Epheser 2

Und auch euch, da ihr tot waret durch Übertretungen und Sünden,

22 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Und auch euch, da ihr tot waret durch Übertretungen und Sünden,
  2. 2 in welchen ihr weiland gewandelt habt nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens,
  3. 3 unter welchen auch wir alle weiland unsern Wandel gehabt haben in den Lüsten unsers Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die andern;
  4. 4 Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, durch seine große Liebe, damit er uns geliebt hat,
  5. 5 da wir tot waren in den Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht (denn aus Gnade seid ihr selig geworden)
  6. 6 und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christo Jesu,
  7. 7 auf daß er erzeigte in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christo Jesu.
  8. 8 Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,
  9. 9 nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme.
  10. 10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen.
  11. 11 Darum gedenket daran, daß ihr, die ihr weiland nach dem Fleisch Heiden gewesen seid und die Unbeschnittenen genannt wurdet von denen, die genannt sind die Beschneidung nach dem Fleisch, die mit der Hand geschieht,
  12. 12 daß ihr zur selben Zeit waret ohne Christum, fremd und außer der Bürgerschaft Israels und fremd den Testamenten der Verheißung; daher ihr keine Hoffnung hattet und waret ohne Gott in der Welt.
  13. 13 Nun aber seid ihr, die ihr in Christo Jesu seid und weiland ferne gewesen, nahe geworden durch das Blut Christi.
  14. 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines hat gemacht und hat abgebrochen den Zaun, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch wegnahm die Feindschaft,
  15. 15 nämlich das Gesetz, so in Geboten gestellt war, auf daß er aus zweien einen neuen Menschen in ihm selber schüfe und Frieden machte,
  16. 16 und daß er beide versöhnte mit Gott in einem Leibe durch das Kreuz und hat die Feindschaft getötet durch sich selbst.
  17. 17 Und er ist gekommen, hat verkündigt im Evangelium den Frieden euch, die ihr ferne waret, und denen, die nahe waren;
  18. 18 denn durch ihn haben wir den Zugang alle beide in einem Geiste zum Vater.
  19. 19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen,
  20. 20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,
  21. 21 auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem HERRN,
  22. 22 auf welchem auch ihr mit erbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist.

Kapitelüberblick

Gottes Gnade verändert nicht nur das Leben eines einzelnen Menschen, sondern schafft auch eine neue Gemeinschaft, in der bisherige Trennungen überwunden werden. Paulus beschreibt zunächst den verlorenen Zustand des Menschen, der durch seine Sünden geistlich tot ist und aus eigener Kraft keinen Weg zurück zu Gott finden kann. Doch Gottes große Liebe und Barmherzigkeit eröffnen einen neuen Anfang: Durch Jesus Christus schenkt er neues Leben und rettet den Menschen aus Gnade, nicht aufgrund eigener Leistungen. Diese Rettung wird im Glauben angenommen und führt zu einem Leben, das von guten Werken geprägt sein soll.

Anschließend richtet sich der Blick auf das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden. Menschen, die zuvor außerhalb der Bundesverheißungen Israels standen, erhalten durch Christus Zugang zu Gott. Jesus überwindet die Feindschaft zwischen beiden Gruppen und vereint sie zu einer neuen Gemeinschaft. Aus Fremden werden Mitbürger der Heiligen und Angehörige von Gottes Haus. Das Kapitel endet mit dem Bild eines geistlichen Tempels, in dem Christus der Eckstein ist und die Gläubigen gemeinsam zu einer Wohnstätte Gottes durch seinen Geist aufgebaut werden.

Einführung

Bereits im ersten Kapitel des Epheserbriefes hat Paulus die Aufmerksamkeit seiner Leser auf Gottes gewaltige Macht gelenkt. In seinem Gebet bittet er darum, dass die Gläubigen erkennen, wie groß Gottes Kraft gegenüber denen ist, die an ihn glauben. Als entscheidenden Beweis nennt er die Auferweckung Jesu Christi von den Toten und seine Erhöhung über alle Mächte und Gewalten (Epheser 1,19–23). Diese Aussagen bilden den unmittelbaren Hintergrund für den Beginn des zweiten Kapitels.

Der Brief nennt Paulus als Absender und richtet sich an christliche Gemeinden, zu deren Mitgliedern auch Menschen nichtjüdischer Herkunft gehörten. Die genaue Verfasserschaft und der ursprüngliche Empfängerkreis werden in der historischen Forschung diskutiert. Für das Verständnis ist vor allem die damalige Beziehung zwischen Israel und den anderen Völkern wichtig. Israel hatte durch Gottes Bundesschlüsse eine besondere Stellung erhalten. Die Beschneidung, religiöse Vorschriften und gemeinschaftliche Traditionen unterschieden das jüdische Volk von seiner Umgebung. Diese Unterschiede konnten zugleich zu tiefen gesellschaftlichen und religiösen Trennungen führen.

Auch der sprachliche Aufbau verdient Beachtung. Die ersten Verse bilden im griechischen Grundtext einen weit gespannten Gedankengang. Paulus beginnt mit dem früheren Zustand seiner Leser, bevor er in Vers 4 mit den Worten „Gott aber“ den entscheidenden Gegensatz einführt. Der Leser soll zunächst die Schwere der menschlichen Lage verstehen, um anschließend das Ausmaß von Gottes rettendem Handeln zu erkennen. Damit ist der Ausgangspunkt für die weitere Erklärung von Epheser 2 geschaffen.

Epheser 2,1–3

Der Mensch unter der Macht der Sünde

Mit einer erschütternden Beschreibung beginnt Paulus seine Erklärung des menschlichen Zustands vor der Erlösung. Er erinnert seine Leser daran, dass sie einst geistlich tot waren, obwohl sie äußerlich lebten und ihren gewöhnlichen Alltag führten. In Epheser 2,1 spricht er von Menschen, die durch ihre Übertretungen und Sünden tot waren. Damit meint er keinen körperlichen Tod, sondern die Trennung von Gott, der Quelle allen Lebens. Ein Mensch kann denken, arbeiten, Beziehungen pflegen und seine eigenen Ziele verfolgen und dennoch jene lebendige Gemeinschaft mit seinem Schöpfer verloren haben, für die er ursprünglich geschaffen wurde. Bereits im Garten Eden hatte Gott Adam gewarnt, dass der Ungehorsam zum Tod führen würde (1. Mose 2,17). Als Adam und Eva sündigten, verloren sie unmittelbar ihre ungetrübte Gemeinschaft mit Gott; zugleich wurden sie der Vergänglichkeit und dem körperlichen Tod unterworfen (1. Mose 3,8–19). Paulus greift diese grundlegende Wirklichkeit auf und beschreibt, wie tief die Sünde das Verhältnis zwischen Mensch und Gott beschädigt hat.

Die Begriffe „Übertretungen“ und „Sünden“ beleuchten dabei unterschiedliche Seiten derselben Wirklichkeit. Eine Übertretung bezeichnet das Abweichen von einer bestehenden Ordnung oder das Überschreiten einer Grenze. Sünde beschreibt umfassender das Verfehlen dessen, was Gottes Wille für das menschliche Leben vorsieht. Beide Begriffe stehen hier eng beieinander, ohne dass Paulus eine scharfe Unterscheidung zwischen ihnen verlangt. Entscheidend ist, dass Sünde nicht nur aus einzelnen falschen Handlungen besteht. Sie betrifft auch die innere Ausrichtung des Menschen. Wer sich von Gott entfernt, verliert nicht automatisch seine Fähigkeit, menschlich Gutes zu tun oder zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Doch seine Beziehung zu Gott ist gestört, und aus eigener Kraft kann er diesen Zustand nicht überwinden. Deshalb bezeichnet Paulus ihn als geistlich tot. Der Ausdruck unterstreicht die Schwere der Trennung und die Notwendigkeit eines rettenden Eingreifens Gottes.

In Vers 2 erklärt Paulus, wie sich dieser Zustand im täglichen Leben ausdrückte. Seine Leser waren einst in ihren Sünden „gewandelt“. Dieses in der Bibel häufig verwendete Bild bezeichnet die Lebensführung, also die Entscheidungen, Gewohnheiten und Wege, die ein Mensch verfolgt. Paulus spricht deshalb nicht lediglich von gelegentlichen Verfehlungen, sondern von einer Lebensrichtung, die sich an anderen Maßstäben als an Gottes Willen orientierte. Er nennt zunächst den „Lauf dieser Welt“. Gemeint ist nicht die von Gott geschaffene Erde oder die Menschheit als solche, sondern die von der Sünde geprägte Ordnung menschlichen Denkens und Handelns. Gesellschaftliche Vorstellungen, verbreitete Wertmaßstäbe und persönliche Lebensziele können einen Menschen so beeinflussen, dass er sich ihnen anpasst, ohne ihre Übereinstimmung mit Gottes Wahrheit zu prüfen. Ähnlich warnt Römer 12,2 davor, sich dem gegenwärtigen Weltlauf gleichförmig zu machen. Das Problem besteht somit nicht darin, in dieser Welt zu leben, sondern darin, ihre gottwidrigen Maßstäbe zum bestimmenden Vorbild des eigenen Lebens werden zu lassen.

Paulus geht jedoch noch weiter. Hinter dieser verkehrten Ausrichtung erkennt er den Einfluss einer geistlichen Macht. Er spricht von dem Fürsten, der in der Luft herrscht, und von dem Geist, der in den Kindern des Unglaubens wirkt. Im Zusammenhang mit Epheser 6,11–12 ist damit die Herrschaft Satans und der bösen geistlichen Mächte gemeint. Die ungewöhnliche Bezeichnung seiner Herrschaft über die „Luft“ stammt aus der damaligen Vorstellungswelt unsichtbarer geistlicher Mächte. Paulus will damit vor allem deren Einfluss auf die gefallene Welt beschreiben. Aus dieser Formulierung lässt sich keine genaue räumliche Beschreibung von Satans Aufenthaltsort ableiten. Dass er als Fürst bezeichnet wird, bedeutet auch nicht, dass seine Macht unbegrenzt wäre. Schon im vorhergehenden Kapitel hat Paulus erklärt, dass der auferstandene Christus über jede Herrschaft, Gewalt und Macht erhöht ist (Epheser 1,20–21). Der Einfluss des Bösen ist real, aber er steht nicht auf derselben Ebene wie Gottes Herrschaft.

Besonders wichtig ist die Bezeichnung „Kinder des Unglaubens“. Der griechische Ausdruck kann auch mit „Söhne des Ungehorsams“ wiedergegeben werden. Er beschreibt Menschen, deren Haltung von Widerstand gegen Gottes Wahrheit geprägt ist. Unglaube und Ungehorsam gehören dabei eng zusammen: Wer Gottes Wort zurückweist, verweigert zugleich seinem Anspruch auf das eigene Leben die Anerkennung. Paulus sagt allerdings nicht, dass jeder sündige Gedanke unmittelbar von Satan eingegeben werden müsse oder dass Menschen keine eigene Verantwortung für ihre Entscheidungen trügen. Vielmehr beschreibt er das Zusammenwirken einer von Gott entfremdeten Welt, des Einflusses des Bösen und der menschlichen Bereitschaft, diesem Einfluss zu folgen. Der Mensch wird nicht als willenlose Marionette dargestellt. Seine Entscheidungen sind tatsächlich seine eigenen, auch wenn sie unter dem Einfluss der Sünde stehen.

Mit Vers 3 nimmt Paulus eine bemerkenswerte Wendung vor. Nachdem er zunächst von der früheren Lebensweise seiner nichtjüdischen Leser gesprochen hat, schließt er ausdrücklich sich selbst und die anderen jüdischen Gläubigen ein: „unter welchen auch wir alle einst einhergingen“. Damit beseitigt er jede Vorstellung, dass die Angehörigen Israels aufgrund ihrer Herkunft von dem grundlegenden Problem der Sünde ausgenommen gewesen seien. Die Kenntnis des Gesetzes, die Zugehörigkeit zum Bundesvolk und die religiöse Überlieferung konnten den Menschen nicht aus eigener Kraft von der Herrschaft der Sünde befreien. Diese Aussage entspricht Römer 3,9–23, wo Paulus sowohl Juden als auch Griechen unter die Sünde stellt und erklärt, dass alle Menschen Gottes Herrlichkeit verfehlt haben. Vor Gott besteht deshalb kein Anlass zu religiösem Hochmut. Die Notwendigkeit der Erlösung betrifft jeden Menschen, unabhängig von Herkunft, Bildung oder religiöser Stellung.

Paulus beschreibt anschließend, wie sich diese gemeinsame Verlorenheit im Inneren des Menschen zeigt. Er spricht von den Begierden des Fleisches und davon, dass die Menschen den Willen des Fleisches und ihrer Gedanken ausführten. Mit „Fleisch“ meint Paulus hier nicht einfach den menschlichen Körper, als wäre dieser an sich böse. Der Körper gehört zu Gottes Schöpfung und wird an anderer Stelle ausdrücklich als etwas beschrieben, das Gott geweiht werden soll (1. Korinther 6,19–20). In diesem Zusammenhang bezeichnet das Fleisch vielmehr die menschliche Natur, insofern sie von sündigen Begierden und einer auf sich selbst gerichteten Lebenshaltung bestimmt wird. Dass Paulus ausdrücklich auch die Gedanken erwähnt, ist entscheidend. Sünde beschränkt sich nicht auf körperliche Leidenschaften oder äußerlich sichtbare Verfehlungen. Auch Stolz, Neid, Selbstsucht, verkehrte Überzeugungen und bewusst gepflegte böse Absichten können Ausdruck derselben inneren Entfremdung sein. Nicht jeder natürliche Wunsch ist deshalb sündig. Problematisch wird er dort, wo er sich gegen Gottes Willen richtet und die Herrschaft über das Denken und Handeln gewinnt. Jesus hatte bereits erklärt, dass böse Handlungen ihren Ursprung auch im Herzen des Menschen haben (Markus 7,20–23).

Am Ende von Vers 3 bezeichnet Paulus die Menschen in ihrem früheren Zustand als „Kinder des Zorns von Natur“. Diese ernste Formulierung darf nicht übergangen werden. Gottes Zorn ist in der Bibel keine unbeherrschte Wut und kein willkürlicher Gefühlsausbruch. Er bezeichnet Gottes heilige und gerechte Haltung gegenüber der Sünde und sein Gericht über das Böse (Römer 1,18). Die Wendung „von Natur“ macht deutlich, dass Paulus die menschliche Verlorenheit nicht nur als Folge einzelner äußerer Einflüsse versteht. Sie betrifft den Menschen in seinem gefallenen Zustand. Seit dem Sündenfall lebt die Menschheit unter den Folgen der Sünde, und kein Mensch kann sich allein durch seine natürliche Herkunft oder eigene Anstrengung von dieser Wirklichkeit befreien (Römer 5,12). Der Vers erklärt allerdings nicht im Einzelnen, wie persönliche Schuld bei jedem Menschen von Geburt an zu beurteilen ist. Seine unmittelbare Aussage ist, dass auch Paulus und seine Glaubensgenossen ohne Gottes rettendes Handeln unter dem gerechten Gericht über die Sünde standen.

Damit hat Paulus die menschliche Ausgangslage in ihrer ganzen Schwere beschrieben. Sünde erscheint als Trennung von Gott, als verkehrte Lebensrichtung, als Einfluss einer gottfeindlichen Welt und geistlicher Mächte sowie als tief verwurzelte Neigung des menschlichen Herzens. Niemand kann sich aufgrund seiner Herkunft oder seiner eigenen Leistungen von dieser Diagnose ausnehmen. Doch Paulus beschreibt diesen Zustand ausdrücklich als die frühere Wirklichkeit der Gläubigen. Schon dadurch deutet sich an, dass ihre Geschichte nicht dort stehen geblieben ist. Nachdem er gezeigt hat, was der Mensch ohne Gottes rettendes Eingreifen ist, richtet sich der Blick im nächsten Vers auf denjenigen, der diesen Zustand verändern kann. Mit den Worten „Gott aber“ beginnt die entscheidende Wende.

Epheser 2,4–7

Gottes Liebe macht geistlich Tote lebendig

Mit den Worten „Gott aber“ beginnt Paulus in Vers 4 den entscheidenden Wendepunkt seiner Darstellung. Nachdem er den Menschen als geistlich tot, von der Sünde beherrscht und dem gerechten Gericht Gottes ausgesetzt beschrieben hat, richtet er den Blick nun vollständig auf Gottes Handeln. Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Die ersten drei Verse haben gezeigt, in welcher Lage sich der Mensch befindet. Nun erklärt Paulus, weshalb diese Lage nicht das letzte Wort behalten muss. Die Rettung beginnt nicht mit einer außergewöhnlichen menschlichen Leistung, einer selbst erarbeiteten moralischen Verbesserung oder dem Versuch, sich Gottes Anerkennung zu verdienen. Ihr Ursprung liegt in Gott selbst. Gerade darin liegt die Bedeutung dieser beiden Worte: Der Mensch befindet sich in einem Zustand, aus dem er sich nicht selbst erlösen kann, aber Gott greift aus Liebe und Barmherzigkeit ein.

Paulus bezeichnet Gott zunächst als reich an Erbarmen. Damit beschreibt er keine gelegentliche Bereitschaft, über menschliche Fehler hinwegzusehen, sondern eine Wesenseigenschaft Gottes. Erbarmen bedeutet, dass Gott die Not des Menschen wahrnimmt und sich ihm helfend zuwendet. Dass Paulus von einem Reichtum an Erbarmen spricht, unterstreicht die Größe dieser göttlichen Zuwendung. Sie ist nicht gering oder widerwillig, sondern überreich. Bereits im Alten Testament hatte Gott sich Mose als barmherzig, gnädig und geduldig offenbart (2. Mose 34,6–7). Diese Selbstoffenbarung verbindet seine Barmherzigkeit zugleich mit seiner Gerechtigkeit. Gott ist nicht barmherzig, weil ihm das Böse gleichgültig wäre. Er nimmt die Sünde ernst und will dennoch den Sünder retten. Die Erlösung entspringt deshalb keiner Veränderung seines Wesens, als müsse der Vater erst zur Liebe bewegt werden. Vielmehr ist seine Liebe selbst der Ursprung seines rettenden Handelns, wie auch Johannes 3,16 bezeugt.

Bemerkenswert ist die Begründung, die Paulus unmittelbar hinzufügt: Gott handelt aufgrund seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat. Diese Liebe richtet sich nicht an Menschen, die sich zuvor bereits als würdig erwiesen haben. Der folgende Vers erinnert ausdrücklich daran, dass sie noch in ihren Sünden tot waren, als Gott ihnen neues Leben schenkte. Damit beschreibt Paulus eine Liebe, die der menschlichen Veränderung vorausgeht. Gott wartet nicht darauf, dass ein Sünder zunächst aus eigener Kraft sein Leben vollständig ordnet, bevor er ihm seine Gnade anbietet. Römer 5,8 entfaltet denselben Gedanken, indem Paulus erklärt, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Gottes Liebe ist daher nicht die Belohnung einer bereits erreichten Gerechtigkeit, sondern die Grundlage dafür, dass ein Mensch überhaupt erneuert werden kann. Sie bedeutet allerdings nicht, dass Gott den sündigen Zustand des Menschen gutheißt. Gerade weil er den Menschen liebt, will er ihn aus der Herrschaft der Sünde befreien.

In Vers 5 beschreibt Paulus diese Befreiung mit einer außergewöhnlichen Formulierung: Gott hat uns zusammen mit Christus lebendig gemacht. Der Ausdruck greift die Auferstehung Jesu auf, von der bereits in Epheser 1,20 die Rede war. Dort hatte Paulus erklärt, dass Gott seine Macht offenbarte, indem er Christus aus den Toten auferweckte. Nun verbindet er dieses gewaltige Ereignis unmittelbar mit dem Leben der Gläubigen. Die Auferstehung Jesu ist nicht nur eine vergangene geschichtliche Tatsache, an die Christen glauben sollen. Sie bildet auch die Grundlage ihrer eigenen geistlichen Erneuerung. Weil Christus den Tod überwunden hat, können Menschen, die durch ihre Sünden von Gott getrennt waren, an seinem Leben Anteil bekommen. Paulus verwendet dafür einen griechischen Ausdruck, der das gemeinsame Lebendigmachen mit Christus betont. Die Erlösung besteht somit nicht lediglich darin, dass Gott die vergangenen Verfehlungen eines Menschen vergibt. Sie schließt die Wiederherstellung einer lebendigen Beziehung zu ihm ein.

Was dieses neue Leben bedeutet, erklärt Paulus an anderer Stelle noch ausführlicher. In Römer 6,4 verbindet er die Gemeinschaft mit Christi Tod und Auferstehung mit einem neuen Lebenswandel. Der Mensch soll nicht länger unter der Herrschaft der Sünde leben, sondern in einer neuen Ausrichtung auf Gott. Auch Kolosser 2,12–13 spricht davon, dass die Gläubigen mit Christus auferweckt und lebendig gemacht wurden. Dabei ist wichtig, dass dieses neue Leben nicht mit sofortiger menschlicher Vollkommenheit verwechselt wird. Ein wiedergeborener Mensch bleibt auf Gottes Gnade angewiesen und muss weiterhin im Glauben wachsen. Doch seine grundlegende Beziehung zu Gott hat sich verändert. Er gehört nicht mehr zu einer Lebensordnung, in der die Sünde das bestimmende Recht auf sein Leben beanspruchen soll. Durch die Verbindung mit Christus beginnt eine neue Wirklichkeit, die sein Denken, seine Entscheidungen und seine Lebensführung zunehmend prägen soll.

Mitten in diese Erklärung fügt Paulus in Vers 5 einen kurzen, aber entscheidenden Satz ein: „aus Gnaden seid ihr gerettet“. Diese Worte fassen die Ursache des bisher beschriebenen göttlichen Handelns zusammen. Gnade bedeutet, dass Gott dem Menschen etwas schenkt, worauf dieser aufgrund eigener Verdienste keinen Anspruch besitzt. Die Rettung wird nicht durch menschliche Leistungen hervorgebracht, sondern durch Gottes unverdiente Zuwendung ermöglicht. Zugleich spricht Paulus von dieser Rettung als einer bereits wirksamen Wirklichkeit. Die griechische Formulierung verbindet das vollzogene Rettungshandeln mit einem Zustand, der für die Gläubigen gegenwärtig Bedeutung hat. Wer zu Christus gehört, darf deshalb schon jetzt auf Gottes rettende Gnade vertrauen. Das bedeutet nicht, dass sämtliche Folgen der Sünde bereits beseitigt wären oder der Gläubige die zukünftige Vollendung schon erreicht hätte. Vielmehr ist die Erlösung durch Christus bereits wirksam, während ihre endgültige Vollendung noch aussteht. Paulus wird diesen Gedanken in den Versen 8–10 näher erläutern.

In Vers 6 steigert er seine Aussage noch einmal. Gott hat die Gläubigen nicht nur mit Christus lebendig gemacht, sondern sie auch mit ihm auferweckt und in Christus Jesus in die himmlischen Regionen mitversetzt. Drei eng miteinander verbundene Handlungen werden damit beschrieben: das Lebendigmachen, das Mitauferwecken und das Mitversetzen. Sie machen deutlich, wie umfassend Paulus die Gemeinschaft mit Christus versteht. Die Gläubigen sollen nicht nur eine neue Lebensweise erhalten, sondern an der Stellung und dem Sieg ihres auferstandenen Herrn Anteil haben. Bereits in Epheser 1,20–21 wurde Christus als derjenige beschrieben, der zur Rechten Gottes über alle Herrschaft und Gewalt erhöht worden ist. Wenn Paulus nun die Gläubigen mit ihm verbunden sieht, bedeutet das, dass ihre neue Zugehörigkeit durch seine himmlische Herrschaft bestimmt wird. Ihre geistliche Stellung hängt nicht länger von den Mächten ab, denen sie früher unterworfen waren, sondern von Christus, der über diesen Mächten steht.

Die Aussage, dass die Gläubigen mit Christus in die himmlischen Regionen versetzt worden sind, darf jedoch nicht so verstanden werden, als befänden sie sich bereits körperlich im Himmel. Paulus beschreibt eine gegenwärtige geistliche Wirklichkeit, die aus ihrer Verbindung mit dem erhöhten Christus entsteht. Solange sie auf der Erde leben, erfahren sie weiterhin Versuchungen, Leiden und die Folgen der Vergänglichkeit. Dennoch gehört ihre Hoffnung und ihre eigentliche Zukunft bereits zu Christus. Philipper 3,20 spricht in diesem Zusammenhang davon, dass das Bürgerrecht der Gläubigen im Himmel ist, von woher sie Jesus Christus als Retter erwarten. Ihre himmlische Zugehörigkeit ist also keine Behauptung, sie hätten die irdische Wirklichkeit bereits verlassen. Sie bedeutet vielmehr, dass ihr Leben von einer neuen Herrschaft und einer neuen Hoffnung bestimmt wird. Die endgültige Auferstehung des Leibes bleibt dabei eine zukünftige Verheißung, wie Römer 8,11 und 1. Korinther 15,42–54 erklären. Das gegenwärtige geistliche Auferstehungsleben und die kommende leibliche Auferstehung gehören zusammen, ohne miteinander verwechselt werden zu dürfen.

In Vers 7 eröffnet Paulus schließlich einen Blick auf die Zukunft. Gott hat die Gläubigen mit Christus lebendig gemacht und erhöht, damit er in den kommenden Zeiten den überragenden Reichtum seiner Gnade durch seine Güte an ihnen sichtbar werden lässt. Die Erlösung besitzt demnach eine Bedeutung, die weit über das gegenwärtige Leben hinausreicht. Gottes Gnade wird nicht nur am Anfang des Glaubens benötigt, um einem Sünder Vergebung zu ermöglichen. Sie bleibt auch die Grundlage seiner zukünftigen Hoffnung. Die Formulierung von den kommenden Zeiten richtet den Blick über die gegenwärtige Weltzeit hinaus. Paulus legt an dieser Stelle allerdings keinen genauen zeitlichen Ablauf zukünftiger Ereignisse fest. Sein Anliegen besteht vielmehr darin, die bleibende Größe der göttlichen Gnade hervorzuheben. Was Gott in Christus begonnen hat, soll auch in der Zukunft den Reichtum seiner Güte erkennbar machen.

Besonders bemerkenswert ist dabei, wie Paulus den Zweck dieses göttlichen Handelns beschreibt. Gott offenbart den Reichtum seiner Gnade nicht durch eine abstrakte Erklärung seiner Eigenschaften, sondern durch die Güte, die er Menschen in Jesus Christus erweist. Die Erlösten selbst werden damit zu Zeugen seiner Barmherzigkeit. An ihnen wird sichtbar, wie Gott mit Menschen handelt, die seine Hilfe dringend benötigen und die sich ihre Rettung nicht verdienen können. Dieser Gedanke erinnert an Epheser 1,6.12, wo Paulus die Erlösung mit dem Lobpreis der göttlichen Herrlichkeit verbindet. Gottes Herrlichkeit zeigt sich nicht nur in seiner Macht über die Schöpfung, sondern auch darin, dass er verlorene Menschen aus Liebe wiederherstellt. Die Erlösung offenbart deshalb zugleich seine Macht, seine Gerechtigkeit, seine Barmherzigkeit und seine unverdiente Güte.

Damit haben die Verse 4–7 einen bemerkenswerten Bogen gespannt: von Gottes großem Erbarmen über die geistliche Lebendigmachung mit Christus bis hin zur zukünftigen Offenbarung seines Gnadenreichtums. Im Mittelpunkt steht durchgehend Gottes Handeln. Er liebt, er macht lebendig, er erweckt mit Christus und er eröffnet eine Zukunft, die auf seiner Güte gegründet ist. Der Mensch kann diese Rettung nicht hervorbringen, sondern ist vollständig auf das angewiesen, was Gott durch Jesus Christus ermöglicht hat. Gerade deshalb schließt Paulus nun eine Erklärung an, die zu den grundlegenden Aussagen des Neuen Testaments gehört. In den folgenden Versen zeigt er, wie die Rettung aus Gnade durch den Glauben empfangen wird und weshalb ein durch Gottes Gnade erneuertes Leben dennoch untrennbar mit guten Werken verbunden ist.

Epheser 2,8–10

Aus Gnade gerettet und zu guten Werken geschaffen

Mit Vers 8 führt Paulus seine bisherigen Aussagen über Gottes rettendes Handeln zu einem entscheidenden Höhepunkt. Nachdem er beschrieben hat, wie Gott Menschen aus ihrem geistlichen Tod zu neuem Leben führt, erklärt er nun, auf welcher Grundlage diese Rettung geschieht und wie der Mensch daran Anteil erhält. Seine Worte gehören zu den grundlegenden Aussagen des Neuen Testaments: „Denn durch die Gnade seid ihr gerettet, vermittels des Glaubens“ (Epheser 2,8). In diesem kurzen Satz verbindet Paulus zwei Wahrheiten, die für das richtige Verständnis des Evangeliums untrennbar zusammengehören. Die Erlösung entspringt Gottes Gnade, und der Mensch empfängt sie durch den Glauben. Dabei kommt der Gnade die grundlegende Bedeutung zu. Nicht der Glaube des Menschen erschafft die Erlösung, sondern Gottes rettendes Handeln in Jesus Christus macht sie überhaupt erst möglich. Der Glaube ist die Antwort des Menschen auf das, was Gott bereits für ihn getan hat.

Unter Gnade versteht die Bibel Gottes unverdiente Zuwendung zu Menschen, die seine Rettung benötigen. Sie ist mehr als bloße Nachsicht gegenüber menschlichen Schwächen. Gott erklärt die Sünde nicht für bedeutungslos, sondern begegnet ihrem zerstörerischen Einfluss durch das Erlösungswerk seines Sohnes. Bereits in Epheser 1,7 hatte Paulus geschrieben, dass die Gläubigen durch Christi Blut die Erlösung und die Vergebung ihrer Übertretungen besitzen, entsprechend dem Reichtum seiner Gnade. Diese Verbindung ist entscheidend, denn Gottes Gnade steht nicht im Gegensatz zu seiner Gerechtigkeit. Sie zeigt vielmehr, wie Gott sündigen Menschen Vergebung und neues Leben schenken kann, ohne das Böse gutzuheißen. Die Grundlage der Rettung liegt deshalb weder im religiösen Eifer noch in der moralischen Leistung des Menschen, sondern in Jesus Christus und seinem stellvertretenden Opfer. Wer gerettet wird, verdankt dies letztlich nicht seiner eigenen Würdigkeit, sondern der Liebe Gottes, die ihm in Christus entgegenkommt.

Wenn Paulus anschließend den Glauben nennt, beschreibt er damit den Weg, auf dem der Mensch dieses Geschenk empfängt. Biblischer Glaube bedeutet jedoch mehr als die bloße Zustimmung zu einer religiösen Aussage. Auch wer anerkennt, dass Gott existiert oder dass Jesus gelebt hat, hat damit noch nicht notwendigerweise jenes persönliche Vertrauen entwickelt, von dem das Neue Testament spricht. Der rettende Glaube richtet sich auf Jesus Christus und verlässt sich auf ihn als Erlöser. Der Mensch erkennt an, dass er Gottes Vergebung benötigt, vertraut der Zusage des Evangeliums und wendet sich Christus zu. Ein solches Vertrauen beinhaltet die Bereitschaft, sich von ihm führen und verändern zu lassen. Deshalb stellt Paulus Glauben und menschliche Leistung nicht als zwei unterschiedliche Möglichkeiten dar, sich Gottes Anerkennung zu verdienen. Gerade weil der Glaube auf Christus vertraut, verzichtet er darauf, die eigene Leistung zur Grundlage der Rettung zu machen. Abraham wird in Römer 4,1–5 als Beispiel für diese Wahrheit angeführt: Seine Gerechtigkeit vor Gott beruhte nicht auf einem Anspruch, den er sich durch Werke erworben hätte, sondern auf seinem Vertrauen in Gottes Verheißung.

Besonders sorgfältig muss die anschließende Formulierung verstanden werden: „und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es“. Paulus stellt damit ausdrücklich klar, dass die Rettung ihren Ursprung nicht im Menschen hat. Im griechischen Grundtext steht für „das“ ein sächliches Fürwort, während die Wörter für „Gnade“ und „Glaube“ weiblich sind. Deshalb verstehen viele Ausleger dieses Fürwort als Rückbezug auf den gesamten zuvor beschriebenen Vorgang: die Rettung aus Gnade durch Glauben. Die grammatische Formulierung beweist somit nicht für sich allein, dass ausschließlich der Glaube als besondere Einzelgabe bezeichnet wird. Ebenso wenig lässt sie zu, die Rettung als teilweise menschliche Eigenleistung zu verstehen. Der entscheidende Gedanke bleibt bestehen: Das Heil ist Gottes Geschenk. Auch der Glaube kann nicht als verdienstvolle Handlung gelten, durch die ein Mensch Gott zur Rettung verpflichten würde. Dass Gottes Gnade den Menschen zum Glauben ruft und ihn dazu befähigt, wird auch in anderen neutestamentlichen Aussagen deutlich (Johannes 6,44; Philipper 1,29). Epheser 2,8 legt jedoch nicht die genaue zeitliche Reihenfolge sämtlicher Vorgänge der Bekehrung fest. Paulus möchte vor allem jede Vorstellung ausschließen, der Mensch könne seine Erlösung letztlich sich selbst verdanken.

Vers 9 verstärkt diese Aussage mit den Worten: „nicht aus Werken, damit niemand sich rühme“. Damit greift Paulus eine besonders tief verwurzelte menschliche Neigung auf: den Wunsch, Anerkennung aufgrund eigener Leistungen zu erhalten. Im gewöhnlichen Leben ist dieser Gedanke verständlich. Wer arbeitet, erwartet einen entsprechenden Lohn. Wer eine Aufgabe besonders gut erfüllt, darf sich über das Ergebnis freuen. Doch im Verhältnis zwischen dem sündigen Menschen und Gott kann dieses Leistungsprinzip keine Grundlage der Erlösung bilden. Selbst zahlreiche gute Handlungen können vergangene Schuld nicht ungeschehen machen oder dem Menschen aus eigener Kraft ein neues Herz schenken. Paulus erklärt deshalb in Römer 3,23–24, dass alle gesündigt haben und die Rechtfertigung durch Gottes Gnade geschieht, aufgrund der Erlösung in Christus Jesus. Wenn die Rettung verdient werden könnte, hätte der Mensch einen Grund, sich seiner eigenen Leistung zu rühmen. Weil sie aber ein Geschenk Gottes ist, gebührt der Ruhm allein ihm.

Dabei wäre es ein schwerwiegendes Missverständnis, aus Vers 9 zu schließen, dass Paulus gute Werke grundsätzlich für wertlos hält oder Gottes Gebote für bedeutungslos erklärt. Er verneint nicht den Wert eines gehorsamen Lebens, sondern dessen Fähigkeit, die Erlösung zu verdienen. Dieser Unterschied wird bereits im unmittelbar folgenden Vers sichtbar. Auch an anderen Stellen hält Paulus Gottes Gnade und den Gehorsam des Glaubens zusammen. In Römer 3,31 fragt er ausdrücklich, ob der Glaube das Gesetz aufhebe, und weist diesen Gedanken zurück. Römer 8,3–4 erklärt zudem, dass Gott durch seinen Sohn das tat, was das Gesetz wegen der menschlichen Schwachheit nicht bewirken konnte, damit die gerechte Forderung des Gesetzes in denen erfüllt werde, die nach dem Geist leben. Das Gesetz kann den Sünder nicht erlösen, weil es weder seine Schuld durch eigene Kraft beseitigt noch sein Herz erneuert. Daraus folgt jedoch nicht, dass Gottes Wille für das Leben des erlösten Menschen bedeutungslos geworden wäre. Die Gnade befreit den Menschen von der Vorstellung, sich Gottes Liebe verdienen zu müssen, und eröffnet ihm zugleich die Möglichkeit, aus dieser Liebe heraus gehorsam zu leben.

Mit Vers 10 erklärt Paulus schließlich, weshalb die Rettung aus Gnade keineswegs zu einem gleichgültigen Lebenswandel führen soll. Er schreibt: „Denn wir sind sein Werk, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken“. Das einleitende „denn“ ist von besonderer Bedeutung. Paulus beginnt hier keinen völlig neuen Gedanken, sondern begründet seine vorherige Aussage. Die Rettung kann nicht als menschliches Verdienst betrachtet werden, weil auch das neue Leben des Erlösten ein Werk Gottes ist. Das griechische Wort poiēma, das mit „Werk“ übersetzt wird, bezeichnet etwas Hervorgebrachtes oder Geschaffenes. Derselbe Ausdruck begegnet in Römer 1,20 im Zusammenhang mit Gottes Schöpfungswerken. Paulus beschreibt die Erlösten somit als Menschen, an denen Gott selbst schöpferisch gehandelt hat. Die Gemeinschaft mit Christus ist nicht lediglich eine äußerliche Veränderung ihrer religiösen Zugehörigkeit. Gott beginnt in ihnen ein neues Leben, das von einer erneuerten Beziehung zu ihm geprägt wird.

Diese Vorstellung erinnert an die Verheißung Gottes in Hesekiel 36,26–27. Dort kündigt Gott an, seinem Volk ein neues Herz und einen neuen Geist zu geben. Er verspricht zugleich, seinen Geist in die Menschen zu legen und sie dadurch zu befähigen, nach seinen Geboten zu leben. Die innere Erneuerung und der Gehorsam gegenüber Gottes Willen werden also bereits im Alten Testament miteinander verbunden. Ein verwandtes Bild verwendet Paulus in 2. Korinther 5,17, wo er Menschen, die in Christus sind, als neue Schöpfung bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass ihre Persönlichkeit ausgelöscht oder ihre menschliche Verantwortung aufgehoben würde. Vielmehr wird ihre Lebensrichtung neu bestimmt. Während sie früher von der Sünde beherrscht wurden, sollen sie nun zunehmend den Charakter und Willen Gottes widerspiegeln. Dieses neue Leben entsteht nicht aus einer bloßen Selbstverbesserung, sondern aus der Verbindung mit Christus. Deshalb schreibt Paulus ausdrücklich, dass die Gläubigen „in Christus Jesus“ geschaffen worden sind. Die neue Schöpfung ist untrennbar mit dem Erlöser verbunden, durch den Gott sie ins Leben ruft.

Bemerkenswert ist, dass Paulus nun gerade jene guten Werke nennt, die er einen Vers zuvor als Grundlage der Rettung ausgeschlossen hatte. Darin liegt kein Widerspruch, sondern eine bewusst gesetzte Unterscheidung. In Vers 9 geht es um Werke als vermeintliche Voraussetzung, durch die der Mensch sich seine Erlösung verdienen könnte. In Vers 10 geht es dagegen um gute Werke als Ziel und Ausdruck des neuen Lebens, das Gott aus Gnade schenkt. Der Mensch wird also nicht durch gute Werke gerettet, aber er wird zu guten Werken geschaffen. Diese Reihenfolge ist für das gesamte Verständnis des Evangeliums entscheidend. Gottes Gnade verändert nicht nur die Stellung des Menschen vor ihm, sondern soll auch sein tatsächliches Leben prägen. Titus 2,11–14 beschreibt denselben Zusammenhang: Die rettende Gnade Gottes unterweist die Gläubigen darin, gottlose Begierden abzulegen und besonnen, gerecht und gottesfürchtig zu leben. Gute Werke sind daher weder ein überflüssiger Zusatz zum Glauben noch ein Ersatz für die Gnade. Sie gehören zu dem Leben, zu dem Christus die Erlösten berufen hat.

Was Paulus unter guten Werken versteht, lässt sich besonders aus den späteren Kapiteln seines Briefes erkennen. Dort fordert er die Gläubigen auf, die Wahrheit zu reden, ihren Zorn nicht zur Sünde werden zu lassen, ehrlich zu arbeiten, Bedürftigen zu helfen, einander zu vergeben und in Liebe zu leben (Epheser 4,25–32; 5,1–2). Gute Werke beschränken sich demnach nicht auf außergewöhnliche religiöse Leistungen oder öffentlich sichtbare Taten. Sie zeigen sich ebenso im täglichen Umgang mit anderen Menschen, in Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Barmherzigkeit und Treue. Entscheidend ist nicht, wie beeindruckend eine Handlung vor anderen erscheint, sondern ob sie Gottes Willen entspricht und aus einer aufrichtigen Beziehung zu ihm hervorgeht. Dabei darf äußerer Gehorsam nicht mit geistlicher Selbstgerechtigkeit verwechselt werden. Auch ein Mensch, der vieles richtig tut, bleibt darauf angewiesen, dass Gott sein Herz prüft und seine Beweggründe erneuert. Jesus betont in Johannes 15,4–5 deshalb, dass seine Jünger nur dann bleibende Frucht bringen können, wenn sie mit ihm verbunden bleiben. Die Kraft zu einem gottgefälligen Leben entsteht aus dieser Gemeinschaft und nicht aus einer von Christus unabhängigen menschlichen Anstrengung.

Am Ende von Vers 10 fügt Paulus hinzu, dass Gott die guten Werke zuvor bereitet hat, damit die Gläubigen darin wandeln sollen. Diese Formulierung erweitert den Gedanken noch einmal. Gottes Erlösungsabsicht endet nicht bei der Vergebung der Vergangenheit. Er hat für das neue Leben seiner Kinder einen Weg vorgesehen, auf dem sein Wille sichtbar werden soll. Dabei sagt Paulus nicht, dass jede einzelne alltägliche Entscheidung bereits unveränderlich festgelegt sei oder der Mensch keinen eigenen Willen mehr besitze. Der Text betont vielmehr Gottes vorausgehendes Handeln und die Bestimmung des neuen Lebens zu guten Werken. Die Gläubigen sind dazu berufen, diesen Weg tatsächlich zu gehen. Gottes Vorbereitung macht ihre Verantwortung nicht bedeutungslos, sondern gibt ihrem Handeln eine neue Grundlage und Richtung. Philipper 2,12–13 bringt dieses Zusammenwirken besonders anschaulich zum Ausdruck: Die Gläubigen sollen ihre Erlösung ernst nehmen, weil Gott selbst in ihnen das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt. Menschlicher Gehorsam tritt damit nicht an die Stelle göttlicher Gnade, sondern wird durch sie ermöglicht und getragen.

Eine besonders schöne Verbindung entsteht durch das Wort „wandeln“. Bereits in Epheser 2,2 hatte Paulus dieses Wort verwendet, um die frühere Lebensweise seiner Leser zu beschreiben. Damals wandelten sie in ihren Übertretungen und Sünden und folgten dem Lauf dieser Welt. Nun sollen sie in den guten Werken wandeln, die Gott für sie vorbereitet hat. Paulus stellt damit zwei unterschiedliche Lebensrichtungen einander gegenüber. Die eine ist durch die Herrschaft der Sünde geprägt, die andere durch die erneuernde Gnade Gottes. Das Wort „wandeln“ beschreibt dabei keinen einzelnen außergewöhnlichen Augenblick, sondern einen fortgesetzten Lebensweg. Christlicher Glaube soll deshalb nicht nur in einer einmaligen Entscheidung oder einem äußerlichen Bekenntnis sichtbar werden. Er betrifft den täglichen Weg des Menschen, seine Gewohnheiten, seine Entscheidungen und seinen Umgang mit anderen. Dass dieser Weg Wachstum, Überwindung und auch die Notwendigkeit erneuter Umkehr einschließt, widerspricht dem Gedanken der neuen Schöpfung nicht. Entscheidend ist, dass der Mensch nicht länger die Sünde zu seinem bestimmenden Lebensweg machen soll, sondern in der Gemeinschaft mit Christus lebt und seiner Führung folgt.

So verbinden die Verse 8–10 auf bemerkenswerte Weise Gottes souveräne Gnade mit der wirklichen Verantwortung des Menschen. Die Rettung wird nicht verdient, sondern im Glauben empfangen. Die guten Werke begründen diese Rettung nicht, aber sie gehören zu dem neuen Leben, das Gott in Christus schafft. Damit bewahrt Paulus seine Leser vor zwei entgegengesetzten Irrtümern: vor der Vorstellung, man könne sich durch eigene Leistungen vor Gott gerecht machen, und vor der Annahme, Gottes Gnade mache einen gehorsamen Lebenswandel überflüssig. Beide Auffassungen würden den Zusammenhang seiner Worte zerreißen. Gottes Gnade ist der Ursprung der Erlösung, Christus ihre Grundlage und der Glaube der Weg, auf dem der Mensch sie empfängt. Das erneuerte Leben mit seinen guten Werken ist die Frucht dieses göttlichen Handelns. Nachdem Paulus auf diese Weise die persönliche Rettung beschrieben hat, erweitert er ab Vers 11 den Blick. Dort erklärt er, welche weitreichenden Folgen das Erlösungswerk Christi für Menschen unterschiedlicher Herkunft hat und wie Gott aus bisher getrennten Gruppen eine gemeinsame Glaubensgemeinschaft entstehen lässt.

Epheser 2,11–13

Von der Fremdheit zur Nähe Gottes

Mit Vers 11 erweitert Paulus seine Erklärung der Erlösung um eine weitere, besonders bedeutsame Dimension. Bisher hatte er beschrieben, wie Gott den einzelnen Menschen aus der Herrschaft der Sünde befreit und ihm durch Jesus Christus neues Leben schenkt. Nun richtet er den Blick auf die Stellung der nichtjüdischen Gläubigen innerhalb der Geschichte des Volkes Gottes. Seine Worte beginnen mit einer ausdrücklichen Aufforderung: „Darum gedenket daran“ (Epheser 2,11). Paulus möchte, dass seine Leser ihre frühere Situation nicht vergessen. Sie sollen sich bewusst machen, welche Trennung einst zwischen ihnen und den Verheißungen Gottes bestand und wie grundlegend sich ihre Stellung durch Christus verändert hat. Diese Erinnerung soll sie nicht erneut in Schuldgefühle oder Unsicherheit zurückführen. Vielmehr hilft sie ihnen, die Größe ihrer neuen Zugehörigkeit zu verstehen. Wer begreift, wie weit er einst entfernt war, kann umso besser erkennen, welche Bedeutung es hat, durch Gottes Gnade nahegebracht worden zu sein.

Paulus spricht seine Leser ausdrücklich als Menschen an, die früher „Heiden im Fleische“ waren. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff „Heiden“ hier die Angehörigen jener Völker, die nicht zum Volk Israel gehörten. Die Formulierung „im Fleische“ verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf ihre natürliche Abstammung und ihre äußerlich erkennbare Zugehörigkeit zu den nichtjüdischen Völkern. Anders als in Epheser 2,3, wo das Fleisch im Zusammenhang mit sündigen Begierden genannt wurde, steht hier also nicht die sündige menschliche Natur im Mittelpunkt, sondern die ethnische Unterscheidung. Diese unterschiedliche Verwendung desselben Wortes ist wichtig, weil der Zusammenhang darüber entscheidet, welche Bedeutung gemeint ist. Die nichtjüdischen Leser stammten aus Völkern, die außerhalb der besonderen Bundesgeschichte Israels standen. Ihnen fehlte deshalb jene Zugehörigkeit, die innerhalb des jüdischen Volkes durch Abstammung, Beschneidung und die gemeinsame Geschichte mit Gott gekennzeichnet war.

In diesem Zusammenhang erwähnt Paulus zwei Bezeichnungen, die die damalige Trennung besonders deutlich machten. Die nichtjüdischen Menschen wurden von den Juden als „Unbeschnittene“ bezeichnet, während diese sich selbst als die „Beschneidung“ verstanden. Die Beschneidung war ursprünglich keineswegs eine menschliche Erfindung oder ein bedeutungsloses religiöses Zeichen. Gott hatte sie Abraham als Zeichen seines Bundes gegeben (1. Mose 17,9–14). Sie kennzeichnete die besondere Bundesbeziehung, in die Gott Abraham und seine Nachkommen berufen hatte. Ihre Bedeutung reichte deshalb weit über eine äußerliche körperliche Handlung hinaus. Sie erinnerte an Gottes Verheißungen und an die Zugehörigkeit zu seinem Bundesvolk. Im Laufe der Geschichte wurde sie zugleich zu einem besonders wichtigen Unterscheidungsmerkmal zwischen Juden und anderen Völkern. Wer unbeschnitten war, galt aus jüdischer Sicht als jemand, der dieses Bundeszeichen nicht trug. Die Bezeichnung konnte daher nicht nur eine sachliche Unterscheidung ausdrücken, sondern auch mit religiöser und gesellschaftlicher Geringschätzung verbunden sein.

Bemerkenswert ist, wie Paulus die jüdische Beschneidung in Vers 11 näher beschreibt. Er spricht von der sogenannten Beschneidung, „die am Fleisch mit der Hand geschieht“. Damit bestreitet er nicht, dass die Beschneidung von Gott eingesetzt worden war. Er lenkt die Aufmerksamkeit vielmehr auf die Grenze eines rein äußerlichen Bundeszeichens. Eine körperliche Handlung kann die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgemeinschaft sichtbar machen, aber sie kann nicht aus sich heraus die innere Erneuerung des Menschen bewirken. Bereits Mose hatte Israel aufgefordert, das Herz zu beschneiden und seinen Eigensinn aufzugeben (5. Mose 10,16). In 5. Mose 30,6 wird darüber hinaus verheißen, dass Gott selbst die Herzen seines Volkes verändern werde, damit es ihn liebe. Auch die Propheten griffen diesen Gedanken auf und warnten davor, sich auf äußerliche Bundeszeichen zu verlassen, während das Herz Gott gegenüber ungehorsam blieb (Jeremia 4,4). Paulus führt diese Linie in Römer 2,28–29 weiter, wenn er zwischen einer lediglich äußerlichen Beschneidung und einer Beschneidung des Herzens durch den Geist unterscheidet. Das äußere Zeichen hatte seinen von Gott gegebenen Platz, durfte jedoch niemals mit der inneren Wirklichkeit eines lebendigen Glaubens verwechselt werden.

In Vers 12 entfaltet Paulus nun genauer, was die frühere Stellung seiner nichtjüdischen Leser bedeutete. Seine erste Aussage lautet, dass sie zu jener Zeit „außerhalb Christus“ waren. Diese Formulierung ist besonders gewichtig, weil Christus nicht einfach der Begründer einer neuen Religion ist, sondern der von Gott verheißene Messias. Die Hoffnung auf diesen kommenden Erlöser war über viele Jahrhunderte mit der Geschichte und den Verheißungen Israels verbunden. Schon Abraham hatte die Zusage erhalten, dass durch seinen Nachkommen alle Völker der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 22,18). Später kündigten die Propheten einen kommenden Herrscher aus dem Haus Davids an, dessen Herrschaft von Gerechtigkeit und Frieden geprägt sein würde (Jesaja 9,5–6; 11,1–10). Diese Verheißungen bildeten einen wesentlichen Bestandteil der Hoffnung Israels. Die nichtjüdischen Leser des Epheserbriefes hatten vor ihrer Hinwendung zum Evangelium keinen entsprechenden Anteil an der bewussten Gemeinschaft mit dem verheißenen und nun offenbarten Messias. Sie kannten ihn nicht als ihren Erlöser und lebten außerhalb jener Christusgemeinschaft, in der sie nun ihre Rettung gefunden hatten.

Anschließend erklärt Paulus, dass sie der „Bürgerschaft Israels“ entfremdet waren. Das griechische Wort politeia kann die Zugehörigkeit zu einer politischen oder gemeinschaftlichen Ordnung bezeichnen. Hier geht es nicht um einen modernen Nationalstaat, sondern um Israel als das geschichtlich gewachsene Volk, mit dem Gott seinen Bund geschlossen hatte. Israel besaß eine besondere Berufung und Verantwortung. Nachdem Gott die Israeliten aus Ägypten geführt hatte, erklärte er ihnen am Sinai, dass sie unter den Völkern sein besonderes Eigentum und ein heiliges Volk sein sollten (2. Mose 19,4–6). Diese Berufung bedeutete nicht, dass Israel aufgrund eigener moralischer Überlegenheit erwählt worden wäre. Mose erinnert das Volk ausdrücklich daran, dass Gottes Liebe und Treue zu seinen Verheißungen die Grundlage seiner Erwählung bildeten (5. Mose 7,6–8). Die nichtjüdischen Völker gehörten nicht selbstverständlich zu dieser besonderen geschichtlichen Bundesgemeinschaft. Paulus beschreibt deshalb eine wirkliche Entfernung von derjenigen Gemeinschaft, der Gott seine Offenbarung, seine Gebote und seine Verheißungen in besonderer Weise anvertraut hatte.

Diese Entfernung wird durch die nächste Aussage noch genauer beschrieben: Die Nichtjuden waren „fremd den Bündnissen der Verheißung“. Paulus verwendet hier bewusst die Mehrzahl. Gottes Heilsgeschichte mit Israel bestand nicht aus einer einzigen, isolierten Zusage, sondern entfaltete sich durch verschiedene Bundesschlüsse und Verheißungen. Gott hatte Abraham Nachkommen, ein Land und den Segen für die Völker verheißen (1. Mose 12,1–3; 17,1–8). Am Sinai schloss er mit dem aus Ägypten befreiten Volk einen Bund, der seine besondere Beziehung zu Israel und dessen Verantwortung als heiliges Volk regelte (2. Mose 19–24). Später erhielt David die Verheißung einer beständigen königlichen Linie, aus der die messianische Hoffnung weitere Gestalt gewann (2. Samuel 7,12–16). Diese Bundesschlüsse waren nicht in jeder Hinsicht gleich, doch sie gehörten zu der fortschreitenden Geschichte, in der Gott seine Absichten offenbarte. Die genaue Zuordnung aller von Paulus gemeinten Bündnisse wird in Epheser 2,12 nicht einzeln vorgenommen. Entscheidend ist, dass die nichtjüdischen Völker nicht aufgrund ihrer eigenen Herkunft Träger dieser besonderen Bundesverheißungen waren.

Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass Gottes Absicht von Anfang an über die Grenzen Israels hinausreichte. Bereits die Verheißung an Abraham schloss den Segen für alle Völker ein. Israel sollte nicht zum ausschließlichen Besitzer göttlicher Gnade werden, sondern innerhalb der Geschichte eine besondere Aufgabe erfüllen, durch die Gottes Wahrheit und sein Heil bekannt werden sollten. Das Alte Testament berichtet deshalb auch von Menschen nichtisraelitischer Herkunft, die sich dem wahren Gott zuwandten. Rahab bekannte den Gott Israels als den Herrn über Himmel und Erde (Josua 2,9–11). Ruth verließ ihre frühere religiöse Umgebung und bekannte sich zum Gott und Volk ihrer Schwiegermutter Noomi (Ruth 1,16–17). Auch Jesaja 56,3–7 verheißt gottesfürchtigen Fremden einen Platz in Gottes Haus. Diese Beispiele zeigen, dass die Zugehörigkeit zu Israel nicht die einzige denkbare Möglichkeit war, Gottes Gnade zu erfahren. Paulus behauptet in Epheser 2 daher nicht, dass vor Christus grundsätzlich kein Mensch aus den anderen Völkern gerettet werden konnte. Er beschreibt vielmehr die allgemeine heilsgeschichtliche Stellung seiner nichtjüdischen Leser außerhalb der besonderen Bundesgemeinschaft Israels.

Aus dieser früheren Entfernung ergab sich eine weitere Konsequenz: Paulus beschreibt seine Leser als Menschen, die „keine Hoffnung“ hatten. Damit meint er nicht, dass sie niemals persönliche Wünsche, Zukunftspläne oder Erwartungen besessen hätten. Auch Menschen, die den Gott Israels nicht kannten, konnten auf Gesundheit, familiäres Glück, gesellschaftlichen Frieden oder ein erfülltes Leben hoffen. Doch Paulus spricht von einer tieferen Hoffnung, die mit Gottes Verheißungen und seinem kommenden Heil verbunden ist. Israel besaß die Zusage, dass Gott seine Geschichte zu einem bestimmten Ziel führen, sein Volk erlösen und seine Verheißungen erfüllen würde. Diese Hoffnung war nicht von wechselnden menschlichen Lebensumständen abhängig, sondern gründete in der Treue Gottes. Wer außerhalb dieser Offenbarung lebte, hatte keinen vergleichbaren Anteil an der Gewissheit, die aus Gottes Bundesverheißungen erwuchs. Gerade angesichts von Schuld, Leid und Tod wird der Unterschied zwischen einer bloß menschlichen Zukunftserwartung und einer auf Gottes Erlösung gegründeten Hoffnung besonders deutlich. Auch in 1. Thessalonicher 4,13 unterscheidet Paulus zwischen der christlichen Auferstehungshoffnung und der Hoffnungslosigkeit derer, die diese Verheißung nicht besitzen.

Eng damit verbunden ist die letzte Beschreibung in Vers 12: Die Leser waren „ohne Gott in der Welt“. Diese Worte können zunächst überraschend erscheinen, denn die nichtjüdische Umwelt der frühen Christen war keineswegs grundsätzlich religionslos. Im Römischen Reich wurden zahlreiche Götter verehrt, Tempel besucht und religiöse Opfer dargebracht. Paulus selbst begegnete auf seinen Missionsreisen Menschen mit ausgeprägten religiösen Vorstellungen. In Athen stellte er sogar fest, wie vielfältig die religiösen Ausdrucksformen der Stadt waren (Apostelgeschichte 17,22–23). Wenn er dennoch davon spricht, dass seine Leser ohne Gott lebten, meint er deshalb nicht unbedingt, dass sie sich selbst für Atheisten hielten. Ihnen fehlte vielmehr die lebendige Gemeinschaft mit dem wahren Gott, der sich Israel offenbart hatte und der nun durch Jesus Christus den Zugang zu sich eröffnete. Sie konnten religiös sein und zugleich den Gott nicht kennen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Auch Römer 1,19–23 unterscheidet zwischen der Erkennbarkeit Gottes durch seine Schöpfung und der menschlichen Neigung, seine Herrlichkeit durch die Verehrung geschaffener Dinge zu ersetzen.

Mit diesen aufeinanderfolgenden Aussagen zeichnet Paulus ein umfassendes Bild der früheren Stellung seiner Leser. Sie gehörten nicht zum Volk Israel, trugen nicht dessen Bundeszeichen, standen außerhalb seiner besonderen Bundesverheißungen und kannten Christus nicht als ihren Erlöser. Ihnen fehlte die daraus erwachsende Hoffnung und die lebendige Gemeinschaft mit dem wahren Gott. Diese Beschreibung dient jedoch nicht dazu, die nichtjüdischen Menschen als grundsätzlich minderwertig gegenüber den Juden darzustellen. Schon in den ersten drei Versen hatte Paulus ausdrücklich erklärt, dass auch die jüdischen Gläubigen ohne Gottes rettende Gnade unter der Herrschaft der Sünde standen. Die Zugehörigkeit zum Bundesvolk war ein großes Vorrecht, aber keine automatische Garantie persönlicher Erlösung. In Römer 9,4–5 zählt Paulus die besonderen Vorrechte Israels auf, während er zugleich an anderer Stelle erklärt, dass nicht die bloße Abstammung, sondern der Glaube für die rettende Beziehung zu Gott entscheidend ist (Römer 4,9–12). Die Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden betrifft in Epheser 2 daher zunächst ihre unterschiedliche Stellung innerhalb der Geschichte der göttlichen Offenbarung. Beide bleiben auf Gottes Gnade angewiesen.

Nachdem Paulus diese frühere Entfernung ausführlich beschrieben hat, folgt in Vers 13 ein weiterer entscheidender Wendepunkt: „Nun aber, in Christus Jesus“. Die Worte erinnern an das „Gott aber“ aus Vers 4. Dort stand der geistliche Tod des Menschen der lebensschaffenden Barmherzigkeit Gottes gegenüber. Hier wird die frühere Entfernung der nichtjüdischen Gläubigen ihrer neuen Nähe gegenübergestellt. Paulus erklärt, dass diejenigen, die einst fern waren, durch Christus nahegebracht worden sind. Die Begriffe „fern“ und „nahe“ beschreiben dabei nicht in erster Linie eine räumliche Entfernung. Sie stehen für unterschiedliche Stellungen im Verhältnis zu Gott und seinen Verheißungen. Die nichtjüdischen Gläubigen mussten nicht zuerst ihre Abstammung verändern oder Angehörige des jüdischen Volkes werden, um an der Erlösung teilhaben zu können. Ihre neue Stellung gründet in ihrer Verbindung mit Jesus Christus. Durch ihn erhalten sie Zugang zu einer Gemeinschaft, von der sie zuvor ausgeschlossen oder entfernt waren. Dass diese Gemeinschaft nicht auf einer unabhängigen zweiten Erlösungsordnung beruht, sondern mit Gottes bisherigen Verheißungen verbunden ist, wird Paulus in den folgenden Versen weiter entfalten.

Besonders wichtig ist die Erklärung, wodurch diese Nähe möglich wurde. Paulus schreibt, dass die einst Fernen „durch das Blut Christi“ nahegebracht worden sind. Damit führt er die gesamte Veränderung auf den stellvertretenden Tod Jesu zurück. Schon in Epheser 1,7 hatte er die Erlösung und Vergebung der Sünden ausdrücklich mit dem Blut Christi verbunden. Wenn das Neue Testament vom Blut Jesu spricht, geht es nicht um eine geheimnisvolle Wirkung des Blutes unabhängig von seiner Person und seinem Opfer. Das Blut steht im Zusammenhang seines gewaltsamen Todes für die Hingabe seines Lebens. Jesus hat sein Leben gegeben, um sündige Menschen mit Gott zu versöhnen. Die Nähe zu Gott entsteht deshalb nicht dadurch, dass die bisherigen Unterschiede einfach für unwichtig erklärt werden, sondern durch ein tatsächliches Erlösungsgeschehen. Christus trägt die Grundlage dieser Versöhnung. Darin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen menschlichen Versuchen, religiöse Gegensätze durch bloße Anpassung zu überwinden, und dem Frieden, den das Evangelium verkündigt. Die neue Gemeinschaft wird nicht durch das Verschweigen der Sünde geschaffen, sondern durch das rettende Handeln Gottes am Kreuz.

Die Verbindung von Christi Blut und dem Nahen zu Gott erinnert zugleich an die Opfer- und Heiligtumsordnung des Alten Testaments. Dort war die Annäherung an den heiligen Gott mit der Frage verbunden, wie schuldige Menschen Vergebung und Gemeinschaft mit ihm finden konnten. Die Opfer machten deutlich, dass Sünde nicht belanglos war und Versöhnung nicht einfach durch menschliche Selbstrechtfertigung zustande kam. Der Hebräerbrief erklärt, dass diese Opfer auf das umfassendere und endgültige Erlösungswerk Jesu Christi hinwiesen (Hebräer 9,11–15; 10,1–14). In Epheser 2,13 entfaltet Paulus diese heiligtumstheologischen Zusammenhänge nicht im Einzelnen. Dennoch ist die Verbindung bedeutsam: Die einst Fernen werden nicht aufgrund eigener religiöser Leistungen nahegebracht, sondern aufgrund des Opfers Christi. Dasselbe Erlösungswerk, das dem einzelnen Menschen Vergebung ermöglicht, öffnet auch den Menschen aus den Völkern den Zugang zu Gottes Verheißungen.

Damit entsteht eine grundlegende Veränderung im Verhältnis zwischen Herkunft und Zugehörigkeit. Die nichtjüdischen Gläubigen erhalten ihren Platz in der Gemeinschaft Gottes nicht deshalb, weil ihre Vergangenheit bedeutungslos gewesen wäre oder weil sie nun aufgrund eigener Leistungen eine neue Würdigkeit erreicht hätten. Ihre Zugehörigkeit gründet ausschließlich in Christus. Galater 3,26–29 erklärt denselben Gedanken aus einer anderen Perspektive: Wer zu Christus gehört, ist im Glauben Gottes Kind und Erbe nach der Verheißung an Abraham. Diese gemeinsame Erbenstellung hebt den unterschiedlichen geschichtlichen Hintergrund von Juden und Nichtjuden nicht einfach auf, nimmt ihm aber seine Bedeutung als Voraussetzung für die Rettung. Zugleich verbietet sie jede Form religiöser Überheblichkeit. Die nichtjüdischen Gläubigen haben keinen Grund, sich über Israel zu erheben, denn sie empfangen Anteil an Verheißungen, deren Geschichte lange vor ihrer eigenen Hinwendung zu Christus begonnen hatte. Paulus warnt deshalb in Römer 11,17–21 ausdrücklich davor, dass Menschen aus den Völkern ihre neue Stellung zum Anlass nehmen, sich gegenüber den natürlichen Zweigen des Ölbaums zu rühmen. Gottes Gnade schafft Zugehörigkeit, aber sie rechtfertigt keinen neuen Hochmut.

So führen die Verse 11–13 von der Erinnerung an eine frühere Fremdheit zur Gewissheit einer neuen Nähe. Paulus zeigt, dass die Erlösung nicht nur das innere Leben eines Menschen verändert, sondern auch seine Stellung innerhalb der Gemeinschaft Gottes. Menschen, die einst außerhalb der besonderen Bundesverheißungen Israels standen, dürfen durch Jesus Christus an Gottes Heil teilhaben. Ihre Herkunft ist kein Hindernis mehr für den Zugang zu ihm. Zugleich bleibt die Geschichte Israels ein wesentlicher Bestandteil des göttlichen Erlösungsplans, denn die neue Gemeinschaft entsteht nicht losgelöst von Gottes früheren Verheißungen. Die entscheidende Grundlage dieser Veränderung ist das Blut Christi. In den folgenden Versen wird Paulus erklären, weshalb gerade der Tod Jesu die trennende Feindschaft überwindet und wie aus Juden und Nichtjuden eine neue, miteinander versöhnte Gemeinschaft entstehen kann.

Epheser 2,14–16

Christus beseitigt die Feindschaft

Mit einer außergewöhnlichen Aussage beginnt Paulus in Vers 14 die Erklärung dessen, was Jesus Christus zwischen Juden und Nichtjuden bewirkt hat: „Denn er ist unser Friede.“ Paulus schreibt nicht lediglich, dass Christus Frieden gebracht oder einen Weg zur friedlichen Verständigung gezeigt hat. Er bezeichnet Christus selbst als den Frieden seiner Gemeinde. Damit macht er deutlich, dass die neue Einheit der Gläubigen nicht auf einer menschlichen Vereinbarung beruht, sondern ihren Ursprung in der Person und im Erlösungswerk Jesu hat. Die Menschen, die zuvor durch ihre Herkunft, ihre religiösen Ordnungen und ihre gesellschaftlichen Vorstellungen voneinander getrennt waren, finden in ihm eine gemeinsame Grundlage. Dieser Frieden ist deshalb weit mehr als die Abwesenheit offener Streitigkeiten. Er beschreibt eine neue Beziehung, die durch Christus ermöglicht wird und in der bisherige Gegensätze ihre trennende Bedeutung verlieren sollen. Bereits die Propheten hatten den kommenden Messias mit Frieden verbunden. Jesaja 9,5 bezeichnet den verheißenen Herrscher als Friedefürsten, während Micha 5,4 von ihm sagt, dass er der Friede sein wird. In Jesus Christus erkennt das Neue Testament die Erfüllung jener Hoffnung, die nicht nur das Verhältnis zwischen Menschen, sondern auch ihre Beziehung zu Gott grundlegend verändern soll.

Paulus erklärt anschließend, dass Christus „aus beiden eins gemacht“ hat. Mit den beiden Gruppen sind die Juden und die Nichtjuden gemeint, deren unterschiedliche Stellung innerhalb der Geschichte Israels er gerade beschrieben hatte. Diese Unterscheidung war nicht bedeutungslos. Gott hatte Israel aus den Völkern erwählt, ihm seine Gebote anvertraut und es durch besondere Bundesschlüsse in seine Heilsgeschichte einbezogen. Zugleich hatte er bereits Abraham verheißen, dass durch seinen Nachkommen alle Völker gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3; 22,18). Die besondere Berufung Israels stand daher von Anfang an innerhalb eines größeren göttlichen Vorhabens. Nun zeigt Paulus, dass Menschen aus beiden Gruppen durch Christus zu einer gemeinsamen Glaubensgemeinschaft gehören können. Damit verlieren Abstammung und frühere religiöse Zugehörigkeit ihre Bedeutung als Voraussetzung für den Zugang zu Gottes Heil. Die jüdische Herkunft wird dadurch nicht ausgelöscht, ebenso wenig werden Nichtjuden durch ihren Glauben ethnisch zu Juden. Entscheidend ist vielmehr, dass beide ihre neue Stellung vor Gott derselben Gnade Jesu Christi verdanken.

Um die Tragweite dieser Veränderung zu verdeutlichen, verwendet Paulus das Bild einer niedergerissenen Trennwand. Er spricht davon, dass Christus „des Zaunes Scheidewand abgebrochen hat“. Das Bild einer solchen Abgrenzung war seinen damaligen Lesern verständlich. Besonders anschaulich wird es durch die Anlage des Jerusalemer Tempels. Dort trennte eine steinerne Absperrung den Bereich, den auch Nichtjuden betreten durften, von den inneren Tempelbereichen, die ihnen nicht offenstanden. Erhaltene griechische Warninschriften belegen, dass Nichtjuden beim Überschreiten dieser Grenze mit der Todesstrafe bedroht wurden. Auch die Ereignisse in Apostelgeschichte 21,27–29 zeigen, wie empfindlich diese Trennung wahrgenommen wurde. Paulus wurde damals beschuldigt, einen nichtjüdischen Mann in einen verbotenen Tempelbereich geführt und dadurch die Heiligkeit des Tempels verletzt zu haben. Ob Epheser 2,14 unmittelbar diese konkrete Tempelabsperrung meint, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit feststellen. Sie bietet jedoch einen gut verständlichen historischen Hintergrund für das Bild einer Scheidewand, die Menschen voneinander trennt.

Die Bedeutung dieses Bildes reicht über eine tatsächliche Mauer hinaus. Paulus spricht von einer Trennung, die durch religiöse Vorschriften, unterschiedliche Zugehörigkeiten und gegenseitige Feindschaft wirksam geworden war. Die Scheidewand steht damit für eine Ordnung, innerhalb derer Juden und Nichtjuden nicht ohne Weiteres als gleichberechtigte Angehörige einer gemeinsamen Bundesgemeinschaft zusammenkommen konnten. Dabei muss zwischen der ursprünglichen Absicht Gottes und dem menschlichen Umgang mit seinen Ordnungen unterschieden werden. Die Gebote, die Gott Israel gegeben hatte, waren nicht grundsätzlich böse. Sie sollten sein Volk in seiner Beziehung zu ihm unterweisen, es vor dem Götzendienst bewahren und ihm einen heiligen Lebenswandel ermöglichen (5. Mose 4,5–8). Zugleich enthielt die mosaische Bundesordnung Vorschriften, die Israel sichtbar von den anderen Völkern unterschieden. Wo diese Unterschiede zu gegenseitiger Verachtung, religiösem Hochmut oder zur Vorstellung führten, bestimmte Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft grundsätzlich weniger wertvoll, wurde die Trennung zusätzlich verschärft. Der Friede Christi richtet sich deshalb gegen die Feindschaft selbst und überwindet zugleich jene Bundesgrenzen, die bislang einer gemeinsamen Zugehörigkeit von Juden und Nichtjuden entgegenstanden.

In Vers 15 erklärt Paulus genauer, auf welche Weise Christus diese Trennung beseitigt hat. Nach der Schlachter 1951 geschah dies, indem er „in seinem Fleische die Feindschaft“ abtat. Die Formulierung führt unmittelbar zum menschgewordenen und gekreuzigten Christus. Jesus hat die Versöhnung nicht aus sicherer Entfernung bewirkt. Er wurde Mensch, teilte die Bedingungen des menschlichen Lebens und gab schließlich sein Leben am Kreuz. Die Worte „in seinem Fleische“ weisen in diesem Zusammenhang besonders auf seinen wirklichen Tod hin, der in Vers 16 ausdrücklich genannt wird. Paulus verbindet die neue Gemeinschaft also nicht mit einer bloßen Änderung religiöser Vorstellungen, sondern mit dem Opfer Jesu. Erst dadurch wird verständlich, weshalb der Friede, von dem er spricht, mehr sein kann als eine menschliche Übereinkunft. Christus schafft die Grundlage der Versöhnung, indem er selbst die Folgen der Sünde auf sich nimmt. Eine verwandte Aussage findet sich in Kolosser 1,21–22, wo Paulus beschreibt, dass Menschen, die einst durch ihre bösen Werke von Gott entfremdet waren, durch den Tod Christi wieder mit ihm versöhnt werden.

Besondere Aufmerksamkeit verlangt die anschließende Erklärung, dass Christus das „Gesetz der Gebote in Satzungen“ abgetan hat. Diese Formulierung gehört zu den anspruchsvollsten Aussagen des Epheserbriefes, weil sie unmittelbar die Frage berührt, welche Bedeutung das Gesetz Gottes nach dem Tod Jesu besitzt. Der griechische Ausdruck lautet ton nomon tōn entolōn en dogmasin. Das Wort nomos bezeichnet das Gesetz, während entolai Gebote und dogmata festgelegte Bestimmungen oder Verordnungen bezeichnen können. Das verwendete Verb katargeō bringt zum Ausdruck, dass etwas außer Wirksamkeit gesetzt oder in seiner bisherigen Geltung aufgehoben wird. Paulus beschreibt somit eine tatsächliche Veränderung. Es wäre zu schwach, seine Aussage lediglich so zu verstehen, dass Christus menschliche Vorurteile beseitigt habe, während die angesprochene Gesetzesordnung in jeder Hinsicht unverändert geblieben sei. Zugleich muss jedoch genau untersucht werden, welche Funktion dieses Gesetz im vorliegenden Zusammenhang besitzt und worauf sich die Aufhebung bezieht.

Der unmittelbare Zusammenhang liefert dafür den entscheidenden Ausgangspunkt. Seit Vers 11 behandelt Paulus die Trennung zwischen Juden und Nichtjuden. Er erinnert an die Beschneidung, die besondere Bundesstellung Israels und die frühere Entfernung der anderen Völker von Gottes Verheißungen. In Vers 15 geht es weiterhin darum, wie aus den beiden Gruppen eine neue Gemeinschaft entstehen kann. Deshalb muss das genannte Gesetz gerade in seiner Bedeutung für diese Trennung verstanden werden. Innerhalb der mosaischen Bundesordnung gab es Vorschriften, die das religiöse Leben Israels regelten und seine besondere Stellung unter den Völkern sichtbar machten. Dazu gehörten unter anderem die Beschneidung als Bundeszeichen, verschiedene kultische Reinheitsbestimmungen und die Opferordnung. Solche Vorschriften waren innerhalb der Geschichte Israels nicht willkürlich oder bedeutungslos. Sie hatten eine bestimmte Aufgabe und standen im Zusammenhang mit Gottes damaliger Bundesführung. Doch durch das Kommen und das Erlösungswerk Jesu Christi entstand eine neue heilsgeschichtliche Situation. Die Zugehörigkeit zur erlösten Gemeinschaft Gottes sollte nicht mehr davon abhängig sein, dass Menschen aus den Völkern zunächst in die gesamte besondere Bundesordnung Israels aufgenommen wurden.

Allerdings wäre es zu einfach, den griechischen Ausdruck in Epheser 2,15 ohne weitere Begründung ausschließlich mit dem späteren theologischen Begriff „Zeremonialgesetz“ gleichzusetzen. Zwar spricht der Zusammenhang stark dafür, dass die trennenden Bestimmungen der mosaischen Bundesordnung eine wesentliche Rolle spielen. Dennoch verstehen Ausleger die genaue Reichweite unterschiedlich. Einige beziehen die Aussage besonders auf kultische und ethnische Abgrenzungsvorschriften. Andere sehen die mosaische Gesetzesordnung umfassender angesprochen, insofern sie Israel als Bundesvolk von den übrigen Völkern unterschied. Wieder andere betonen bestimmte verbindliche Gesetzesanwendungen und Verordnungen, durch welche diese Abgrenzung wirksam wurde. Die sprachliche Formulierung allein entscheidet diese Unterschiede nicht abschließend. Sicher ist jedoch, dass Paulus das Gesetz hier nicht losgelöst von der Versöhnung zwischen Juden und Nichtjuden behandelt. Seine Aussage steht im Dienst der Erklärung, wie Christus die zuvor bestehende Trennung überwindet und beiden Gruppen eine gemeinsame Zugehörigkeit ermöglicht.

Ebenso wenig lässt sich aus diesem Vers die pauschale Behauptung ableiten, Christus habe sämtliche moralischen Gebote Gottes aufgehoben und der Gehorsam gegenüber Gottes Willen sei für Christen bedeutungslos geworden. Eine solche Deutung müsste erklären, weshalb derselbe Epheserbrief später weiterhin konkrete Gebote Gottes als verbindliche Orientierung für das christliche Leben verwendet. In Epheser 6,2–3 wird beispielsweise das fünfte Gebot ausdrücklich aufgegriffen und mit seiner Verheißung verbunden. Auch die Ermahnungen in Epheser 4 und 5 setzen voraus, dass zwischen einem Gott wohlgefälligen Leben und sündigem Verhalten tatsächlich unterschieden werden muss. Darüber hinaus erklärt Paulus in Römer 3,31, dass der Glaube das Gesetz nicht einfach aufhebt, während er in Römer 8,3–4 beschreibt, wie Gott durch Christus und den Geist jene Gerechtigkeit ermöglicht, die der Mensch aus eigener Kraft nicht verwirklichen konnte. Diese Stellen zeigen, dass Paulus die rettende Gnade Gottes und den Gehorsam gegenüber seinem Willen nicht als unvereinbare Gegensätze betrachtet. Epheser 2,15 muss deshalb innerhalb der umfassenderen neutestamentlichen Aussagen über Gesetz, Bund, Gnade und neues Leben verstanden werden. Der Vers allein entscheidet auch nicht die gesonderte Frage nach der Geltung einzelner Gebote wie des Sabbats.

Damit wird eine wichtige Unterscheidung erkennbar. Christus hat durch sein Erlösungswerk die bisherige trennende Funktion einer Gesetzes- und Bundesordnung außer Kraft gesetzt, sodass Juden und Nichtjuden nicht länger durch unterschiedliche ethnische Voraussetzungen vom gemeinsamen Zugang zu Gott getrennt werden. Daraus folgt aber nicht, dass Gottes Wille für Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Heiligkeit aufgehoben wäre. Schon die Propheten hatten angekündigt, dass Gott im Neuen Bund seine Weisung nicht bloß äußerlich vor das Volk stellen, sondern in das Innere der Menschen schreiben werde (Jeremia 31,31–34). Hesekiel 36,26–27 verbindet diese Erneuerung mit der Gabe des Heiligen Geistes und einem Leben nach Gottes Willen. Die neue Gemeinschaft entsteht daher nicht durch die Abschaffung jeder göttlichen Ordnung, sondern durch das Erlösungswerk Christi, das die bisherige Bundesgrenze überwindet und Menschen zu einem erneuerten Leben vor Gott führt. Welche einzelnen Vorschriften der früheren Bundesordnung ihre Funktion erfüllt haben und wie die bleibende moralische Weisung Gottes im Neuen Bund zur Geltung kommt, muss jeweils anhand der betreffenden biblischen Aussagen begründet werden.

Nun nennt Paulus ausdrücklich das Ziel dieses Handelns: Christus wollte die beiden Gruppen in sich selbst „zu einem neuen Menschen“ schaffen und Frieden stiften. Die Formulierung ist bemerkenswert, weil Paulus nicht lediglich davon spricht, dass Juden und Nichtjuden künftig besser miteinander auskommen sollen. Er beschreibt die Entstehung einer neuen gemeinsamen Wirklichkeit. Das griechische Verb ktizō, das hier mit „schaffen“ wiedergegeben wird, wird auch für schöpferisches Handeln verwendet. Bereits in Epheser 2,10 hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen in Christus Jesus zu guten Werken geschaffen worden sind. Nun erscheint derselbe grundlegende Gedanke auf gemeinschaftlicher Ebene. Gottes erneuerndes Handeln betrifft nicht nur einzelne Menschen, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen. Aus zwei bisher getrennten Gruppen entsteht in Christus eine neue Gemeinschaft, die ihre Identität nicht mehr aus gegenseitiger Abgrenzung, sondern aus ihrer gemeinsamen Zugehörigkeit zum Erlöser empfängt.

Der Ausdruck „ein neuer Mensch“ ist deshalb nicht so zu verstehen, als verschwänden sämtliche persönlichen, geschichtlichen oder kulturellen Unterschiede zwischen den Gläubigen. Ein jüdischer Christ hört dadurch nicht auf, eine jüdische Herkunft zu besitzen, ebenso wenig verliert ein nichtjüdischer Christ seine eigene Geschichte. Was überwunden wird, ist die trennende Bedeutung dieser Unterschiede für die Zugehörigkeit zu Gott und für die Gemeinschaft unter den Erlösten. Galater 3,28–29 beschreibt eine verwandte Wirklichkeit, wenn Paulus erklärt, dass die Zugehörigkeit zu Christus den entscheidenden Grund der gemeinsamen Gotteskindschaft und der Teilhabe an Abrahams Verheißung bildet. Die Einheit der Gläubigen beruht somit nicht auf ihrer vollständigen Gleichartigkeit. Sie entsteht vielmehr daraus, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft denselben Herrn anerkennen und durch dieselbe Gnade gerettet werden. Gerade darin zeigt sich die besondere Kraft des Evangeliums: Christus schafft Gemeinschaft, ohne dass menschliche Abstammung oder frühere gesellschaftliche Stellung zum Maßstab geistlichen Wertes werden dürfen.

Mit Vers 16 vertieft Paulus diesen Gedanken und führt ihn zu seinem eigentlichen Ziel. Christus wollte „die beiden in einem Leibe durch das Kreuz mit Gott versöhnen“. Bisher stand vor allem die Trennung zwischen Juden und Nichtjuden im Vordergrund. Nun wird ausdrücklich sichtbar, dass die Versöhnung zwischen Menschen nicht unabhängig von ihrer Versöhnung mit Gott verstanden werden kann. Beide Gruppen benötigen dieselbe Rettung, weil beide unter der Macht der Sünde standen. Weder die Zugehörigkeit zum jüdischen Bundesvolk noch die Herkunft aus den anderen Nationen konnte den Menschen aus eigener Kraft gerecht vor Gott machen. Deshalb führt der Weg zur wahren Einheit über das Kreuz Jesu Christi. Durch seinen stellvertretenden Tod eröffnet Christus beiden Gruppen die Gemeinschaft mit Gott. Die menschliche Feindschaft wird nicht einfach durch eine gegenseitige Vereinbarung beendet, sondern auf der Grundlage eines Erlösungswerkes überwunden, das beide gleichermaßen benötigen und das keiner der beiden Gruppen einen eigenständigen Vorrang vor Gott verleiht.

Besonders bedeutsam ist dabei die Formulierung „in einem Leibe“. Sie knüpft an das Bild der neu geschaffenen Gemeinschaft an. Bereits in Epheser 1,22–23 hatte Paulus die Gemeinde als den Leib Christi bezeichnet. Auch später erklärt er, dass es für die Gläubigen einen Leib und einen Geist gibt (Epheser 4,4). Die beiden zuvor getrennten Gruppen werden daher nicht nur unabhängig voneinander mit Gott versöhnt, um anschließend als zwei dauerhaft getrennte Glaubensgemeinschaften nebeneinander bestehen zu bleiben. Sie werden in einer gemeinsamen, mit Christus verbundenen Gemeinschaft zusammengeführt. Diese Einheit bedeutet allerdings nicht, dass einzelne Menschen ihre Persönlichkeit verlieren oder dass jede Verschiedenheit innerhalb der Gemeinde beseitigt werden müsste. Das Bild des Leibes bringt vielmehr zum Ausdruck, dass viele unterschiedliche Glieder zu einer gemeinsamen Wirklichkeit gehören und aufeinander angewiesen sind. Christus ist das verbindende Zentrum dieser Gemeinschaft. Ihre Einheit wird durch ihn begründet und soll in ihrem tatsächlichen Zusammenleben sichtbar werden.

Dass Paulus ausdrücklich das Kreuz als Grundlage der Versöhnung nennt, verleiht seiner Aussage ein besonderes Gewicht. Der Kreuzestod Jesu war nach menschlichen Maßstäben ein Zeichen äußerster Erniedrigung und Schande. Im Evangelium wird gerade dieses Ereignis zum entscheidenden Ort der göttlichen Versöhnung. Dort offenbart sich, dass Frieden mit Gott nicht durch menschlichen Stolz, religiöse Überlegenheit oder die Durchsetzung eigener Ansprüche gewonnen wird. Christus gibt vielmehr sein Leben für Menschen, die seine Rettung benötigen. Dadurch nimmt er beiden Gruppen jeden Grund, sich ihrer eigenen Vorrechte als Grundlage des Heils zu rühmen. Wer am Kreuz erkennt, dass er selbst vollständig auf Gottes Gnade angewiesen ist, kann andere nicht zugleich aufgrund ihrer Herkunft oder Vergangenheit als grundsätzlich weniger würdig betrachten. Die Botschaft des Kreuzes stellt damit nicht nur das persönliche Verhältnis zu Gott auf eine neue Grundlage. Sie greift auch jene menschlichen Haltungen an, aus denen Verachtung, Ausgrenzung und Feindschaft entstehen.

Am Ende von Vers 16 beschreibt Paulus das Ergebnis mit einer besonders eindringlichen Formulierung: Christus hat durch das Kreuz die Feindschaft getötet. Der Ausdruck ist bewusst kraftvoll. Während das Kreuz äußerlich den gewaltsamen Tod Jesu bedeutete, wird es durch Gottes Erlösungsplan zum Ort, an dem die Feindschaft ihre bestimmende Macht verlieren soll. Christus hat nicht die Menschen vernichtet, zwischen denen die Feindschaft bestand. Er hat vielmehr durch seinen eigenen Tod den Weg eröffnet, auf dem sie mit Gott und miteinander versöhnt werden können. Darin zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen menschlicher Gewalt und göttlicher Versöhnung. Gewalt versucht häufig, einen Gegner durch Unterwerfung oder Vernichtung zu beseitigen. Christus dagegen überwindet die Feindschaft, indem er sich selbst hingibt. Die Versöhnung geschieht nicht durch die Vernichtung einer der beiden Menschengruppen, sondern dadurch, dass beide auf derselben Grundlage zu Gott zurückgeführt werden.

Diese Aussage darf dennoch nicht so verstanden werden, als seien mit dem Tod Jesu bereits sämtliche persönlichen Konflikte zwischen Menschen automatisch verschwunden. Die Geschichte der christlichen Gemeinden zeigt, dass auch Gläubige weiterhin mit Vorurteilen, Stolz, Misstrauen und gegenseitigen Verletzungen zu kämpfen haben können. Paulus beschreibt jedoch die von Christus geschaffene Grundlage, auf der solche Feindschaften nicht mehr das Recht besitzen sollen, die Gemeinschaft der Erlösten zu bestimmen. Deshalb fordert er später im Epheserbrief ausdrücklich dazu auf, Bitterkeit, Zorn, Geschrei und Bosheit abzulegen und einander freundlich, barmherzig und vergebungsbereit zu begegnen (Epheser 4,31–32). Die durch Christus geschaffene Einheit soll also im praktischen Leben Gestalt gewinnen. Sie bleibt nicht auf ein theologisches Bekenntnis beschränkt, sondern verlangt eine Haltung, in der die Gläubigen einander als Menschen begegnen, die von demselben Herrn geliebt und durch dieselbe Gnade gerettet werden.

So entfalten die Verse 14–16 eine außergewöhnliche Bedeutung des Kreuzes Jesu Christi. Sein Tod ermöglicht nicht nur die Vergebung persönlicher Schuld, sondern schafft zugleich die Grundlage für eine neue Gemeinschaft von Menschen, die zuvor durch tiefgreifende religiöse und gesellschaftliche Unterschiede voneinander getrennt waren. Die trennende Bundesordnung verliert durch Christus ihre bisherige Funktion als Grenze der gemeinsamen Zugehörigkeit, während Gottes Wille für ein heiliges und gerechtes Leben weiterhin Bedeutung besitzt. Aus Juden und Nichtjuden entsteht nicht einfach eine unverbindliche Vereinigung unterschiedlicher religiöser Gruppen, sondern eine neue Gemeinschaft, deren Mittelpunkt Jesus Christus ist. Der Friede, den Paulus beschreibt, ist deshalb untrennbar mit dem Erlösungswerk des Kreuzes verbunden. In den folgenden Versen wird er erklären, wie diese von Christus geschaffene Versöhnung verkündigt wird und weshalb beide Gruppen nun durch denselben Geist einen gemeinsamen Zugang zum Vater besitzen.

Epheser 2,17–18

Ein gemeinsamer Zugang zum Vater

Nachdem Paulus erklärt hat, wie Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz die Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden überwunden hat, richtet er in Vers 17 die Aufmerksamkeit auf die Verkündigung dieses Friedens. Er schreibt: „Und er kam und verkündigte Frieden euch, den Fernen, und Frieden den Nahen“ (Epheser 2,17). Damit beschreibt Paulus eine weitere Seite des Erlösungswerkes Christi. Der Friede, den Jesus durch sein Opfer ermöglicht hat, bleibt nicht verborgen. Er wird den Menschen als frohe Botschaft verkündigt und lädt sie ein, die von Gott geschaffene Versöhnung anzunehmen. Entscheidend ist dabei, dass beide zuvor getrennten Gruppen dieselbe Botschaft erhalten. Den Nichtjuden, die einst fern von den Bundesverheißungen Israels standen, wird Frieden zugesprochen. Doch auch die Juden, die aufgrund ihrer besonderen Bundesgeschichte als die Nahen bezeichnet werden, benötigen diese Friedensbotschaft. Ihre geschichtliche Nähe zu Gottes Offenbarung macht sie nicht unabhängig vom Erlösungswerk Jesu. Beide Gruppen stehen vor demselben Gott und werden durch denselben Christus zur Gemeinschaft mit ihm gerufen.

Die Formulierung, dass Christus kam und Frieden verkündigte, wirft eine wichtige Frage auf. Wie konnte Jesus den nichtjüdischen Gläubigen in Ephesus persönlich Frieden verkündigen, obwohl er während seines irdischen Wirkens vor allem unter dem Volk Israel tätig gewesen war? Paulus beschreibt hier nicht notwendigerweise eine persönliche Begegnung Jesu mit sämtlichen Menschen, die später das Evangelium hören sollten. Christus hatte während seines Lebens das Reich Gottes verkündigt und seine Jünger zur Weitergabe seiner Botschaft berufen. Nach seiner Auferstehung beauftragte er sie ausdrücklich, das Evangelium allen Völkern zu verkündigen (Matthäus 28,18–20). Die Botschaft, die durch die Apostel und andere Verkündiger weitergegeben wurde, blieb deshalb die Botschaft Christi. Besonders anschaulich wird dieser Zusammenhang in Apostelgeschichte 10,36. Dort erklärt Petrus im Haus des römischen Hauptmanns Kornelius, dass Gott Israel das Wort gesandt und durch Jesus Christus Frieden verkündigt habe. Anschließend bezeugt er Jesu Tod und Auferstehung und erklärt, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen Vergebung der Sünden empfängt. Die Verkündigung der Apostel steht somit nicht neben dem Wirken Christi, sondern dient dazu, sein vollbrachtes Erlösungswerk bekannt zu machen.

Paulus verwendet für diese Friedensverkündigung im griechischen Grundtext das Verb euangelizō. Es bedeutet, eine gute Nachricht zu verkündigen, und gehört zu derselben Wortfamilie wie das Evangelium. Dadurch erhält seine Aussage eine besondere Tiefe. Der Friede mit Gott ist nicht lediglich eine menschliche Hoffnung oder ein religiöser Wunsch, sondern die gute Nachricht von dem, was Gott durch Jesus Christus getan hat. Die Verkündigung schafft nicht erst das Erlösungswerk, sondern macht es bekannt und ruft die Menschen dazu auf, im Glauben darauf zu antworten. In Römer 10,14–17 erklärt Paulus, weshalb das Hören dieser Botschaft für den Glauben so wichtig ist. Menschen müssen von Christus hören, damit sie ihm vertrauen können. Deshalb gehört die Weitergabe des Evangeliums wesentlich zu Gottes Rettungsabsicht. Der gekreuzigte und auferstandene Herr lässt seine Friedensbotschaft durch menschliche Zeugen zu Menschen gelangen, die ihn während seines irdischen Wirkens niemals persönlich gesehen haben. So wird die durch Christus eröffnete Versöhnung über die Grenzen eines bestimmten Ortes, einer einzelnen Generation und eines einzelnen Volkes hinaus bekannt gemacht.

Die Worte über den Frieden für die Fernen und die Nahen besitzen zugleich einen bemerkenswerten alttestamentlichen Hintergrund. Paulus greift hier die Friedensverheißung aus Jesaja 57,19 auf. Dort spricht Gott den Fernen und Nahen Frieden zu und verbindet diese Zusage mit seiner Bereitschaft, zu heilen und wiederherzustellen. Im Zusammenhang des Jesajabuches begegnet diese Verheißung einem Volk, das unter den Folgen seiner Untreue und seines Abirrens von Gott steht. Besonders in Jesaja 57,15–19 wird deutlich, dass Gott den Niedrigen und Zerschlagenen nahe sein und denjenigen Heilung schenken will, die seiner Wiederherstellung bedürfen. Die Bezeichnungen „fern“ und „nah“ können dort insbesondere an die räumlich getrennten Angehörigen Israels denken lassen, etwa an Menschen in der Zerstreuung und solche, die näher bei ihrer Heimat lebten. Die ursprüngliche Aussage ist deshalb nicht einfach schon eine ausdrückliche Beschreibung der späteren christlichen Gemeinde aus Juden und Nichtjuden. Paulus nimmt jedoch die charakteristische Friedensverheißung auf und wendet sie im Licht des Erlösungswerkes Jesu auf die neue Gemeinschaft an, deren Entstehung er gerade erklärt hat.

Diese Verbindung ist deshalb so bedeutsam, weil sie die Verkündigung des Evangeliums als Fortführung und Erfüllung von Gottes rettenden Verheißungen erkennen lässt. Der Gott, der durch Jesaja Heilung und Frieden angekündigt hatte, handelt nun durch Jesus Christus. Was einst als göttliche Verheißung ausgesprochen wurde, erhält durch das Kreuz und die Auferstehung Jesu eine neue geschichtliche Grundlage. Dabei fällt auf, dass Paulus den Frieden ausdrücklich beiden Gruppen zuspricht. Die einst Fernen werden nicht lediglich aufgefordert, sich den Nahen unterzuordnen, um dadurch eine geringere Form der Zugehörigkeit zu erhalten. Ebenso werden die Nahen nicht als Menschen dargestellt, die aufgrund ihrer Herkunft keinen Erlöser benötigen. Beide werden durch dieselbe Friedensbotschaft angesprochen. Ihre unterschiedlichen Ausgangsstellungen bleiben geschichtlich verständlich, begründen aber keinen unterschiedlichen Wert vor Gott. Gerade dadurch wird die umfassende Bedeutung des Evangeliums sichtbar: Gottes Heil richtet sich nicht ausschließlich an Menschen, die bereits eine besondere religiöse Vergangenheit besitzen, sondern erreicht auch diejenigen, die zuvor außerhalb dieser Gemeinschaft standen.

Der Begriff „Friede“ selbst umfasst in der Bibel weit mehr als das Ende eines äußeren Konflikts. Im alttestamentlichen Sprachgebrauch bezeichnet das hebräische Wort schalom einen Zustand des Heils, der Unversehrtheit und wiederhergestellten Gemeinschaft. Es kann sich auf ein friedliches Zusammenleben, auf Wohlergehen und auf eine geordnete Beziehung zu Gott beziehen. In Epheser 2 steht besonders die Versöhnung im Mittelpunkt. Menschen, die durch Sünde von Gott entfremdet waren und durch religiöse Grenzen voneinander getrennt wurden, erhalten durch Christus eine neue gemeinsame Grundlage. Dieser Friede ist deshalb nicht mit einem bloßen Gefühl innerer Ruhe gleichzusetzen. Ein Christ kann trotz seines Glaubens schwere Belastungen, Anfechtungen oder äußere Konflikte erleben. Die Verheißung bedeutet nicht, dass alle Schwierigkeiten seines Lebens sofort verschwinden. Sie beschreibt vielmehr eine wirkliche Veränderung seines Verhältnisses zu Gott und die daraus erwachsende Möglichkeit, auch mit anderen Menschen in versöhnter Gemeinschaft zu leben. Wenn Paulus in Römer 5,1 vom Frieden mit Gott spricht, verbindet er ihn deshalb mit der Rechtfertigung durch den Glauben an Jesus Christus. Der Friede hat eine Grundlage, die tiefer reicht als wechselnde menschliche Gefühle oder Lebensumstände.

Mit Vers 18 erklärt Paulus, weshalb diese gemeinsame Friedensverkündigung mehr ist als ein schönes Ideal. Er schreibt: „denn durch ihn haben wir beide den Zutritt zum Vater in einem Geist“. Das einleitende „denn“ führt die Begründung für den zuvor beschriebenen Frieden an. Juden und Nichtjuden können in Christus miteinander verbunden sein, weil ihnen durch ihn derselbe Zugang zu Gott eröffnet wurde. Paulus beschreibt hier nicht zwei unterschiedliche Wege, von denen einer für Israel und der andere für die übrigen Völker vorgesehen wäre. Beide gelangen durch denselben Erlöser zum selben Vater. Der Ausdruck „wir beide“ ist besonders bemerkenswert, weil Paulus sich damit ausdrücklich in die gemeinsame Erfahrung einschließt. Er spricht nicht mehr nur über die früher fernstehenden nichtjüdischen Gläubigen, sondern über eine Gemeinschaft, zu der er selbst gehört. Der frühere Unterschied zwischen denen, die den Bundesverheißungen nahe waren, und denen, die fernstanden, bestimmt nicht länger ihre Berechtigung, vor Gott zu treten. Christus hat ihnen einen gemeinsamen Zugang eröffnet.

Das griechische Wort prosagōgē, das hier mit „Zutritt“ wiedergegeben wird, bezeichnet den Zugang oder das Herantreten zu jemandem. Es kann auch die Vorstellung einschließen, dass einem Menschen der Zutritt zu einer höhergestellten Person ermöglicht wird. Im Zusammenhang von Epheser 2 liegt der Schwerpunkt darauf, dass die Gläubigen durch Christus tatsächlich zu Gott kommen dürfen. Diese Aussage war für Menschen aus der damaligen religiösen Welt von besonderer Tragweite. In vielen Lebensbereichen entschieden Herkunft, gesellschaftlicher Rang oder bestimmte religiöse Voraussetzungen darüber, wer Zugang zu einem wichtigen Ort oder einer angesehenen Person erhielt. Auch der Gottesdienst Israels war durch heilige Bereiche und besondere priesterliche Aufgaben geordnet. Der Zugang zum Allerheiligsten blieb beispielsweise dem Hohenpriester vorbehalten, der es nur unter genau bestimmten Voraussetzungen betreten durfte (3. Mose 16). Diese Ordnung bedeutete nicht, dass gewöhnliche Israeliten grundsätzlich nicht zu Gott beten oder seine Hilfe erfahren konnten. Sie machte jedoch die Heiligkeit Gottes und die Notwendigkeit einer geordneten Vermittlung der Versöhnung besonders deutlich. Wenn Paulus nun vom Zutritt zum Vater durch Christus spricht, beschreibt er eine neue gemeinsame Stellung der Gläubigen vor Gott, die nicht mehr von ihrer früheren ethnischen Zugehörigkeit abhängt.

Der Hebräerbrief entfaltet einen verwandten Gedanken, indem er Jesus Christus als den großen Hohenpriester beschreibt, durch den Gläubige mit Freimütigkeit vor den Thron der Gnade treten dürfen (Hebräer 4,14–16). Ebenso erklärt Hebräer 10,19–22, dass durch das Blut Jesu ein neuer und lebendiger Weg zum Heiligtum eröffnet worden ist. Diese Aussagen verdeutlichen, weshalb der Zugang zu Gott nicht einfach als menschliches Recht verstanden werden darf, das unabhängig von Christus besteht. Der sündige Mensch besitzt aus sich selbst keinen Anspruch auf die Gemeinschaft mit dem heiligen Gott. Der Zugang wird ihm durch den Erlöser eröffnet. Gerade deshalb steht die Nähe zu Gott nicht im Gegensatz zur Mittlerschaft Jesu. Sie wird vielmehr durch ihn ermöglicht. Christus beseitigt nicht die Notwendigkeit seiner eigenen Vermittlung, sondern ist derjenige, durch den Menschen vertrauensvoll zum Vater kommen dürfen. Bereits in Johannes 14,6 hatte Jesus erklärt, dass niemand zum Vater kommt außer durch ihn. Epheser 2,18 zeigt nun, dass dieser eine Zugang Juden und Nichtjuden gleichermaßen offensteht.

Besonders auffällig ist dabei die Verbindung von Jesus Christus, dem Heiligen Geist und dem Vater innerhalb eines einzigen Satzes. Paulus beschreibt drei eng miteinander verbundene Wirklichkeiten: Der Zugang geschieht durch Christus, in einem Geist und führt zum Vater. Diese Formulierung gehört zu den besonders klaren neutestamentlichen Aussagen, in denen der Vater, der Sohn und der Heilige Geist gemeinsam im Zusammenhang des Erlösungswerkes genannt werden. Der Vater ist das Ziel der Gemeinschaft, Christus eröffnet durch sein Erlösungswerk den Zugang, und der Heilige Geist gehört zur gegenwärtigen Wirklichkeit dieses Zugangs. Paulus entwickelt an dieser Stelle keine ausführliche Erklärung des göttlichen Wesens. Sein Anliegen besteht darin, zu zeigen, wie die Gläubigen tatsächlich mit Gott verbunden sind. Dennoch ist bedeutsam, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist nicht als voneinander unabhängige oder miteinander konkurrierende Mächte erscheinen. Sie stehen in einem gemeinsamen göttlichen Heilshandeln, durch das Menschen unterschiedlicher Herkunft Zugang zu Gott erhalten. Eine verwandte Verbindung findet sich in Epheser 4,4–6, wo Paulus die Einheit der Gemeinde mit dem einen Geist, dem einen Herrn und dem einen Gott und Vater begründet.

Die Aussage „in einem Geist“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Paulus spricht nicht nur davon, dass beide Gruppen eine ähnliche religiöse Überzeugung besitzen oder vergleichbare geistliche Gefühle entwickeln. Der eine Heilige Geist ist die gemeinsame Grundlage ihrer geistlichen Gemeinschaft mit Gott. Er ist nicht auf eine bestimmte Volkszugehörigkeit beschränkt und wird nicht in unterschiedlicher Weise nach ethnischem Rang zugeteilt. Bereits das Pfingstereignis in Apostelgeschichte 2 zeigte, wie der Heilige Geist die Jünger zur Verkündigung des Evangeliums befähigte. Besonders deutlich wurde die Bedeutung dieser Gabe für die Nichtjuden, als im Haus des Kornelius auch unbeschnittene Menschen den Heiligen Geist empfingen (Apostelgeschichte 10,44–48). Petrus erkannte darin ein Handeln Gottes, das er nicht aufgrund bisheriger religiöser Grenzen zurückweisen durfte. Später erklärte er, dass Gott zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen keinen Unterschied gemacht habe, indem er ihre Herzen durch den Glauben reinigte (Apostelgeschichte 15,8–9). Diese Ereignisse verdeutlichen die Wirklichkeit, die Paulus in Epheser 2,18 beschreibt: Menschen aus unterschiedlichen Völkern werden durch denselben Geist in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen.

Dabei beschränkt sich das Wirken des Heiligen Geistes nicht auf die anfängliche Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft. Bereits in Epheser 1,13–14 hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen nach dem Hören und Annehmen des Evangeliums mit dem Heiligen Geist der Verheißung versiegelt wurden. Der Geist ist dort als Unterpfand des zukünftigen Erbes beschrieben. Er bezeugt also Gottes bleibende Zusage und verbindet das gegenwärtige Glaubensleben mit der kommenden Vollendung. In Römer 8,14–16 wird darüber hinaus erklärt, dass der Geist die Kinder Gottes in ihrer Beziehung zum Vater leitet und ihre Gotteskindschaft bezeugt. Wenn die Gläubigen Gott als Vater anrufen, geschieht das deshalb nicht auf der Grundlage religiöser Selbstsicherheit. Sie dürfen sich ihm nähern, weil Christus den Weg eröffnet hat und der Heilige Geist sie in dieser Beziehung zu Gott führt. Das bedeutet nicht, dass der Geist an die Stelle des persönlichen Glaubens oder der bewussten Hinwendung zu Gott tritt. Vielmehr wirkt er im Menschen, stärkt sein Vertrauen und führt ihn zu einer lebendigen Gemeinschaft mit dem Vater.

Dass Paulus ausdrücklich vom „Vater“ spricht, verleiht seiner Aussage eine weitere Tiefe. Er hätte auch einfach schreiben können, dass Juden und Nichtjuden nun gemeinsamen Zugang zu Gott besitzen. Stattdessen verwendet er die Bezeichnung, die das Verhältnis der Erlösten zu Gott als eine persönliche Beziehung kennzeichnet. Bereits in Epheser 1,5 hatte Paulus erklärt, dass Gott die Gläubigen durch Jesus Christus zur Sohnschaft bestimmt hat. Diese Zugehörigkeit ist nicht auf eine bloß äußerliche Mitgliedschaft in einer religiösen Gemeinschaft beschränkt. Gott nimmt Menschen durch Christus in ein Verhältnis auf, in dem sie ihn vertrauensvoll als ihren himmlischen Vater anrufen dürfen. Diese Nähe hebt seine Heiligkeit nicht auf und bedeutet keine Gleichstellung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Sie beschreibt vielmehr das außerordentliche Vorrecht, dass der heilige Gott sündigen Menschen durch seinen Sohn eine versöhnte Beziehung zu sich eröffnet. Der Glaube darf deshalb von Ehrfurcht und zugleich von Vertrauen geprägt sein. Wer durch Christus zum Vater kommt, begegnet nicht einem gleichgültigen oder unzugänglichen Gott, sondern demjenigen, dessen Liebe die Erlösung überhaupt erst möglich gemacht hat.

Aus dieser gemeinsamen Beziehung zum Vater erwächst zugleich eine grundlegende Verantwortung für das Zusammenleben der Gläubigen. Wenn Juden und Nichtjuden durch denselben Christus und denselben Geist Zugang zu Gott besitzen, kann keine der beiden Gruppen einen höheren geistlichen Wert für sich beanspruchen. Die frühere Nähe Israels zu den Verheißungen bleibt ein bedeutender Teil der Heilsgeschichte, wird aber nicht zur Grundlage eines besonderen Anspruchs auf die Erlösung. Ebenso wenig dürfen die nichtjüdischen Gläubigen ihre neue Zugehörigkeit zum Anlass nehmen, sich über Israel oder andere Menschen zu erheben. Die gemeinsame Beziehung zum Vater schließt religiösen Hochmut aus, weil alle Beteiligten auf dasselbe göttliche Erbarmen angewiesen sind. Diese Einheit bedeutet nicht, dass persönliche Überzeugungen, Verantwortung oder die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Irrtum bedeutungslos würden. Sie verlangt jedoch, dass Menschen, die Christus als ihren Herrn bekennen, einander nicht aufgrund ihrer Herkunft oder gesellschaftlichen Stellung als geistlich minderwertig behandeln. Der Friede Christi soll sich deshalb in einer Gemeinschaft zeigen, die von gegenseitiger Achtung, Wahrhaftigkeit, Geduld und Liebe geprägt ist.

Damit erreichen die Verse 17–18 einen wichtigen Höhepunkt innerhalb der Erklärung von Epheser 2. Die Verkündigung des Friedens und der gemeinsame Zugang zum Vater gehören untrennbar zusammen. Christus hat durch sein Kreuz die Grundlage der Versöhnung geschaffen, und durch die Verkündigung des Evangeliums wird diese gute Nachricht den Fernen und den Nahen bekannt gemacht. Beide Gruppen dürfen durch ihn in einem Geist zum selben Vater kommen. Die neue Gemeinschaft der Gläubigen erhält ihre Einheit deshalb nicht aus einer gemeinsamen ethnischen Vergangenheit, einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung oder bloß menschlichen Vereinbarungen. Sie entsteht aus ihrer gemeinsamen Beziehung zu Gott. Auf dieser Grundlage kann Paulus nun die entscheidende Folgerung ziehen: Die einst fremden und fernstehenden Menschen gehören nicht länger zu den Außenstehenden, sondern besitzen einen festen Platz in Gottes Gemeinschaft. In den folgenden Versen wird er diese neue Zugehörigkeit mit den Bildern des Bürgerrechts, der Familie und eines geistlichen Tempels beschreiben, in dem Gott selbst durch seinen Geist wohnen will.

Epheser 2,19–22

Gottes Familie und sein lebendiger Tempel

Mit Vers 19 zieht Paulus eine weitreichende Schlussfolgerung aus dem Erlösungswerk Jesu Christi. Nachdem er beschrieben hat, wie Menschen aus den Völkern durch Christus Zugang zum Vater erhalten, erklärt er nun, welche Stellung sie innerhalb der Gemeinschaft Gottes besitzen. Seine Worte beginnen mit einer klaren Gegenüberstellung: „So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2,19). Damit greift Paulus die frühere Situation seiner nichtjüdischen Leser auf und stellt ihr ihre neue Zugehörigkeit gegenüber. Menschen, die einst außerhalb der besonderen Bundesgemeinschaft Israels standen, werden nun nicht länger als Außenstehende betrachtet. Sie erhalten einen festen Platz unter denen, die zu Gott gehören. Dabei verwendet Paulus zunächst das Bild einer Bürgerschaft, anschließend das einer Familie und schließlich das eines Tempels. Diese Bilder bauen aufeinander auf und beschreiben unterschiedliche Seiten derselben Wirklichkeit. Die Erlösung durch Christus eröffnet nicht nur eine persönliche Beziehung zu Gott. Sie verbindet den Menschen zugleich mit einer Gemeinschaft, die ihre Identität und ihren Zusammenhalt aus Gottes Handeln empfängt.

Die Begriffe „Fremdlinge“ und „Gäste“ waren in der damaligen Gesellschaft leicht verständlich. Wer als Fremder in einer Stadt oder einem fremden Land lebte, besaß gewöhnlich nicht dieselben Rechte wie die anerkannten Bürger. Seine Stellung konnte eingeschränkt sein, und sein Aufenthalt bedeutete nicht automatisch eine dauerhafte Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Auch ein Gast durfte zwar aufgenommen und freundlich behandelt werden, doch er gehörte deshalb noch nicht notwendigerweise zum Haus oder zur Familie seines Gastgebers. Paulus verwendet diese Unterschiede, um den grundlegenden Wandel zu verdeutlichen, den Christus bewirkt hat. Die nichtjüdischen Gläubigen erhalten keinen bloß vorübergehenden Zugang zur Gemeinschaft Gottes. Sie werden nicht als Menschen geduldet, die zwar anwesend sein dürfen, aber weiterhin eine untergeordnete Stellung besitzen. Ihre frühere Fremdheit ist überwunden. In Christus sind sie zu Angehörigen derselben Gemeinschaft geworden, zu der auch die jüdischen Gläubigen gehören.

Mit der Bezeichnung „Mitbürger der Heiligen“ führt Paulus diesen Gedanken weiter. Das Wort „Mitbürger“ erinnert an die Zugehörigkeit zu einer geordneten Gemeinschaft, deren Mitglieder gemeinsame Rechte und eine gemeinsame Identität besitzen. Im Epheserbrief geht es dabei jedoch nicht um die Verleihung einer irdischen Staatsangehörigkeit. Paulus beschreibt die geistliche Zugehörigkeit zum Volk Gottes. Die Gläubigen aus den Völkern werden nicht nur von außen mit den Verheißungen Israels bekannt gemacht, sondern dürfen selbst an dem Heil teilhaben, das Gott durch Christus eröffnet hat. Diese Aussage steht in enger Verbindung mit der Verheißung an Abraham, durch dessen Nachkommen alle Völker gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Galater 3,26–29 erklärt, dass Menschen, die zu Christus gehören, durch den Glauben Gottes Kinder und Erben nach der Verheißung sind. Die gemeinsame Zugehörigkeit beruht somit nicht auf einer bestimmten Abstammung, sondern auf der Verbindung mit dem verheißenen Erlöser.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus von den „Heiligen“ spricht. Im Neuen Testament bezeichnet dieser Ausdruck nicht ausschließlich eine kleine Gruppe außergewöhnlicher Glaubenshelden, die aufgrund besonderer Leistungen eine höhere geistliche Stellung erreicht hätten. Bereits am Anfang des Epheserbriefes werden die christlichen Empfänger als Heilige angesprochen (Epheser 1,1). Heilig bedeutet in diesem Zusammenhang zunächst, dass Menschen Gott gehören und für ihn ausgesondert sind. Ihre besondere Stellung entsteht nicht aus eigener Vollkommenheit, sondern aus Gottes Berufung und dem Erlösungswerk Christi. Daraus erwächst allerdings die Verantwortung, auch entsprechend dieser Zugehörigkeit zu leben. Paulus fordert die Gläubigen später ausdrücklich zu einem Wandel auf, der ihrer Berufung würdig ist (Epheser 4,1). Wenn die nichtjüdischen Christen nun Mitbürger der Heiligen genannt werden, bedeutet dies deshalb, dass sie zur Gemeinschaft derjenigen gehören, die Gott für sich angenommen hat und deren Leben von seiner Heiligkeit geprägt werden soll.

Noch persönlicher wird die Aussage durch die Bezeichnung „Gottes Hausgenossen“. Während das Bild der Bürgerschaft vor allem die gemeinsame Zugehörigkeit und Stellung hervorhebt, führt das Bild des Hauses in die unmittelbare Nähe einer Familie. Ein Hausgenosse ist nicht bloß ein Besucher, sondern gehört zum Haushalt. In der antiken Welt umfasste ein Haushalt zwar häufig mehr als die engste Verwandtschaft, doch das Bild vermittelt hier vor allem eine feste Zugehörigkeit. Paulus hatte bereits in Epheser 1,5 erklärt, dass Gott die Gläubigen durch Jesus Christus zur Sohnschaft bestimmt hat. Nun zeigt er die gemeinschaftliche Bedeutung dieser Beziehung. Wer durch Christus zu Gott gehört, steht nicht isoliert vor seinem himmlischen Vater. Er wird zugleich mit anderen Menschen verbunden, die denselben Vater haben. Diese geistliche Familie entsteht nicht durch gemeinsame Herkunft, gesellschaftlichen Rang oder persönliche Sympathie. Ihre Grundlage ist Gottes Gnade. Deshalb können Menschen, die sich unter gewöhnlichen Umständen möglicherweise niemals als Angehörige derselben Gemeinschaft betrachtet hätten, in Christus zu Brüdern und Schwestern werden.

Diese neue Familienzugehörigkeit besitzt auch eine praktische Bedeutung. In einer Familie tragen die einzelnen Mitglieder Verantwortung füreinander. Sie sollen einander nicht bloß als Menschen betrachten, die zufällig denselben Ort besuchen oder dieselben religiösen Überzeugungen teilen. Die gemeinsame Beziehung zum Vater verbindet sie miteinander. Deshalb fordert Paulus in Galater 6,10 dazu auf, allen Menschen Gutes zu tun, besonders aber den Glaubensgenossen. Ebenso beschreibt er in Römer 12,10 eine geschwisterliche Liebe, in der sich die Gläubigen gegenseitig achten und wertschätzen sollen. Die Gemeinde ist damit mehr als eine äußere Organisation, die durch gemeinsame Regeln zusammengehalten wird. Sie soll eine Gemeinschaft sein, in der Gottes Liebe durch das tatsächliche Verhalten ihrer Mitglieder sichtbar wird. Das bedeutet nicht, dass innerhalb dieser Familie keine Meinungsverschiedenheiten oder Schwierigkeiten auftreten könnten. Doch die gemeinsame Zugehörigkeit zu Gott verpflichtet die Gläubigen, Konflikte nicht durch Verachtung, Gleichgültigkeit oder Selbstüberhebung zu vertiefen, sondern nach Versöhnung und gegenseitigem Verständnis zu suchen.

Mit Vers 20 wechselt Paulus vom Bild des Haushalts zu dem eines Bauwerks. Er erklärt, dass die Gläubigen „auferbaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten“ sind, während Jesus Christus selbst der Eckstein ist. Dadurch erhält die bisher beschriebene Gemeinschaft eine weitere Bedeutung. Eine Familie lebt von Beziehungen, ein Bauwerk dagegen benötigt eine tragfähige Grundlage und einen geordneten Aufbau. Paulus verbindet diese beiden Vorstellungen, um zu zeigen, dass Gottes Gemeinde sowohl durch lebendige Beziehungen als auch durch eine von Gott gegebene Grundlage bestimmt wird. Die christliche Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass Menschen beliebige religiöse Vorstellungen miteinander verbinden. Sie ist auf das Zeugnis gegründet, durch das Gott seine Wahrheit und sein Erlösungswerk bekannt gemacht hat. Dieses Fundament ist für die Gemeinde ebenso grundlegend wie das Fundament eines Gebäudes für dessen Bestand.

Die Erwähnung der Apostel und Propheten verlangt dabei eine genauere Erklärung. Apostel waren von Christus besonders beauftragte Zeugen und Verkündiger seines Evangeliums. Zu ihrer Aufgabe gehörte es, Jesu Leben, seinen Tod und seine Auferstehung zu bezeugen und die entstehenden Gemeinden in der Lehre Christi zu unterweisen. Die Propheten werden im Epheserbrief ebenfalls als Träger göttlicher Offenbarung genannt. In Epheser 3,5 erklärt Paulus, dass Gott das Geheimnis der gemeinsamen Zugehörigkeit von Juden und Nichtjuden nun seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart hat. Auch Epheser 4,11 nennt Propheten innerhalb der von Christus gegebenen Dienste der Gemeinde. Deshalb liegt es nahe, in Epheser 2,20 besonders an die apostolischen Zeugen und die prophetisch begabten Verkündiger der frühen christlichen Gemeinde zu denken. Zugleich darf die grundlegende Bedeutung der alttestamentlichen Propheten nicht übersehen werden, denn ihre Schriften bezeugten bereits Gottes Verheißungen, die in Jesus Christus ihre Erfüllung finden. Der unmittelbare Zusammenhang spricht jedoch besonders für die grundlegende Offenbarungs- und Verkündigungsaufgabe in der Entstehungszeit der christlichen Gemeinde.

Wenn Paulus diese Apostel und Propheten als Grundlage bezeichnet, bedeutet das nicht, dass sie unabhängig von Christus eine eigene Quelle der Erlösung wären. Ihre besondere Bedeutung beruht darauf, dass Gott durch ihr Zeugnis den auferstandenen Herrn und sein Evangelium bekannt gemacht hat. Die Gemeinde steht auf dem Fundament der von Christus beauftragten und durch den Geist geleiteten Verkündigung. In Apostelgeschichte 2,42 wird berichtet, dass die ersten Gläubigen beständig in der Lehre der Apostel blieben. Ihre Gemeinschaft war deshalb nicht allein durch gemeinsame religiöse Erfahrungen geprägt, sondern auch durch das verbindliche Zeugnis über Jesus Christus. Dieses apostolische Fundament bewahrt die Gemeinde davor, ihre Identität allein aus wechselnden menschlichen Meinungen abzuleiten. Zugleich darf die Bildsprache nicht zu einer Aussage überdehnt werden, die Paulus hier nicht trifft. Dass Apostel und Propheten eine grundlegende Aufgabe beim Aufbau der Gemeinde besitzen, bedeutet nicht automatisch, dass der Heilige Geist nach der apostolischen Zeit keinerlei prophetische Gabe mehr geben könnte. Die Frage nach der Fortdauer einzelner Geistesgaben muss anhand weiterer Bibelstellen untersucht werden.

Den entscheidenden Mittelpunkt dieses Fundaments nennt Paulus unmittelbar anschließend: Jesus Christus selbst ist der Eckstein. Der griechische Ausdruck akrogōniaios bezeichnet einen besonders wichtigen Stein an einer Ecke des Bauwerks. Im Zusammenhang von Epheser 2 gehört dieser Stein zur grundlegenden Konstruktion des Gebäudes. Ein solcher Eckstein war für die Ausrichtung und Verbindung der anschließenden Bauteile von großer Bedeutung. Das Bild unterstreicht deshalb die einzigartige Stellung Jesu Christi. Er ist nicht lediglich einer unter vielen bedeutenden Lehrern oder Verkündigern. Die gesamte Gemeinde ist auf ihn ausgerichtet. Das Zeugnis der Apostel und Propheten besitzt seine Bedeutung gerade deshalb, weil es auf Christus verweist und von ihm bestimmt wird. Ohne diese Verbindung könnte die Gemeinde ihre eigentliche Grundlage nicht bewahren. Der Eckstein ist somit nicht nur ein schmückender Bestandteil des Bauwerks, sondern entscheidend für dessen Zusammenhang und tragfähige Ordnung.

Diese Bildsprache besitzt eine wichtige alttestamentliche Grundlage. In Jesaja 28,16 kündigt Gott an, in Zion einen bewährten, kostbaren Eckstein als zuverlässige Grundlage zu legen. Die Verheißung steht in einem Zusammenhang, in dem menschliche Selbstsicherheit und falsches Vertrauen dem verlässlichen Handeln Gottes gegenübergestellt werden. Im Neuen Testament wird diese Vorstellung ausdrücklich auf Jesus Christus bezogen. Petrus verwendet in seinem ersten Brief das Bild des kostbaren Ecksteins und erklärt, dass die Gläubigen zu ihm kommen und selbst als lebendige Steine aufgebaut werden sollen (1. Petrus 2,4–6). Auch Psalm 118,22, der von dem durch die Bauleute verworfenen Stein spricht, der zum Eckstein geworden ist, wird auf Christus angewendet (Apostelgeschichte 4,10–11). Dadurch gewinnt das Bild eine zusätzliche Bedeutung. Gerade Jesus, der von Menschen verworfen und gekreuzigt wurde, ist durch Gottes Handeln zum entscheidenden Mittelpunkt seines Erlösungswerkes geworden. Was Menschen geringachteten, hat Gott zur unverzichtbaren Grundlage seiner neuen Gemeinschaft gemacht.

Dabei besteht kein Widerspruch zwischen Epheser 2,20 und der Aussage des Paulus in 1. Korinther 3,11, dass niemand einen anderen Grund legen könne als Jesus Christus. Die beiden Stellen verwenden das Bild des Bauwerks mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In 1. Korinther 3 betont Paulus, dass Christus die unersetzbare Grundlage der Gemeinde ist und jeder darauf aufbauende Dienst an ihm gemessen werden muss. In Epheser 2 beschreibt er dagegen, welche grundlegende Aufgabe das apostolische und prophetische Zeugnis innerhalb des von Christus bestimmten Bauwerks besitzt. Beide Aussagen gehören zusammen, wenn die Rolle der menschlichen Zeugen nicht von Christus getrennt wird. Weder ein Apostel noch ein Prophet kann selbst zum Erlöser oder zum unabhängigen Mittelpunkt des Glaubens werden. Die Gemeinde bleibt Gottes Bauwerk, dessen Bestand letztlich von Jesus Christus abhängt.

In Vers 21 führt Paulus das Bild weiter und beschreibt die Gemeinde als einen Bau, der in Christus zusammengefügt wird und zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst. Besonders bemerkenswert ist dabei die Verbindung zwischen Bauwerk und Wachstum. Ein gewöhnliches Gebäude wird aus unbelebten Steinen errichtet, die nach einem bestimmten Plan zusammengesetzt werden. Paulus verwendet dagegen die Sprache eines lebendigen Wachstums. Gottes Gemeinde ist kein starres Bauwerk, dessen Bedeutung allein in seiner äußeren Gestalt liegt. Sie besteht aus Menschen, die durch Christus neues Leben empfangen haben und in ihrer Beziehung zu ihm und zueinander wachsen sollen. Das griechische Wort, das das Zusammenfügen beschreibt, begegnet auch in Epheser 4,16. Dort verwendet Paulus es für den Leib Christi, dessen einzelne Glieder miteinander verbunden sind und zu seinem Wachstum beitragen. Beide Bilder machen deutlich, dass die Einheit der Gemeinde nicht in der bloßen Ansammlung vieler Menschen besteht. Ihre Glieder sollen miteinander verbunden sein und gemeinsam dem Ziel dienen, das Christus für seine Gemeinde vorgesehen hat.

Das Zusammenfügen der einzelnen Bestandteile besitzt deshalb eine tiefere geistliche Bedeutung. In einem Bauwerk kann ein Stein nicht völlig unabhängig von den übrigen Steinen seinen vorgesehenen Platz erfüllen. Er steht in einer Beziehung zur gesamten Konstruktion. Übertragen auf die Gemeinde bedeutet das, dass die Gläubigen nicht nur als einzelne Empfänger der Erlösung betrachtet werden dürfen. Jeder gehört zu einer Gemeinschaft, in der die Verbindung mit Christus zugleich Auswirkungen auf die Beziehung zu anderen Gläubigen hat. Dabei fordert das Bild keine vollständige Gleichförmigkeit aller Menschen. So wie verschiedene Bauteile unterschiedliche Aufgaben erfüllen können, besitzen auch die Glieder der Gemeinde unterschiedliche Gaben, Fähigkeiten und Verantwortungen. Paulus wird diesen Gedanken in Epheser 4,7–16 ausführlicher entwickeln. Entscheidend ist, dass diese Verschiedenheit nicht zur Zersplitterung führen soll. Die Gemeinde wächst dort ihrem göttlichen Auftrag entsprechend, wo ihre Glieder in Christus verbunden bleiben und ihre unterschiedlichen Gaben zum Aufbau des Ganzen einsetzen.

Besonders bedeutungsvoll ist das Ziel dieses Wachstums: Die Gemeinde soll ein heiliger Tempel im Herrn sein. Für die damaligen Leser war ein Tempel weit mehr als ein gewöhnliches Versammlungsgebäude. Im Alten Testament war das Heiligtum Israels in besonderer Weise mit der Gegenwart Gottes verbunden. Nachdem die Stiftshütte nach Gottes Anweisungen errichtet worden war, erfüllte seine Herrlichkeit das Heiligtum (2. Mose 40,34–35). Auch bei der Einweihung des salomonischen Tempels wird berichtet, dass die Herrlichkeit des Herrn das Haus erfüllte (1. Könige 8,10–11). Zugleich hatte Salomo ausdrücklich anerkannt, dass selbst die Himmel Gott nicht fassen können und ein von Menschen errichtetes Gebäude ihn nicht räumlich begrenzen kann (1. Könige 8,27). Der Tempel war deshalb nicht Gottes Wohnort im Sinne einer Einschränkung seiner Allgegenwart, sondern ein von ihm bestimmter Ort der Offenbarung, Anbetung und Begegnung mit seinem Volk.

Wenn Paulus nun die Gemeinde als heiligen Tempel bezeichnet, greift er diese bedeutungsvolle Bildwelt auf und wendet sie auf die Gemeinschaft der Erlösten an. Im Mittelpunkt steht nicht mehr ein bestimmtes irdisches Bauwerk, zu dem Menschen aufgrund ihrer Herkunft unterschiedlich weit Zugang haben. Die Gläubigen selbst werden gemeinsam als Gottes geistlicher Tempel beschrieben. Dabei bedeutet dies nicht, dass jeder einzelne Christ unabhängig von allen anderen einen vollständig eigenen Tempel bildet. Epheser 2 betont gerade den gemeinsamen Bau, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammengefügt werden. Eine ähnliche Aussage findet sich in 1. Korinther 3,16–17, wo Paulus die Gemeinde als Gottes Tempel bezeichnet und ihre Heiligkeit mit der Gegenwart des Geistes verbindet. Von diesem gemeinschaftlichen Bild ist die ebenfalls biblische Aussage zu unterscheiden, dass auch der Leib des einzelnen Gläubigen ein Tempel des Heiligen Geistes ist (1. Korinther 6,19). Beide Gedanken gehören zusammen, besitzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Epheser 2 richtet den Blick vor allem auf die Gemeinde als gemeinsame Wohnstätte Gottes.

Dass Paulus diesen Tempel als „heilig“ bezeichnet, macht zugleich deutlich, dass die neue Gemeinschaft eine besondere Verantwortung trägt. Heiligkeit bedeutet zunächst, dass der Tempel Gott gehört und seiner Gegenwart geweiht ist. Daraus folgt aber auch, dass das Leben derer, die zu diesem geistlichen Haus gehören, seinem Wesen entsprechen soll. Die Gemeinde kann nicht glaubwürdig als Wohnstätte Gottes bezeichnet werden und zugleich bewusst an einer Lebensweise festhalten, die seinem Willen widerspricht. Paulus spricht deshalb an anderer Stelle eine ernste Warnung aus, wenn er erklärt, dass Gottes Tempel heilig ist und niemand ihn verderben darf (1. Korinther 3,16–17). Die besondere Stellung der Gemeinde ist kein Anlass zu Selbstüberhebung, sondern verpflichtet zu Ehrfurcht, Reinheit und gegenseitiger Verantwortung. Auch die Einheit der Gläubigen darf nicht durch Stolz, Machtstreben oder bewusste Ungerechtigkeit zerstört werden. Wer zur Gemeinschaft Gottes gehört, ist dazu berufen, dessen Charakter im gemeinsamen Leben widerzuspiegeln.

Dabei ist die Heiligkeit dieses geistlichen Tempels nicht das Ergebnis einer vom Menschen unabhängig hervorgebrachten Vollkommenheit. Paulus erklärt ausdrücklich, dass der Bau „im Herrn“ wächst. Die Gemeinde besitzt ihre Heiligkeit und ihren Zusammenhalt durch ihre Verbindung mit Christus. Ohne ihn wäre sie lediglich eine menschliche Gemeinschaft, die zwar religiöse Ziele verfolgen könnte, aber nicht aus eigener Kraft die Gegenwart Gottes hervorbringen würde. Jesus selbst hatte seinen Jüngern erklärt, dass sie ohne ihn keine bleibende geistliche Frucht bringen können (Johannes 15,4–5). Das gilt nicht nur für den einzelnen Gläubigen, sondern ebenso für die Gemeinde als Ganzes. Ihre geistliche Lebendigkeit hängt nicht letztlich von ihrer Größe, ihrem gesellschaftlichen Einfluss oder ihren äußeren Einrichtungen ab. Diese Dinge können für bestimmte Aufgaben hilfreich sein, ersetzen aber nicht die Gemeinschaft mit Christus. Ein heiliger Tempel entsteht dort, wo Menschen durch ihn mit Gott verbunden werden und sich von seiner Wahrheit und seinem Geist prägen lassen.

Mit Vers 22 kehrt Paulus ausdrücklich zu seinen nichtjüdischen Lesern zurück: „in welchem auch ihr miterbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist“. Die beiden Worte „auch ihr“ sind im Zusammenhang des gesamten zweiten Kapitels besonders bedeutsam. Zu Beginn des Abschnitts hatte Paulus seine Leser daran erinnert, dass sie einst von der Bürgerschaft Israels entfremdet und den Bündnissen der Verheißung fremd waren. Nun erklärt er ihnen, dass sie selbst zu dem geistlichen Bauwerk gehören, in dem Gott wohnen will. Sie stehen nicht außerhalb des Tempels und dürfen auch nicht nur einen entfernten Vorhof betreten. Sie werden gemeinsam mit den übrigen Gläubigen in Gottes Haus eingebaut. Ihre Zugehörigkeit ist nicht bloß eine höfliche Aufnahme in eine schon bestehende Gemeinschaft, sondern ein wirklicher Anteil an dem neuen geistlichen Bau, den Christus entstehen lässt. Gerade darin erreicht die Erklärung der überwundenen Trennung ihren Höhepunkt: Menschen, die einst fern waren, gehören nun selbst zu Gottes Wohnstätte.

Das verwendete Verb beschreibt einen fortdauernden Aufbau. Paulus stellt die Gemeinde nicht als ein bereits vollständig abgeschlossenes Gebäude dar, an dem nichts mehr verändert werden müsste. Sie befindet sich vielmehr in einem Prozess des Zusammengefügt- und Aufgebautwerdens. Dieser Gedanke besitzt eine wichtige Bedeutung für das Verständnis christlicher Gemeinschaft. Gott hat seine Gemeinde durch Christus gegründet und ihr eine tragfähige Grundlage gegeben, doch ihr Wachstum und ihre geistliche Reifung gehören weiterhin zu seinem Wirken. Menschen kommen zum Glauben hinzu, werden im Verständnis der Wahrheit unterwiesen und lernen, ihre Gaben zum Dienst an anderen einzusetzen. Zugleich müssen bestehende Schwächen überwunden, falsche Haltungen abgelegt und beschädigte Beziehungen geheilt werden. Der Aufbau der Gemeinde ist daher nicht allein eine Frage ihrer zahlenmäßigen Vergrößerung. Er umfasst auch ihre innere Entwicklung zu einer Gemeinschaft, in der Glaube, Liebe, Wahrheit und Heiligkeit zunehmend sichtbar werden.

Die abschließende Bezeichnung „Behausung Gottes“ fasst die Tempelvorstellung besonders eindrücklich zusammen. Gottes Ziel besteht nicht lediglich darin, Menschen unter einer gemeinsamen religiösen Ordnung zu versammeln. Er will durch seinen Geist in ihrer Mitte gegenwärtig sein. Bereits in 2. Mose 25,8 hatte Gott Israel aufgefordert, ihm ein Heiligtum zu errichten, damit er unter ihnen wohne. Später verhieß er durch die Propheten, dass er seinem Volk ein neues Herz schenken und seinen Geist in sein Inneres legen werde (Hesekiel 36,26–27). Diese Verheißung verbindet Gottes Gegenwart ausdrücklich mit einer inneren Erneuerung. In Epheser 2,22 wird deutlich, dass der Heilige Geist auch für die neue Gemeinschaft aus Juden und Nichtjuden von entscheidender Bedeutung ist. Er ist nicht nur eine zusätzliche Gabe, die einzelne Menschen für bestimmte Aufgaben befähigt. Durch ihn wird Gottes Gegenwart innerhalb seiner Gemeinde Wirklichkeit. Der Tempel, von dem Paulus spricht, ist deshalb ein geistlicher Bau, dessen Leben von der Gemeinschaft mit Gott abhängt.

Diese Aussage darf allerdings nicht so missverstanden werden, als sei Gott nur dort gegenwärtig, wo Menschen ein bestimmtes religiöses Gebäude betreten oder sich einer besonderen äußeren Organisation anschließen. Paulus bezeichnet die Gläubigen selbst als Gottes Wohnstätte. Die Gemeinschaft der Erlösten erhält ihre Bedeutung durch die Gegenwart des Heiligen Geistes und ihre Verbindung mit Jesus Christus. Ein Versammlungsort kann für Gottesdienst, Unterweisung und gemeinsames Gebet wichtig sein, doch seine Wände machen ihn nicht automatisch zu dem geistlichen Tempel, den Epheser 2 beschreibt. Ebenso wenig bedeutet die Gegenwart Gottes durch seinen Geist, dass jeder Gedanke oder jede Entscheidung einer christlichen Gemeinde zwangsläufig richtig wäre. Gottes Wort bleibt der Maßstab, an dem Lehre und Leben geprüft werden müssen. Gerade weil die Gemeinde Gottes Wohnstätte sein soll, ist sie auf beständige geistliche Erneuerung, Wahrhaftigkeit und die Leitung des Heiligen Geistes angewiesen.

Die Vorstellung eines geistlichen Tempels ersetzt auch nicht sämtliche anderen Aussagen des Neuen Testaments über das Heiligtum und den Dienst Jesu Christi. Der Hebräerbrief beschreibt Christus ausdrücklich als den himmlischen Hohenpriester, der seinen Dienst im wahren, von Gott errichteten Heiligtum ausübt (Hebräer 8,1–2). Epheser 2 spricht dagegen von der Gemeinde als Wohnstätte Gottes durch seinen Geist. Beide Aussagen verwenden die Heiligtumssprache, um unterschiedliche Seiten des Erlösungswerkes zu erklären. Die eine richtet den Blick auf den erhöhten Christus und seinen himmlischen Dienst, die andere auf Gottes Gegenwart unter den Erlösten. Es wäre deshalb nicht gerechtfertigt, aus der geistlichen Tempelvorstellung des Epheserbriefes abzuleiten, dass es keinen himmlischen Heiligtumsdienst Christi geben könne. Ebenso wenig soll die Gemeinde als ein zweites, von Christus unabhängiges Heiligtum verstanden werden. Ihre gesamte geistliche Bedeutung entsteht aus ihrer Verbindung mit dem auferstandenen Herrn.

Am Ende des Kapitels steht damit ein außergewöhnliches Bild der göttlichen Erlösung. Paulus hat den Menschen zunächst als geistlich tot und von Gott entfremdet beschrieben. Durch Gottes Barmherzigkeit erhält er in Christus neues Leben. Menschen, die früher außerhalb der besonderen Bundesgemeinschaft Israels standen, werden durch das Opfer Jesu nahegebracht. Die einstige Trennung zwischen Juden und Nichtjuden verliert ihre Macht, den gemeinsamen Zugang zu Gott zu verhindern. Schließlich werden die Erlösten als Mitbürger, Hausgenossen und Bestandteile eines geistlichen Tempels beschrieben. Diese Bilder zeigen, wie umfassend Gottes rettendes Handeln ist. Es verändert nicht nur die Vergangenheit des Menschen durch die Vergebung seiner Schuld, sondern schenkt ihm eine neue Zugehörigkeit, eine neue Lebensrichtung und einen Platz innerhalb der Gemeinschaft Gottes.

Der letzte Gedanke gehört dabei ganz der Gegenwart Gottes. Die Gemeinde ist nicht selbst das Ziel der Erlösung, als ginge es lediglich darum, möglichst viele Menschen in einer religiösen Gemeinschaft zusammenzuführen. Ihr eigentlicher Mittelpunkt ist Gott, der durch Jesus Christus die Erlösung ermöglicht hat und durch seinen Geist unter den Gläubigen wohnen will. Deshalb erhält alles, was Paulus zuvor über Gnade, Glauben, Versöhnung und Einheit gesagt hat, in diesem Bild seinen tieferen Zusammenhang. Menschen werden nicht nur von ihrer Schuld befreit, sondern in eine lebendige Gemeinschaft mit ihrem Schöpfer zurückgeführt. Sie werden nicht nur einzeln angenommen, sondern miteinander verbunden. Und sie werden nicht nur für das gegenwärtige Leben erneuert, sondern zu einer Gemeinschaft aufgebaut, in der Gottes Wesen und seine rettende Liebe sichtbar werden sollen. So endet Epheser 2 mit der Verheißung einer Nähe, die der Mensch aus eigener Kraft niemals hätte herstellen können: Gott selbst will durch seinen Geist unter den Menschen wohnen, die er durch Jesus Christus erlöst hat.

Geistliche Kernbotschaft

Die zentrale Botschaft von Epheser 2 besteht darin, dass Gottes Gnade einen Menschen nicht nur von seiner Schuld befreit, sondern sein Leben und seine Beziehungen grundlegend erneuert. Der Mensch findet den Weg zurück zu Gott nicht durch eigene Anstrengung, religiöse Verdienste oder eine besondere Herkunft. Seine Rettung beginnt mit Gottes Liebe, die ihm entgegenkommt, obwohl er sich selbst nicht aus der Macht der Sünde befreien kann. Darin offenbart sich das Wesen des göttlichen Erlösungsplans. Gott begegnet dem Sünder nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber seiner Schuld, aber auch nicht mit dem Wunsch, ihn in seiner Verlorenheit zurückzulassen. Seine Barmherzigkeit führt dazu, dass er durch Jesus Christus eine wirkliche Wiederherstellung ermöglicht. Der Mensch soll nicht nur erfahren, dass seine Vergangenheit vergeben ist, sondern in eine neue Gemeinschaft mit seinem Schöpfer eintreten.

Diese Botschaft verändert auch das Verständnis von wahrer Gerechtigkeit. Solange ein Mensch glaubt, er müsse sich Gottes Annahme durch eigene Leistungen verdienen, wird seine Beziehung zu Gott von der Frage bestimmt, ob er bereits genug getan hat. Daraus können entweder Selbstgerechtigkeit oder tiefe Verzweiflung entstehen. Wer sich für besonders gehorsam hält, gerät leicht in die Versuchung, sich über andere zu erheben. Wer dagegen seine Schwächen erkennt, kann meinen, niemals gut genug zu sein, um von Gott angenommen zu werden. Das Evangelium führt aus beiden Irrwegen heraus. Die Grundlage der Erlösung liegt nicht in der menschlichen Leistung, sondern in Jesus Christus. Gerade deshalb verliert der Gehorsam nicht seine Bedeutung. Er erhält vielmehr seinen richtigen Platz. Ein Leben nach Gottes Willen soll nicht aus dem Versuch entstehen, seine Liebe zu erkaufen, sondern aus dem Vertrauen auf den Erlöser, der den Menschen angenommen hat und ihn durch seine Gnade verändert. Gute Werke sind nicht die Voraussetzung dafür, Gottes Liebe zu verdienen, sondern eine Frucht des neuen Lebens, das aus dieser Liebe hervorgeht.

Darüber hinaus zeigt Epheser 2, dass Gottes Erlösung den Menschen nicht in eine isolierte Beziehung zu ihm führt. Wer durch Christus zum Vater kommt, wird zugleich mit anderen Menschen verbunden, die denselben Weg der Gnade gehen. Damit besitzt das Evangelium eine gemeinschaftliche Bedeutung, die nicht übersehen werden darf. Menschliche Unterschiede in Herkunft, gesellschaftlicher Stellung oder religiöser Vergangenheit dürfen nicht darüber entscheiden, welchen Wert ein Mensch innerhalb der Gemeinschaft Gottes besitzt. Alle, die zu Christus gehören, stehen auf derselben Grundlage: Sie benötigen seine Vergebung, werden durch seine Gnade angenommen und sind auf das Wirken seines Geistes angewiesen. Diese gemeinsame Abhängigkeit von Gott schafft keinen Raum für geistliche Überheblichkeit. Sie führt vielmehr zu Demut und gegenseitiger Achtung. Gleichzeitig verlangt echte Einheit nicht, dass Wahrheit, Gottes Gebote oder persönliche Verantwortung bedeutungslos werden. Vielmehr soll die von Christus geschaffene Gemeinschaft gerade dadurch sichtbar werden, dass ihre Mitglieder gemeinsam nach Gottes Willen leben und einander in Liebe begegnen.

Besonders tief reicht schließlich die Aussage, dass Gott durch seinen Geist unter den Erlösten wohnen will. Sie macht deutlich, welches Ziel Gottes rettendes Handeln verfolgt. Es geht nicht lediglich darum, Menschen vor den Folgen ihrer Sünden zu bewahren oder ihnen eine zukünftige Hoffnung zu schenken. Gott möchte die Gemeinschaft wiederherstellen, die durch die Sünde zerstört wurde. Deshalb führt die Erlösung von der Vergebung zur Erneuerung, von der Entfremdung zur Zugehörigkeit und von einem selbstbestimmten Leben zur lebendigen Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater. Die Gemeinde soll diese Wirklichkeit schon heute widerspiegeln. Dort, wo Menschen Christus als ihren Herrn anerkennen, sich durch sein Wort verändern lassen und im Geist der Liebe miteinander leben, wird etwas von Gottes Wesen sichtbar. Epheser 2 offenbart damit eine umfassende Hoffnung: Gottes Gnade ist mächtig genug, den Menschen aus seiner tiefsten Verlorenheit herauszuführen und ihn zu einem Teil jener Gemeinschaft zu machen, in der Gott selbst gegenwärtig sein will.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Aussagen über Gottes rettende Gnade stehen in enger Verbindung mit Römer 5,6–11 und Titus 3,3–7. Im Römerbrief erklärt Paulus, dass Christus für die Menschen gestorben ist, als sie noch Sünder und Feinde Gottes waren. Damit wird die Bedeutung der göttlichen Liebe vertieft: Gottes rettendes Handeln ist nicht die Antwort auf eine zuvor erworbene menschliche Würdigkeit. Die Versöhnung beginnt bei ihm. Titus 3 erweitert diesen Gedanken, indem dort die Rettung nicht auf Werke menschlicher Gerechtigkeit, sondern auf Gottes Barmherzigkeit zurückgeführt und mit der Erneuerung durch den Heiligen Geist verbunden wird. Beide Stellen helfen, die Aussagen von Epheser 2 über Gnade, Glauben und neues Leben richtig einzuordnen. Gottes Erlösung umfasst die Vergebung der Schuld und die Erneuerung des Menschen. Dabei darf die innere Veränderung nicht zu einer zusätzlichen Leistung gemacht werden, durch die der Mensch seine Annahme bei Gott erst verdienen müsste. Sie gehört vielmehr zu dem Heil, das Gott ihm aus Gnade schenkt.

Eine besonders bedeutsame alttestamentliche Verbindung findet sich in Hesekiel 36,25–27 und Jeremia 31,31–34. Dort verheißt Gott seinem Volk eine grundlegende innere Erneuerung. Er kündigt an, ein neues Herz zu schenken, seinen Geist in die Menschen zu legen und seine Weisung in ihr Inneres zu schreiben. Diese Verheißungen zeigen, dass die Verbindung zwischen Gnade und Gehorsam keine erst im Neuen Testament entstandene Vorstellung ist. Schon die Propheten machten deutlich, dass eine äußerliche Zugehörigkeit zum Bundesvolk allein nicht genügt. Der Mensch benötigt ein erneuertes Herz, damit Gottes Wille nicht nur als äußere Forderung vor ihm steht, sondern sein Denken und Handeln prägt. Epheser 2,10 beschreibt eine damit eng verwandte Wirklichkeit: Die Gläubigen sind in Christus neu geschaffen, damit sie in guten Werken leben. Die neue Schöpfung bedeutet also nicht, dass Gottes Maßstäbe für Gerechtigkeit und Heiligkeit ihre Bedeutung verlieren. Vielmehr ermöglicht Gottes erneuerndes Handeln ein Leben, in dem sein Wille zunehmend verwirklicht wird. Römer 8,3–4 bestätigt diesen Zusammenhang, indem Paulus erklärt, dass Gott durch Christus und den Geist das bewirkt, was der Mensch unter der Herrschaft der Sünde aus eigener Kraft nicht erreichen konnte.

Die Einbeziehung der nichtjüdischen Gläubigen steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Gottes Verheißung an Abraham. Bereits in 1. Mose 12,3 kündigte Gott an, dass durch Abraham alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten. Diese Zusage war von Anfang an umfassender als die Geschichte eines einzelnen Volkes. Galater 3,26–29 erklärt, dass Menschen, die zu Christus gehören, durch den Glauben Gottes Kinder und Erben nach der Verheißung sind. Damit wird verständlich, weshalb Paulus in Epheser 2 die frühere Fremdheit der Nichtjuden und ihre neue Zugehörigkeit so ausführlich behandelt. Ihre Aufnahme ist kein von Gottes bisherigen Verheißungen unabhängiger Erlösungsweg. Vielmehr erhalten sie durch Christus Anteil an dem Heil, das Gott innerhalb seiner Geschichte mit Israel angekündigt hatte. Römer 11,17–24 ergänzt diesen Gedanken durch das Bild des Ölbaums. Menschen aus den Völkern werden dort mit wilden Zweigen verglichen, die eingepfropft werden und an der Wurzel Anteil erhalten. Paulus warnt sie ausdrücklich davor, sich über die natürlichen Zweige zu erheben. So bewahren diese Stellen die neue Einheit in Christus vor einer falschen Schlussfolgerung: Die volle Zugehörigkeit nichtjüdischer Gläubiger bedeutet nicht, dass Gottes Geschichte mit Israel bedeutungslos geworden wäre oder christliche Überheblichkeit gerechtfertigt werden könnte.

Eine besonders deutliche sprachliche Verbindung besteht zwischen Epheser 2,17 und Jesaja 57,19. Bei Jesaja verheißt Gott den Fernen und Nahen Frieden und verbindet diesen Zuspruch mit seiner heilenden Zuwendung. Die Friedensverheißung steht dort innerhalb einer Botschaft, in der Gott trotz menschlicher Untreue Wiederherstellung anbietet. Epheser 2 nimmt diese charakteristische Formulierung auf und bezieht sie auf die durch Christus ermöglichte Gemeinschaft von Juden und Nichtjuden. Die ursprüngliche Verheißung wird dadurch nicht bedeutungslos. Vielmehr gewinnt sie im Licht des Erlösungswerkes Jesu eine weiterführende Anwendung. Besonders anschaulich wird die geschichtliche Verwirklichung dieser Friedensbotschaft in Apostelgeschichte 10 und 11. Als der nichtjüdische Hauptmann Kornelius und die Menschen seines Hauses das Evangelium hörten und den Heiligen Geist empfingen, wurde sichtbar, dass Gott Menschen aus den Völkern in seine Gemeinschaft aufnahm. Petrus musste erkennen, dass er diejenigen nicht ausschließen durfte, denen Gott selbst seine Gabe verliehen hatte. Diese Ereignisse helfen zu verstehen, dass die gemeinsame Zugehörigkeit in Christus nicht nur eine zukünftige Hoffnung oder eine abstrakte Lehre war, sondern bereits im Leben der ersten christlichen Gemeinden konkrete Gestalt annahm.

Das abschließende Bild des geistlichen Tempels wird besonders durch 1. Petrus 2,4–6 und 1. Korinther 3,9–17 vertieft. Petrus bezeichnet Jesus Christus als den lebendigen, von Gott erwählten Stein und beschreibt die Gläubigen als lebendige Steine, die zu einem geistlichen Haus aufgebaut werden. Paulus wiederum erklärt den Korinthern, dass die Gemeinde Gottes Tempel ist und Gottes Geist in ihr wohnt. Diese Aussagen ergänzen Epheser 2,19–22, indem sie sowohl die einzigartige Stellung Christi als auch die Verantwortung der Gemeinde hervorheben. Christus ist der tragende Mittelpunkt; die Gläubigen gehören als miteinander verbundene Menschen zu Gottes Bauwerk. Die Tempelmetapher beschreibt deshalb nicht bloß eine religiöse Organisationsform, sondern eine Gemeinschaft, die Gott gehört und in der sein Geist wirken soll. Einen besonders weitreichenden Ausblick eröffnet schließlich Offenbarung 21,3. Dort wird Gottes endgültige Gegenwart bei den Menschen verkündigt. In Offenbarung 21,22 wird zudem erklärt, dass im neuen Jerusalem kein gesonderter Tempel benötigt wird, weil Gott der Herr und das Lamm selbst sein Tempel sind. Während Epheser 2 die gegenwärtige Gemeinde als Wohnstätte Gottes durch seinen Geist beschreibt, richtet die Offenbarung den Blick auf die vollendete Gemeinschaft mit Gott. Beide Aussagen gehören zur umfassenden biblischen Hoffnung, dass die durch die Sünde gestörte Beziehung zwischen Gott und den Menschen endgültig wiederhergestellt wird.

Wichtige Lektionen

Eine der wichtigsten praktischen Lehren aus Epheser 2 besteht darin, das eigene geistliche Leben nicht auf persönliche Leistungen zu gründen. Gerade ernsthafte Christen können in die Gefahr geraten, ihren Wert vor Gott daran zu messen, wie viel sie bereits überwunden haben, wie umfangreich ihr Bibelwissen ist oder wie zuverlässig sie bestimmte religiöse Pflichten erfüllen. Ein gehorsames Leben ist wichtig, doch sobald der Mensch daraus einen Anspruch auf Gottes Annahme ableitet, verliert er das eigentliche Wesen der Gnade aus dem Blick. Wer dagegen seine Erlösung als Geschenk Gottes versteht, kann mit einer anderen inneren Haltung leben. Er braucht seine Schwächen nicht zu verbergen, um vor Gott besser zu erscheinen, sondern darf sie ehrlich bekennen und seine Hilfe suchen. Ebenso muss er sich seiner geistlichen Fortschritte nicht rühmen, als hätte er sie unabhängig von Gottes Wirken hervorgebracht. Diese Haltung führt zu Demut, Dankbarkeit und einem Vertrauen, das auch dann bestehen kann, wenn der eigene Glaubensweg noch von Kämpfen und Unvollkommenheiten geprägt ist.

Zugleich fordert das Kapitel dazu heraus, den Glauben nicht auf ein bloßes Bekenntnis zu beschränken. Paulus verbindet die neue Schöpfung ausdrücklich mit einem Lebenswandel, in dem gute Werke sichtbar werden sollen. Deshalb stellt sich für jeden Gläubigen die Frage, ob seine Beziehung zu Christus auch seine alltäglichen Entscheidungen verändert. Ein ehrlicher Umgang mit Geld, die Bereitschaft zur Vergebung, Zuverlässigkeit bei übernommenen Aufgaben, ein respektvoller Umgang mit Familienmitgliedern und die Hilfe für Menschen in Not können Ausdruck eines solchen Lebens sein. Dabei geht es nicht darum, durch möglichst viele gute Taten religiöse Anerkennung zu gewinnen. Entscheidend ist, dass Gottes Wille zunehmend zum Maßstab des eigenen Handelns wird. Wer beispielsweise erkennt, dass er einen anderen Menschen ungerecht behandelt hat, soll sich nicht mit einem allgemeinen Bekenntnis zur christlichen Liebe zufriedengeben. Er ist aufgerufen, sein Verhalten zu überprüfen, seine Schuld einzugestehen und nach Möglichkeit wiedergutzumachen, was er beschädigt hat. Auf diese Weise wird sichtbar, dass die erneuernde Gnade Gottes nicht nur die Überzeugungen, sondern auch den Charakter eines Menschen prägen soll.

Eine weitere wichtige Lektion betrifft den Umgang mit Menschen, deren Herkunft, religiöse Vergangenheit oder gesellschaftliche Stellung sich von der eigenen unterscheidet. Paulus erinnert seine Leser daran, dass Christus aus zuvor getrennten Gruppen eine gemeinsame Glaubensgemeinschaft geschaffen hat. Deshalb darf die Gemeinde keine Haltung entwickeln, in der Menschen aufgrund ihrer Vergangenheit oder Herkunft grundsätzlich als weniger wertvoll behandelt werden. Wer selbst nur durch Gottes Gnade angenommen wurde, besitzt keinen Anlass, andere mit Verachtung zu betrachten. Diese Wahrheit wird besonders dort praktisch, wo Menschen neu zum Glauben kommen. Vielleicht kennen sie viele biblische Zusammenhänge noch nicht, haben andere Gewohnheiten oder benötigen Zeit, um ihr bisheriges Leben neu auszurichten. Eine christliche Gemeinschaft soll ihnen deshalb mit Geduld, Wahrhaftigkeit und liebevoller Unterstützung begegnen. Das bedeutet nicht, dass biblische Wahrheit verschwiegen oder sündiges Verhalten für bedeutungslos erklärt werden müsste. Vielmehr sollen Wahrheit und Liebe gemeinsam sichtbar werden. Menschen benötigen klare Orientierung, aber ebenso eine Gemeinschaft, in der sie auf ihrem Weg mit Christus begleitet werden.

Auch für Konflikte innerhalb der Gemeinde ergibt sich daraus eine konkrete Verantwortung. Wo Menschen miteinander leben und arbeiten, können Missverständnisse, unterschiedliche Auffassungen und persönliche Verletzungen entstehen. Epheser 2 erinnert daran, dass die Einheit der Gläubigen nicht auf ihrer gegenseitigen Fehlerlosigkeit beruht, sondern auf der Versöhnung, die Christus ermöglicht hat. Deshalb sollte ein Christ nicht vorschnell die Gemeinschaft mit anderen aufgeben, nur weil Meinungsverschiedenheiten auftreten. Er ist vielmehr aufgerufen, zuzuhören, eigene Fehler einzugestehen und nach Wegen des Friedens zu suchen. Wo tatsächliches Unrecht geschehen ist, verlangt Versöhnung allerdings mehr als freundliche Worte. Sie schließt die Bereitschaft ein, Verantwortung zu übernehmen, Wahrheit anzuerkennen und notwendige Veränderungen vorzunehmen. Ebenso bedeutet Frieden nicht, dass verletzende oder missbräuchliche Verhaltensweisen geduldet werden müssten. Die von Christus geschaffene Einheit soll auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe beruhen. Gerade dadurch unterscheidet sie sich von einer äußerlichen Harmonie, die Konflikte lediglich verdeckt.

Das Bild des geistlichen Tempels fordert schließlich dazu auf, die eigene Verantwortung innerhalb der Gemeinschaft Gottes ernst zu nehmen. Kein Gläubiger soll sich als bedeutungslos betrachten, nur weil er keine öffentlich sichtbare Aufgabe besitzt. Wenn die Gemeinde aus lebendigen Steinen aufgebaut wird, gehört jeder Mensch, den Gott in diese Gemeinschaft stellt, zu einem größeren Ganzen. Nicht alle besitzen dieselben Fähigkeiten, und nicht jeder Dienst wird von anderen wahrgenommen. Dennoch können aufrichtige Fürbitte, ein ermutigendes Gespräch, praktische Hilfe, treue Mitarbeit oder die geduldige Begleitung eines anderen Menschen wesentlich zum geistlichen Wachstum der Gemeinde beitragen. Ebenso wenig darf jemand seine besonderen Gaben dazu benutzen, sich über andere zu erheben. Das Ziel des gemeinsamen Dienstes besteht nicht darin, einzelne Menschen besonders hervorzuheben, sondern Christus zu ehren und seine Gemeinde aufzubauen.

Damit verbindet sich eine ernste Frage nach der geistlichen Ausrichtung christlicher Gemeinschaften. Eine Gemeinde kann über Gebäude, Veranstaltungen, gut organisierte Abläufe und zahlreiche Aktivitäten verfügen. Diese Dinge können hilfreich sein, ersetzen jedoch nicht die lebendige Beziehung zu Jesus Christus. Wenn Paulus die Gläubigen als Wohnstätte Gottes durch seinen Geist beschreibt, erinnert er daran, dass die Gegenwart Gottes nicht durch menschliche Organisation hergestellt werden kann. Sie ist ein Geschenk, das die Gemeinde in Ehrfurcht und Verantwortung empfangen soll. Deshalb benötigen Christen neben allen äußeren Aufgaben genügend Raum für das Gebet, das gemeinsame Studium der Heiligen Schrift, die Prüfung ihres Lebens und die Bereitschaft, sich durch Gottes Wort korrigieren zu lassen. Eine geistlich lebendige Gemeinde zeichnet sich nicht allein durch das aus, was sie organisiert, sondern besonders dadurch, ob ihre Mitglieder in der Wahrheit wachsen, einander in Liebe dienen und Christus als Mittelpunkt ihres gemeinsamen Lebens anerkennen.

Schließlich schenkt Epheser 2 eine Hoffnung, die besonders für Menschen bedeutsam ist, die sich aufgrund ihrer Vergangenheit weit von Gott entfernt fühlen. Vielleicht trägt jemand Schuld mit sich, hat über Jahre falsche Entscheidungen getroffen oder meint, für eine echte Beziehung zu Gott nicht mehr geeignet zu sein. Die Botschaft dieses Kapitels richtet den Blick jedoch nicht zuerst auf die Größe menschlichen Versagens, sondern auf die Größe der göttlichen Barmherzigkeit. Wer seine Schuld erkennt und sich im Glauben Jesus Christus zuwendet, darf darauf vertrauen, dass Gottes Gnade mächtiger ist als seine Vergangenheit. Eine solche Hoffnung macht die Folgen früherer Entscheidungen nicht automatisch ungeschehen und nimmt dem Menschen nicht die Verantwortung, entstandenen Schaden nach Möglichkeit wiedergutzumachen. Sie bedeutet aber, dass die Vergangenheit nicht das letzte Wort über seine Beziehung zu Gott behalten muss. In Christus ist ein neuer Anfang möglich, der sich in einem erneuerten Denken, veränderten Entscheidungen und einer wachsenden Gemeinschaft mit Gott entfalten darf.

So ruft Epheser 2 zu einem Glauben auf, der seine Sicherheit in Gottes Gnade findet, seine Orientierung aus Gottes Willen empfängt und seine Echtheit im täglichen Leben erkennen lässt. Der erlöste Mensch darf wissen, dass er nicht mehr als Fremder vor Gott steht, sondern durch Jesus Christus zum himmlischen Vater kommen kann. Aus dieser Gewissheit erwachsen Dankbarkeit, Gehorsam und die Bereitschaft, anderen Menschen mit derselben Barmherzigkeit zu begegnen, die man selbst erfahren hat. Wer sein Leben auf Christus gründet, wird nicht nur für sich selbst erneuert, sondern darf auch am Aufbau jener Gemeinschaft mitwirken, in der Gottes Liebe, Wahrheit und Heiligkeit sichtbar werden.