nun soll er durch eigene Anstrengung etwas erwerben, um einem bedürftigen Menschen davon abzugeben. Der Gegensatz könnte kaum deutlicher sein. Es genügt Paulus nicht, dass jemand aufhört, anderen materiellen Schaden zuzufügen. Er soll lernen, von einer selbstsüchtigen zu einer gebenden Lebensweise überzugehen. Der Besitz wird dadurch nicht mehr ausschließlich als Mittel zur Erfüllung eigener Wünsche betrachtet, sondern auch als Möglichkeit, anderen zu dienen. Diese Haltung entspricht dem Wesen der Liebe, die nicht nur nach dem eigenen Vorteil fragt, sondern auch das Wohl des Nächsten sucht.

Hier wird deutlich, wie tiefgreifend Paulus die Veränderung durch Christus versteht. Die Sünde des Diebstahls entspringt häufig dem Wunsch, etwas für sich zu gewinnen, ohne die Rechte anderer zu achten. Die neue Lebensweise führt dagegen zu ehrlicher Verantwortung und freiwilliger Freigebigkeit. Es geht deshalb nicht lediglich um einen Wechsel der Erwerbsmethode, sondern um eine veränderte Einstellung zu anderen Menschen. Wer bereit ist, von seinem Besitz abzugeben, erkennt an, dass die Bedürfnisse anderer nicht grundsätzlich weniger wichtig sind als die eigenen. Schon in 2. Korinther 8,13–15 erklärt Paulus, dass christliche Unterstützung nicht darauf abzielt, den einen in Not zu bringen, während der andere entlastet wird. Vielmehr soll durch gegenseitige Hilfe ein angemessener Ausgleich entstehen. Die Bereitschaft zum Geben setzt somit keine unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten voraus. Sie beginnt dort, wo ein Mensch seine vorhandenen Mittel verantwortungsvoll einsetzt und bereit ist, entsprechend seinen Möglichkeiten zu helfen.

Dabei darf die Aufforderung zur Arbeit nicht gegen Menschen verwendet werden, die aufgrund von Krankheit, Behinderung, Arbeitslosigkeit, hohem Alter oder anderer belastender Umstände nicht für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen können. Paulus spricht in Epheser 4,28 einen Menschen an, der bisher gestohlen hat und nun zu ehrlicher Tätigkeit aufgerufen wird. Er entwickelt keine allgemeine Regel, nach der materielle Bedürftigkeit automatisch auf Faulheit oder moralisches Versagen zurückzuführen wäre. Gerade weil er ausdrücklich zur Unterstützung Bedürftiger auffordert, setzt er voraus, dass Menschen tatsächlich auf die Hilfe anderer angewiesen sein können. Die christliche Gemeinschaft soll deshalb sowohl persönliche Verantwortung als auch Barmherzigkeit fördern. Wer arbeiten kann, soll seine Möglichkeiten nicht gleichgültig ungenutzt lassen. Wer Hilfe benötigt, darf dagegen nicht allein aufgrund seiner Bedürftigkeit verachtet werden.

Mit Vers 29 richtet Paulus die Aufmerksamkeit auf einen Bereich, der das Zusammenleben der Menschen ebenso tief beeinflusst wie ihr Umgang mit Besitz: die Sprache. Er fordert die Gläubigen auf, keine schlechte Rede aus ihrem Mund hervorgehen zu lassen, sondern Worte zu sprechen, die zur notwendigen Erbauung dienen und den Hörenden guttun. Auch hier folgt seine Ermahnung demselben Grundmuster wie im vorherigen Vers. Das Schlechte soll nicht lediglich unterlassen werden. An seine Stelle soll bewusst etwas Gutes treten. Wer früher andere durch seine Worte verletzte, herabsetzte oder in eine falsche Richtung beeinflusste, soll seine Sprache nun dazu einsetzen, Menschen zu stärken. Damit wird deutlich, dass die Erneuerung des Menschen nicht auf sichtbare Handlungen beschränkt bleibt. Sie soll auch in dem erkennbar werden, was er sagt und wie er mit anderen spricht.

Der Ausdruck „schlechte Rede“ besitzt im griechischen Grundtext eine anschauliche Bedeutung. Das verwendete Wort sapros kann etwas Verdorbenes, Faules oder Unbrauchbares bezeichnen. An anderen Stellen des Neuen Testaments wird es beispielsweise für schlechte Früchte verwendet (Matthäus 7,17–18). Paulus überträgt diesen Gedanken auf die Sprache. So wie verdorbene Früchte ihren eigentlichen Zweck verfehlen, können auch Worte ihre gute Bestimmung verlieren und Schaden anrichten. Gemeint ist daher mehr als eine bestimmte Auswahl unanständiger Ausdrücke. Auch scheinbar höfliche Worte können zerstörerisch wirken, wenn sie dazu dienen, andere zu täuschen, herabzusetzen oder gegeneinander aufzubringen. Umgekehrt kann eine sachlich deutliche Ermahnung hilfreich und notwendig sein, obwohl sie für den Angesprochenen zunächst unangenehm ist. Entscheidend ist nicht allein der Klang einer Aussage, sondern ihre Wahrheit, ihre Absicht und ihre Wirkung auf andere.

Jesus selbst hatte erklärt, dass die Worte eines Menschen etwas über den Zustand seines Herzens erkennen lassen. In Matthäus 12,34–35 beschreibt er, dass der Mund aus dem spricht, wovon das Herz erfüllt ist. Gute oder schlechte Worte entstehen deshalb nicht völlig unabhängig vom inneren Menschen. Sie stehen in Verbindung mit seinen Überzeugungen, Wünschen und seiner Haltung gegenüber anderen. Gerade deshalb passt die Aufforderung des Paulus zu seiner vorherigen Erklärung über die Erneuerung des Denkens. Wenn ein Mensch innerlich weiterhin von Neid, Verachtung, Selbstsucht oder Bitterkeit beherrscht wird, werden diese Einstellungen früher oder später auch in seiner Sprache sichtbar werden. Die Veränderung der Worte verlangt somit mehr als das Einüben höflicher Formulierungen. Sie setzt voraus, dass Gottes Wahrheit auch die innere Haltung des Menschen prägt.

Besonders ernst wird diese Verantwortung dort, wo Menschen über andere sprechen, die nicht anwesend sind. Gerüchte, abwertende Bemerkungen und ungeprüfte Behauptungen können den Ruf eines Menschen beschädigen, ohne dass dieser überhaupt Gelegenheit erhält, darauf zu antworten. Auch spöttische Worte können tief verletzen, selbst wenn sie nachträglich als harmloser Scherz dargestellt werden. Paulus verbietet damit nicht jede Form von Humor oder jede kritische Äußerung. Freude, freundlicher Humor und eine offene Gesprächskultur haben durchaus ihren Platz im menschlichen Zusammenleben. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die Worte dem anderen dienen oder ob sie auf dessen Kosten ausgesprochen werden. Wer einen Menschen bloßstellt, um selbst Anerkennung zu erhalten, handelt anders als jemand, der mit ihm gemeinsam lachen und Freude teilen möchte. Christliche Liebe verlangt deshalb Sensibilität dafür, welche Wirkung die eigenen Worte auf andere haben können.

Paulus geht aber noch einen Schritt weiter. Er fordert ausdrücklich, dass die Worte „zur notwendigen Erbauung“ dienen sollen. Diese Formulierung zeigt, dass hilfreiche Rede auf die jeweilige Situation abgestimmt sein muss. Nicht jeder Mensch benötigt zu jedem Zeitpunkt dieselbe Antwort. Ein Trauernder braucht möglicherweise Trost und geduldiges Zuhören. Ein verunsicherter Mensch benötigt Ermutigung. Wer sich in einer falschen Entscheidung befindet, braucht unter Umständen eine ehrliche und liebevolle Korrektur. Und jemand, der eine schwierige Aufgabe übernommen hat, kann durch aufrichtige Anerkennung gestärkt werden. Deshalb genügt es nicht, grundsätzlich freundliche Sätze zu verwenden. Worte sollen dem tatsächlichen Bedarf des anderen entsprechen. Geistliche Reife zeigt sich auch darin, zu erkennen, wann gesprochen werden sollte, welche Worte angemessen sind und wann es besser ist, zunächst zuzuhören.

Eine wichtige Parallele findet sich in Kolosser 4,6. Dort fordert Paulus die Gläubigen auf, ihre Rede freundlich und mit Salz gewürzt sein zu lassen, damit sie wissen, wie sie jedem Einzelnen antworten sollen. Diese Aussage betont ebenfalls, dass christliche Sprache nicht aus gedankenlosen Standardformulierungen bestehen sollte. Sie soll verständlich, angemessen und hilfreich sein. Auch Sprüche 25,11 verbindet die richtige Aussage mit dem passenden Zeitpunkt und beschreibt dadurch den besonderen Wert eines gut gewählten Wortes. Weisheit zeigt sich also nicht allein darin, dass ein Mensch die Wahrheit kennt, sondern auch darin, wie er sie vermittelt. Eine richtige Aussage kann ihre hilfreiche Wirkung verlieren, wenn sie absichtlich verletzend, unbedacht oder ohne Rücksicht auf die Situation ausgesprochen wird.

Am Ende von Vers 29 beschreibt Paulus das Ziel solcher Worte: Sie sollen den Hörenden guttun. Der griechische Ausdruck enthält dabei den Gedanken der Gnade. Worte sollen den Menschen, die sie hören, etwas Gutes vermitteln. Damit verbindet Paulus die Sprache erneut mit dem Wirken Gottes. Christen haben selbst Gnade empfangen und sollen nun auch in ihren Gesprächen eine Haltung erkennen lassen, die von dieser Gnade geprägt ist. Das bedeutet nicht, dass jedes Gespräch ausdrücklich religiös sein müsste. Auch alltägliche Worte können aufbauen, wenn sie von Wahrhaftigkeit, Achtung und Hilfsbereitschaft bestimmt werden. Ebenso bedeutet es nicht, dass aufbauende Rede niemals widersprechen oder warnen dürfte. Eine notwendige Korrektur kann gerade dann Ausdruck echter Fürsorge sein, wenn sie das Ziel verfolgt, einen Menschen vor Schaden zu bewahren und ihm auf einen besseren Weg zu helfen.

Mit Vers 30 erreicht Paulus einen besonders ernsten Punkt seiner Ermahnungen. Unmittelbar nachdem er über den verantwortungsvollen Gebrauch der Sprache gesprochen hat, fordert er die Gläubigen auf, den Heiligen Geist Gottes nicht zu betrüben. Auf den ersten Blick könnte diese Warnung wie ein neuer Gedanke erscheinen. Tatsächlich steht sie jedoch in enger Verbindung mit den vorherigen Aussagen. Der Heilige Geist ist derjenige, durch dessen Wirken die Gläubigen zu einem Leib verbunden sind und in ihrem neuen Leben gestärkt werden. Bereits in Epheser 4,3 hatte Paulus dazu aufgerufen, die Einheit des Geistes zu bewahren. Wenn die Gläubigen nun durch Lügen, verletzende Worte, Bitterkeit oder ungerechtes Verhalten einander schaden, handeln sie damit gegen das Werk, das der Heilige Geist in ihnen und in ihrer Gemeinschaft vollbringen möchte. Ihr Verhalten betrifft also nicht nur das Verhältnis zu anderen Menschen, sondern auch ihre Beziehung zu Gott.

Die Formulierung, den Heiligen Geist zu betrüben, verdient besondere Aufmerksamkeit. Paulus spricht vom Heiligen Geist nicht wie von einer unpersönlichen Kraft, die lediglich bestimmte Fähigkeiten vermittelt. Er verwendet eine Sprache, die eine persönliche Beziehung zum Ausdruck bringt. Der Geist Gottes kann durch sündhaftes Verhalten betrübt werden. Diese Aussage bedeutet nicht, dass Gott denselben wechselhaften Gefühlen und Begrenzungen unterworfen wäre wie ein Mensch. Sie zeigt jedoch, dass Gottes Heiligkeit und Liebe nicht gleichgültig gegenüber dem Verhalten seiner Kinder sind. Der Heilige Geist wirkt darauf hin, Menschen von der Sünde abzuwenden und sie in das Bild Christi zu verwandeln. Wenn sie sich bewusst gegen Gottes Willen stellen, widersprechen sie damit dem Ziel seines Wirkens. Das Betrüben des Geistes beschreibt deshalb die ernste Unvereinbarkeit zwischen Gottes heiligendem Handeln und einem Verhalten, das diesem Handeln entgegensteht.

Eine bemerkenswerte alttestamentliche Verbindung findet sich in Jesaja 63,10. Dort wird rückblickend beschrieben, dass das Volk Israel widerspenstig war und Gottes Heiligen Geist betrübte. Der Zusammenhang erinnert zunächst an Gottes große Barmherzigkeit und seine rettende Führung. Gott hatte sein Volk getragen und ihm seine Gegenwart geschenkt. Dennoch begegnete Israel dieser Fürsorge wiederholt mit Ungehorsam. Die Erwähnung des betrübten Geistes macht deutlich, dass die Untreue des Volkes nicht bloß eine Verletzung äußerer Vorschriften war. Sie stand im Widerspruch zu der Beziehung, die Gott mit seinem Volk eingegangen war. Wenn Paulus in Epheser 4,30 eine ähnliche Ausdrucksweise verwendet, entsteht eine bedeutsame Verbindung: Auch die Gläubigen des Neuen Bundes sollen Gottes gnädiges Handeln nicht durch ein Leben missachten, das seiner Heiligkeit widerspricht.

Die Warnung des Paulus darf allerdings nicht mit der unvergebbaren Sünde gegen den Heiligen Geist gleichgesetzt werden, von der Jesus in Markus 3,28–30 spricht. Der unmittelbare Zusammenhang in Epheser 4 zeigt, dass Paulus zu bereits gläubigen Menschen redet und sie vor konkreten Sünden im täglichen Zusammenleben warnt. Er erwähnt Lügen, sündhaften Zorn, Diebstahl und schädliche Rede. Anschließend wird er ausdrücklich zur Freundlichkeit und gegenseitigen Vergebung auffordern. Daraus folgt, dass das Betrüben des Heiligen Geistes nicht automatisch bedeutet, ein Mensch habe jede Möglichkeit zur Umkehr und Vergebung verloren. Vielmehr warnt Paulus gerade deshalb, weil die Gläubigen ihr Verhalten ändern sollen. Wer durch sein Handeln den Heiligen Geist betrübt hat, soll nicht in Hoffnungslosigkeit versinken, sondern Gottes Mahnung ernst nehmen, seine Schuld erkennen und sich von ihm erneuern lassen. Die Warnung soll zur Umkehr führen, nicht die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit zerstören.

Besonders aufschlussreich ist die Begründung, die Paulus unmittelbar anschließt. Er erinnert die Gläubigen daran, dass sie durch den Heiligen Geist „auf den Tag der Erlösung“ versiegelt worden sind. Bereits in Epheser 1,13–14 hatte er erklärt, dass die Gläubigen nach dem Hören des Evangeliums und dem Glauben an Christus mit dem verheißenen Heiligen Geist versiegelt wurden. Dort bezeichnet er den Geist zugleich als Unterpfand des zukünftigen Erbes. Ein Unterpfand ist eine bereits gegenwärtige Gabe, die auf die noch ausstehende Erfüllung einer Zusage verweist. Paulus beschreibt also eine geistliche Wirklichkeit, die die Gläubigen schon jetzt besitzen, während sie zugleich auf die endgültige Vollendung ihrer Erlösung warten. Der Heilige Geist ist nicht nur eine zukünftige Verheißung. Er ist bereits gegenwärtig und bezeugt Gottes Wirken in denen, die zu Christus gehören.

Das Bild der Versiegelung war in der antiken Welt gut verständlich. Siegel konnten dazu dienen, die Zugehörigkeit oder Echtheit eines Gegenstandes zu kennzeichnen und eine rechtlich bedeutsame Bestätigung auszudrücken. Wenn Paulus die Gläubigen als durch den Heiligen Geist versiegelt beschreibt, hebt er ihre Zugehörigkeit zu Gott und die Verlässlichkeit seiner Verheißung hervor. Sie sind Menschen, an denen Gott bereits gehandelt hat und denen er eine zukünftige Erlösung zugesagt hat. Dabei wäre es jedoch eine Überdehnung, aus Epheser 4,30 allein eine vollständige Erklärung sämtlicher Fragen über die Möglichkeit des Abfalls vom Glauben abzuleiten. Ebenso wenig darf die Versiegelung mit einem Zustand verwechselt werden, in dem keine weitere geistliche Entwicklung oder persönliche Verantwortung mehr notwendig wäre. Gerade die Tatsache, dass Paulus die bereits versiegelten Gläubigen vor sündhaftem Verhalten warnt, zeigt, dass Gottes gegenwärtiges Wirken und die Aufforderung zu einem heiligen Leben untrennbar zusammengehören.

Mit dem „Tag der Erlösung“ richtet Paulus den Blick auf die zukünftige Vollendung dessen, was Christus bereits ermöglicht hat. Die Gläubigen besitzen durch ihn Vergebung und sind aus Gnade errettet worden. Dennoch leben sie weiterhin in einer Welt, die von Sünde, Leid und Tod geprägt ist. Auch ihr eigener Körper ist noch der Vergänglichkeit unterworfen. In Römer 8,23 beschreibt Paulus deshalb, dass die Gläubigen, obwohl sie den Geist als Erstlingsgabe besitzen, noch auf die Erlösung ihres Leibes warten. Diese Hoffnung ist mit der Wiederkunft Christi und der Auferstehung verbunden (1. Korinther 15,51–54; 1. Thessalonicher 4,16–17). Der Tag der Erlösung bezeichnet somit nicht einfach den Zeitpunkt der persönlichen Bekehrung, sondern die noch ausstehende Vollendung des göttlichen Erlösungswerkes. Der Geist, den Gott seinen Kindern bereits gegeben hat, verbindet ihre gegenwärtige Glaubenswirklichkeit mit dieser zukünftigen Hoffnung.

Gerade diese Verbindung zwischen gegenwärtiger Gnade und zukünftiger Erlösung macht die Warnung des Paulus so bedeutsam. Die Gläubigen gehören durch Christus zu Gott und tragen die Verheißung einer herrlichen Zukunft in sich. Deshalb sollen sie ihr gegenwärtiges Leben nicht von Verhaltensweisen bestimmen lassen, die ihrer Berufung widersprechen. Wer den Heiligen Geist betrübt, handelt nicht nur gegen ein einzelnes Gebot, sondern gegen die Richtung, in die Gottes erneuerndes Wirken ihn führen möchte. Die Erinnerung an die Versiegelung soll dabei nicht ausschließlich Furcht auslösen. Sie enthält zugleich eine starke Ermutigung: Gott hat die Gläubigen nicht ihrem eigenen Bemühen überlassen. Er hat ihnen seinen Geist gegeben und wirkt bereits an ihrer Erneuerung. Ihre Aufgabe besteht darin, diesem Wirken nicht zu widerstehen, sondern sich von Gottes Wahrheit prägen und zu einem Leben führen zu lassen, das Christus entspricht.

Damit werden die drei Verse durch einen gemeinsamen Gedanken verbunden. In Vers 28 soll der frühere Dieb zu einem Menschen werden, der durch ehrliche Arbeit anderen hilft. In Vers 29 soll der Mensch seine Sprache nicht länger zur Verletzung, sondern zur Stärkung anderer einsetzen. In Vers 30 erinnert Paulus daran, dass diese Veränderungen nicht lediglich gesellschaftliche Tugenden sind, sondern im Zusammenhang mit dem Wirken des Heiligen Geistes stehen. Die neue Lebensweise ist deshalb mehr als ein moralisches Verbesserungsprogramm. Sie ist Ausdruck der Zugehörigkeit zu Christus und der Erneuerung, die Gott im Menschen bewirkt. Das frühere Verhalten soll nicht einfach unterdrückt werden, während die alte innere Haltung bestehen bleibt. An die Stelle selbstsüchtiger Handlungen sollen Liebe, Hilfsbereitschaft und ein bewusster Umgang mit den eigenen Worten treten.

Besonders tiefgehend ist dabei, dass Paulus die Beziehung zu Gott mit dem gewöhnlichen Alltag verbindet. Der Heilige Geist wird nicht nur durch das offenkundige Verlassen des Glaubens oder durch schwerwiegende religiöse Verfehlungen betrübt. Auch der Umgang mit dem Besitz anderer Menschen, die Bereitschaft zur Hilfe und die Art, wie jemand spricht, besitzen geistliche Bedeutung. Ein verletzendes Wort mag dem Sprecher unbedeutend erscheinen, kann aber das Herz eines anderen Menschen tief treffen. Eine kleine Hilfeleistung mag äußerlich unscheinbar sein, kann für einen Bedürftigen jedoch eine große Erleichterung bedeuten. Paulus macht damit deutlich, dass die Erneuerung durch den Heiligen Geist gerade in solchen alltäglichen Entscheidungen sichtbar werden soll. Der Glaube ist nicht auf bestimmte religiöse Zeiten oder Orte beschränkt. Er soll das gesamte Leben durchdringen.

So führt Paulus seine Leser zu einem Verständnis christlicher Heiligung, in dem Gottes Gnade und menschliche Verantwortung miteinander verbunden bleiben. Der Mensch wird nicht durch gute Werke oder freundliche Worte erlöst. Doch wer die rettende Gnade Christi empfangen hat, ist zu einem Leben berufen, das dieser Gnade entspricht. Ehrliche Arbeit, großzügige Hilfsbereitschaft und aufbauende Worte sind deshalb keine Mittel, um sich Gottes Liebe zu verdienen. Sie sind Ausdruck einer neuen Haltung, die aus der Beziehung zu Christus erwächst und durch den Heiligen Geist gestärkt wird. Die Frage lautet nicht mehr nur, welches Unrecht vermieden werden muss, sondern auch, welches Gute an seine Stelle treten soll.

Im folgenden Abschnitt wird Paulus diesen Gedanken zu einem abschließenden Höhepunkt führen. Nachdem er den Umgang mit Arbeit, Besitz und Sprache behandelt hat, richtet er den Blick noch einmal auf die inneren Einstellungen, aus denen verletzendes Verhalten entstehen kann. Bitterkeit, Grimm, Zorn und Bosheit sollen abgelegt werden. An ihre Stelle sollen Freundlichkeit, Barmherzigkeit und Vergebung treten. Damit macht Paulus deutlich, dass das neue Leben in Christus sein Ziel nicht allein in einem äußerlich korrekten Verhalten findet. Es soll eine Gemeinschaft hervorbringen, in der die Menschen einander so begegnen, wie Gott ihnen selbst in Jesus Christus begegnet ist.

Epheser 4,31–32

Bitterkeit überwinden und aus empfangener Vergebung leben

Zum Abschluss seiner Ermahnungen über das neue Leben in Christus richtet Paulus den Blick noch einmal auf das menschliche Herz. Nachdem er über Wahrhaftigkeit, den Umgang mit Zorn, ehrliche Arbeit und verantwortungsvolle Worte gesprochen hat, benennt er in Epheser 4,31 jene inneren Einstellungen, aus denen besonders leicht verletzendes Verhalten entsteht. Bitterkeit, Grimm, Zorn, Geschrei, Lästerung und Bosheit sollen keinen Platz mehr im Leben der Gläubigen haben. An ihre Stelle sollen Freundlichkeit, Barmherzigkeit und gegenseitige Vergebung treten. Damit führt Paulus seine bisherigen Gedanken zu einem entscheidenden Höhepunkt. Ein Mensch ist nicht schon deshalb geistlich erneuert, weil er bestimmte sündhafte Handlungen äußerlich vermeidet. Die Veränderung durch Christus soll auch seine Einstellung gegenüber anderen Menschen erfassen, besonders dort, wo er verletzt wurde, Enttäuschungen erlebt hat oder mit fremder Schuld konfrontiert wird.

An erster Stelle nennt Paulus die Bitterkeit. Das zugrunde liegende griechische Wort pikria bezeichnet ursprünglich etwas Bitteres und kann im übertragenen Sinn eine verbitterte innere Haltung beschreiben. Dabei geht es um mehr als den vorübergehenden Schmerz nach einer Enttäuschung. Bitterkeit kann entstehen, wenn ein Mensch erlittenes Unrecht dauerhaft in seinem Inneren festhält und seine Gedanken zunehmend von Groll bestimmt werden. Eine Verletzung, die ursprünglich durch das Verhalten eines anderen entstanden ist, kann auf diese Weise immer größeren Einfluss auf das eigene Leben gewinnen. Der Betroffene erinnert sich möglicherweise wiederholt an das Geschehene, stellt sich vor, was er dem anderen hätte sagen sollen, oder entwickelt eine anhaltende feindselige Haltung. Die ursprüngliche Verletzung bleibt dadurch nicht nur eine schmerzhafte Erinnerung, sondern kann die gegenwärtigen Beziehungen und Entscheidungen beeinflussen.

Dabei muss sorgfältig zwischen berechtigtem Schmerz und sündhafter Verbitterung unterschieden werden. Die Bibel verlangt nicht, dass ein Mensch schweres Unrecht als unbedeutend betrachtet oder seine Verletzungen einfach überspielt. Trauer, Enttäuschung und das Bedürfnis nach Gerechtigkeit sind nicht automatisch Ausdruck eines verbitterten Herzens. Auch Jesus empfand Trauer über das Verhalten der Menschen und begegnete ihrer Hartherzigkeit mit ernstem innerem Schmerz (Markus 3,5; Lukas 19,41). Paulus richtet sich deshalb nicht gegen die Fähigkeit des Menschen, Verletzungen wahrzunehmen. Er warnt vielmehr vor einer Haltung, in der der erfahrene Schmerz in dauerhafte Feindseligkeit übergeht und die Bereitschaft verloren geht, sich von Gottes Wahrheit und Liebe leiten zu lassen. Nicht jede Wunde heilt schnell. Die Aufforderung, Bitterkeit abzulegen, darf deshalb nicht als Vorwurf gegenüber Menschen verwendet werden, die nach schwerem Unrecht noch Zeit und Unterstützung benötigen.

Eng mit der Bitterkeit verbindet Paulus den Grimm und den Zorn. Diese beiden Begriffe beschreiben verwandte, aber nicht völlig identische Formen des Ärgers. Das griechische Wort thymos, das in der Schlachter-Bibel von 1951 mit „Grimm“ wiedergegeben wird, kann besonders den aufwallenden, heftigen Zorn bezeichnen. Das Wort orgē besitzt eine breitere Bedeutung und kann auch einen länger anhaltenden Zorn ausdrücken. Die beiden Begriffe überschneiden sich jedoch in ihrem tatsächlichen Sprachgebrauch und sollten nicht zu zwei starren psychologischen Kategorien gemacht werden. Paulus verwendet sie gemeinsam, um die unterschiedlichen Erscheinungsformen eines Zorns zu erfassen, der nicht mehr von Besonnenheit und Liebe bestimmt wird.

Damit ergänzt er seine frühere Aufforderung aus Vers 26, im Zorn nicht zu sündigen. Dort hatte er davor gewarnt, den Zorn zu einem Ausgangspunkt sündhafter Handlungen werden zu lassen. Nun beschreibt er genauer, welche Haltungen aus dem Leben der Gläubigen entfernt werden sollen. Ein Mensch kann seinen Ärger offen und heftig zeigen, indem er andere anschreit oder ihnen droht. Er kann ihn aber auch still in sich tragen und über längere Zeit eine feindselige Haltung entwickeln. Beide Formen können zerstörerisch wirken. Entscheidend ist nicht, ob ein Mensch seine Gefühle laut oder leise ausdrückt, sondern ob sein Verhalten noch von Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung und Liebe geprägt wird. Paulus fordert keine gefühllose Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht. Er verlangt, dass der Zorn nicht die Herrschaft über das Denken und Handeln übernimmt.

Als Nächstes nennt Paulus das Geschrei. Damit beschreibt er eine nach außen sichtbare Form des Konflikts. Das griechische Wort kraugē bezeichnet einen lauten Ruf oder ein Geschrei und kann im vorliegenden Zusammenhang auf heftige, feindselige Auseinandersetzungen hinweisen. Wo Menschen ihre Konflikte durch Anschreien, Drohen oder gegenseitige Beschimpfungen austragen, wird die eigentliche Frage häufig von der zunehmenden Erregung überlagert. Statt einander zuzuhören und die Ursache des Problems zu klären, versuchen die Beteiligten möglicherweise, sich durch Lautstärke oder Einschüchterung durchzusetzen. Dadurch kann sich ein zunächst begrenzter Streit zu einer Auseinandersetzung entwickeln, in der immer neue Verletzungen entstehen. Paulus macht deutlich, dass eine solche Form des Umgangs nicht zu der Gemeinschaft passt, die durch Christus geschaffen wurde.

Das Verbot des Geschreis bedeutet allerdings nicht, dass jede laute Äußerung oder jede deutliche Auseinandersetzung sündhaft wäre. Menschen können aus Freude, Erschrecken oder in einer Notsituation ihre Stimme erheben, ohne dadurch Unrecht zu tun. Ebenso kann es notwendig sein, eine gefährliche Handlung mit Nachdruck zu unterbrechen oder schwerwiegendes Fehlverhalten klar anzusprechen. Paulus behandelt hier jedoch nicht die Lautstärke als solche, sondern die feindselige und verletzende Art des Streitens. Ein Christ soll seine Worte nicht als Mittel verwenden, um andere einzuschüchtern, zu erniedrigen oder zum Schweigen zu bringen. Auch dort, wo ein Konflikt ernst ist, soll der Mensch die Würde seines Gegenübers achten und sich nicht von unbeherrschter Wut leiten lassen.

Mit der Lästerung benennt Paulus anschließend eine weitere zerstörerische Form der Sprache. Das zugrunde liegende griechische Wort blasphēmia kann die Schmähung Gottes bezeichnen, wird aber auch für verleumderische oder herabsetzende Rede über Menschen verwendet. Im unmittelbaren Zusammenhang liegt der Schwerpunkt besonders auf Worten, durch die andere Menschen angegriffen, verunglimpft oder in ihrer Würde verletzt werden. Das kann durch falsche Beschuldigungen geschehen, aber auch durch bewusst ehrverletzende Aussagen, die darauf abzielen, einen Menschen vor anderen schlechtzumachen. Besonders schwerwiegend wird dieses Verhalten, wenn jemand den guten Ruf eines anderen zerstören möchte, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen oder eine persönliche Kränkung zu vergelten.

Bereits im neunten Gebot hatte Gott verboten, gegen den Nächsten falsches Zeugnis abzulegen (2. Mose 20,16). Dieses Gebot schützt die Wahrheit und den Menschen, dessen Ruf durch unwahre Aussagen beschädigt werden könnte. Paulus führt denselben moralischen Grundsatz im Zusammenhang des neuen Lebens in Christus weiter. Der Glaube an Jesus befreit den Menschen nicht von der Verantwortung, wahrhaftig und gerecht über andere zu sprechen. Vielmehr erhält diese Verantwortung eine zusätzliche Tiefe, weil die Gläubigen Glieder desselben Leibes sind. Wer einen anderen bewusst verleumdet, verletzt nicht nur dessen persönliche Würde, sondern beschädigt zugleich das Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft. Eine Gemeinde, in der Gerüchte, persönliche Angriffe und gegenseitige Verdächtigungen das Miteinander bestimmen, kann ihre Berufung zur Einheit und Liebe nur schwer erfüllen.

Den Abschluss der negativen Aufzählung bildet die Bosheit. Paulus verwendet hier ein Wort, das eine böswillige Haltung und unterschiedliche Formen sittlicher Schlechtigkeit umfassen kann. Die Formulierung „samt aller Bosheit“ erweitert seine Warnung über die zuvor genannten Verhaltensweisen hinaus. Er möchte nicht lediglich einige besonders auffällige Sünden verbieten, während andere feindselige Einstellungen bestehen bleiben dürfen. Die Gläubigen sollen sich grundsätzlich von einer Haltung abwenden, die dem anderen Böses wünscht oder bewusst Schaden zufügen möchte. Dazu gehört auch der Wunsch nach Rache, die Freude am Unglück eines anderen oder die absichtliche Ausnutzung seiner Schwächen.

Auffällig ist, dass Paulus in Vers 31 eine innere Entwicklung erkennen lässt, ohne damit eine zwingende zeitliche Reihenfolge festzulegen. Bitterkeit und Zorn betreffen zunächst die innere Einstellung des Menschen. Geschrei und Lästerung zeigen, wie sich diese Haltung in Worten äußern kann. Bosheit umfasst schließlich die feindselige Gesinnung, aus der auch weitere schädliche Handlungen entstehen können. Die Begriffe bilden somit keine starre Abfolge, in der immer eine Sünde zwangsläufig zur nächsten führen müsste. Sie verdeutlichen vielmehr, wie eng das Innere des Menschen mit seinem äußeren Verhalten verbunden ist. Wer Hass und Feindseligkeit dauerhaft in seinem Herzen pflegt, wird diese Haltung kaum auf Dauer von seinen Worten und Entscheidungen getrennt halten können. Deshalb muss die Erneuerung, von der Paulus spricht, beim inneren Menschen ansetzen.

Mit Vers 32 folgt nun der entscheidende Gegensatz. An die Stelle der Bitterkeit soll Freundlichkeit treten, an die Stelle der Hartherzigkeit Barmherzigkeit und an die Stelle feindseliger Vergeltung die Bereitschaft zur Vergebung. Paulus fordert die Gläubigen nicht nur dazu auf, sich von zerstörerischen Einstellungen zu trennen. Er beschreibt gleichzeitig, welche neue Haltung ihr Miteinander prägen soll. Das ist von besonderer Bedeutung, weil die bloße Abwesenheit offener Feindseligkeit noch keine liebevolle Gemeinschaft hervorbringt. Menschen können aufhören, miteinander zu streiten, und dennoch gleichgültig, kalt oder innerlich voneinander getrennt bleiben. Paulus möchte mehr als eine Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig möglichst wenig schadet. Er beschreibt ein Zusammenleben, in dem Menschen einander bewusst Gutes tun und mitfühlend begegnen.

Die erste positive Eigenschaft ist die Freundlichkeit. Das entsprechende griechische Wort chrēstos beschreibt eine gütige und wohlwollende Haltung, die sich im Umgang mit anderen Menschen zeigt. Freundlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als äußerliche Höflichkeit. Ein Mensch kann freundlich klingende Worte verwenden und dennoch innerlich von Gleichgültigkeit oder Berechnung bestimmt sein. Die Freundlichkeit, zu der Paulus auffordert, entspringt dagegen dem aufrichtigen Wunsch, dem anderen Gutes zu tun. Sie zeigt sich darin, dass man Menschen mit Achtung begegnet, geduldig zuhört, unnötige Härte vermeidet und bereit ist zu helfen. Gerade in angespannten Beziehungen kann eine solche Haltung verhindern, dass bestehende Schwierigkeiten durch weitere Verletzungen verschärft werden.

Diese Freundlichkeit besitzt ein wichtiges Vorbild im Wesen Gottes. In Römer 2,4 spricht Paulus von Gottes Güte, Geduld und Langmut, durch die Menschen zur Umkehr geführt werden sollen. Auch in Epheser 2,7 hatte er von dem Reichtum der göttlichen Gnade gesprochen, die sich durch Gottes Güte in Christus Jesus zeigt. Die Gläubigen sollen deshalb nicht lediglich eine gesellschaftlich erwünschte Umgangsform übernehmen. Sie sollen vielmehr eine Haltung entwickeln, die etwas von Gottes eigener Güte erkennen lässt. Der Mensch begegnet anderen nicht deshalb freundlich, weil diese sich Freundlichkeit in jeder Situation verdient hätten, sondern weil er selbst von Gottes unverdienter Güte lebt.

Eng damit verbunden ist die Barmherzigkeit. Das griechische Wort eusplagchnos beschreibt ein tiefes inneres Mitgefühl. In der damaligen Sprache konnte das Innere des menschlichen Körpers bildlich als Sitz starker Gefühle verstanden werden. Paulus greift diese Vorstellung auf, um eine Haltung zu beschreiben, bei der das Leid oder die Bedürftigkeit eines anderen Menschen das eigene Herz berührt. Barmherzigkeit bleibt deshalb nicht bei einer distanzierten Feststellung stehen, dass jemand Schwierigkeiten hat. Sie nimmt seine Not ernst und sucht, soweit es möglich ist, einen hilfreichen Umgang damit. Ein barmherziger Mensch versucht zu verstehen, weshalb sein Gegenüber leidet, und begegnet ihm nicht vorschnell mit Härte oder Verachtung.

Dabei darf Barmherzigkeit nicht mit einer Haltung verwechselt werden, die jedes Fehlverhalten entschuldigt. Gott selbst wird in der Bibel zugleich als barmherzig und gerecht beschrieben. Seine Barmherzigkeit bedeutet nicht, dass ihm die Sünde gleichgültig wäre. Vielmehr zeigt sie sich darin, dass er schuldigen Menschen einen Weg zur Umkehr und Wiederherstellung eröffnet. Auch zwischen Menschen kann echte Barmherzigkeit bedeuten, einem Schuldigen zu helfen, Verantwortung zu übernehmen und sein Verhalten zu ändern. Mitgefühl und klare moralische Grenzen müssen sich deshalb nicht widersprechen. Gerade wer das wirkliche Wohl des anderen sucht, wird eine zerstörerische Lebensweise nicht einfach bestätigen. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob eine notwendige Korrektur von Liebe und dem Wunsch nach Wiederherstellung getragen wird oder ob sie lediglich dazu dient, den anderen zu bestrafen und zu erniedrigen.

Den Höhepunkt seiner Aufforderung erreicht Paulus mit den Worten, dass die Gläubigen einander vergeben sollen, so wie Gott ihnen in Christus vergeben hat. Damit führt er die gesamte Frage des zwischenmenschlichen Verhaltens auf den Mittelpunkt des Evangeliums zurück. Vergebung ist für Paulus nicht bloß eine nützliche Methode, um persönliche Konflikte leichter zu bewältigen. Sie hat ihren Ursprung in Gottes eigenem Handeln. Die Gläubigen sollen vergeben, weil sie selbst Menschen sind, denen eine unverdiente Vergebung geschenkt wurde. Bereits in Epheser 1,7 hatte Paulus erklärt, dass die Erlösung durch das Blut Christi mit der Vergebung der Sünden verbunden ist und aus dem Reichtum der göttlichen Gnade hervorgeht. Die Grundlage christlicher Vergebungsbereitschaft liegt deshalb nicht in der Vorstellung, dass menschliche Schuld grundsätzlich unbedeutend wäre. Sie liegt darin, dass Gott die Schuld ernst nimmt und dennoch in Christus den Weg zur Vergebung eröffnet hat.

Besonders aufschlussreich ist dabei die Formulierung „gleichwie auch Gott in Christus euch vergeben hat“. Paulus sagt nicht, dass Gott den Gläubigen erst dann vergeben werde, wenn sie zuvor durch eigene Leistung genügend Vergebungsbereitschaft bewiesen hätten. Er erinnert sie an eine Gnade, die sie bereits empfangen haben. Diese empfangene Vergebung bildet nun den Maßstab für ihr Verhalten gegenüber anderen. Der Mensch soll nicht aus eigener moralischer Überlegenheit vergeben, sondern aus dem Bewusstsein heraus, selbst auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen zu sein. Damit wird jede selbstgerechte Haltung infrage gestellt. Wer erkennt, wie viel Gott ihm vergeben hat, kann die Schuld anderer nicht mehr ausschließlich aus der Perspektive eigener Unfehlbarkeit betrachten.

Jesus verdeutlichte diesen Zusammenhang im Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht in Matthäus 18,21–35. Dort wird einem Knecht eine außerordentlich große Schuld erlassen, die er selbst niemals hätte begleichen können. Dennoch weigert er sich anschließend, einem Mitknecht eine wesentlich geringere Schuld zu erlassen, und behandelt ihn mit großer Härte. Das Gleichnis zeigt den tiefen Widerspruch zwischen empfangener Barmherzigkeit und bewusst verweigerter Barmherzigkeit. Wer selbst Vergebung empfangen hat, soll lernen, anderen mit derselben grundsätzlichen Haltung zu begegnen. Dabei dürfen die unterschiedlichen Schuldhöhen des Gleichnisses nicht zu einer allgemeinen Behauptung gemacht werden, jedes Unrecht, das einem Christen zugefügt wird, sei notwendigerweise geringfügig. Der entscheidende Punkt liegt vielmehr darin, dass die empfangene Gnade den Umgang mit der Schuld anderer verändern soll.

Auch im Vaterunser verbindet Jesus die Bitte um göttliche Vergebung unmittelbar mit der Bereitschaft, anderen zu vergeben (Matthäus 6,12.14–15). Diese Worte unterstreichen den Ernst der Sache. Ein Mensch kann nicht dauerhaft an einer bewusst unbarmherzigen Haltung festhalten und zugleich meinen, die Barmherzigkeit Gottes habe keinerlei Anspruch an sein eigenes Leben. Dennoch bedeutet dies nicht, dass menschliche Vergebung der Preis wäre, mit dem man sich Gottes Gnade erkauft. Die gesamte Botschaft des Neuen Testaments zeigt, dass die Erlösung ihren Ursprung in Gottes Liebe und seinem Handeln durch Christus hat. Die Bereitschaft zur Vergebung ist deshalb nicht die Ursache der göttlichen Gnade, sondern eine notwendige Antwort auf sie. Wer Gottes Vergebung wirklich annimmt, wird zugleich dazu aufgerufen, seine eigene Haltung gegenüber anderen von dieser Gnade verändern zu lassen.

Dabei muss zwischen Vergebung, Versöhnung und wiederhergestelltem Vertrauen unterschieden werden. Diese drei Dinge hängen miteinander zusammen, sind aber nicht in jeder Hinsicht identisch. Vergebung bedeutet, sich von dem Wunsch nach persönlicher Vergeltung abzuwenden und die Schuld des anderen nicht dauerhaft als Grundlage eigener Rache festzuhalten. Versöhnung betrifft dagegen die Wiederherstellung einer gestörten Beziehung und setzt häufig voraus, dass beide Seiten bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Vertrauen wiederum entsteht durch glaubwürdiges und verlässliches Verhalten. Es kann nach einer schweren Verletzung Zeit benötigen, bis es wieder wächst. Deshalb darf die Aufforderung des Paulus nicht so verstanden werden, als müsse ein Mensch nach einer ausgesprochenen Vergebung sofort wieder dieselbe Nähe oder dasselbe Vertrauen gewähren wie zuvor.

Diese Unterscheidung ist besonders bei schwerem Unrecht wichtig. Wer durch Gewalt, Missbrauch, bewussten Betrug oder wiederholte Grenzüberschreitungen verletzt wurde, ist durch Epheser 4,32 nicht verpflichtet, sich erneut einer gefährlichen Situation auszusetzen. Ebenso wenig verlangt Vergebung, die Wahrheit über das Geschehene zu verschweigen oder notwendige rechtliche Konsequenzen zu verhindern. Gott verbindet seine Barmherzigkeit nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber der Gerechtigkeit. Christliche Vergebung soll den Menschen deshalb nicht dazu bringen, Unrecht zu verharmlosen. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, sich von der Herrschaft des Hasses und der persönlichen Rache zu lösen, ohne die Verantwortung des Schuldigen aufzuheben. Wo echte Umkehr geschieht, kann Versöhnung wachsen. Wo sie ausbleibt oder weiterhin Gefahr besteht, können klare Grenzen notwendig bleiben.

Gerade deshalb ist Vergebung häufig kein einfacher oder augenblicklich abgeschlossener Vorgang. Ein Mensch kann die aufrichtige Entscheidung treffen, nicht länger nach Rache zu suchen, und dennoch weiterhin unter den Folgen einer Verletzung leiden. Schmerzliche Erinnerungen verschwinden nicht immer sofort, nur weil jemand vergeben möchte. Auch können Gefühle von Enttäuschung oder Trauer später erneut auftreten. Daraus folgt nicht automatisch, dass die vorherige Entscheidung zur Vergebung unecht gewesen wäre. Entscheidend ist vielmehr, ob der Mensch bereit bleibt, sich von Gottes Wahrheit leiten zu lassen, anstatt den Schmerz bewusst in Hass und Vergeltung umzuwandeln. Die biblische Aufforderung zur Vergebung ist deshalb ernst zu nehmen, ohne daraus die unrealistische Erwartung abzuleiten, jeder innere Heilungsprozess müsse innerhalb kürzester Zeit abgeschlossen sein.

Eine weitere wichtige Verbindung findet sich in Kolosser 3,12–14. Dort fordert Paulus die Gläubigen auf, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld anzuziehen. Sie sollen einander ertragen und vergeben, wenn jemand gegen einen anderen Anlass zur Klage hat. Über allem aber soll die Liebe stehen, die Paulus als Band der Vollkommenheit bezeichnet. Diese Worte zeigen eine enge Übereinstimmung mit Epheser 4. Beide Abschnitte verbinden die neue Zugehörigkeit zu Christus mit einer Lebensweise, die durch Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung geprägt wird. Die geistliche Erneuerung des Menschen bleibt nicht auf seine persönliche Beziehung zu Gott beschränkt. Sie soll gerade in den Beziehungen sichtbar werden, in denen Unterschiede, Schwächen und Schuld eine besondere Herausforderung darstellen.

In diesem Zusammenhang wird auch verständlich, weshalb Paulus seine Ermahnungen nicht mit einer weiteren Verbotsliste beendet. Der abschließende Gedanke ist positiv und richtet den Blick auf Gottes Handeln in Christus. Das christliche Leben besteht nicht nur darin, Bitterkeit zu vermeiden, Zorn zu beherrschen oder verletzende Worte zu unterlassen. Es soll von einer Liebe geprägt werden, die anderen Menschen Gutes wünscht und zur Vergebung bereit ist. Ein Mensch kann äußerlich ruhig bleiben und dennoch innerlich voller Feindseligkeit sein. Er kann darauf verzichten, einem anderen offen zu schaden, ohne deshalb schon barmherzig zu handeln. Paulus führt deshalb über die bloße Selbstbeherrschung hinaus. Die durch Christus bewirkte Erneuerung soll eine neue Herzenshaltung hervorbringen, aus der Freundlichkeit, Mitgefühl und Vergebungsbereitschaft erwachsen.

Damit erhält auch die zuvor beschriebene Einheit der Gemeinde ihren tiefsten praktischen Ausdruck. Zu Beginn des Kapitels hatte Paulus die Gläubigen aufgefordert, die Einheit des Geistes durch Demut, Sanftmut, Geduld und Liebe zu bewahren. Er hatte erklärt, dass alle zu einem Leib gehören, denselben Herrn haben und gemeinsam zur geistlichen Reife heranwachsen sollen. Am Ende zeigt er nun, welche innere Haltung erforderlich ist, damit dieses Zusammenleben auch angesichts menschlicher Schwächen und Konflikte bestehen kann. Eine Gemeinde wird nicht dadurch bewahrt, dass ihre Mitglieder niemals Fehler machen oder einander enttäuschen. Sie braucht Menschen, die bereit sind, Schuld wahrhaftig anzusprechen, selbst Verantwortung zu übernehmen, barmherzig miteinander umzugehen und aus der empfangenen Vergebung Gottes zu leben.

So führt Paulus den gesamten vierten Abschnitt seines Briefes zu einer grundlegenden Wahrheit zurück: Das neue Leben in Christus soll Gottes Wesen im menschlichen Verhalten widerspiegeln. Wer durch Christus Vergebung empfangen hat, soll selbst zur Vergebung bereit sein. Wer Gottes Barmherzigkeit erfahren hat, soll anderen mit Mitgefühl begegnen. Und wer durch den Heiligen Geist zu einer neuen Gemeinschaft berufen wurde, soll nicht zulassen, dass Bitterkeit und Feindseligkeit diese Gemeinschaft bestimmen. Gottes Gnade verändert nicht nur die Stellung des Menschen vor ihm, sondern soll auch seine Beziehungen, seine Worte und seine innere Haltung erneuern.

Damit endet Epheser 4 nicht mit dem Bild eines Menschen, der aus eigener Kraft moralische Vollkommenheit erreicht hat. Es endet mit der Erinnerung an die Vergebung, die Gott in Jesus Christus schenkt. Gerade darin liegt die Grundlage des ganzen neuen Lebens: Der Mensch ist auf Gottes Gnade angewiesen, und aus dieser Gnade soll eine Lebensweise erwachsen, die von Wahrheit, Heiligkeit, Liebe und Barmherzigkeit geprägt ist. Die empfangene Vergebung wird so zum Ausgangspunkt eines veränderten Umgangs mit anderen Menschen.

Geistliche Kernbotschaft

Das Leben mit Jesus Christus beginnt mit Gottes Gnade und soll durch diese Gnade zu einer tiefgreifenden Veränderung des Menschen führen. Diese Wahrheit bildet die geistliche Grundlage von Epheser 4. Paulus stellt den Gläubigen keine Forderungen, mit denen sie sich Gottes Annahme erst verdienen müssten. Er spricht zu Menschen, die durch Christus bereits eine neue Berufung empfangen haben. Gerade deshalb sollen sie nun so leben, dass ihre Entscheidungen, ihre Beziehungen und ihr gesamtes Verhalten dieser Berufung entsprechen. Gottes Gnade ist nicht nur die Grundlage der Vergebung vergangener Schuld. Sie eröffnet auch einen neuen Lebensweg, auf dem der Mensch lernt, Gottes Willen zu erkennen und ihm zu gehorchen.

Eine besondere Bedeutung erhält dabei die Gemeinschaft der Gläubigen. Gott beruft Menschen nicht nur zu einer persönlichen Beziehung mit ihm, sondern verbindet sie durch Christus auch miteinander. Diese Gemeinschaft ist mehr als die Zusammengehörigkeit von Menschen mit ähnlichen religiösen Überzeugungen. Sie entsteht durch das Wirken des Heiligen Geistes und besitzt in Jesus Christus ihr gemeinsames Haupt. Deshalb kann christlicher Glaube nicht auf eine ausschließlich private Angelegenheit reduziert werden. Wer zu Christus gehört, trägt auch Verantwortung dafür, wie er mit anderen Menschen umgeht. Die Beziehung zu Gott und die Beziehung zum Nächsten lassen sich nicht voneinander trennen, ohne einen wesentlichen Teil des Evangeliums aus dem Blick zu verlieren.

Dabei zeigt Paulus, dass geistliche Einheit und persönliche Verschiedenheit kein Widerspruch sind. Christus schenkt unterschiedliche Fähigkeiten und beruft Menschen zu verschiedenen Aufgaben, damit sie einander ergänzen und unterstützen. Niemand besitzt alle Gaben, und niemand soll seine besondere Aufgabe dazu verwenden, sich über andere zu erheben. Gerade die gegenseitige Abhängigkeit erinnert die Gläubigen daran, dass sie auf Christus und aufeinander angewiesen sind. Die Gemeinde wird deshalb nicht dadurch geistlich stark, dass einzelne Menschen möglichst viel Einfluss gewinnen, sondern dadurch, dass alle Glieder entsprechend ihrer Berufung zum gemeinsamen Wachstum beitragen. Christus allein bleibt das Haupt, während die Menschen, die ihm dienen, ihre Verantwortung in Demut wahrnehmen sollen.

Das Ziel dieses Wachstums ist die geistliche Reife. Sie besteht nicht lediglich in umfangreichem Bibelwissen oder in der Fähigkeit, religiöse Fragen überzeugend zu beantworten. Wahre Reife verbindet die Erkenntnis der Wahrheit mit einem Charakter, der zunehmend von Jesus Christus geprägt wird. Ein Mensch kann richtige Überzeugungen besitzen und dennoch durch Stolz, Härte oder Lieblosigkeit erheblichen Schaden anrichten. Ebenso kann eine freundliche Haltung nicht ersetzen, dass der Glaube eine zuverlässige Grundlage in Gottes Wort benötigt. Paulus verbindet deshalb Wahrheit und Liebe zu einer untrennbaren Einheit. Die Wahrheit gibt dem Glauben seine Richtung, während die Liebe bestimmt, wie diese Wahrheit im Umgang mit Menschen gelebt und weitergegeben werden soll.

Besonders tiefgehend ist die Erkenntnis, dass christliche Veränderung im Inneren des Menschen ansetzt. Paulus beschreibt den Gegensatz zwischen dem alten und dem neuen Menschen nicht als einen bloßen Wechsel äußerer Gewohnheiten. Die Erneuerung umfasst das Denken, die innere Haltung und die grundlegende Ausrichtung des Lebens. Der Mensch soll lernen, sich nicht mehr von betrügerischen Begierden und selbstsüchtigen Wünschen bestimmen zu lassen, sondern seine Entscheidungen im Licht der Wahrheit Gottes zu treffen. Diese Erneuerung kann er nicht unabhängig von Gott hervorbringen. Sie ist Teil des schöpferischen Wirkens Gottes durch Christus und den Heiligen Geist. Zugleich wird der Mensch aufgerufen, diesem Wirken bewusst zu entsprechen und das frühere sündhafte Verhalten abzulegen.

Daraus ergibt sich ein weiterer wichtiger Gedanke: Geistliche Erneuerung besteht nicht nur im Verzicht auf das Böse, sondern auch im bewussten Tun des Guten. Der Mensch soll nicht lediglich aufhören zu stehlen, sondern ehrlich arbeiten und bereit werden, anderen zu helfen. Seine Worte sollen nicht bloß frei von offensichtlichen Lügen sein, sondern anderen Wahrheit, Ermutigung und Hilfe vermitteln. Ebenso genügt es nicht, offene Feindseligkeit zu vermeiden, während das Herz weiterhin von Bitterkeit geprägt bleibt. An ihre Stelle sollen Güte, Mitgefühl und Vergebungsbereitschaft treten. Gottes Ziel ist damit nicht ein äußerlich angepasstes Verhalten, hinter dem die alte Gesinnung unverändert bestehen bleibt. Er möchte einen Menschen erneuern, dessen Handlungen zunehmend aus einem von seiner Liebe geprägten Herzen hervorgehen.

Eine besonders ernste und zugleich ermutigende Aussage liegt in der Verantwortung gegenüber dem Heiligen Geist. Paulus erinnert die Gläubigen daran, dass sie durch den Geist Gottes für den zukünftigen Tag der Erlösung versiegelt worden sind. Gottes Wirken hat in ihrem Leben bereits begonnen, während seine endgültige Vollendung noch aussteht. Deshalb besitzen sie eine begründete Hoffnung, dürfen aber ihre gegenwärtige Verantwortung nicht gering achten. Die Warnung, den Heiligen Geist nicht zu betrüben, zeigt, dass Gott an ihrer Lebensführung nicht gleichgültig vorbeisieht. Er möchte sie von der Sünde wegführen und in das Wesen Christi verwandeln. Wer Gottes Gnade empfangen hat, soll sich deshalb nicht bewusst gegen jene Erneuerung stellen, zu der der Geist ihn führen möchte.

Am Ende des Kapitels wird deutlich, welcher Geist diese neue Lebensweise tragen soll: die Barmherzigkeit, die Gott selbst in Jesus Christus erwiesen hat. Paulus führt die Gläubigen nicht zu einer selbstgerechten Haltung, in der sie ihre eigene moralische Überlegenheit betrachten. Er erinnert sie vielmehr daran, dass sie selbst Menschen sind, die Vergebung benötigen und Vergebung empfangen haben. Aus dieser Erfahrung soll eine neue Haltung gegenüber anderen entstehen. Damit erhält die christliche Liebe ihren tiefsten Beweggrund. Der Gläubige soll nicht deshalb barmherzig sein, weil andere Menschen immer gerecht oder freundlich handeln, sondern weil Gott ihm selbst in seiner Schuld mit Gnade begegnet ist.

Die geistliche Kernbotschaft von Epheser 4 liegt somit in der Verbindung zwischen Gottes rettendem Handeln und einem Leben, das diese Rettung widerspiegelt. Christus schenkt eine neue Identität, verbindet Menschen zu einer Gemeinschaft, befähigt sie zum Dienst und führt sie durch seinen Geist zur Reife. Diese Berufung umfasst das Denken ebenso wie die Worte, die Beziehungen und die täglichen Entscheidungen. Gottes Gnade verändert nicht nur die Stellung des Menschen vor ihm, sondern soll den ganzen Menschen erneuern, damit sein Leben immer deutlicher das Wesen Jesu Christi widerspiegelt.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Aussagen von Epheser 4 stehen in einem engen Zusammenhang mit der gesamten biblischen Botschaft über Erlösung, Heiligung und das Leben des Volkes Gottes. Besonders wichtig ist die Verbindung zu Epheser 2,8–10. Dort erklärt Paulus, dass die Errettung aus Gnade durch den Glauben geschieht und nicht auf menschlichen Werken beruht. Zugleich bezeichnet er die Gläubigen als Gottes Werk, die in Christus Jesus zu guten Werken geschaffen worden sind. Diese beiden Aussagen helfen, die praktischen Ermahnungen des vierten Kapitels richtig einzuordnen. Die gute Lebensführung ist nicht die Ursache der Erlösung, sondern gehört zu dem neuen Leben, das Gott durch Christus ermöglicht hat. Gnade und Gehorsam stehen deshalb nicht in Konkurrenz zueinander. Die Gnade ist die Grundlage der Rettung und zugleich der Ausgangspunkt für ein Leben, das Gottes Willen ernst nimmt.

Eine weitere wichtige Verbindung besteht zum Gebet Jesu in Johannes 17,20–23. Dort betet Jesus nicht nur für seine unmittelbar anwesenden Jünger, sondern auch für diejenigen, die durch ihr Wort künftig an ihn glauben werden. Sein Wunsch ist, dass sie eins seien, wie er und der Vater miteinander verbunden sind. Diese Einheit soll der Welt etwas von der göttlichen Sendung Jesu erkennen lassen. Epheser 4 erklärt, wie die Gläubigen einer solchen Berufung entsprechen können. Ihre Einheit entsteht nicht dadurch, dass persönliche Unterschiede gewaltsam beseitigt werden. Sie gründet sich in ihrer gemeinsamen Verbindung mit Gott. Zugleich ist bemerkenswert, dass Jesus in demselben Gebet um die Heiligung seiner Jünger in der Wahrheit bittet (Johannes 17,17). Damit verbindet auch er Einheit und Wahrheit. Eine Gemeinschaft, die Gottes Wahrheit vernachlässigt, um äußerlich friedlich zu erscheinen, erfüllt deshalb nicht schon allein durch ihre Einigkeit das Ziel seines Gebets.

Das Bild der Gemeinde als Leib Christi wird besonders in 1. Korinther 12,12–27 vertieft. Paulus beschreibt dort einen menschlichen Körper, dessen unterschiedliche Glieder aufeinander angewiesen sind. Kein Glied kann berechtigterweise behaupten, die anderen nicht zu benötigen. Ebenso wenig darf ein weniger sichtbares Glied aufgrund seiner Aufgabe als wertlos betrachtet werden. Diese ausführliche Darstellung hilft, die geistlichen Dienste aus Epheser 4 richtig zu verstehen. Die Gemeinde ist weder eine Ansammlung unabhängiger Einzelpersonen noch eine Gemeinschaft, in der wenige Menschen alle wesentlichen Aufgaben übernehmen sollen. Jeder Gläubige besitzt eine Verantwortung innerhalb des Ganzen. Zugleich zeigt 1. Korinther 12, dass der Heilige Geist die unterschiedlichen Gaben nach seinem Willen verteilt. Die Vielfalt ist damit nicht Ausdruck mangelnder Einheit, sondern gehört zur von Gott vorgesehenen Ordnung des gemeinsamen Dienstes.

Die Verbindung zu 1. Korinther 13 geht noch einen Schritt weiter. Nachdem Paulus die verschiedenen geistlichen Gaben beschrieben hat, erklärt er, dass selbst außergewöhnliche Erkenntnis, Glaubenskraft oder Opferbereitschaft ohne Liebe ihren entscheidenden Wert verlieren. Dieser Zusammenhang ist für Epheser 4 besonders wichtig. Geistliche Gaben werden nicht allein daran gemessen, wie außergewöhnlich sie erscheinen, sondern auch daran, welchem Ziel sie dienen und aus welcher Haltung heraus sie eingesetzt werden. Wissen kann aufbauen, aber auch überheblich machen. Geistliche Verantwortung kann Menschen stärken, aber auch zur persönlichen Machtausübung missbraucht werden. Erst wenn Wahrheit, Dienstbereitschaft und Liebe zusammenwirken, erfüllen die Gaben ihren gottgewollten Zweck. Damit wird die Liebe nicht als Ersatz für geistliche Erkenntnis verstanden, sondern als die notwendige Haltung, in der diese Erkenntnis dem Wohl anderer dient.

Die innere Erneuerung aus Epheser 4,22–24 besitzt eine besonders starke Verbindung zu Römer 12,1–2. Dort fordert Paulus die Gläubigen auf, sich nicht dieser Welt gleichzustellen, sondern durch die Erneuerung ihres Denkens verwandeln zu lassen. Das Ziel besteht darin, Gottes guten, wohlgefälligen und vollkommenen Willen erkennen und prüfen zu können. Beide Abschnitte zeigen, dass christlicher Glaube eine neue Orientierung des Denkens verlangt. Dabei geht es nicht lediglich darum, bisherige Überzeugungen durch andere religiöse Vorstellungen auszutauschen. Der Mensch soll lernen, sein Leben aus Gottes Perspektive zu betrachten. Seine Maßstäbe, Entscheidungen und Wünsche sollen zunehmend durch Gottes Wahrheit geordnet werden. Diese Verbindung verdeutlicht außerdem, weshalb geistliches Wachstum nicht allein durch die Veränderung äußerer Verhaltensweisen erreicht werden kann. Eine dauerhaft veränderte Lebensführung braucht eine erneuerte innere Ausrichtung.

Ein besonders tiefgehender alttestamentlicher Hintergrund findet sich in Hesekiel 36,26–27 und Jeremia 31,31–34. Durch Hesekiel verheißt Gott, seinem Volk ein neues Herz und einen neuen Geist zu schenken und durch seinen Geist einen neuen Gehorsam zu ermöglichen. Jeremia kündigt einen neuen Bund an, in dem Gottes Gesetz nicht nur äußerlich bekannt gemacht, sondern in das Innere der Menschen gelegt und in ihre Herzen geschrieben wird. Diese Verheißungen entfalten den Gedanken, dass Gottes Ziel über eine äußerliche Anpassung des Verhaltens hinausgeht. Er möchte Menschen innerlich erneuern, damit sie aus einer neuen Beziehung zu ihm leben. Epheser 4 beschreibt keine ausdrückliche Auslegung dieser beiden Prophetentexte, steht jedoch in einer starken thematischen Verbindung mit ihnen. Die Aufforderung, den neuen Menschen anzuziehen, passt zu Gottes Verheißung, das menschliche Herz zu erneuern. Zugleich wird verständlich, weshalb Gnade und Gottes moralischer Wille nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Die göttliche Erneuerung soll den Menschen gerade dazu befähigen, Gottes Willen von Herzen anzunehmen.

Auch Kolosser 3,9–14 besitzt eine besonders enge sprachliche und inhaltliche Verbindung zu Epheser 4. In beiden Briefen beschreibt Paulus das Ablegen des alten und das Anziehen des neuen Menschen. Der Kolosserbrief ergänzt ausdrücklich, dass der neue Mensch nach dem Bild seines Schöpfers zur Erkenntnis erneuert wird. Dadurch tritt die Verbindung zwischen Erlösung und Schöpfung besonders klar hervor. Gott stellt den Menschen nicht lediglich in einen früheren gesellschaftlichen Zustand zurück, sondern erneuert ihn entsprechend der Bestimmung, die er ihm als Schöpfer gegeben hat. Anschließend fordert Paulus dazu auf, Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld anzuziehen. Über allem soll die Liebe stehen. Die beiden Abschnitte ergänzen sich deshalb auf natürliche Weise: Die geistliche Neuschöpfung soll in einer Lebensweise sichtbar werden, die Gottes Wesen und seine Liebe widerspiegelt.

Schließlich erhält die Warnung, den Heiligen Geist nicht zu betrüben, durch Jesaja 63,7–14 eine zusätzliche Tiefe. Der Prophet erinnert dort an Gottes barmherzige Führung Israels und daran, dass das Volk trotz der erfahrenen Gnade widerspenstig wurde und seinen Heiligen Geist betrübte. Dieser alttestamentliche Zusammenhang zeigt, dass Gottes gnädiges Handeln den Menschen nicht von der Verantwortung zu einer treuen Antwort befreit. Gerade wer Gottes Fürsorge erfahren hat, soll seine Beziehung zu ihm nicht durch bewussten Ungehorsam missachten. Zugleich führt Epheser 1,13–14 diesen Gedanken weiter, indem der Heilige Geist als Siegel und Unterpfand des zukünftigen Erbes beschrieben wird. Die Gläubigen leben somit zwischen einer bereits empfangenen göttlichen Zusage und der noch ausstehenden Vollendung der Erlösung. Diese Hoffnung ist keine Einladung zur Gleichgültigkeit, sondern ein Grund, Gottes gegenwärtiges Wirken ernst zu nehmen.

Die vielfältigen Bibelverbindungen zeigen, dass Epheser 4 keine isolierte Sammlung christlicher Verhaltensregeln darstellt. Das Kapitel greift grundlegende Linien der gesamten Heiligen Schrift auf: Gott schafft Gemeinschaft, schenkt Gnade, erneuert das menschliche Herz, führt seine Kinder durch den Heiligen Geist und beruft sie zu einem Leben in Wahrheit und Liebe. Die endgültige Hoffnung bleibt dabei auf Jesus Christus gerichtet, durch den Gottes Erlösungswerk begonnen hat und bei seiner Wiederkunft vollendet werden wird.

Wichtige Lektionen

Eine der wichtigsten praktischen Lektionen aus Epheser 4 besteht darin, die eigene Lebensführung bewusst an der Berufung durch Christus auszurichten. Wer sich als Christ bezeichnet, soll seine Entscheidungen nicht lediglich daran messen, was gesellschaftlich üblich, persönlich angenehm oder gerade vorteilhaft erscheint. Die entscheidende Frage lautet, ob das eigene Verhalten zur Zugehörigkeit zu Jesus Christus passt. Das betrifft nicht nur große moralische Entscheidungen, sondern ebenso den Umgang mit Angehörigen, Arbeitskollegen, Glaubensgeschwistern und Menschen, die andere Ansichten vertreten. Gerade in gewöhnlichen Situationen wird sichtbar, ob der Glaube das Denken und Handeln tatsächlich prägt. Deshalb ist es sinnvoll, das eigene Verhalten regelmäßig im Licht des Wortes Gottes zu prüfen und dort, wo Unrecht erkannt wird, bereit zu sein, Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen zuzulassen.

Eine zweite Lektion betrifft den Umgang mit unterschiedlichen Menschen innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Epheser 4 fordert dazu auf, Einheit zu bewahren, ohne persönliche Unterschiede zum Anlass für Konkurrenz oder Geringschätzung werden zu lassen. Das verlangt die Bereitschaft, anderen zuzuhören, ihre Fähigkeiten anzuerkennen und nicht jede Meinungsverschiedenheit zu einem persönlichen Streit werden zu lassen. Zugleich bedeutet Einheit nicht, berechtigte Fragen zu unterdrücken oder wichtige Glaubensüberzeugungen aufzugeben. Christen sollen lernen, zwischen notwendigen biblischen Grundlagen und persönlichen Vorlieben zu unterscheiden. Wo unterschiedliche Auffassungen bestehen, sollte das gemeinsame Suchen nach der Wahrheit wichtiger werden als der Wunsch, eine Auseinandersetzung unbedingt zu gewinnen. Eine solche Haltung verbindet Standhaftigkeit mit Demut und schützt vor unnötigen Spaltungen.

Ebenso wichtig ist die Verantwortung, die eigenen Fähigkeiten zum Wohl anderer einzusetzen. Paulus beschreibt geistliche Gaben nicht als persönliche Auszeichnungen, sondern als Mittel zum Aufbau des Leibes Christi. Deshalb sollte sich jeder Gläubige fragen, auf welche Weise er anderen dienen kann. Nicht jeder ist zum öffentlichen Predigen oder Lehren berufen. Manche Menschen können besonders gut zuhören, andere praktisch helfen, organisatorische Aufgaben übernehmen oder jemanden ermutigen, der sich in einer schwierigen Lebensphase befindet. Ein Dienst muss nicht außergewöhnlich oder öffentlich sichtbar sein, um wertvoll zu sein. Entscheidend ist, ob er in Liebe geschieht und einem wirklichen Bedürfnis entspricht. Gleichzeitig sollen diejenigen, die besondere geistliche Verantwortung tragen, andere nicht in dauerhafter Abhängigkeit halten, sondern sie befähigen, selbst im Glauben und im Dienst zu wachsen.

Eine weitere Lektion liegt in der Notwendigkeit, geistliche Aussagen sorgfältig zu prüfen. Paulus warnt ausdrücklich davor, von wechselnden Lehren hin und her bewegt zu werden. Daraus folgt die Verantwortung, den eigenen Glauben nicht ausschließlich auf die Überzeugungskraft eines Predigers, das Ansehen einer religiösen Persönlichkeit oder die Begeisterung einer Gemeinschaft zu gründen. Die Heilige Schrift muss der entscheidende Maßstab bleiben. Wer eine neue Auslegung hört, sollte fragen, ob sie den tatsächlichen Wortlaut der Bibel berücksichtigt, ob die angeführten Verse in ihrem Zusammenhang verstanden werden und ob andere wichtige Aussagen der Schrift unbeachtet bleiben. Diese Prüfung darf jedoch nicht von Stolz oder ständiger Verdächtigung bestimmt werden. Auch die eigenen bisherigen Überzeugungen müssen bereitwillig am Wort Gottes überprüft werden. Geistliche Reife zeigt sich nicht darin, jede Veränderung der eigenen Auffassung abzulehnen, sondern darin, immer zuverlässiger zwischen begründeter Erkenntnis und irreführenden Behauptungen unterscheiden zu können.

Besonders konkret wird Epheser 4 beim Umgang mit den eigenen Worten. Die Gläubigen sollen nicht nur offensichtliche Lügen vermeiden, sondern eine Sprache entwickeln, die wahrhaftig und hilfreich ist. Vor einem schwierigen Gespräch kann es deshalb sinnvoll sein, nicht allein zu überlegen, was man sagen möchte, sondern auch, weshalb und auf welche Weise man es sagen will. Soll das Gespräch tatsächlich zur Klärung beitragen, oder geht es hauptsächlich darum, dem anderen seine Fehler vorzuhalten? Ist eine bestimmte Aussage notwendig, richtig und angemessen, oder würde sie lediglich alte Verletzungen vertiefen? Diese Fragen sind besonders wichtig, wenn Ärger oder Enttäuschung das Denken beeinflussen. Wer lernt, erst zuzuhören und dann überlegt zu sprechen, kann viele unnötige Konflikte vermeiden. Dabei soll Wahrhaftigkeit niemals durch bloße Höflichkeit ersetzt werden. Auch schwierige Wahrheiten müssen ausgesprochen werden können, aber auf eine Weise, die von Respekt und dem Wunsch nach einer guten Lösung geprägt ist.

Eine weitere praktische Lektion betrifft den Umgang mit Zorn und erlittenem Unrecht. Paulus macht deutlich, dass aufkommender Ärger nicht die Herrschaft über das Handeln gewinnen darf. Wenn ein Mensch verletzt wurde, ist es wichtig, die Ursache seines Zorns ehrlich zu erkennen. Möglicherweise wurde ihm tatsächlich Unrecht zugefügt. Vielleicht wurden aber auch persönliche Erwartungen enttäuscht oder sein Stolz verletzt. Diese Unterscheidung hilft, angemessen zu reagieren. Nicht jeder Konflikt kann sofort gelöst werden, doch es ist gefährlich, ihn bewusst durch immer neue Vorwürfe und Rachegedanken zu nähren. Christliche Selbstbeherrschung bedeutet deshalb nicht, Probleme grundsätzlich zu verschweigen. Sie verlangt vielmehr, Konflikte aufrichtig und verantwortungsvoll anzugehen, ohne selbst weiteres Unrecht zu begehen. Wo Schutz, Abstand oder klare Grenzen notwendig sind, dürfen diese nicht mit mangelnder Vergebungsbereitschaft verwechselt werden.

Auch der Umgang mit Arbeit und Besitz erhält durch Epheser 4 eine neue Bedeutung. Paulus fordert nicht lediglich dazu auf, ehrlich zu leben und das Eigentum anderer zu achten. Er verbindet die eigene Arbeit ausdrücklich mit der Möglichkeit, bedürftigen Menschen zu helfen. Daraus ergibt sich eine Haltung, in der wirtschaftliche Verantwortung und Barmherzigkeit zusammengehören. Wer über Fähigkeiten, Zeit oder materielle Mittel verfügt, sollte diese nicht ausschließlich für den eigenen Vorteil betrachten. Hilfe kann durch finanzielle Unterstützung geschehen, aber ebenso durch praktische Mitarbeit, das Teilen vorhandener Möglichkeiten oder die Unterstützung eines Menschen, der selbst nicht ausreichend für sich sorgen kann. Dabei bleiben die persönlichen Lebensumstände unterschiedlich. Niemand ist dazu aufgerufen, sich durch unüberlegte Hilfeleistung selbst oder andere von ihm abhängige Menschen in Not zu bringen. Entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, das eigene Leben nicht von selbstsüchtiger Habgier bestimmen zu lassen.

Eine besonders wichtige Lektion ergibt sich aus der Aufforderung, den Heiligen Geist nicht zu betrüben. Sie erinnert daran, dass geistliches Leben nicht auf äußere religiöse Formen beschränkt werden darf. Ein Mensch kann regelmäßig Gottesdienste besuchen, biblische Themen studieren und dennoch durch sein Verhalten anderen erheblichen Schaden zufügen. Paulus verbindet die Verantwortung gegenüber dem Heiligen Geist gerade mit den alltäglichen Fragen der Wahrhaftigkeit, des Zorns, der Sprache und des menschlichen Miteinanders. Deshalb gehört zur geistlichen Wachsamkeit auch die Bereitschaft, das eigene Gewissen durch Gottes Wort prüfen zu lassen. Wenn ein Mensch erkennt, dass er falsch gehandelt hat, soll er sein Verhalten nicht beschönigen, sondern seine Schuld vor Gott bekennen und, soweit erforderlich, auch gegenüber anderen Verantwortung übernehmen. Die Verheißung der göttlichen Vergebung macht diese Ehrlichkeit möglich, ohne den Ernst der Sünde zu vermindern (1. Johannes 1,9).

Den Abschluss bildet die Lektion der Barmherzigkeit und Vergebung. Menschen werden einander immer wieder enttäuschen, missverstehen oder verletzen. Deshalb braucht jede dauerhafte Gemeinschaft die Bereitschaft, mit Schuld verantwortungsvoll umzugehen. Vergebung bedeutet nicht, Unrecht zu leugnen oder die Wahrheit zugunsten eines äußerlichen Friedens zu verschweigen. Sie bedeutet auch nicht, dass Vertrauen ohne glaubwürdige Veränderung sofort wiederhergestellt werden müsste. Doch sie verlangt, den Wunsch nach persönlicher Vergeltung nicht zum Maßstab des eigenen Handelns zu machen. Wer Gottes Vergebung in Christus erkannt hat, erhält damit einen Grund, auch anderen nicht ausschließlich aus Härte oder Feindseligkeit zu begegnen. Diese Haltung kann Beziehungen verändern, selbst wenn eine vollständige Versöhnung nicht in jeder Situation möglich ist.

Schließlich lehrt Epheser 4, dass geistliches Wachstum eine fortdauernde Aufgabe ist. Kein Christ sollte annehmen, bereits in jeder Hinsicht ausgereift zu sein und deshalb keine weitere Unterweisung, Korrektur oder Erneuerung mehr zu benötigen. Die Gläubigen sind dazu berufen, Christus immer tiefer kennenzulernen und ihm in ihrem Denken und Handeln ähnlicher zu werden. Das geschieht nicht durch selbstgerechtes Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten, sondern in beständiger Abhängigkeit von Gottes Gnade. Wer dabei Fehler erkennt, muss sie nicht verteidigen, um seine eigene Frömmigkeit zu bewahren. Er darf sie im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit bekennen, daraus lernen und den Weg der Nachfolge weitergehen.

Die entscheidende praktische Frage, die aus Epheser 4 hervorgeht, lautet deshalb nicht nur, welche christlichen Wahrheiten ein Mensch kennt, sondern welche Veränderung diese Wahrheiten in seinem Leben bewirken. Ein Glaube, der in Christus gegründet ist, soll im Alltag sichtbar werden: durch Treue zur Wahrheit, durch verantwortlichen Dienst, durch ein erneuertes Denken und durch eine Liebe, die selbst im Umgang mit menschlicher Schwäche und Schuld nach Gottes Willen fragt.