Epheser 3

Derhalben ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden,

21 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Derhalben ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden,
  2. 2 wie ihr ja gehört habt von dem Amt der Gnade Gottes, die mir an euch gegeben ist,
  3. 3 daß mir ist kund geworden dieses Geheimnis durch Offenbarung, wie ich droben aufs kürzeste geschrieben habe,
  4. 4 daran ihr, so ihr's leset, merken könnt mein Verständnis des Geheimnisses Christi,
  5. 5 welches nicht kundgetan ist in den vorigen Zeiten den Menschenkindern, wie es nun offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist,
  6. 6 nämlich, daß die Heiden Miterben seien und mit eingeleibt und Mitgenossen seiner Verheißung in Christo durch das Evangelium,
  7. 7 dessen Diener ich geworden bin nach der Gabe aus der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben ist;
  8. 8 mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen, ist gegeben diese Gnade, unter den Heiden zu verkündigen den unausforschlichen Reichtum Christi
  9. 9 und zu erleuchten jedermann, welche da sei die Gemeinschaft des Geheimnisses, das von der Welt her in Gott verborgen gewesen ist, der alle Dinge geschaffen hat durch Jesum Christum,
  10. 10 auf daß jetzt kund würde den Fürstentümern und Herrschaften in dem Himmel an der Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes,
  11. 11 nach dem Vorsatz von der Welt her, welche er bewiesen hat in Christo Jesu, unserm HERRN,
  12. 12 durch welchen wir haben Freudigkeit und Zugang in aller Zuversicht durch den Glauben an ihn.
  13. 13 Darum bitte ich, daß ihr nicht müde werdet um meiner Trübsal willen, die ich für euch leide, welche euch eine Ehre sind.
  14. 14 Derhalben beuge ich meine Kniee vor dem Vater unsers HERRN Jesu Christi,
  15. 15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
  16. 16 daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
  17. 17 daß Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen und ihr durch die Liebe eingewurzelt und gegründet werdet,
  18. 18 auf daß ihr begreifen möget mit allen Heiligen, welches da sei die Breite und die Länge und die Tiefe und die Höhe;
  19. 19 auch erkennen die Liebe Christi, die doch alle Erkenntnis übertrifft, auf daß ihr erfüllt werdet mit allerlei Gottesfülle.
  20. 20 Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles, das wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die da in uns wirkt,
  21. 21 dem sei Ehre in der Gemeinde, die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Kapitelüberblick

Gottes lange verborgener Heilsplan tritt nun offen hervor: Durch Jesus Christus erhalten Menschen aus allen Völkern denselben Anteil an Gottes Verheißung wie die Gläubigen aus Israel. Paulus erklärt, weshalb ihm die Verkündigung dieses Evangeliums anvertraut wurde und warum selbst seine Gefangenschaft die Bedeutung seines Auftrags nicht schmälert. Dabei besitzt die Gemeinde eine weit größere Bedeutung, als äußerlich erkennbar ist. Durch sie soll Gottes vielfältige Weisheit sogar den himmlischen Mächten bekannt werden. In Christus haben die Gläubigen zugleich die Freiheit, sich voller Vertrauen Gott zu nähern.

Anschließend wendet sich Paulus vom Erklären zum Beten. Er bittet darum, dass Gottes Geist die Gläubigen innerlich stärkt, Christus durch den Glauben in ihren Herzen wohnt und sie die unermessliche Größe seiner Liebe immer tiefer erkennen. Diese Liebe übersteigt alles menschliche Begreifen und führt zu einer Gemeinschaft mit Gott, die das ganze Leben verändern soll. Das Kapitel endet mit einem Lobpreis auf Gottes unbegrenzte Macht, die weit über alles hinausreicht, was Menschen erbitten oder sich vorstellen können.

Einführung

Am Ende des zweiten Kapitels beschreibt Paulus die Gläubigen als ein geistliches Bauwerk, dessen Eckstein Jesus Christus ist. Die Apostel und Propheten bilden dessen Grundlage, während die Glaubenden gemeinsam zu einer Wohnung Gottes durch den Geist aufgebaut werden (Epheser 2,20–22). Mit diesem Bild bereitet der Brief die weiteren Ausführungen vor. Denn nun stellt sich die Frage, wie dieser göttliche Bau zustande kommt und welche besondere Aufgabe Paulus bei seiner Entstehung übertragen wurde.

Die ursprünglichen Leser lebten in einer Welt, in der die Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden eine erhebliche religiöse Bedeutung besaß. Israel hatte Gottes Bundesverheißungen und sein Gesetz empfangen, während die übrigen Völker außerhalb dieser besonderen Bundesgeschichte standen. Bereits in Epheser 2,11–12 erinnert Paulus seine nichtjüdischen Leser ausdrücklich an ihre frühere Stellung. Ohne diesen Hintergrund lässt sich die Tragweite seiner anschließenden Aussagen nur schwer erfassen.

Bemerkenswert ist außerdem der Aufbau des Kapitels. Paulus beginnt in Vers 1 einen Gedanken, den er zunächst unterbricht. Statt unmittelbar fortzufahren, erläutert er in den Versen 2–13 seinen apostolischen Auftrag und die Offenbarung, die ihm anvertraut wurde. Erst in Vers 14 nimmt er seinen ursprünglichen Satz wieder auf und geht zum Gebet über. Diese Unterbrechung ist kein zufälliger Themenwechsel, sondern macht verständlich, weshalb Paulus gerade angesichts seiner Gefangenschaft so zuversichtlich über Gottes Wirken sprechen kann.

Der Brief bezeichnet Paulus selbst als Gefangenen Christi Jesu. Wo genau er sich während der Abfassung befand, wird an dieser Stelle nicht mitgeteilt. Entscheidend für den Gedankengang ist vielmehr, dass Paulus seine äußere Gefangenschaft im Licht seiner Berufung durch Christus versteht.

Epheser 3,1–3

Paulus, der Gefangene Christi, und das offenbarte Geheimnis

Mit dem Wort „Deswegen“ knüpft Paulus unmittelbar an seine vorherige Erklärung an, dass Menschen aus den Völkern durch Christus nicht länger Fremde sind, sondern gemeinsam mit den gläubigen Juden zu Gottes Haus gehören (Epheser 2,19–22). Diese neue Gemeinschaft ist für ihn keine nebensächliche Entwicklung, sondern ein wesentlicher Bestandteil von Gottes Heilsplan. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wie Paulus sich zu Beginn des dritten Kapitels vorstellt. Er bezeichnet sich nicht zuerst als Apostel oder Lehrer, sondern als den „Gebundenen Christi Jesu für euch, die Heiden“ (Vers 1). Seine äußere Gefangenschaft steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Botschaft, die er den nichtjüdischen Völkern verkündigt hat.

Paulus war tatsächlich ein Gefangener. Die Apostelgeschichte berichtet, wie seine Verkündigung und sein Umgang mit Menschen aus anderen Völkern heftigen Widerstand hervorriefen. Als er in Jerusalem verhaftet wurde, beschuldigten ihn seine Gegner unter anderem, Nichtjuden in einen Bereich des Tempels geführt zu haben, der ihnen nicht zugänglich war (Apostelgeschichte 21,27–29). Später löste besonders seine Aussage, dass Gott ihn zu den Heiden gesandt habe, eine erneute heftige Reaktion aus (Apostelgeschichte 22,21–22). Diese Ereignisse verdeutlichen, wie tief die religiösen Spannungen zwischen Juden und Nichtjuden damals reichten. Die Botschaft, dass beide durch Christus denselben Zugang zu Gott erhalten, war keine harmlose theoretische Aussage. Sie stellte bisherige religiöse Abgrenzungen infrage und brachte Paulus erhebliche persönliche Schwierigkeiten.

Umso bedeutungsvoller ist seine Selbstbezeichnung als Gefangener Christi Jesu. Obwohl menschliche Behörden ihn festhielten, verstand Paulus sein Leben weiterhin unter der Herrschaft Christi. Er sah seine Gefangenschaft nicht als Beweis dafür, dass Gott ihn verlassen oder sein Auftrag gescheitert sei. Auch unter diesen Umständen blieb er ein Diener des Herrn, der ihn berufen hatte. Das bedeutet nicht, dass Gott die Ungerechtigkeit seiner Gegner gutgeheißen hätte. Vielmehr zeigt sich darin das Vertrauen des Apostels, dass menschlicher Widerstand Gottes Wirken nicht aufheben kann. Eine ähnliche Überzeugung bringt er in Philipper 1,12–14 zum Ausdruck, wo er erklärt, dass seine Gefangenschaft sogar zur weiteren Verbreitung des Evangeliums beigetragen habe.

In Vers 2 spricht Paulus von der „Verwaltung der Gnade Gottes“, die ihm für seine Leser anvertraut worden war. Das griechische Wort oikonomia, das hier mit „Verwaltung“ übersetzt wird, bezeichnet die verantwortliche Wahrnehmung eines übertragenen Auftrags. Paulus betrachtet die Botschaft Gottes nicht als eigenes geistliches Eigentum, über das er nach Belieben verfügen könnte. Er hat etwas empfangen, das er an andere weitergeben soll. Besonders auffällig ist dabei, dass er seinen Auftrag ausdrücklich als Gnade bezeichnet. Die Berufung zum Apostel war für ihn weder eine Auszeichnung aufgrund persönlicher Überlegenheit noch eine Belohnung für frühere Verdienste. In 1. Korinther 15,9–10 erinnert er daran, dass er die Gemeinde Gottes verfolgt hatte, und bekennt zugleich, dass er allein durch Gottes Gnade geworden sei, was er nun ist. Dieselbe Gnade, die einen Menschen rettet und verändert, hatte Paulus auch zu einem besonderen Dienst befähigt.

Dabei ist die Formulierung „für euch“ entscheidend. Gottes Gnade war Paulus nicht gegeben worden, damit er sich selbst hervorheben konnte, sondern damit andere Menschen durch seinen Dienst von Christus erfuhren. Seine Berufung hatte deshalb eine klare Richtung: Er sollte das Evangelium gerade denen verkündigen, die nicht zum jüdischen Volk gehörten. Diese besondere Aufgabe bestätigt Paulus auch in Galater 2,7–9, wo sein Dienst unter den Unbeschnittenen ausdrücklich anerkannt wird. Dennoch bedeutete diese Berufung nicht, dass es zwei verschiedene Evangelien gab. Vielmehr sollte dieselbe rettende Botschaft Jesu Christi Menschen erreichen, die zuvor durch Herkunft, religiöse Tradition und gesellschaftliche Grenzen voneinander getrennt waren.

In Vers 3 erklärt Paulus schließlich, woher seine Kenntnis des göttlichen Geheimnisses stammt: Es wurde ihm durch Offenbarung kundgetan. Er präsentiert seine Botschaft damit nicht als Ergebnis menschlicher Spekulation oder als eine religiöse Lehre, die er sich selbst ausgedacht hätte. Ihre entscheidende Grundlage liegt nach seinem eigenen Zeugnis darin, dass Gott ihm seinen Ratschluss erschlossen hat. Auch in Galater 1,11–12 betont Paulus, dass er das von ihm verkündigte Evangelium nicht lediglich durch menschliche Unterweisung empfangen habe, sondern durch Offenbarung Jesu Christi. Mit der Geschichte seiner Berufung in Apostelgeschichte 9 besteht ein enger Zusammenhang. Allerdings erklärt Epheser 3,3 nicht ausdrücklich, dass sämtliche Einzelheiten dieses Geheimnisses bereits bei seiner Begegnung mit Christus auf dem Weg nach Damaskus vollständig offenbart wurden. Der Vers bezeugt den göttlichen Ursprung seiner Erkenntnis, ohne deren gesamten zeitlichen Verlauf zu beschreiben.

Wenn Paulus hinzufügt, dass er darüber „zuvor in Kürze geschrieben“ habe, verweist er am naheliegendsten auf die bereits behandelten Gedanken seines Briefes. In Epheser 1,9–10 hatte er davon gesprochen, dass Gott das Geheimnis seines Willens bekannt gemacht hat und alles in Christus zusammenfassen will. Im zweiten Kapitel erklärte er anschließend, wie Christus die Trennung zwischen Juden und Nichtjuden überwindet und beide zu einem neuen Menschen und einem gemeinsamen geistlichen Bau zusammenführt. Diese bisherigen Aussagen bilden die Grundlage für das, was Paulus nun näher entfaltet. Das Geheimnis ist also keine rätselhafte Sonderbotschaft für wenige Eingeweihte. Es handelt sich um Gottes Heilsratschluss, der lange verborgen war, jetzt aber durch Christus offenbar geworden ist und allen Menschen verkündigt werden soll.

Die ersten drei Verse führen damit zu einer wichtigen Erkenntnis: Gottes Wahrheit wird nicht durch die äußeren Umstände ihrer Boten bestimmt, sondern durch den Gott, der sie offenbart und Menschen zu ihrem Dienst beruft. Paulus besitzt weder persönliche Freiheit noch gesellschaftliche Sicherheit, doch gerade aus seiner Gefangenschaft heraus spricht er voller Gewissheit über den Auftrag, den er empfangen hat. Seine Autorität beruht nicht auf menschlicher Macht, sondern auf Gottes Gnade und Offenbarung. Was dieses göttliche Geheimnis im Einzelnen beinhaltet und warum seine Offenbarung für die gesamte Gemeinde so weitreichende Folgen hat, erklärt Paulus in den anschließenden Versen.

Epheser 3,4–6

Ein Leib, eine Verheißung: Die Gleichstellung der Völker

Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gott ihm sein verborgenes Geheimnis durch Offenbarung bekannt gemacht hat, richtet er den Blick auf die Bedeutung dieser Erkenntnis für seine Leser. In Vers 4 schreibt er, dass sie beim Lesen seiner Worte erkennen können, welche Einsicht er in das „Geheimnis Christi“ empfangen hat. Bemerkenswert ist dabei, dass Paulus seine Erkenntnis nicht als ein verborgenes Wissen behandelt, das nur besonders ausgewählten Menschen zugänglich wäre. Was Gott ihm offenbart hat, soll nun verstanden und weitergegeben werden. Die Gläubigen können anhand seiner schriftlichen Erklärung selbst nachvollziehen, worin Gottes Heilsplan besteht. Das Geheimnis bleibt also nicht länger verschlossen, sondern wird durch die Verkündigung des Evangeliums öffentlich bekannt gemacht.

Wenn Paulus vom „Geheimnis Christi“ spricht, steht Jesus Christus im Mittelpunkt des göttlichen Ratschlusses. Gemeint ist nicht lediglich eine unbekannte Einzelheit aus dem Leben Jesu, sondern Gottes umfassender Plan, durch ihn Menschen zu erlösen und miteinander zu versöhnen. Bereits in Epheser 1,9–10 hatte Paulus erklärt, dass Gott alles im Himmel und auf Erden in Christus zusammenfassen will. In Epheser 2,13–18 zeigte er anschließend, wie Christus durch seinen Tod am Kreuz die Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden überwindet und beide mit Gott versöhnt. Die neue Gemeinschaft der Gläubigen ist deshalb keine menschliche Einrichtung, die erst nachträglich zum Erlösungsplan hinzugekommen wäre. Sie gehört zu dem, was Gott durch Jesus Christus verwirklichen wollte.

In Vers 5 erklärt Paulus, dass dieses Geheimnis den Menschen früherer Generationen nicht in derselben Weise bekannt gemacht worden war, wie es jetzt durch den Geist Gottes seinen heiligen Aposteln und Propheten offenbart wurde. Diese Aussage darf nicht so verstanden werden, als hätte Gott im Alten Testament überhaupt nichts über die Erlösung der Völker mitgeteilt. Schon Abraham erhielt die Verheißung, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Der Prophet Jesaja kündigte an, dass Gottes Knecht zum Licht für die Heiden werden und Gottes Heil bis an die Enden der Erde tragen sollte (Jesaja 49,6). Auch Jesaja 56,6–7 spricht davon, dass Menschen aus fremden Völkern zum Herrn kommen und in seinem Haus willkommen sein würden. Die Hoffnung auf Gottes Heil für die ganze Welt war somit bereits vorhanden.

Entscheidend ist jedoch die Formulierung, dass das Geheimnis früher nicht bekannt gemacht wurde, wie es jetzt offenbart worden ist. Paulus beschreibt damit einen Unterschied zwischen der früheren prophetischen Ankündigung und der Klarheit, die durch das Kommen Jesu Christi entstanden ist. Die Propheten hatten Gottes Absicht, die Völker zu segnen, bereits vorausgesagt. Nun wurde sichtbar, auf welche Weise Gott diese Verheißungen erfüllen würde: Durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus sollten Menschen aus Israel und aus den übrigen Völkern gemeinsam zu einem einzigen geistlichen Leib gehören. Nicht die grundsätzliche Möglichkeit, dass Nichtjuden gerettet werden können, bildet daher den überraschenden Kern der Offenbarung. Neu und besonders weitreichend ist ihre uneingeschränkte Gleichstellung innerhalb der Gemeinde Christi.

Paulus betont außerdem, dass diese Erkenntnis nicht nur ihm persönlich anvertraut wurde. Gott hat sie seinen „heiligen Aposteln und Propheten“ durch den Geist offenbart. Im Zusammenhang mit Epheser 2,20, wo Apostel und Propheten als Grundlage des geistlichen Bauwerks beschrieben werden, sind hier am naheliegendsten die von Christus berufenen Apostel und die durch den Geist wirkenden Propheten der neutestamentlichen Gemeinde gemeint. Ihre Heiligkeit bezeichnet ihre Zugehörigkeit und Berufung zu Gottes Dienst, nicht eine von Natur aus vorhandene sündlose Vollkommenheit. Die Offenbarung ist zugleich ein Werk des Heiligen Geistes. Damit erklärt Paulus, dass die Erkenntnis des göttlichen Heilsplans nicht allein das Ergebnis menschlicher Überlegungen war. Gott selbst machte seinen Boten verständlich, was er durch Christus verwirklicht hatte. Jesus hatte seinen Jüngern bereits angekündigt, dass der Geist der Wahrheit sie in alle Wahrheit leiten und Christus verherrlichen würde (Johannes 16,13–14).

In Vers 6 nennt Paulus schließlich den entscheidenden Inhalt des Geheimnisses. Die Menschen aus den Völkern sind durch das Evangelium in Christus Jesus „Miterben“, „Miteinverleibte“ und „Mitgenossen seiner Verheißung“. Diese drei Ausdrücke beschreiben unterschiedliche Seiten derselben grundlegenden Wahrheit. Als Miterben haben die nichtjüdischen Gläubigen gemeinsam mit den gläubigen Juden Anteil an dem Erbe, das Gott seinen Kindern verheißen hat. Sie werden nicht lediglich geduldet oder als Menschen zweiter Klasse aufgenommen. Durch Christus besitzen sie dieselbe geistliche Stellung vor Gott. Diese Aussage stimmt mit Galater 3,28–29 überein, wo Paulus erklärt, dass die Gläubigen in Christus eins sind und als Menschen, die zu Christus gehören, auch Abrahams Nachkommen und Erben nach der Verheißung sind. Das Erbe gründet sich somit nicht auf die natürliche Abstammung, sondern auf die Zugehörigkeit zu Jesus Christus.

Mit dem ungewöhnlichen Wort „Miteinverleibte“ geht Paulus noch einen Schritt weiter. Er beschreibt nicht zwei getrennte religiöse Gemeinschaften, die lediglich friedlich zusammenarbeiten sollen. Juden und Nichtjuden, die Christus angehören, bilden gemeinsam einen einzigen Leib. Das griechische Wort unterstreicht diese enge Zusammengehörigkeit besonders nachdrücklich. Niemand wird einem fremden Volk nur äußerlich angeschlossen, während die eigentliche geistliche Gemeinschaft weiterhin ausschließlich einer bestimmten Herkunft vorbehalten bliebe. Vielmehr schafft Christus aus zuvor getrennten Menschen eine neue Gemeinschaft, deren Einheit auf seiner Versöhnung beruht. Bereits in Epheser 2,16 hatte Paulus erklärt, dass Christus beide durch das Kreuz in einem Leib mit Gott versöhnt hat. Die Einheit der Gemeinde bedeutet dabei nicht, dass alle kulturellen Unterschiede verschwinden oder jede persönliche Herkunft bedeutungslos wird. Sie bedeutet, dass solche Unterschiede nicht mehr darüber entscheiden, wer vor Gott vollständig zu seinem Volk gehören darf.

Der dritte Ausdruck, „Mitgenossen seiner Verheißung“, ergänzt diese Gedanken um die gemeinsame Hoffnung der Gläubigen. Gottes Zusagen, die in der Geschichte Israels ihren Anfang nahmen und durch die Propheten weiter entfaltet wurden, finden ihre Erfüllung in Jesus Christus. Die Menschen aus den Völkern erhalten durch ihn einen wirklichen Anteil daran. In Galater 3,14 verbindet Paulus den Segen Abrahams mit der Gabe des verheißenen Geistes, während er in Galater 3,29 die Zugehörigkeit zu Christus ausdrücklich mit dem Erbe nach der Verheißung verbindet. Epheser 3,6 beschränkt diese Verheißung nicht auf eine einzelne Gabe. Der Gedanke ist umfassender: Alle, die durch das Evangelium zu Christus gehören, dürfen an den Segnungen und an der Zukunft teilhaben, die Gott seinem Volk verheißen hat.

Am Ende des Verses nennt Paulus die entscheidende Grundlage dieser neuen Stellung: Sie geschieht „in Christus Jesus durch das Evangelium“. Weder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe noch die Übernahme einer besonderen kulturellen Identität eröffnet den Zugang zu diesem Erbe. Entscheidend ist die Verbindung mit Jesus Christus, dessen rettendes Werk im Evangelium verkündigt wird. Darin erfüllt sich Gottes Absicht, Menschen aus allen Völkern zu sich zu rufen, ohne ihnen unterschiedliche Wege der Erlösung zuzuweisen. Die Gnade Gottes verbindet, was menschliche Grenzen getrennt hatten, und schafft eine Gemeinschaft, in der alle Gläubigen gleichermaßen von Christus abhängig sind.

Damit erhält das zuvor verborgene Geheimnis einen ganz konkreten Inhalt: Gott wollte durch Jesus Christus nicht nur einzelne Menschen aus verschiedenen Völkern retten, sondern sie gemeinsam zu seinem Volk machen, ihnen dieselbe Verheißung schenken und sie zu einem einzigen Leib verbinden. Diese Einheit ist nicht das Ergebnis menschlicher Vereinbarungen, sondern gehört zum göttlichen Erlösungsplan. Weshalb gerade Paulus den Auftrag erhielt, diesen Reichtum Christi unter den Völkern bekannt zu machen, entfaltet er in den folgenden Versen.

Epheser 3,7–9

Gottes Gnade und der unausforschliche Reichtum Christi

Nachdem Paulus erklärt hat, dass Menschen aus allen Völkern durch Jesus Christus gemeinsam an Gottes Verheißungen teilhaben, wendet er sich seiner eigenen Berufung zu. In Vers 7 bezeichnet er sich als Diener des Evangeliums, der er „nach der Gabe der Gnade Gottes“ geworden ist. Damit macht er deutlich, dass sein apostolischer Auftrag nicht auf einer persönlichen Leistung oder einer besonderen religiösen Würdigkeit beruht. Gott selbst hatte ihn in seinen Dienst gestellt. Das griechische Wort für „Diener“ (diakonos) beschreibt jemanden, der eine ihm anvertraute Aufgabe erfüllt. Paulus sieht sich deshalb nicht als Besitzer der göttlichen Wahrheit, sondern als Beauftragten, der eine empfangene Botschaft weiterzugeben hat. Seine Stellung verleiht ihm Verantwortung, aber keinen Anlass, sich über andere Menschen zu erheben.

Besonders wichtig ist die Ergänzung, dass ihm diese Gnade „nach der Wirkung seiner Stärke“ gegeben wurde. Paulus unterscheidet damit zwischen seiner menschlichen Person und der göttlichen Kraft, die seinen Dienst überhaupt ermöglicht. Seine Berufung war nicht allein eine äußere Beauftragung, bei der Gott ihm eine Aufgabe übertrug und ihn anschließend sich selbst überließ. Dieselbe Gnade, die ihn berufen hatte, befähigte ihn auch zur Erfüllung seines Auftrags. In 1. Korinther 15,10 beschreibt Paulus diesen Zusammenhang besonders anschaulich. Obwohl er sich stärker als andere Apostel eingesetzt hatte, führt er seine Arbeit letztlich auf die Gnade Gottes zurück, die mit ihm wirkte. Göttliche Kraft und menschlicher Einsatz stehen dabei nicht im Gegensatz zueinander. Paulus handelte, predigte, reiste und ertrug Widerstand, doch er wusste, dass sein Dienst ohne Gottes Wirken keine bleibende geistliche Frucht hervorbringen konnte.

In Vers 8 wird deutlich, wie tief dieses Verständnis sein Selbstbild geprägt hatte. Paulus nennt sich den „allergeringsten unter allen Heiligen“. Diese ungewöhnlich starke Formulierung fällt besonders auf, wenn man bedenkt, welche Verantwortung ihm übertragen worden war. Er hatte Gemeinden gegründet, das Evangelium in zahlreiche Städte getragen und war als Apostel zu einem der wichtigsten Verkündiger des frühen Christentums geworden. Dennoch betrachtet er seinen Dienst nicht als Beweis persönlicher Überlegenheit. Eine wesentliche Erklärung dafür liegt in seiner Vergangenheit. Vor seiner Begegnung mit dem auferstandenen Christus hatte Paulus die Gemeinde verfolgt. Er hatte Christen gefangen nehmen lassen und versucht, die Ausbreitung des Glaubens an Jesus zu verhindern (Apostelgeschichte 8,3; 9,1–2). In 1. Korinther 15,9 bezeichnet er sich deshalb als den geringsten der Apostel, weil er die Gemeinde Gottes verfolgt hatte.

Seine Selbstbezeichnung ist jedoch nicht als Behauptung zu verstehen, er sei für Gott wertlos oder besitze keinerlei geistliche Bedeutung. Paulus wusste sehr wohl, dass Christus ihn berufen und ihm apostolische Verantwortung übertragen hatte. Wenn seine Autorität infrage gestellt wurde, konnte er diese Berufung sogar entschieden verteidigen (2. Korinther 11–12). Seine Demut bestand also nicht darin, Gottes Wirken in seinem Leben kleinzureden. Vielmehr erkannte er den Unterschied zwischen dem, was er aus eigener Vergangenheit mitbrachte, und dem, was Gott aus Gnade aus ihm gemacht hatte. Gerade der Mann, der einst gegen Christus und seine Gemeinde gekämpft hatte, durfte nun die Botschaft dieses Christus in die Welt hinaustragen. Die Größe seiner Berufung ließ ihn deshalb nicht seine eigene Bedeutung bewundern, sondern die Barmherzigkeit Gottes.

Paulus nennt anschließend den Inhalt seines besonderen Verkündigungsauftrags: Er soll unter den Heiden den „unausforschlichen Reichtum Christi“ verkündigen. Mit diesem Ausdruck beschreibt er die Fülle dessen, was Menschen durch Jesus Christus geschenkt wird. Bereits zu Beginn des Briefes hatte er von der Erlösung durch Christi Blut, der Vergebung der Sünden und dem Reichtum der göttlichen Gnade gesprochen (Epheser 1,7). In Epheser 2,4–7 erklärte er, dass Gott Menschen, die geistlich tot waren, durch seine große Liebe mit Christus lebendig gemacht hat und an ihnen den überragenden Reichtum seiner Gnade erweisen will. Wenn Paulus nun vom Reichtum Christi spricht, meint er deshalb nicht materiellen Wohlstand oder die Zusage eines von äußeren Schwierigkeiten freien Lebens. Er spricht von den geistlichen Segnungen, die in der Person und dem Erlösungswerk Jesu Christi ihren Ursprung haben.

Das Wort „unausforschlich“ verleiht dieser Aussage eine besondere Tiefe. Der griechische Ausdruck anexichniastos beschreibt etwas, dessen Spuren sich nicht vollständig verfolgen und dessen Ausmaß sich nicht erschöpfend erfassen lässt. Der Reichtum Christi ist demnach nicht deshalb unausforschlich, weil Gott seine Segnungen grundsätzlich vor den Menschen verbergen würde. Paulus verkündigt diesen Reichtum ja gerade, damit andere ihn kennenlernen. Vielmehr ist das, was Christus schenkt, so umfassend, dass menschliche Erkenntnis es niemals vollständig ausschöpfen kann. Menschen können Gottes Vergebung erfahren, seine Gnade verstehen lernen und in der Gemeinschaft mit Christus wachsen, ohne jemals an einen Punkt zu gelangen, an dem sie die ganze Größe seines Erlösungswerkes erfasst hätten. Eine verwandte Formulierung verwendet Paulus in Römer 11,33, wo er Gottes Weisheit und Erkenntnis bewundert und seine Wege als unausspürbar beschreibt. Was Gott offenbart, kann wirklich erkannt werden, ohne dass damit sein ganzes Wesen oder Handeln vollständig begriffen wäre.

Gerade die Verbindung zwischen diesem unermesslichen Reichtum und der Verkündigung an die Heiden ist bedeutsam. Paulus sollte Menschen, die zuvor außerhalb der besonderen Bundesgeschichte Israels gestanden hatten, nicht lediglich einige religiöse Wahrheiten vermitteln. Er durfte ihnen den ganzen Reichtum der Erlösung in Christus bekannt machen. Gottes Gnade wurde ihnen nicht in einem geringeren Maß angeboten, als sie den gläubigen Juden zuteilwurde. Die Einladung des Evangeliums war umfassend, weil Christus selbst die Grundlage des Heils für alle Menschen ist. Zugleich bleibt wichtig, dass dieser Reichtum nicht von Christus getrennt werden kann. Paulus verkündigt nicht bloß die Vorteile einer neuen religiösen Zugehörigkeit, sondern Jesus Christus selbst, in dem Gottes Verheißungen ihre Erfüllung finden. Ähnlich erklärt er in Kolosser 2,3, dass in Christus alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen.

In Vers 9 erweitert Paulus die Beschreibung seines Auftrags. Er soll „alle erleuchten“ und ihnen verständlich machen, was die „Haushaltung des Geheimnisses“ ist, das von den Ewigkeiten her in Gott verborgen war. Das Wort „erleuchten“ beschreibt hier das Bekanntmachen und verständliche Erschließen einer Wahrheit, die Menschen zuvor nicht in dieser Klarheit kannten. Paulus sollte nicht eine kleine Gruppe mit geheimem Sonderwissen ausstatten. Seine Verkündigung hatte vielmehr das Ziel, Menschen die Augen für Gottes Heilsplan zu öffnen. Der Ausdruck „alle“ unterstreicht die weite Ausrichtung dieser Botschaft. Obwohl Paulus besonders zu den nichtjüdischen Völkern gesandt war, sollte die Erkenntnis des göttlichen Ratschlusses nicht auf eine bestimmte Herkunft oder gesellschaftliche Gruppe beschränkt bleiben.

Die „Haushaltung des Geheimnisses“ bezeichnet dabei die Weise, in der Gott seinen zuvor verborgenen Ratschluss nun geschichtlich verwirklicht und bekannt macht. Das griechische Wort oikonomia konnte ursprünglich die Verwaltung eines Haushalts oder die verantwortliche Durchführung einer übertragenen Aufgabe bezeichnen. Im Zusammenhang dieses Verses richtet sich der Blick auf die Durchführung und Offenbarung des göttlichen Heilsplans. Paulus soll den Menschen verständlich machen, wie Gott seinen Ratschluss durch Christus zur Ausführung bringt. Einige spätere griechische Handschriften verwenden an dieser Stelle statt „Haushaltung“ das Wort „Gemeinschaft“. Die besser bezeugte Lesart lautet jedoch „Haushaltung“ beziehungsweise „Verwaltung“, wie sie auch die Schlachter 1951 wiedergibt. Das ist für das Verständnis bedeutsam, weil Paulus hier nicht einfach noch einmal die Gemeinschaft von Juden und Nichtjuden beschreibt, sondern den Blick auf Gottes planmäßiges Handeln richtet, durch das diese Gemeinschaft entstanden ist.

Bemerkenswert ist schließlich die Aussage, dass dieses Geheimnis „von den Ewigkeiten her in dem Gott verborgen war, der alles erschaffen hat“. Paulus verbindet den lange verborgenen Erlösungsplan ausdrücklich mit dem Schöpfer aller Dinge. Der Gott, der die Welt ins Dasein gerufen hat, ist derselbe Gott, der nun durch Jesus Christus seine rettende Absicht offenbart. Erlösung ist deshalb kein Vorhaben eines anderen Gottes und keine von der Schöpfungsgeschichte losgelöste Entwicklung. Gottes Handeln besitzt eine innere Einheit. Schon in Epheser 1,4 hatte Paulus die göttliche Erwählung in Christus mit der Zeit vor Grundlegung der Welt verbunden. Nun erklärt er, dass der Heilsratschluss über lange Zeitalter in Gott verborgen war, bis die Zeit seiner Offenbarung gekommen war. Die Formulierung erlaubt jedoch nicht, jedes Einzelereignis der Weltgeschichte als ausdrücklich in diesem Vers beschriebenen Bestandteil eines detaillierten göttlichen Zeitplans auszugeben. Paulus hebt vor allem hervor, dass die jetzt verkündigte Erlösung in Gottes eigenem, lange verborgenem Ratschluss verwurzelt ist.

Die Erwähnung des Schöpfers unterstreicht zugleich die Reichweite der göttlichen Absicht. Weil Gott der Schöpfer aller Menschen ist, lässt sich sein Heilsangebot nicht auf ein einziges Volk als seinen ausschließlichen Empfänger begrenzen. Das bedeutet nicht, dass die besondere Geschichte Israels bedeutungslos geworden wäre. Gerade durch diese Geschichte hatte Gott seine Verheißungen vorbereitet und das Kommen des Messias angekündigt. Doch in Christus wird nun sichtbar, dass Gottes rettender Ratschluss von Anfang an eine Bedeutung besaß, die über die Grenzen Israels hinausreichte. Die Verkündigung unter den Völkern steht daher nicht im Widerspruch zu Gottes früherem Handeln, sondern macht eine zuvor noch nicht vollständig offenbarte Dimension seines Planes erkennbar.

So führen die Verse 7–9 drei Gedanken zusammen, die untrennbar miteinander verbunden sind: Paulus verdankt seinen Dienst allein der Gnade Gottes, der Inhalt seiner Verkündigung ist der unermessliche Reichtum Jesu Christi, und die Botschaft gehört zu einem göttlichen Heilsplan, der lange verborgen war und nun bekannt gemacht wird. Dabei bleibt Paulus selbst ein Diener, nicht der Mittelpunkt der Offenbarung. Die Größe des Evangeliums liegt nicht in der Bedeutung seines menschlichen Verkündigers, sondern in Christus und in der Weisheit des Gottes, der seinen Heilsratschluss verwirklicht. Dass diese göttliche Weisheit sogar über die sichtbare Welt hinaus offenbar werden soll, zeigt Paulus unmittelbar in den folgenden Versen.

Epheser 3,10–13

Die Gemeinde als Offenbarung göttlicher Weisheit

Mit Vers 10 erweitert Paulus den Blick auf eine Dimension des göttlichen Erlösungsplans, die weit über das sichtbare Leben der Gemeinde hinausreicht. Nachdem er erklärt hat, dass Gottes lange verborgenes Geheimnis nun durch das Evangelium bekannt gemacht wird, beschreibt er einen weiteren Zweck dieser Offenbarung: Durch die Gemeinde soll den „Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen Regionen“ die „mannigfaltige Weisheit Gottes“ kundwerden. Damit erhält die Gemeinschaft der Gläubigen eine Bedeutung, die sich nicht allein aus ihrer irdischen Aufgabe erklären lässt. Was Gott durch Jesus Christus unter den Menschen verwirklicht, ist auch für die himmlische Welt von Bedeutung.

Zunächst fällt auf, dass Paulus nicht sagt, Gottes Weisheit werde den himmlischen Mächten ausschließlich durch eine besondere Verkündigung erklärt. Er schreibt vielmehr, dass sie durch die Gemeinde bekannt gemacht wird. Das ist ein bemerkenswerter Unterschied. Die Gemeinde ist nicht nur Empfängerin der göttlichen Gnade und Verkündigerin des Evangeliums, sondern wird selbst zu einem sichtbaren Ergebnis von Gottes weisem Handeln. Menschen, die zuvor durch Herkunft, religiöse Tradition und gegenseitige Feindschaft voneinander getrennt waren, werden durch Christus miteinander und mit Gott versöhnt. Gerade diese neue Gemeinschaft macht etwas von Gottes Weisheit erkennbar. Er überwindet die Trennung nicht dadurch, dass er die Vergangenheit der Menschen für bedeutungslos erklärt oder seine Gerechtigkeit aufgibt, sondern durch das Erlösungswerk seines Sohnes. In Epheser 2,14–16 hatte Paulus bereits erklärt, dass Christus durch das Kreuz die Feindschaft beseitigt und beide Gruppen in einem Leib mit Gott versöhnt hat. Nun wird deutlich, dass dieses Geschehen eine Bedeutung besitzt, die über die unmittelbar beteiligten Menschen hinausreicht.

Besonders sorgfältig muss dabei die Bezeichnung „Fürstentümer und Gewalten“ betrachtet werden. Paulus verwendet solche Ausdrücke an mehreren Stellen seines Briefes. In Epheser 1,20–21 beschreibt er die Erhöhung Christi über alle Herrschaft, Gewalt, Macht und Hoheit. In Epheser 6,12 spricht er dagegen ausdrücklich von einem geistlichen Kampf gegen böse Mächte in den himmlischen Regionen. Die Begriffe können also im Zusammenhang mit unterschiedlichen Arten übermenschlicher Mächte stehen. Epheser 3,10 erklärt nicht eindeutig, ob Paulus ausschließlich von treuen himmlischen Wesen spricht oder ob auch feindliche geistliche Mächte in den Blick genommen werden. Der umfassende Wortlaut lässt eine weitere Bedeutung zu, doch eine genaue Festlegung wäre mehr, als dieser einzelne Vers ausdrücklich mitteilt.

Dass die himmlische Welt Anteil an der Wahrnehmung des Erlösungsgeschehens hat, wird auch an anderen Stellen des Neuen Testaments erkennbar. In 1. Petrus 1,10–12 erklärt Petrus, dass die Propheten nach dem kommenden Heil forschten und dass selbst Engel danach verlangen, in diese Dinge hineinzuschauen. In 1. Korinther 4,9 beschreibt Paulus die Apostel als ein Schauspiel für die Welt, für Engel und Menschen. Beide Aussagen zeigen, dass Gottes Handeln mit seinem Volk nicht ausschließlich eine irdische Angelegenheit ist. Besonders die Worte des Petrus machen deutlich, dass das Erlösungswerk auch für himmlische Wesen Gegenstand aufmerksamen Interesses ist. Allerdings sagen diese Bibelstellen nicht, dass Gott den Engeln zuvor seinen gesamten Heilsplan verborgen gehalten hätte oder dass sich aus ihnen jede Einzelheit eines himmlischen Beobachtungsgeschehens rekonstruieren ließe. Der sichere gemeinsame Gedanke ist, dass Gottes Weisheit und sein Erlösungshandeln auch über die menschliche Welt hinaus wahrgenommen werden.

Die Weisheit Gottes bezeichnet Paulus als „mannigfaltig“. Das zugrunde liegende griechische Wort polypoikilos beschreibt etwas, das vielfältig und reich an unterschiedlichen Ausprägungen ist. Gottes Weisheit erschöpft sich demnach nicht in einer einzigen Maßnahme. Sein Erlösungsplan offenbart, wie er Menschen trotz ihrer Schuld retten, seine Verheißungen erfüllen, bisherige Trennungen überwinden und eine neue Gemeinschaft schaffen kann. Besonders eindrucksvoll wird diese Weisheit daran sichtbar, dass Gott gerade durch den gekreuzigten Christus handelt. Was Menschen als Schwachheit oder Niederlage ansehen konnten, wurde zum Mittelpunkt seines rettenden Handelns. Schon in 1. Korinther 1,23–24 hatte Paulus erklärt, dass der gekreuzigte Christus für manche Menschen ein Ärgernis oder eine Torheit ist, für die Berufenen aber Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Epheser 3 führt diesen Gedanken weiter: Die Weisheit Gottes wird nicht nur am Kreuz selbst erkennbar, sondern auch an der Gemeinde, die durch dieses Kreuz entstanden ist.

Darin liegt zugleich eine hohe Verantwortung für die Gläubigen. Die Gemeinde soll durch ihre Existenz sichtbar machen, was Gott durch Christus bewirkt hat. Ihre Einheit ist deshalb mehr als eine organisatorische Zweckmäßigkeit. Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam Gott anbeten, sich gegenseitig als Geschwister anerkennen und in Liebe miteinander leben, entspricht dies dem Heilsplan, den Paulus zuvor beschrieben hat. Daraus folgt allerdings nicht, dass jede Gemeinde diese göttliche Absicht bereits vollkommen verwirklicht. Die neutestamentlichen Briefe zeigen, wie sehr auch gläubige Menschen mit Streit, Stolz, Selbstsucht und mangelnder Liebe zu kämpfen hatten. Gerade deshalb ermahnt Paulus später in Epheser 4,1–3 zu Demut, Geduld und dazu, die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens zu bewahren. Die Gemeinde ist Gottes Werk, doch sie ist zugleich dazu berufen, dieser geschenkten Stellung in ihrem tatsächlichen Zusammenleben zu entsprechen. Ihre Bedeutung beruht nicht auf menschlicher Fehlerlosigkeit, sondern auf dem Handeln Christi, das sie hervorgerufen hat und fortwährend prägen soll.

In Vers 11 erklärt Paulus, dass diese Offenbarung göttlicher Weisheit dem „Vorsatz der Ewigkeiten“ entspricht, den Gott in Christus Jesus, unserem Herrn, gefasst hat. Damit macht er deutlich, dass die Erlösung der Menschen und die Entstehung der Gemeinde keine nachträgliche Notlösung darstellen. Gottes Handeln in Christus ist vielmehr in seinem ewigen Ratschluss verwurzelt. Bereits Epheser 1,4–5 hatte diesen Gedanken aufgegriffen, indem Paulus Gottes Erwählung und seinen Vorsatz mit Christus und der Zeit vor Grundlegung der Welt verband. Die Geschichte der Erlösung ist deshalb nicht eine Abfolge voneinander unabhängiger göttlicher Entscheidungen. Schöpfung, Verheißung, das Kommen Christi und die Entstehung seiner Gemeinde stehen innerhalb eines zusammenhängenden göttlichen Handelns. Dabei liegt die entscheidende Gewissheit nicht darin, dass Menschen alle Einzelheiten dieses Plans überblicken könnten. Entscheidend ist, dass Gottes Absicht ihren Mittelpunkt und ihre Verwirklichung in Jesus Christus hat.

Die Formulierung „in Christus Jesus, unserem Herrn“ verdient besondere Aufmerksamkeit. Paulus verbindet den ewigen Vorsatz Gottes nicht mit einer unpersönlichen Idee, sondern mit einer konkreten Person. Jesus Christus ist nicht lediglich der Überbringer göttlicher Informationen über die Erlösung. Durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung hat Gott den Zugang zum Heil tatsächlich eröffnet. Das unterscheidet den christlichen Glauben von einer bloßen Erkenntnis religiöser Wahrheiten. Die Erlösung besteht nicht nur darin, dass Menschen erfahren, was Gott beabsichtigt. Sie werden durch Christus in eine neue Beziehung zu Gott hineingenommen. Deshalb führt Paulus seine Erklärung unmittelbar zu einer der persönlichsten Aussagen des gesamten Abschnitts.

In Vers 12 schreibt er, dass wir in Christus „die Freimütigkeit und den Zugang haben in aller Zuversicht, durch den Glauben an ihn“. Nachdem er von Gottes ewigem Vorsatz und der himmlischen Bedeutung der Gemeinde gesprochen hat, beschreibt er nun, was dies für den einzelnen Gläubigen bedeutet. Der Mensch darf sich Gott voller Vertrauen nähern. Das griechische Wort parrēsia, das mit „Freimütigkeit“ wiedergegeben wird, bezeichnet ein offenes, unerschrockenes Auftreten und Sprechen. Im Zusammenhang dieses Verses geht es um die Freiheit, sich ohne lähmende Furcht an Gott zu wenden. Diese Freiheit gründet sich nicht auf die eigene moralische Vollkommenheit oder darauf, dass der Mensch vor Gott irgendeinen Anspruch erworben hätte. Sie besteht allein in der Verbindung mit Jesus Christus.

Das zweite Wort, „Zugang“, vertieft diesen Gedanken. Es beschreibt die Möglichkeit, in die Gegenwart eines anderen zu treten. Bereits in Epheser 2,18 hatte Paulus erklärt, dass Juden und Nichtjuden durch Christus in einem Geist Zugang zum Vater haben. Dieser Gedanke steht nun erneut im Mittelpunkt. Was der Mensch durch seine Sünde und Entfremdung verloren hatte, wird ihm durch Christus wieder eröffnet. Die Gläubigen müssen nicht länger als Fremde vor Gott stehen. Sie dürfen sich ihm als ihrem himmlischen Vater nähern. Dabei bleibt Christus der entscheidende Mittler dieses Zugangs. In Hebräer 4,14–16 wird ein verwandter Gedanke entfaltet: Weil Jesus der große Hohepriester ist, der unsere Schwachheiten kennt und dennoch ohne Sünde blieb, dürfen die Gläubigen mit Freimütigkeit zum Thron der Gnade hinzutreten, um Barmherzigkeit und rechtzeitige Hilfe zu empfangen.

Paulus ergänzt, dass dieser Zugang „durch den Glauben an ihn“ geschieht. Der Glaube ist dabei keine menschliche Leistung, durch die Gott verpflichtet würde, dem Menschen seine Gegenwart zu gewähren. Er ist vielmehr das vertrauensvolle Annehmen dessen, was Christus ermöglicht hat. Die griechische Formulierung lässt sprachlich auch die Deutung zu, dass hier Christi eigene Treue im Vordergrund steht. Die Schlachter 1951 folgt der verbreiteten Übersetzung „durch den Glauben an ihn“, die gut zum Zusammenhang passt. Unabhängig von dieser sprachlichen Frage bleibt die entscheidende Aussage bestehen: Der Zugang zu Gott beruht auf Jesus Christus und nicht auf menschlichem Verdienst. Deshalb ist christliche Zuversicht auch nicht mit Selbstsicherheit zu verwechseln. Sie vertraut nicht darauf, dass der Mensch aus eigener Kraft vor Gott bestehen könnte, sondern darauf, dass Christus die Grundlage seiner Annahme geschaffen hat.

In Vers 13 kehrt Paulus schließlich zu seiner persönlichen Situation zurück. Er bittet seine Leser, angesichts seiner Bedrängnisse nicht mutlos zu werden. Dieser Wunsch lässt erkennen, dass seine Gefangenschaft für die Gemeinden eine ernsthafte Belastung darstellen konnte. Der Mann, durch dessen Verkündigung sie vom Evangelium erfahren hatten, litt nun wegen seines Dienstes. Für die Gläubigen konnte sich daraus die bedrängende Frage ergeben, weshalb Gott zuließ, dass ein treuer Verkündiger seiner Botschaft solche Schwierigkeiten ertragen musste. Paulus beantwortet diese Sorge nicht mit der Behauptung, dass treue Christen niemals leiden müssten. Ebenso wenig deutet er seine Gefangenschaft als Zeichen dafür, dass Gottes Kraft versagt hätte. Stattdessen fordert er seine Leser auf, ihre Zuversicht nicht von seinen äußeren Umständen abhängig zu machen.

Besonders ungewöhnlich ist seine abschließende Bemerkung, dass seine Bedrängnisse für die Gläubigen eine Ehre seien. Damit verherrlicht Paulus nicht das Leiden an sich. Schmerz, Gefangenschaft und Ungerechtigkeit werden nicht dadurch gut, dass ein gläubiger Mensch sie erträgt. Seine Aussage erhält ihren Sinn vielmehr aus dem Zusammenhang seines Dienstes. Paulus litt, weil er das Evangelium unter den Völkern verkündigte und damit Menschen den Zugang zu Gottes Verheißungen eröffnete. Seine Bedrängnisse standen deshalb in Verbindung mit einer Aufgabe, durch die seine Leser selbst großen geistlichen Segen empfangen hatten. Was äußerlich als Schande oder Niederlage erscheinen konnte, sollte für sie kein Grund zur Entmutigung sein. Die Gefangenschaft des Apostels minderte weder die Wahrheit seiner Botschaft noch die Würde der Menschen, denen sie galt. Vielmehr zeigte seine Bereitschaft, für diesen Auftrag Leiden auf sich zu nehmen, welchen Wert er dem Evangelium beimaß.

Damit schließt Paulus einen Gedankengang, der mit seiner Gefangenschaft begonnen hatte. In Vers 1 hatte er sich als Gebundenen Christi Jesu für die Heiden bezeichnet. Nun erklärt er, warum seine Leser wegen dieser Gefangenschaft nicht verzweifeln sollen. Zwischen diesen beiden Aussagen hat er den Blick auf Gottes ewigen Vorsatz, den Reichtum Christi und die himmlische Bedeutung der Gemeinde gelenkt. Seine äußere Situation ist dadurch nicht weniger schwer geworden, doch sie erscheint in einem größeren Zusammenhang. Gottes Erlösungsplan hängt nicht von der menschlichen Freiheit, gesellschaftlichen Anerkennung oder äußeren Stärke seiner Diener ab. Er gründet sich auf Jesus Christus, durch den Gott Menschen rettet, seine Weisheit offenbart und ihnen einen vertrauensvollen Zugang zu sich selbst schenkt.

Nach dieser umfassenden Erklärung kehrt Paulus zu dem Gedanken zurück, den er zu Beginn des Kapitels unterbrochen hatte. Seine Antwort auf die geistlichen Bedürfnisse der Gläubigen besteht nun nicht in einer weiteren Verteidigung seiner Person, sondern in einem Gebet. Er wendet sich an den Vater und bittet darum, dass die göttliche Kraft, von der er bisher gesprochen hat, im Inneren der Gläubigen wirksam wird.

Epheser 3,14–17

Das Gebet um innere Stärke und die Gegenwart Christi

Nach der ausführlichen Erklärung seines apostolischen Auftrags kehrt Paulus zu dem Gedanken zurück, den er zu Beginn des Kapitels unterbrochen hatte. In Vers 14 schreibt er: „Deswegen beuge ich meine Knie vor dem Vater unsres Herrn Jesus Christus.“ Die Worte „Deswegen“ greifen den Zusammenhang von Epheser 3,1 wieder auf und verbinden sein Gebet mit allem, was er zuvor über Gottes Heilsplan erklärt hat. Menschen, die einst von Gottes Bundesverheißungen getrennt waren, dürfen nun durch Christus zu seinem Volk gehören. Sie haben freien Zugang zum Vater und sind Teil einer Gemeinschaft, die Gottes Weisheit sogar der himmlischen Welt bekannt macht. Angesichts dieser gewaltigen Berufung bittet Paulus darum, dass die Gläubigen auch innerlich die geistliche Kraft empfangen, die sie für ein Leben in Gemeinschaft mit Christus benötigen.

Dass Paulus dabei ausdrücklich seine Knie vor Gott beugt, verleiht seinem Gebet eine besondere Ernsthaftigkeit. In der biblischen Welt war es durchaus üblich, im Stehen zu beten, wie beispielsweise 1. Samuel 1,26 und Markus 11,25 erkennen lassen. Das Knien konnte dagegen die innere Haltung der Demut, Ehrfurcht und Hingabe besonders deutlich zum Ausdruck bringen. Auch Jesus kniete während seines Gebets im Garten Gethsemane nieder (Lukas 22,41), und Paulus selbst betete bei seinem Abschied von den Ältesten aus Ephesus gemeinsam mit ihnen auf den Knien (Apostelgeschichte 20,36). Die Körperhaltung ist dabei kein äußerliches Mittel, durch das ein Gebet erst wirksam würde. Entscheidend ist die Haltung des Herzens. Doch indem Paulus seine Knie beugt, bringt er sichtbar zum Ausdruck, dass er sich mit seinem Anliegen vertrauensvoll unter Gottes Herrschaft stellt. Nachdem er die Größe der göttlichen Weisheit beschrieben hat, begegnet er Gott nicht mit menschlichem Stolz, sondern mit Anbetung und Bitte.

Paulus richtet sein Gebet an den Vater. Die Schlachter 1951 ergänzt die Bezeichnung „unsres Herrn Jesus Christus“, die in einer Reihe späterer griechischer Handschriften überliefert ist, während mehrere wichtige frühe Handschriften an dieser Stelle nur vom Vater sprechen. Diese textliche Unterscheidung verändert die grundlegende Aussage des Abschnitts nicht. Schon in Epheser 1,3 bezeichnet Paulus Gott ausdrücklich als den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Für die Gläubigen besitzt diese Vaterbeziehung eine besondere Bedeutung, weil sie durch Jesus Christus Zugang zu Gott erhalten haben. Gott ist ihnen nicht als eine ferne, unpersönliche Macht vorgestellt, sondern als der Vater, an den sie sich durch seinen Sohn wenden dürfen. Die Freimütigkeit, von der Paulus unmittelbar zuvor gesprochen hatte (Epheser 3,12), findet nun ihren praktischen Ausdruck im Gebet. Der Apostel nimmt den Zugang zu Gott selbst in Anspruch, den Christus allen Glaubenden eröffnet hat.

In Vers 15 erweitert Paulus den Blick, indem er von dem Vater spricht, „nach welchem jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden genannt wird“. Hinter dieser Formulierung steht im Griechischen eine auffällige sprachliche Verbindung. Das Wort für Vater, patēr, ist eng mit dem Wort patria verwandt, das eine Familie, Sippe oder Abstammungsgemeinschaft bezeichnet. Paulus verwendet diese Begriffe, um auszudrücken, dass alle Vaterschaft und familiäre Zugehörigkeit letztlich auf Gott als ihren höchsten Ursprung und Bezugspunkt verweisen. Die Formulierung bedeutet jedoch nicht, dass Gott wie ein menschlicher Vater durch natürliche Zeugung Familien hervorbringt. Ebenso wenig erklärt sie die genaue Zusammensetzung himmlischer Gemeinschaften. Vielmehr erhebt Paulus den Blick über die begrenzten menschlichen Vorstellungen von Abstammung und Zugehörigkeit hinaus. Der Gott, zu dem er betet, steht über allen Gemeinschaften im Himmel und auf Erden. Ihre Existenz und Stellung sind nicht unabhängig von ihm zu verstehen.

Diese Aussage gewinnt vor dem Hintergrund des bisherigen Briefes eine besondere Bedeutung. Herkunft und Abstammung hatten in der religiösen Welt der ersten Christen ein großes Gewicht. Die Gläubigen aus den Völkern waren ursprünglich keine Angehörigen Israels und standen außerhalb seiner besonderen Bundesgeschichte. Nun aber hatte Paulus erklärt, dass sie durch Christus vollberechtigte Mitglieder von Gottes Hausgemeinschaft geworden sind (Epheser 2,19). Wenn er sich jetzt an den Vater wendet, dessen Name mit jeder Vaterschaft verbunden ist, erinnert dies daran, dass menschliche Herkunft niemals über Gottes Herrschaft und seinen Heilsratschluss hinausreicht. Keine irdische Abstammung verleiht einem Menschen unabhängig von Christus einen höheren geistlichen Wert. Zugleich bedeutet diese neue Zugehörigkeit nicht, dass alle Menschen bereits ohne Glauben und Versöhnung dieselbe heilvolle Vaterbeziehung besitzen. Paulus unterscheidet zwischen Gottes umfassender Stellung als Ursprung und Herr aller Dinge und der besonderen Gemeinschaft mit dem Vater, die durch Jesus Christus eröffnet wird.

In Vers 16 beginnt Paulus, sein eigentliches Gebetsanliegen auszusprechen. Er bittet darum, dass Gott den Gläubigen „nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit“ verleihe, „an Kraft zuzunehmen durch seinen Geist am inwendigen Menschen“. Auffällig ist zunächst, welchen Maßstab Paulus für diese Bitte verwendet. Er bittet nicht nur um ein geringes Maß göttlicher Hilfe, das gerade ausreichen könnte, um eine schwierige Situation zu überstehen. Der Maßstab seiner Bitte ist der Reichtum der göttlichen Herrlichkeit. Damit beschreibt Paulus nicht eine begrenzte menschliche Kraftquelle, sondern die überreiche Fülle dessen, was Gott besitzt und schenken kann. Seine Herrlichkeit umfasst die Größe, Macht und Herrlichkeit seines göttlichen Wesens. Weil Gott selbst die Quelle dieser Stärke ist, muss die geistliche Entwicklung der Gläubigen nicht auf das beschränkt bleiben, was sie aus eigener Kraft erreichen könnten.

Diese göttliche Stärkung soll jedoch nicht zuerst ihre äußeren Lebensumstände verändern, sondern den „inwendigen Menschen“ erreichen. Der Ausdruck bezeichnet das innere Leben des Menschen, seine Gedanken, Überzeugungen, seinen Willen und seine geistliche Ausrichtung. Paulus verwendet eine ähnliche Unterscheidung in 2. Korinther 4,16, wo er erklärt, dass der äußere Mensch zwar aufgerieben werden kann, der innere aber Tag für Tag erneuert wird. Damit bestreitet er weder die Bedeutung des Körpers noch die Wirklichkeit körperlichen Leidens. Er beschreibt vielmehr, dass Gottes erneuernde Kraft einen Menschen auch dort stärken kann, wo seine äußeren Möglichkeiten begrenzt sind. Gerade angesichts der Gefangenschaft des Paulus besitzt dieser Gedanke besonderes Gewicht. Obwohl sein äußerer Handlungsspielraum eingeschränkt war, hatte er sein Vertrauen auf Christus nicht verloren. Entsprechend betet er für die Gläubigen nicht zuerst um ein Leben ohne Widerstände, sondern um jene innere Stärke, die sie befähigt, auch unter schwierigen Umständen an Christus festzuhalten.

Entscheidend ist dabei, dass diese Kraft ausdrücklich „durch seinen Geist“ vermittelt wird. Paulus versteht geistliche Stärke nicht als bloße Willenskraft, Selbstbeherrschung oder menschliche Entschlossenheit. Solche Eigenschaften können im Leben eines Menschen ihren Platz haben, doch die Kraft, um die er hier bittet, hat ihren Ursprung im Wirken des Heiligen Geistes. Bereits in Epheser 1,13–14 hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen mit dem verheißenen Heiligen Geist versiegelt worden sind. In Epheser 2,22 beschrieb er die Gemeinde als eine Wohnung Gottes durch den Geist. Das Gebet in Kapitel 3 richtet sich deshalb nicht an Menschen, die mit Gottes Geist bisher überhaupt nichts zu tun hätten. Paulus bittet vielmehr darum, dass der Geist in ihnen immer tiefer und kräftiger wirken möge. Geistliches Wachstum bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass ein Mensch immer unabhängiger von Gott wird. Es bedeutet, dass sein Denken, Wollen und Handeln zunehmend unter den erneuernden Einfluss des Heiligen Geistes gelangen.

In Vers 17 führt Paulus sein Gebet mit der Bitte fort, „daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne“. Diese Worte stehen in einem engen Zusammenhang mit der vorherigen Bitte um Stärkung durch den Geist. Paulus beschreibt damit keine zwei voneinander getrennten geistlichen Erfahrungen, als würde zunächst der Heilige Geist im Menschen wirken und Christus anschließend unabhängig davon hinzukommen. Vielmehr führt das Wirken des Geistes zu einer vertieften Gemeinschaft mit Christus. Eine ähnliche Verbindung findet sich in Römer 8,9–10. Dort spricht Paulus unmittelbar nacheinander davon, dass Gottes Geist in den Gläubigen wohnt, dass sie den Geist Christi besitzen und dass Christus in ihnen ist. Auch Galater 4,6 erklärt, dass Gott den Geist seines Sohnes in die Herzen seiner Kinder gesandt hat. Diese Aussagen beschreiben eine enge Verbindung zwischen dem Wirken des Geistes und der Gegenwart Christi, ohne Sohn und Heiligen Geist als dieselbe Person gleichzusetzen.

Das griechische Wort, das Paulus für das Wohnen Christi verwendet, katoikeō, kann ein dauerhaftes Wohnen oder Ansässigsein ausdrücken. Im Zusammenhang seines Gebets geht es deshalb um mehr als eine vorübergehende religiöse Begeisterung oder einen kurzen Augenblick besonderer Nähe zu Gott. Christus soll das Leben der Gläubigen beständig prägen. Dabei darf die Aussage nicht so verstanden werden, als sei Christus bei den bereits gläubigen Empfängern des Briefes bisher überhaupt nicht gegenwärtig gewesen. Paulus betet für Menschen, die das Evangelium angenommen haben und bereits zu Christus gehören. Sein Anliegen ist, dass die Gemeinschaft mit dem Herrn in ihnen gefestigt und vertieft wird. Die Gegenwart Christi soll nicht auf einzelne Gottesdienste, Gebetszeiten oder besondere geistliche Erfahrungen beschränkt bleiben, sondern das ganze Leben bestimmen.

Paulus nennt ausdrücklich den Glauben als den Weg, durch den Christus im Herzen wohnt. Damit wird deutlich, dass diese Gemeinschaft nicht durch eine besondere menschliche Technik oder durch das Erzeugen bestimmter Gefühle zustande kommt. Der Glaube richtet sich auf Christus, vertraut seiner Verheißung und hält an ihm fest. Die Gegenwart des Herrn ist deshalb nicht davon abhängig, ob ein Mensch sie in jedem Augenblick emotional wahrnehmen kann. Gerade in Zeiten von Anfechtung, innerer Unsicherheit oder äußerer Bedrängnis kann der Glaube an Christus festhalten, auch wenn die eigenen Empfindungen schwanken. Jesus selbst hatte seinen Jüngern zugesagt, dass der Vater sie lieben werde und dass er gemeinsam mit dem Vater bei denen Wohnung machen werde, die ihn lieben und an seinem Wort festhalten (Johannes 14,23). Dort wird die Gemeinschaft mit Gott ausdrücklich mit der Liebe zu Christus und dem Bewahren seines Wortes verbunden. Auch bei Paulus ist die Gegenwart Christi deshalb keine folgenlose religiöse Vorstellung, sondern eine Wirklichkeit, die den Menschen innerlich verändert und sein Leben zunehmend prägt.

Am Ende von Vers 17 verwendet Paulus zwei Bilder, um die Grundlage dieses geistlichen Lebens zu beschreiben: Die Gläubigen sollen „in Liebe gewurzelt und gegründet“ sein. Das erste Bild stammt aus dem Wachstum einer Pflanze. Ihre Wurzeln geben ihr Halt und ermöglichen es ihr, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. Je besser sie verwurzelt ist, desto weniger ist sie den wechselnden äußeren Bedingungen schutzlos ausgeliefert. Das zweite Bild stammt aus dem Bauwesen. Ein Gebäude benötigt ein tragfähiges Fundament, damit es Bestand haben kann. Paulus verbindet damit zwei unterschiedliche Vorstellungen, die sich gegenseitig ergänzen: lebendiges Wachstum und feste Beständigkeit. Während das Bild der Wurzeln die fortdauernde Entwicklung betont, verweist das Fundament auf die notwendige Grundlage, die dem ganzen Leben Halt gibt.

Beide Bilder beziehen sich ausdrücklich auf die Liebe. Sie ist nicht nur eine zusätzliche Eigenschaft, die ein Christ neben anderen religiösen Tugenden entwickeln soll. Sie gehört zum tragenden Grund seines geistlichen Lebens. Dabei wird aus dem Zusammenhang deutlich, dass Paulus die Liebe nicht als eine vom Wirken Gottes unabhängige menschliche Leistung versteht. Er hat gerade darum gebetet, dass der Geist die Gläubigen stärkt und Christus durch den Glauben in ihren Herzen wohnt. Erst vor diesem Hintergrund spricht er davon, in Liebe verwurzelt und gegründet zu sein. Die Liebe, die das Leben der Gläubigen tragen soll, steht somit in unmittelbarer Verbindung mit der Gemeinschaft mit Christus. Sie wächst aus der Beziehung zu dem Herrn, der seine Liebe bereits durch sein Erlösungswerk erwiesen hat. In Epheser 5,2 wird Paulus später ausdrücklich dazu auffordern, in der Liebe zu wandeln, wie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat.

Dass Paulus sowohl das Bild einer Pflanze als auch das eines Gebäudes verwendet, knüpft zugleich an frühere Gedanken des Briefes an. In Epheser 2,20–22 hatte er die Gläubigen als einen geistlichen Bau beschrieben, der auf Jesus Christus als dem Eckstein gegründet ist. Nun richtet sich sein Blick stärker auf die innere Festigkeit ihres Lebens. Die Gemeinde soll nicht nur äußerlich zusammengehören, sondern aus einer Liebe leben, die in der Gemeinschaft mit Christus ihren Ursprung hat und durch sein Wirken gestärkt wird. Diese Liebe ist mehr als gegenseitige Sympathie oder menschliche Freundlichkeit. Sie umfasst die Bereitschaft, andere als von Christus angenommene Menschen zu achten, einander zu tragen und die geschenkte Einheit auch im täglichen Zusammenleben sichtbar werden zu lassen. Gerade weil Paulus zuvor die Gleichstellung von Juden und Nichtjuden so ausführlich erklärt hatte, besitzt diese innere Verwurzelung in der Liebe eine unmittelbare Bedeutung für das Miteinander der Gläubigen.

So entsteht innerhalb des Gebets eine sorgfältig aufgebaute Verbindung: Der Vater schenkt aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit die Kraft, der Heilige Geist stärkt den inneren Menschen, Christus wohnt durch den Glauben im Herzen, und die Liebe wird zur tragenden Grundlage des Lebens. Paulus betet dabei nicht nur für einzelne besonders hingegebene Christen. Seine Bitte richtet sich an die Gemeinschaft der Gläubigen. Was Gott in ihnen bewirken soll, betrifft sowohl ihre persönliche Beziehung zu Christus als auch ihr gemeinsames Leben als Gemeinde.

Mit dem Bild der Verwurzelung und Gründung in der Liebe bereitet Paulus zugleich die nächste Bitte seines Gebets vor. Ein Mensch, dessen Leben durch Gottes Geist gestärkt und durch die Gegenwart Christi geprägt wird, soll nicht bei seiner bisherigen Erkenntnis stehen bleiben. Er darf immer tiefer erfassen, wie groß die Liebe ist, die ihm in Christus begegnet. Genau diesem Gedanken widmet sich Paulus in den folgenden Versen, wenn er von der Breite, Länge, Höhe und Tiefe sowie von einer Liebe spricht, die alle menschliche Erkenntnis übersteigt.

Epheser 3,18–19

Die unermessliche Liebe Christi und die Fülle Gottes

Nachdem Paulus darum gebetet hat, dass die Gläubigen durch den Heiligen Geist innerlich gestärkt werden und Christus durch den Glauben in ihren Herzen wohnt, führt er sein Gebet zu einem weiteren Höhepunkt. In Vers 18 bittet er darum, dass sie fähig werden, „mit allen Heiligen“ die Breite, Länge, Höhe und Tiefe zu erfassen. Diese ungewöhnliche Formulierung zeigt, dass Paulus von einer Wirklichkeit spricht, deren Größe sich nicht mit gewöhnlichen menschlichen Maßstäben beschreiben lässt. Er verwendet vier räumliche Dimensionen, um den Blick seiner Leser über ihre bisherigen Vorstellungen hinauszuführen. Dabei geht es nicht um eine äußere Größe, die sich tatsächlich ausmessen ließe. Vielmehr möchte Paulus, dass die Gläubigen immer umfassender verstehen, wie weit das göttliche Handeln reicht und welche Größe ihnen in Christus begegnet.

Besondere Aufmerksamkeit verdient zunächst die Formulierung „mit allen Heiligen“. Paulus betet nicht darum, dass einzelne Christen durch besondere geistliche Erfahrungen ein Wissen erlangen, das den übrigen Gläubigen verschlossen bleibt. Die Erkenntnis, um die er bittet, gehört vielmehr zur gemeinsamen Berufung der Gemeinde. Als „Heilige“ bezeichnet Paulus Menschen, die durch Christus zu Gott gehören und für ihn ausgesondert sind. Der Begriff bedeutet nicht, dass sie bereits vollkommen und frei von jeder Sünde wären. Schon zu Beginn des Briefes hatte Paulus seine Leser als Heilige und Gläubige in Christus Jesus angesprochen (Epheser 1,1). Nun betont er, dass sie gemeinsam zu einem tieferen Verständnis der göttlichen Liebe gelangen sollen. Diese gemeinschaftliche Ausrichtung ist bedeutsam, weil Paulus zuvor ausführlich erklärt hatte, dass Christus Juden und Nichtjuden zu einem einzigen Leib verbunden hat. Die Liebe Christi soll deshalb nicht nur Gegenstand persönlicher Betrachtung bleiben, sondern innerhalb jener Gemeinschaft erkannt werden, die durch sein Erlösungswerk entstanden ist.

Das griechische Wort katalambanomai, das Paulus für das Erfassen verwendet, kann bedeuten, etwas zu begreifen, zu erfassen oder sich eine Sache wirklich zu eigen zu machen. Im Zusammenhang seines Gebets geht es um mehr als die Fähigkeit, eine richtige religiöse Definition wiederzugeben. Die Gläubigen sollen die Größe dessen, was Gott ihnen durch Christus geschenkt hat, immer deutlicher erkennen und in ihrer Bedeutung erfassen. Das bedeutet allerdings nicht, dass geistliche Erkenntnis unabhängig vom Verstand oder von der Beschäftigung mit Gottes Wort entstehen würde. Gerade Paulus selbst erklärt den Heilsplan Gottes mit sorgfältig aufgebauten Gedanken und verweist darauf, dass seine Leser beim Lesen seine Einsicht verstehen können (Epheser 3,4). Sein Gebet setzt deshalb voraus, dass Gottes offenbarte Wahrheit erkannt und verstanden werden kann. Zugleich bittet er um das Wirken Gottes, damit diese Erkenntnis nicht nur äußerlich aufgenommen wird, sondern das innere Leben der Gläubigen erreicht.

Was Paulus mit der Breite, Länge, Höhe und Tiefe genau bezeichnet, wird in Vers 18 nicht ausdrücklich gesagt. Der folgende Vers spricht jedoch unmittelbar von der Liebe Christi, weshalb der Zusammenhang stark dafür spricht, dass die vier Dimensionen deren überwältigende Größe veranschaulichen. Andere Ausleger beziehen die Worte auf den umfassenden Heilsplan Gottes oder sehen darin eine Verbindung zum geistlichen Bauwerk der Gemeinde, das Paulus in Epheser 2,19–22 beschrieben hatte. Solche Überlegungen sind nachvollziehbar, weil das gesamte Kapitel von Gottes weitreichendem Erlösungshandeln handelt. Dennoch liefert der Text keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass Paulus mit den vier Richtungen konkrete Teile eines Gebäudes oder vier voneinander getrennte Eigenschaften Gottes beschreiben wollte. Am nächsten liegt es, die räumlichen Begriffe als umfassendes Bild einer Größe zu verstehen, die menschliches Vorstellungsvermögen übersteigt.

Deshalb wäre es auch zu weitgehend, jeder einzelnen Dimension eine festgelegte geistliche Bedeutung zuzuschreiben. Man könnte beispielsweise sagen, die Breite beschreibe Gottes Liebe zu allen Völkern, die Länge ihre ewige Dauer, die Höhe ihre himmlische Herrlichkeit und die Tiefe Christi Erniedrigung am Kreuz. Solche Gedanken können einzelne biblische Wahrheiten veranschaulichen, doch Paulus selbst nimmt diese Zuordnung nicht vor. Die eigentliche Kraft seines Bildes liegt gerade darin, dass er alle vier Dimensionen zusammen nennt. Er beschreibt eine Größe, die sich in keine Richtung vollständig begrenzen lässt. Die Gläubigen sollen erkennen, dass Gottes Liebe umfassender ist als ihre bisherige Erfahrung und tiefer reicht als ihre menschliche Fähigkeit, sie abschließend zu erklären.

Dabei besteht eine enge Verbindung zum bisherigen Inhalt des Briefes. In Epheser 2,4–5 hatte Paulus von Gottes großer Liebe gesprochen, durch die er geistlich tote Menschen zusammen mit Christus lebendig gemacht hat. In Epheser 2,13–16 erklärte er, dass Christus Menschen, die einst fern waren, durch sein Blut nahegebracht und die Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden überwunden hat. Gottes Liebe offenbart sich somit nicht nur in freundlichen Worten oder in einer allgemeinen wohlwollenden Haltung gegenüber der Menschheit. Sie hat sich in konkretem rettendem Handeln gezeigt. Christus hat sein Leben hingegeben, damit Menschen Vergebung empfangen, mit Gott versöhnt werden und gemeinsam zu seinem Volk gehören können. Wenn Paulus nun von einer Liebe spricht, deren Größe er kaum in Worte fassen kann, steht hinter dieser Aussage das Erlösungswerk Jesu Christi, das er zuvor bereits ausführlich beschrieben hat.

In Vers 19 benennt Paulus den Gegenstand seiner Bitte ausdrücklich: Die Gläubigen sollen „die Liebe Christi erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt“. Damit entsteht zunächst ein scheinbarer Widerspruch. Wie kann ein Mensch etwas erkennen, das zugleich über alle Erkenntnis hinausgeht? Paulus verwendet diese Formulierung jedoch nicht, um sinnvolle Erkenntnis grundsätzlich für unmöglich zu erklären. Er unterscheidet vielmehr zwischen wirklicher Erkenntnis und vollständigem Begreifen. Ein Mensch kann die Liebe Christi wahrhaftig kennenlernen, ohne jemals ihre ganze Größe ausschöpfen zu können. Er kann verstehen, dass Christus für Sünder gestorben ist, dass ihm durch Gottes Gnade vergeben wird und dass er in Christus angenommen ist. Doch selbst wenn diese Wahrheiten immer tiefer erkannt werden, bleibt die göttliche Liebe größer als alles, was der menschliche Verstand vollständig erfassen könnte.

Eine vergleichbare Spannung begegnet in Römer 11,33, wo Paulus den Reichtum der Weisheit und Erkenntnis Gottes bewundert und seine Gerichte und Wege als unergründlich beschreibt. Damit erklärt er nicht, dass Gottes Handeln grundsätzlich unverständlich wäre. Schließlich hat er zuvor ausführlich darüber gesprochen. Er erkennt vielmehr, dass jede menschliche Erklärung begrenzt bleibt, weil Gottes Weisheit größer ist als menschliches Wissen. Ebenso verhält es sich mit der Liebe Christi. Sie ist nicht unbekannt, denn Gott hat sie durch das Leben und Sterben seines Sohnes offenbart. Dennoch lässt sie sich nicht auf eine vollständige menschliche Beschreibung reduzieren. Wer Christus besser kennenlernt, erkennt daher nicht nur immer mehr von seiner Liebe, sondern auch, dass ihre ganze Größe niemals erschöpfend verstanden werden kann.

Besonders eindrucksvoll wird diese Liebe am Kreuz sichtbar. In Römer 5,6–8 erklärt Paulus, dass Christus für Menschen starb, als sie noch schwach und sündig waren. Gottes Liebe wartete also nicht darauf, dass der Mensch sich zunächst ihrer würdig erweisen würde. Sie zeigte sich gerade gegenüber Menschen, die auf Erlösung angewiesen waren. Auch in Epheser 5,2 beschreibt Paulus die Liebe Christi anhand seiner freiwilligen Hingabe für uns. Darin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen Gottes Liebe und einer Liebe, die ausschließlich auf der Liebenswürdigkeit des anderen beruht. Christus hat sich nicht hingegeben, weil die Menschen bereits vollkommen gewesen wären, sondern um sie aus ihrer Schuld zu erretten und in eine neue Gemeinschaft mit Gott zu führen. Seine Liebe verschweigt die Wirklichkeit der Sünde nicht, sondern begegnet ihr durch ein Opfer, das Versöhnung ermöglicht.

Dabei darf die Erkenntnis der Liebe Christi nicht mit einer bloßen Sammlung angenehmer Gefühle verwechselt werden. Gottes Liebe kann auch dann eine sichere Wirklichkeit bleiben, wenn ein Mensch schwere Zeiten erlebt und seine Nähe nicht deutlich empfindet. Paulus selbst schreibt diese Worte als Gefangener. Seine äußeren Umstände bieten keinen Anlass zu der Vorstellung, dass ein von Christus geliebter Mensch automatisch vor Leid, Ablehnung oder Schwierigkeiten bewahrt würde. Gerade deshalb ist seine Bitte so bedeutsam. Die Gläubigen sollen in einer Liebe verwurzelt sein, deren Wirklichkeit nicht von wechselnden Lebensumständen abhängt. In Römer 8,35–39 entfaltet Paulus einen verwandten Gedanken: Weder Bedrängnis noch Verfolgung, Hunger, Gefahr oder andere Mächte können die Gläubigen von der Liebe Gottes trennen, die in Christus Jesus ist. Diese Gewissheit gründet sich nicht auf die Stärke menschlicher Empfindungen, sondern auf die Treue des Erlösers.

Zugleich ist die Liebe Christi nicht nur eine Wirklichkeit, die der Mensch empfängt, ohne dass sie Auswirkungen auf sein Leben hätte. Wer erkennt, mit welcher Geduld und Barmherzigkeit Christus ihm begegnet ist, erhält darin auch einen neuen Maßstab für den Umgang mit anderen Menschen. Die Gemeinschaft der Gläubigen soll von jener Liebe geprägt sein, durch die sie selbst mit Gott versöhnt wurde. Diesen Zusammenhang wird Paulus im nächsten Kapitel weiter entfalten, wenn er zu Demut, Sanftmut, Geduld und einem liebevollen Ertragen des anderen auffordert (Epheser 4,1–3). Die Liebe Christi wird damit nicht auf ein inneres Gefühl beschränkt. Ihre Erkenntnis soll sich in einer veränderten Haltung und im Zusammenleben der Gemeinde auswirken. Gerade die Menschen, die zuvor durch religiöse und gesellschaftliche Grenzen voneinander getrennt waren, sollen lernen, einander im Licht der Liebe Christi zu begegnen.

Am Ende von Vers 19 erreicht das Gebet seinen eigentlichen Höhepunkt. Paulus bittet darum, dass die Gläubigen „erfüllt werden bis zur ganzen Fülle Gottes“. Diese Formulierung gehört zu den weitreichendsten Aussagen des Kapitels. Nachdem er um innere Stärke, die Gegenwart Christi und ein tieferes Verständnis seiner Liebe gebetet hat, beschreibt er nun das Ziel dieses göttlichen Wirkens. Die Gläubigen sollen nicht nur einzelne geistliche Segnungen empfangen, sondern in ihrem ganzen Leben zunehmend von Gottes Gegenwart und seinem Wesen geprägt werden. Die Fülle Gottes bezeichnet dabei nicht eine Ansammlung voneinander unabhängiger religiöser Erfahrungen. Sie weist auf die umfassende Wirklichkeit dessen hin, was Gott in seiner Herrlichkeit, Liebe, Heiligkeit und Güte ist und was er im Leben seiner Kinder wirksam werden lassen möchte.

Dabei muss sorgfältig zwischen Gottes Wesen und der Teilhabe des Menschen an seinem Wirken unterschieden werden. Paulus behauptet nicht, dass erlöste Menschen selbst zu Gott werden oder seine göttliche Natur in derselben Weise besitzen wie der Schöpfer. Der Unterschied zwischen Gott und seinen Geschöpfen bleibt bestehen. Die Bitte richtet sich vielmehr darauf, dass Gottes Leben und Wirken den Menschen immer umfassender erfüllen und verändern. In Kolosser 2,9 erklärt Paulus ausdrücklich, dass in Christus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt. Anschließend sagt er, dass die Gläubigen in ihm zur Fülle gebracht worden sind (Kolosser 2,10). Christus besitzt die göttliche Fülle in einzigartiger Weise; die Gläubigen empfangen in der Gemeinschaft mit ihm, was sie für ihre Erlösung und geistliche Vollendung benötigen. Ihre Fülle ist deshalb keine Unabhängigkeit von Christus, sondern gründet gerade in der bleibenden Verbindung mit ihm.

Auch Epheser 4,13 hilft, diese Bitte besser zu verstehen. Dort beschreibt Paulus das Ziel der geistlichen Entwicklung der Gemeinde als ein Hineinwachsen in die volle Reife, deren Maßstab die Fülle Christi ist. Die Gläubigen sollen nicht bei geistlicher Unmündigkeit stehen bleiben, sondern in der Erkenntnis des Sohnes Gottes, im Glauben und in der Liebe wachsen. Dies zeigt, dass die Fülle, von der Paulus spricht, auch eine fortschreitende Entwicklung umfasst. Er betet nicht darum, dass die Gemeinde durch eine einzige besondere Erfahrung bereits jede denkbare Stufe geistlichen Wachstums endgültig erreicht. Vielmehr richtet er ihren Blick auf das hohe Ziel, zu dem Gottes Gnade sie führen will. Je tiefer Christus ihr Denken und Handeln prägt, desto deutlicher soll Gottes Wesen in ihrem Leben erkennbar werden.

Die Reihenfolge innerhalb dieses Gebets ist dabei von besonderer Bedeutung. Paulus beginnt nicht mit der Forderung, dass Menschen aus eigener Anstrengung eine höhere geistliche Vollkommenheit erreichen müssten. Er beginnt mit der Bitte um Gottes Kraft. Der Heilige Geist soll den inneren Menschen stärken, Christus soll durch den Glauben im Herzen wohnen, und die Liebe soll zur tragenden Grundlage des Lebens werden. Erst aus dieser Gemeinschaft mit Gott erwächst die Fähigkeit, seine Liebe immer tiefer zu erkennen und in seinem Wesen verändert zu werden. Geistliche Reife ist bei Paulus nicht die Voraussetzung dafür, dass Christus den Menschen annimmt, sondern das Ziel seines gnädigen und erneuernden Wirkens. Sie entsteht nicht aus menschlicher Selbstverherrlichung, sondern aus der immer tieferen Verbindung mit dem Erlöser.

So führen die Verse 18 und 19 weit über eine rein gedankliche Beschäftigung mit der Liebe Gottes hinaus. Paulus möchte, dass die Gläubigen gemeinsam erkennen, wie unermesslich die Liebe Christi ist, und dass diese Erkenntnis ihr ganzes Leben durchdringt. Die Liebe, die sie am Kreuz mit Gott versöhnt hat, soll auch ihre Herzen, ihre Beziehungen und ihren Charakter prägen. Zugleich bleibt ihnen bewusst, dass sie Gottes Größe niemals vollständig ausschöpfen können. Je mehr sie von Christus erkennen, desto größer wird ihr Staunen über den Reichtum seiner Gnade. Gerade darin liegt die besondere Tiefe des Gebets: Paulus bittet nicht nur darum, dass die Gläubigen mehr über Gott wissen, sondern dass sie durch die Gemeinschaft mit Christus immer umfassender von Gottes Liebe und Gegenwart erfüllt werden.

Angesichts einer solchen Bitte stellt sich schließlich die Frage, wie weit Gottes Möglichkeiten tatsächlich reichen. Kann er im Leben schwacher und begrenzter Menschen eine derart umfassende Veränderung bewirken? Paulus beantwortet diese Frage nicht durch einen weiteren Versuch, Gottes Wirken vollständig zu erklären. Stattdessen beendet er sein Gebet mit einem Lobpreis auf den Gott, dessen Macht weit über alles hinausgeht, was Menschen erbitten oder sich vorstellen können.

Epheser 3,20–21

Gottes überreiche Macht und seine ewige Herrlichkeit

Nachdem Paulus darum gebetet hat, dass die Gläubigen durch den Heiligen Geist innerlich gestärkt werden, Christus in ihren Herzen wohnt und sie seine unermessliche Liebe immer tiefer erkennen, beendet er sein Gebet mit einem feierlichen Lobpreis. In Vers 20 richtet er den Blick auf den Gott, der „weit mehr zu tun vermag, als wir bitten oder verstehen“. Diese Worte bilden nicht nur einen schönen Abschluss seines Gebets. Sie geben zugleich die Antwort auf eine Frage, die sich aus seinen vorherigen Bitten ergibt: Wie kann Gott Menschen, die in ihrer Erkenntnis, ihrem Glauben und ihrer Liebe noch unvollkommen sind, zu einer so tiefen Gemeinschaft mit Christus führen? Paulus beantwortet diese Frage, indem er auf die Größe der göttlichen Macht verweist. Was menschliche Möglichkeiten übersteigt, liegt nicht außerhalb dessen, was Gott bewirken kann.

Besonders eindrucksvoll ist die Steigerung innerhalb seiner Formulierung. Paulus sagt nicht lediglich, dass Gott unsere Gebete erhören kann. Er erklärt, dass Gottes Möglichkeiten weit über alles hinausreichen, was Menschen von ihm erbitten oder mit ihrem Verstand erfassen können. Das griechische Wort hyperekperissou verstärkt diesen Gedanken besonders nachdrücklich und beschreibt ein Übermaß, das gewöhnliche Vorstellungen von Größe übertrifft. Paulus will damit ausdrücken, dass die göttliche Macht nicht an den Grenzen menschlicher Erwartungen endet. Selbst wenn ein Mensch seine größten Hoffnungen und tiefsten Wünsche in Worte fassen könnte, wären damit Gottes Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft. Seine Macht ist nicht lediglich etwas größer als die des Menschen, sondern steht in keinem vergleichbaren Verhältnis zu dessen begrenzten Fähigkeiten.

Dabei ist es wichtig, auf den unmittelbaren Zusammenhang zu achten. Paulus spricht hier nicht allgemein über die Erfüllung beliebiger menschlicher Wünsche. In seinem vorausgehenden Gebet ging es um die Stärkung des inneren Menschen, die Gegenwart Christi, das Verständnis seiner Liebe und die Erfüllung mit der Fülle Gottes. Gerade angesichts dieser gewaltigen geistlichen Ziele bekennt Paulus nun, dass Gott mehr tun kann, als Menschen zu erbitten oder zu verstehen vermögen. Der Vers enthält deshalb keine uneingeschränkte Zusage, dass Gott jeden Wunsch erfüllen oder jedem Gläubigen materiellen Wohlstand, Gesundheit und ein sorgenfreies Leben schenken werde. Eine solche Deutung würde den Zusammenhang des Gebets verlassen. Paulus richtet das Vertrauen seiner Leser vielmehr auf Gottes Fähigkeit, seinen guten Willen zu verwirklichen und sie weit über ihre gegenwärtigen geistlichen Möglichkeiten hinaus zu verändern.

Diese Unterscheidung wird auch durch andere Aussagen der Bibel bestätigt. In 1. Johannes 5,14 wird die Zuversicht im Gebet ausdrücklich damit verbunden, dass wir nach Gottes Willen bitten. Jesus selbst lehrte seine Jünger, den Vater darum zu bitten, dass sein Wille geschehe (Matthäus 6,10). Und in seinem eigenen Gebet vor der Kreuzigung unterstellte Jesus seinen menschlichen Wunsch, vom bevorstehenden Leiden verschont zu bleiben, ausdrücklich dem Willen des Vaters (Lukas 22,42). Gottes unbegrenzte Macht bedeutet demnach nicht, dass der Mensch durch sein Gebet über Gott verfügen könnte. Vielmehr darf er sich darauf verlassen, dass Gott weder an menschlicher Schwachheit noch an der Begrenztheit menschlicher Vorstellungen scheitert. Seine Weisheit entscheidet, wie und auf welche Weise seine Macht zum Heil seiner Kinder wirksam wird.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus nicht nur davon spricht, was Gott irgendwann in der Zukunft tun könnte. Er fügt hinzu, dass diese Macht „nach der Kraft, die in uns wirkt“, tätig ist. Das griechische Verb steht hier in einer Form, die ein gegenwärtiges Wirken beschreibt. Gottes Kraft ist somit nicht bloß eine ferne Möglichkeit, die vielleicht eines Tages sichtbar werden könnte. Sie ist bereits im Leben der Gläubigen wirksam. Diese Aussage greift unmittelbar auf Vers 16 zurück, wo Paulus darum gebetet hatte, dass der Heilige Geist den inneren Menschen stärken möge. Der Gott, dessen Möglichkeiten jede menschliche Vorstellung übersteigen, wirkt durch seinen Geist in den Herzen derjenigen, die zu Christus gehören.

Bereits im ersten Kapitel hatte Paulus diesen Zusammenhang ausführlich erklärt. In Epheser 1,19–20 spricht er von der überwältigenden Größe der göttlichen Kraft an den Gläubigen und verbindet sie mit jener Macht, durch die Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Damit erhält die Aussage in Epheser 3,20 eine besondere Tiefe. Paulus spricht nicht von einer unbestimmten religiösen Energie oder einer Kraft, die der Mensch nach Belieben für eigene Zwecke einsetzen könnte. Gemeint ist Gottes wirksame Macht, die sich in der Auferweckung Christi offenbart hat und nun auch im Leben seiner Kinder tätig ist. Dieselbe göttliche Macht, die Christus aus dem Tod auferweckt hat, vermag Menschen innerlich zu erneuern und sie in ihrer Gemeinschaft mit ihm zu stärken. Das bedeutet nicht, dass jeder Gläubige bereits alle Auswirkungen der zukünftigen Auferstehung erfahren hätte. Es bedeutet vielmehr, dass die geistliche Erneuerung schon jetzt aus jener göttlichen Macht hervorgeht, die ihre entscheidende Offenbarung in Christi Auferstehung gefunden hat.

Gerade für die ursprünglichen Leser war diese Gewissheit von großer Bedeutung. Paulus hatte zuvor von seiner Gefangenschaft und seinen Bedrängnissen gesprochen. Seine äußeren Lebensumstände konnten den Eindruck vermitteln, dass menschliche Mächte stärker seien als die Verkündigung des Evangeliums. Doch nun richtet er ihren Blick auf eine andere Wirklichkeit. Gottes Macht lässt sich nicht allein daran beurteilen, ob seine Diener äußere Schwierigkeiten vermeiden können. Sie zeigt sich auch darin, dass Menschen trotz Widerstandes im Glauben bewahrt, durch den Heiligen Geist gestärkt und in ihrem Charakter verändert werden. Paulus selbst war dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Seine Gefangenschaft hatte seinen Dienst eingeschränkt, aber sie hatte weder seine Gemeinschaft mit Christus zerstört noch seine Zuversicht auf Gottes Verheißungen aufgehoben. Gerade aus dieser Situation heraus konnte er bezeugen, dass Gottes Kraft weit über menschliche Möglichkeiten hinausreicht.

Die Worte „die in uns wirkt“ machen zugleich deutlich, dass Paulus nicht ausschließlich an seine eigene geistliche Erfahrung denkt. Er schließt sich mit seinen Lesern zusammen. Die göttliche Kraft ist nicht allein den Aposteln, Propheten oder besonders angesehenen Glaubenszeugen vorbehalten. Sie wirkt in der Gemeinschaft der Gläubigen. Schon in Epheser 2,8–10 hatte Paulus erklärt, dass die Erlösung aus Gnade geschieht und dass die Geretteten Gottes Werk sind, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken. Nun wird verständlich, wodurch ein solches neues Leben möglich wird. Gott rettet den Menschen nicht nur aus Gnade, um ihn anschließend vollständig seiner eigenen Kraft zu überlassen. Er wirkt weiterhin in ihm, damit die empfangene Erlösung sein Denken, seine Entscheidungen und sein Handeln verändert. Eine verwandte Aussage findet sich in Philipper 2,12–13, wo Paulus die Gläubigen zu einem verantwortlichen Glaubensleben auffordert und zugleich erklärt, dass Gott in ihnen sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt.

Damit werden zwei gegensätzliche Missverständnisse ausgeschlossen. Einerseits kann der Mensch geistliches Wachstum nicht unabhängig von Gott hervorbringen, als genüge es, sich nur genügend anzustrengen. Andererseits bedeutet das Wirken der göttlichen Kraft nicht, dass der Gläubige untätig bleiben und keinerlei Verantwortung für sein Leben übernehmen müsste. Gottes Geist stärkt den Menschen gerade dazu, im Glauben zu wachsen, der Sünde zu widerstehen und in Liebe zu handeln. Diese Verbindung zwischen göttlichem Wirken und menschlicher Antwort wird Paulus in den folgenden Kapiteln weiter entfalten, wenn er die Gläubigen zu einem Leben auffordert, das ihrer Berufung entspricht. Die Kraft dazu entspringt jedoch nicht ihrer natürlichen Stärke, sondern der wirksamen Gegenwart Gottes.

In Vers 21 geht Paulus schließlich von der Betrachtung der göttlichen Macht zur Anbetung über: „ihm sei die Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus“. Damit erreicht sein Gebet seinen eigentlichen Abschluss. Nachdem er beschrieben hat, was Gott für die Gläubigen getan hat und weiterhin in ihnen bewirken kann, richtet er alle Ehre auf Gott selbst. Das griechische Wort doxa, das hier mit „Ehre“ wiedergegeben wird, kann auch Herrlichkeit bezeichnen. Paulus spricht damit von der Anerkennung und Verherrlichung Gottes, dessen Wesen und Handeln allen Lobpreis verdienen. Der Mensch soll angesichts des Erlösungsplans nicht seine eigene religiöse Bedeutung bewundern, sondern den Gott verherrlichen, von dem alle Gnade, Erkenntnis und geistliche Kraft ausgehen.

Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus die Gemeinde ausdrücklich in diesen Lobpreis einbezieht. In Vers 10 hatte er erklärt, dass durch die Gemeinde Gottes vielfältige Weisheit den himmlischen Mächten bekannt gemacht wird. Nun beschreibt er sie als den Ort, an dem Gott verherrlicht werden soll. Zwischen beiden Aussagen besteht ein enger Zusammenhang. Die Gemeinde empfängt Gottes Gnade nicht allein zu ihrem eigenen Nutzen. Sie ist dazu berufen, durch ihre Existenz, ihre Gemeinschaft und ihre Anbetung auf den Gott hinzuweisen, der sie erlöst hat. Wo Menschen durch Christus versöhnt werden, einander in Liebe begegnen und gemeinsam Gottes Namen ehren, wird sichtbar, was seine Gnade bewirken kann. Die Gemeinde besitzt ihre Bedeutung deshalb nicht unabhängig von Christus, sondern gerade als Gemeinschaft derjenigen, die durch ihn zu Gott gehören.

Die Verbindung „in der Gemeinde und in Christus Jesus“ darf dabei nicht so verstanden werden, als stünden die Gemeinde und Christus auf derselben Ebene oder besäßen eine voneinander unabhängige Herrlichkeit. Jesus Christus ist der Erlöser und das Haupt seiner Gemeinde (Epheser 1,22–23). Ohne ihn gäbe es diese neue Gemeinschaft überhaupt nicht. Wenn Gott in der Gemeinde verherrlicht wird, geschieht dies deshalb nicht aufgrund einer besonderen Größe, die Menschen aus sich selbst heraus besitzen. Seine Herrlichkeit wird vielmehr dadurch sichtbar, dass Christus sein rettendes Werk an ihnen vollbringt. Die Gemeinde ist der Bereich, in dem Gottes Gnade erkannt und gepriesen werden soll; Christus ist derjenige, durch den diese Gemeinschaft entstanden ist und in dem sie ihre geistliche Grundlage besitzt.

Diese Aussage erinnert zugleich an die Worte Jesu in Johannes 15,8. Dort erklärt er, dass der Vater dadurch verherrlicht wird, dass seine Jünger viel Frucht bringen und sich als seine Nachfolger erweisen. Die Frucht entsteht allerdings nicht aus menschlicher Unabhängigkeit. Unmittelbar zuvor hatte Jesus seinen Jüngern erklärt, dass sie nur dann Frucht bringen können, wenn sie in ihm bleiben, so wie eine Rebe nur in Verbindung mit dem Weinstock lebendig und fruchtbar bleibt (Johannes 15,4–5). Dieser Zusammenhang ergänzt den Gedanken des Paulus. Gottes Ehre wird im Leben der Gläubigen sichtbar, wenn sie mit Christus verbunden bleiben und sein Wirken ihren Charakter und ihre Handlungen prägt. Die Frucht ihres Lebens soll letztlich nicht die Bewunderung auf sie selbst lenken, sondern auf den Vater, der durch seinen Sohn in ihnen wirkt.

Damit wird auch verständlich, weshalb die Einheit der Gemeinde für Paulus eine so große Bedeutung besitzt. Eine Gemeinschaft, in der Menschen ihre eigene Überlegenheit suchen, gegeneinander kämpfen oder sich aufgrund ihrer Herkunft verachten, widerspricht dem göttlichen Heilsplan, den Paulus zuvor beschrieben hat. Gottes Absicht besteht darin, Menschen durch Christus miteinander zu versöhnen und sie zu einem einzigen Leib zusammenzufügen. Deshalb gehört es zur Verherrlichung Gottes, dass diese versöhnende Kraft im Zusammenleben der Gläubigen erkennbar wird. Bereits in Epheser 2,21–22 hatte Paulus die Gemeinde als einen heiligen Tempel beschrieben, der im Herrn wächst und zu einer Wohnung Gottes durch den Geist aufgebaut wird. Die Gemeinde soll somit nicht nur mit ihren Worten von Gottes Herrlichkeit sprechen. Ihr gemeinsames Leben soll dem entsprechen, was sie über Christus bekennt.

Am Ende des Verses erweitert Paulus seinen Lobpreis über die Grenzen der gegenwärtigen Zeit hinaus. Gott soll die Ehre gehören „auf alle Geschlechter der Ewigkeit der Ewigkeiten“. Diese außergewöhnlich umfassende Zeitformulierung verbindet die Abfolge der Generationen mit dem Gedanken der Ewigkeit. Paulus beschreibt damit keine begrenzte Zeitspanne, nach deren Ablauf Gottes Herrlichkeit enden würde. Vielmehr bringt er zum Ausdruck, dass Gott durch alle kommenden Generationen und für immer verherrlicht werden soll. Seine Würde und Herrlichkeit sind nicht an eine bestimmte Epoche gebunden. Menschliche Reiche entstehen und vergehen, gesellschaftliche Verhältnisse verändern sich, und Generationen lösen einander ab. Gott dagegen bleibt derselbe. Sein Wesen und seine Herrlichkeit sind nicht den Veränderungen der Geschichte unterworfen.

Diese ewige Perspektive steht in einem bedeutsamen Zusammenhang mit dem gesamten bisherigen Gedankengang. Paulus hatte in Epheser 1,9–10 von Gottes Vorsatz gesprochen, alles in Christus zusammenzufassen. In Epheser 3,11 erklärte er, dass dieser Heilsplan in Gottes ewigem Ratschluss verwurzelt ist. Nun endet der erste große Teil des Briefes mit einem Lobpreis, der ebenfalls bis in die Ewigkeit reicht. Gottes Absicht beginnt nicht erst mit den begrenzten Möglichkeiten des Menschen und endet nicht mit seiner gegenwärtigen Lebenszeit. Der Erlösungsplan steht innerhalb eines göttlichen Handelns, dessen Ursprung über die menschliche Geschichte hinausreicht und dessen Ziel die dauerhafte Verherrlichung Gottes ist.

Auch die Offenbarung des Johannes beschreibt eine Zukunft, in der Gott und das Lamm für ihre Herrlichkeit und ihr Erlösungswerk gepriesen werden. In Offenbarung 5,9–13 wird das Lamm dafür angebetet, dass es durch sein Blut Menschen aus allen Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen für Gott erkauft hat. Diese Aussage steht in einer starken inhaltlichen Verbindung zu Epheser 3. Was Paulus als die Vereinigung der Völker in Christus erklärt, erscheint dort als Gegenstand himmlischer Anbetung. Gottes Erlösungswerk führt Menschen unterschiedlichster Herkunft zu einer gemeinsamen Hoffnung und zu einem Lobpreis, dessen Mittelpunkt nicht ihre eigene Leistung, sondern der Erlöser ist. Während Epheser 3 die Bedeutung dieser Gemeinschaft und den gegenwärtigen Lobpreis betont, eröffnet die Offenbarung den Blick auf die zukünftige Vollendung des göttlichen Heilsplans.

Mit dem abschließenden „Amen“ bestätigt Paulus seinen Lobpreis. Das aus dem Hebräischen übernommene Wort bringt Zustimmung, Bekräftigung und Gewissheit zum Ausdruck. Es steht nicht lediglich als gewohnheitsmäßige Schlussformel am Ende eines Gebets. Vielmehr unterstreicht es, dass die ausgesprochene Verherrlichung Gottes von Herzen bejaht wird. Nachdem Paulus die Größe des göttlichen Erlösungsplans entfaltet, um innere Stärke gebetet und auf Gottes unbegrenzte Macht hingewiesen hat, findet seine Betrachtung ihren angemessenen Abschluss in der Anbetung. Gottes Weisheit soll nicht nur verstanden, seine Liebe nicht nur erkannt und seine Macht nicht nur erfahren werden. All dies soll dazu führen, dass Gott selbst die Ehre empfängt, die ihm gebührt.

So bilden die letzten beiden Verse einen würdigen Abschluss des dritten Kapitels und zugleich des ersten großen Abschnitts des Epheserbriefes. Paulus hat seinen Lesern erklärt, welchen Reichtum sie in Christus empfangen haben, wie Gott Menschen aus allen Völkern zu einem Leib vereint und welche geistliche Fülle ihnen durch das Wirken des Heiligen Geistes offensteht. Am Ende richtet er ihre Aufmerksamkeit jedoch nicht auf die Größe ihrer eigenen Berufung, sondern auf den Gott, der sie berufen hat. Die Gewissheit des Glaubens gründet sich nicht darauf, wie viel der Mensch aus eigener Kraft erreichen kann, sondern darauf, wie mächtig, weise und treu der Gott ist, der in ihm wirkt.

Damit ist zugleich der Übergang zum weiteren Verlauf des Briefes vorbereitet. In den ersten drei Kapiteln hat Paulus vor allem beschrieben, was Gott durch Jesus Christus getan hat und welche neue Stellung die Gläubigen durch seine Gnade besitzen. Ab Kapitel 4 wird er ausführlich erklären, wie Menschen leben sollen, die eine solche Berufung empfangen haben. Die Aufforderungen zu Einheit, Liebe, Heiligkeit und geistlicher Standhaftigkeit stehen deshalb nicht am Anfang des christlichen Lebens, als müssten Menschen sich dadurch Gottes Annahme verdienen. Sie erwachsen aus der Gnade, durch die Christus sie bereits zu seinem Volk gemacht hat. Was Gott den Gläubigen schenkt und was er durch seinen Geist in ihnen wirkt, bildet die Grundlage dafür, dass ihr Leben zu seiner Ehre gestaltet werden kann.

Geistliche Kernbotschaft

Die zentrale Botschaft von Epheser 3 besteht darin, dass Gottes Erlösungsplan weit größer ist als alles, was Menschen aus eigener Erkenntnis hätten entdecken oder aus eigener Kraft verwirklichen können. Was lange verborgen war, hat Gott durch Jesus Christus offenbar gemacht. Sein Ziel besteht nicht lediglich darin, einzelne Menschen von ihrer Schuld zu befreien, sondern sie mit sich selbst zu versöhnen und aus ihnen eine neue Gemeinschaft zu schaffen. Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit oder ihrer religiösen Stellung voneinander getrennt waren, dürfen durch Christus gemeinsam zu Gottes Volk gehören. Die Gnade Gottes überwindet damit Grenzen, die Menschen aus eigener Kraft nicht vollständig beseitigen könnten. Der Mittelpunkt dieser neuen Gemeinschaft ist weder eine gemeinsame Abstammung noch eine menschliche Organisation, sondern Jesus Christus selbst.

Darin offenbart sich zugleich ein wesentlicher Zug des göttlichen Wesens. Gott handelt nicht willkürlich, sondern nach einem Ratschluss, dessen Mittelpunkt seine Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit bilden. Die Erlösung ist kein nachträglicher Versuch, eine unerwartete Schwierigkeit zu lösen. Sie steht innerhalb eines göttlichen Vorhabens, das in Christus seine Erfüllung findet. Besonders bemerkenswert ist, dass Gott seine Weisheit nicht ausschließlich durch mächtige Zeichen oder außergewöhnliche Ereignisse offenbart. Er macht sie auch durch Menschen sichtbar, deren Leben von seiner Gnade verändert wird. Die Gemeinde besitzt deshalb eine Bedeutung, die weit über ihre irdische Erscheinungsform hinausgeht. Wo Menschen durch Christus Versöhnung erfahren und lernen, in Liebe miteinander zu leben, wird etwas von Gottes Wesen erkennbar. Seine Weisheit zeigt sich darin, dass er aus Menschen, die von Sünde und Trennung geprägt waren, eine Gemeinschaft schaffen kann, die seine Herrlichkeit widerspiegeln soll.

Gleichzeitig macht das Kapitel deutlich, dass die Zugehörigkeit zu Christus nicht allein eine äußere religiöse Stellung ist. Paulus begnügt sich nicht mit der Gewissheit, dass seine Leser Gottes Verheißungen empfangen haben und zu seiner Gemeinde gehören. Er bittet darum, dass Gottes Geist ihr Innerstes stärkt und Christus ihr Leben dauerhaft prägt. Damit gehören Erlösung und geistliche Erneuerung untrennbar zusammen. Gottes Gnade nimmt den Menschen an, doch sie lässt ihn nicht unverändert. Sie führt ihn in eine Gemeinschaft mit Christus, in der sein Denken, seine Überzeugungen, seine Wünsche und sein Handeln zunehmend erneuert werden. Diese Veränderung entsteht nicht dadurch, dass der Mensch sich aus eigener Kraft zu einem besseren Wesen macht. Sie ist das Werk Gottes, auf das der Gläubige im Vertrauen antwortet.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Liebe Christi. Paulus stellt sie nicht als eine Wahrheit dar, die lediglich verstanden und anschließend als bekannt vorausgesetzt werden könnte. Er bittet darum, dass die Gläubigen immer tiefer in ihre Größe hineinwachsen. Diese Liebe ist durch das Erlösungswerk Jesu Christi offenbar geworden, doch sie übersteigt jede vollständige menschliche Erkenntnis. Darin liegt eine wichtige geistliche Spannung: Der Mensch kann Gottes Liebe wirklich kennenlernen, ohne jemals alles über sie zu wissen. Geistliches Wachstum bedeutet deshalb nicht, eines Tages einen Zustand zu erreichen, in dem es nichts mehr über Christus zu entdecken gäbe. Je tiefer die Gemeinschaft mit ihm wird, desto deutlicher erkennt der Gläubige sowohl die Größe seiner Gnade als auch seine eigene bleibende Abhängigkeit von Gott.

Diese Erkenntnis soll nicht nur das persönliche Glaubensleben bereichern, sondern die Beziehungen zwischen Menschen verändern. Wer sich selbst als einen Menschen erkennt, der allein aus Gnade angenommen wurde, verliert den Grund, sich aufgrund seiner Herkunft, seiner Vergangenheit oder seiner geistlichen Erkenntnis über andere zu erheben. Die Liebe Christi wird zum Maßstab für den Umgang mit den Mitmenschen. Sie fordert dazu heraus, Vergebung nicht nur zu empfangen, sondern selbst zur Vergebung bereit zu sein, andere nicht nach menschlichen Rangordnungen zu beurteilen und die Einheit der Gemeinde nicht durch Stolz oder Selbstsucht zu gefährden. Dabei besteht christliche Liebe nicht darin, Wahrheit oder Gerechtigkeit aufzugeben. Vielmehr soll sie den Charakter dessen widerspiegeln, der Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in vollkommener Weise miteinander verbindet.

Über allem steht schließlich die Gewissheit, dass Gottes Möglichkeiten die Grenzen menschlichen Denkens und Handelns übersteigen. Paulus fordert die Gläubigen nicht auf, ihre Zuversicht aus der eigenen Stärke oder aus besonders günstigen Lebensumständen zu gewinnen. Er verweist auf den Gott, dessen Kraft bereits in ihnen wirkt und der weit mehr tun kann, als Menschen erbitten oder verstehen. Diese Hoffnung ist keine Zusage eines leidfreien Lebens. Paulus selbst befand sich in Gefangenschaft. Sie bedeutet vielmehr, dass Gottes Wirken nicht dort endet, wo menschliche Möglichkeiten erschöpft sind. Er kann Glauben stärken, Herzen verändern, Versöhnung ermöglichen und sein Werk auch unter schwierigen Umständen weiterführen.

So führt Epheser 3 zu einer grundlegenden Erkenntnis: Gottes Gnade schenkt nicht nur Vergebung für die Vergangenheit, sondern eröffnet ein neues Leben in Christus, dessen Ziel die Verherrlichung Gottes ist. Der Mensch wird eingeladen, aus dieser Gnade zu leben, durch den Heiligen Geist gestärkt zu werden und die Liebe Christi immer tiefer zu erkennen. Je mehr Gottes Gegenwart sein Leben prägt, desto deutlicher kann sichtbar werden, was der Schöpfer und Erlöser durch seine Macht und Liebe bewirken möchte.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Botschaft von Epheser 3 lässt sich besonders gut verstehen, wenn man sie im Zusammenhang mit den Verheißungen betrachtet, die Gott bereits im Alten Testament gegeben hatte. Als Gott Abraham berief, versprach er ihm nicht nur eine große Nachkommenschaft, sondern kündigte ausdrücklich an, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Diese Verheißung machte von Anfang an deutlich, dass Gottes Absicht über die Grenzen einer einzigen Familie oder eines einzelnen Volkes hinausreichte. In Galater 3,8 greift Paulus diese Aussage auf und verbindet sie mit der Verkündigung des Evangeliums an die Völker. Wenige Verse später erklärt er, dass diejenigen, die Christus angehören, Abrahams Nachkommen und Erben nach der Verheißung sind (Galater 3,26–29). Damit wird verständlich, weshalb Paulus in Epheser 3,6 die Gleichstellung von Juden und Nichtjuden als wesentlichen Inhalt des offenbarten Geheimnisses bezeichnet. Die früher gegebene Verheißung wird in Christus nicht aufgegeben, sondern in ihrer weitreichenden Bedeutung sichtbar.

Auch die Propheten hatten angekündigt, dass Gottes Heil die Völker erreichen würde. In Jesaja 49,6 wird dem Knecht des Herrn die Aufgabe zugesprochen, ein Licht für die Heiden zu sein, damit Gottes Heil bis an die Enden der Erde gelange. Jesaja 56,6–7 beschreibt darüber hinaus Menschen aus fremden Völkern, die sich dem Herrn anschließen und in seinem Haus willkommen sind. Diese prophetischen Aussagen zeigen, dass die Aufnahme der Völker keine überraschende Abkehr von Gottes früherem Handeln darstellt. Allerdings erklärt Epheser 3 etwas, das in den alttestamentlichen Verheißungen noch nicht mit derselben Deutlichkeit entfaltet worden war: Durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus sollen gläubige Juden und Nichtjuden gemeinsam einen Leib bilden. Der Unterschied liegt somit nicht zwischen einem Gott, der früher ausschließlich Israel retten wollte, und einem Gott, der später plötzlich alle Menschen einbezog. Vielmehr wird derselbe göttliche Heilsratschluss im Verlauf der Heilsgeschichte immer umfassender offenbart.

Eine geschichtliche Entsprechung findet sich in der Apostelgeschichte. Als Petrus dem römischen Hauptmann Kornelius begegnete, musste er erkennen, dass Gott Menschen nicht aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit von vornherein ausschließt. Während Petrus das Evangelium verkündigte, empfingen auch die nichtjüdischen Zuhörer den Heiligen Geist (Apostelgeschichte 10,34–48). Dieses Ereignis hatte weitreichende Folgen für das Verständnis der frühen Gemeinde. In Apostelgeschichte 15,7–11 erinnert Petrus später daran, dass Gott keinen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen gemacht hatte, sondern ihre Herzen durch den Glauben reinigte. Diese Ereignisse zeigen, wie die Wahrheit, die Paulus in Epheser 3 erklärt, im Leben der ersten Christen konkrete Gestalt annahm. Die Einheit der Gemeinde war nicht lediglich eine neue religiöse Idee. Sie musste gegen tief verwurzelte Vorurteile erkannt, angenommen und gelebt werden.

Römer 11,17–24 ergänzt diese Wahrheit um eine wichtige Warnung. Paulus vergleicht dort Gottes Volk mit einem Ölbaum und beschreibt, wie Menschen aus den Völkern als Zweige eingepfropft werden und Anteil an seiner Wurzel und seinem Saft erhalten. Zugleich warnt er ausdrücklich davor, sich gegenüber den natürlichen Zweigen zu überheben. Diese Verbindung schützt Epheser 3 vor einer falschen Schlussfolgerung: Die volle Aufnahme der Nichtjuden bedeutet nicht, dass sie nun einen Anlass hätten, sich über Israel zu erheben oder dessen Geschichte zu verachten. Beide Texte stellen vielmehr Gottes Gnade in den Mittelpunkt. Niemand kann sich seine Stellung vor Gott durch Abstammung, Herkunft oder eigene Verdienste sichern. Die Erlösung geschieht durch den Glauben an Christus, und gerade deshalb bleibt menschlicher Stolz ausgeschlossen.

Eine weitere wichtige Verbindung besteht zum Gebet Jesu in Johannes 17,20–23. Dort bittet Jesus nicht nur für seine damaligen Jünger, sondern auch für diejenigen, die durch ihr Wort später an ihn glauben werden. Sein Anliegen ist, dass sie eins seien und die Welt dadurch erkenne, dass der Vater ihn gesandt hat. Die Einheit der Gläubigen besitzt somit eine Bedeutung für ihr Zeugnis vor der Welt. Epheser 3 erweitert diese Perspektive, indem Paulus erklärt, dass Gottes Weisheit durch die Gemeinde sogar den himmlischen Mächten bekannt gemacht wird. Beide Texte verbinden die Gemeinschaft der Gläubigen mit der Offenbarung des göttlichen Handelns. Dabei entsteht wahre Einheit nicht allein durch menschliche Übereinkunft, sondern durch die gemeinsame Verbindung mit Christus und dem Vater. Sie darf deshalb auch nicht mit äußerlicher Gleichförmigkeit verwechselt werden. In 1. Korinther 12,12–27 beschreibt Paulus die Gemeinde als einen Leib mit vielen verschiedenen Gliedern, die trotz ihrer unterschiedlichen Aufgaben zusammengehören und füreinander Verantwortung tragen.

Besonders aufschlussreich ist außerdem die Verbindung zwischen Epheser 3,16–17 und Römer 8,9–16. In beiden Abschnitten beschreibt Paulus das neue Leben der Gläubigen als eine Wirklichkeit, die durch den Heiligen Geist geprägt wird. Der Geist Gottes wohnt in ihnen, sie gehören Christus an, und durch den Geist dürfen sie Gott als Vater anrufen. Galater 4,6 fügt hinzu, dass Gott den Geist seines Sohnes in die Herzen seiner Kinder gesandt hat, der „Abba, Vater“ ruft. Zusammen zeigen diese Bibelstellen, dass die Erlösung nicht lediglich eine äußerliche Veränderung der rechtlichen Stellung des Menschen umfasst. Gott führt seine Kinder in eine lebendige Beziehung zu sich selbst. Diese Gemeinschaft wird durch den Geist ermöglicht und erhält in der Gegenwart Christi ihre Mitte. Dabei bleibt die Unterscheidung zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist bestehen, auch wenn ihr Handeln im Erlösungswerk eng miteinander verbunden ist.

Das Gebet um innere Stärke lässt sich außerdem mit Jesu Worten über den Weinstock und die Reben verbinden (Johannes 15,4–5). Jesus erklärt dort, dass seine Nachfolger nur dann geistliche Frucht bringen können, wenn sie in ihm bleiben. Eine Rebe kann aus sich selbst keine Frucht hervorbringen, sobald sie vom Weinstock getrennt ist. Ebenso kann der Mensch das Leben, zu dem Christus ihn berufen hat, nicht unabhängig von seiner beständigen Gemeinschaft mit dem Erlöser verwirklichen. Dieser Vergleich vertieft das Anliegen von Epheser 3,17: Christus soll durch den Glauben im Herzen wohnen, damit der Mensch in seiner Liebe gegründet und verwurzelt ist. Auch die Worte Jesu in Johannes 14,23 gehören in diesen Zusammenhang. Dort verbindet er die Liebe zu ihm und das Bewahren seines Wortes mit der Verheißung, dass der Vater und der Sohn bei dem Glaubenden Wohnung machen werden. Gottes Gegenwart und ein Leben nach seinem Wort stehen somit nicht gegeneinander. Die Gemeinschaft mit Christus soll gerade dazu führen, dass sein Wille im Leben der Gläubigen zunehmend Gestalt gewinnt.

Für die Liebe Christi bildet 1. Johannes 4,9–12 eine besonders wertvolle Ergänzung. Johannes erklärt, dass Gott seine Liebe dadurch offenbar gemacht hat, dass er seinen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch ihn leben sollen. Diese Liebe geht der menschlichen Antwort voraus. Nicht der Mensch hat Gott zuerst geliebt, sondern Gott hat aus Liebe den Weg zur Versöhnung eröffnet. Daraus zieht Johannes eine praktische Konsequenz: Wer von Gott so geliebt wurde, soll auch seine Mitmenschen lieben. Die göttliche Liebe wird dadurch nicht zu einer bloßen moralischen Forderung. Sie ist zuerst eine empfangene Gabe, aus der eine neue Haltung gegenüber anderen Menschen erwächst. Genau dieser Zusammenhang hilft, das Gebet in Epheser 3,18–19 zu verstehen. Die Gläubigen sollen die Liebe Christi nicht nur bewundern, sondern von ihr so geprägt werden, dass ihr Leben etwas von dieser Liebe erkennen lässt.

Schließlich eröffnet die Offenbarung des Johannes einen Blick auf die zukünftige Vollendung der Gemeinschaft, die Paulus beschreibt. In Offenbarung 5,9–10 wird das Lamm dafür gepriesen, dass es durch sein Blut Menschen aus allen Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen für Gott erkauft hat. Offenbarung 7,9–10 zeigt eine große Schar aus allen Nationen, die gemeinsam vor dem Thron Gottes und vor dem Lamm steht. Diese Texte sind keine direkten Zitate aus Epheser 3, besitzen jedoch eine starke inhaltliche Verbindung zu seiner Botschaft. Der Erlöser, der Menschen unterschiedlichster Herkunft zu einem Leib zusammenführt, steht auch im Mittelpunkt ihrer zukünftigen Anbetung. Was in der gegenwärtigen Gemeinde noch durch menschliche Schwachheit und Unvollkommenheit beeinträchtigt wird, erscheint in der Offenbarung im Licht der vollendeten Erlösung. So verbindet sich Gottes gegenwärtiges Wirken unter den Gläubigen mit der Hoffnung auf eine Zukunft, in der seine Herrlichkeit uneingeschränkt anerkannt wird.

Wichtige Lektionen

Eine der wichtigsten praktischen Lehren aus Epheser 3 besteht darin, dass der Mensch seine eigene Stellung vor Gott im Licht der Gnade betrachten soll. Paulus war sich seiner Vergangenheit bewusst und wusste, dass er seinen Dienst nicht verdient hatte. Dennoch ließ er sich durch diese Vergangenheit nicht davon abhalten, die Aufgabe zu erfüllen, zu der Christus ihn berufen hatte. Darin liegt eine Ermutigung für Menschen, die unter früheren Fehlern leiden oder glauben, für einen sinnvollen Dienst vor Gott nicht geeignet zu sein. Die Vergangenheit darf weder verharmlost noch zum endgültigen Maßstab für das ganze weitere Leben gemacht werden. Wo Gott Schuld vergibt und einen Menschen erneuert, eröffnet seine Gnade auch neue Möglichkeiten des Dienstes. Entscheidend ist nicht, ob jemand aus sich selbst heraus besonders würdig erscheint, sondern ob er sich Christus anvertraut und bereit ist, seiner Führung zu folgen.

Gleichzeitig warnt das Kapitel vor geistlichem Stolz. Wer verstanden hat, dass die Erlösung allein auf Gottes Gnade beruht, kann seine Herkunft, seine Erkenntnis oder seine Aufgabe innerhalb der Gemeinde nicht als Begründung persönlicher Überlegenheit verwenden. Das betrifft nicht nur die großen Unterschiede zwischen Völkern und Kulturen, sondern auch den täglichen Umgang mit anderen Christen. Ein Mensch kann über umfangreiches Bibelwissen verfügen und dennoch Schwierigkeiten haben, andere geduldig anzuhören oder ihre Würde zu achten. Ebenso kann langjährige Gemeindezugehörigkeit dazu verleiten, Menschen mit einer anderen Lebensgeschichte vorschnell zu beurteilen. Die Gleichstellung der Gläubigen in Christus fordert deshalb dazu auf, die eigenen Vorurteile ehrlich zu prüfen. Wer einem Menschen begegnet, sollte nicht zuerst fragen, welchen gesellschaftlichen Rang, welche Herkunft oder welche Vergangenheit er besitzt, sondern ihn als jemanden betrachten, dem Gottes Einladung zur Erlösung ebenso gilt wie ihm selbst.

Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit Verantwortung und geistlichen Aufgaben. Paulus betrachtete seinen Dienst als eine anvertraute Gnade. Daraus ergibt sich ein Maßstab für jeden Menschen, der innerhalb der Gemeinde Verantwortung trägt. Geistlicher Dienst soll nicht dazu dienen, persönliche Anerkennung zu gewinnen oder Macht über andere auszuüben. Er ist seinem Wesen nach ein Dienst an Menschen und an der Botschaft Gottes. Wer lehrt, predigt, ermutigt oder auf andere Weise Verantwortung übernimmt, ist dazu berufen, auf Christus hinzuweisen und nicht die eigene Person in den Mittelpunkt zu stellen. Diese Haltung bewahrt sowohl vor Überheblichkeit als auch vor übermäßiger Selbstbezogenheit. Der Diener Gottes muss weder seine eigene Größe beweisen noch ständig um seinen persönlichen Wert kämpfen. Er darf seine Fähigkeiten einsetzen und zugleich anerkennen, dass jede bleibende geistliche Frucht von Gottes Wirken abhängt.

Besondere Bedeutung besitzt auch der Umgang mit Schwierigkeiten. Paulus befand sich in Gefangenschaft und bat seine Leser dennoch darum, nicht mutlos zu werden. Daraus folgt nicht, dass Christen Leid suchen oder jede Form von Ungerechtigkeit widerspruchslos hinnehmen müssten. Es bedeutet vielmehr, dass äußere Widerstände nicht automatisch ein Zeichen fehlender göttlicher Führung sind. Ein Mensch kann aufrichtig Gottes Willen tun und trotzdem Ablehnung, Enttäuschung oder Einschränkungen erfahren. In solchen Situationen besteht die Herausforderung darin, Gottes Treue nicht ausschließlich an sichtbaren Erfolgen zu messen. Wo die eigenen Handlungsmöglichkeiten begrenzt sind, bleibt es möglich, Christus zu vertrauen, im Gebet auszuharren und die Verantwortung wahrzunehmen, die unter den gegebenen Umständen tatsächlich besteht. Die Zuversicht des Glaubens ruht nicht darauf, dass alle Hindernisse sofort verschwinden, sondern auf der Gewissheit, dass Gott auch unter schwierigen Bedingungen gegenwärtig ist.

Das Gebet des Paulus fordert außerdem dazu heraus, die eigenen Gebetsanliegen zu überdenken. Häufig stehen verständlicherweise äußere Bedürfnisse im Vordergrund: Gesundheit, Arbeit, finanzielle Sicherheit, familiäre Schwierigkeiten oder wichtige Entscheidungen. Solche Anliegen haben ihren berechtigten Platz vor Gott. Paulus zeigt jedoch, dass der Mensch noch tiefere Bedürfnisse besitzt. Er braucht innere Stärke, eine beständige Gemeinschaft mit Christus, geistliche Erkenntnis und eine Liebe, die seinen Charakter prägt. Deshalb sollte das Gebet nicht ausschließlich darum kreisen, dass Gott bestimmte Umstände verändert. Ebenso wichtig ist die Bitte, dass Gott uns selbst verändert und uns befähigt, innerhalb unserer Lebensumstände nach seinem Willen zu handeln. Wer um Geduld, Wahrhaftigkeit, Vergebungsbereitschaft oder Standhaftigkeit bittet, nimmt ernst, dass geistliches Wachstum eine Wirkung der göttlichen Gnade ist.

Dabei erinnert Epheser 3 daran, dass der Glaube nicht allein aus dem Wissen über Gott besteht. Ein Mensch kann viele biblische Aussagen richtig erklären und dennoch innerlich wenig von ihnen geprägt sein. Paulus betet deshalb um eine Erkenntnis, die das Herz erreicht und das Leben verändert. Das bedeutet nicht, dass gründliches Bibelstudium unwichtig wäre. Gerade durch sein Wort macht Gott seinen Willen und sein Wesen bekannt. Doch die Beschäftigung mit der Bibel soll nicht bei der Ansammlung von Informationen stehen bleiben. Wer von der Liebe Christi liest, ist eingeladen, darüber nachzudenken, was diese Liebe für seine eigenen Einstellungen und Entscheidungen bedeutet. Wo Gottes Wort einen Bereich des Lebens aufdeckt, der von Stolz, Bitterkeit oder Unversöhnlichkeit bestimmt wird, darf der Mensch im Glauben um Veränderung bitten und entsprechende Schritte unternehmen. Geistliche Erkenntnis gewinnt ihre praktische Bedeutung, wenn sie in Vertrauen, Liebe und Gehorsam Gestalt annimmt.

Eine weitere Herausforderung liegt darin, die Einheit der Gemeinde nicht nur als schönes Ideal zu betrachten, sondern bewusst zu fördern. Die Gemeinde besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Begabungen und persönlichen Schwächen. Gerade deshalb kann das Zusammenleben anstrengend sein. Missverständnisse, unterschiedliche Erwartungen und menschliche Fehler lassen sich nicht immer vermeiden. Doch die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus verpflichtet dazu, solche Schwierigkeiten nicht leichtfertig in Feindschaft oder dauerhafte Trennung münden zu lassen. Das kann bedeuten, ein klärendes Gespräch zu suchen, einen eigenen Fehler einzugestehen, um Vergebung zu bitten oder einem anderen Menschen geduldig zuzuhören. Christliche Einheit verlangt dabei nicht, Unrecht zu verschweigen oder notwendige Grenzen aufzugeben. Sie erfordert vielmehr eine Haltung, die Wahrheit und Liebe miteinander verbindet und die Würde des anderen auch in schwierigen Auseinandersetzungen achtet.

Besonders wichtig ist schließlich, die Liebe Christi zum Maßstab des persönlichen Lebens werden zu lassen. Paulus spricht von einer Liebe, deren Größe menschliches Begreifen übersteigt. Diese Wahrheit sollte den Gläubigen nicht nur zum Staunen bringen, sondern auch seine Haltung gegenüber Menschen verändern, die ihm Schwierigkeiten bereiten. Es ist vergleichsweise leicht, freundlich zu denen zu sein, die einem selbst freundlich begegnen. Anspruchsvoller wird die Liebe dort, wo Geduld erforderlich ist, eigene Interessen zurückgestellt werden müssen oder eine Verletzung überwunden werden soll. Die Liebe Christi bedeutet nicht, jedes Verhalten gutzuheißen. Sie sucht jedoch das Gute des anderen und weigert sich, Menschen allein auf ihre Fehler zu reduzieren. Wer sich bewusst macht, wie viel Barmherzigkeit er selbst empfangen hat, findet darin einen wichtigen Grund, auch anderen mit Geduld und Barmherzigkeit zu begegnen.

Über diesen praktischen Herausforderungen steht die Zusage, dass Gottes Macht weit über menschliche Vorstellungen hinausreicht. Deshalb braucht der Gläubige nicht an seinen gegenwärtigen Schwächen zu verzweifeln. Niemand muss behaupten, bereits vollkommen in der Liebe zu sein oder Gottes Willen in jeder Situation vollständig zu erkennen. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich weiterhin von Christus führen und durch seinen Geist erneuern zu lassen. Zugleich darf diese Gewissheit nicht mit der Erwartung verwechselt werden, Gott werde jeden persönlichen Wunsch genau so erfüllen, wie der Mensch ihn sich vorstellt. Vertrauen bedeutet auch, Gottes Weisheit dort anzuerkennen, wo seine Wege anders verlaufen als erhofft.

Epheser 3 lädt damit zu einem Glaubensleben ein, das von Dankbarkeit, Demut, innerer Erneuerung und tätiger Liebe geprägt ist. Der Gläubige soll nicht allein daran interessiert sein, Gottes Segnungen zu empfangen, sondern danach fragen, wie sein Leben zur Ehre Gottes werden kann. Seine Worte, Entscheidungen, Beziehungen und sein Umgang mit Schwierigkeiten bieten täglich Gelegenheit, etwas von der Liebe Christi sichtbar werden zu lassen. Dabei muss er sich nicht auf die Grenzen seiner eigenen Kraft verlassen. Er darf zu dem Gott kommen, der durch seinen Geist in ihm wirkt und dessen Möglichkeiten größer sind als sein menschliches Begreifen.

Die entscheidende Einladung dieses Kapitels besteht deshalb darin, Christus nicht nur als Erlöser zu kennen, sondern ihm das eigene Leben immer umfassender anzuvertrauen. Wo der Mensch sich von seiner Gnade tragen, durch seinen Geist stärken und von seiner Liebe verändern lässt, kann sein Leben zunehmend das widerspiegeln, wozu Gott ihn berufen hat: nicht zur Verherrlichung seiner selbst, sondern zur Ehre des Gottes, dem die Herrlichkeit in Christus Jesus gehört, von Generation zu Generation und in alle Ewigkeit.