Epheser 1
Paulus, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, den Heiligen zu Ephesus und Gläubigen an Christum Jesum:
23 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Paulus, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, den Heiligen zu Ephesus und Gläubigen an Christum Jesum:
- 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem HERRN Jesus Christus!
- 3 Gelobet sei Gott und der Vater unsers HERRN Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christum;
- 4 wie er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe;
- 5 und hat uns verordnet zur Kindschaft gegen sich selbst durch Jesum Christum nach dem Wohlgefallen seines Willens,
- 6 zu Lob seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten,
- 7 an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade,
- 8 welche uns reichlich widerfahren ist durch allerlei Weisheit und Klugheit;
- 9 und er hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Wohlgefallen, so er sich vorgesetzt hatte in ihm,
- 10 daß es ausgeführt würde, da die Zeit erfüllet war, auf daß alle Dinge zusammengefaßt würden in Christo, beide, das im Himmel und auf Erden ist, durch ihn,
- 11 durch welchen wir auch zum Erbteil gekommen sind, die wir zuvor verordnet sind nach dem Vorsatz des, der alle Dinge wirkt nach dem Rat seines Willens,
- 12 auf daß wir etwas seien zu Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christum hofften;
- 13 durch welchen auch ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, das Evangelium von eurer Seligkeit; durch welchen ihr auch, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung,
- 14 welcher ist das Pfand unsers Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir sein Eigentum würden zu Lob seiner Herrlichkeit.
- 15 Darum auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den HERRN Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen,
- 16 höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet,
- 17 daß der Gott unsers HERRN Jesus Christi, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung zu seiner selbst Erkenntnis
- 18 und erleuchtete Augen eures Verständnisses, daß ihr erkennen möget, welche da sei die Hoffnung eurer Berufung, und welcher sei der Reichtum seines herrlichen Erbes bei seinen Heiligen,
- 19 und welche da sei die überschwengliche Größe seiner Kraft an uns, die wir glauben nach der Wirkung seiner mächtigen Stärke,
- 20 welche er gewirkt hat in Christo, da er ihn von den Toten auferweckt hat und gesetzt zu seiner Rechten im Himmel
- 21 über alle Fürstentümer, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was genannt mag werden, nicht allein auf dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen;
- 22 und hat alle Dinge unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt zum Haupt der Gemeinde über alles,
- 23 welche da ist sein Leib, nämlich die Fülle des, der alles in allem erfüllt.
Kapitelüberblick
Gottes Erlösungsplan reicht weit über das hinaus, was der Mensch von seiner eigenen Lebensgeschichte überblicken kann. Paulus beschreibt, wie Gott bereits vor Grundlegung der Welt den Vorsatz gefasst hat, Menschen durch Jesus Christus zu sich zu führen und sie zu einem heiligen Leben in seiner Gegenwart zu berufen. Im Mittelpunkt steht die Gnade Gottes, durch die Schuld vergeben, Gemeinschaft mit ihm möglich und eine neue Stellung als seine Kinder geschenkt wird.
Dieser Erlösungsplan umfasst nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und Zukunft der Glaubenden. Wer das Evangelium hört und Christus vertraut, wird mit dem verheißenen Heiligen Geist versiegelt, der zugleich die Gewissheit des kommenden Erbes begründet.
Anschließend betet Paulus darum, dass die Gläubigen Gottes Berufung, seine Verheißungen und die Größe seiner Macht immer tiefer erkennen. Diese Macht hat Gott in der Auferweckung und Erhöhung Jesu offenbart. Christus steht über allen Mächten und Gewalten und ist das Haupt seiner Gemeinde, die als sein Leib in enger Verbindung mit ihm lebt.
Einführung
Schon die Anschrift des Epheserbriefes wirft eine interessante historische Frage auf. Während die meisten überlieferten Handschriften die Gläubigen in Ephesus als Empfänger nennen, fehlt diese Ortsangabe in einigen wichtigen frühen Textzeugen. Deshalb wird angenommen, dass das Schreiben möglicherweise auch für andere christliche Gemeinden in Kleinasien bestimmt war. Ephesus selbst war eine bedeutende Stadt der römischen Provinz Asia, in der unterschiedliche religiöse Vorstellungen und kulturelle Einflüsse zusammentrafen (Apostelgeschichte 19,23–27).
Der Brief nennt Paulus als seinen Verfasser. Nach der traditionellen Einordnung gehört er zu den Schreiben, die während einer Gefangenschaft des Apostels entstanden sind. Die heutige Forschung diskutiert allerdings sowohl die Verfasserschaft als auch die genaue Entstehungszeit. Für das Verständnis des Kapitels ist zunächst entscheidend, dass der Brief seine Leser als Gläubige anspricht, deren Leben durch ihre Zugehörigkeit zu Jesus Christus eine neue Grundlage erhalten hat.
Eine sprachliche Besonderheit prägt den ersten großen Abschnitt. Epheser 1,3–14 bildet im griechischen Grundtext einen einzigen langen, kunstvoll aufgebauten Satz. Immer wieder begegnen darin die Wendungen „in Christus“ und „in ihm“. Sie verbinden die einzelnen Aussagen und machen deutlich, dass Gottes Segnungen nicht unabhängig von Jesus verstanden werden können. Dreimal führt der Gedankengang zum Lob der göttlichen Herrlichkeit zurück (Verse 6, 12 und 14).
Ab Vers 15 verändert sich die literarische Form: Auf den Lobpreis folgt ein Fürbittegebet, das schließlich in die Beschreibung der erhöhten Stellung Christi übergeht. Diese bewusste Abfolge hilft, den Brief richtig zu lesen. Paulus möchte nicht nur Wahrheiten über Gott vermitteln, sondern seine Leser dazu führen, deren Bedeutung für ihren Glauben zu erkennen.
Mit diesem Hintergrund beginnt die eigentliche Auslegung beim apostolischen Gruß in den Versen 1–2.
Epheser 1,1–2
Apostolischer Auftrag, Empfänger und Segensgruß
Mit der Bezeichnung „Paulus, Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes“ beginnt der Brief und macht bereits im ersten Satz deutlich, auf welcher Grundlage der Verfasser zu seinen Lesern spricht.
Paulus beruft sich weder auf seine persönliche Bildung noch auf seine religiöse Vergangenheit oder seine bisherigen Leistungen. Seine Vollmacht gründet sich auf die Berufung durch Jesus Christus. Das griechische Wort apostolos bezeichnet einen Gesandten, der mit einem bestimmten Auftrag ausgesandt wird. In diesem Fall geht es nicht um einen beliebigen Boten, sondern um einen von Christus berufenen Zeugen, der das Evangelium verkündigen und Gemeinden in der Wahrheit unterweisen soll. Wenn Paulus hinzufügt, dass er Apostel „durch den Willen Gottes“ ist, unterstreicht er, dass sein Dienst nicht aus eigener Entscheidung oder menschlicher Ernennung hervorgegangen ist, sondern auf Gottes Initiative zurückgeht.
Gerade die Lebensgeschichte des Paulus verleiht dieser Aussage besonderes Gewicht. Bevor er Christus begegnete, verfolgte er die Gemeinde Gottes und versuchte, die Ausbreitung des christlichen Glaubens zu verhindern (Apostelgeschichte 8,3; 9,1–2). Dennoch begegnete ihm der auferstandene Jesus auf dem Weg nach Damaskus und berief ihn zu seinem Dienst. In Apostelgeschichte 26,16–18 beschreibt Paulus später, dass Christus ihn beauftragt hatte, Menschen die Augen zu öffnen und sie von der Finsternis zum Licht, von der Macht Satans zu Gott zu führen. Seine Berufung war deshalb ein eindrucksvolles Beispiel göttlicher Gnade. Paulus selbst erklärt in 1. Korinther 15,9–10, dass er wegen seiner früheren Verfolgung der Gemeinde nicht würdig sei, Apostel genannt zu werden, und dennoch durch Gottes Gnade zu dem geworden ist, was er war. Seine apostolische Autorität beruhte somit nicht auf persönlicher Fehlerlosigkeit, sondern auf dem Auftrag Christi, dem er verantwortlich dienen sollte.
Anschließend richtet sich Paulus an die „Heiligen“ und die Gläubigen in Christus Jesus. Das Wort „heilig“ bedeutet im biblischen Sprachgebrauch zunächst, dass jemand Gott gehört und für ihn ausgesondert ist. Paulus verwendet diese Bezeichnung nicht für eine kleine Gruppe außergewöhnlich frommer Menschen, sondern für die christlichen Gläubigen insgesamt. Dass damit keine bereits erreichte Sündlosigkeit gemeint sein kann, zeigt beispielsweise sein erster Brief an die Korinther. Dort nennt er die Gemeindeglieder ebenfalls Geheiligte und berufene Heilige, obwohl er anschließend schwerwiegende Missstände in ihrem Verhalten anspricht (1. Korinther 1,2; 3,1–3). Heiligkeit beschreibt somit zunächst ihre durch Christus begründete Zugehörigkeit zu Gott, aus der zugleich die Berufung zu einem veränderten Leben erwächst. Dieser Zusammenhang wird im Epheserbrief später ausdrücklich entfaltet, wenn Paulus die Gläubigen dazu aufruft, ihrer Berufung entsprechend zu leben (Epheser 4,1).
Die weitere Bezeichnung „Gläubigen in Christus Jesus“ ergänzt diesen Gedanken. Das zugrunde liegende griechische Wort pistos kann sowohl „gläubig“ als auch „treu“ bedeuten. Im Zusammenhang der Briefanschrift bezeichnet es Menschen, deren Leben durch den Glauben mit Christus verbunden ist. Dabei sind Glaube und Treue keine voneinander unabhängigen Vorstellungen: Wer Christus vertraut, ist zugleich dazu berufen, in dieser Beziehung zu bleiben und ihm treu nachzufolgen. Besonders bedeutsam ist die Formulierung „in Christus Jesus“. Sie beschreibt mehr als die Zustimmung zu bestimmten religiösen Lehren. Paulus spricht von einer wirklichen Zugehörigkeit zu Christus, durch die das Verhältnis des Menschen zu Gott eine neue Grundlage erhält. Jesus verwendet in Johannes 15,4–5 das Bild des Weinstocks und der Reben, um zu erklären, dass geistliches Leben und bleibende Frucht aus der Verbindung mit ihm entstehen. Die Gläubigen werden also nicht durch ihre eigene religiöse Leistung zu Gottes Volk, sondern durch die Gemeinschaft mit Christus, aus der ein neues Leben hervorgehen soll.
Auch die beiden Begriffe „Gnade“ und „Friede“ in Vers 2 sind weit mehr als eine höfliche Begrüßung. Paulus verbindet damit zwei grundlegende Wirklichkeiten des Evangeliums. Gnade bezeichnet Gottes unverdiente Zuwendung zu sündigen Menschen. Sie ist der Grund dafür, dass Vergebung und neues Leben überhaupt möglich werden. Später erklärt Paulus ausdrücklich, dass die Errettung aus Gnade durch den Glauben geschieht und nicht als menschliche Leistung verdient werden kann (Epheser 2,8–9). Der Friede, von dem er spricht, ist deshalb nicht lediglich ein Zustand äußerer Ruhe oder die Abwesenheit persönlicher Schwierigkeiten. Gemeint ist vor allem die durch Jesus Christus ermöglichte Versöhnung mit Gott. Römer 5,1 verbindet diesen Frieden ausdrücklich mit der Rechtfertigung aus Glauben. Ein Mensch kann trotz äußerer Bedrängnisse in diesem Frieden leben, weil seine Beziehung zu Gott durch Christus auf einer neuen Grundlage steht.
Die Reihenfolge der beiden Segenswünsche ist dabei inhaltlich bedeutsam. Gottes Gnade bildet die Grundlage der Versöhnung, aus der Friede erwächst. Der Mensch stellt diesen Frieden nicht zuerst durch eigene Anstrengung her, um sich anschließend Gottes Zuwendung zu verdienen. Vielmehr handelt Gott aus Gnade und eröffnet dadurch den Weg zu einer wiederhergestellten Gemeinschaft. Paulus wird diesen Gedanken in Epheser 2,13–18 noch vertiefen. Dort zeigt er, dass Christus nicht nur die Entfremdung zwischen Gott und Mensch überwindet, sondern auch die trennende Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden beseitigt. Der Friede des Evangeliums betrifft somit sowohl die persönliche Beziehung zu Gott als auch das Zusammenleben der Menschen, die durch Christus zu einem gemeinsamen Volk verbunden werden.
Bemerkenswert ist schließlich, von wem Paulus Gnade und Frieden erwartet: von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Beide werden gemeinsam als Ursprung des erbetenen Segens genannt. Gleichzeitig bezeichnet Paulus Gott nicht nur als seinen Vater, sondern als „unseren Vater“. Darin kommt die neue Gemeinschaft zum Ausdruck, in die die Gläubigen durch Christus aufgenommen werden. Menschen unterschiedlicher Herkunft dürfen sich als Kinder desselben himmlischen Vaters verstehen. Bereits der kurze Briefgruß verbindet deshalb göttliche Berufung, unverdiente Gnade, Glauben, Heiligkeit und Gemeinschaft miteinander. Er bereitet auf den anschließenden Lobpreis vor, in dem Paulus ausführlich entfaltet, welche Segnungen Gott den Menschen durch Jesus Christus geschenkt hat.
Epheser 1,3–6
Vor Grundlegung der Welt: Erwählung, Heiligkeit und Kindschaft in Christus
Mit einem feierlichen Lobpreis beginnt Paulus die eigentliche Botschaft seines Briefes. Er richtet den Blick zunächst nicht auf die Probleme oder Aufgaben der Gemeinde, sondern auf das, was Gott bereits für die Glaubenden getan hat. In Vers 3 preist er den Vater Jesu Christi, der sein Volk „mit jedem geistlichen Segen“ in den himmlischen Regionen durch Christus gesegnet hat. Die Formulierung erinnert an die alttestamentliche Sprache des Gotteslobes, in der Gottes Güte und seine mächtigen Taten zum Anlass des Dankes werden (Psalm 103,1–5). Auffällig ist, dass Paulus nicht schreibt, Gott werde seine Kinder irgendwann segnen, sondern dass er sie bereits gesegnet hat. Er spricht von einer gegenwärtigen geistlichen Wirklichkeit, die durch Jesus Christus zugänglich geworden ist. Die anschließenden Verse erklären, worin dieser Segen besteht: Erwählung, Kindschaft, Erlösung, Vergebung und die Verheißung des Heiligen Geistes. Paulus beginnt damit beim Handeln Gottes, bevor er später die Verantwortung des Menschen beschreibt. Die christliche Lebensführung soll aus dem hervorgehen, was Gott durch Christus geschenkt hat, und nicht erst dessen Liebe verdienen.
Die Bezeichnung „geistlicher Segen“ darf dabei nicht so verstanden werden, als wären die materiellen Bedürfnisse des Menschen für Gott unwichtig. Jesus selbst lehrte seine Jünger, den himmlischen Vater um das tägliche Brot zu bitten (Matthäus 6,11). Paulus spricht hier jedoch von Segnungen, die über vergängliche Güter hinausreichen und durch das Wirken Gottes eine bleibende Bedeutung besitzen. Ebenso verdienen die „himmlischen Regionen“ besondere Aufmerksamkeit. Im Epheserbrief begegnet diese Formulierung mehrfach. Nach Epheser 1,20 hat Gott Christus in den himmlischen Regionen zu seiner Rechten gesetzt. In Epheser 2,6 beschreibt Paulus die Glaubenden aufgrund ihrer Verbindung mit Christus als mit ihm auferweckt und in die himmlischen Regionen versetzt. Damit meint er nicht, dass Christen ihren irdischen Aufenthaltsort bereits verlassen hätten. Ihre Zugehörigkeit zu Christus verbindet sie vielmehr schon jetzt mit dem erhöhten Herrn und seiner Herrschaft. Der Ursprung und die Gewissheit ihrer geistlichen Segnungen liegen deshalb nicht in den wechselhaften Umständen ihres Lebens, sondern in Jesus Christus, der über alle vergänglichen Mächte erhaben ist.
In Vers 4 führt Paulus diesen Gedanken überraschend weit zurück. Gott hat die Glaubenden „in ihm auserwählt“ – und zwar bereits vor Grundlegung der Welt. Der Ausdruck macht deutlich, dass Gottes Erlösungsplan nicht erst als Reaktion auf menschliches Versagen entstanden ist. Noch bevor die Welt geschaffen wurde, bestand Gottes Vorsatz, Menschen durch Jesus Christus zu sich zu führen. Einen entsprechenden Gedanken finden wir in 2. Timotheus 1,9–10. Dort beschreibt Paulus die Gnade Gottes als etwas, das in Christus Jesus bereits vor ewigen Zeiten gegeben und durch dessen Erscheinen offenbar geworden ist. Auch 1. Petrus 1,18–20 verbindet das Erlösungswerk Christi mit Gottes Vorsatz vor Grundlegung der Welt. Zusammengenommen zeigen diese Stellen, dass die Erlösung durch Jesus keine nachträglich erdachte Notlösung ist. Gottes Wissen um die Zukunft und sein Handeln in der Geschichte stehen in einem größeren Zusammenhang seines ewigen Heilswillens. Der Bibeltext erklärt allerdings nicht sämtliche Einzelheiten dieses göttlichen Vorsatzes. Seine Hauptaussage besteht darin, dass Gottes rettende Gnade tiefer gegründet ist als die menschliche Geschichte.
Von besonderer Bedeutung ist die kleine Formulierung „in ihm“. Paulus sagt nicht lediglich, dass Gott Menschen erwählt hat, sondern ausdrücklich, dass diese Erwählung in Christus geschieht. Jesus steht somit nicht erst am Ende des göttlichen Planes als dessen ausführender Bote, sondern gehört von Anfang an zu seinem Mittelpunkt. Allerdings wird gerade dieser Vers in der christlichen Theologie unterschiedlich verstanden. Manche Ausleger betonen, dass Gott Christus als Mittelpunkt seines erwählten Volkes bestimmt hat und Menschen durch die Verbindung mit ihm Anteil an dieser Erwählung erhalten. Andere verstehen die Worte stärker als Aussage über Gottes vorweltliche Erwählung einzelner Menschen. Beide Deutungen versuchen, den Wortlaut ernst zu nehmen. Die Formulierung „in Christus“ allein entscheidet jedoch nicht abschließend, wie gemeinschaftliche und individuelle Erwählung zueinander stehen. Ebenso wenig erläutert Paulus hier bereits vollständig das Verhältnis zwischen göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Glaubensentscheidung. Unbestreitbar ist dagegen, dass er die Erwählung mit Christus verbindet und unmittelbar erklärt, welches Ziel Gott damit verfolgt.
Dieses Ziel nennt Paulus im zweiten Teil von Vers 4: Die Erwählten sollen heilig und tadellos vor Gott sein. Damit erhält die Erwählung eine ausdrücklich moralische und geistliche Ausrichtung. Gott beruft Menschen nicht lediglich dazu, einen besonderen religiösen Status zu besitzen, sondern dazu, in seiner Gegenwart ein Leben zu führen, das seinem Wesen entspricht. Das griechische Wort hagios, das mit „heilig“ übersetzt wird, beschreibt die Zugehörigkeit zu Gott und die damit verbundene Absonderung von dem, was seinem Willen widerspricht. Das Wort amōmos, „tadellos“, wurde auch für fehlerlose Opfertiere verwendet (3. Mose 1,3 in der griechischen Übersetzung). Auf die Glaubenden bezogen geht es um eine Reinheit, die Gottes Gegenwart entspricht. Eine wichtige Parallele steht in Epheser 5,25–27: Dort beschreibt Paulus Christus als den, der die Gemeinde liebt, sich für sie hingibt und sie heiligt, damit sie schließlich ohne Flecken oder Runzeln vor ihm stehen kann. Die Heiligkeit der Gemeinde ist somit nicht von Christi Erlösungswerk zu trennen. Sie ist zugleich eine gegenwärtige Berufung und ein Ziel, auf das Gottes verwandelndes Handeln ausgerichtet ist. Daraus folgt weder, dass jeder Glaubende bereits sündlos wäre, noch, dass Heiligkeit für Gott nebensächlich sei. Seine Gnade vergibt nicht nur Schuld, sondern führt den Menschen auch in ein erneuertes Leben (Epheser 2,8–10).
Unmittelbar mit diesem Gedanken verbunden ist die Liebe. Die Schlachter 1951 stellt die Worte „aus Liebe“ an den Anfang von Vers 5 und verbindet sie damit mit Gottes Vorherbestimmung. Im griechischen Grundtext steht der entsprechende Ausdruck an der Grenze zwischen den beiden Versen. Da die ursprünglichen Texte nicht unsere heutige Verseinteilung und Zeichensetzung besaßen, ist auch eine Verbindung mit dem Ende von Vers 4 möglich. Dann würde Paulus hervorheben, dass die Glaubenden in Liebe heilig und tadellos vor Gott leben sollen. Beide Möglichkeiten passen zum Gedankengang des Briefes, der Gottes Liebe und die daraus erwachsende Liebe der Christen eng miteinander verbindet. Die Unterschiede betreffen daher vor allem den unmittelbaren Satzbezug. Gottes gnädiges Handeln ist von seiner Liebe geprägt, und ein Leben, das ihm entspricht, kann nicht von der Liebe getrennt werden (Epheser 3,17–19; 5,1–2).
In Vers 5 beschreibt Paulus ein weiteres Ziel des göttlichen Vorsatzes: Gott hat die Glaubenden durch Jesus Christus zur Kindschaft bestimmt. Das zugrunde liegende griechische Wort huiothesia bezeichnet die Einsetzung in die Stellung eines Sohnes beziehungsweise die Annahme als Kind. Für die damaligen Leser war damit nicht nur persönliche Zuneigung verbunden, sondern auch die rechtliche und familiäre Stellung eines anerkannten Erben. Paulus verwendet diesen Begriff ebenfalls in Römer 8,15–17. Dort erklärt er, dass die Glaubenden durch den Geist Gottes den Vater anrufen dürfen und als Kinder zugleich Erben Gottes und Miterben Christi sind. In Epheser 1 geht es daher um mehr als die Aussicht, irgendwann in Gottes Nähe sein zu dürfen. Durch Christus werden Menschen in eine neue Beziehung zu Gott aufgenommen. Sie stehen ihm nicht mehr nur als schuldige Geschöpfe gegenüber, sondern dürfen ihn als ihren himmlischen Vater kennen. Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus diese Kindschaft nicht auf eine bestimmte menschliche Herkunft, gesellschaftliche Stellung oder eigene Würdigkeit gründet. Ihr Zugang liegt in Jesus Christus, durch den Gott Menschen als seine Kinder annimmt.
Wenn Paulus hinzufügt, dass dies nach dem Wohlgefallen des göttlichen Willens geschieht, betont er erneut Gottes eigene Initiative. Das Wort „Wohlgefallen“ beschreibt hier keinen launischen Entschluss, sondern den Vorsatz, den Gott nach seinem Willen gefasst hat. Gerade im Zusammenhang mit Kindschaft und Gnade wird deutlich, dass Gottes Handeln nicht durch menschliche Verdienste erzwungen wird. Niemand kann sich durch besondere Leistungen einen Anspruch darauf erwerben, Gottes Kind zu werden. Dennoch wäre es zu weitgehend, aus dieser Aussage allein abzuleiten, wie Gott über das endgültige Schicksal jedes einzelnen Menschen entschieden hat. Paulus entfaltet an dieser Stelle vor allem das positive Ziel des göttlichen Vorsatzes: Menschen sollen durch Jesus Christus zu Gott gehören und in seiner Gemeinschaft leben. Johannes 1,12–13 ergänzt diesen Gedanken aus einer anderen Perspektive. Dort wird die Gotteskindschaft mit der Aufnahme Jesu und dem Glauben an seinen Namen verbunden, während zugleich betont wird, dass die neue Geburt ihren Ursprung in Gott hat. Göttliche Gnade und menschlicher Glaube werden in diesen Aussagen nicht als gegensätzliche Rettungswege dargestellt. Der Glaube ist keine verdienstvolle Leistung, durch die der Mensch Gottes Annahme erkauft, sondern die Antwort auf das in Christus angebotene Heil.
Vers 6 führt den gesamten Gedankengang schließlich zu seinem eigentlichen Höhepunkt. Gottes Handeln geschieht „zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade“. Die Erwählung, die Berufung zur Heiligkeit und die Annahme als Kinder haben nicht den Zweck, den Menschen zur Bewunderung seiner eigenen Stellung zu führen. Vielmehr soll an ihm sichtbar werden, wie groß die Gnade Gottes ist. Paulus bezeichnet Christus dabei als den Geliebten, in dem Gott die Glaubenden begnadigt hat. Die Formulierung erinnert an die besondere Beziehung zwischen dem Vater und seinem Sohn, die beispielsweise bei der Taufe Jesu öffentlich bezeugt wird (Matthäus 3,17). Gerade in diesem Geliebten wird Gottes Gnade den Menschen zugewandt. Die neue Stellung der Glaubenden beruht deshalb nicht darauf, dass Gott ihre Schuld übersehen oder ihre Unvollkommenheit für bedeutungslos erklärt hätte. Der weitere Verlauf des Kapitels wird zeigen, dass die Erlösung durch Christi Blut und die Vergebung der Sünden zum innersten Kern dieser Gnade gehören (Epheser 1,7).
So entsteht aus den Versen 3–6 ein zusammenhängendes Bild des göttlichen Erlösungswillens. Sein Ursprung liegt in Gottes ewigem Vorsatz, sein Mittelpunkt ist Jesus Christus, und sein Ziel ist eine Gemeinschaft von Menschen, die als Gottes Kinder in Heiligkeit und Liebe vor ihm leben. Paulus stellt Gottes Erwählung deshalb nicht als ein rätselhaftes Schicksal vor, über das der Mensch nur spekulieren könnte. Er spricht darüber in einem Lobpreis, der die Gläubigen zur Dankbarkeit für Gottes Gnade führen soll. Die entscheidende Aufmerksamkeit gilt nicht der Frage, wodurch der Mensch sich vor anderen auszeichnen könnte, sondern dem, was Gott durch Christus für ihn getan hat. Im nächsten Abschnitt erklärt Paulus, auf welcher Grundlage diese Gnade den sündigen Menschen tatsächlich erreicht: durch die Erlösung und Vergebung, die Jesus Christus mit seinem eigenen Blut ermöglicht hat.
Epheser 1,7–10
Erlösung, Vergebung und Gottes umfassender Plan in Christus
Nachdem Paulus beschrieben hat, dass Gott die Glaubenden zur Heiligkeit und Kindschaft berufen hat, erklärt er nun, auf welcher Grundlage diese neue Beziehung zu Gott möglich geworden ist. In Vers 7 schreibt er: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.“ Mit diesen Worten führt Paulus den Leser vom ewigen Vorsatz Gottes zu dem entscheidenden Ereignis der Heilsgeschichte: dem Opfer Jesu Christi. Gottes Absicht, Menschen zu seinen Kindern zu machen, bleibt nicht bei einer Verheißung stehen. Sie wird durch das tatsächliche Handeln Jesu verwirklicht. Auffällig ist, dass Paulus erneut mit den Worten „in ihm“ beginnt. Er knüpft damit unmittelbar an den vorhergehenden Vers an, in dem Christus als der Geliebte bezeichnet wird. Die Erlösung ist also nicht lediglich eine Gabe, die Christus überbringt, sondern untrennbar mit seiner Person und seinem Werk verbunden. Wer an Christus glaubt, empfängt durch ihn die Vergebung seiner Schuld und wird aus der Macht der Sünde befreit.
Das griechische Wort apolýtrōsis, das Paulus für „Erlösung“ verwendet, gehört zu einem Wortfeld, das mit Befreiung und Loskauf verbunden ist. In der antiken Welt konnte ein Mensch durch Schulden, Gefangenschaft oder Sklaverei seine Freiheit verlieren. Eine Befreiung durch Zahlung eines Lösepreises war deshalb ein verständliches Bild. Auch im Alten Testament begegnet der Gedanke des Loskaufs, beispielsweise wenn ein verarmter Israelit aus einem Abhängigkeitsverhältnis zurückgekauft werden konnte (3. Mose 25,47–49). Allerdings darf dieser Hintergrund nicht so verstanden werden, als würde Paulus jedes rechtliche Einzelmerkmal eines antiken Loskaufs auf das Erlösungswerk Jesu übertragen. Die eigentliche Bedeutung erklärt der Vers selbst durch die Verbindung von Erlösung, Christi Blut und Sündenvergebung. Der Mensch benötigt Befreiung, weil seine Schuld die Gemeinschaft mit Gott zerstört hat und die Sünde ihn in eine Abhängigkeit führt, aus der er sich nicht durch eigene Anstrengung erlösen kann. Jesus beschreibt diesen Zusammenhang in Johannes 8,34–36, wenn er erklärt, dass der Mensch durch die Sünde zum Knecht wird und wahre Freiheit durch den Sohn Gottes empfängt.
Paulus spricht jedoch nicht nur davon, dass Jesus Menschen befreit, sondern ausdrücklich davon, dass diese Erlösung „durch sein Blut“ geschieht. In der biblischen Sprache steht das Blut in einem besonderen Zusammenhang mit dem Leben und dessen Hingabe. Nach 3. Mose 17,11 ist das Blut eng mit dem Leben des Geschöpfes verbunden und besitzt deshalb im Opferdienst eine besondere Bedeutung für die Sühnung von Schuld. Die alttestamentlichen Opfer machten sichtbar, dass Sünde keine belanglose Angelegenheit ist und die Versöhnung mit Gott nicht durch eine bloße Missachtung des Unrechts zustande kommt. Wenn Paulus nun vom Blut Christi spricht, verweist er auf Jesu wirklichen, freiwillig erlittenen Opfertod. Jesus selbst stellte beim letzten Abendmahl eine Verbindung zwischen seinem vergossenen Blut, dem neuen Bund und der Vergebung der Sünden her (Matthäus 26,28). Der Hebräerbrief entfaltet diesen Gedanken weiter und erklärt, dass Christus nicht durch das Blut von Tieren, sondern durch sein eigenes Opfer eine Erlösung bewirkt hat, die der wiederholte alttestamentliche Opferdienst nicht endgültig herstellen konnte (Hebräer 9,11–14). Paulus macht damit deutlich, dass Gottes Gnade nicht bedeutet, die Sünde einfach für bedeutungslos zu erklären. Die Vergebung beruht auf dem Erlösungswerk seines Sohnes. Wie Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit darin zusammenkommen, erläutert besonders Römer 3,23–26.
Mit der anschließenden Formulierung „die Vergebung der Sünden“ erklärt Paulus, welche konkrete Wirkung diese Erlösung für den Glaubenden bereits jetzt besitzt. Das griechische Wort paráptōma, das der Schlachtertext hier mit „Sünden“ wiedergibt, bezeichnet Verfehlungen oder Übertretungen. Es erinnert daran, dass Schuld nicht nur eine allgemeine menschliche Schwäche ist, sondern sich in wirklichen Gedanken, Entscheidungen und Handlungen zeigt, durch die Gottes Wille übertreten wird. Vergebung bedeutet deshalb nicht, dass Gott solche Verfehlungen nachträglich für richtig erklärt. Vielmehr nimmt er die Schuld des Menschen aufgrund des Opfers Christi hinweg und eröffnet ihm die Möglichkeit einer erneuerten Beziehung zu sich. In Kolosser 2,13–14 verbindet Paulus die Vergebung mit dem Bild einer belastenden Schuldschrift, die durch Christus beseitigt wurde. Der Mensch muss nicht länger versuchen, seine Vergangenheit durch eigene gute Werke ungeschehen zu machen. Zugleich bedeutet die Vergebung keine Erlaubnis, bewusst in der Sünde zu bleiben. Bereits das Ziel der Erwählung in Epheser 1,4 macht deutlich, dass Gott Menschen zur Heiligkeit beruft. Die Gnade nimmt dem Menschen seine Schuld und eröffnet ihm zugleich den Weg zu einem veränderten Leben. Diese doppelte Bedeutung wird später in Epheser 4,22–24 aufgegriffen, wenn Paulus das Ablegen des alten Menschen und die Erneuerung des Lebens beschreibt.
Besonders tröstlich ist die Aussage, dass diese Vergebung „nach dem Reichtum seiner Gnade“ geschieht. Paulus beschreibt Gottes Gnade nicht als eine knappe Zuteilung, die gerade ausreicht, um einige Verfehlungen zu bedecken. Er spricht von ihrem Reichtum und erklärt in Vers 8, dass Gott sie gegenüber den Glaubenden überfließen ließ. Der Maßstab seiner Vergebung ist somit nicht der Wert menschlicher Leistungen, sondern die Größe seiner eigenen Gnade. Einen ähnlichen Gedanken finden wir in Römer 5,20, wo Paulus davon spricht, dass die Gnade dort überreich geworden ist, wo die Sünde mächtig geworden war. Damit will er keineswegs die Schwere der Sünde verharmlosen. Vielmehr stellt er heraus, dass Gottes Fähigkeit zu vergeben nicht an der Größe menschlicher Schuld scheitert. Wer aufrichtig zu Christus kommt, muss deshalb nicht befürchten, Gottes Barmherzigkeit sei grundsätzlich zu gering, um seine Vergangenheit zu tragen. Die Verheißung aus 1. Johannes 1,9 verbindet die Vergebung allerdings ausdrücklich mit dem Bekenntnis der Sünden und beschreibt Gott zugleich als treu und gerecht. Gottes überreiche Gnade soll Vertrauen und Umkehr hervorbringen, nicht Gleichgültigkeit gegenüber seinem Willen.
Vers 8 ergänzt den Gedanken der überfließenden Gnade durch die Worte „in aller Weisheit und Einsicht“. Im griechischen Satz ist nicht vollständig eindeutig, ob Paulus damit vor allem die Weisheit beschreibt, mit der Gott seine Gnade schenkt, oder die Einsicht, die den Glaubenden durch die Offenbarung seines Willens vermittelt wird. Beide Gedanken passen in den Zusammenhang. Die Erlösung ist das Ergebnis eines weisen göttlichen Vorsatzes, und zugleich ermöglicht Gott den Menschen, etwas von diesem Vorsatz zu verstehen. Die beiden griechischen Begriffe sophía und phrónēsis stehen dabei eng beieinander. Während sophía allgemein Weisheit bezeichnet, kann phrónēsis besonders das verständige Urteilen und die praktische Einsicht hervorheben. Paulus möchte jedoch keine komplizierte Unterscheidung zwischen verschiedenen menschlichen Erkenntnisfähigkeiten entwickeln. Entscheidend ist, dass Gottes Gnade nicht von seiner Weisheit getrennt werden darf. Sein Erlösungsplan besitzt eine innere Ordnung und ein Ziel, das der Mensch aus eigener Erkenntnis niemals vollständig hätte erschließen können.
Damit führt Paulus in Vers 9 einen neuen Gedanken ein: Gott hat den Glaubenden „das Geheimnis seines Willens“ kundgetan. Das Wort „Geheimnis“ kann leicht missverstanden werden. Im heutigen Sprachgebrauch denken Menschen dabei häufig an etwas Rätselhaftes, das nur wenigen Eingeweihten zugänglich ist. Das griechische Wort mystḗrion bezeichnet im neutestamentlichen Zusammenhang jedoch häufig einen göttlichen Ratschluss, der früher verborgen war und nun durch Gottes Offenbarung bekannt gemacht wird. Es handelt sich also nicht um verborgenes Wissen, das sich durch menschliche Spekulationen oder besondere Geheimlehren erschließen lässt. Paulus erklärt einen vergleichbaren Zusammenhang in Römer 16,25–26: Ein zuvor verborgenes Geheimnis ist durch Gottes Offenbarung bekannt gemacht worden, damit Menschen aus allen Völkern zum Glauben geführt werden. Auch Kolosser 1,26–27 beschreibt ein Geheimnis, das einst verborgen war, nun aber den Heiligen offenbart wird und dessen Mittelpunkt Christus ist. Die besondere Bedeutung liegt darin, dass Gott selbst den Menschen Einblick in seinen Heilswillen gewährt. Was sie aus eigener Kraft nicht erkennen konnten, hat er ihnen durch Christus und die Verkündigung des Evangeliums erschlossen.
Wenn Paulus hinzufügt, dass diese Offenbarung nach Gottes wohlwollendem Ratschluss geschieht, greift er einen Gedanken aus Vers 5 wieder auf. Gott handelt nicht zufällig oder ohne Ziel, sondern verwirklicht seinen zuvor gefassten Willen. In Epheser 3,3–6 wird dieser Gedanke später weiter entfaltet. Dort erklärt Paulus, dass Menschen aus den nichtjüdischen Völkern durch das Evangelium gemeinsam mit den jüdischen Gläubigen Erben und Glieder desselben Leibes geworden sind. Gottes Geheimnis betrifft somit nicht lediglich die persönliche Vergebung einzelner Menschen. Es umfasst auch die Bildung einer neuen Gemeinschaft, in der frühere religiöse und ethnische Trennungen ihre ausschließende Bedeutung verlieren. Dieser Aspekt wird in Kapitel 2 ausführlich behandelt. Bereits hier bereitet Paulus jedoch auf eine noch umfassendere Aussage vor, die weit über die Grenzen der Gemeinde hinausreicht.
In Vers 10 beschreibt er das Ziel des göttlichen Ratschlusses: Gott will „in der Fülle der Zeiten“ alles unter ein Haupt bringen in Christus, sowohl das, was im Himmel ist, als auch das, was auf Erden ist. Die Wendung „Fülle der Zeiten“ beschreibt einen von Gott bestimmten Zeitpunkt beziehungsweise die Vollendung einer Entwicklung innerhalb seines Heilsplans. Paulus spricht nicht von einer zufälligen Abfolge geschichtlicher Ereignisse. Die Geschichte bewegt sich nach seiner Überzeugung auf ein Ziel zu, das Gott selbst festgelegt hat. Dabei darf die Formulierung nicht mit einer genau berechenbaren prophetischen Zeitangabe verwechselt werden. Der Vers nennt weder eine Jahreszahl noch eine bestimmte Zeitspanne, aus der sich der Zeitpunkt der endgültigen Vollendung ermitteln ließe. Er betont vielmehr, dass Gott seinen Ratschluss zu der von ihm bestimmten Zeit zur Erfüllung bringen wird. Einen verwandten Gedanken finden wir in Galater 4,4, wo Paulus erklärt, dass Gott seinen Sohn sandte, als die Zeit erfüllt war. Dort bezieht sich die Aussage auf Christi Kommen in die Welt; in Epheser 1,10 reicht der Blick dagegen auf die umfassende Vollendung seines Heilsplans.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung „alles unter ein Haupt zu bringen“. Das zugrunde liegende griechische Verb anakephalaióō kann bedeuten, etwas zusammenzufassen oder unter einer übergeordneten Einheit zusammenzuführen. Paulus verwendet ein verwandtes Verb in Römer 13,9, wenn er erklärt, dass die Gebote der Nächstenliebe in einem grundlegenden Gebot zusammengefasst werden. In Epheser 1,10 besitzt der Ausdruck jedoch eine wesentlich größere Tragweite. Die Schlachterübersetzung hebt mit der Wendung „unter ein Haupt“ besonders die Herrschaft Christi hervor. Diese Auslegung wird durch Epheser 1,20–23 unterstützt, wo Paulus Christus ausdrücklich als den über alle Mächte erhöhten Herrn und als Haupt seiner Gemeinde beschreibt. Dennoch sollte das griechische Wort nicht ausschließlich auf den Gedanken einer Herrschaftsordnung reduziert werden. Es trägt auch die Vorstellung in sich, dass zuvor auseinanderliegende Bereiche in Christus auf ein gemeinsames Ziel hin zusammengeführt werden. Gottes Plan zielt somit auf die Überwindung der durch Sünde verursachten Entfremdung und auf die endgültige Anerkennung der Herrschaft Christi.
Die Tragweite dieses Gedankens wird durch die Worte „was im Himmel und was auf Erden ist“ unterstrichen. Paulus beschränkt Gottes Erlösungsplan nicht auf die persönlichen Erfahrungen einzelner Gläubiger oder auf die Geschichte eines bestimmten Volkes. Er richtet den Blick auf die gesamte Schöpfung. Kolosser 1,19–20 beschreibt in ähnlicher Weise, dass Gott durch Christus Frieden geschaffen hat und alles mit sich versöhnen will, was auf Erden und im Himmel ist. Zugleich muss zwischen der universalen Herrschaft Christi und der persönlichen Erlösung einzelner Menschen unterschieden werden. Aus Epheser 1,10 folgt nicht automatisch, dass schließlich jedes vernunftbegabte Geschöpf unabhängig von seiner Haltung zu Gott gerettet wird. Paulus selbst beschreibt in 1. Korinther 15,24–28, dass Christus am Ende alle gottfeindlichen Mächte überwinden und seine Herrschaft zur Vollendung führen wird. Auch Philipper 2,9–11 spricht davon, dass jedes Knie sich vor Jesus beugen und seine Herrschaft anerkennen wird. Die endgültige Unterordnung aller Mächte unter Christus bedeutet daher nicht zwangsläufig die freiwillige Umkehr und Erlösung jedes einzelnen Wesens. Sie bedeutet zunächst, dass keine Macht und kein Widerstand Gottes endgültige Herrschaft verhindern kann.
Dieser umfassende Ausblick ist besonders wichtig, weil die Bibel die Sünde nicht nur als Problem einzelner menschlicher Entscheidungen beschreibt. Seit dem Sündenfall ist die gesamte irdische Schöpfung von Vergänglichkeit, Leid und Tod betroffen (Römer 8,20–22). Gottes Erlösungswerk beschränkt sich deshalb nicht darauf, einzelnen Menschen ihre vergangenen Verfehlungen zu vergeben, während die übrigen Folgen der Sünde für immer bestehen bleiben. Die biblische Hoffnung reicht bis zur endgültigen Beseitigung des Todes und zur Wiederherstellung einer Schöpfung, in der Gottes Gerechtigkeit wohnt (1. Korinther 15,26; 2. Petrus 3,13; Offenbarung 21,1–5). Diese weiteren Schriftstellen entfalten, was Epheser 1,10 in einer großen Zielaussage zusammenfasst. Christus ist nicht nur derjenige, durch den der einzelne Mensch Vergebung empfängt. Er ist zugleich der Mittelpunkt der endgültigen Wiederherstellung, durch die Gottes guter Wille in der gesamten Schöpfung zur Geltung kommt.
Damit erhalten die Verse 7–10 eine bemerkenswerte innere Entwicklung. Paulus beginnt bei der persönlichen Erlösung durch das Blut Jesu und führt den Leser über die Vergebung der Sünden zur Offenbarung des göttlichen Heilsplans. Schließlich öffnet sich der Blick auf die ganze Schöpfung und ihre Zukunft unter der Herrschaft Christi. Was für den einzelnen Glaubenden mit Vergebung und neuer Gemeinschaft mit Gott beginnt, gehört zu einem weit größeren göttlichen Vorhaben. Die gegenwärtige Erlösung ist dabei bereits Wirklichkeit, während ihre vollständige Auswirkung auf Mensch und Schöpfung noch aussteht. Gerade diese Verbindung von gegenwärtigem Heil und zukünftiger Vollendung verleiht der christlichen Hoffnung ihre Tiefe. Gott hat sein Erlösungswerk in Jesus Christus begründet, und in ihm wird er seinen Vorsatz zur Vollendung führen.
Im nächsten Abschnitt, Epheser 1,11–12, richtet Paulus den Blick wieder stärker auf die Glaubenden selbst. Er erklärt, welchen Anteil sie an diesem großen göttlichen Vorsatz erhalten haben und warum ihr Leben letztlich dem Lob seiner Herrlichkeit dienen soll.
Epheser 1,11–12
Gottes Vorsatz, unser Erbe und die Hoffnung auf Christus
Nachdem Paulus den Blick auf Gottes umfassenden Erlösungsplan gerichtet hat, erklärt er nun, welchen Anteil die Glaubenden persönlich an diesem Plan erhalten haben. In Vers 11 schreibt er: „In ihm haben auch wir Anteil erlangt, die wir vorherbestimmt waren nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluß seines Willens.“ Wieder beginnt seine Aussage mit den Worten „in ihm“. Diese wiederkehrende Formulierung verbindet die einzelnen Segnungen des Kapitels miteinander und verhindert, dass Gottes Verheißungen unabhängig von Jesus Christus verstanden werden. Der göttliche Vorsatz, alles in Christus zusammenzuführen, bleibt nicht auf die zukünftige Wiederherstellung der Schöpfung beschränkt. Schon jetzt dürfen Menschen durch ihre Verbindung mit Christus an dem teilhaben, was Gott für sein Volk vorgesehen hat. Die persönliche Hoffnung der Glaubenden gehört damit zu einem Heilsplan, der weit über ihr eigenes Leben hinausreicht.
Eine wichtige Frage entsteht bei der Aussage, dass die Glaubenden in Christus „Anteil erlangt“ haben. Das griechische Wort eklērōthēmen kommt in dieser Form nur hier im Neuen Testament vor und gehört zu einem Wortfeld, das mit Los, Zuteilung und Erbbesitz verbunden ist. In der Antike konnte durch das Los ein bestimmter Anteil zugewiesen werden. Auch im Alten Testament wurden die Landanteile der israelitischen Stämme unter göttlicher Leitung durch das Los verteilt (Josua 14,1–2). Paulus beschreibt damit jedoch keinen zufälligen Vorgang, bei dem ungewiss wäre, wen Gott begünstigt. Unmittelbar anschließend betont er ausdrücklich Gottes Vorsatz und Willen. Die Formulierung bringt vielmehr zum Ausdruck, dass die neue Stellung der Glaubenden auf Gottes Handeln beruht und ihnen als Gabe zugeteilt wird. Dabei lässt das griechische Wort zwei eng miteinander verbundene Auslegungen zu: Die Glaubenden haben einen Anteil am verheißenen Erbe erhalten, oder sie sind selbst zu Gottes besonderem Eigentum bestimmt worden. Die Schlachter 1951 hebt mit „Anteil erlangt“ die erste Bedeutung hervor. Die zweite erinnert an 5. Mose 32,9, wo Israel als Gottes besonderer Anteil beschrieben wird. Beide Vorstellungen gehören zur biblischen Sprache des Bundes und der Zugehörigkeit zu Gott.
Die beiden Deutungen müssen deshalb nicht künstlich gegeneinander ausgespielt werden. Einerseits verheißt Gott seinen Kindern ein zukünftiges Erbe. Römer 8,16–17 bezeichnet die Glaubenden als Kinder Gottes und damit zugleich als seine Erben und Miterben Christi. Andererseits beschreibt die Bibel Gottes Volk selbst als sein kostbares Eigentum. In 5. Mose 7,6–8 wird Israel daran erinnert, dass Gott es aus Liebe erwählt hat und nicht wegen seiner Größe oder besonderer Leistungen. In ähnlicher Weise nennt 1. Petrus 2,9 die christlichen Gläubigen ein Volk des Eigentums Gottes, das seine herrlichen Taten verkündigen soll. Die beiden Gedanken ergänzen sich: Wer Gott gehört, darf auf seine Verheißungen vertrauen; und wer sein Erbe empfängt, lebt nicht mehr unabhängig von dem, der ihn erlöst hat. Diese Verbindung erhält in Epheser 1,14 eine zusätzliche Bestätigung. Dort bezeichnet Paulus den Heiligen Geist als Pfand des zukünftigen Erbes und spricht zugleich von der Erlösung des Eigentums. Gegenwärtige Zugehörigkeit zu Gott und zukünftige Vollendung gehören somit untrennbar zusammen.
Bemerkenswert ist außerdem die Zeitform der Aussage. Paulus spricht davon, dass die Glaubenden bereits Anteil erlangt haben, obwohl die endgültige Erfüllung der göttlichen Verheißungen noch aussteht. Darin begegnet eine grundlegende Spannung des neutestamentlichen Erlösungsverständnisses: Was Gott durch Christus begründet hat, ist schon jetzt wirksam, wird aber erst in der Zukunft vollständig offenbar werden. Die Glaubenden besitzen bereits die Vergebung ihrer Sünden und dürfen als Kinder Gottes leben. Dennoch warten sie weiterhin auf die endgültige Befreiung von Vergänglichkeit, Leid und Tod. Paulus beschreibt diese Hoffnung in Römer 8,23–25, wo er erklärt, dass die Kinder Gottes auf die Erlösung ihres Leibes warten. Ebenso spricht 1. Petrus 1,3–5 von einem unvergänglichen Erbe, das im Himmel aufbewahrt wird und dessen endgültige Offenbarung noch bevorsteht. Die Hoffnung des Christen gründet deshalb nicht auf der Behauptung, sein Leben sei bereits von allen Folgen der Sünde befreit. Sie gründet darauf, dass Gott durch Christus eine Zukunft eröffnet hat, deren vollständige Erfüllung noch erwartet wird.
Im weiteren Verlauf von Vers 11 führt Paulus diese Gewissheit auf Gottes Vorsatz zurück. Er verwendet erneut das Wort für Vorherbestimmung, das bereits in Vers 5 begegnet ist. Dort ging es um die Annahme der Glaubenden als Kinder Gottes; hier wird ihre Teilhabe am göttlichen Heilsplan hervorgehoben. Das griechische Wort proorizō bezeichnet eine vorherige Festlegung oder Bestimmung. Es unterstreicht, dass Gottes Heilshandeln nicht aus zufälligen Entscheidungen besteht. Zugleich muss die Aussage in ihrem Zusammenhang bleiben. Paulus beschreibt Menschen, die in Christus Anteil an Gottes Verheißungen erhalten haben, und erklärt, dass diese Stellung seinem zuvor gefassten Vorsatz entspricht. Er behandelt hier nicht ausdrücklich die Frage, ob Gott jeden einzelnen Menschen unabhängig von dessen Glaubensantwort unwiderruflich zur Erlösung oder zum Verderben bestimmt hat. Aus dem Wort „vorherbestimmt“ allein lässt sich keine vollständige Lehre über das Verhältnis zwischen göttlicher Erwählung und menschlicher Verantwortung entwickeln. Entscheidend ist zunächst, was Paulus tatsächlich hervorhebt: Das Heil in Christus beruht auf Gottes eigenem Willen und kann nicht als menschliche Errungenschaft verstanden werden.
Diese Aussage wird durch die anschließende Beschreibung Gottes vertieft. Paulus nennt ihn denjenigen, „der alles wirkt nach dem Ratschluß seines Willens“. Hier begegnet eine besonders weitreichende Aussage über Gottes souveräne Herrschaft. Sein Handeln ist weder machtlos noch von äußeren Umständen abhängig. Was er sich zur Verwirklichung seines Erlösungsplans vorgenommen hat, kann nicht durch menschliche oder übermenschliche Mächte endgültig vereitelt werden. Einen verwandten Gedanken finden wir in Jesaja 46,9–11. Dort erklärt Gott gegenüber den Götzen der Völker, dass er das Ende von Anfang an kennt und seinen Ratschluss ausführen wird. Auch Psalm 33,10–11 stellt die vergänglichen Pläne der Völker dem bleibenden Ratschluss Gottes gegenüber. Solche Aussagen geben den Gläubigen eine Grundlage des Vertrauens: Die Erfüllung der göttlichen Verheißungen hängt letztlich nicht von der Stärke menschlicher Herrschaft oder der Unberechenbarkeit geschichtlicher Entwicklungen ab. Gott besitzt die Macht und Weisheit, sein Heilsziel zu verwirklichen.
Dennoch wäre es ein Missverständnis, aus dieser Aussage abzuleiten, dass jede böse Handlung unmittelbar Gottes moralischem Willen entspricht oder dass er selbst der Urheber menschlicher Sünde sei. Die Bibel unterscheidet zwischen dem, was Gott gutheißt, und dem Bösen, das Menschen tatsächlich tun. Jakobus 1,13–14 erklärt ausdrücklich, dass Gott niemanden zum Bösen versucht. Ein besonders anschauliches Beispiel bietet die Geschichte Josefs. Seine Brüder handelten aus Neid und verkauften ihn in die Sklaverei. Jahre später konnte Josef dennoch erkennen, dass Gott selbst diese leidvolle Geschichte zu einem guten Ausgang geführt hatte (1. Mose 50,20). Damit wurde das Unrecht der Brüder weder entschuldigt noch zu einer guten Handlung erklärt. Vielmehr zeigt die Geschichte, dass Gottes rettendes Handeln selbst durch menschliche Bosheit nicht aufgehalten werden muss. Epheser 1,11 entfaltet keine vollständige Erklärung aller Fragen nach dem Ursprung des Bösen oder der menschlichen Entscheidungsfreiheit. Im Zusammenhang des Kapitels steht vielmehr die Gewissheit im Vordergrund, dass Gottes Erlösungsplan in Christus seinem weisen und wirksamen Vorsatz entspricht. Seine Herrschaft ist deshalb eine Quelle der Hoffnung und kein Grund, ihm die Verantwortung für das Böse zuzuschreiben.
In Vers 12 erklärt Paulus schließlich, welchem Ziel diese Teilhabe am göttlichen Erbe dient: „daß wir zum Lobe seiner Herrlichkeit dienten, die wir zuvor auf Christus gehofft hatten“. Damit greift er eine Formulierung auf, die bereits in Vers 6 begegnet ist und in Vers 14 erneut erscheinen wird. Dreimal führt der große Lobpreis des Kapitels zu Gottes Herrlichkeit zurück. Die verschiedenen Segnungen besitzen also nicht nur einen Nutzen für die Menschen, die sie empfangen. Sie offenbaren zugleich Gottes Wesen, seine Treue und seine Gnade. Wenn Menschen durch Christus Vergebung und eine neue Hoffnung erhalten, wird darin sichtbar, wie Gott mit seiner gefallenen Schöpfung handelt. Das Lob seiner Herrlichkeit besteht deshalb nicht lediglich aus gesprochenen Dankesworten. Das Leben der Erlösten soll von Gottes Gnade Zeugnis geben. Jesus beschreibt einen verwandten Gedanken in Matthäus 5,16: Die guten Werke seiner Nachfolger sollen Menschen dazu führen, den himmlischen Vater zu verherrlichen. Nicht der Mensch selbst soll im Mittelpunkt stehen, sondern Gott, dessen Liebe und Kraft sein Leben verändert haben.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der letzte Teil von Vers 12, in dem Paulus von denen spricht, „die wir zuvor auf Christus gehofft hatten“. Im griechischen Text steht hier das Wort proēlpikotas, das eine vorausgehende oder frühere Hoffnung auf Christus beschreibt. Der Ausdruck wird verständlicher, wenn man den nächsten Vers berücksichtigt. Während Paulus in Vers 12 von „wir“ spricht, wendet er sich in Vers 13 ausdrücklich an „auch ihr“. Diese Unterscheidung wird häufig so verstanden, dass Paulus zunächst an jüdische Christusgläubige denkt, deren Volk bereits die messianischen Verheißungen besaß, und anschließend an die Gläubigen aus den anderen Völkern. Eine solche Erklärung passt besonders gut zum späteren Gedankengang des Briefes. In Epheser 2,11–12 erinnert Paulus die nichtjüdischen Gläubigen ausdrücklich daran, dass sie früher außerhalb der Bürgerschaft Israels standen und den Bündnissen der Verheißung fremd waren. Eine andere mögliche Auslegung versteht unter den zuerst Hoffenden die frühen Christusgläubigen oder die ersten Verkündiger des Evangeliums, denen die späteren Leser folgten. Der Gegensatz zwischen „wir“ und „ihr“ spricht allerdings besonders dafür, dass Paulus bereits hier die unterschiedlichen heilsgeschichtlichen Ausgangspunkte von Juden und Nichtjuden im Blick hat.
Die Hoffnung Israels auf den kommenden Messias war tief in den Verheißungen des Alten Testaments verwurzelt. Gott hatte Abraham zugesagt, dass durch seinen Nachkommen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Später verhieß er David einen Nachkommen, dessen Königtum Bestand haben sollte (2. Samuel 7,12–16). Die Propheten entfalteten diese Hoffnung weiter und beschrieben einen kommenden Herrscher, der Gerechtigkeit schaffen und Gottes Volk Frieden bringen würde (Jesaja 9,5–6; 11,1–10). Zur Zeit Jesu begegnen wir Menschen, die in der Erwartung dieser Verheißungen lebten. Lukas berichtet beispielsweise von Simeon, der auf den Trost Israels wartete und im Jesuskind die von Gott bereitete Rettung erkannte (Lukas 2,25–32). Diese messianische Hoffnung bildete einen wichtigen Hintergrund für die Verkündigung der ersten jüdischen Christen. Wenn Paulus also von Menschen spricht, die zuvor auf Christus gehofft hatten, liegt es nahe, an diese lange Geschichte göttlicher Verheißungen zu denken. Nicht jeder Israelit verstand die Verheißungen in gleicher Weise, und keineswegs alle erkannten Jesus als den verheißenen Messias an. Dennoch war die Hoffnung auf Gottes künftiges rettendes Handeln ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte Israels.
Gerade deshalb ist der Übergang zum nächsten Vers so bedeutsam. Paulus betont nicht die frühere Hoffnung der jüdischen Glaubenden, um ihnen eine höhere Stellung gegenüber den anderen Christen zuzuschreiben. Im Gegenteil: Die Fortsetzung macht deutlich, dass auch Menschen aus den Völkern durch das Evangelium Anteil an derselben Rettung erhalten haben. Was Israel durch die Verheißungen der Propheten angekündigt worden war, sollte nach Gottes Plan Menschen aus allen Völkern erreichen. Dieser Gedanke entspricht bereits der Zusage an Abraham, dass durch seinen Nachkommen alle Völker gesegnet werden sollten. In Galater 3,26–29 erklärt Paulus, dass Menschen durch den Glauben an Jesus Christus Gottes Kinder sind und in ihm zu Erben der Verheißung gehören. Die bisherige Geschichte Israels wird damit nicht bedeutungslos. Vielmehr zeigt sich, wie Gott seine Verheißungen durch Christus erfüllt und den Zugang zu seinem Heil über die bisherigen Grenzen hinaus öffnet. Paulus wird diese Einheit in Epheser 2,13–18 ausführlich erklären, wenn er beschreibt, wie Christus aus den zuvor getrennten Gruppen eine neue Gemeinschaft schafft.
Damit erhalten die Verse 11–12 eine besondere Bedeutung innerhalb des gesamten Kapitels. Sie verbinden Gottes ewigen Vorsatz mit der geschichtlichen Erfüllung seiner Verheißungen und der Hoffnung der Glaubenden. Was Gott seinem Volk zugesagt hat, findet seinen Mittelpunkt in Jesus Christus. Die Glaubenden gehören ihm schon jetzt und dürfen auf die Vollendung seines Heilsplans vertrauen, auch wenn sie dessen endgültige Erfüllung noch nicht sehen. Ihre Gewissheit beruht weder auf einem blinden Schicksal noch auf der Vorstellung, sie könnten sich Gottes Verheißungen durch eigene Leistungen sichern. Sie gründet auf dem treuen Gott, der seinen Ratschluss in Christus verwirklicht. Das Ziel dieser Berufung ist zugleich größer als das persönliche Glück des Einzelnen: Das Leben der Erlösten soll zum Lob der Herrlichkeit Gottes dienen und sichtbar machen, wie reich seine Gnade ist.
Im anschließenden Abschnitt, Epheser 1,13–14, führt Paulus diesen Gedanken weiter. Nun richtet er sich ausdrücklich an die Gläubigen, die das Evangelium gehört und angenommen haben. An ihnen erklärt er, wie Gottes Verheißungen durch den Glauben persönlich empfangen werden und welche Bedeutung die Versiegelung mit dem Heiligen Geist für ihre gegenwärtige Zugehörigkeit zu Gott und ihre zukünftige Hoffnung besitzt.
Epheser 1,13–14
Das Evangelium hören, glauben und mit dem Heiligen Geist versiegelt werden
Nachdem Paulus von denen gesprochen hat, die bereits zuvor auf Christus gehofft hatten, richtet er sich nun ausdrücklich an seine Leser. Mit den Worten „in ihm seid auch ihr“ macht er deutlich, dass auch sie Anteil an den zuvor beschriebenen Segnungen erhalten haben. Diese kleine Wendung besitzt eine große heilsgeschichtliche Bedeutung. Die Hoffnung auf den Messias war zunächst eng mit den Verheißungen verbunden, die Gott dem Volk Israel gegeben hatte. Doch durch Jesus Christus ist die Botschaft der Erlösung auch zu Menschen gelangt, die ursprünglich nicht zu diesem Volk gehörten. Sie müssen keinen zweiten, von Israel unabhängigen Weg zu Gott finden. Vielmehr werden sie durch denselben Christus gerettet, in dem sich Gottes Verheißungen erfüllen. Paulus wird diesen Gedanken in Epheser 2,11–18 ausführlich entfalten. Dort beschreibt er, wie Menschen, die einst fern von den Bündnissen der Verheißung waren, durch das Blut Christi nahegebracht werden und gemeinsam mit den jüdischen Gläubigen Zugang zum Vater erhalten. Bereits in Epheser 1,13 bereitet er diese Wahrheit vor: Gottes Erlösungsplan schließt Menschen unterschiedlicher Herkunft in derselben Hoffnung zusammen.
Anschließend beschreibt Paulus, wie seine Leser persönlich mit dieser Rettungsbotschaft in Berührung gekommen sind. Sie haben das „Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung“ gehört. Das Evangelium ist die gute Nachricht von Gottes rettendem Handeln durch Jesus Christus. Sein Mittelpunkt ist nicht eine menschliche Lebensphilosophie oder die Aufforderung, sich durch besondere religiöse Leistungen Gottes Anerkennung zu verdienen. Es verkündigt, dass Jesus für die Sünden der Menschen gestorben und auferstanden ist und dass durch ihn Vergebung und neues Leben möglich werden. Paulus fasst diese Botschaft in 1. Korinther 15,1–4 zusammen, indem er an Christi Tod für unsere Sünden, sein Begräbnis und seine Auferstehung erinnert. Wenn er das Evangelium als „Wort der Wahrheit“ bezeichnet, unterstreicht er seinen Anspruch, Gottes verlässliche Offenbarung zu sein. Die christliche Hoffnung beruht damit nicht auf einer bloßen Vermutung über die Zukunft, sondern auf der Botschaft von dem, was Gott durch Christus tatsächlich getan hat. Diese Wahrheit soll gehört, verstanden und angenommen werden, damit sie das Leben des Menschen verändern kann.
Das Hören besitzt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Im biblischen Sprachgebrauch ist damit häufig mehr gemeint als das bloße Wahrnehmen gesprochener Worte. Eine Botschaft kann das Ohr erreichen, ohne dass der Mensch sie ernst nimmt oder sein Vertrauen darauf setzt. Paulus unterscheidet deshalb das Hören nicht zufällig vom Glauben. In Römer 10,14–17 erklärt er, dass Menschen die Botschaft von Christus hören müssen, damit sie zum Glauben kommen können. Zugleich macht die Bibel deutlich, dass das Hören allein noch keine rettende Verbindung zu Gott schafft. In Hebräer 4,2 wird an Menschen erinnert, die ebenfalls Gottes Botschaft gehört hatten, denen das Gehörte jedoch keinen Nutzen brachte, weil es nicht mit Glauben verbunden war. Die Wahrheit des Evangeliums verlangt somit eine persönliche Antwort. Wer von Christus erfährt, wird vor die Frage gestellt, ob er seiner Botschaft vertraut und bereit ist, sein Leben ihm anzuvertrauen. Das Evangelium informiert nicht nur über die Möglichkeit der Rettung, sondern ruft den Menschen dazu auf, Gottes Angebot im Glauben anzunehmen.
Genau diese Antwort beschreibt Paulus mit den Worten „als ihr glaubtet“. Die Leser hatten nicht nur vom Evangelium erfahren, sondern ihr Vertrauen auf Christus gesetzt. Dabei bedeutet biblischer Glaube mehr als die Überzeugung, dass Gott existiert oder dass bestimmte Aussagen über Jesus richtig sind. Er schließt das persönliche Vertrauen auf Christus und sein Erlösungswerk ein. Ein Mensch erkennt, dass er sich nicht selbst von seiner Schuld befreien kann, und wendet sich deshalb an den Retter, den Gott ihm gegeben hat. In Johannes 1,12–13 wird diese Glaubensantwort mit der Aufnahme Christi verbunden. Wer ihn aufnimmt und an seinen Namen glaubt, empfängt das Recht, Gottes Kind zu werden. Gleichzeitig erklärt Johannes, dass diese neue Geburt ihren Ursprung in Gott hat. Der Mensch erzeugt seine Rettung also nicht durch die eigene Glaubensentscheidung. Gottes Gnade geht seinem Heil voraus, und der Glaube ist die vertrauensvolle Antwort auf sein rettendes Handeln. Dieser Zusammenhang bewahrt vor zwei Missverständnissen: Weder kann der Mensch sich selbst erlösen, noch behandelt die Schrift seine persönliche Antwort auf Gottes Einladung als bedeutungslos.
Die Reihenfolge der Aussagen in Epheser 1,13 verdient eine sorgfältige Betrachtung. Paulus spricht davon, dass seine Leser das Evangelium gehört, geglaubt und anschließend beziehungsweise im Zusammenhang mit ihrem Glauben die Versiegelung durch den Heiligen Geist empfangen haben. Im griechischen Grundtext werden das Hören und das Glauben durch zwei Partizipien beschrieben, die mit der Aussage über die Versiegelung verbunden sind. Dadurch entsteht eine klare sachliche Beziehung: Das Evangelium wird verkündigt, Menschen antworten darauf im Glauben, und Gott bestätigt ihre Zugehörigkeit zu Christus durch seinen Geist. Allerdings wäre es zu weitgehend, aus diesen grammatischen Formen einen genauen zeitlichen Ablauf sämtlicher innerer Vorgänge der Bekehrung abzuleiten. Besonders das Glauben und die Versiegelung sind eng miteinander verbunden. Ebenso wenig darf daraus geschlossen werden, der Heilige Geist beginne erst nach der Glaubensentscheidung überhaupt am Menschen zu wirken. Jesus erklärt in Johannes 16,8, dass der Geist die Welt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht überführt. Bereits die Erkenntnis der eigenen Schuld und das Verlangen nach Christus stehen somit im Zusammenhang mit Gottes vorausgehendem Wirken. Epheser 1,13 beschreibt insbesondere die Versiegelung derer, die Christus im Glauben angenommen haben, und nicht die vollständige Reihenfolge aller Tätigkeiten des Heiligen Geistes.
Was bedeutet es nun, dass die Glaubenden mit dem Heiligen Geist versiegelt worden sind? Um diese Aussage zu verstehen, hilft ein Blick auf die Verwendung von Siegeln in der antiken Welt. Ein Siegel konnte ein Schriftstück bestätigen, die Echtheit einer Erklärung bezeugen oder einen Gegenstand als Eigentum einer bestimmten Person kennzeichnen. Damit waren Vorstellungen von Zugehörigkeit, Anerkennung und Verbindlichkeit verbunden. Wenn Paulus dieses Bild auf die Glaubenden überträgt, bringt er zum Ausdruck, dass Gott selbst ihre neue Zugehörigkeit bestätigt. Sie gehören nicht mehr allein sich selbst, sondern dem Herrn, der sie erlöst hat. Einen entsprechenden Gedanken finden wir in 2. Korinther 1,21–22. Dort beschreibt Paulus Gott als denjenigen, der die Glaubenden in Christus befestigt, sie gesalbt und versiegelt und ihnen den Geist als Unterpfand in ihre Herzen gegeben hat. Die Versiegelung ist deshalb nicht zuerst eine besondere menschliche Leistung oder eine Auszeichnung für außergewöhnliche religiöse Erfahrungen. Sie ist Gottes Handeln an Menschen, die durch Christus zu ihm gehören.
Besonders wichtig ist, womit diese Versiegelung geschieht. Paulus spricht ausdrücklich vom Heiligen Geist selbst. Das Siegel ist in diesem Zusammenhang nicht lediglich ein äußeres Zeichen, das auf Gott hinweist, während seine Gegenwart davon getrennt wäre. Vielmehr wird der Heilige Geist den Glaubenden geschenkt und bestätigt dadurch ihre Verbindung mit Christus. In Römer 8,14–16 erklärt Paulus, dass diejenigen, die vom Geist Gottes geleitet werden, Gottes Kinder sind und dass der Geist ihrem Geist bezeugt, dass sie zu Gottes Familie gehören. Damit besitzt die Versiegelung eine zutiefst persönliche Bedeutung. Der Glaubende darf seine Hoffnung nicht nur auf eine ferne Verheißung richten, sondern kann bereits in seinem gegenwärtigen Leben Gottes Wirken erfahren. Dieses Wirken zeigt sich jedoch nicht notwendigerweise in außergewöhnlichen Gefühlen, Visionen oder sichtbaren Wundern. Galater 5,22–23 beschreibt die Frucht des Geistes vielmehr durch Eigenschaften wie Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung. Der Heilige Geist wirkt an der Erneuerung des menschlichen Charakters und führt den Glaubenden dazu, Gottes Willen immer besser zu erkennen und zu leben.
Paulus nennt ihn außerdem den „heiligen Geist der Verheißung“. Diese Bezeichnung verbindet die gegenwärtige Erfahrung der Gemeinde mit den früheren Zusagen Gottes. Schon durch den Propheten Joel hatte Gott angekündigt, seinen Geist auf Menschen unterschiedlichen Alters und gesellschaftlicher Stellung auszugießen (Joel 3,1–2 nach deutscher Kapitelzählung). Auch Hesekiel 36,26–27 enthält die Verheißung, dass Gott seinem Volk ein neues Herz geben und seinen Geist in sein Inneres legen werde. Diese Zusage verbindet das Wirken des Geistes ausdrücklich mit einer Erneuerung des Lebens, durch die Menschen befähigt werden, nach Gottes Ordnungen zu wandeln. Der Prophet Jeremia beschreibt in seiner Verheißung des neuen Bundes ebenfalls eine innere Veränderung: Gottes Gesetz soll nicht nur äußerlich bekannt sein, sondern in das Herz seines Volkes geschrieben werden (Jeremia 31,31–34). Im Neuen Testament greift Petrus am Pfingsttag die Verheißung Joels auf und erklärt, dass die Ausgießung des Geistes mit dem durch Christus eröffneten Heilsgeschehen verbunden ist (Apostelgeschichte 2,16–21.33). Wenn Paulus nun vom Geist der Verheißung spricht, zeigt er, dass die Glaubenden an der Erfüllung dieser göttlichen Zusagen Anteil erhalten haben.
Diese Verbindung ist auch für das Verständnis des neuen Bundes bedeutsam. Der Heilige Geist wird nicht gegeben, damit Gottes Wille für das Leben seiner Kinder bedeutungslos wird. Vielmehr wirkt er daran, dass die Wahrheit Gottes den Menschen nicht nur äußerlich erreicht, sondern sein Denken, Wollen und Handeln erneuert. Die Veränderung des Herzens ist dabei nicht mit einer sofortigen Vollendung des christlichen Charakters gleichzusetzen. Der Epheserbrief selbst zeigt, dass die Glaubenden trotz ihrer Versiegelung weiterhin geistlich wachsen sollen. In Epheser 4,22–24 ruft Paulus sie dazu auf, den alten Menschen abzulegen und im Geist ihrer Gesinnung erneuert zu werden. Wenige Verse später ermahnt er sie ausdrücklich, den Heiligen Geist Gottes nicht zu betrüben, mit dem sie auf den Tag der Erlösung hin versiegelt worden sind (Epheser 4,30). Diese Ermahnung wäre schwer verständlich, wenn die Versiegelung bedeuten würde, dass der Glaubende bereits jede weitere Erneuerung hinter sich hätte. Vielmehr gehört der empfangene Geist gerade zu Gottes gegenwärtigem Wirken, das den Menschen auf die endgültige Vollendung vorbereitet.
Zugleich darf diese ernste Ermahnung nicht so verstanden werden, als sei die Versiegelung nur eine unsichere oder wertlose Zusage. Paulus spricht ausdrücklich von Gottes bestätigendem Handeln und verbindet es mit dem zukünftigen Tag der Erlösung. Die Glaubenden sollen deshalb nicht in ständiger Angst leben, Gott könne seine Verheißungen nicht erfüllen. Sie dürfen auf seine Treue vertrauen und sind zugleich aufgerufen, seiner Führung zu folgen. Aus Epheser 1,13 allein lässt sich allerdings weder beweisen, dass ein einmal versiegelter Mensch unter keinen Umständen vom Glauben abfallen könnte, noch dass jede einzelne Sünde die Versiegelung sofort aufhebt. Solche Fragen müssen unter Berücksichtigung der gesamten biblischen Lehre über Glauben, Beharren, Umkehr und göttliche Bewahrung behandelt werden. Der unmittelbare Zusammenhang betont vor allem die Gewissheit, dass Gott seinen Kindern durch den Heiligen Geist eine wirkliche Zusage ihrer zukünftigen Erlösung gegeben hat. Sein Geist ist nicht Ausdruck menschlicher Selbstsicherheit, sondern Grund des Vertrauens auf Gottes Treue.
In Vers 14 vertieft Paulus diese Gewissheit durch ein weiteres Bild. Der Heilige Geist ist das „Pfand unsres Erbes“. Das griechische Wort arrabōn bezeichnet eine Anzahlung oder ein Unterpfand, durch das die Erfüllung einer umfassenderen Zusage zugesichert wird. Der Begriff konnte im geschäftlichen Leben für eine erste Zahlung verwendet werden, die zu einer noch ausstehenden vollständigen Leistung gehörte. Paulus überträgt diesen Gedanken auf Gottes Verheißung. Der Heilige Geist ist nicht nur eine Bestätigung, dass Gott künftig etwas tun möchte. Seine Gegenwart ist bereits ein wirklicher Anteil an dem Leben, das Gott seinen Kindern in seiner Vollendung schenken wird. Was sie heute durch den Geist erfahren, ist noch nicht die Gesamtheit des verheißenen Erbes, gehört aber bereits zu derselben göttlichen Wirklichkeit. Dadurch erhält die christliche Hoffnung eine besondere Grundlage: Gott hat nicht nur von einer zukünftigen Erlösung gesprochen, sondern den Glaubenden bereits seinen Geist gegeben, der ihre Zugehörigkeit zu ihm bezeugt und sie auf die Erfüllung seiner Zusagen ausrichtet.
Das Erbe, von dem Paulus spricht, umfasst weit mehr als eine zukünftige Belohnung für ein anständiges Leben. Bereits in Epheser 1,5 hatte er erklärt, dass Gott die Glaubenden zur Kindschaft berufen hat. Kinder Gottes dürfen zugleich Erben seiner Verheißungen sein. In Römer 8,17 beschreibt Paulus sie als Miterben Christi und verbindet diese Stellung mit der Hoffnung auf eine zukünftige Herrlichkeit. Diese Hoffnung bleibt notwendig, weil das gegenwärtige Leben noch von den Folgen der Sünde geprägt ist. Menschen, die Christus gehören, erleben weiterhin Krankheit, Leid, Versuchung und den Tod. Dennoch besitzen sie durch den Geist bereits einen Vorgeschmack auf Gottes erneuernde Gegenwart. In Römer 8,23 beschreibt Paulus diesen Zustand mit einer verwandten Formulierung: Die Glaubenden haben die Erstlingsgabe des Geistes empfangen und warten dennoch auf die Erlösung ihres Leibes. Die gegenwärtige Gabe des Geistes und die zukünftige Auferstehung stehen somit nicht im Widerspruch zueinander. Sie gehören zu unterschiedlichen Abschnitten desselben Erlösungswerkes.
Besondere Aufmerksamkeit verdient deshalb die anschließende Formulierung „bis zur Erlösung des Eigentums“. Bereits in Vers 7 hatte Paulus erklärt, dass die Glaubenden durch das Blut Christi erlöst worden sind. Warum spricht er nun erneut von einer Erlösung, die offenbar noch bevorsteht? Der Unterschied liegt nicht darin, dass das Opfer Jesu unzureichend gewesen wäre. Die Erlösung besitzt vielmehr eine bereits verwirklichte und eine noch ausstehende Seite. Durch Christi Tod ist die Grundlage der Vergebung und Versöhnung geschaffen worden. Wer ihm glaubt, darf schon jetzt in einer erneuerten Beziehung zu Gott leben. Die vollständige Befreiung von allen Folgen der Sünde ist jedoch noch nicht eingetreten. Der Mensch bleibt sterblich, die Schöpfung leidet weiterhin unter Vergänglichkeit, und Gottes Kinder warten auf die endgültige Wiederherstellung. Erst wenn Christus den Tod überwindet und sein Erlösungswerk vollständig zur Geltung bringt, wird auch diese zukünftige Seite der Rettung offenbar. Paulus beschreibt in 1. Korinther 15,51–54 die Verwandlung der Gläubigen bei der Auferstehung und verbindet sie mit dem endgültigen Sieg über den Tod. Die Erlösung ist daher bereits durch Christus begründet und wird bei ihrer Vollendung auch den vergänglichen menschlichen Leib umfassen.
Auch das Wort „Eigentum“ trägt zu diesem Verständnis bei. Das zugrunde liegende griechische Wort peripoiēsis besitzt Bedeutungen wie Erwerb, Gewinnung oder das dadurch Erlangte. Im Zusammenhang von Epheser 1,14 liegt es besonders nahe, an die Menschen zu denken, die Gott durch Christus zu seinem Eigentum gemacht hat und deren endgültige Erlösung noch bevorsteht. Eine verwandte Vorstellung findet sich in 1. Petrus 2,9, wo die Gläubigen als Gottes Eigentumsvolk bezeichnet werden. Damit verbindet Paulus zwei Gedanken, die einander ergänzen: Die Glaubenden erwarten ein Erbe von Gott, und sie gehören bereits jetzt dem Gott, der sie erlöst hat. Ihre zukünftige Hoffnung ist deshalb nicht von ihrer gegenwärtigen Zugehörigkeit zu Christus getrennt. Der Heilige Geist bestätigt, dass Gott sein Volk nicht nur aus der Schuld befreien, sondern es schließlich vollständig in die von ihm verheißene Gemeinschaft führen will.
Am Ende von Vers 14 kehrt Paulus zu einer Formulierung zurück, die seinen gesamten Lobpreis prägt: „zum Preise seiner Herrlichkeit“. Damit erreicht der große Gedankengang der Verse 3–14 seinen Abschluss. Der Vater hat die Glaubenden in Christus erwählt und zur Kindschaft berufen, der Sohn hat durch sein Blut die Erlösung ermöglicht, und der Heilige Geist bestätigt ihre Zugehörigkeit zu Gott und ist das Pfand ihrer zukünftigen Vollendung. Paulus spricht dabei nicht von drei voneinander unabhängigen Rettungswegen. Vielmehr beschreibt er das eine Heilshandeln Gottes, das seinen Mittelpunkt in Jesus Christus besitzt und durch die Gabe des Geistes im Leben der Glaubenden wirksam wird. Dreimal hat der Lobpreis auf Gottes Herrlichkeit hingeführt: nach der Beschreibung der Erwählung in Vers 6, nach dem Hinweis auf die Hoffnung in Vers 12 und schließlich nach der Verheißung des Geistes in Vers 14. Gottes Gnade soll nicht nur empfangen, sondern auch erkannt und gepriesen werden.
Die besondere Bedeutung dieser Verse liegt somit in der Verbindung von persönlichem Glauben, gegenwärtiger Zugehörigkeit und zukünftiger Hoffnung. Wer das Evangelium hört und Jesus Christus vertraut, darf wissen, dass Gott seinen Erlösungsplan nicht auf menschliche Anstrengungen gründet. Er selbst bestätigt die Glaubenden durch seinen Heiligen Geist und wirkt daran, dass ihr Leben seiner Berufung entspricht. Dabei ist die Versiegelung weder ein bloßes religiöses Gefühl noch der Nachweis einer bereits erreichten Vollkommenheit. Sie ist eine wirkliche Gabe Gottes, die seine Kinder auf dem Weg zur endgültigen Erlösung begleitet. Die Gegenwart des Heiligen Geistes soll sie im Vertrauen stärken, zur Wahrheit führen und in ein Leben hineinwachsen lassen, das Gottes Wesen widerspiegelt. So wird bereits im gegenwärtigen Leben etwas von jener zukünftigen Wirklichkeit sichtbar, in der Gottes Erlösungswerk seine vollständige Erfüllung finden wird.
Mit diesem Gedanken endet der erste große Lobpreis des Epheserbriefes. Paulus hat beschrieben, wie umfassend Gottes Handeln an den Glaubenden ist und welche Hoffnung ihnen durch Christus geschenkt wurde. Ab Vers 15 geht er deshalb zum Gebet über. Er dankt Gott für den Glauben und die Liebe seiner Leser und bittet darum, dass sie die Bedeutung ihrer Berufung noch tiefer verstehen. Denn die Segnungen Gottes zu besitzen und ihren geistlichen Reichtum wirklich zu erkennen, sind nicht in jeder Hinsicht dasselbe. Genau diese Erkenntnis möchte Paulus durch sein anschließendes Gebet fördern.
Epheser 1,15–16
Glaube, Liebe und die Dankbarkeit des Apostels
Nachdem Paulus in einem umfassenden Lobpreis die geistlichen Segnungen beschrieben hat, die Gott den Menschen durch Jesus Christus schenkt, wendet er sich nun dem tatsächlichen Glaubensleben seiner Leser zu. Mit dem Wort „Darum“ beginnt er in Vers 15 einen neuen Gedankengang, der unmittelbar aus den vorhergehenden Aussagen hervorgeht. Weil Gott die Glaubenden in Christus erwählt, erlöst und mit dem Heiligen Geist versiegelt hat, sieht Paulus allen Grund, für sie zu danken und um ihre weitere geistliche Entwicklung zu beten. Der Übergang ist bemerkenswert: Zuerst hat Paulus Gottes Handeln gepriesen, nun richtet er seine Aufmerksamkeit darauf, wie dieses Handeln im Leben der Menschen sichtbar wird. Die großen Wahrheiten über Gottes Erlösungsplan bleiben für ihn keine abstrakten theologischen Vorstellungen. Sie haben konkrete Auswirkungen auf Menschen, die Jesus vertrauen und miteinander in einer neuen Gemeinschaft leben. Gerade deshalb kann Paulus die Nachrichten über ihren Glauben und ihre Liebe als Anlass zur Dankbarkeit betrachten.
In Vers 15 erklärt er, dass er vom Glauben seiner Leser an den Herrn Jesus gehört habe. Diese Formulierung zeigt, dass Paulus Informationen über ihren geistlichen Zustand erhalten hatte. Sie bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass er diese Menschen niemals persönlich kennengelernt hatte. Nach Apostelgeschichte 19,8–10 wirkte Paulus längere Zeit in Ephesus und verkündigte dort das Evangelium. Selbst wenn man den Brief als unmittelbar an die dortige Gemeinde gerichtet versteht, könnte die Nachricht deshalb die weitere Entwicklung ihres Glaubens betreffen. Andererseits passt die Formulierung auch zu der bereits angesprochenen Möglichkeit, dass das Schreiben für einen größeren Kreis von Gemeinden bestimmt war. Der Vers allein entscheidet diese historische Frage nicht. Wichtiger ist seine unmittelbare Aussage: Der Glaube dieser Christen war nicht nur eine verborgene persönliche Überzeugung. Er hatte eine erkennbare Gestalt angenommen, sodass andere davon berichten konnten. Paulus verbindet damit keine Behauptung, jeder einzelne Gläubige besitze bereits einen vollkommenen Charakter. Er beschreibt vielmehr eine Gemeinde, deren Vertrauen auf Christus er als wirkliche Frucht des Evangeliums wahrnimmt.
Besondere Bedeutung hat die Bezeichnung „Glaube an den Herrn Jesus“. Paulus spricht nicht lediglich vom Glauben an Gott im allgemeinen Sinn, sondern richtet die Aufmerksamkeit ausdrücklich auf Jesus Christus. Der Titel „Herr“ unterstreicht dabei seine besondere Stellung. In der griechischen Sprache konnte kýrios einen Herrn oder Gebieter bezeichnen; im biblischen Zusammenhang besitzt der Begriff jedoch häufig eine wesentlich tiefere Bedeutung. Jesus ist nicht nur ein religiöser Lehrer, dessen Aussagen man für überzeugend hält. Er ist der auferstandene Herr, dem die Glaubenden vertrauen und dessen Autorität sie anerkennen. Bereits in Apostelgeschichte 2,36 verkündigte Petrus, dass Gott den gekreuzigten Jesus zum Herrn und Christus gemacht hat. Der Glaube an diesen Herrn bedeutet, sich seiner rettenden Macht anzuvertrauen und ihn als denjenigen anzuerkennen, durch den Gott Heil schenkt. Die persönliche Verbindung mit Christus ist deshalb das Fundament des christlichen Lebens. Sie kann nicht durch die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft, das Wissen über biblische Lehren oder eine äußerlich geordnete Lebensführung ersetzt werden. Solche Dinge können ihren berechtigten Platz besitzen, doch das Vertrauen auf Christus bleibt entscheidend.
Neben dem Glauben nennt Paulus ein zweites Kennzeichen: die Liebe zu allen Heiligen. Damit verbindet er zwei Richtungen des christlichen Lebens, die einander ergänzen. Der Glaube richtet sich auf Jesus Christus, während die Liebe im Umgang mit den Menschen sichtbar wird, die zu ihm gehören. Diese Verbindung begegnet auch in Galater 5,6, wo Paulus davon spricht, dass der Glaube durch die Liebe wirksam wird. Damit wird die Liebe nicht zu einer zusätzlichen menschlichen Leistung, durch die Gottes Gnade erst verdient werden müsste. Sie ist vielmehr eine angemessene und notwendige Frucht der Gemeinschaft mit Christus. Jesus selbst erklärte seinen Jüngern, dass die Liebe untereinander ein sichtbares Kennzeichen ihrer Zugehörigkeit zu ihm sein sollte (Johannes 13,34–35). Ein Mensch kann viel über die Wahrheit des Evangeliums wissen und dennoch durch Stolz, Lieblosigkeit oder Gleichgültigkeit zeigen, dass diese Wahrheit sein Verhalten noch nicht ausreichend geprägt hat. Paulus betrachtet den Glauben seiner Leser deshalb nicht losgelöst von ihren Beziehungen zueinander. Das Vertrauen auf Christus und die Liebe zu seinen Nachfolgern gehören für ihn zusammen.
Die Formulierung „zu allen Heiligen“ verdient besondere Aufmerksamkeit. Wie bereits beim Briefgruß erklärt, bezeichnet das Wort „Heilige“ im Neuen Testament nicht nur außergewöhnlich fromme Menschen, sondern diejenigen, die durch ihre Zugehörigkeit zu Christus Gottes Volk bilden. Das Wort „alle“ erweitert den Blick über den engen Kreis persönlicher Freunde oder besonders sympathischer Gemeindeglieder hinaus. Christliche Liebe darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob ein anderer Mensch dieselbe Herkunft, gesellschaftliche Stellung oder persönliche Lebensgeschichte besitzt. Gerade im Epheserbrief hat dieser Gedanke besonderes Gewicht, weil Paulus später ausführlich beschreibt, wie Christus die trennende Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden überwunden hat (Epheser 2,14–18). Menschen, die früher durch religiöse und gesellschaftliche Grenzen voneinander getrennt waren, gehören in Christus zu einer gemeinsamen Familie. Die Liebe zu allen Heiligen entspricht dieser neuen Wirklichkeit. Dabei verlangt der Text keine kritiklose Zustimmung zu jeder Entscheidung anderer Christen. Liebe kann auch Ermahnung, Geduld und die notwendige Auseinandersetzung mit Fehlverhalten einschließen. Sie darf jedoch nicht durch persönliche Abneigung, Überheblichkeit oder eine willkürliche Bevorzugung bestimmter Menschen begrenzt werden.
Dass Paulus von Liebe spricht, bedeutet außerdem mehr als ein freundliches Gefühl gegenüber anderen Gläubigen. Der weitere biblische Zusammenhang zeigt, dass christliche Liebe eine praktische Gestalt besitzt. In 1. Johannes 3,16–18 wird die Liebe Christi mit der Bereitschaft verbunden, für andere einzustehen und ihnen in konkreter Not zu helfen. Johannes warnt davor, sich mit liebevollen Worten zufriedenzugeben, wenn das tatsächliche Handeln ihnen widerspricht. Auch Paulus beschreibt später im Epheserbrief, wie sich ein von Liebe geprägtes Leben ausdrückt: Die Glaubenden sollen freundlich und barmherzig miteinander umgehen, einander vergeben und sich an der selbsthingebenden Liebe Christi orientieren (Epheser 4,32–5,2). Diese späteren Ermahnungen zeigen zugleich, dass Paulus seine Leser trotz ihres vorhandenen Glaubens und ihrer Liebe weiterhin zur geistlichen Reifung aufruft. Die von ihm gelobte Liebe ist also kein Beweis dafür, dass in der Gemeinde bereits jede Selbstsucht oder jeder Konflikt überwunden wäre. Sie ist eine erkennbare Wirkung des Evangeliums, die im weiteren Leben wachsen und sich bewähren soll.
Bei der genauen Überlieferung von Vers 15 besteht eine kleine, aber interessante textkritische Besonderheit. Das griechische Wort agápēn, „Liebe“, fehlt in mehreren bedeutenden frühen Handschriften, während es in anderen Handschriften ausdrücklich enthalten ist. Deshalb haben Textforscher unterschiedlich beurteilt, welche Formulierung ursprünglich gewesen sein könnte. Die Schlachter 1951 folgt der Lesart, die sowohl den Glauben an Christus als auch die Liebe zu allen Heiligen ausdrücklich nennt. Diese Fassung besitzt eine enge Parallele in Kolosser 1,4 und fügt sich gut in die Gedankenführung des Epheserbriefes ein. Die textkritische Unsicherheit sollte dennoch nicht verschwiegen werden. Sie verändert allerdings nicht die grundlegende Bedeutung der Liebe innerhalb des Briefes, denn Paulus behandelt sie an zahlreichen weiteren Stellen ausdrücklich, beispielsweise in Epheser 3,17–19 und 4,1–3.16. Die Verbindung zwischen Christusglauben und geschwisterlicher Liebe ist somit nicht von der Entscheidung über dieses eine überlieferte Wort abhängig.
In Vers 16 beschreibt Paulus seine persönliche Reaktion auf diese Nachrichten. Er erklärt, dass er nicht aufhöre, für die Gläubigen zu danken und ihrer in seinen Gebeten zu gedenken. Besonders bemerkenswert ist, an wen sich sein Dank richtet. Paulus dankt nicht in erster Linie den Menschen für ihre religiösen Leistungen, obwohl er ihren Glauben und ihre Liebe ausdrücklich anerkennt. Er dankt Gott, weil er in ihrem Leben dessen gnädiges Wirken erkennt. Damit setzt sich ein Gedanke fort, der den gesamten bisherigen Abschnitt geprägt hat: Alles geistliche Leben hat seine Grundlage in Gottes Handeln. In 1. Korinther 3,6–7 beschreibt Paulus diesen Zusammenhang durch das Bild des Wachstums. Menschen können pflanzen und begießen, aber Gott ist es, der das Wachstum gibt. Ebenso kann ein Verkündiger das Evangelium erklären, andere ermutigen und für sie beten. Er kann jedoch nicht aus eigener Kraft ein neues Herz erschaffen oder einen Menschen zum lebendigen Glauben führen. Wenn Paulus deshalb vom Glauben seiner Leser hört, sieht er darin nicht allein das Ergebnis erfolgreicher menschlicher Arbeit, sondern einen Grund, Gottes Gnade zu preisen.
Auch die Beständigkeit seines Gebets ist bemerkenswert. Mit den Worten, dass er nicht aufhöre zu danken, beschreibt Paulus keine ununterbrochene Tätigkeit, bei der er niemals anderen Aufgaben nachginge. Gemeint ist vielmehr, dass die Fürbitte für seine Glaubensgeschwister einen festen und wiederkehrenden Platz in seinem Leben besitzt. Eine ähnliche Formulierung verwendet er in 1. Thessalonicher 1,2–3, wo er erklärt, dass er Gott für die Gemeinde dankt und ihrer im Gebet gedenkt. Das Gebet ist für Paulus keine gelegentliche religiöse Pflicht, die unabhängig von seiner Verantwortung für andere Menschen erfüllt wird. Es gehört zu seiner geistlichen Fürsorge. Obwohl er nicht überall gleichzeitig anwesend sein kann, bleiben die Gemeinden Gegenstand seiner Aufmerksamkeit vor Gott. Dadurch wird eine wichtige Form christlicher Gemeinschaft sichtbar: Menschen können durch ernsthafte Fürbitte miteinander verbunden bleiben, selbst wenn räumliche Entfernung ein unmittelbares Zusammensein verhindert.
Dabei umfasst das Gebet des Paulus zwei unterschiedliche, aber zusammengehörende Bewegungen. Er dankt Gott für das, was bereits im Leben der Gläubigen geschehen ist, und bittet zugleich um das, was ihnen noch fehlt. Dankbarkeit und Fürbitte schließen einander nicht aus. Gerade weil Paulus Gottes Wirken erkennt, erwartet er von ihm auch die weitere geistliche Entwicklung seiner Leser. Er betrachtet ihren vorhandenen Glauben weder als bedeutungslos noch als bereits vollständig ausgereift. Diese Haltung unterscheidet sich von einer geistlichen Beurteilung, die ausschließlich nach Fehlern sucht, aber auch von einer oberflächlichen Zufriedenheit, die jedes weitere Wachstum für unnötig hält. Paulus erkennt das Gute an, ohne darüber den Blick für die noch notwendige Vertiefung des Glaubens zu verlieren. Seine Fürbitte entsteht deshalb nicht aus Enttäuschung über eine grundsätzlich ungläubige Gemeinde, sondern aus dem Wunsch, dass Menschen, die Christus bereits kennen, seine Herrlichkeit und seinen Willen immer besser verstehen.
Diese beiden Verse offenbaren damit auch etwas über das geistliche Verantwortungsbewusstsein des Apostels. Er betrachtet die Menschen, denen das Evangelium verkündigt worden ist, nicht als abgeschlossene Aufgabe, sobald sie zum Glauben gekommen sind. Ihr weiteres Leben liegt ihm am Herzen. Er freut sich über die sichtbaren Früchte des Evangeliums, bringt ihre Anliegen vor Gott und wünscht sich, dass ihre Beziehung zu Christus an Erkenntnis und innerer Festigkeit zunimmt. Dabei steht er ihnen nicht als selbstgenügsamer geistlicher Herrscher gegenüber, der ihre Entwicklung aus eigener Macht bewirken könnte. Sein Dank und seine Fürbitte zeigen vielmehr, dass er selbst für das Wachstum der Gemeinde auf Gottes Wirken angewiesen bleibt. Gerade darin liegt eine wichtige Grundlage geistlicher Leitung: Menschen in ihrem Glauben zu fördern bedeutet nicht nur, sie zu unterweisen oder bei Fehlern zurechtzuweisen, sondern auch das bereits vorhandene Wirken Gottes wahrzunehmen und ernsthaft für ihre weitere Entwicklung einzutreten.
So bilden die Verse 15–16 eine natürliche Verbindung zwischen dem vorausgehenden Lobpreis und dem nun folgenden Gebet. Paulus hat Gottes Gnade beschrieben, erkennt ihre Wirkung im Glauben und in der Liebe seiner Leser und antwortet darauf mit anhaltender Dankbarkeit. Doch seine Fürbitte bleibt nicht allgemein. Ab Vers 17 erklärt er genauer, worum er für die Glaubenden bittet. Obwohl sie Christus bereits vertrauen und seine Liebe in ihrer Gemeinschaft sichtbar wird, sollen sie Gott noch tiefer erkennen. Sie sollen verstehen, welche Hoffnung mit ihrer Berufung verbunden ist, wie reich das verheißene Erbe Gottes ist und welche gewaltige Kraft ihnen durch Christus zur Verfügung steht. Paulus führt seine Leser damit von der Freude über einen vorhandenen Glauben zu der Frage, wie dieser Glaube durch eine immer tiefere Erkenntnis Gottes gestärkt werden kann.
Epheser 1,17–19
Erleuchtete Augen des Herzens: Hoffnung, Erbe und Gottes Kraft
Nachdem Paulus seine Dankbarkeit für den Glauben und die Liebe seiner Leser zum Ausdruck gebracht hat, erklärt er nun, worum er für sie betet. Seine Bitte richtet sich nicht in erster Linie auf bessere äußere Lebensumstände, gesellschaftlichen Einfluss oder die Beseitigung persönlicher Schwierigkeiten. Er wünscht sich vielmehr, dass die Glaubenden Gott immer tiefer erkennen und verstehen, welche Bedeutung ihre Berufung durch Jesus Christus besitzt. Diese Schwerpunktsetzung ist bemerkenswert, weil Paulus bereits von Menschen spricht, die das Evangelium angenommen haben und mit dem Heiligen Geist versiegelt worden sind. Ihr Glaube ist also nicht erst im Entstehen begriffen. Dennoch benötigen sie weiteres geistliches Verständnis. Daraus wird ein wichtiger Grundsatz sichtbar: Die Erkenntnis Gottes ist mit der Bekehrung nicht abgeschlossen. Ein Mensch kann Christus bereits vertrauen und trotzdem erst einen kleinen Teil dessen verstanden haben, was seine Gnade, seine Verheißungen und seine Macht für das eigene Leben bedeuten. Gerade deshalb betet Paulus nicht nur für Menschen, die das Evangelium noch nicht kennen, sondern ausdrücklich für diejenigen, die bereits zu Christus gehören.
In Vers 17 richtet er seine Bitte an den „Gott unsres Herrn Jesus Christus, den Vater der Herrlichkeit“. Diese Bezeichnung knüpft an den Lobpreis aus Vers 3 an, in dem Paulus ebenfalls vom Gott und Vater Jesu Christi gesprochen hatte. Der Ausdruck „Vater der Herrlichkeit“ hebt Gottes unvergleichliche Größe und Majestät hervor. In der biblischen Sprache bezeichnet die Herrlichkeit Gottes die Offenbarung seiner einzigartigen Gegenwart, Heiligkeit und Macht. Als Mose darum bat, Gottes Herrlichkeit sehen zu dürfen, antwortete Gott mit einer Offenbarung seines Wesens, in der besonders seine Güte, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit hervortreten (2. Mose 33,18–19; 34,6–7). Gottes Herrlichkeit besteht somit nicht lediglich in überwältigendem Glanz oder unermesslicher Stärke. Sie ist untrennbar mit seinem heiligen und guten Wesen verbunden. Wenn Paulus ihn als Vater der Herrlichkeit bezeichnet, erinnert er seine Leser daran, dass die Erkenntnis, um die er bittet, ihren Ursprung bei diesem herrlichen Gott selbst hat. Der Mensch kann Gott nicht vollständig durch eigene Überlegungen erfassen. Er ist darauf angewiesen, dass Gott sich offenbart und ihm die Fähigkeit schenkt, diese Offenbarung zu verstehen.
Die Formulierung „Gott unsres Herrn Jesus Christus“ verdient ebenfalls eine sorgfältige Einordnung. Paulus spricht hier von der Beziehung Jesu zum Vater, wie sie besonders in seinem Menschwerden und seinem Erlösungswerk sichtbar geworden ist. Jesus selbst sprach nach seiner Auferstehung von seinem Vater und seinem Gott (Johannes 20,17). Daraus darf jedoch nicht ohne Berücksichtigung des übrigen biblischen Zeugnisses geschlossen werden, dass Christus lediglich ein geschaffenes Wesen sei. Das Johannesevangelium beschreibt das Wort, das Fleisch wurde, zugleich als von Anfang an bei Gott und selbst göttlich (Johannes 1,1–3.14). Der Epheserbrief wird wenige Verse später erklären, dass der auferstandene Christus über alle Mächte und Gewalten erhöht ist und die Herrschaft über die gesamte Gemeinde besitzt. Paulus entfaltet an dieser Stelle keine vollständige Lehre über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Er richtet vielmehr sein Gebet an den Vater, durch dessen Handeln die Gläubigen Jesus Christus kennenlernen und in ihm Zugang zu den göttlichen Segnungen erhalten haben.
Die eigentliche Bitte lautet, dass Gott den Glaubenden den „Geist der Weisheit und Offenbarung“ schenken möge. Hier entsteht eine wichtige Auslegungsfrage. Das griechische Wort pneuma kann sich auf den Heiligen Geist beziehen, aber je nach Zusammenhang auch eine innere Haltung oder eine vom Geist geprägte Fähigkeit beschreiben. Da Paulus bereits in Vers 13 erklärt hat, dass seine Leser den Heiligen Geist empfangen haben, ist es unwahrscheinlich, dass er nun so betet, als hätten sie überhaupt keinen Anteil an Gottes Geist. Vielmehr geht es darum, dass Gottes Geist ihr Verständnis weiter vertieft und ihnen Weisheit und Einsicht in seine Offenbarung schenkt. Manche Ausleger verstehen den Ausdruck deshalb unmittelbar als Bezeichnung des Heiligen Geistes, der Weisheit und Offenbarung vermittelt. Andere betonen stärker die von Gott geschenkte geistliche Einsicht. Beide Erklärungen treffen einen wesentlichen Gedanken des Zusammenhangs: Wahre Erkenntnis Gottes entsteht nicht allein durch menschliche Begabung, sondern ist auf sein offenbarendes und erleuchtendes Wirken angewiesen.
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Dabei dürfen Weisheit und Offenbarung nicht mit dem Besitz außergewöhnlicher Geheimkenntnisse verwechselt werden. Paulus bittet nicht darum, dass jeder Glaubende neue Botschaften empfängt, die über die von Gott offenbarte Wahrheit hinausgehen. Das griechische Wort apokálypsis bezeichnet eine Enthüllung, durch die etwas zuvor Verborgenes erkennbar wird. Schon in Epheser 1,9 hatte Paulus erklärt, dass Gott das Geheimnis seines Willens bekannt gemacht hat. Dieses Geheimnis besitzt seinen Mittelpunkt in Jesus Christus und seinem Erlösungswerk. Nun betet Paulus darum, dass die Glaubenden den Sinn dieser Offenbarung immer tiefer erfassen. Eine vergleichbare Aussage findet sich in 1. Korinther 2,10–12. Dort erklärt Paulus, dass der Geist Gottes die göttlichen Dinge erschließt, damit die Glaubenden erkennen können, was ihnen von Gott geschenkt worden ist. Geistliche Weisheit besteht somit nicht darin, sich über andere Menschen zu erheben oder verborgene Zusammenhänge zu behaupten, für die keine biblische Grundlage vorhanden ist. Sie bedeutet, Gottes offenbarte Wahrheit richtig zu verstehen und das eigene Denken und Leben zunehmend von ihr prägen zu lassen.
Besonders aufschlussreich ist die anschließende Formulierung „in der Erkenntnis seiner selbst“. Das griechische Wort epígnōsis bezeichnet eine Erkenntnis oder ein genaueres Erkennen. Im Zusammenhang dieses Gebets geht es nicht lediglich darum, zusätzliche Informationen über Gott zu sammeln. Paulus bittet um eine wachsende Erkenntnis Gottes selbst. Das schließt das Verständnis seiner Wahrheit ein, reicht aber über bloßes Wissen hinaus. Ein Mensch kann zahlreiche biblische Aussagen kennen, ohne ihre Bedeutung für die eigene Beziehung zu Gott wirklich erfasst zu haben. Wer beispielsweise weiß, dass Gott barmherzig ist, besitzt eine richtige Information. Diese Wahrheit gewinnt jedoch eine andere Tiefe, wenn der Mensch Gottes Vergebung persönlich im Glauben annimmt und dadurch lernt, seiner Barmherzigkeit zu vertrauen. Ebenso kann jemand die Lehre von Gottes Macht kennen und dennoch im eigenen Leben so handeln, als sei Gott nicht in der Lage, seine Verheißungen zu erfüllen. Paulus möchte, dass die Gläubigen Gottes Wesen und Handeln immer besser verstehen, damit ihr Vertrauen nicht auf einem oberflächlichen oder verzerrten Gottesbild beruht. Darin liegt eine wesentliche Grundlage geistlicher Reife.
In Vers 18 verwendet Paulus ein außergewöhnliches Bild, um dieses Anliegen weiter zu erklären. Er spricht von den „erleuchteten Augen des Herzens“. Damit verbindet er zwei Vorstellungen, die im gewöhnlichen Sprachgebrauch zunächst unterschiedlichen Bereichen zugeordnet werden: das Sehen und das Herz. In der Bibel ist das Herz jedoch nicht ausschließlich der Sitz menschlicher Gefühle. Es bezeichnet häufig das innere Zentrum des Menschen, zu dem Denken, Verstehen, Wollen und Entscheiden gehören. Wenn Paulus von den Augen des Herzens spricht, meint er deshalb die innere Fähigkeit, geistliche Wirklichkeiten zu erkennen und richtig zu beurteilen. Körperliche Augen können die sichtbare Welt wahrnehmen, doch die Bedeutung der göttlichen Verheißungen lässt sich nicht allein durch äußere Beobachtung erfassen. Dafür benötigt der Mensch ein Verständnis, das durch Gottes Wahrheit erhellt wird. Eine ähnliche Erfahrung beschreibt Lukas 24,45. Dort öffnete der auferstandene Jesus seinen Jüngern das Verständnis, damit sie die Schriften begreifen konnten. Die biblischen Aussagen waren ihnen nicht völlig unbekannt gewesen. Erst durch Christi Erklärung verstanden sie jedoch ihren tieferen Zusammenhang mit seinem Leiden und seiner Auferstehung.
Das Bild der Erleuchtung setzt zugleich voraus, dass geistliche Unwissenheit mehr sein kann als ein Mangel an Informationen. In Epheser 4,17–18 beschreibt Paulus später Menschen, deren Verstand verfinstert ist und die dem Leben Gottes entfremdet sind. Er verbindet diese Entfremdung mit Unwissenheit und Verhärtung des Herzens. Damit wird deutlich, warum geistliche Erkenntnis nicht ausschließlich eine intellektuelle Angelegenheit ist. Stolz, bewusster Widerstand gegen Gottes Wahrheit oder die Gewohnheit, erkannte Schuld zu rechtfertigen, können das Verständnis eines Menschen beeinträchtigen. Umgekehrt bedeutet ein von Gott erleuchtetes Herz nicht, dass Vernunft und sorgfältiges Nachdenken überflüssig würden. Gerade die Apostel fordern immer wieder dazu auf, Lehren zu prüfen und zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden (Apostelgeschichte 17,11; 1. Thessalonicher 5,21). Gottes Geist ersetzt das Denken nicht, sondern führt es in die Wahrheit und macht den Menschen bereit, sich von ihr korrigieren zu lassen. Geistliche Erleuchtung und verantwortliches Schriftverständnis gehören deshalb zusammen.
Auch die grammatische Form der Aussage ist bemerkenswert. Paulus verwendet im griechischen Text ein Partizip, das einen Zustand des Erleuchtetseins beschreibt. Es lässt sich so verstehen, dass die Augen des Herzens bereits erleuchtet worden sind und Paulus nun um eine Vertiefung dieser Erkenntnis bittet. Ebenso ist eine engere Verbindung mit seiner Bitte möglich, sodass die weitere Erleuchtung selbst zum Inhalt des Gebets gehört. Der Unterschied betrifft nicht die grundlegende Botschaft. Paulus spricht von Menschen, die Christus bereits kennen, und bittet dennoch um ein tieferes Verständnis. Das zeigt, dass geistliche Erkenntnis nicht als einmaliger Vorgang verstanden werden darf, nach dem der Mensch nichts Wesentliches mehr lernen müsste. So wie die Glaubenden in ihrem Charakter wachsen sollen, ist auch ihre Erkenntnis Gottes auf Vertiefung angewiesen. Die Gabe des Heiligen Geistes macht weiteres Lernen nicht überflüssig, sondern eröffnet gerade die Möglichkeit, Gottes Wahrheit immer umfassender zu verstehen.
Anschließend nennt Paulus drei konkrete Bereiche, die durch diese Erleuchtung deutlicher erkannt werden sollen. Zuerst spricht er von der „Hoffnung seiner Berufung“. Im Neuen Testament bezeichnet Hoffnung nicht lediglich einen unsicheren Wunsch nach einem günstigen Ausgang. Sie ist die zuversichtliche Erwartung dessen, was Gott verheißen hat. Ihr Fundament liegt nicht in der Fähigkeit des Menschen, sich eine bessere Zukunft vorzustellen, sondern in der Treue Gottes. Besonders in Zeiten von Leid und Unsicherheit besitzt diese Unterscheidung große Bedeutung. Wer seine Hoffnung ausschließlich auf günstige Lebensumstände gründet, kann sie verlieren, sobald diese Umstände sich verändern. Die christliche Hoffnung richtet sich dagegen auf Gottes endgültiges Heilshandeln durch Jesus Christus. Dazu gehören die Wiederkunft Christi, die Auferstehung der Toten, die Überwindung des Todes und die Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen Gott und seinen Erlösten (1. Thessalonicher 4,13–18; 1. Korinther 15,51–54; Offenbarung 21,1–5). Paulus möchte, dass seine Leser nicht nur von diesen Verheißungen wissen, sondern verstehen, wie sicher und weitreichend die Hoffnung ist, zu der Gott sie berufen hat.
Die Verbindung zwischen Hoffnung und Berufung ist dabei entscheidend. Paulus spricht nicht von einer Hoffnung, die der Mensch unabhängig von Gott entwickelt, sondern ausdrücklich von der Hoffnung, die aus Gottes Berufung hervorgeht. Bereits in Epheser 1,4–5 hatte er beschrieben, dass Gottes Vorsatz auf Heiligkeit und Kindschaft in Christus gerichtet ist. Die Berufung Gottes eröffnet somit nicht nur einen zukünftigen Aufenthaltsort, sondern eine neue Beziehung zu ihm und eine bestimmte Lebensrichtung. In Epheser 4,4 wird Paulus später erklären, dass die Glaubenden zu einer Hoffnung ihrer Berufung gerufen worden sind. Diese Hoffnung verbindet die Gemeinde über persönliche Unterschiede hinweg und richtet ihr Leben auf dasselbe Ziel aus. Sie ist zugleich eine gegenwärtige Orientierung. Wer weiß, dass Gott ihn zur Gemeinschaft mit Christus und zur endgültigen Wiederherstellung berufen hat, erhält einen Maßstab, an dem gegenwärtige Entscheidungen beurteilt werden können. Das bedeutet nicht, dass jeder Christ seine Zukunft ohne Zweifel oder innere Kämpfe betrachtet. Wohl aber besitzt er einen Grund der Zuversicht, der über die Begrenztheit seines eigenen Lebens hinausreicht.
Als zweiten Gegenstand geistlicher Erkenntnis nennt Paulus den „Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen“. Diese dichte Formulierung knüpft an die Erbverheißung aus den Versen 11 und 14 an, erweitert sie jedoch durch die ausdrückliche Betonung ihrer Herrlichkeit. Das Erbe Gottes ist nicht mit einem vergänglichen Besitz vergleichbar, dessen Wert durch wirtschaftliche Entwicklungen, menschliche Entscheidungen oder den Tod verloren gehen könnte. Paulus verwendet das Wort „Reichtum“, um die Größe dessen hervorzuheben, was Gott für sein Volk vorgesehen hat. Eine vergleichbare Hoffnung beschreibt 1. Petrus 1,3–4, wo von einem unvergänglichen und unbefleckten Erbe die Rede ist. Besonders wichtig ist, dass die zukünftige Herrlichkeit nicht allein in der Befreiung von Leiden oder im Empfang neuer Lebensmöglichkeiten besteht. Ihr Mittelpunkt ist die ungetrübte Gemeinschaft mit Gott. In Offenbarung 21,3–4 wird die endgültige Wiederherstellung gerade dadurch gekennzeichnet, dass Gott bei den Menschen wohnen wird und Tod, Leid und Schmerz nicht länger bestehen werden. Die Herrlichkeit des Erbes liegt somit vor allem in der vollkommenen Gegenwart Gottes und in einem Leben, das nicht mehr von der Sünde und ihren Folgen bestimmt wird.
Allerdings enthält die Formulierung „seines Erbes in den Heiligen“ eine wichtige Auslegungsfrage. Sie kann das Erbe bezeichnen, das Gott seinen Heiligen schenkt. Dafür spricht besonders der nahe Zusammenhang mit Epheser 1,14, wo der Heilige Geist als Pfand des zukünftigen Erbes der Glaubenden beschrieben wird. Ebenso passt diese Erklärung zum Ziel des Gebets, in dem Paulus die Gläubigen zur Erkenntnis der für sie bestimmten Hoffnung führen möchte. Eine andere ernstzunehmende Deutung versteht die Heiligen selbst als Gottes Erbe oder als sein besonderes Eigentum. Auch dafür gibt es einen alttestamentlichen Hintergrund. Nach 5. Mose 32,9 ist Israel der besondere Anteil des Herrn, und Psalm 33,12 nennt das Volk glücklich, das Gott sich zum Erbteil erwählt hat. Beide Auslegungen besitzen somit biblische Anknüpfungspunkte. Der unmittelbare Zusammenhang begünstigt die Erklärung, dass Paulus die Herrlichkeit des von Gott verheißenen Erbes unter seinen Heiligen hervorhebt, ohne den Gedanken ihrer Zugehörigkeit zu Gott auszuschließen. Nicht gerechtfertigt wäre es dagegen, aus dem Ausdruck eine vollständig ausgearbeitete Lehre über die Einzelheiten des zukünftigen Lebens abzuleiten. Paulus möchte zunächst die unermessliche Größe dessen betonen, was Gott für sein Volk vorgesehen hat.
Auch die Bezeichnung „Heilige“ ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. Paulus spricht nicht von einer kleinen Gruppe besonders verdienter Menschen, die aufgrund außergewöhnlicher Leistungen einen größeren Anspruch auf Gottes Herrlichkeit besitzen. Wie bereits in der Briefanschrift bezeichnet er damit diejenigen, die durch Christus zu Gott gehören. Das verheißene Erbe ist deshalb nicht das Ergebnis einer menschlichen Rangordnung innerhalb der Gemeinde. Seine Grundlage bleibt Gottes Gnade. Zugleich ist diese Zugehörigkeit mit einer Berufung zur Heiligkeit verbunden. Bereits in Vers 4 hatte Paulus erklärt, dass Gott sein Volk dazu erwählt hat, heilig und tadellos vor ihm zu sein. Die zukünftige Herrlichkeit ist somit nicht von der gegenwärtigen Erneuerung des Lebens zu trennen. Gott bereitet Menschen darauf vor, in seiner Gegenwart zu leben. Die Heiligung schafft keinen eigenständigen Verdienstanspruch auf das Erbe, sondern gehört zum rettenden und verwandelnden Handeln Gottes an denen, die Christus vertrauen.
In Vers 19 erreicht das Gebet einen weiteren Höhepunkt. Paulus bittet darum, dass seine Leser erkennen, wie überwältigend groß Gottes Macht an denen ist, die glauben. Nachdem er von der zukünftigen Hoffnung und dem herrlichen Erbe gesprochen hat, richtet er den Blick auf Gottes gegenwärtige Kraft. Damit beantwortet er zugleich eine unausgesprochene Frage: Wie können schwache, vergängliche Menschen darauf vertrauen, dass die gewaltigen Verheißungen Gottes tatsächlich erfüllt werden? Ihre Gewissheit kann nicht auf der eigenen Fähigkeit beruhen, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen. Sie gründet auf der Macht Gottes, der seinen Erlösungsplan verwirklicht. Paulus spricht dabei nicht von einer begrenzten Hilfe, die lediglich die menschlichen Möglichkeiten ergänzt. Er verwendet eine ungewöhnlich starke Häufung von Ausdrücken, um die Größe göttlicher Macht hervorzuheben. Im griechischen Text begegnen Begriffe wie dýnamis für Macht oder Kraft, enérgeia für wirksames Handeln, krátos für Macht oder Gewalt und ischýs für Stärke. Sie müssen nicht als vier voneinander unabhängige Arten göttlicher Kraft verstanden werden. Ihre Verbindung verstärkt vielmehr die Aussage, dass Gottes Macht alles menschliche Vermögen übersteigt und tatsächlich wirksam wird.
Besonders wichtig ist die Formulierung, dass diese Macht „an uns, die wir glauben“ wirksam ist. Paulus spricht also nicht ausschließlich von einer Macht, die Gott irgendwann in der Zukunft offenbaren wird. Sein Wirken betrifft bereits jetzt das Leben der Glaubenden. Dabei darf Gottes Macht nicht mit einer Fähigkeit verwechselt werden, durch die Christen beliebig über außergewöhnliche Kräfte verfügen könnten. Ebenso wenig verspricht Paulus, dass jeder Glaubende vor Krankheit, Verfolgung, wirtschaftlicher Not oder anderen Schwierigkeiten bewahrt bleibt. Der Apostel selbst erlebte schwere Bedrängnisse und körperliche Schwachheit. In 2. Korinther 12,7–10 berichtet er von einem belastenden Leiden, dessen Beseitigung er mehrfach von Gott erbat. Die Antwort, die er erhielt, bestand jedoch nicht in der sofortigen Aufhebung dieses Leidens, sondern in der Zusage, dass Gottes Gnade für ihn ausreiche und seine Kraft gerade in der Schwachheit wirksam werde. Gottes Macht zeigt sich deshalb nicht nur darin, Schwierigkeiten zu beseitigen. Sie kann Menschen auch dazu befähigen, inmitten von Leiden an Christus festzuhalten, Versuchungen zu widerstehen und ihren Glauben trotz äußerer Widerstände zu bewahren.
Diese göttliche Kraft steht zugleich in einem engen Zusammenhang mit der geistlichen Erneuerung des Menschen. Paulus erklärt in Philipper 2,12–13, dass Gott in den Glaubenden sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt. Das bedeutet nicht, dass der Mensch zu einem willenlosen Werkzeug wird, dessen Entscheidungen keine Bedeutung mehr besitzen. Vielmehr wirkt Gottes Gnade in seinem Inneren und befähigt ihn, dem erkannten Willen Gottes entsprechend zu handeln. In Epheser 3,16 wird Paulus später ausdrücklich darum bitten, dass die Gläubigen durch den Geist Gottes am inneren Menschen gestärkt werden. Die Macht Gottes besitzt somit eine zutiefst praktische Bedeutung. Sie führt nicht nur zu einer richtigen Vorstellung von Gottes Größe, sondern soll das Denken, die Entscheidungen und das Verhalten seiner Kinder erneuern. Menschen, die zuvor von Selbstsucht, Feindschaft oder sündigen Gewohnheiten bestimmt wurden, können durch Gottes Wirken lernen, in Liebe, Wahrheit und Heiligkeit zu leben. Diese Veränderung geschieht nicht unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Bereitschaft, Gottes Führung zu folgen. Sie bleibt jedoch ihrem Ursprung nach ein Werk seiner Gnade.
Gerade diese Verbindung von göttlicher Macht und menschlicher Schwachheit schützt vor einer weiteren Fehlinterpretation. Wenn Paulus von überwältigender Kraft spricht, meint er nicht, dass ein Christ durch genügend starken Glauben jede gewünschte Veränderung erzwingen könne. Der Glaube ist keine Machtquelle, die Gott zu bestimmten Handlungen verpflichtet. Er ist das Vertrauen auf den Gott, dessen Weisheit und Wille größer sind als das eigene Verständnis. Deshalb lässt sich die Größe göttlicher Macht nicht an der Zahl außergewöhnlicher Erlebnisse oder an der sichtbaren Erfolgsbilanz eines Menschen messen. Ein stilles, treues Leben, das trotz schwerer Prüfungen an Christus festhält, kann ebenso ein Zeugnis seines Wirkens sein. Auch die Bereitschaft, Schuld einzugestehen, einem anderen Menschen zu vergeben oder eine tief verwurzelte sündige Gewohnheit aufzugeben, setzt eine innere Veränderung voraus, die Paulus nicht als bloßes Ergebnis menschlicher Selbstbeherrschung versteht. Gottes Kraft befähigt zu einem Leben, das zunehmend dem Wesen Jesu Christi entspricht.
Die drei Anliegen seines Gebets gehören deshalb eng zusammen. Die Hoffnung der Berufung richtet den Blick auf das Ziel, zu dem Gott seine Kinder berufen hat. Der Reichtum des herrlichen Erbes beschreibt die Größe der zukünftigen Verheißung. Die überwältigende Macht Gottes macht verständlich, warum diese Hoffnung nicht an der Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten scheitern muss. Dabei handelt es sich nicht um drei voneinander getrennte religiöse Themen. Wer Gottes Berufung versteht, erkennt auch, warum sein gegenwärtiges Leben eine neue Ausrichtung erhalten soll. Wer den Reichtum des kommenden Erbes vor Augen hat, wird die vergänglichen Güter dieser Welt nicht mehr als den endgültigen Maßstab seines Lebens betrachten. Und wer Gottes Macht kennt, muss seine Hoffnung nicht auf die eigene Kraft gründen. Eine solche Erkenntnis soll nicht zu Überheblichkeit führen, sondern zu Dankbarkeit, Vertrauen und einem Leben, das Gottes Willen ernst nimmt.
Paulus lässt seine Aussage über Gottes Macht allerdings nicht ohne eine konkrete Begründung stehen. Er behauptet nicht einfach, dass Gott unermesslich stark sei, und überlässt es seinen Lesern, sich darunter etwas vorzustellen. Im unmittelbar folgenden Vers verweist er auf ein geschichtliches Ereignis, in dem diese Macht sichtbar geworden ist: die Auferweckung Jesu Christi von den Toten. Damit verbindet er die gegenwärtige Hoffnung der Glaubenden mit dem entscheidenden Sieg Gottes über den Tod. Die Macht, auf die sie vertrauen dürfen, ist keine unbekannte oder lediglich theoretisch behauptete Kraft. Paulus sieht sie im auferstandenen und erhöhten Christus offenbart.
So führt das Gebet der Verse 17–19 von der Bitte um geistliche Weisheit zu einer immer umfassenderen Erkenntnis Gottes. Die Glaubenden sollen nicht nur wissen, dass sie gerettet worden sind, sondern verstehen, zu welcher Hoffnung Gott sie berufen hat, wie herrlich ihre zukünftige Gemeinschaft mit ihm sein wird und welche Kraft hinter der Erfüllung seiner Verheißungen steht. Das Ziel dieser Erkenntnis ist kein bloßes Anwachsen theologischen Wissens. Paulus möchte, dass die Wahrheit des Evangeliums ihr Denken, ihre Zuversicht und ihr ganzes Leben prägt. Wer Gott immer tiefer erkennt, lernt zugleich, seine Berufung ernster zu nehmen, seine Verheißungen höher zu schätzen und seiner Macht auch dort zu vertrauen, wo die eigenen Möglichkeiten an ihre Grenzen gelangen.
Im nächsten Abschnitt, Epheser 1,20–21, zeigt Paulus schließlich, woran die Größe dieser göttlichen Macht besonders deutlich erkennbar wird: Gott hat Jesus Christus von den Toten auferweckt, ihn zu seiner Rechten erhöht und ihm eine Stellung verliehen, die jede menschliche und übermenschliche Herrschaft überragt.
Epheser 1,20–21
Christi Auferstehung und seine Erhöhung über alle Mächte
Nachdem Paulus von der überwältigenden Größe der göttlichen Macht gesprochen hat, erklärt er nun, woran diese Macht besonders deutlich erkennbar wird. In Vers 20 beschreibt er, wie Gott seine Kraft in Jesus Christus wirksam werden ließ, indem er ihn von den Toten auferweckte und zu seiner Rechten in den himmlischen Regionen einsetzte. Damit führt Paulus seine Leser zum entscheidenden Mittelpunkt der christlichen Hoffnung. Er spricht nicht länger nur von der Macht Gottes als einer allgemeinen göttlichen Eigenschaft, sondern verweist auf das konkrete Handeln Gottes in der Geschichte. Die Auferstehung und Erhöhung Jesu bilden für ihn den sichtbaren beziehungsweise durch das apostolische Zeugnis bezeugten Ausdruck jener Macht, auf die die Glaubenden vertrauen dürfen. Besonders wichtig ist der unmittelbare Zusammenhang mit Vers 19. Dort hatte Paulus darum gebetet, dass die Gläubigen die Größe der göttlichen Macht erkennen, die an ihnen wirksam ist. Nun zeigt er, welche Macht er meint: Es ist dieselbe göttliche Kraft, die Christus aus dem Tod auferweckt und ihn über alle Herrschaftsbereiche erhöht hat. Die Hoffnung der Gläubigen gründet somit nicht auf menschlicher Stärke, sondern auf dem Gott, der den Tod überwunden hat.
Die sprachliche Verbindung zwischen den Versen 19 und 20 unterstreicht diesen Gedanken. Paulus verwendet das griechische Wort enérgeia, das eine wirksame Kraft oder Tätigkeit bezeichnet, und anschließend das verwandte Verb energéō, das hier das tatsächliche Wirksamwerden dieser Macht beschreibt. Damit stellt er nicht zwei unterschiedliche Kräfte gegenüber. Er erklärt vielmehr, dass die Macht, deren Größe er zuvor hervorgehoben hat, in der Auferstehung Christi konkret gehandelt hat. Diese sprachliche Wiederaufnahme verhindert, dass der Leser die Aussagen über Gottes Kraft von der Auferstehung Jesu trennt. Sie ist für Paulus nicht lediglich ein Beispiel unter vielen für die Macht Gottes. Sie besitzt eine grundlegende Bedeutung für das gesamte Erlösungswerk. Während menschliche Macht gewöhnlich daran gemessen wird, was sie innerhalb der bestehenden Lebensordnung erreichen kann, offenbart Gott seine Macht gerade dort, wo alle natürlichen menschlichen Möglichkeiten an ihre endgültige Grenze gelangen: beim Tod.
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Dass Paulus die Auferstehung in den Mittelpunkt stellt, ist kein Zufall. Der Tod gehört nach dem Zeugnis der Schrift zu den schwerwiegendsten Folgen der Sünde. Bereits in Römer 5,12 erklärt Paulus, dass durch die Sünde der Tod in die Welt gekommen ist und die gesamte Menschheit unter seiner Herrschaft steht. Der Mensch besitzt aus sich selbst keine Macht, den Tod endgültig zu überwinden oder verlorenes Leben wiederherzustellen. Deshalb ist die Auferstehung Jesu weit mehr als die glückliche Fortsetzung eines zuvor tragisch beendeten Lebens. Nach dem apostolischen Zeugnis hat Gott den gekreuzigten Christus tatsächlich aus den Toten auferweckt. Petrus verkündigte am Pfingsttag, dass der Tod Jesus nicht festhalten konnte, und stellte seine Auferstehung in den Zusammenhang der alttestamentlichen Verheißungen (Apostelgeschichte 2,24–32). Auch Paulus selbst bezeichnet die Auferstehung in 1. Korinther 15,3–8 als einen wesentlichen Bestandteil des Evangeliums. Dabei spricht er nicht von einer bloßen Erinnerung an Jesu Lehre oder davon, dass seine Jünger nach seinem Tod innerlich neuen Mut gefunden hätten. Gemeint ist die wirkliche Auferweckung des gestorbenen Christus.
Diese Unterscheidung ist für das Verständnis der christlichen Erlösung entscheidend. Wäre Jesus lediglich als vorbildlicher Mensch gestorben, dessen Ideen nach seinem Tod weiterlebten, würde damit noch nicht die biblische Hoffnung auf die Überwindung des Todes begründet. Paulus erklärt in 1. Korinther 15,14–19 ausdrücklich, dass die christliche Verkündigung und der rettende Glaube ihren tragenden Grund verlieren würden, wenn Christus nicht auferstanden wäre. Seine Auferstehung bestätigt, dass sein Erlösungswerk nicht mit seinem Tod gescheitert ist. Derjenige, der für die Sünden der Menschen starb, lebt und besitzt die Macht, sein begonnenes Werk zur Vollendung zu führen. Römer 4,25 verbindet Christi Hingabe wegen unserer Übertretungen mit seiner Auferweckung um unserer Rechtfertigung willen. Tod und Auferstehung dürfen deshalb nicht voneinander getrennt werden. Das Kreuz offenbart die Tiefe seiner selbsthingebenden Liebe und die Bedeutung seines Opfers für unsere Schuld. Die Auferstehung bezeugt Gottes Sieg über den Tod und eröffnet die Gewissheit, dass der Erlöser selbst lebt und sein Heil wirksam machen kann.
Gerade darin liegt die Verbindung zwischen der Auferstehung Jesu und der Hoffnung der Glaubenden. Paulus beschreibt Christus in 1. Korinther 15,20–23 als den Erstling der Entschlafenen. Dieses Bild stammt aus der alttestamentlichen Ernteordnung, in der die erste Gabe der Ernte Gott dargebracht wurde. Als Erstling steht Christus nicht für ein einzelnes, vom übrigen Erntegeschehen unabhängiges Ereignis. Seine Auferstehung ist vielmehr der Anfang und die Gewähr der kommenden Auferstehung derer, die ihm gehören. Paulus erklärt ausdrücklich, dass die Christus Zugehörigen bei seiner Wiederkunft lebendig gemacht werden. Damit erhält die in Epheser 1,18 beschriebene Hoffnung einen festen Inhalt. Die Gläubigen warten nicht nur darauf, dass ihre Erinnerung nach dem Tod erhalten bleibt. Sie hoffen auf Gottes endgültigen Sieg über die Macht des Todes und auf die leibliche Auferstehung zum ewigen Leben. Die Auferstehung Jesu ist deshalb für sie nicht bloß ein vergangenes Ereignis, an das sie sich dankbar erinnern. Sie begründet ihre eigene zukünftige Hoffnung.
Diese Verbindung zwischen Christus und den Glaubenden besitzt jedoch bereits in der Gegenwart eine Bedeutung. In Römer 6,4–11 erklärt Paulus, dass Menschen, die durch den Glauben zu Christus gehören, mit ihm zu einem neuen Leben verbunden werden. Die Taufe macht diese Zugehörigkeit sichtbar, indem sie den Tod des alten Lebens und den Beginn eines neuen Lebensweges veranschaulicht. Auch Epheser 2,4–6 wird später davon sprechen, dass Gott die Glaubenden mit Christus lebendig gemacht und mit ihm auferweckt hat. Damit ist nicht gemeint, dass ihre zukünftige leibliche Auferstehung bereits stattgefunden hätte. Paulus unterscheidet zwischen der gegenwärtigen geistlichen Erneuerung und der endgültigen Überwindung des Todes. Dennoch stammen beide aus demselben Erlösungswerk Christi. Die Macht Gottes, die Jesus von den Toten auferweckte, ist auch die Grundlage dafür, dass Menschen aus einem von Sünde bestimmten Leben herausgeführt werden können. Ihre geistliche Erneuerung bleibt auf Christus angewiesen und ist zugleich auf jene endgültige Vollendung ausgerichtet, in der Gott auch den vergänglichen Leib verwandeln wird.
Doch Paulus bleibt in Vers 20 nicht bei der Auferstehung stehen. Er erklärt weiter, dass Gott Christus „zu seiner Rechten“ in den himmlischen Regionen gesetzt hat. Mit dieser Aussage beschreibt er die Erhöhung Jesu in eine Stellung höchster Ehre und Herrschaft. Die Formulierung besitzt einen deutlichen alttestamentlichen Hintergrund. In Psalm 110,1 spricht Gott zu dem von David als Herrn bezeichneten Herrscher und fordert ihn auf, sich zu seiner Rechten zu setzen, bis seine Feinde unter seine Füße gelegt werden. Dieser Psalm gehört zu den wichtigsten alttestamentlichen Texten, die im Neuen Testament auf die messianische Herrschaft Jesu bezogen werden. Jesus selbst griff ihn in seiner Auseinandersetzung mit den religiösen Führern auf (Matthäus 22,41–46). Petrus verwendete ihn anschließend in seiner Pfingstpredigt, um zu erklären, dass der auferstandene Jesus von Gott erhöht worden ist (Apostelgeschichte 2,33–36). Paulus knüpft somit an eine bereits vorhandene biblische Verheißung an. Die Erhöhung Christi erscheint nicht als zufällige Belohnung für ein außergewöhnliches Leben, sondern als Teil der göttlichen Erfüllung seines messianischen Auftrags.
Die rechte Seite eines Herrschers war in der damaligen Bildsprache ein Platz besonderer Ehre, Nähe und Autorität. Wenn Paulus davon spricht, dass Christus zur Rechten Gottes sitzt, beschreibt er deshalb nicht in erster Linie die räumliche Anordnung zweier Sitze. Im Mittelpunkt steht die Aussage, dass Jesus an der göttlichen Herrschaft teilhat und in eine unvergleichlich hohe Stellung eingesetzt worden ist. Das Sitzen zur Rechten Gottes drückt königliche Würde und vollmächtige Herrschaft aus. Gleichzeitig muss diese Erhöhung im Zusammenhang mit dem gesamten biblischen Zeugnis über Christus verstanden werden. Johannes 1,1–3 beschreibt den Sohn bereits vor seiner Menschwerdung als das göttliche Wort, durch das alles geschaffen wurde. In Johannes 17,5 spricht Jesus von der Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, ehe die Welt bestand. Wenn das Neue Testament nach seiner Auferstehung von seiner Erhöhung spricht, bedeutet dies deshalb nicht, dass ein zuvor bloß geschaffenes Wesen erst dadurch göttlich geworden wäre. Im Mittelpunkt steht die Verherrlichung des menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Christus, der sein Erlösungswerk vollbracht hat und nun in königlicher Autorität herrscht.
Eine besonders eindrucksvolle Parallele findet sich in Philipper 2,6–11. Dort beschreibt Paulus den Weg Jesu von seiner freiwilligen Erniedrigung bis zu seiner Erhöhung durch Gott. Christus nahm Knechtsgestalt an, wurde Mensch und erniedrigte sich bis zum Tod am Kreuz. Darauf folgt die Aussage, dass Gott ihn über alle Maßen erhöht und ihm den Namen verliehen hat, der über jedem Namen steht. Die Bewegung dieses Abschnitts ähnelt der Gedankenführung in Epheser 1: Der gekreuzigte Jesus ist zugleich der erhöhte Herr. Diese Verbindung verhindert ein einseitiges Verständnis seiner Macht. Christi Herrschaft wird nicht von seinem Charakter und seiner selbsthingebenden Liebe getrennt. Derjenige, dem höchste Autorität zukommt, ist derselbe, der sein Leben für die Rettung der Menschen hingegeben hat. Seine Erhöhung hebt die Bedeutung seines Opfers nicht auf, sondern bestätigt den Weg, auf dem er das Erlösungswerk vollbracht hat. Die Gläubigen vertrauen deshalb nicht einem unbekannten Herrscher, dessen Macht sie fürchten müssten, sondern dem Retter, dessen Liebe sich am Kreuz offenbart hat.
Die Aussage über die „himmlischen Regionen“ erweitert diesen Gedanken. Dieselbe Formulierung ist bereits in Epheser 1,3 begegnet, wo Paulus von den geistlichen Segnungen sprach, die den Glaubenden in Christus geschenkt werden. Nun beschreibt er den Bereich, in dem der auferstandene Herr erhöht worden ist. Dabei dürfen die himmlischen Regionen nicht lediglich als eine bildhafte Bezeichnung für besonders gute Gedanken oder eine gehobene religiöse Gesinnung verstanden werden. Paulus setzt die wirkliche Erhöhung Christi voraus, die im Neuen Testament mit seiner Himmelfahrt verbunden ist (Apostelgeschichte 1,9–11). Gleichzeitig gibt er keine Beschreibung der räumlichen Beschaffenheit des Himmels oder der genauen örtlichen Stellung des göttlichen Thrones. Solche Einzelheiten liegen außerhalb seiner Absicht. Entscheidend ist, dass Christus nicht mehr den Begrenzungen seines irdischen Dienstes unterliegt, sondern als auferstandener Herr in der himmlischen Gegenwart Gottes erhöht ist. Seine Stellung macht deutlich, dass sein Erlösungswerk nicht nur eine Bedeutung für die Vergangenheit besitzt. Der lebendige Christus ist auch gegenwärtig tätig.
Diesen gegenwärtigen Dienst erläutern andere neutestamentliche Schriften noch genauer. Nach Römer 8,34 ist Christus gestorben, auferweckt worden und zur Rechten Gottes, wo er für die Glaubenden eintritt. Hebräer 7,25 beschreibt ihn als den lebendigen Hohenpriester, der für diejenigen eintritt, die durch ihn zu Gott kommen. In Hebräer 8,1–2 wird seine Stellung zur Rechten Gottes ausdrücklich mit seinem Dienst im himmlischen Heiligtum verbunden. Diese Aussagen ergänzen das Bild, das Paulus im Epheserbrief zeichnet. Die Erhöhung Jesu bedeutet nicht, dass er sich nach vollbrachtem Erlösungswerk von den Menschen zurückgezogen hätte. Vielmehr lebt und wirkt er als ihr Retter, Herr und Fürsprecher. Epheser 1,20 selbst erläutert noch keine einzelnen Abschnitte dieses himmlischen Dienstes. Dennoch fügt sich seine Aussage in das umfassendere biblische Zeugnis ein: Christus ist auferstanden, befindet sich in der Gegenwart des Vaters und setzt sein rettendes Handeln zugunsten der Menschen fort. Die Gewissheit der Glaubenden beruht somit nicht nur auf einem vergangenen Opfer, sondern auch auf dem gegenwärtigen Wirken ihres lebendigen Erlösers.
In Vers 21 entfaltet Paulus die Größe der Herrschaft Christi noch weiter. Er erklärt, dass Jesus „hoch über jedes Fürstentum und [jede] Gewalt, Macht und Herrschaft“ erhöht worden ist. Die Häufung dieser Begriffe lässt erkennen, dass Paulus die Überlegenheit Christi so umfassend wie möglich beschreiben möchte. Im griechischen Text verwendet er unter anderem die Wörter archḗ, exousía, dýnamis und kyriótēs. Sie können unterschiedliche Formen von Herrschaft, Autorität, Macht und übergeordneter Stellung bezeichnen. Dabei wäre es jedoch problematisch, aus ihrer Reihenfolge eine genaue Rangordnung verschiedener Engelklassen oder unsichtbarer Wesen abzuleiten. Zwar besitzen die einzelnen Wörter unterschiedliche Bedeutungsfelder, doch der Vers erklärt nicht, welche konkreten Aufgaben oder Rangstufen jeder einzelnen Gruppe zukommen. Die Aufzählung dient vor allem dazu, die uneingeschränkte Überlegenheit Christi auszudrücken. Welche Form von Macht auch immer betrachtet wird, keine steht auf derselben Ebene wie der erhöhte Herr.
Diese Aussage besaß für die ersten christlichen Leser eine besondere Bedeutung. Sie lebten in einer Welt, in der politische Herrschaft, religiöse Vorstellungen und der Glaube an übermenschliche Mächte das Leben vieler Menschen prägten. Das Römische Reich beanspruchte weitreichende Autorität, während unterschiedliche religiöse Traditionen von göttlichen oder geistlichen Mächten ausgingen, die Einfluss auf das menschliche Leben besitzen sollten. Auch die Apostelgeschichte berichtet, dass in Ephesus magische Praktiken vorkamen und die Verehrung der Göttin Artemis eine bedeutende gesellschaftliche Rolle spielte (Apostelgeschichte 19,18–27). Daraus folgt allerdings nicht, dass Paulus mit jedem der vier Begriffe in Epheser 1,21 eine bestimmte lokale Gottheit oder einen einzelnen römischen Amtsträger bezeichnen wollte. Seine Aussage ist wesentlich umfassender. Menschen, die sich vor sichtbaren Herrschern oder unsichtbaren Mächten fürchteten, sollten erkennen, dass keine dieser Gewalten der Herrschaft Jesu Christi gleichkommt. Seine Autorität überragt alle menschlichen und übermenschlichen Machtansprüche.
Innerhalb des Epheserbriefes erhalten die genannten Mächte eine zusätzliche Bedeutung. In Epheser 3,10 spricht Paulus davon, dass Gottes mannigfaltige Weisheit durch die Gemeinde den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen Regionen bekannt gemacht wird. Noch deutlicher beschreibt Epheser 6,12 den geistlichen Kampf der Glaubenden gegen Mächte der Finsternis. Diese Aussagen zeigen, dass Paulus die Wirklichkeit übermenschlicher Einflüsse ernst nimmt. Dennoch wäre es zu eng, sämtliche Begriffe aus Epheser 1,21 ausschließlich mit bösen Geistern gleichzusetzen. Kolosser 1,16 verwendet verwandte Bezeichnungen auch für die geschaffene unsichtbare Welt insgesamt. Ebenso erklärt 1. Petrus 3,22, dass Christus nach seiner Himmelfahrt zur Rechten Gottes ist und ihm Engel, Gewalten und Mächte unterworfen sind. Die Aufzählung in Epheser 1,21 lässt sich deshalb am besten als umfassende Aussage verstehen: Christus steht über allen geschaffenen Herrschaftsbereichen, unabhängig davon, ob es sich um rechtmäßige Autoritäten oder um Mächte handelt, die sich Gottes Willen widersetzen. Nichts innerhalb der geschaffenen Ordnung besitzt eine Herrschaft, die seiner eigenen übergeordnet wäre.
Diese Unterscheidung schützt zugleich vor einer falschen Vorstellung geistlicher Autorität. Paulus erklärt nicht, dass alle Macht an sich böse wäre oder dass jede irdische Regierung unmittelbar mit dämonischer Herrschaft gleichgesetzt werden müsste. Nach Römer 13,1–7 besitzen staatliche Ordnungen grundsätzlich eine von Gott zugelassene Aufgabe. Gleichzeitig macht die Heilige Schrift deutlich, dass menschliche Autorität begrenzt ist und Gott gegenüber verantwortlich bleibt. Wenn Menschen eine Stellung beanspruchen, die ihnen nicht zukommt, oder Gehorsam verlangen, der Gottes Willen widerspricht, darf ihre Macht nicht absolut gesetzt werden. Petrus und die übrigen Apostel formulierten diesen Grundsatz in Apostelgeschichte 5,29 mit der Erklärung, dass man Gott mehr gehorchen müsse als Menschen. Die Herrschaft Christi über alle Mächte bedeutet deshalb weder die Aufhebung jeder irdischen Ordnung noch die uneingeschränkte Rechtfertigung bestehender Machtverhältnisse. Vielmehr wird jede geschaffene Autorität unter die höhere Herrschaft Gottes gestellt.
Paulus erweitert seine Aussage anschließend noch durch die Formulierung „und jeden Namen, der genannt wird“. Damit geht er über die zuvor aufgezählten Herrschaftsbegriffe hinaus. Der Name einer Person konnte im damaligen Sprachgebrauch mit ihrer Stellung, ihrem Ansehen und ihrer Autorität verbunden sein. Doch Paulus spricht hier bewusst allgemein. Welche Würde, welcher Herrschaftstitel oder welcher Machtanspruch auch immer genannt werden mag, Christus steht darüber. Die Aussage erinnert an Philipper 2,9–11, wo die Erhöhung Jesu ebenfalls mit dem Namen über jedem Namen verbunden wird und schließlich in die Anerkennung seiner Herrschaft mündet. Dabei sollte die Formulierung nicht so verstanden werden, als würde Paulus eine besondere magische Wirksamkeit bestimmter ausgesprochener Namen lehren. Die Macht Christi beruht nicht auf einer geheimen sprachlichen Formel. Sie gründet in seiner Person und in der Autorität, die ihm als dem auferstandenen Herrn zukommt. Kein religiöser Titel, kein politischer Rang und keine übermenschliche Stellung kann diese Autorität übertreffen.
Besonders weitreichend ist der letzte Teil von Vers 21. Paulus erklärt, dass Christi Herrschaft nicht allein „in diesem Zeitalter“, sondern auch in dem zukünftigen besteht. Die Unterscheidung zwischen dem gegenwärtigen und dem kommenden Zeitalter war in der jüdischen und frühchristlichen Gedankenwelt bekannt. Das gegenwärtige Zeitalter ist weiterhin von Sünde, Vergänglichkeit und widerstreitenden Mächten geprägt. Das kommende Zeitalter bezeichnet die zukünftige Vollendung der göttlichen Herrschaft und des verheißenen Heils. Jesus verwendet eine vergleichbare Unterscheidung in Lukas 20,34–36, wo er das gegenwärtige Leben den Verhältnissen nach der Auferstehung gegenüberstellt. Auch Markus 10,29–30 verbindet die Nachfolge Jesu mit gegenwärtigen Erfahrungen und dem ewigen Leben im kommenden Zeitalter. Paulus gebraucht diese Denkweise, um deutlich zu machen, dass die Herrschaft Christi nicht auf die bestehende Weltordnung begrenzt ist. Sie gilt schon jetzt und wird auch dann Bestand haben, wenn die gegenwärtige Geschichte ihre Vollendung erreicht.
Damit entsteht eine wichtige Frage: Wenn Christus bereits über alle Mächte erhöht ist, weshalb besitzen das Böse, die Sünde und der Tod noch immer einen so großen Einfluss auf die Welt? Die Antwort liegt in der biblischen Unterscheidung zwischen der bereits bestehenden Herrschaft Christi und ihrer noch ausstehenden vollständigen Durchsetzung. Nach Psalm 110,1 nimmt der verheißene Herr seinen Platz zur Rechten Gottes ein, während die endgültige Unterwerfung seiner Feinde noch bevorsteht. Paulus greift diesen Gedanken in 1. Korinther 15,24–26 auf. Dort erklärt er, dass Christus herrschen muss, bis alle Feinde unter seine Füße gelegt sind, und dass der Tod als letzter Feind beseitigt wird. Die Herrschaft Jesu ist also bereits Wirklichkeit, obwohl noch nicht sämtliche widerstrebenden Mächte endgültig beseitigt worden sind. Auch Hebräer 2,8–9 beschreibt diese Spannung: Noch sehen wir nicht, dass dem Menschen alles unterworfen ist, wohl aber sehen wir Jesus, der nach seinem Leiden mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt worden ist. Sein gegenwärtiges Königtum und die zukünftige Vollendung seines Sieges gehören deshalb zusammen.
Diese Unterscheidung ist entscheidend für eine ausgewogene christliche Hoffnung. Wer ausschließlich auf die noch vorhandene Macht des Bösen blickt, könnte meinen, Christus besitze gegenwärtig keine wirkliche Herrschaft. Wer dagegen seine Erhöhung so versteht, als müsste schon jetzt jede Form des Leidens, jeder Widerstand und jede Auswirkung der Sünde verschwunden sein, würde die biblische Erwartung der zukünftigen Vollendung übergehen. Paulus hält beide Wahrheiten fest. Christus ist bereits der erhöhte Herr, und seine endgültige Wiederkunft wird die Vollendung seines Erlösungswerkes bringen. Bis dahin leben die Glaubenden in einer Welt, in der sie weiterhin Versuchungen, Leid und Widerstand erfahren. Ihre Hoffnung besteht jedoch darin, dass keine dieser Mächte das letzte Wort haben wird. Offenbarung 20–22 beschreibt schließlich die endgültige Überwindung des Bösen, die Beseitigung des Todes und die Wiederherstellung einer Schöpfung, in der Gottes Gegenwart nicht mehr durch Sünde und Leid verdunkelt wird. Diese Zukunft steht im Einklang mit dem umfassenden Heilsziel, das Paulus bereits in Epheser 1,10 beschrieben hat.
Für die Glaubenden besitzt die Erhöhung Christi außerdem eine unmittelbare Bedeutung. Sie sollen erkennen, dass ihre Beziehung zu Jesus sie mit einem Herrn verbindet, dessen Autorität alle sichtbaren und unsichtbaren Mächte überragt. Das bedeutet nicht, dass sie selbst nach Belieben über geistliche Gewalten verfügen oder jede Schwierigkeit durch eine bestimmte Glaubensformel beseitigen könnten. Paulus wird später in Epheser 6,10–18 ausdrücklich dazu auffordern, in der Stärke des Herrn festzustehen und die von Gott bereitgestellte geistliche Waffenrüstung anzulegen. Dabei nennt er unter anderem Wahrheit, Gerechtigkeit, Glauben, das Evangelium des Friedens und das Wort Gottes. Die Gläubigen sollen also nicht auf eine vermeintlich selbständige Macht vertrauen, sondern auf Christus und die Mittel, durch die Gott sie im Glauben bewahrt. Gerade weil Jesus über allen Mächten steht, müssen sie sich weder von religiöser Furcht beherrschen lassen noch versuchen, sich aus eigener Kraft gegen das Böse zu behaupten. Ihre Sicherheit liegt in der Gemeinschaft mit dem erhöhten Herrn und in ihrer bleibenden Abhängigkeit von ihm.
Zugleich verändert die Erkenntnis der Herrschaft Christi den Maßstab, an dem menschliche Größe beurteilt wird. Weltliche Macht, gesellschaftliches Ansehen und religiöse Autorität können beeindruckend erscheinen. Doch alle diese Dinge bleiben begrenzt und vergänglich. Christus dagegen besitzt eine Herrschaft, die weder durch den Tod beendet noch durch den Wechsel geschichtlicher Machtverhältnisse aufgehoben werden kann. Für Menschen, die wegen ihres Glaubens benachteiligt oder verfolgt werden, liegt darin eine besondere Ermutigung. Die Mächte, denen sie auf Erden begegnen, mögen tatsächlich Einfluss auf ihre Lebensumstände haben. Sie können jedoch die endgültige Zukunft nicht bestimmen, die Gott seinen Kindern durch Jesus Christus verheißen hat. Paulus beschreibt eine vergleichbare Gewissheit in Römer 8,38–39, wo er erklärt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten und keine andere geschaffene Macht die Glaubenden von der Liebe Gottes in Christus Jesus trennen kann. Diese Hoffnung leugnet die Wirklichkeit gegenwärtiger Schwierigkeiten nicht. Sie stellt sie unter die größere Wirklichkeit der göttlichen Treue.
Die Verse 20–21 bilden damit den Höhepunkt der zuvor beschriebenen göttlichen Macht. Paulus hat zunächst darum gebetet, dass die Gläubigen die Größe dieser Macht erkennen. Nun zeigt er, dass sie in der Auferstehung und Erhöhung Jesu ihre entscheidende Offenbarung gefunden hat. Der gekreuzigte Christus ist nicht im Tod geblieben. Gott hat ihn auferweckt, zu seiner Rechten erhöht und über alle geschaffenen Mächte eingesetzt. Seine Herrschaft gilt bereits in der gegenwärtigen Weltzeit und wird auch im kommenden Zeitalter nicht enden. Dadurch erhält die Hoffnung der Glaubenden ihre feste Grundlage. Sie vertrauen keinem abwesenden Lehrer und keinem verstorbenen Vorbild, sondern dem lebendigen Herrn, der sein Erlösungswerk zur Vollendung führen wird.
Doch Paulus beendet seine Betrachtung nicht mit der Feststellung, dass Christus über allen Mächten steht. In den folgenden Versen 22–23 erklärt er, in welcher besonderen Beziehung dieser erhöhte Herr zu seiner Gemeinde steht. Gott hat ihm alles unter die Füße gelegt und ihn der Gemeinde als Haupt über alles gegeben. Damit wird sichtbar, dass die gewaltige Herrschaft Christi nicht von seinem Volk getrennt betrachtet werden darf. Derjenige, dem alle Macht untergeordnet ist, ist zugleich das Haupt der Menschen, die durch den Glauben mit ihm verbunden sind. Diese Verbindung zwischen der universalen Herrschaft Jesu und seiner besonderen Fürsorge für die Gemeinde führt den Gedankengang des ersten Kapitels zu seinem abschließenden Höhepunkt.
Epheser 1,22–23
Christus als Haupt der Gemeinde und die Bedeutung seiner Fülle
Nachdem Paulus die Auferstehung und Erhöhung Jesu beschrieben hat, führt er seinen Gedankengang zu einem bemerkenswerten Abschluss. In Vers 22 erklärt er, dass Gott Christus alles unter seine Füße gelegt und ihn „zum Haupt über alles der Gemeinde“ gegeben hat. Damit verbindet Paulus zwei Aussagen, die auf den ersten Blick unterschiedliche Bereiche betreffen. Einerseits beschreibt er die universale Herrschaft Jesu über die gesamte Schöpfung. Andererseits richtet er die Aufmerksamkeit auf seine besondere Beziehung zur Gemeinde. Derjenige, dem alle Mächte und Gewalten untergeordnet sind, ist zugleich das Haupt der Menschen, die durch den Glauben zu ihm gehören. Diese Verbindung besitzt eine tiefgreifende Bedeutung. Die Gemeinde lebt nicht unabhängig von Christus und versucht auch nicht, sein Erlösungswerk durch eigene Kraft fortzusetzen. Sie gehört dem auferstandenen Herrn, dessen Macht Paulus unmittelbar zuvor beschrieben hat. Gerade weil Christus über allem steht, kann die Gemeinde ihre Hoffnung auf ihn gründen. Ihre Zukunft ist nicht von der Stärke ihrer menschlichen Leiter, ihrem gesellschaftlichen Einfluss oder ihren äußeren Möglichkeiten abhängig, sondern von dem Herrn, der sie erlöst hat und dem Gott alle Dinge untergeordnet hat.
Die Formulierung, dass Gott alles unter die Füße Jesu gelegt hat, besitzt einen wichtigen alttestamentlichen Hintergrund. In Psalm 8,7 wird beschrieben, dass Gott dem Menschen eine besondere Stellung innerhalb seiner Schöpfung verliehen und ihm die Werke seiner Hände unterstellt hat. Ursprünglich spricht der Psalm von der Würde und Verantwortung des Menschen, dem Gott eine Herrschaft über die geschaffene Lebenswelt anvertraut hat. Paulus greift diese Sprache nun auf und bezieht sie auf Jesus Christus. Eine ähnliche Auslegung begegnet in Hebräer 2,6–9. Dort wird ebenfalls Psalm 8 angeführt und anschließend erklärt, dass die ursprünglich dem Menschen zugedachte Herrschaft noch nicht in ihrer Vollendung sichtbar ist. In Jesus aber begegnet derjenige, der durch Leiden und Tod hindurch zur Herrlichkeit erhoben worden ist. Damit eröffnet sich ein größerer Zusammenhang: Die Menschheit hat ihre von Gott bestimmte Stellung durch die Sünde nicht in der vorgesehenen Vollkommenheit verwirklicht. Christus dagegen hat als gehorsamer Mensch Gottes Willen erfüllt und ist durch seine Auferstehung zum erhöhten Herrn geworden. Die Verbindung mit Psalm 8 zeigt deshalb nicht nur die Größe seiner Macht, sondern auch seine besondere Stellung innerhalb des göttlichen Erlösungsplans.
Daneben steht die bereits in Vers 20 erkennbare Verbindung zu Psalm 110,1, wo der verheißene Herr zur Rechten Gottes sitzt, bis seine Feinde unter seine Füße gelegt werden. Beide Psalmen ergänzen einander. Psalm 8 erinnert an die dem Menschen zugedachte Herrschaft über die Schöpfung, während Psalm 110 die königliche Erhöhung und den Sieg über widerstrebende Mächte hervorhebt. Paulus verbindet diese Gedanken auch in 1. Korinther 15,25–28, wo er erklärt, dass Christus herrschen muss, bis alle Feinde überwunden sind und zuletzt auch der Tod beseitigt wird. Seine gegenwärtige Herrschaft und ihre zukünftige vollständige Offenbarung dürfen daher nicht verwechselt werden. Noch immer gibt es Sünde, Leid und Widerstand gegen Gottes Willen. Dennoch besitzt Christus bereits die höchste Autorität. Die Formulierung „unter seine Füße“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass keine geschaffene Macht seiner Herrschaft letztlich gleichgeordnet oder überlegen ist. Sie beschreibt keine Aufforderung an die Gemeinde, andere Menschen zu unterwerfen. Der Sieg Christi ist vielmehr Teil jenes göttlichen Handelns, durch das die Folgen der Sünde endgültig überwunden werden sollen.
Besonders aufschlussreich ist nun der zweite Teil von Vers 22. Gott hat den erhöhten Christus der Gemeinde als Haupt über alles gegeben. Das zugrunde liegende griechische Wort kephalḗ bedeutet zunächst „Kopf“ oder „Haupt“. In diesem Zusammenhang besitzt es eine bildhafte Bedeutung, die durch den vorhergehenden Hinweis auf die Herrschaft Christi geprägt wird. Jesus nimmt gegenüber der Gemeinde eine Stellung ein, die keinem menschlichen Amtsträger zukommt. Er ist ihr Herr und die maßgebliche Autorität, an der sich ihr Leben und Handeln auszurichten haben. Zugleich trägt das Haupt-Leib-Bild mehr in sich als die Vorstellung einer äußeren Befehlsgewalt. Paulus wird in Epheser 4,15–16 erklären, dass Christus das Haupt ist, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt wird und wächst. Das Haupt steht somit nicht nur über der Gemeinde, sondern ist auch derjenige, von dem sie ihre geistliche Einheit und ihr Wachstum empfängt. Die Herrschaft Christi ist deshalb keine von seiner Fürsorge getrennte Macht. Sie gehört zu seiner rettenden und lebensspendenden Beziehung zu den Menschen, die ihm anvertraut sind.
Auch die Formulierung, dass Gott Christus der Gemeinde „gab“, verdient Aufmerksamkeit. Im griechischen Text steht das Verb dídōmi, das gewöhnlich „geben“ bedeutet. Die Gemeinde wird dabei als Empfängerin beziehungsweise Begünstigte dieses göttlichen Handelns genannt. Deshalb lässt sich der Satz so verstehen, dass Gott den erhöhten Christus seiner Gemeinde als Haupt über alles gegeben hat. Andere Übersetzungen betonen stärker, dass Gott ihn zum Haupt über die Gemeinde eingesetzt hat. Diese Nuancen verändern die grundlegende Aussage nicht, machen aber zwei eng verbundene Aspekte sichtbar. Christus besitzt die höchste Autorität, und seine Stellung kommt der Gemeinde zugute. Der allmächtige Herr ist ihr nicht fremd oder gleichgültig gegenüber. Er gehört in einer besonderen Weise zu ihr, weil sie durch sein Erlösungswerk entstanden ist und von seiner Gegenwart lebt. Der Vers beschreibt daher nicht nur die Unterordnung der Gemeinde unter Christus, sondern auch die außergewöhnliche Gabe, die Gott ihr in dem erhöhten Herrn geschenkt hat.
Daraus ergibt sich eine wichtige Grundlage für das Verständnis geistlicher Leitung. Wenn Christus das Haupt seiner Gemeinde ist, kann kein Mensch seine Stellung übernehmen. Pastoren, Lehrer, Älteste und andere Mitarbeiter können von Gott zu bestimmten Aufgaben berufen werden, doch ihre Autorität bleibt immer abgeleitet und an das Wort Christi gebunden. In Epheser 4,11–13 erklärt Paulus, dass Christus der Gemeinde unterschiedliche Dienste schenkt, damit die Gläubigen zugerüstet werden und der Leib Christi aufgebaut wird. Diese Dienste sollen die Gemeinde also nicht von ihrem Herrn abhängig machen, sondern ihr helfen, in der Gemeinschaft mit ihm zu wachsen. Auch Jesus selbst warnte seine Jünger davor, geistliche Größe mit der Herrschaft über andere Menschen zu verwechseln. In Matthäus 20,25–28 stellte er dem Machtstreben weltlicher Herrscher die Bereitschaft zum Dienen gegenüber. Die Autorität Christi rechtfertigt deshalb keine menschliche Willkür. Geistliche Leiter stehen unter seinem Wort und tragen Verantwortung dafür, dass ihre Entscheidungen seinem Wesen und seiner Lehre entsprechen. Wo Menschen ihre eigene Stellung über die Wahrheit Gottes erheben oder unbedingten Gehorsam gegenüber ihrer Person verlangen, wird das Verhältnis zwischen Christus und seiner Gemeinde verdreht.
In Vers 23 erklärt Paulus, was die Gemeinde in ihrer Beziehung zu Christus ist: Sie ist „sein Leib“. Dieses Bild gehört zu den bedeutendsten Beschreibungen der christlichen Gemeinschaft im Neuen Testament. Es macht deutlich, dass die Gemeinde mehr ist als eine Versammlung von Menschen mit ähnlichen religiösen Überzeugungen. Ihre gemeinsame Identität entsteht durch die Verbindung mit Jesus Christus. In 1. Korinther 12,12–27 verwendet Paulus das Bild eines menschlichen Körpers, um die Einheit und Verschiedenheit der Gemeindeglieder zu erklären. Ein Körper besteht aus vielen Gliedern, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen und dennoch zusammengehören. Kein Glied kann deshalb behaupten, die anderen seien bedeutungslos. Auch Römer 12,4–5 verbindet die unterschiedlichen Gaben und Aufgaben der Glaubenden mit ihrer Zugehörigkeit zu einem Leib in Christus. Im Epheserbrief wird dieses Bild noch stärker auf Christus selbst ausgerichtet. Er ist das Haupt, von dem der ganze Leib abhängig ist. Die Gemeinde besitzt ihre Einheit nicht allein dadurch, dass ihre Mitglieder einander anerkennen, sondern vor allem dadurch, dass sie gemeinsam zu Christus gehören.
Das Wort „Gemeinde“, im Griechischen ekklēsía, bezeichnet grundsätzlich eine Versammlung oder Gemeinschaft. Im Neuen Testament wird es häufig für die Zusammenkunft der Menschen verwendet, die durch den Glauben zu Jesus Christus gehören. In Epheser 1,22–23 steht jedoch besonders die umfassende Gemeinschaft der Glaubenden im Blick. Paulus spricht nicht nur von einer einzelnen Ortsgemeinde mit ihren besonderen Einrichtungen und Aufgaben. Er beschreibt die Gemeinde als den Leib Christi, der durch die Verbindung mit seinem erhöhten Haupt bestimmt wird. Das wird in Epheser 2,14–16 weiter entfaltet, wo Christus Juden und Nichtjuden in einem Leib mit Gott versöhnt. Die Gemeinde ist somit nicht auf eine bestimmte Herkunft, eine gesellschaftliche Schicht oder einen geografischen Ort begrenzt. Menschen aus unterschiedlichen Völkern erhalten durch denselben Herrn Zugang zum Vater und werden in dieselbe geistliche Gemeinschaft aufgenommen. Diese Einheit hebt die persönlichen Unterschiede der Gläubigen nicht auf, ordnet sie aber einer neuen, gemeinsamen Zugehörigkeit unter. Was sie letztlich verbindet, ist nicht ihre natürliche Herkunft oder ihre menschliche Übereinstimmung, sondern Jesus Christus.
Dabei darf das Bild des Leibes weder zu einer rein unsichtbaren Vorstellung noch zu einer bloßen Beschreibung religiöser Organisation verengt werden. Einerseits besitzt die Gemeinde tatsächlich eine erkennbare gemeinschaftliche Gestalt. Die Gläubigen sollen einander dienen, ihre Gaben einsetzen, miteinander Gottes Wort hören und füreinander Verantwortung übernehmen. Paulus beschreibt in Epheser 4,11–16 ausdrücklich, wie die unterschiedlichen Dienste dem Aufbau des gesamten Leibes dienen. Andererseits wird die Gemeinde nicht schon dadurch zum Leib Christi, dass sie über Einrichtungen, Ämter und verbindliche Ordnungen verfügt. Ihre eigentliche Grundlage ist die lebendige Beziehung zu ihrem Haupt. Eine äußerlich gut organisierte Gemeinschaft kann geistlich verarmen, wenn sie sich nicht mehr an Christus und seiner Wahrheit orientiert. Umgekehrt rechtfertigt die persönliche Beziehung zu Jesus keine Gleichgültigkeit gegenüber anderen Gläubigen, denn der Leib besteht aus miteinander verbundenen Gliedern. Die biblische Vorstellung hält beide Seiten zusammen: Jeder Glaubende ist persönlich auf Christus angewiesen, und gerade diese gemeinsame Abhängigkeit verbindet die Gläubigen zu einer Gemeinschaft gegenseitiger Liebe und Verantwortung.
Besonders tiefgründig wird die Aussage des Paulus durch die abschließende Bezeichnung der Gemeinde als „die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt“. Diese Formulierung gehört zu den schwierigsten Sätzen des Epheserbriefes. Das griechische Wort plḗrōma bedeutet grundsätzlich „Fülle“, kann aber je nach Zusammenhang unterschiedliche Vorstellungen ausdrücken. Es kann etwas bezeichnen, das vollständig ist, das einen Raum erfüllt oder das durch etwas anderes erfüllt wird. Hinzu kommt, dass die griechische Form plērouménou sowohl eine mittlere als auch eine passive Bedeutung zulassen kann. Daraus ergeben sich verschiedene Übersetzungs- und Auslegungsmöglichkeiten. Manche verstehen den Satz so, dass Christus die Gemeinde mit seiner göttlichen Fülle erfüllt. Andere betonen, dass die Gemeinde in einem besonderen Sinn die Fülle Christi darstellt, weil sie als sein Leib zu seiner umfassenden Wirksamkeit in der Welt gehört. Eine weitergehende Deutung sieht darin sogar den Gedanken, dass die Gemeinde Christus als ihren Herrn in gewisser Hinsicht vervollständigt. Der griechische Satz ist so dicht, dass seine genaue Bedeutung nicht ohne Weiteres auf eine einzige unumstrittene Erklärung reduziert werden kann.
Um den Gedanken verantwortbar zu verstehen, ist deshalb der weitere Zusammenhang des Epheserbriefes entscheidend. In Epheser 3,19 bittet Paulus darum, dass die Glaubenden mit der ganzen Fülle Gottes erfüllt werden. In Epheser 4,10 beschreibt er Christus als denjenigen, der über alle Himmel hinaufgestiegen ist, um alles zu erfüllen. Wenige Verse später erklärt er, dass die Gemeinde zur Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes heranwachsen soll, bis sie das Maß der vollen Größe Christi erreicht (Epheser 4,13). Schließlich beschreibt er in Epheser 4,15–16, wie der gesamte Leib von Christus als seinem Haupt her zusammengefügt wird und durch das Zusammenwirken seiner Glieder wächst. Diese Aussagen sprechen besonders dafür, dass die Fülle Christi nicht unabhängig von seinem Wirken verstanden werden darf. Die Gemeinde besitzt ihr geistliches Leben nicht aus sich selbst. Sie wird durch Christus erfüllt, von ihm erhalten und durch seine Gnade aufgebaut. Zugleich ist sie als sein Leib dazu berufen, sein Wesen und sein Handeln in der Welt sichtbar werden zu lassen. Beide Gedanken gehören eng zusammen, auch wenn die genaue sprachliche Gewichtung von Epheser 1,23 weiterhin diskutiert wird.
Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Wenn die Gemeinde als Fülle Christi bezeichnet wird, bedeutet das nicht, dass Jesus in seinem göttlichen Wesen unvollständig wäre und erst durch die Existenz der Gemeinde zu seiner eigentlichen Vollkommenheit gelangte. Eine solche Erklärung würde über den unmittelbaren Text hinausgehen und stünde in Spannung zu anderen Aussagen des Neuen Testaments. Kolosser 2,9 erklärt beispielsweise, dass in Christus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt. Der Sohn Gottes ist deshalb nicht auf menschliche Ergänzung angewiesen, um göttliche Vollkommenheit zu besitzen. Wenn die Gemeinde in einem besonderen Sinn als seine Fülle verstanden wird, muss dies auf ihre Beziehung zu ihm als seinem Leib bezogen werden. Sie gehört zu dem Erlösungswerk, durch das Christus Menschen zu sich führt und sie in seine Gemeinschaft aufnimmt. Sein rettendes Handeln bleibt nicht ohne eine Gemeinschaft von Erlösten, an denen seine Gnade sichtbar wird. In diesem Sinn kann die Gemeinde als Ausdruck seiner Fülle beschrieben werden, ohne dass daraus eine Unvollständigkeit seines göttlichen Wesens folgt. Die stärkste Erklärung im Gesamtzusammenhang des Briefes bleibt daher, dass Christus seine Gemeinde mit seinem Leben und seiner Gnade erfüllt und sie dadurch zu einer Gemeinschaft gestaltet, die zu ihm gehört und seine Herrlichkeit widerspiegeln soll.
Der letzte Teil der Formulierung erweitert den Blick nochmals, wenn Christus als derjenige bezeichnet wird, „der alles in allen erfüllt“. Bereits in Epheser 1,10 hatte Paulus erklärt, dass Gottes Vorsatz darauf gerichtet ist, alles in Christus zusammenzuführen. In den Versen 20–22 beschrieb er dessen Erhöhung über alle Mächte und seine universale Herrschaft. Vor diesem Hintergrund besitzt auch die Aussage über das Erfüllen aller Dinge eine umfassende Bedeutung. Christus ist nicht lediglich für einen begrenzten religiösen Lebensbereich zuständig. Seine Stellung reicht über die gesamte geschaffene Ordnung hinaus. Zugleich dürfen die Worte nicht vorschnell so verstanden werden, als würde Christus in jedem Geschöpf auf dieselbe Weise wohnen oder als seien deshalb alle Menschen bereits erlöst. Der Epheserbrief unterscheidet deutlich zwischen der universalen Herrschaft Christi und der besonderen Gemeinschaft derer, die durch den Glauben mit ihm verbunden sind. Seine Gegenwart im Leben der Glaubenden besitzt eine andere Bedeutung als seine Herrschaft über die gesamte Schöpfung. Paulus erklärt hier keine Lehre, nach der Gott und die geschaffene Welt wesensmäßig identisch wären. Vielmehr beschreibt er den erhöhten Christus als denjenigen, dessen Wirken und Herrschaft nichts Geschaffenem untergeordnet sind und der seine Gemeinde in besonderer Weise mit seinem Leben erfüllt.
Gerade daraus ergibt sich eine wichtige geistliche Folgerung für das Leben der Gemeinde. Wenn Christus ihr Haupt und die Quelle ihres geistlichen Wachstums ist, kann sie ihre eigentliche Aufgabe nicht durch bloße menschliche Aktivität erfüllen. Predigt, Unterricht, gegenseitige Hilfe und die Weitergabe des Evangeliums sind notwendige Bestandteile des Gemeindelebens. Doch ihre geistliche Wirkung hängt nicht allein von guter Organisation, menschlicher Begabung oder äußerem Erfolg ab. Jesus beschreibt in Johannes 15,4–5 einen verwandten Zusammenhang durch das Bild des Weinstocks und der Reben. Eine Rebe kann nur Frucht bringen, wenn sie mit dem Weinstock verbunden bleibt. Ebenso ist die Gemeinde darauf angewiesen, in der Gemeinschaft mit Christus zu leben. Seine Wahrheit soll ihr Denken prägen, seine Liebe ihre Beziehungen bestimmen und sein Geist sie zur Treue und zum Dienst befähigen. Diese Abhängigkeit macht menschliche Verantwortung nicht überflüssig. Sie ordnet vielmehr alle Gaben, Aufgaben und Entscheidungen dem Herrn unter, von dem die Gemeinde ihre eigentliche Kraft empfängt.
Auch der Umgang der Glaubenden miteinander erhält durch das Bild des Leibes eine neue Bedeutung. Wer zu Christus gehört, darf andere Glieder seiner Gemeinde nicht verachten oder so behandeln, als hätten sie keinen Platz in Gottes Heilsplan. Paulus wird später ausdrücklich erklären, dass die Gemeinde durch die wirksame Unterstützung jedes einzelnen Gliedes aufgebaut wird und im Zusammenwirken der Liebe wächst (Epheser 4,16). Unterschiedliche Begabungen sind deshalb kein Grund für Konkurrenz oder geistliche Überheblichkeit. Sie sollen dem gemeinsamen Wachstum dienen. Ebenso wenig darf die Einheit des Leibes mit äußerlich erzwungener Gleichförmigkeit verwechselt werden. Christus selbst ist das verbindende Haupt. Die Glaubenden sind dazu berufen, an seiner Wahrheit festzuhalten und einander in Liebe zu dienen. Wo diese Verbindung verloren geht, kann eine Gemeinde zwar weiterhin äußerlich bestehen, doch sie entfernt sich von dem Ziel, das Paulus mit dem Bild des Leibes beschreibt. Die wahre Stärke der Gemeinde liegt nicht darin, dass einzelne Menschen uneingeschränkte Macht über andere besitzen, sondern darin, dass alle Glieder gemeinsam unter der Herrschaft Christi stehen und von ihm geistlich versorgt werden.
Damit führt Paulus seinen ersten großen Gedankengang zu einem eindrucksvollen Abschluss. Zu Beginn des Kapitels hatte er beschrieben, wie Gott die Glaubenden in Christus erwählt, ihnen durch sein Blut Vergebung geschenkt und sie mit dem Heiligen Geist versiegelt hat. Anschließend betete er darum, dass sie die Hoffnung ihrer Berufung, den Reichtum ihres Erbes und die Größe der göttlichen Macht erkennen. Nun mündet diese Betrachtung in die Person des auferstandenen und erhöhten Christus. Er steht über allen Mächten, und zugleich ist er das Haupt seiner Gemeinde. Die Glaubenden gehören also nicht einem machtlosen oder abwesenden Erlöser, sondern dem lebendigen Herrn, der sein begonnenes Werk zur Vollendung führen wird. Seine Gemeinde soll seine Herrlichkeit nicht durch menschliche Selbstüberhebung darstellen, sondern durch ihre Abhängigkeit von ihm, durch die Einheit im Glauben und durch ein Leben, das von seiner Liebe geprägt wird.
Die abschließenden Verse lassen damit eine wichtige Wahrheit erkennen: Gottes umfassender Erlösungsplan und das Leben seiner Gemeinde dürfen nicht voneinander getrennt werden. Der Herr, in dem Gott alles zusammenführen will, ist derselbe, durch den Menschen schon jetzt Vergebung, neues Leben und eine lebendige Gemeinschaft empfangen. Seine universale Herrschaft gibt ihrer Hoffnung Gewissheit, während seine besondere Beziehung zur Gemeinde ihrem gegenwärtigen Leben Richtung und Kraft verleiht. Deshalb ist die Gemeinde weder Selbstzweck noch eine Gemeinschaft, die ihre eigene Herrlichkeit suchen soll. Sie gehört Christus und ist dazu berufen, unter seiner Leitung zu leben und seine Gnade in der Welt sichtbar werden zu lassen. So endet das erste Kapitel mit dem erhöhten Jesus Christus, in dem Gottes ewiger Vorsatz seinen Mittelpunkt und seine endgültige Erfüllung findet.
Geistliche Kernbotschaft
Die tiefste Botschaft von Epheser 1 liegt darin, dass die Erlösung des Menschen ihren Ursprung nicht in menschlicher Anstrengung, sondern in Gottes ewigem Vorsatz und seiner unverdienten Gnade hat. Noch bevor der Mensch seine eigene Bedürftigkeit erkennen oder nach Gott fragen konnte, stand Gottes Heilsplan in Jesus Christus fest. Damit eröffnet Paulus eine grundlegend andere Sicht auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Der Glaube beginnt nicht mit dem Versuch, einen fernen Gott durch besondere Leistungen auf sich aufmerksam zu machen. Er ist die Antwort auf einen Gott, der sich dem Menschen bereits in Liebe zugewandt hat. Diese Erkenntnis nimmt dem Menschen jeden Grund, sich seiner eigenen geistlichen Verdienste zu rühmen. Zugleich schenkt sie ihm eine feste Grundlage des Vertrauens. Seine Hoffnung hängt nicht davon ab, ob er aus eigener Kraft eine vollkommene Vergangenheit vorweisen kann. Sie ruht auf Jesus Christus, durch den Gott Vergebung, Kindschaft und neues Leben eröffnet hat.
Besonders bedeutsam ist dabei, dass Gottes Gnade nicht nur die Schuld des Menschen betrifft, sondern seine gesamte Lebensrichtung verändern soll. Paulus beschreibt die Erwählung in Christus ausdrücklich mit dem Ziel, dass die Glaubenden heilig und tadellos vor Gott leben. Die Annahme als Gottes Kinder und die Berufung zur Heiligkeit gehören deshalb zusammen. Der Mensch wird nicht durch seine guten Werke zum Kind Gottes, aber die Gemeinschaft mit dem Vater soll sein Denken, seine Entscheidungen und seinen Umgang mit anderen Menschen prägen. Darin zeigt sich ein wesentliches Merkmal biblischer Gnade: Sie ist nicht nur Gottes Bereitschaft, vergangene Schuld zu vergeben, sondern zugleich der Ursprung eines erneuerten Lebens. Wer verstanden hat, dass Christus ihn durch sein eigenes Blut erlöst hat, kann die Sünde nicht gleichgültig betrachten. Die Liebe, die sich im Opfer Jesu offenbart, lädt ihn vielmehr dazu ein, sich von dem zu lösen, was seine Gemeinschaft mit Gott zerstört.
Epheser 1 zeigt außerdem, wie umfassend Gott an der Rettung des Menschen handelt. Paulus preist den Vater, der seinen Heilsplan gefasst hat, den Sohn, durch den Erlösung und Vergebung möglich geworden sind, und den Heiligen Geist, der den Glaubenden als Siegel und Unterpfand ihrer zukünftigen Erlösung gegeben wird. Der Mensch wird in seiner Beziehung zu Gott also nicht sich selbst überlassen. Gottes Handeln umfasst seine Vergangenheit, seine gegenwärtige Erneuerung und seine zukünftige Hoffnung. Die Vergebung befreit ihn von der Last seiner Schuld, der Heilige Geist wirkt an seiner inneren Veränderung, und die Verheißung des ewigen Erbes richtet seinen Blick über die Grenzen des gegenwärtigen Lebens hinaus. Diese Verbindung macht deutlich, dass Erlösung nach dem Zeugnis des Paulus mehr bedeutet als die einmalige Entscheidung für eine religiöse Überzeugung. Sie ist der Beginn einer lebendigen Gemeinschaft mit Gott, die ihn verändern soll und deren endgültige Vollendung noch bevorsteht.
Zugleich richtet Paulus den Blick auf eine Wirklichkeit, die größer ist als das persönliche Heil des Einzelnen. Gott will alles in Christus zusammenführen und die durch die Sünde gestörte Ordnung seiner Schöpfung zur Vollendung bringen. Dadurch erhält die menschliche Geschichte eine Hoffnung, die weit über politische Entwicklungen, gesellschaftlichen Fortschritt oder die begrenzten Möglichkeiten einer einzelnen Generation hinausreicht. Die Welt befindet sich noch immer in einem Zustand, in dem Leid, Ungerechtigkeit und Tod gegenwärtig sind. Dennoch steht ihre Zukunft nach dem Zeugnis des Kapitels nicht endgültig unter der Herrschaft dieser Mächte. Der auferstandene Christus ist über alle Gewalten erhöht worden. Seine Herrschaft ist bereits Wirklichkeit, auch wenn ihr endgültiger Sieg über das Böse noch aussteht. Für die Glaubenden bedeutet dies, dass sie die gegenwärtige Wirklichkeit weder verharmlosen noch für das letzte Wort halten müssen. Ihre Hoffnung gründet auf dem lebendigen Christus, dessen Auferstehung Gottes Macht über den Tod offenbart hat.
Diese Hoffnung verändert auch das Verständnis der Gemeinde. Paulus beschreibt sie als den Leib Christi, dessen Haupt der erhöhte Herr selbst ist. Damit wird jede Vorstellung infrage gestellt, nach der die Gemeinde in erster Linie von menschlicher Macht, religiösem Ansehen oder organisatorischer Stärke lebt. Ihre geistliche Existenz hängt von Christus ab. Gerade diese gemeinsame Abhängigkeit verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft und Begabung zu einer Gemeinschaft, in der niemand aufgrund eigener Leistungen eine unabhängige Stellung vor Gott beanspruchen kann. Die Einheit der Gemeinde entsteht nicht dadurch, dass sämtliche Unterschiede verschwinden, sondern dadurch, dass alle Glieder demselben Herrn angehören. Wo Christus tatsächlich als Haupt anerkannt wird, sollen Wahrheit, Liebe, gegenseitige Verantwortung und die Bereitschaft zum Dienst das Zusammenleben prägen. Die Gemeinde ist deshalb dazu berufen, durch ihr gemeinsames Leben etwas von dem Wesen des Herrn sichtbar werden zu lassen, dem sie gehört.
Schließlich offenbart das Gebet des Paulus, dass die größte geistliche Bedürftigkeit des Menschen nicht immer in dem liegt, was ihm äußerlich fehlt. Selbst Menschen, die Christus bereits vertrauen, benötigen eine immer tiefere Erkenntnis Gottes. Sie können seine Verheißungen kennen, ohne deren Bedeutung vollständig verstanden zu haben. Sie können von seiner Macht sprechen und dennoch von Furcht beherrscht werden. Deshalb bittet Paulus um erleuchtete Augen des Herzens. Geistliche Reife bedeutet nicht nur, mehr über Gott zu wissen, sondern seine Berufung, seine Gnade und seine Treue immer besser zu verstehen und daraus zu leben. Je klarer ein Mensch Gottes Wesen erkennt, desto weniger muss er seine Sicherheit in sich selbst suchen. Er lernt, seine Hoffnung auf Gottes Verheißungen zu richten und seine Kraft von dem Herrn zu erwarten, der Christus von den Toten auferweckt hat. So führt die Botschaft des ersten Kapitels letztlich zu einer Haltung dankbaren Vertrauens: Alles, was der Mensch für seine Erlösung benötigt, findet seinen Ursprung in Gottes Gnade, seinen Mittelpunkt in Jesus Christus und seine Vollendung in Gottes zukünftiger Herrlichkeit.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Aussagen von Epheser 1 stehen in einem engen Zusammenhang mit der gesamten biblischen Erlösungsgeschichte. Besonders deutlich wird dies in der Verbindung zwischen Gottes Erwählung und seinen Verheißungen an Abraham. In 1. Mose 12,1–3 beruft Gott Abraham und verheißt ihm, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollen. Diese Verheißung richtet sich zunächst an einen bestimmten Menschen und seine Nachkommen, besitzt aber von Anfang an eine Bedeutung für die Völker. Paulus greift diesen Gedanken in Galater 3,8–9 und 3,26–29 auf und erklärt, dass Menschen durch den Glauben an Jesus Christus Anteil an der Abraham gegebenen Verheißung erhalten. Dadurch wird verständlicher, weshalb Epheser 1 zunächst von denen spricht, die zuvor auf Christus gehofft hatten, und anschließend auch die später zum Glauben gekommenen Leser ausdrücklich einschließt. Die Erlösung der Menschen aus den Völkern ist kein zweiter, unabhängiger Heilsplan. Sie gehört zu Gottes großem Vorsatz, durch Christus Menschen unterschiedlicher Herkunft zu segnen und in einer gemeinsamen Hoffnung zu verbinden.
Eine weitere grundlegende Verbindung besteht zwischen Epheser 1,4–5 und Römer 8,14–23. Beide Abschnitte sprechen von der Annahme als Kinder Gottes und verbinden diese neue Stellung mit einer zukünftigen Erbschaft. Im Römerbrief erklärt Paulus zusätzlich, dass der Geist Gottes die Glaubenden in ihrer Kindschaft bestätigt und dass sie als Erben mit Christus verbunden sind. Gleichzeitig warten sie weiterhin auf die Erlösung ihres Leibes. Dadurch wird die Aussage des Epheserbriefes über das verheißene Erbe vertieft. Die Kindschaft ist bereits gegenwärtige Wirklichkeit, während ihre vollständige Offenbarung noch aussteht. Römer 8 erweitert diesen Gedanken außerdem auf die gesamte Schöpfung, die unter Vergänglichkeit leidet und auf ihre Befreiung wartet. Diese Verbindung macht verständlich, weshalb Gottes Heilsplan in Epheser 1 nicht beim persönlichen Glaubensleben stehen bleibt, sondern auf eine umfassende zukünftige Wiederherstellung ausgerichtet ist. Beide Texte verbinden das gegenwärtige Wirken des Heiligen Geistes mit der Erwartung einer endgültigen Erlösung, die auch den menschlichen Leib und die geschaffene Welt betrifft.
Das Opfer Jesu, das Paulus in Epheser 1,7 als Grundlage der Vergebung beschreibt, erhält durch Hebräer 9,11–15 eine wichtige Ergänzung. Dort wird erklärt, dass Christus durch sein eigenes Blut eine Erlösung erwirkt hat, die der alttestamentliche Opferdienst nicht endgültig hervorbringen konnte. Der Hebräerbrief beschreibt Jesus zugleich als Mittler des neuen Bundes. Dadurch wird deutlich, dass seine Erlösung nicht nur in einer allgemeinen Erklärung göttlicher Barmherzigkeit besteht, sondern auf seinem wirklichen Opfer beruht. Die alttestamentlichen Opfer hatten die Schwere der Sünde und die Notwendigkeit der Versöhnung sichtbar gemacht. In Christus begegnet nun derjenige, auf dessen vollkommenes Erlösungswerk diese Opfer vorauswiesen. Diese Verbindung vertieft Epheser 1,7, ohne die Aussage des Kapitels in eine vollständige Erklärung des Heiligtumsdienstes umzuwandeln. Entscheidend ist hier, dass die Vergebung nicht auf menschlicher Selbstrechtfertigung, sondern auf Christi Hingabe beruht und dem Glaubenden den Zugang zu Gott eröffnet.
Auch die Versiegelung durch den Heiligen Geist besitzt einen tiefen alttestamentlichen Hintergrund. In Hesekiel 36,26–27 verheißt Gott seinem Volk ein neues Herz und kündigt an, seinen Geist in das Innere der Menschen zu geben. Diese Gabe soll sie dazu befähigen, nach seinen Geboten zu leben. Jeremia 31,31–34 verbindet die Verheißung des neuen Bundes ebenfalls mit einer inneren Erneuerung, durch die Gottes Gesetz in das Herz seines Volkes geschrieben wird. Epheser 1,13–14 verwendet zwar nicht genau dieselben Bilder, steht aber in einem starken theologischen Zusammenhang mit diesen Verheißungen. Gottes Geist wird den Glaubenden nicht nur als äußeres Erkennungszeichen gegeben. Seine Gegenwart gehört zu Gottes rettendem und erneuerndem Handeln. Diese Verbindung wird durch Epheser 4,30 weiter bestätigt, wo dieselben versiegelten Menschen dazu ermahnt werden, den Heiligen Geist nicht zu betrüben. Die Versiegelung ist somit eine gegenwärtige Gabe und eine auf die Zukunft gerichtete Verheißung, die zugleich in ein Leben unter Gottes Führung hineinführt. Sie darf nicht mit der Behauptung verwechselt werden, dass jeder versiegelte Mensch bereits vollkommen wäre oder dass sämtliche biblischen Aussagen über ein Siegel ohne weitere Prüfung dasselbe Ereignis beschreiben.
Besonders stark ist die Verbindung zwischen der Erhöhung Christi in Epheser 1,20–22 und den alttestamentlichen Aussagen aus Psalm 8,7 und Psalm 110,1. Psalm 8 beschreibt die besondere Stellung, die Gott dem Menschen innerhalb seiner Schöpfung gegeben hat. Psalm 110 spricht dagegen von dem Herrn, der zur Rechten Gottes sitzt, während seine Feinde ihm unterworfen werden. Paulus verbindet diese beiden Gedanken mit Jesus Christus. In 1. Korinther 15,20–28 entfaltet er ihre Bedeutung ausführlicher. Christus ist durch seine Auferstehung der Erstling der Entschlafenen geworden und wird herrschen, bis alle Feinde überwunden sind. Als letzter Feind wird der Tod beseitigt. Dadurch wird die umfassende Aussage aus Epheser 1 verständlicher: Die Herrschaft Jesu ist bereits begründet, ihre endgültige Durchsetzung gegenüber allem Bösen steht jedoch noch aus. Seine Auferstehung ist zugleich die Gewähr dafür, dass die Hoffnung der Glaubenden nicht am Tod endet. Diese Verbindung erklärt, warum Paulus die Größe der göttlichen Macht gerade an der Auferstehung und Erhöhung Christi sichtbar macht.
Die abschließende Beschreibung der Gemeinde als Leib Christi findet eine wichtige Ergänzung in 1. Korinther 12,12–27 und Kolosser 1,18. Im ersten Korintherbrief verwendet Paulus das Bild des Körpers, um die gegenseitige Abhängigkeit und Verantwortung der Gemeindeglieder zu erklären. Unterschiedliche Gaben und Aufgaben dürfen nicht dazu führen, dass einzelne Menschen verachtet oder andere überhöht werden. Im Kolosserbrief wird Christus ausdrücklich als Haupt des Leibes bezeichnet. Diese beiden Linien treffen in Epheser 1,22–23 zusammen: Die Gläubigen bilden eine Gemeinschaft, deren Einheit und geistliches Leben von Christus abhängen. Der Leib besitzt unterschiedliche Glieder, aber nur ein Haupt. Damit wird verständlich, weshalb die Gemeinde weder durch menschliche Machtansprüche noch durch bloße äußere Gleichförmigkeit zur geistlichen Einheit gelangen kann. Ihre Einheit entsteht aus der gemeinsamen Zugehörigkeit zu Christus und soll sich in gegenseitiger Liebe und verantwortlichem Dienst ausdrücken.
Eine letzte, besonders weitreichende Verbindung führt von Epheser 1,10 zu Offenbarung 21,1–5 und 22,1–5. Paulus beschreibt Gottes Vorsatz, alles in Christus zusammenzuführen. Die Offenbarung entfaltet die Hoffnung auf eine neue Schöpfung, in der Gott bei den Menschen wohnt, der Tod nicht mehr besteht und seine Knechte ihm dienen. Diese Texte sind keine wortgleichen Aussagen und dürfen nicht so behandelt werden, als würde Epheser 1 bereits sämtliche Einzelheiten der Offenbarung erklären. Dennoch gehören sie zu derselben biblischen Hoffnung auf Gottes endgültigen Sieg über Sünde und Tod. Was Paulus als umfassenden göttlichen Heilsvorsatz beschreibt, wird in den abschließenden Kapiteln der Offenbarung durch Bilder der wiederhergestellten Gemeinschaft zwischen Gott und seinen Erlösten veranschaulicht. Die Erlösung zielt demnach nicht nur auf die Vergebung der Vergangenheit, sondern auf eine Zukunft, in der die Trennung zwischen Gott und seiner Schöpfung endgültig überwunden ist und seine Herrlichkeit ungehindert sichtbar wird.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten praktischen Lektionen aus Epheser 1 betrifft die Grundlage unserer Beziehung zu Gott. Der Mensch soll nicht versuchen, sich seine Annahme durch eine möglichst beeindruckende religiöse Lebensführung zu verdienen. Paulus beschreibt die Erlösung ausdrücklich als Geschenk der göttlichen Gnade, das durch Jesus Christus zugänglich wird. Diese Wahrheit kann besonders Menschen helfen, die ständig zwischen Selbstanklage und dem Versuch schwanken, ihre Vergangenheit durch eigene Leistungen auszugleichen. Der richtige Weg besteht nicht darin, Schuld zu verdrängen oder sich selbst für gerecht zu erklären. Er besteht darin, die eigene Sünde ehrlich vor Gott zu bringen und die Vergebung anzunehmen, die Christus durch sein Opfer ermöglicht hat. Wer so zu Jesus kommt, darf lernen, seine Beziehung zum Vater nicht auf die Unsicherheit der eigenen Leistung, sondern auf dessen Treue zu gründen. Gerade daraus erwächst die Bereitschaft, Gottes Willen nicht aus Angst vor Zurückweisung, sondern aus Dankbarkeit und Liebe ernst zu nehmen.
Eine weitere Lektion liegt darin, dass die Zugehörigkeit zu Christus eine neue Lebensrichtung verlangt. Paulus verbindet die Erwählung ausdrücklich mit der Berufung zur Heiligkeit. Deshalb wäre es ein Missverständnis, Gottes Gnade als Erlaubnis zu betrachten, bewusst an sündigen Gewohnheiten festzuhalten. Für den Alltag bedeutet das, das eigene Verhalten nicht nur daran zu messen, was gesellschaftlich akzeptiert oder persönlich angenehm ist. Die entscheidende Frage lautet, ob Denken, Reden und Handeln mit dem Wesen Christi übereinstimmen. Das kann sich in der Bereitschaft zeigen, bei einem eigenen Fehler die Wahrheit zu sagen, verletzende Worte zurückzunehmen, einen ungerechten Vorteil nicht auszunutzen oder eine Versuchung bewusst zurückzuweisen. Solche Entscheidungen sind keine Leistungen, mit denen der Mensch sich Gottes Liebe erkauft. Sie gehören zu einem Leben, das durch die empfangene Gnade zunehmend verändert wird. Wo ein Mensch versagt, soll er nicht in Gleichgültigkeit verfallen oder vor Gott fliehen, sondern umkehren und seine Hilfe erneut suchen.
Auch der Umgang mit der eigenen Zukunft kann durch Epheser 1 eine neue Ausrichtung erhalten. Paulus spricht von einem Erbe, dessen vollständige Erfüllung noch bevorsteht. Daraus folgt, dass der Wert des gegenwärtigen Lebens nicht allein an beruflichem Erfolg, materieller Sicherheit oder der Erfüllung persönlicher Wünsche gemessen werden darf. Diese Dinge können ihren berechtigten Platz besitzen, sind aber vergänglich und bieten keine endgültige Gewissheit. Wer seine Hoffnung auf Christus richtet, darf deshalb lernen, gegenwärtige Möglichkeiten verantwortlich zu nutzen, ohne sie zum höchsten Ziel seines Lebens zu machen. Das bedeutet weder Gleichgültigkeit gegenüber Arbeit und Familie noch einen Rückzug aus der Welt. Vielmehr erhalten die täglichen Aufgaben ihren Platz innerhalb einer größeren Hoffnung. Auch wenn persönliche Pläne scheitern oder Lebensumstände sich unerwartet verändern, bleibt die Verheißung Gottes bestehen. Sie hilft dem Glaubenden, Schwierigkeiten ernst zu nehmen, ohne die gesamte Zukunft von ihnen bestimmen zu lassen.
Eine besonders persönliche Anwendung ergibt sich aus dem Gebet des Paulus. Er bittet Gott darum, dass die Glaubenden ihn immer tiefer erkennen und die Bedeutung ihrer Berufung verstehen. Daraus erwächst die Einladung, das eigene Gebetsleben nicht auf die Bitte um Hilfe bei äußeren Problemen zu begrenzen. Es ist richtig, Gott Sorgen, Bedürfnisse und Entscheidungen anzuvertrauen. Ebenso notwendig ist jedoch die Bitte um Weisheit, geistliches Verständnis und ein Herz, das für seine Wahrheit offen bleibt. Wer die Bibel liest, sollte deshalb nicht nur danach fragen, welche Informationen ein Abschnitt enthält, sondern auch, was er über Gottes Wesen erkennen lässt und welche Veränderung daraus für das eigene Leben folgen soll. Dabei gehört zur geistlichen Reife die Bereitschaft, bisherige Überzeugungen sorgfältig am Wort Gottes zu prüfen und sich korrigieren zu lassen. Echte Erkenntnis wächst nicht allein durch die Menge des angesammelten Wissens, sondern auch durch Demut, Gebet und die Bereitschaft, erkannte Wahrheit im Alltag umzusetzen.
Ebenso wichtig ist die Verantwortung, andere Gläubige nicht ausschließlich nach ihren Schwächen zu beurteilen. Paulus hört vom Glauben und von der Liebe seiner Leser und antwortet darauf mit Dankbarkeit gegenüber Gott. Er nimmt wahr, was Gottes Gnade in ihrem Leben bereits bewirkt hat, ohne deshalb auf weitere geistliche Entwicklung zu verzichten. Dieses Beispiel kann den Umgang innerhalb einer Gemeinde, einer Familie oder einer christlichen Freundschaft verändern. Es ist oft leichter, Fehler anderer zu benennen, als ihre geistlichen Fortschritte anzuerkennen. Paulus zeigt dagegen eine Haltung, die beides miteinander verbindet: die Freude über bereits vorhandene Frucht und die ernsthafte Fürbitte um weiteres Wachstum. Wer andere im Glauben stärken möchte, sollte deshalb nicht nur auf ihre Unzulänglichkeiten achten, sondern auch für sie beten, sie ermutigen und Gottes Wirken in ihrem Leben dankbar wahrnehmen. Eine solche Haltung schafft Raum für Ermutigung, ohne notwendige Korrekturen auszuschließen.
Die Aussage über die Versiegelung mit dem Heiligen Geist fordert außerdem dazu auf, die Gegenwart Gottes im eigenen Leben ernst zu nehmen. Der Geist wird nicht als eine Gabe beschrieben, die der Mensch nach Belieben beanspruchen und anschließend unbeachtet lassen könnte. Er ist Gottes Zusage der Zugehörigkeit und zugleich derjenige, der zur geistlichen Erneuerung führt. Deshalb sollte der Glaubende auf seine Führung achten, statt bewusst gegen erkannte Wahrheit zu handeln. Wenn die Schrift zu Wahrhaftigkeit, Liebe, Reinheit und Vergebung aufruft, geht es nicht um voneinander unabhängige religiöse Regeln. Solche Haltungen entsprechen dem Leben, zu dem der Heilige Geist die Kinder Gottes führen will. Wer Gottes Führung sucht, sollte deshalb bereit sein, nicht nur um Kraft zu bitten, sondern sich auch von seinem Wort korrigieren zu lassen. Die Gewissheit göttlicher Annahme und die Verantwortung zum geistlichen Wachstum dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Schließlich verändert die Herrschaft Christi das Verständnis von Macht und Sicherheit. Paulus beschreibt Jesus als den auferstandenen Herrn, dem alle Gewalten untergeordnet sind und der zugleich das Haupt seiner Gemeinde ist. Für den Einzelnen bedeutet dies, dass menschliche Autoritäten niemals den Platz Gottes einnehmen dürfen. Geistliche Leiter können helfen, unterweisen und Verantwortung tragen, doch ihre Aussagen und Entscheidungen müssen an der Wahrheit der Heiligen Schrift geprüft werden. Ebenso wenig darf ein Christ seine eigene Stellung benutzen, um andere zu beherrschen oder sich über sie zu erheben. Wer Christus als Haupt anerkennt, ist dazu berufen, in seinem Umgang mit Menschen etwas von dessen Liebe, Wahrheit und dienender Haltung sichtbar werden zu lassen. Die Größe der Gemeinde liegt nicht darin, möglichst viel menschliche Macht anzusammeln, sondern darin, ihrem Herrn treu zu bleiben und in gegenseitiger Verantwortung zu leben.
Damit führt Epheser 1 zu einer Lebenshaltung, in der Dankbarkeit, Vertrauen, Heiligkeit und Hoffnung miteinander verbunden sind. Der Glaubende darf Gottes Gnade annehmen, ohne seine Schuld zu verharmlosen; er darf seiner Verheißung vertrauen, ohne die gegenwärtige Verantwortung zu vernachlässigen; und er darf auf die Macht Christi hoffen, ohne seine eigenen Möglichkeiten zum Maßstab göttlichen Handelns zu machen. Der Mittelpunkt bleibt Jesus Christus. Ihm gehört die Gemeinde, durch ihn empfängt der Mensch Vergebung und neues Leben, und auf seine endgültige Herrschaft richtet sich die Hoffnung der Erlösten. Ein Leben aus dieser Gewissheit sucht nicht die eigene Verherrlichung, sondern möchte durch Glauben, Liebe und Treue sichtbar machen, wie groß die Gnade Gottes ist.