5. Mose 7
Wenn dich der HERR, dein Gott, in das Land bringt, darein du kommen wirst, es einzunehmen, und ausgerottet viele Völker vor dir her, die Hethiter, Girgasiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter, sie…
26 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Wenn dich der HERR, dein Gott, in das Land bringt, darein du kommen wirst, es einzunehmen, und ausgerottet viele Völker vor dir her, die Hethiter, Girgasiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind denn du,
- 2 und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, daß du sie schlägst, so sollt ihr sie verbannen, daß du keinen Bund mit ihnen machest noch ihnen Gunst erzeigest.
- 3 Und sollst dich mit ihnen nicht befreunden: eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen, und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen euren Söhnen.
- 4 Denn sie werden eure Söhne mir abfällig machen, daß sie andern Göttern dienen; so wird dann des HERRN Zorn ergrimmen über euch und euch bald vertilgen.
- 5 Sondern also sollt ihr mit ihnen tun: ihre Altäre sollt ihr zerreißen, ihre Säulen zerbrechen, ihre Haine abhauen und ihre Götzen mit Feuer verbrennen.
- 6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott, Dich hat der HERR, dein Gott erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
- 7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, darum daß euer mehr wäre als alle Völker, denn du bist das kleinste unter allen Völkern;
- 8 sondern darum, daß er euch geliebt hat und daß er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat, hat er euch ausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst vom Hause des Dienstes, aus der Hand Pharaos, des Königs in Ägypten.
- 9 So sollst du nun wissen, daß der HERR, dein Gott, ein Gott ist, ein treuer Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, in tausend Glieder,
- 10 und vergilt denen, die ihn hassen, ins Angesicht, daß er sie umbringe, und säumt sie nicht, daß er denen vergelte ins Angesicht, die ihn hassen.
- 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, daß du darnach tust.
- 12 Und wenn ihr diese Rede hört und haltet sie und darnach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, die er deinen Väter geschworen hat,
- 13 und wird dich lieben und segnen und mehren und wird die Frucht deines Leibes segnen und die Frucht deines Landes, dein Getreide, Most und Öl, die Früchte deiner Kühe und die Früchte deiner Schafe in dem Lande, das er deinen Vätern geschworen hat dir zu geben.
- 14 Gesegnet wirst du sein über alle Völker. Es wird niemand unter dir unfruchtbar sein noch unter deinem Vieh.
- 15 Der HERR wird von dir tun alle Krankheit und wird keine böse Seuche der Ägypter dir auflegen, die du erfahren hast, und wir sie allen deinen Hassern auflegen.
- 16 Du wirst alle Völker verzehren, die der HERR, dein Gott, dir geben wird. Du sollst ihrer nicht schonen und ihren Göttern nicht dienen; denn das würde dir ein Strick sein.
- 17 Wirst du aber in deinem Herzen sagen: Dieses Volk ist mehr, denn ich bin; wie kann ich sie vertreiben?
- 18 so fürchte dich nicht vor ihnen. Gedenke, was der HERR, dein Gott, Pharao und allen Ägyptern getan hat
- 19 durch große Versuchungen, die du mit Augen gesehen hast, und durch Zeichen und Wunder, durch mächtige Hand und ausgereckten Arm, womit dich der HERR, dein Gott, ausführte. Also wird der HERR, dein Gott, allen Völkern tun, vor denen du dich fürchtest.
- 20 Dazu wird der HERR, dein Gott, Hornissen unter sie senden, bis umgebracht werde, was übrig ist und sich verbirgt vor dir.
- 21 Laß dir nicht grauen vor ihnen; denn der HERR, dein Gott, ist unter dir, der große und schreckliche Gott.
- 22 Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander. Du kannst sie nicht eilend vertilgen, auf daß sich nicht wider dich mehren die Tiere auf dem Felde.
- 23 Der HERR, dein Gott, wird sie vor dir dahingeben und wird sie mit großer Schlacht erschlagen, bis er sie vertilge,
- 24 und wird dir ihre Könige in deine Hände geben, und du sollst ihren Namen umbringen unter dem Himmel. Es wird dir niemand widerstehen, bis du sie vertilgst.
- 25 Die Bilder ihrer Götter sollst du mit Feuer verbrennen, und sollst nicht begehren des Silbers oder Goldes, das daran ist, oder es zu dir nehmen, daß du dich nicht darin verstrickst; denn solches ist dem HERRN, deinem Gott, ein Greuel.
- 26 Darum sollst du nicht in dein Haus den Greuel bringen, daß du nicht wie dasselbe verbannt werdest; sondern du sollst einen Ekel und Greuel daran haben, denn es ist verbannt.
Kapitelüberblick
Mose bereitet Israel auf den Einzug in das verheißene Land vor. Dort wird das Volk auf sieben Völker treffen, die größer und stärker sind als es selbst. Gott kündigt an, diese Völker in Israels Hand zu geben, und befiehlt, den Bann an ihnen zu vollstrecken. Israel soll keine Bündnisse mit ihnen schließen, keine Ehen eingehen, die es zur Verehrung anderer Götter verleiten könnten, und ihre heidnischen Kultstätten zerstören. Der Auftrag ist mit einer schwerwiegenden Gerichtsankündigung verbunden und gehört zu den schwierigsten Aussagen des Alten Testaments.
Anschließend erinnert Mose die Israeliten daran, weshalb Gott sie erwählt hat. Nicht ihre Größe oder besondere Leistung war dafür ausschlaggebend, sondern Gottes Liebe und seine Treue zu den Verheißungen, die er ihren Vätern gegeben hatte. Der HERR ist ein treuer Gott, der seinen Bund bewahrt, aber auch Ungehorsam und Abkehr von ihm ernst nimmt. Wenn Israel seine Weisungen beachtet, verheißt er dem Volk Segen, Fruchtbarkeit und Bewahrung im Land.
Für die bevorstehende Landnahme soll Israel sich nicht von der Stärke seiner Gegner einschüchtern lassen. Mose erinnert an Gottes Machttaten in Ägypten und versichert, dass der HERR auch weiterhin handeln wird. Die Vertreibung der Völker soll jedoch schrittweise erfolgen, damit das Land nicht verwildert und gefährliche Tiere überhandnehmen. Abschließend warnt Mose davor, die Götzenbilder der Kanaaniter oder deren wertvolle Bestandteile an sich zu nehmen. Israel soll nichts in sein Leben aufnehmen, was es von Gott wegführen könnte.
Einführung
Israel steht vor einer entscheidenden Veränderung seiner Geschichte. Nach der langen Wüstenwanderung befindet sich das Volk östlich des Jordan und bereitet sich darauf vor, das Land einzunehmen, das Gott bereits Abraham, Isaak und Jakob verheißen hatte. Die Menschen, zu denen Mose spricht, gehören überwiegend einer neuen Generation an. Viele von ihnen sind während der Wanderung aufgewachsen und haben das Leben als freie Gemeinschaft kennengelernt. Nun liegt eine Zukunft vor ihnen, in der sie eigene Städte bewohnen, Felder bewirtschaften und ihre Familien dauerhaft versorgen können. Doch der Übergang in dieses neue Leben bringt nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Herausforderungen mit sich, auf die Mose sie vorbereiten muss.
Im vorhergehenden Kapitel hatte Mose das Volk auf die wichtigste Grundlage seines Glaubens hingewiesen: Der HERR allein ist Israels Gott, und ihm soll seine ganze Liebe gelten. Diese Beziehung sollte das Denken, die Entscheidungen und das Zusammenleben der Israeliten bestimmen. Nun zeigt Mose, dass diese Treue im verheißenen Land besonders herausgefordert werden wird. Die Israeliten betreten kein menschenleeres Gebiet. Dort leben bereits verschiedene Völker mit eigenen Städten, Familien, gesellschaftlichen Ordnungen und religiösen Überzeugungen. Das Zusammenleben und die Auseinandersetzungen mit diesen Menschen werden die Zukunft Israels unmittelbar beeinflussen.
Dabei steht eine Gefahr im Vordergrund, die Mose bereits mehrfach angesprochen hat. Die religiösen Vorstellungen Kanaans unterscheiden sich grundlegend von dem Gottesdienst, zu dem Israel berufen wurde. Verschiedene Gottheiten werden verehrt, und ihre Kulte sind eng mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben verbunden. Für Israel besteht deshalb die Gefahr, dass die Verehrung des HERRN zunehmend mit anderen religiösen Praktiken vermischt wird. Mose behandelt diese Möglichkeit nicht als nebensächliche Veränderung äußerer Gewohnheiten. Wenn das Volk anderen Göttern dient, stellt es damit die besondere Beziehung zu dem Gott infrage, der es aus Ägypten befreit hat. Die Frage nach der ausschließlichen Gottesverehrung wird deshalb zu einem zentralen Thema des Kapitels.
Doch 5. Mose 7 beschränkt sich nicht auf eine Warnung vor religiöser Verführung. Der Abschnitt enthält einen ausdrücklichen Auftrag zur gewaltsamen Eroberung und Vernichtung der kanaanitischen Völker. Diese Worte verlangen besondere Aufmerksamkeit. Der sogenannte Bann bezeichnet in diesem Zusammenhang eine unwiderrufliche Aussonderung für Gott, die mit gewaltsamer Vernichtung verbunden ist. Es wäre nicht angemessen, diese Aussagen so umzudeuten, als gehe es lediglich darum, falsche Gedanken oder sündige Gewohnheiten aus dem eigenen Leben zu entfernen. Der Text spricht tatsächlich von Menschen und Völkern. Damit stellt er den heutigen Leser vor ernste Fragen nach Gottes Gerechtigkeit, nach der Verantwortung der betroffenen Menschen und nach dem Verhältnis zwischen göttlichem Gericht und Barmherzigkeit.
Für das Verständnis ist es wichtig, den Auftrag in den größeren Zusammenhang der biblischen Geschichte einzuordnen. Bereits in 1. Mose 15,16 wird angekündigt, dass die Nachkommen Abrahams erst zu einer späteren Zeit in das Land zurückkehren werden, weil die Schuld der Amoriter noch nicht voll ist. Die Landverheißung steht damit auch in einem Zusammenhang mit göttlichem Gericht. Gleichzeitig warnt Mose Israel an anderer Stelle ausdrücklich davor, seine eigene Gerechtigkeit als Grund für die Landgabe anzusehen (5. Mose 9,4–6). Das Volk darf sich also nicht für grundsätzlich besser halten als die Menschen, deren Land es einnehmen soll. Diese Aussagen helfen, den geschichtlichen und theologischen Rahmen zu erkennen. Sie beantworten jedoch nicht jede moralische Frage, die der Vernichtungsauftrag aufwirft. Besonders die Frage nach dem Schicksal einzelner unschuldiger Betroffener lässt sich nicht durch eine pauschale Behauptung über die Schuld ganzer Völker erledigen.
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die Erklärung der göttlichen Erwählung eine besondere Bedeutung. Im Alten Testament bedeutet Erwählung nicht, dass alle Angehörigen Israels von Natur aus gerechter, wertvoller oder treuer wären als andere Menschen. Mose wird ausdrücklich auf die geringe Größe des Volkes hinweisen und Gottes Liebe sowie seine Treue zu den Vätern als Gründe seiner Entscheidung nennen. Israel empfängt eine besondere Stellung, die zugleich eine besondere Verantwortung mit sich bringt. Die Zugehörigkeit zu Gott ist kein Freibrief, seinen Willen zu missachten. Schon während der Wüstenwanderung hatte das Volk wiederholt erfahren, dass auch seine eigene Untreue schwerwiegende Folgen haben konnte. Derselbe Gott, der Israel aus Ägypten befreite, verlangt von ihm einen Lebenswandel, der seiner Heiligkeit entspricht.
Die angekündigten Segnungen zeigen zugleich, dass Gottes Weisungen auf das Leben seines Volkes ausgerichtet sind. Mose spricht von Fruchtbarkeit, Gesundheit, einer reichen Ernte und der Bewahrung des Landes. Solche Verheißungen gehören zur besonderen Bundesbeziehung Israels und dürfen nicht ohne Weiteres auf jeden Menschen und jede Lebenssituation übertragen werden. Sie zeigen zunächst, welche Zukunft Gott seinem Volk unter seiner Führung vor Augen stellt. Die Israeliten sollen erkennen, dass ihre Sicherheit nicht allein von militärischer Stärke, wirtschaftlichem Besitz oder menschlichen Bündnissen abhängt. Ihre Geschichte ist mit den Verheißungen Gottes verbunden, dessen bisheriges Handeln ihnen als Grundlage des Vertrauens dienen soll.
So führt 5. Mose 7 in eine grundlegende Spannung hinein, die für das Verständnis des Kapitels ernst genommen werden muss. Derselbe Gott, der Israel aus Liebe erwählt und ihm seine Treue versichert, kündigt auch Gericht über die Völker Kanaans an. Mose stellt Gottes Barmherzigkeit und seine Heiligkeit nicht als Gegensätze dar. Dennoch verlangt der konkrete Landnahmeauftrag eine sorgfältige Auslegung, bei der schwierige Aussagen weder verschwiegen noch vorschnell erklärt werden. Zugleich darf dieser besondere geschichtliche Auftrag nicht zu einer allgemeinen Erlaubnis für religiöse Gewalt gemacht werden. Das Kapitel spricht zunächst zu Israel in einer bestimmten Situation seiner Bundesgeschichte.
Vor diesem Hintergrund beginnt Mose mit dem schwersten Teil seiner Unterweisung: dem Auftrag für den Umgang mit den Völkern Kanaans. Erst wenn dieser Text in seiner tatsächlichen Aussage ernst genommen wird, lässt sich anschließend verstehen, weshalb Mose so ausführlich von Gottes Liebe, seiner Bundestreue und der Verantwortung seines erwählten Volkes spricht.
5. Mose 7,1–5
Der schwere Auftrag gegen die Völker Kanaans
Mose beginnt mit der Ankündigung, dass Gott die Israeliten in das verheißene Land führen und die dort lebenden Völker vor ihnen vertreiben wird. Sieben Völker werden ausdrücklich genannt: Hetiter, Girgasiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter. Diese Aufzählung beschreibt die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, denen Israel im Land Kanaan begegnen wird. Dabei betont Mose, dass sie größer und stärker sind als Israel. Das Volk soll also nicht annehmen, es könne das Land allein aufgrund seiner eigenen Überlegenheit einnehmen. Die bevorstehende Auseinandersetzung wird vielmehr von Anfang an mit Gottes Handeln verbunden. Er ist es, der Israel den Weg bereiten und die Völker in seine Hand geben soll. Damit führt Mose die Landverheißung weiter, die Gott bereits den Vorfahren Israels gegeben hatte. Allerdings ist die Erfüllung dieser Verheißung mit einem Auftrag verbunden, dessen Härte besondere Aufmerksamkeit verlangt.
In Vers 2 befiehlt Mose, an den besiegten Völkern den Bann zu vollstrecken. Das hebräische Wort ḥerem bezeichnet etwas, das unwiderruflich Gott übergeben beziehungsweise seinem gewöhnlichen menschlichen Gebrauch entzogen wird. Welche Folgen dies hat, hängt vom jeweiligen Zusammenhang ab. Bei Gegenständen kann es bedeuten, dass sie zerstört oder für das Heiligtum ausgesondert werden. Im vorliegenden Abschnitt betrifft der Bann jedoch Menschen und ist mit gewaltsamer Vernichtung verbunden. Der parallele Auftrag in 5. Mose 20,16–18 macht diese Bedeutung ausdrücklich deutlich. Es wäre deshalb nicht richtig, Moses Worte lediglich als bildliche Aufforderung zu verstehen, schlechte Gewohnheiten abzulegen oder fremde religiöse Einflüsse zu meiden. Der Text enthält tatsächlich einen schwerwiegenden Befehl gegen die Bewohner Kanaans. Diese Aussage gehört zum Inhalt der biblischen Überlieferung und darf bei der Auslegung nicht verschwiegen werden.
Anschließend untersagt Mose, mit diesen Völkern einen Bund zu schließen oder ihnen Gnade zu erweisen. In der damaligen Welt konnten Bündnisse zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen politische Sicherheit schaffen, wirtschaftliche Beziehungen fördern und gegenseitige Verpflichtungen begründen. Solche Vereinbarungen waren häufig auch mit religiösen Bindungen verbunden, weil Verträge unter Berufung auf die jeweiligen Gottheiten geschlossen werden konnten. Für Israel bestand deshalb die Gefahr, durch verbindliche Beziehungen zu den kanaanitischen Völkern zunehmend auch deren religiöse Vorstellungen anzuerkennen. Bereits in 2. Mose 23,32–33 hatte Gott vor Bündnissen mit den Bewohnern des Landes und ihren Göttern gewarnt. Dennoch reicht dieser religiöse Zusammenhang nicht aus, um den Vernichtungsbefehl einfach in ein gewöhnliches Verbot politischer Zusammenarbeit umzudeuten. Mose spricht ausdrücklich von einem besonderen Landnahmeauftrag, der weit über eine allgemeine Warnung vor fremden Einflüssen hinausgeht.
In Vers 3 wird das Verbot auf Eheschließungen zwischen Israeliten und Angehörigen der genannten Völker ausgeweitet. Israelitische Töchter sollen nicht mit kanaanitischen Söhnen verheiratet werden, und israelitische Söhne sollen keine kanaanitischen Töchter zur Frau nehmen. Die Anweisung betrifft somit beide Richtungen der familiären Verbindung. Mose begründet sie im folgenden Vers ausdrücklich mit einer religiösen Gefahr: Die fremden Ehepartner könnten die Israeliten dazu bringen, sich vom HERRN abzuwenden und anderen Göttern zu dienen. Damit nennt der Text selbst den entscheidenden Grund für das Verbot. Im Mittelpunkt steht die Befürchtung, dass die Verehrung fremder Gottheiten Eingang in die Familien Israels findet und von dort aus das Leben des ganzen Volkes verändert. Eine Ehe verband damals nicht nur zwei einzelne Menschen, sondern häufig auch ihre Familien und deren gesellschaftliche und religiöse Verpflichtungen. Gerade deshalb konnten solche Verbindungen weitreichende Folgen haben.
Diese Begründung darf jedoch nicht mit der Behauptung verwechselt werden, Menschen anderer Herkunft seien grundsätzlich weniger wertvoll oder könnten niemals zum Glauben an den HERRN finden. Bereits die weitere biblische Geschichte zeigt, dass Herkunft und persönliche Glaubensentscheidung nicht einfach gleichgesetzt werden dürfen. Rahab, eine Frau aus Jericho, bekennt sich zum Gott Israels und wird zusammen mit ihrer Familie verschont (Josua 2,9–14; 6,22–25). Ihre Geschichte beweist nicht, dass der Bannauftrag deshalb ausschließlich bildlich gemeint gewesen wäre. Sie zeigt aber, dass die biblische Erzählung auch Menschen kanaanitischer Herkunft kennt, die nicht vernichtet, sondern in die Gemeinschaft Israels aufgenommen werden. Ebenso ist zu beachten, dass das Verbot in 5. Mose 7 zunächst die ausdrücklich genannten Völker und die konkrete religiöse Situation der Landnahme betrifft. Daraus darf kein allgemeines Gebot abgeleitet werden, Menschen allein aufgrund ihrer Abstammung abzulehnen.
Vers 4 verdeutlicht, weshalb Mose die Gefahr fremder Gottesverehrung so ernst nimmt. Wenn Israel anderen Göttern folgt, verlässt es die ausschließliche Beziehung zu dem HERRN, der das Volk aus Ägypten befreit hat. Die Folgen werden als schwerwiegend beschrieben: Gottes Zorn könnte gegen Israel entbrennen und das Volk selbst der Vernichtung aussetzen. Damit wird eine wichtige Grenze sichtbar. Die Erwählung Israels bedeutet nicht, dass Gott dessen Untreue gleichgültig gegenübersteht. Auch das erwählte Volk kann seine besondere Stellung nicht als Schutz vor jeder Verantwortung betrachten. Die Warnung richtet sich ausdrücklich gegen Israel selbst. Wer sich anderen Göttern zuwendet, stellt die Grundlage des Bundes infrage. Schon während der Wüstenwanderung hatte Israel erfahren, dass die Verehrung fremder Gottheiten schwerwiegende Folgen haben konnte, besonders bei den Ereignissen von Baal-Peor (4. Mose 25,1–9). Die Gefahr war deshalb nicht bloß eine Vermutung über zukünftige Entwicklungen, sondern hatte bereits eine Vorgeschichte.
In Vers 5 beschreibt Mose, wie Israel mit den religiösen Heiligtümern der kanaanitischen Völker umgehen soll. Ihre Altäre sollen niedergerissen, ihre Bildsäulen zerbrochen und ihre Kultgegenstände zerstört werden. Die Schlachter 1951 spricht an dieser Stelle von „Astartenbildern“. Im hebräischen Text steht jedoch ein Ausdruck für Aschera-Kultgegenstände. Aschera und Astarte sind religionsgeschichtlich nicht einfach dieselbe Gottheit. Die hebräische Bezeichnung kann sich auf Gegenstände beziehen, die mit der Verehrung Ascheras verbunden waren, etwa Kultpfähle oder entsprechende Darstellungen. Die ebenfalls genannten Bildsäulen waren aufgerichtete Steine, die im religiösen Leben der damaligen Völker eine besondere Bedeutung besitzen konnten. Zusammen mit den Altären und geschnitzten Götzenbildern beschreibt Mose damit verschiedene Bestandteile der kanaanitischen Kultstätten. Israel soll diese Gegenstände nicht für den eigenen Gottesdienst übernehmen oder die Verehrung des HERRN durch fremde religiöse Symbole ergänzen.
Die Zerstörung dieser Kultstätten macht deutlich, dass es bei dem Auftrag nicht ausschließlich um die Eroberung eines Landes geht. Mose verbindet die Auseinandersetzung mit den kanaanitischen Völkern ausdrücklich mit der Frage, wem Israel künftig dienen wird. Die fremden Heiligtümer sollen nicht bestehen bleiben, weil sie nach der Darstellung des Textes eine beständige Versuchung für das Volk darstellen würden. Besonders in 2. Mose 34,12–16 wird derselbe Zusammenhang entfaltet: Bündnisse, familiäre Beziehungen und die Teilnahme an fremden Opferfeiern könnten dazu führen, dass Israel die Verehrung anderer Götter übernimmt. Das erklärt die religiöse Zielrichtung des Auftrags. Dennoch müssen die beiden Aussagen auseinandergehalten werden. Die Zerstörung von Götzenbildern betrifft Gegenstände und Kultstätten. Der Bannbefehl in Vers 2 richtet sich dagegen gegen Menschen. Die Erklärung des einen darf nicht dazu benutzt werden, die Schwere des anderen zu verdecken.
Damit stellt sich die Frage nach Gottes Gerechtigkeit. Bereits Abraham hatte erfahren, dass seine Nachkommen erst nach einer langen Zeit in das Land zurückkehren würden, weil die Schuld der Amoriter noch nicht voll war (1. Mose 15,16). Die spätere Landnahme wird dadurch in einen größeren Zusammenhang göttlichen Gerichts gestellt. Gleichzeitig weist Mose in 5. Mose 9,4–6 ausdrücklich jede Vorstellung zurück, Israel erhalte das Land aufgrund einer besonderen eigenen Gerechtigkeit. Die Schuld der dort lebenden Völker und Gottes Treue zu seiner Verheißung werden als Gründe genannt, während Israel selbst als ein widerspenstiges Volk beschrieben wird. Daraus ergibt sich ein wichtiger Gedanke: Gott handelt nach dem biblischen Bericht nicht deshalb zugunsten Israels, weil sämtliche Israeliten von Natur aus bessere Menschen wären. Doch auch diese Erklärung beantwortet nicht jede moralische Frage. Insbesondere lässt sich aus der Schuld einer ganzen Gesellschaft nicht ohne Weiteres die persönliche Schuld jedes einzelnen Menschen und jedes Kindes ableiten.
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen dem umfassenden Bannbefehl und den späteren Berichten über die Landnahme. Schon innerhalb dieses Kapitels kündigt Mose an, dass die Vertreibung der Völker schrittweise erfolgen soll (5. Mose 7,22). Im Buch Josua bleiben verschiedene Bevölkerungsgruppen bestehen, und das Richterbuch berichtet ausdrücklich, dass Israel nicht alle Bewohner aus dem Land vertrieb. Hinzu kommen besondere Ereignisse wie die Rettung Rahabs und der Vertrag mit den Gibeonitern (Josua 9). Diese Aussagen zeigen, dass die biblische Überlieferung keine einfache Geschichte erzählt, in der alle kanaanitischen Menschen ausnahmslos zu einem einzigen Zeitpunkt verschwinden. Manche Ausleger verweisen deshalb auf die umfassende Sieges- und Vernichtungssprache, die auch in anderen Berichten des Alten Orients begegnet. Eine solche sprachliche Überhöhung ist als Erklärung möglich. Sie beweist jedoch nicht, dass die beschriebenen Tötungen ausschließlich symbolisch gemeint gewesen wären. Andere Forscher erklären die unterschiedlichen Aussagen durch verschiedene Überlieferungen und spätere Bearbeitungen. Auch diese Entstehungsmodelle lassen sich aus dem Kapitel allein nicht abschließend beweisen.
Für die geistliche Bedeutung dieser Verse ist deshalb eine wichtige Unterscheidung notwendig. Der Text berichtet von einem besonderen Auftrag an Israel innerhalb seiner damaligen Bundesgeschichte. Er stellt keine allgemeine Erlaubnis dar, Menschen anderer Religionen zu verfolgen, ihre Heiligtümer zu zerstören oder gegen sie Gewalt anzuwenden. Jesus fordert seine Nachfolger vielmehr ausdrücklich auf, ihre Feinde zu lieben und für diejenigen zu beten, die sie verfolgen (Matthäus 5,44). Eine heutige Anwendung des Landnahmeauftrags muss diese grundlegende Unterscheidung beachten. Was aus 5. Mose 7 für das persönliche Glaubensleben gelernt werden kann, betrifft insbesondere die ernsthafte Warnung, Gottes Verehrung nicht mit anderen religiösen Bindungen zu vermischen. Eine solche geistliche Anwendung darf jedoch niemals die ursprüngliche geschichtliche Aussage ersetzen oder den gewaltsamen Charakter des Textes verharmlosen.
So beginnt 5. Mose 7 mit einem Abschnitt, der Gottes Anspruch auf die ausschließliche Treue Israels in einer besonders harten geschichtlichen Form zum Ausdruck bringt. Die ausdrücklich genannte Gefahr ist die Abkehr des Volkes zu anderen Göttern. Zugleich bleiben Fragen bestehen, die der Text nicht vollständig beantwortet, vor allem die nach dem Schicksal der einzelnen Betroffenen und der Gerechtigkeit des umfassenden Banngebots. Diese Schwierigkeiten müssen nicht verschwiegen werden, um die Bibel ernst zu nehmen. Gerade eine sorgfältige Auslegung unterscheidet zwischen dem, was ausdrücklich geschrieben steht, den Erklärungen, die andere Bibelstellen ermöglichen, und den Fragen, die weiterhin offenbleiben. Im nächsten Abschnitt richtet Mose den Blick nun auf Israel selbst. Er erklärt, weshalb Gott gerade dieses Volk erwählt hat, und macht deutlich, dass seine Entscheidung nicht auf menschlicher Größe oder verdienter Überlegenheit beruht, sondern auf seiner Liebe und seiner Treue zu den Vätern.
5. Mose 7,6–8
Erwählt aus Liebe, nicht wegen eigener Größe
Nachdem Mose den schweren Auftrag gegenüber den kanaanitischen Völkern ausgesprochen hat, richtet er den Blick auf die besondere Beziehung zwischen Gott und Israel. In Vers 6 bezeichnet er Israel als ein heiliges Volk, das der HERR aus allen Völkern der Erde zu seinem Eigentum erwählt hat. Damit erklärt Mose, weshalb die Israeliten ihre Zugehörigkeit zu Gott so ernst nehmen sollen. Sie sind nicht lediglich eine Gemeinschaft, die sich für eine bestimmte Religion entschieden hat. Nach der biblischen Darstellung hat Gott selbst die Initiative ergriffen und dieses Volk in eine besondere Beziehung zu sich gerufen. Diese Erwählung bildet die Grundlage seiner Bundesgeschichte. Doch Mose wird unmittelbar deutlich machen, dass Israel daraus keinen Anspruch auf eigene Größe oder Überlegenheit ableiten darf.
Zunächst muss verstanden werden, was die Bezeichnung „heiliges Volk“ bedeutet. Das hebräische Wort qadosch, das mit „heilig“ wiedergegeben wird, beschreibt etwas, das Gott zugeordnet und für ihn ausgesondert ist. Wenn Mose Israel heilig nennt, behauptet er deshalb nicht, dass jeder Israelit bereits vollkommen gerecht wäre oder niemals sündigen würde. Die zurückliegende Geschichte des Volkes zeigt sogar das Gegenteil. Immer wieder hatte Israel Gottes Weisungen missachtet, gegen Mose aufbegehrt und an Gottes Fürsorge gezweifelt. Seine Heiligkeit als Volk besteht daher zunächst in der besonderen Zugehörigkeit zu Gott. Aus dieser Zugehörigkeit ergibt sich allerdings auch eine Verpflichtung. Wer dem heiligen Gott gehört, soll sein Leben nach seinem Willen ausrichten. Die Berufung ist somit zugleich ein Vorrecht und eine Verantwortung, die sich im tatsächlichen Verhalten des Volkes zeigen soll.
Eine ähnliche Bedeutung besitzt die Formulierung „Volk des Eigentums“. Das zugrunde liegende hebräische Wort segullah bezeichnet einen besonderen, wertgeschätzten Besitz. Bereits in 2. Mose 19,5–6 hatte Gott Israel unmittelbar vor dem Bundesschluss am Sinai als sein besonderes Eigentum und als ein Königreich von Priestern bezeichnet. Bemerkenswert ist, dass Gott dort zugleich erklärt, dass ihm die ganze Erde gehört. Seine besondere Beziehung zu Israel bedeutet also nicht, dass die übrigen Völker außerhalb seiner Herrschaft stehen würden. Gott ist nicht nur der Gott eines begrenzten Gebietes oder eines einzigen Volkes. Er ist der Schöpfer und Herr aller Menschen. Israel erhält innerhalb dieser umfassenden Herrschaft eine besondere Stellung. Seine Aufgabe besteht darin, als Gottes Volk zu leben und seine Weisungen ernst zu nehmen. Die späteren Propheten entfalten darüber hinaus, wie Gottes Handeln durch Israel auch für andere Völker Bedeutung gewinnen soll. Diese größere heilsgeschichtliche Perspektive ist wichtig, auch wenn Mose in den vorliegenden Versen zunächst die Erwählung selbst erklärt.
In Vers 7 weist Mose ausdrücklich eine mögliche Fehlvorstellung zurück. Gott hat Israel nicht erwählt, weil es besonders zahlreich oder mächtig gewesen wäre. Im Gegenteil bezeichnet Mose das Volk als das geringste unter allen Völkern. Diese Aussage unterstreicht den Gegensatz zwischen menschlicher Bedeutung und göttlicher Entscheidung. Sie muss nicht als statistisch überprüfte Behauptung verstanden werden, Israel sei zu jedem Zeitpunkt das zahlenmäßig kleinste Volk der gesamten Erde gewesen. Entscheidend ist, dass seine Erwählung nicht auf politischer Stärke oder einer außergewöhnlichen Bevölkerungszahl beruhte. Im Vergleich zu den großen Reichen seiner Umgebung besaß Israel keine Machtstellung, durch die es sich Gottes besondere Zuwendung hätte erklären können. Seine Geschichte begann vielmehr mit einem Mann, dem Gott Nachkommen und ein Land versprach, obwohl die sichtbaren Voraussetzungen für die Erfüllung dieser Zusage zunächst fehlten.
Gerade die Geschichte Abrahams macht diesen Gedanken verständlich. Als Gott ihn berief, verfügte Abraham weder über ein eigenes Königreich noch über ein großes Volk, dessen Macht er hätte einsetzen können. Er erhielt eine Verheißung, deren Erfüllung zunächst allein auf Gottes Zusage beruhte. Gott versprach ihm Nachkommen, ein Land und einen Segen, der schließlich auch die anderen Geschlechter der Erde erreichen sollte (1. Mose 12,1–3). Später führte Gott Abraham hinaus und ließ ihn die Sterne betrachten, um ihm die Größe seiner zukünftigen Nachkommenschaft vor Augen zu stellen (1. Mose 15,5). Zwischen dieser Verheißung und Moses Rede liegen viele Generationen. Die Israeliten sollen deshalb erkennen, dass ihre gegenwärtige Stellung nicht der Anfang ihrer Geschichte ist. Sie sind das Volk, dessen Entstehung Gott bereits lange zuvor angekündigt hatte. Was sie geworden sind, lässt sich nicht allein durch menschliche Entwicklung oder eigene Leistungen erklären.
In Vers 8 nennt Mose schließlich zwei Gründe für Gottes Handeln: seine Liebe zu Israel und seine Treue zu dem Eid, den er den Vätern geschworen hatte. Diese Verbindung ist von besonderer Bedeutung. Mose führt die Erwählung nicht auf eine verborgene besondere Eigenschaft des Volkes zurück, sondern auf Gottes eigenes Wesen und sein gegebenes Wort. Der HERR hat Israel geliebt und wollte seine Verheißung erfüllen. Das bedeutet nicht, dass der Text jede denkbare Frage beantwortet, weshalb Gott gerade Abraham berief und aus seinen Nachkommen ein besonderes Volk entstehen ließ. Mose nennt jedoch ausdrücklich die Gründe, auf die Israel selbst seine Erwählung zurückführen soll. Seine Beziehung zu Gott beginnt nicht mit einem menschlichen Anspruch, sondern mit göttlicher Zuwendung. Die Menschen sollen deshalb dankbar auf das Empfangene blicken, statt daraus einen Beweis ihrer eigenen Überlegenheit zu machen.
Die Liebe Gottes wird in diesem Zusammenhang nicht nur als eine innere Haltung beschrieben. Mose erinnert unmittelbar an eine konkrete Tat: Gott hat Israel mit mächtiger Hand aus Ägypten herausgeführt und aus der Gewalt des Pharaos erlöst. Das hebräische Verb padah, das hier mit „erlösen“ wiedergegeben wird, kann das Loskaufen oder Befreien aus einer bestehenden Bindung bezeichnen. Im vorliegenden Zusammenhang steht die Befreiung aus der Knechtschaft im Mittelpunkt. Israel befand sich unter der Herrschaft des ägyptischen Königs und konnte seine Freiheit nicht selbst durchsetzen. Gott griff ein und führte das Volk aus dieser Unterdrückung heraus. Der Vers nennt dabei keinen bestimmten Kaufpreis, der für die Befreiung bezahlt worden wäre. Die Erlösung besteht hier in Gottes machtvollem Handeln, durch das Israel aus der Gewalt des Pharaos befreit wurde. Auf diese Weise wird seine Liebe geschichtlich sichtbar. Sie bleibt nicht bei einem Versprechen stehen, sondern führt zur tatsächlichen Rettung des Volkes.
Besonders eindrucksvoll ist dabei die Verbindung zwischen Liebe und Bundestreue. Menschliche Zuneigung kann schwanken und von Umständen abhängen. Gottes Beziehung zu Israel wird hier dagegen ausdrücklich mit seinem Eid verbunden. Er bleibt dem treu, was er den Vätern zugesagt hat, auch wenn zwischen der Verheißung und ihrer Erfüllung eine lange Zeit vergangen ist. Bereits in 2. Mose 6,6–8 hatte Gott angekündigt, Israel aus Ägypten zu erlösen und in das Land zu führen, das er Abraham, Isaak und Jakob versprochen hatte. Moses Worte in 5. Mose 7,8 greifen diese beiden Seiten erneut auf. Die Befreiung aus der Knechtschaft und die bevorstehende Landgabe gehören zu einer zusammenhängenden Geschichte göttlicher Treue. Die Israeliten sollen daran erkennen, dass Gottes Zusagen nicht allein von den jeweils sichtbaren Umständen abhängen. Auch wenn seine Verheißungen über Generationen hinweg auf ihre Erfüllung warten, verliert er sie nicht aus dem Blick.
Allerdings darf aus dieser Erwählung keine grundsätzliche Überlegenheit Israels gegenüber anderen Menschen abgeleitet werden. Mose wird in 5. Mose 9,4–6 ausdrücklich erklären, dass Israel das Land nicht aufgrund seiner eigenen Gerechtigkeit erhält. Auch der Prophet Amos macht später deutlich, dass die besondere Beziehung zu Gott die Verantwortung des Volkes erhöht, statt seine Verfehlungen bedeutungslos zu machen (Amos 3,2). Diese Aussagen helfen, die Erwählung richtig einzuordnen. Gott schenkt Israel eine besondere Stellung, aber er erklärt damit nicht jede Handlung des Volkes für gerecht. Seine Liebe ist kein Beweis dafür, dass die Israeliten aus eigener Kraft besser wären als ihre Nachbarn. Gerade weil die Erwählung aus Gottes Gnade hervorgeht, soll sie nicht zum Anlass für Stolz werden. Sie verlangt vielmehr Demut, Vertrauen und die Bereitschaft, Gottes Willen ernst zu nehmen.
Die Bedeutung dieser Geschichte reicht zugleich über Israel hinaus. Gott hatte Abraham bereits zugesagt, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Im Neuen Testament greift Paulus die Verheißungen an Abraham auf und stellt Jesus Christus als den entscheidenden Nachkommen dar, in dem ihre heilsgeschichtliche Bedeutung sichtbar wird (Galater 3,16). Diese Verbindung zeigt, dass Gottes besondere Beziehung zu Israel im größeren Zusammenhang seines Handelns mit der Menschheit steht. Allerdings nennt 5. Mose 7,6–8 selbst noch nicht alle späteren Schritte dieser Geschichte. Hier liegt der unmittelbare Schwerpunkt auf Gottes vorausgehender Liebe, seiner Treue zu den Vätern und der geschichtlichen Befreiung aus Ägypten. Die späteren Verheißungen über Christus führen diese Linie weiter, ohne den ursprünglichen Sinn der Erwählung Israels aufzuheben.
So zeigen die Verse 6–8, dass die Grundlage von Israels besonderer Stellung nicht im Menschen, sondern in Gott selbst liegt. Weder Größe noch Stärke noch eine besondere eigene Gerechtigkeit erklären, weshalb er dieses Volk erwählt hat. Mose verweist stattdessen auf seine Liebe und die Verlässlichkeit seines Wortes. Darin liegt auch eine wichtige geistliche Erkenntnis: Gottes Zuwendung lässt sich nicht auf menschliches Verdienst reduzieren. Wer seine Liebe erfahren hat, soll daraus nicht Selbstüberhebung, sondern Dankbarkeit und Vertrauen gewinnen. Zugleich bleibt die Erwählung mit Verantwortung verbunden. Wie ernst Gott diese Beziehung nimmt und weshalb seine Bundestreue sowohl Gnade als auch Gerechtigkeit einschließt, erläutert Mose unmittelbar in den folgenden Versen.
5. Mose 7,9–11
Gottes Bundestreue und seine Gerechtigkeit
Nachdem Mose erklärt hat, dass Gott Israel aus Liebe und Treue zu seinen Verheißungen erwählt hat, richtet er den Blick auf das Wesen Gottes selbst. In Vers 9 fordert er das Volk auf, zu erkennen, dass der HERR der wahre und treue Gott ist. Diese Aussage bildet die Grundlage für alles, was anschließend über Gottes Bund und seine Gebote gesagt wird. Israel soll seine Zukunft nicht auf die eigene Stärke, die Größe seiner Städte oder die Zuverlässigkeit menschlicher Bündnisse gründen. Es soll wissen, wer der Gott ist, dem es gehört. Dabei meint das Erkennen Gottes mehr als die bloße Zustimmung zu einer religiösen Aussage. Mose hat zuvor ausführlich von Gottes Handeln gesprochen. Die Israeliten konnten an ihrer eigenen Geschichte erkennen, dass Gott seine Zusagen nicht vergessen hatte. Seine Treue sollte deshalb nicht nur Gegenstand ihres Wissens sein, sondern die Grundlage ihres Vertrauens werden.
Besondere Bedeutung besitzt die Bezeichnung „der treue Gott“. Das zugrunde liegende hebräische Wort ne'eman beschreibt jemanden, der zuverlässig ist und dem man vertrauen kann. Es steht sprachlich mit dem Bedeutungsfeld von Festigkeit und Glaubwürdigkeit in Verbindung. Gottes Treue ist damit keine unverbindliche Zusicherung, sondern eine Eigenschaft, die sich in seinem Handeln zeigt. Menschen können Versprechen geben und später ihre Meinung ändern, ihre Möglichkeiten verlieren oder ihre Verpflichtungen vernachlässigen. Gott dagegen wird hier als derjenige beschrieben, dessen Zusagen Bestand haben. Die Geschichte Israels hatte dies bereits deutlich gemacht. Zwischen Gottes Verheißung an Abraham und der Befreiung seiner Nachkommen aus Ägypten lagen viele Generationen. Dennoch hatte Gott sein Wort nicht aufgegeben. Mose möchte, dass Israel aus dieser Erfahrung eine bleibende Erkenntnis gewinnt: Gottes Verlässlichkeit hängt nicht davon ab, ob die Erfüllung seiner Zusagen für den Menschen bereits unmittelbar sichtbar ist.
Anschließend erklärt Mose, dass Gott seinen Bund und seine Gnade gegenüber denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten. Das hebräische Wort chesed, das hier mit „Gnade“ wiedergegeben wird, besitzt eine besonders reiche Bedeutung. Je nach Zusammenhang beschreibt es Güte, Barmherzigkeit, Liebe und beständige Treue innerhalb einer bestehenden Beziehung. In Verbindung mit Gottes Bund hebt es hervor, dass seine Zuwendung nicht oberflächlich oder wechselhaft ist. Er steht zu seinen Verheißungen und handelt seinen Bundespartnern gegenüber zuverlässig. Dabei müssen Bund und Gnade nicht als zwei voneinander unabhängige Dinge verstanden werden. Die Verbindung beider Begriffe zeigt vielmehr, wie Gott seine Beziehung zu seinem Volk gestaltet. Seine Treue ist nicht kalt oder ausschließlich rechtlich. Sie ist mit seiner Liebe und Güte verbunden. Ebenso bedeutet seine Gnade nicht, dass der Bund jede Verbindlichkeit verliert. Gottes liebevolle Zuwendung und seine Treue zu seinem Wort gehören untrennbar zusammen.
Mose nennt ausdrücklich diejenigen, die Gott lieben und seine Gebote bewahren. Diese Verbindung erinnert unmittelbar an die Aufforderung aus 5. Mose 6,5, den HERRN mit ganzem Herzen, ganzer Seele und aller Kraft zu lieben. Nun wird deutlich, dass diese Liebe nicht bei einem inneren Gefühl stehen bleiben soll. Sie soll sich darin zeigen, dass der Mensch Gottes Weisungen ernst nimmt und sein Leben nach ihnen ausrichtet. Umgekehrt darf der Gehorsam nicht als Mittel verstanden werden, mit dem Israel sich Gottes ursprüngliche Erwählung erst verdienen müsste. Mose hatte gerade erklärt, dass Gott das Volk aus Liebe und wegen seines Eides an die Väter erwählt hatte. Die Reihenfolge ist deshalb entscheidend. Gottes Zuwendung steht am Anfang. Die Liebe und der Gehorsam seines Volkes sind die angemessene Antwort darauf. Wer diese Reihenfolge umkehrt, könnte meinen, Gott habe Israel erst nach einer besonderen menschlichen Leistung angenommen. Das würde der ausdrücklichen Begründung der vorhergehenden Verse widersprechen.
In Vers 9 folgt die bemerkenswerte Zusage, dass Gott seinen Bund und seine Gnade auf tausend Geschlechter bewahrt. Diese Formulierung greift eine Aussage auf, die bereits im zweiten Gebot begegnet (2. Mose 20,5–6; 5. Mose 5,9–10). Dort wird Gottes Gericht über die Sünde mit seiner Barmherzigkeit gegenüber denen verglichen, die ihn lieben und seine Gebote halten. Auffällig ist der Unterschied zwischen wenigen Generationen auf der einen und Tausenden auf der anderen Seite. Dadurch wird die außerordentliche Reichweite göttlicher Barmherzigkeit betont. Die Zahl tausend muss deshalb nicht als eine exakt berechenbare Grenze verstanden werden, nach deren Ablauf Gottes Treue enden würde. In der biblischen Ausdrucksweise verdeutlicht sie vielmehr einen Zeitraum, der weit über das Leben der unmittelbar Angesprochenen hinausreicht. Gottes Bundestreue ist nicht auf die kurze Lebenszeit eines einzelnen Menschen begrenzt. Seine Verheißungen können auch für Generationen Bedeutung besitzen, die noch gar nicht geboren sind.
Gerade diese Zusage hilft, Gottes Handeln im größeren Zusammenhang der Heilsgeschichte zu verstehen. Abraham erhielt Verheißungen, deren Erfüllung er zu seinen Lebzeiten nur teilweise erleben konnte. Seine Nachkommen erfuhren später Gottes Befreiung aus Ägypten, und nun stand eine weitere Generation vor dem Einzug in das versprochene Land. Die Geschichte dieser Menschen zeigt, dass Gott nicht ausschließlich innerhalb der Erwartungen und Zeitvorstellungen einer einzelnen Generation handelt. Er führt seine Verheißungen über längere geschichtliche Entwicklungen hinweg weiter. Diese Erkenntnis kann auch für den persönlichen Glauben wichtig sein. Nicht jede Zusage Gottes erfüllt sich zu dem Zeitpunkt oder auf die Weise, die ein Mensch erwartet. Aus einer Verzögerung darf deshalb nicht vorschnell geschlossen werden, Gott habe sein Wort vergessen. Allerdings bedeutet die Verheißung an tausend Geschlechter nicht, dass jeder Nachkomme eines gläubigen Menschen unabhängig von seiner eigenen Haltung automatisch in der Treue zu Gott bleiben wird. Mose verbindet die Zusage ausdrücklich mit der Liebe zu Gott und dem Bewahren seiner Gebote.
In Vers 10 stellt Mose der göttlichen Bundestreue eine ernste Warnung gegenüber. Gott vergilt denen, die ihn hassen, und kündigt ihre Vernichtung an. Die Schlachter 1951 verwendet dabei die eindringliche Formulierung, dass Gott einem solchen Menschen „ins Angesicht“ vergilt. Der hebräische Ausdruck betont, dass die betreffende Person selbst mit Gottes Gericht konfrontiert wird. Der Mensch soll sich also nicht darauf verlassen, dass Gott seine Untreue unbeachtet lässt. Die Aussage steht in einem deutlichen Gegensatz zur zuvor beschriebenen Barmherzigkeit. Während Gottes Bundestreue über zahlreiche Generationen reicht, wird die Verantwortung desjenigen hervorgehoben, der sich bewusst gegen ihn stellt. Mose spricht damit nicht von einem Gott, der zwar Güte verspricht, aber gegenüber Unrecht grundsätzlich gleichgültig bleibt. Seine Treue schließt ein, dass er seine eigenen Maßstäbe ernst nimmt und dem Bösen nicht unbegrenzt freie Bahn lässt.
Dabei verdient die Formulierung „die ihn hassen“ besondere Aufmerksamkeit. Im Zusammenhang des fünften Buches Mose steht sie der Liebe zu Gott gegenüber. Diese Liebe wurde bereits mit dem Bewahren seiner Weisungen verbunden. Entsprechend beschreibt der Hass gegen Gott hier nicht lediglich ein vorübergehendes negatives Gefühl oder eine einzelne menschliche Schwäche. Er bezeichnet eine Haltung der Ablehnung, die sich in der bewussten Abkehr von Gott und seinem Willen ausdrücken kann. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch, der zweifelt, mit Gott ringt oder in einer schwierigen Situation eine falsche Entscheidung trifft, deshalb unmittelbar als jemand bezeichnet werden müsste, der Gott hasst. Die Bibel kennt Menschen, die schwere Schuld auf sich laden und dennoch zur Umkehr finden. David ist dafür ein deutliches Beispiel. Mose beschreibt hier den grundsätzlichen Gegensatz zwischen Bundestreue und der bewussten Verwerfung Gottes. Seine Worte sollen das Volk davor warnen, diese Entscheidung für belanglos zu halten.
Auch die Ankündigung der Vergeltung muss sorgfältig verstanden werden. Vers 10 spricht tatsächlich von Vernichtung und darf nicht lediglich zu einer Aussage über unangenehme Folgen falscher Entscheidungen abgeschwächt werden. Ebenso wenig erlaubt der Vers jedoch die Schlussfolgerung, jeder Mensch, der sich gegen Gott stellt, werde zwangsläufig sofort und sichtbar bestraft. Die Formulierung, dass Gott nicht versäumt zu vergelten, betont seine Zuverlässigkeit als Richter. Sie liefert keinen vollständigen Zeitplan göttlicher Gerichte. Andere biblische Texte zeigen ausdrücklich, dass gottlose Menschen über lange Zeit erfolgreich erscheinen können, während Gerechte leiden. Psalm 73 beschäftigt sich gerade mit dieser Erfahrung. Deshalb darf aus persönlichem Leid, Krankheit oder einem frühen Tod nicht ohne Weiteres auf eine besondere Bestrafung wegen Gottesverachtung geschlossen werden. Mose lehrt hier die Gewissheit göttlicher Gerechtigkeit, nicht die menschliche Fähigkeit, jedes Schicksal als unmittelbares Gericht Gottes zu erklären.
Entscheidend ist außerdem, dass Gottes Gerechtigkeit in der Bibel nicht von seiner Barmherzigkeit getrennt wird. Als Gott sich Mose am Sinai offenbarte, bezeichnete er sich als barmherzig, gnädig, geduldig und reich an Güte und Treue. Gleichzeitig erklärte er, dass Schuld nicht einfach bedeutungslos bleibt (2. Mose 34,6–7). Diese beiden Seiten gehören zur selben Selbstoffenbarung Gottes. Seine Barmherzigkeit bedeutet nicht, dass er das Böse gutheißt. Seine Gerechtigkeit bedeutet umgekehrt nicht, dass er keine Vergebung gewähren könnte. Im fünften Buch Mose wird später ausdrücklich von der Möglichkeit gesprochen, dass Israel nach schwerer Untreue und Zerstreuung zu Gott zurückkehrt und seine Barmherzigkeit erfährt (5. Mose 30,1–6). Deshalb darf Vers 10 nicht isoliert gelesen werden, als bestünde Gottes letzte Absicht darin, jeden einmal ungehorsamen Menschen unwiderruflich zu vernichten. Zugleich verliert die Warnung nicht ihre Ernsthaftigkeit. Gottes Bereitschaft zur Vergebung macht eine bewusste und dauerhafte Abkehr von ihm nicht belanglos.
Die Verbindung zwischen Liebe und Gehorsam wird im Neuen Testament von Jesus ausdrücklich aufgegriffen. In Johannes 14,15 erklärt er seinen Jüngern, dass ihre Liebe zu ihm im Halten seiner Gebote sichtbar werden soll. Wenige Verse später verbindet er erneut die Liebe zu ihm mit dem Bewahren seiner Weisungen (Johannes 14,21). Damit wird ein Grundgedanke weitergeführt, der bereits in 5. Mose 7 erkennbar ist. Wahre Liebe zu Gott bleibt nicht ohne Folgen für das Handeln. Allerdings richtet Jesus diese Worte an seine Jünger innerhalb der Beziehung zu ihm. Sie dürfen deshalb nicht ohne weitere Prüfung als unmittelbare Übertragung sämtlicher nationaler, kultischer und gerichtlicher Bestimmungen des Sinai-Bundes auf die christliche Gemeinde verstanden werden. Die Verbindung besteht zunächst in der grundlegenden Bedeutung von Liebe und gelebter Treue. Wer Christus liebt, soll seinen Worten nicht gleichgültig gegenüberstehen.
Schließlich fordert Mose Israel in Vers 11 auf, Gottes Gebote, Satzungen und Rechte zu bewahren und zu tun. Nach den Aussagen über Gottes Treue und Gericht kehrt er damit zur Verantwortung des Volkes zurück. Auffällig ist erneut die Verbindung von Bewahren und Handeln. Gottes Weisungen sollen nicht nur im Gedächtnis vorhanden sein oder bei feierlichen Anlässen ausgesprochen werden. Sie verlangen eine bewusste Umsetzung. Dabei kommt dem Wort „heute“ besondere Bedeutung zu. Mose spricht zu Menschen, die unmittelbar vor einer neuen Lebensphase stehen. Sie sollen ihre Entscheidung für Gott nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, an dem die Umstände möglicherweise günstiger erscheinen. Der Gehorsam, zu dem sie aufgerufen werden, betrifft ihre gegenwärtige Verantwortung. Die Zukunft im verheißenen Land soll auf einer Haltung beruhen, die bereits jetzt von der Treue zu Gott geprägt ist.
So bilden die Verse 9–11 einen wichtigen Mittelpunkt des Kapitels. Mose beschreibt einen Gott, dessen Verheißungen zuverlässig sind, dessen Barmherzigkeit weit über eine einzelne Generation hinausreicht und dessen Gerechtigkeit das Böse nicht gleichgültig hinnimmt. Zugleich macht er deutlich, dass die besondere Beziehung zu diesem Gott eine Antwort verlangt. Israel kann seine Erwählung nicht als Erlaubnis verstehen, seinen Willen zu missachten. Gottes Liebe und seine Gebote stehen ebenso wenig im Widerspruch wie seine Treue und seine Gerechtigkeit. Sie gehören zu dem Wesen des Gottes, der sein Volk befreit und in eine verbindliche Gemeinschaft mit sich gerufen hat. Auf dieser Grundlage wendet sich Mose nun den konkreten Segnungen zu, die Israel innerhalb dieser Bundesbeziehung im verheißenen Land erwarten darf.
5. Mose 7,12–15
Gottes Segnungen für sein Volk
Nachdem Mose Gottes Treue und Gerechtigkeit beschrieben hat, richtet er den Blick auf die Segnungen, die Israel im verheißenen Land erwarten darf. In Vers 12 verbindet er diese Zusagen mit dem Hören, Bewahren und Befolgen der göttlichen Weisungen. Wenn das Volk Gottes Gebote ernst nimmt, wird der HERR ihm gegenüber den Bund und die Gnade bewahren, die er seinen Vätern geschworen hat. Damit führt Mose den Gedanken aus den vorhergehenden Versen weiter. Gottes Bundestreue ist nicht nur eine Erinnerung an vergangene Ereignisse. Sie soll sich auch im zukünftigen Leben Israels zeigen. Das Volk wird erfahren dürfen, dass der Gott, der seine Vorfahren geführt und es aus Ägypten befreit hat, weiterhin für seine Zukunft sorgt. Zugleich macht Mose deutlich, dass die Segnungen innerhalb einer verbindlichen Bundesbeziehung stehen. Israel darf Gottes Zusagen nicht von der Verantwortung trennen, seinen Willen zu beachten.
Bemerkenswert ist, dass Mose in Vers 13 erneut von Gottes Liebe spricht. Der HERR wird sein Volk lieben, segnen und vermehren. Diese Formulierung könnte zunächst den Eindruck erwecken, Gott beginne Israel erst dann zu lieben, wenn es gehorsam ist. Doch der unmittelbare Zusammenhang zeigt etwas anderes. Bereits in Vers 8 hatte Mose ausdrücklich erklärt, dass Gottes Liebe der Grund für die Erwählung und Befreiung Israels war. Sie bestand also, bevor das Volk die hier angesprochenen Segnungen empfangen konnte. Nun geht es darum, wie sich diese bereits erwiesene Liebe im weiteren Bundesleben entfalten soll. Die angekündigten Wohltaten sind Ausdruck der fortdauernden Beziehung zu Gott. Die Verheißung bedeutet deshalb nicht, dass Israel seine ursprüngliche Erwählung durch Gehorsam verdienen müsste. Sie macht vielmehr deutlich, dass die Gemeinschaft mit Gott konkrete Folgen für das Leben des Volkes haben soll.
Mose beschreibt diese Folgen zunächst anhand der Fruchtbarkeit des Landes. Gott wird das Korn, den Most und das Öl segnen. Diese drei Erzeugnisse gehörten zu den wichtigsten Grundlagen des damaligen Lebens. Getreide diente vor allem der Herstellung von Brot und anderen Nahrungsmitteln. Die Erträge der Weinberge lieferten Trauben und Wein, während Olivenöl sowohl für die Ernährung als auch für die Beleuchtung und verschiedene alltägliche Zwecke verwendet wurde. Die Aufzählung steht deshalb für eine umfassende landwirtschaftliche Versorgung. Israel soll im verheißenen Land nicht nur vor unmittelbarer Not bewahrt werden, sondern eine Lebensgrundlage erhalten, auf der Familien und Gemeinschaften dauerhaft bestehen können. Gerade nach den Jahrzehnten der Wüstenwanderung besitzt diese Aussicht eine besondere Bedeutung. Aus dem wandernden Volk soll eine Gemeinschaft werden, die ihre Felder bestellt, ihre Ernten einbringt und von den Erträgen ihres Landes lebt.
Zu den Segnungen gehören außerdem die Nachkommen der Rinder und Schafe. Vieh war in der damaligen Gesellschaft weit mehr als ein Zeichen persönlichen Reichtums. Die Tiere lieferten Milch, Wolle und andere lebensnotwendige Güter. Rinder konnten für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt werden, während Schafe und Ziegen auch unter schwierigeren Landschaftsbedingungen gehalten werden konnten. Eine gesunde und wachsende Herde trug wesentlich zur wirtschaftlichen Sicherheit einer Familie bei. Wenn Mose deshalb die Fruchtbarkeit der Tiere erwähnt, beschreibt er einen wichtigen Bestandteil des täglichen Lebens. Die Segensverheißung umfasst nicht nur den Menschen selbst, sondern auch die natürlichen Grundlagen, von denen sein Lebensunterhalt abhängt. Darin zeigt sich, dass Gottes Fürsorge im Alten Testament nicht ausschließlich auf den Gottesdienst oder das innere Glaubensleben beschränkt wird. Auch Nahrung, Arbeit und die Bedingungen des gewöhnlichen Lebens stehen unter seiner Herrschaft.
Besonders wichtig ist die wiederholte Erwähnung des Landes, das Gott den Vätern geschworen hatte zu geben. Die Fruchtbarkeit, von der Mose spricht, ist keine losgelöste Verheißung allgemeinen Wohlstands. Sie gehört zur Erfüllung einer bestimmten Zusage. Bereits Abraham hatte von Gott die Verheißung erhalten, dass seine Nachkommen zahlreich werden und ein Land besitzen sollten. Nun werden beide Elemente miteinander verbunden: Israel soll im verheißenen Land leben, und dort soll seine Nachkommenschaft wachsen. Die Segnungen bilden damit einen Teil der größeren Geschichte, die mit Gottes Berufung Abrahams begonnen hatte. Das Volk soll an seinen Ernten und Herden nicht lediglich den eigenen wirtschaftlichen Erfolg erkennen, sondern die Treue des Gottes, der seine früheren Verheißungen nicht vergessen hat. Gerade diese Verbindung schützt davor, materiellen Besitz unabhängig von Gott zu betrachten oder ihn ausschließlich als Ergebnis menschlicher Leistung zu verstehen.
In Vers 14 erweitert Mose die Verheißung um eine besonders persönliche Zusage. Unter Israel und seinem Vieh soll es keine Unfruchtbaren geben. Die Fruchtbarkeit des Menschen und die Fruchtbarkeit der Tiere werden hier ausdrücklich miteinander verbunden. Für die Israeliten war eine wachsende Nachkommenschaft von großer Bedeutung. Kinder sicherten nicht nur den Fortbestand einer Familie, sondern gehörten auch zur Hoffnung auf die Zukunft des gesamten Volkes. Dabei erinnert die Formulierung an ein bemerkenswertes Merkmal der Erzvätergeschichte. Sara, Rebekka und Rahel hatten Zeiten der Kinderlosigkeit erlebt, obwohl Gottes Verheißungen gerade die Nachkommenschaft ihrer Familien betrafen. Besonders in 1. Mose 25,21 wird berichtet, dass Isaak für seine unfruchtbare Frau Rebekka betete und Gott sein Gebet erhörte. Die frühere Erfahrung der Unfruchtbarkeit und die nun angekündigte Fruchtbarkeit stehen damit in einem bedeutungsvollen Zusammenhang. Gott hatte die Vermehrung seines Volkes versprochen, obwohl die Erfüllung dieser Zusage in seiner Geschichte wiederholt menschlich unmöglich erschien.
Gerade diese Verheißung erfordert jedoch eine behutsame Auslegung. Mose spricht hier zu Israel als Bundesvolk und beschreibt die Zukunft, die Gott ihm innerhalb seiner besonderen geschichtlichen Beziehung zusagt. Daraus darf nicht geschlossen werden, dass Kinderlosigkeit bei einem einzelnen Menschen zwangsläufig ein Zeichen fehlenden Glaubens oder göttlicher Missbilligung wäre. Schon die Geschichte der Erzväter zeigt, dass Menschen, die Gott vertrauten, lange Zeit keine Kinder bekommen konnten. Auch im Neuen Testament wird von Elisabeth und Zacharias berichtet, die vor Gott gerecht lebten und dennoch bis ins hohe Alter kinderlos blieben (Lukas 1,5–7). Die Bibel erlaubt deshalb nicht, aus einer persönlichen Erfahrung von Unfruchtbarkeit auf mangelnden Gehorsam zu schließen. Ebenso wenig darf der Wert eines Menschen an seiner Fähigkeit gemessen werden, Kinder zu bekommen. Die Verheißung in 5. Mose 7 beschreibt Gottes umfassenden Segen für das Volk, ohne eine allgemeine Erklärung für jede individuelle Lebensgeschichte zu liefern.
In Vers 15 nennt Mose schließlich die Bewahrung vor Krankheiten. Gott wird die Krankheiten von Israel entfernen und keine der schweren Seuchen Ägyptens, die das Volk kennengelernt hatte, auf Israel legen. Die Erinnerung an Ägypten verleiht dieser Zusage besonderes Gewicht. Die Israeliten wussten aus ihrer eigenen Geschichte, welche Macht Gott über Krankheit, Gesundheit und die natürlichen Lebensbedingungen besitzt. Während des Auszugs aus Ägypten hatten sie erlebt, wie Gott durch außergewöhnliche Zeichen und Gerichte handelte. Bereits in 2. Mose 15,26 hatte er seine heilende Macht mit der Aufforderung verbunden, auf seine Stimme zu hören und seine Gebote zu beachten. Auch in 2. Mose 23,25–26 begegnet eine entsprechende Segensverheißung für das zukünftige Leben des Volkes. Die Verbindung zeigt, dass Mose hier einen bereits bekannten Gedanken erneut aufgreift. Gott wird als derjenige vorgestellt, von dem Israels Leben und seine Bewahrung abhängen.
Dabei legt der Text nicht eindeutig fest, welche einzelnen Krankheiten mit den schweren Seuchen Ägyptens gemeint sind. Die Formulierung kann an die während des Auszugs erlebten Plagen erinnern, muss aber nicht ausschließlich auf diese Ereignisse begrenzt werden. Deshalb wäre es zu weitgehend, hier eine vollständige Liste bestimmter Krankheiten zu behaupten oder den Vers als medizinische Beschreibung ägyptischer Krankheitsverhältnisse zu verstehen. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Gegensatz zwischen den schweren Erfahrungen der Vergangenheit und der angekündigten Bewahrung im verheißenen Land. Gott verspricht seinem Volk eine Zukunft, in der Krankheit und Seuchen seine Lebensgrundlagen nicht zerstören sollen. Wie die vorherigen Verheißungen gehört auch diese Zusage zum besonderen Zusammenhang des Bundes mit Israel.
Allerdings enthält Vers 15 noch eine weitere, ernste Aussage. Mose kündigt an, dass Gott die schweren Krankheiten denjenigen zufügen werde, die Israel hassen. Die Verheißung besteht somit nicht nur aus einer Zusage der Bewahrung, sondern enthält zugleich eine Gerichtsankündigung gegenüber feindlich gesinnten Menschen. Diese Formulierung darf nicht verschwiegen werden, als spräche der Vers ausschließlich von Gottes heilender Fürsorge. Sie gehört zu den harten Aussagen, die im Zusammenhang der Landnahme und der besonderen Bundesgeschichte Israels stehen. Zugleich liefert Mose hier keine vollständige Erklärung, weshalb jede einzelne betroffene Person ein solches Gericht verdienen würde. Ebenso wenig darf daraus eine allgemeine Regel abgeleitet werden, nach der die Krankheiten anderer Menschen als Beweis göttlicher Feindschaft betrachtet werden könnten. Der Text nennt eine bestimmte göttliche Gerichtsankündigung. Er überträgt dem Menschen nicht die Aufgabe, Krankheiten als Mittel zur Bestrafung seiner Gegner einzusetzen.
Für das Verständnis dieser Segensverheißungen ist es deshalb entscheidend, ihren geschichtlichen Zusammenhang zu beachten. Mose spricht nicht zu beliebigen Einzelpersonen aus allen Zeiten, sondern zum Volk Israel vor dem Einzug in das verheißene Land. Die Zusagen betreffen das Leben dieser Gemeinschaft innerhalb der ihr gegebenen Bundesordnung. Sie beschreiben eine Zukunft, in der Gottes Segen das Wachstum des Volkes, die Fruchtbarkeit seines Landes und die Bewahrung seiner Lebensgrundlagen umfassen soll. Später wird Mose jedoch auch ausführlich erklären, welche Folgen die Abkehr von Gott für dieses Bundesverhältnis haben kann (5. Mose 28). Schon daran wird deutlich, dass die hier genannten Verheißungen nicht als bedingungslose Zusage verstanden werden dürfen, unter allen Umständen und zu jeder Zeit von sämtlichen Schwierigkeiten verschont zu bleiben. Ebenso wenig kann jeder persönliche Misserfolg als unmittelbare Strafe Gottes gedeutet werden. Die Bibel selbst zeigt, dass auch treue Menschen unter Krankheit, Verlust und schwerem Leid zu leiden haben. Jesus weist in Johannes 9,1–3 ausdrücklich die Annahme zurück, die Blindheit eines Menschen müsse auf dessen eigene Sünde oder die seiner Eltern zurückzuführen sein.
Daraus ergibt sich eine wichtige geistliche Erkenntnis. Gottes Fürsorge umfasst den ganzen Menschen und seine Lebensbedingungen. Er interessiert sich nicht nur dafür, was Menschen glauben, sondern auch dafür, wie sie leben und wovon sie sich ernähren. Die Segnungen von 5. Mose 7 machen sichtbar, dass Nahrung, Gesundheit, Familie und wirtschaftliche Sicherheit gute Gaben sein können, für die Menschen Gott danken dürfen. Sie sollen jedoch nicht zum alleinigen Maßstab seiner Liebe werden. Wer gesund und wohlhabend ist, darf daraus nicht schließen, Gott liebe ihn mehr als einen leidenden Menschen. Wer dagegen Krankheit oder Mangel erlebt, muss daraus nicht folgern, Gott habe ihn verlassen. Die tiefere Bedeutung dieser Verheißungen liegt darin, dass Israel seine gesamte Zukunft in der Beziehung zu dem Gott verstehen soll, der ihm das Land zugesagt und es aus Ägypten befreit hat.
So führen die Verse 12–15 von Gottes Bundestreue zu den konkreten Lebensbedingungen seines Volkes. Mose beschreibt einen Segen, der nicht auf einzelne religiöse Erfahrungen begrenzt bleibt, sondern Familien, Landwirtschaft, Tiere und Gesundheit umfasst. Zugleich zeigt der Zusammenhang, dass die empfangenen Gaben innerhalb einer Beziehung stehen, die von Liebe, Vertrauen und Gehorsam geprägt sein soll. Doch gerade diese Beziehung wird im verheißenen Land durch fremde Gottesverehrung bedroht werden. Deshalb kehrt Mose im folgenden Vers noch einmal zu dem schweren Auftrag gegen die kanaanitischen Völker zurück und warnt ausdrücklich davor, sich von deren Göttern verführen zu lassen.
5. Mose 7,16
Die Warnung vor der Verführung zum Götzendienst
Nachdem Mose die Segnungen beschrieben hat, die Israel im verheißenen Land empfangen soll, kehrt er noch einmal zum Auftrag gegenüber den kanaanitischen Völkern zurück. Dieser Übergang ist bedeutsam. Die Aussicht auf ein fruchtbares Land, wachsende Familien und eine sichere Lebensgrundlage soll Israel nicht vergessen lassen, dass seine Zukunft nach Moses Worten auch von der Treue zu Gott abhängt. Deshalb verbindet Vers 16 die angekündigte Einnahme des Landes erneut mit einer ernsten Warnung vor fremder Gottesverehrung. Die Israeliten sollen die Völker, die Gott in ihre Hand gibt, vernichten, sie nicht schonen und ihren Göttern nicht dienen. Mose stellt damit die Frage nach der ausschließlichen Anbetung Gottes wieder in den Mittelpunkt seiner Unterweisung.
Die Schlachter 1951 verwendet die Formulierung, Israel werde die Völker „verschlingen“. Das zugrunde liegende hebräische Verb akal bedeutet gewöhnlich „essen“ oder „verzehren“, kann aber auch bildlich für das Vernichten oder Aufreiben von Gegnern verwendet werden. Eine vergleichbare Ausdrucksweise begegnet in 4. Mose 22,4, wo der moabitische König Balak befürchtet, Israel werde alles ringsum verzehren, wie ein Rind das Gras auf dem Feld abfrisst. In 5. Mose 7,16 steht der Ausdruck jedoch innerhalb eines ausdrücklich gewaltsamen Landnahmeauftrags. Die bildhafte Wortwahl nimmt dem Befehl deshalb nicht seine Schwere. Mose spricht von den Völkern, die Gott Israel übergeben wird, und verwendet eine Formulierung, die auf ihre Vernichtung gerichtet ist. Sie darf nicht auf einen bloßen Sieg über falsche Vorstellungen oder die Überwindung persönlicher Sünden reduziert werden.
+1
Besonders schwer wiegt die anschließende Aufforderung, diese Völker nicht zu schonen. Mose wiederholt damit eine Aussage, die bereits in Vers 2 begegnet war. Die Formulierung „Dein Auge soll ihrer nicht schonen“ bezeichnet das bewusste Unterlassen von Schonung gegenüber den Betroffenen. Sie macht deutlich, wie umfassend der Auftrag in der Rede formuliert ist. Es wäre daher unzutreffend, zu behaupten, Mose verbiete lediglich die Übernahme fremder religiöser Bräuche und fordere ansonsten nur eine friedliche Trennung der Bevölkerungsgruppen. Der Text enthält einen tatsächlichen Vernichtungsauftrag. Gerade deshalb darf diese Aussage nicht unbesehen zu einem allgemeinen Grundsatz erhoben werden, nach dem Mitgefühl gegenüber Andersgläubigen gefährlich oder sogar sündhaft wäre. Mose spricht innerhalb einer besonderen geschichtlichen Situation zu Israel. Die Worte geben Menschen späterer Zeiten keine eigenständige Vollmacht, andere wegen ihrer religiösen Überzeugungen anzugreifen oder zu töten.
Doch weshalb verbindet Mose diesen harten Auftrag unmittelbar mit dem Verbot, fremden Göttern zu dienen? Der letzte Satz des Verses enthält seine ausdrückliche Begründung: Die Verehrung dieser Götter würde Israel zur Schlinge werden. Das hebräische Wort moqesch bezeichnet eine Falle oder Schlinge, in der sich jemand verfängt. Mose verwendet damit ein Bild für eine Gefahr, deren Folgen möglicherweise erst erkennbar werden, wenn es zu spät ist. Die fremde Gottesverehrung könnte für Israel zunächst wie eine zusätzliche religiöse Möglichkeit erscheinen, etwa im Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Festen, gesellschaftlichen Verbindungen oder dem Wunsch nach Sicherheit. Doch nach Moses Warnung würde sie das Volk von dem HERRN wegführen. Die Schlinge besteht also nicht darin, dass Israel überhaupt Menschen mit anderen religiösen Überzeugungen begegnet. Die eigentliche Gefahr liegt darin, deren Göttern selbst zu dienen und damit die ausschließliche Beziehung zum HERRN aufzugeben.
Bereits in 2. Mose 23,32–33 hatte Gott vor einer solchen Entwicklung gewarnt. Dort wird ausdrücklich erklärt, dass fremde Götter Israel zum Fallstrick werden könnten. In 2. Mose 34,12–16 wird der Zusammenhang noch weiter entfaltet. Bündnisse mit den Bewohnern des Landes könnten dazu führen, dass Israel an ihren Opfermahlzeiten teilnimmt und schließlich ihre Götter verehrt. Die Warnung betrifft somit einen Vorgang, bei dem religiöse Grenzen nach und nach verschwimmen. Nicht jeder Abfall von Gott beginnt mit einer ausdrücklichen Entscheidung, ihn vollständig zu verlassen. Manchmal werden zunächst zusätzliche Formen der Verehrung übernommen, bis die ursprüngliche Treue ihre Bedeutung verliert. Mose macht deutlich, dass Israel diese Gefahr nicht unterschätzen soll. Wer andere Gottheiten neben den HERRN stellt, verändert damit die Grundlage seines Glaubens.
Die spätere Geschichte Israels zeigt, weshalb diese Warnung innerhalb der biblischen Erzählung eine so große Bedeutung besitzt. Im Buch Richter wird wiederholt berichtet, dass die Israeliten den HERRN verließen und den Baalen sowie anderen Göttern dienten (Richter 2,11–13). Der Rückblick in Richter 2,1–3 verbindet diese Entwicklung mit dem Ungehorsam Israels gegenüber den früheren Anweisungen. Die verbliebenen fremden Kultstätten und religiösen Bindungen werden dort ausdrücklich als Gefahr beschrieben. Noch deutlicher tritt das Problem im Leben Salomos hervor. Obwohl er große Weisheit empfangen hatte und den Tempel in Jerusalem errichten ließ, wandte er sich im Alter unter dem Einfluss seiner fremden Frauen anderen Gottheiten zu (1. Könige 11,1–8). Diese Geschichte zeigt, dass religiöse Untreue nicht nur bei Menschen vorkommen kann, die Gott kaum kennen. Selbst ein König, dem außergewöhnliche geistliche Vorrechte zuteilgeworden waren, konnte sich von seinem bisherigen Weg entfernen.
Allerdings muss diese spätere Entwicklung sorgfältig eingeordnet werden. Sie zeigt, dass Moses Warnung vor dem Götzendienst innerhalb der biblischen Geschichte ernst genommen wird. Sie beweist aber nicht nachträglich, dass sämtliche Menschen der sieben kanaanitischen Völker persönlich schuldig waren oder dass ihre ausnahmslose Tötung moralisch vollständig erklärt wäre. Auch die Behauptung, das gesamte Problem hätte sich durch die Vernichtung aller kanaanitischen Bewohner dauerhaft lösen lassen, wäre zu einfach. Die Geschichte Israels zeigt, dass das Volk selbst wiederholt gegen Gottes Gebote verstieß. Die Neigung zum Ungehorsam entstand nicht ausschließlich durch äußere Einflüsse. Sie konnte ebenso aus den eigenen Wünschen und Entscheidungen der Israeliten hervorgehen. Mose wird später ausdrücklich vor der Vorstellung warnen, Israel habe das Land wegen seiner besonderen Gerechtigkeit erhalten (5. Mose 9,4–6). Gottes erwähltes Volk bleibt selbst auf seine Gnade und Führung angewiesen.
Damit wird auch eine Grenze für die geistliche Anwendung dieses Verses sichtbar. Es wäre falsch, aus Moses Worten abzuleiten, Christen dürften grundsätzlich keine Beziehungen zu Menschen anderer Herkunft oder Religion pflegen. Das Neue Testament führt gerade in eine andere Richtung. Jesus begegnet Menschen, die von seiner Umgebung religiös oder gesellschaftlich abgelehnt werden, und zeigt ihnen Barmherzigkeit. Er fordert seine Jünger ausdrücklich auf, ihre Feinde zu lieben und für ihre Verfolger zu beten (Matthäus 5,44). Die besondere Bundes- und Landnahmeordnung Israels darf deshalb nicht unmittelbar auf das Handeln der christlichen Gemeinde übertragen werden. Zugleich bleibt die grundlegende Frage nach der Treue zu Gott bestehen. Auch Christen müssen unterscheiden, ob sie anderen Menschen in Liebe begegnen oder ob sie religiöse Überzeugungen und Praktiken übernehmen, die ihrem Glauben an Christus widersprechen. Diese beiden Dinge sind nicht gleichzusetzen. Freundlichkeit und Mitgefühl gegenüber Andersgläubigen bedeuten nicht zwangsläufig eine Aufgabe der eigenen Glaubensüberzeugungen.
Für das persönliche Glaubensleben besitzt das Bild der Schlinge deshalb eine bleibende Bedeutung. Nicht jede Gefahr für den Glauben erscheint sofort als offene Ablehnung Gottes. Manche Entwicklungen beginnen damit, dass andere Dinge allmählich einen Platz einnehmen, der eigentlich Gott vorbehalten sein sollte. Das können religiöse Vorstellungen sein, die seiner Offenbarung widersprechen, aber auch Bindungen, in denen Macht, Besitz oder Anerkennung einen immer größeren Einfluss auf die eigenen Entscheidungen gewinnen. Eine solche Anwendung ergibt sich aus dem übergreifenden biblischen Gedanken, dass Gott die ungeteilte Treue des Menschen beansprucht. Sie ist jedoch von dem konkreten Vernichtungsauftrag des Verses zu unterscheiden. Der geistliche Sinn darf nicht dazu benutzt werden, die ursprünglichen Aussagen über die kanaanitischen Völker zu verschweigen.
So steht Vers 16 an einer wichtigen Stelle des Kapitels. Er erinnert Israel daran, dass die angekündigten Segnungen keine von Gott unabhängige Sicherheit begründen sollen. Das Volk wird in ein Land kommen, dessen religiöse Umgebung seine Treue herausfordert. Mose sieht darin eine Gefahr, die er mit äußerster Entschiedenheit abwehren will. Der schwere Vernichtungsauftrag bleibt dabei eine moralisch herausfordernde Aussage, deren sämtliche Fragen durch die Warnung vor dem Götzendienst nicht beantwortet werden. Deutlich ist jedoch, worauf Mose im Zusammenhang seiner Rede hinauswill: Israel soll seine Zukunft nicht durch die Verehrung anderer Götter gefährden. Nachdem er diese Warnung ausgesprochen hat, wendet er sich einer weiteren Sorge zu, die das Volk vor der Landnahme beschäftigen könnte. Denn die Israeliten werden nicht nur mit fremden religiösen Vorstellungen, sondern auch mit mächtigen und zahlenmäßig überlegenen Gegnern konfrontiert sein. Deshalb erinnert Mose sie nun daran, was Gott bereits in Ägypten getan hat, und ruft sie auf, seiner Macht auch angesichts der kommenden Herausforderungen zu vertrauen.
5. Mose 7,17–21
Warum Israel die stärkeren Völker nicht fürchten soll
Nachdem Mose den Israeliten erklärt hat, wie ernst sie die Treue zu Gott nehmen sollen, wendet er sich einer Sorge zu, die ihnen beim Einzug in das verheißene Land begegnen wird. In Vers 17 beschreibt er einen Gedanken, den das Volk möglicherweise in seinem Herzen tragen könnte: Die anderen Völker sind größer und zahlreicher. Wie soll Israel sie vertreiben können? Mose beginnt also nicht mit einer Aufforderung zu größerem Mut, sondern spricht zunächst eine verständliche menschliche Befürchtung an. Die Israeliten werden auf befestigte Städte und Menschen treffen, die bereits seit Generationen in diesem Gebiet leben. Ihre Gegner verfügen über vertraute Lebensräume, bestehende Machtverhältnisse und militärische Möglichkeiten. Israel dagegen hat viele Jahre in der Wüste verbracht. Die Frage nach den eigenen Erfolgsaussichten liegt deshalb nahe. Mose verurteilt nicht schon die Wahrnehmung der schwierigen Umstände. Entscheidend ist vielmehr, welche Schlussfolgerung das Volk daraus ziehen wird.
Die Formulierung „in deinem Herzen“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Im hebräischen Sprachgebrauch ist das Herz nicht nur der Ort der Gefühle, sondern auch des Denkens und Überlegens. Mose spricht somit von einer inneren Einschätzung, die das weitere Verhalten beeinflussen kann. Wenn Israel ausschließlich auf das zahlenmäßige Verhältnis zu seinen Gegnern blickt, könnte daraus die Überzeugung entstehen, dass Gottes Auftrag unmöglich zu erfüllen sei. Gerade darin liegt die Gefahr. Die Israeliten hatten bereits einmal erlebt, wie eine solche Einschätzung ihr Vertrauen auf Gott erschütterte. Als die Kundschafter nach der Erkundung Kanaans zurückkehrten, berichteten sie von mächtigen Bewohnern und befestigten Städten (4. Mose 13,27–33). Viele Menschen ließen sich dadurch entmutigen und weigerten sich, in das Land einzuziehen. Die frühere Generation musste daraufhin erfahren, welche Folgen es hatte, Gottes Zusage nicht zu vertrauen. Mose möchte verhindern, dass sich diese Geschichte wiederholt.
In Vers 18 antwortet er deshalb mit einer klaren Aufforderung: Israel soll sich nicht vor den Völkern fürchten, sondern sich daran erinnern, was Gott am Pharao und an ganz Ägypten getan hat. Dieser Rückblick besitzt eine besondere Bedeutung. Mose fordert das Volk nicht auf, die Stärke der Gegner zu leugnen oder sich selbst für unbesiegbar zu halten. Er richtet seine Aufmerksamkeit vielmehr auf Gottes bisheriges Handeln. Ägypten war eine mächtige Herrschaft gewesen, unter der Israel lange Zeit als versklavtes Volk gelebt hatte. Die Israeliten besaßen damals keine eigene Streitmacht, mit der sie ihre Freiheit hätten erzwingen können. Dennoch hatte Gott sie aus der Gewalt des Pharaos befreit. Gerade diese Erfahrung soll ihnen helfen, ihre gegenwärtige Situation anders zu beurteilen. Nicht die Größe des eigenen Volkes hatte damals über seine Zukunft entschieden, sondern Gottes Eingreifen. Deshalb soll Israel auch die kommende Herausforderung nicht ausschließlich anhand seiner menschlichen Möglichkeiten einschätzen.
Mose verwendet für diese Erinnerung im Hebräischen eine besonders nachdrückliche Formulierung. Das Verb für „sich erinnern“ wird durch eine zweite Form desselben Verbs verstärkt. Der Gedanke lässt sich sinngemäß mit „Du sollst dich wirklich daran erinnern“ wiedergeben. Gemeint ist also kein beiläufiger Rückblick auf ein bekanntes Ereignis. Die Israeliten sollen sich Gottes Handeln bewusst vor Augen führen und seine Bedeutung für ihre gegenwärtige Entscheidung erkennen. Hier zeigt sich, weshalb die Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten im fünften Buch Mose einen so großen Raum einnimmt. Sie ist nicht lediglich ein Bestandteil der nationalen Vergangenheit. Sie soll das Vertrauen des Volkes stärken, wenn neue Schwierigkeiten auftreten. Der Glaube richtet sich damit nicht auf eine unbestimmte Hoffnung, dass am Ende schon alles gut werden müsse. Er stützt sich auf das, was Gott bereits offenbart und ausdrücklich zugesagt hat.
In Vers 19 entfaltet Mose diese Erinnerung anhand der großen Machttaten Gottes. Er spricht von den Prüfungen, Zeichen und Wundern, von der starken Hand und dem ausgestreckten Arm, durch die Gott Israel aus Ägypten herausgeführt hat. Die verschiedenen Ausdrücke beschreiben unterschiedliche Seiten desselben göttlichen Handelns. Die Zeichen und Wunder verweisen auf die außergewöhnlichen Ereignisse, durch die Gottes Macht sichtbar wurde. Die starke Hand und der ausgestreckte Arm sind bildhafte Formulierungen, die seine wirksame Macht und sein entschlossenes Eingreifen hervorheben. Das Wort, das hier mit „Prüfungen“ beziehungsweise „Versuchungen“ wiedergegeben werden kann, erinnert an die schweren Ereignisse, durch die Ägypten mit Gottes Anspruch konfrontiert wurde. Mose fasst damit die Erfahrungen zusammen, die schließlich zur Befreiung Israels führten. Besonders bemerkenswert ist, dass er das Volk ausdrücklich als Zeugen dieser Machttaten anspricht. Auch wenn nicht jeder gegenwärtige Zuhörer damals bereits erwachsen war, wird die gemeinsame Befreiungsgeschichte als Erfahrung des ganzen Bundesvolkes gegenwärtig gehalten.
Anschließend kündigt Mose an, dass Gott gegenüber den gefürchteten Völkern ebenfalls handeln wird. Die Macht, die sich in Ägypten erwiesen hat, soll Israel auch bei der bevorstehenden Landnahme begleiten. Dabei darf diese Zusage nicht so verstanden werden, als müssten sich sämtliche Ereignisse des Auszugs in Kanaan genau wiederholen. Mose kündigt keine zweite Abfolge derselben ägyptischen Plagen an. Vielmehr verweist er auf die Verlässlichkeit und Macht desselben Gottes. Wer Israel aus der Gewalt des Pharaos befreien konnte, ist auch in der Lage, die Hindernisse zu überwinden, die seiner Landverheißung entgegenstehen. Diese Aussage besitzt jedoch einen bestimmten geschichtlichen Rahmen. Sie richtet sich an Israel und bezieht sich auf die Landnahme, die Gott diesem Volk zugesagt hatte. Daraus folgt keine allgemeine Verheißung, dass jeder Gläubige bei einem persönlichen Vorhaben oder einer militärischen Auseinandersetzung zwangsläufig erfolgreich sein werde. Gottes damaliger Auftrag und seine konkrete Zusage dürfen nicht mit beliebigen menschlichen Zielen gleichgesetzt werden.
In Vers 20 nennt Mose ein ungewöhnliches Mittel, durch das Gott gegen die Bewohner des Landes vorgehen soll: Er wird die Hornissen unter ihnen senden. Das hebräische Wort zir'ah bezeichnet gewöhnlich eine Hornisse oder ein stechendes Insekt. Bereits in 2. Mose 23,28 hatte Gott angekündigt, Hornissen vor Israel herzusenden, und in Josua 24,12 wird rückblickend erklärt, dass Gott auf diese Weise Gegner vertrieben habe. Wie diese Aussagen genau zu verstehen sind, bleibt allerdings umstritten. Manche Ausleger gehen davon aus, dass tatsächlich stechende Insekten eingesetzt wurden, deren Angriffe Menschen zur Flucht zwangen. Andere verstehen die Hornissen als Bild für Schrecken, Unruhe oder eine von Gott ausgelöste Bedrohung. Beide Möglichkeiten sind diskutiert worden. Der Bibeltext beschreibt jedoch weder einen konkreten Insektenschwarm noch den genauen Ablauf eines solchen Eingreifens. Deshalb wäre es zu weitgehend, eine bestimmte natürliche oder militärische Erklärung als gesicherte Tatsache darzustellen.
Der zweite Teil von Vers 20 zeigt zugleich, wie ernst die Ankündigung gemeint ist. Die Hornissen sollen sogar die Übriggebliebenen und diejenigen erreichen, die sich vor Israel verborgen halten. Mose beschreibt damit keine bloße Verunsicherung der feindlichen Völker, sondern einen Vorgang, der im Zusammenhang des Kapitels auf ihre vollständige Überwindung und Vernichtung gerichtet ist. Gerade diese Formulierung darf nicht übergangen werden, wenn die Hornissen als bildhafte Sprache verstanden werden. Selbst eine symbolische Deutung würde die Härte der angekündigten Folgen nicht automatisch aufheben. Zugleich liefert der Vers keine Angaben darüber, wie viele Menschen tatsächlich auf diese Weise betroffen waren oder welche einzelnen Ereignisse der Ankündigung entsprechen. Die spätere Geschichte Israels zeigt ausdrücklich, dass nicht alle kanaanitischen Bewohner sofort verschwanden. Wir müssen deshalb zwischen dem Wortlaut der göttlichen Ankündigung, den späteren Erzählungen und möglichen historischen Erklärungsmodellen unterscheiden. Die moralischen Fragen des Landnahmeauftrags bleiben auch an dieser Stelle bestehen.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Mose die Macht Gottes nicht ausschließlich mit großen und beeindruckenden Erscheinungen verbindet. In Ägypten hatte Gott durch außergewöhnliche Zeichen und Gerichte gehandelt. Nun nennt Mose ein Mittel, das im Vergleich zu großen Heeren zunächst unscheinbar erscheinen kann. Ob die Hornissen wörtlich oder bildhaft zu verstehen sind, in beiden Fällen wird deutlich, dass Gottes Handeln nach der Aussage des Textes nicht auf die militärischen Möglichkeiten Israels beschränkt ist. Das Volk soll lernen, seine Zukunft nicht nur nach den sichtbaren Machtverhältnissen zu beurteilen. Diese Erkenntnis bedeutet allerdings nicht, dass menschliche Entscheidungen und Verantwortung bedeutungslos werden. Die Israeliten müssen sich weiterhin dem Auftrag stellen, der ihnen gegeben wurde. Die Verheißung göttlicher Hilfe ersetzt nicht ihre Verantwortung, sondern soll ihnen die Zuversicht geben, dem ausdrücklich erteilten Auftrag trotz ihrer Furcht zu folgen.
In Vers 21 erreicht die Ermutigung ihren Höhepunkt. Mose fordert Israel nochmals auf, sich nicht vor den Völkern zu entsetzen, und nennt dafür einen entscheidenden Grund: Der HERR, sein Gott, ist mitten unter ihm. Diese Aussage geht über die bloße Erinnerung an vergangene Wunder hinaus. Gott hat Israel nicht nur früher geholfen und ihm anschließend eine ferne Verheißung hinterlassen. Er hat zugesagt, sein Volk weiterhin zu begleiten. Schon während der Wüstenwanderung war seine Gegenwart ein grundlegendes Kennzeichen Israels gewesen. Die Stiftshütte inmitten des Lagers erinnerte daran, dass Gott unter seinem Volk wohnen wollte (2. Mose 25,8). Seine Führung war damit nicht auf einzelne außergewöhnliche Ereignisse beschränkt. Mose macht deutlich, dass die Israeliten gerade angesichts der bevorstehenden Schwierigkeiten auf diese Gegenwart vertrauen sollen. Ihre Gegner mögen größer und stärker sein, doch sie stehen nicht außerhalb der Herrschaft des Gottes, der Israel führt.
Mose bezeichnet den HERRN schließlich als einen großen und furchtgebietenden Gott. Das entsprechende hebräische Wort nora' beschreibt jemanden, der Ehrfurcht hervorruft und dessen Macht ernst genommen werden muss. Diese Eigenschaft darf nicht ausschließlich als Hinweis auf bedrohliche Gewalt verstanden werden. Mose spricht von der Größe und Heiligkeit Gottes, die den Menschen erkennen lässt, dass er keinem gewöhnlichen Herrscher gegenübersteht. Bereits in 5. Mose 6 hatte Mose Israel aufgefordert, Gott zu lieben und ihn zu fürchten. Hier wird derselbe Gedanke unter einem anderen Blickwinkel sichtbar. Das Volk soll sich nicht von seinen Gegnern beherrschen lassen, sondern die unvergleichlich größere Macht seines Gottes anerkennen. Die Ehrfurcht vor ihm gibt der Furcht vor Menschen einen anderen Platz. Sie bedeutet nicht, dass jede natürliche Angst verschwindet. Sie soll jedoch verhindern, dass Angst das Vertrauen auf Gottes Wort verdrängt.
Die Bedeutung dieser Worte wird besonders deutlich, wenn man sie mit dem früheren Verhalten Israels vergleicht. Die Kundschafter hatten die befestigten Städte und mächtigen Bewohner Kanaans gesehen und daraus geschlossen, dass das Volk nicht einziehen könne. Josua und Kaleb dagegen hatten dieselben Schwierigkeiten wahrgenommen, sich aber auf Gottes Zusage berufen (4. Mose 14,6–9). Der Unterschied lag nicht darin, dass sie die äußeren Umstände besser kannten oder weniger gefährlich einschätzten. Sie vertrauten darauf, dass Gottes Gegenwart für die Entscheidung des Volkes ausschlaggebend sein sollte. Diese Haltung greift Mose nun wieder auf. Er möchte verhindern, dass Israel die Fehler der früheren Generation wiederholt und die Macht seiner Gegner höher einschätzt als die Treue des Gottes, der es aus Ägypten befreit hat.
Für das persönliche Glaubensleben lässt sich daraus eine wichtige, aber sorgfältig zu begrenzende Lektion ableiten. Menschen können vor Herausforderungen stehen, die ihre eigenen Möglichkeiten übersteigen. In solchen Situationen besteht die Gefahr, sich ausschließlich auf Schwierigkeiten und mögliche Misserfolge zu konzentrieren. Die Erinnerung an Gottes bisherige Treue kann helfen, Angst nicht zur alleinigen Grundlage der eigenen Entscheidungen werden zu lassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Gott jede Schwierigkeit beseitigen oder jedes gewünschte Ergebnis herbeiführen wird. Die konkrete Siegesverheißung in 5. Mose 7 galt Israel innerhalb seiner besonderen Landnahmegeschichte. Was darüber hinaus bleibt, ist die biblische Aufforderung, Gottes Macht und Treue ernst zu nehmen, ohne seine Zusagen eigenmächtig auf Vorhaben zu übertragen, die er nicht ausdrücklich verheißen hat.
So führen die Verse 17–21 von einer menschlich verständlichen Befürchtung zur Erinnerung an Gottes rettendes Handeln und schließlich zur Zusage seiner Gegenwart. Mose lenkt den Blick Israels nicht von der Wirklichkeit seiner Gegner ab, sondern stellt diese Wirklichkeit in den größeren Zusammenhang der Verheißungen Gottes. Das Volk soll wissen, dass es seine Zukunft nicht allein aus eigener Kraft sichern muss. Doch die angekündigte Hilfe bedeutet nicht, dass die Landnahme sofort abgeschlossen sein wird. Gott wird die Völker nach Moses Worten nicht alle auf einmal vertreiben. Warum dieser Vorgang schrittweise erfolgen soll und welche Folgen dies für Israel hat, erklärt Mose unmittelbar im nächsten Abschnitt.
5. Mose 7,22–24
Die schrittweise Landnahme und Gottes Zusage
Nachdem Mose Israel zugesichert hat, dass Gott auch gegenüber den mächtigen Völkern Kanaans handeln wird, erklärt er nun, wie die bevorstehende Landnahme verlaufen soll. In Vers 22 kündigt er an, dass Gott die dort lebenden Völker nach und nach vertreiben wird. Diese Aussage ist bemerkenswert, weil Mose zuvor wiederholt von der Vernichtung der Gegner gesprochen und Israel einen umfassenden Sieg zugesagt hat. Nun wird deutlich, dass sich die Erfüllung dieser Verheißung nicht auf ein einziges Ereignis beschränken soll. Die Einnahme des Landes wird vielmehr ein Vorgang sein, der sich über eine längere Zeit erstreckt. Das Volk soll deshalb nicht erwarten, dass unmittelbar nach dem Überschreiten des Jordan sämtliche Gegner verschwinden und alle Gebiete vollständig unter israelitischer Herrschaft stehen. Gottes zugesagte Hilfe und ein schrittweiser geschichtlicher Verlauf werden hier ausdrücklich miteinander verbunden.
Für diese zeitliche Begrenzung nennt Mose einen überraschend praktischen Grund. Die Israeliten sollen die Völker nicht zu schnell aufreiben, weil sich sonst die wilden Tiere des Landes zu ihrem Schaden vermehren könnten. Derselbe Gedanke begegnet bereits in 2. Mose 23,29–30. Dort erklärt Gott, dass die Bewohner nicht innerhalb eines einzigen Jahres vertrieben werden sollen, damit das Land nicht zur Einöde wird und die wilden Tiere überhandnehmen. Die Begründung macht deutlich, dass der Landbesitz nicht allein darin besteht, militärische Gegner zu überwinden. Israel soll anschließend auch in der Lage sein, das Gebiet zu bewohnen, seine Felder zu bewirtschaften und die vorhandenen Lebensgrundlagen zu erhalten. Ein Land, dessen Städte und landwirtschaftliche Flächen plötzlich weitgehend verlassen wären, könnte für die neuen Bewohner erhebliche Schwierigkeiten mit sich bringen. Mose stellt die Landnahme deshalb nicht nur als militärischen Vorgang dar, sondern verbindet sie mit der Frage, wie das Land dauerhaft bewohnt und genutzt werden kann.
Die Sorge vor wilden Tieren war unter den damaligen Lebensbedingungen durchaus verständlich. Landwirtschaftlich genutzte Flächen, bewohnte Siedlungen und die Haltung von Vieh veränderten den Lebensraum der Tiere. Wenn Menschen ein Gebiet verließen und Felder nicht mehr bewirtschaftet wurden, konnten sich dort andere Lebensbedingungen entwickeln. Auch größere Raubtiere gehörten zur Tierwelt des alten Vorderen Orients. Der biblische Text nennt jedoch keine bestimmte Tierart und beschreibt keinen genauen ökologischen Ablauf. Deshalb wäre es zu weitgehend, einzelne Tierpopulationen oder eine bestimmte Geschwindigkeit ihrer Vermehrung zu behaupten. Entscheidend ist die ausdrücklich genannte Gefahr: Eine zu schnelle Entvölkerung könnte dazu führen, dass das Land für Israel schwerer und gefährlicher zu besiedeln wäre. Gerade diese praktische Erklärung zeigt, dass Mose die Erfüllung der Landverheißung nicht von den tatsächlichen Lebensbedingungen des Volkes trennt.
Hier liegt eine wichtige Unterscheidung zwischen Gottes Zusage und den menschlichen Erwartungen an ihre Erfüllung. Israel soll das Land erhalten, aber nicht nach einem selbst festgelegten Zeitplan. Bereits während der Wüstenwanderung hatte das Volk wiederholt Schwierigkeiten damit gehabt, auf Gottes Führung zu vertrauen, wenn seine Erwartungen nicht unmittelbar erfüllt wurden. Nun soll die neue Generation erkennen, dass eine schrittweise Entwicklung nicht zwangsläufig bedeutet, Gott habe seine Verheißung vergessen. Im vorliegenden Abschnitt ist die Verzögerung sogar ausdrücklich Teil des angekündigten Vorgehens. Dennoch darf dieser Gedanke nicht zu einer allgemeinen Regel ausgeweitet werden, nach der jede Verzögerung im persönlichen Leben eines Menschen unmittelbar von Gott angeordnet sei. Mose spricht von einem bestimmten geschichtlichen Auftrag und nennt dafür einen konkreten Grund. Eine weiterführende geistliche Anwendung muss diesen Unterschied berücksichtigen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Verhältnis zwischen der schrittweisen Vertreibung in Vers 22 und den Vernichtungsaussagen, die unmittelbar danach folgen. Mose verwendet einerseits eine Sprache, die das allmähliche Verdrängen der bisherigen Bewohner beschreibt. Andererseits kündigt er in den Versen 23 und 24 weiterhin ihre Vernichtung an. Diese beiden Ausdrucksweisen stehen im selben Abschnitt und dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es wäre zu einfach, aus Vers 22 zu schließen, der Bannauftrag des Kapitels habe von Anfang an ausschließlich eine friedliche Umsiedlung bedeutet. Ebenso wenig darf man die schrittweise Vertreibung übergehen und behaupten, der Text beschreibe eine sofortige, lückenlose Vernichtung aller Bewohner. Die Aussagen zeigen vielmehr, dass der Landnahmeauftrag unterschiedliche sprachliche Beschreibungen verwendet, deren genaues Verhältnis sorgfältig untersucht werden muss. Eine mögliche Erklärung besteht darin, zwischen dem zeitlichen Verlauf der Eroberung und dem angekündigten endgültigen Ausgang zu unterscheiden. Damit ist allerdings noch nicht jede historische und moralische Frage beantwortet.
In Vers 23 versichert Mose, dass Gott die Völker in Israels Hand geben und sie in große Verwirrung versetzen wird. Der hebräische Text verwendet für diese Verwirrung eine besonders nachdrückliche Ausdrucksweise, bei der Verb und zugehöriges Hauptwort miteinander verbunden werden. Gemeint ist eine schwere Erschütterung der gegnerischen Ordnung, die zu Unruhe, Schrecken oder Zusammenbruch führen kann. Ein verwandter Gedanke begegnet in 2. Mose 23,27, wo Gott ankündigt, Schrecken vor Israel herzusenden und seine Feinde zur Flucht zu bringen. Auch während des Auszugs aus Ägypten hatte Gott die Streitmacht des Pharaos in Verwirrung gebracht (2. Mose 14,24–25). Mose erinnert damit erneut an einen Grundgedanken der bisherigen Geschichte: Die militärische Stärke eines Gegners bestimmt nach der biblischen Darstellung nicht unabhängig von Gottes Handeln den Ausgang einer Auseinandersetzung. Die Israeliten sollen sich deshalb nicht allein auf ihre eigene Zahl und Bewaffnung verlassen.
Eine auffällige Entsprechung dazu findet sich später im Buch Josua. Als sich mehrere kanaanitische Könige gegen Israel zusammenschließen, berichtet Josua 10,10, dass der HERR ihre Streitmacht in Verwirrung bringt. Dadurch wird die zuvor ausgesprochene Zusage innerhalb der biblischen Erzählung wieder aufgenommen. Allerdings beschreibt Josua 10 einen konkreten Feldzug und nicht notwendigerweise die vollständige Erfüllung aller Einzelheiten aus 5. Mose 7. Die Verbindung zeigt vor allem, wie die biblische Überlieferung Gottes Eingreifen in die Landnahme darstellt. Auch hier muss zwischen der Aussage des erzählten Geschehens und seiner unabhängigen historischen Überprüfbarkeit unterschieden werden. Der Bericht schreibt den Sieg ausdrücklich Gott zu. Daraus folgt jedoch kein allgemeiner Grundsatz, dass erfolgreiche militärische Unternehmungen anderer Völker oder späterer Zeiten ebenfalls als göttlich gebilligt gelten müssten.
In Vers 24 richtet Mose den Blick auf die Könige der kanaanitischen Völker. Gott wird sie in Israels Hand geben, und ihre Namen sollen unter dem Himmel ausgelöscht werden. Die Könige waren nicht nur einzelne militärische Anführer. Sie verkörperten zugleich die Herrschaft über ihre Städte und Gebiete. Ihre Niederlage bedeutete deshalb auch das Ende der politischen Macht, die sie bislang ausgeübt hatten. Wenn Mose vom Auslöschen ihrer Namen spricht, verwendet er eine besonders umfassende Sprache für das Ende dieser Herrschaft und ihrer bleibenden Bedeutung. Die Formulierung muss nicht bedeuten, dass niemals wieder ein Mensch den Namen eines solchen Königs kennen oder aufzeichnen könnte. Schon das Buch Josua nennt verschiedene kanaanitische Könige ausdrücklich mit Namen. Die Aussage ist daher im Zusammenhang des angekündigten Untergangs ihrer Macht zu verstehen, ohne ihre gewaltsame Bedeutung abzuschwächen.
Der folgende Satz verstärkt die Zusage nochmals: Niemand soll Israel widerstehen können, bis die angekündigte Vernichtung vollzogen ist. Diese Formulierung besitzt innerhalb des Kapitels eine klare Funktion. Das Volk hatte befürchtet, seine Gegner seien zu mächtig, um besiegt zu werden. Mose stellt dieser Sorge nun die Gewissheit gegenüber, dass Gottes Zusage nicht an ihrer militärischen Überlegenheit scheitern wird. Dennoch bedeutet diese Aussage nicht, dass die Israeliten künftig niemals eine Niederlage erleiden oder auf Schwierigkeiten stoßen könnten. Bereits die spätere Geschichte berichtet von militärischen Rückschlägen und von Gebieten, die nicht vollständig eingenommen wurden. Besonders Josua 7 schildert eine Niederlage Israels bei Ai, während Richter 1 zahlreiche Bevölkerungsgruppen nennt, die weiterhin im Land blieben. Die umfassende Siegesverheißung muss deshalb innerhalb der gesamten Bundesgeschichte gelesen werden und darf nicht zu einer Behauptung umgeformt werden, jeder einzelne Feldzug Israels sei unabhängig von seinem Verhalten zwangsläufig erfolgreich gewesen.
Gerade die späteren Berichte machen den Vergleich mit Vers 22 besonders aufschlussreich. Josua 11,23 beschreibt die Einnahme des Landes in einer zusammenfassenden Siegesdarstellung. In Josua 13,1 erklärt Gott dagegen ausdrücklich, dass noch viel Land einzunehmen bleibt. Auch das Buch Richter schildert, dass verschiedene Stämme die bisherigen Bewohner nicht vollständig vertrieben. Richter 2,20–23 verbindet das weitere Bestehen dieser Völker mit Israels Bundesuntreue und einer fortdauernden Prüfung des Volkes. Damit begegnen innerhalb der biblischen Überlieferung unterschiedliche Gesichtspunkte. Einerseits war von Anfang an eine schrittweise Landnahme angekündigt. Andererseits werden spätere Schwierigkeiten ausdrücklich auf menschliches Versagen zurückgeführt. Diese beiden Erklärungen müssen nicht zwangsläufig einander widersprechen, weil sie verschiedene Phasen und Ursachen betreffen können. Allerdings ist damit noch nicht jede unterschiedliche Darstellung der Landnahme vollständig harmonisiert. Die Forschung diskutiert auch, in welchem Verhältnis die verschiedenen Berichte literarisch und geschichtlich zueinander stehen.
Für das Verständnis des Kapitels ergibt sich daraus eine wichtige Grenze. Die Ankündigung eines schrittweisen Vorgehens erklärt, weshalb die vollständige Einnahme des Landes nicht unmittelbar zu erwarten war. Sie beweist jedoch nicht, dass jede spätere Verzögerung automatisch Gottes ursprünglichem Plan entsprach. Umgekehrt darf aus Israels späterem Ungehorsam nicht geschlossen werden, die ausdrückliche Ankündigung einer allmählichen Landnahme habe keine Bedeutung gehabt. Die beiden Aussagen erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Mose spricht zunächst von einer bewusst begrenzten Geschwindigkeit, die mit den Lebensbedingungen des Landes zusammenhängt. Das Richterbuch beschreibt später, wie Israel in bestimmten Situationen Gottes Auftrag nicht befolgte. Wer beide Texte ernst nimmt, muss zwischen einer vorgesehenen Entwicklung und einem nachfolgenden menschlichen Versagen unterscheiden. Gerade dadurch wird sichtbar, dass die Bibel nicht jede Schwierigkeit pauschal mit derselben Ursache erklärt.
Die gewaltsamen Aussagen der Verse 23 und 24 bleiben dabei eine besondere Herausforderung. Mose spricht nicht nur vom Ende politischer Herrschaft, sondern verwendet erneut eine Sprache umfassender Vernichtung. Eine sorgfältige Auslegung darf diese Worte nicht verharmlosen. Ebenso wenig lässt sich aus ihnen ableiten, dass sämtliche betroffenen Menschen persönlich dieselbe Schuld auf sich geladen hätten. Die Erklärung des Banns als göttliches Gericht gehört zur biblischen Darstellung der Landnahme. Sie beantwortet jedoch nicht vollständig die Frage nach dem Schicksal jedes einzelnen Menschen, insbesondere der Kinder. Auch die Möglichkeit, dass manche umfassenden Vernichtungsformulierungen zur Kriegssprache des Alten Orients gehören, löst diese Schwierigkeit nicht allein. Sie kann helfen, den Charakter der Texte zu verstehen, beweist aber nicht, dass die berichteten Tötungen ausschließlich bildhaft gemeint waren. Die geschichtliche Besonderheit dieser Anweisungen muss deshalb ebenso beachtet werden wie ihre bleibende moralische Herausforderung.
Für das geistliche Verständnis lässt sich dennoch ein Gedanke festhalten, ohne den Landnahmeauftrag unmittelbar auf die Gegenwart zu übertragen. Die Israeliten sollten lernen, Gottes Verheißungen zu vertrauen, auch wenn sich deren Erfüllung über eine längere Zeit erstreckte. Zugleich sollten sie ihre eigenen Erwartungen nicht zum Maßstab dafür machen, wie Gott handeln müsse. Die schrittweise Landnahme zeigt innerhalb der Erzählung, dass eine verheißene Zukunft mit einem längeren Weg verbunden sein kann. Diese Beobachtung lässt sich als allgemeine Ermutigung verstehen, bei Schwierigkeiten nicht vorschnell an Gottes Treue zu zweifeln. Sie ist aber keine Zusage, dass jedes persönliche Ziel eines Menschen von Gott gebilligt wird oder dass jeder Widerstand schließlich beseitigt werden muss. Der ursprüngliche Text spricht über Israels besondere Geschichte und nicht über eine allgemeine Berechtigung, eigene Wünsche mit göttlichen Verheißungen gleichzusetzen.
So verbinden die Verse 22–24 zwei Aussagen miteinander. Gott kündigt Israel einen umfassenden Sieg an, erklärt aber zugleich, dass die Einnahme des Landes schrittweise erfolgen soll. Die Begründung zeigt, dass die zukünftige Bewohnbarkeit des Landes bereits bei der Planung des Vorgehens berücksichtigt wird. Gleichzeitig bleibt der angekündigte Sieg mit ernsten Gerichts- und Vernichtungsaussagen verbunden, die nicht auf eine harmlose geistliche Symbolik reduziert werden dürfen. Mose möchte das Vertrauen des Volkes stärken und ihm zeigen, dass seine Zukunft nicht allein von der Stärke seiner Gegner abhängt. Doch bevor das Kapitel endet, richtet er den Blick noch einmal auf eine andere Gefahr. Selbst nach erfolgreichen Eroberungen könnte Israel durch die wertvollen Gegenstände der fremden Kultstätten verführt werden. Deshalb warnt Mose abschließend davor, die Götzenbilder oder ihre kostbaren Bestandteile in den eigenen Besitz zu übernehmen.
5. Mose 7,25–26
Der Bann über die Götzenbilder und ihre Schätze
Zum Abschluss des Kapitels richtet Mose die Aufmerksamkeit Israels noch einmal auf die Götzenbilder der kanaanitischen Völker. Nachdem er ausführlich von der Landnahme, Gottes Erwählung und den verheißenen Segnungen gesprochen hat, endet seine Unterweisung mit einer Warnung vor einer Gefahr, die selbst nach erfolgreichen Eroberungen bestehen bleiben könnte. Die Israeliten sollen die Bilder der fremden Götter mit Feuer verbrennen und weder das Silber noch das Gold an sich nehmen, mit dem diese Gegenstände verziert sind. Damit führt Mose einen Gedanken weiter, der bereits am Anfang des Kapitels begegnet war. Die Völker Kanaans verehrten andere Gottheiten, und Israel sollte sich von deren Gottesdienst fernhalten. Doch nun wird deutlich, dass die Gefahr nicht ausschließlich in der bewussten Teilnahme an fremden religiösen Handlungen liegt. Auch der Wunsch, aus den Gegenständen dieses Gottesdienstes einen persönlichen Vorteil zu gewinnen, könnte Israel in eine verbotene Beziehung zu ihnen bringen.
In Vers 25 spricht Mose ausdrücklich von den Bildern der fremden Götter. Das hebräische Wort pesilim bezeichnet geschnitzte oder anderweitig hergestellte Götzenbilder. Solche Darstellungen konnten aus unterschiedlichen Materialien bestehen und mit wertvollen Metallen versehen sein. Besonders Silber und Gold verliehen ihnen einen hohen materiellen Wert. Für Menschen, die ein solches Heiligtum eroberten, musste deshalb die Versuchung naheliegen, die kostbaren Bestandteile für sich zu behalten, selbst wenn sie den dazugehörigen Gott nicht verehren wollten. Mose berücksichtigt diese Möglichkeit ausdrücklich. Die Israeliten sollen nicht versuchen, zwischen dem unerwünschten religiösen Gegenstand und seinem wirtschaftlichen Nutzen eine Ausnahme zu machen. Was nach Gottes Weisung vernichtet werden soll, darf nicht deshalb in den eigenen Besitz übergehen, weil es wertvoll erscheint. Damit wird deutlich, dass die geforderte Trennung vom Götzendienst auch dort ernst genommen werden soll, wo sie einen materiellen Verlust bedeutet.
Besonders aufschlussreich ist die Aufforderung, das Silber und Gold nicht zu begehren. Das zugrunde liegende hebräische Verb chamad bedeutet, etwas zu verlangen oder als begehrenswert anzusehen. Je nach Zusammenhang kann es einen gewöhnlichen Wunsch, aber auch ein unrechtmäßiges Begehren beschreiben. Dasselbe Wort begegnet im Gebot gegen das Begehren dessen, was einem anderen Menschen gehört (5. Mose 5,21). Hier richtet sich die Warnung auf einen besonderen Gegenstand: das Edelmetall, das mit der Verehrung fremder Gottheiten verbunden ist. Mose spricht damit nicht erst von der vollzogenen Aneignung, sondern bereits von dem Verlangen, das zu einer solchen Handlung führen könnte. Ein Mensch könnte sich einreden, er lehne den fremden Gott durchaus ab und wolle lediglich das wertvolle Material behalten. Doch gerade diese Unterscheidung lässt Mose im vorliegenden Fall nicht gelten. Die wirtschaftliche Anziehungskraft soll nicht dazu führen, dass Israel Gottes ausdrückliche Weisung missachtet.
Die Verbindung von Begehren und Aneignen erhält durch die spätere Geschichte Achans eine besondere Bedeutung. In Josua 7 wird berichtet, dass Achan bei der Einnahme Jerichos Gegenstände an sich nahm, die dem Bann unterstanden. Als seine Tat aufgedeckt wird, erklärt er, dass er unter der Beute ein kostbares Gewand, Silber und einen Goldbarren gesehen, begehrt und schließlich genommen habe (Josua 7,21). Auffällig ist, dass der hebräische Text dort für das Begehren und Nehmen dieselben Wortwurzeln verwendet wie 5. Mose 7,25: chamad und laqach. Dadurch entsteht eine besonders deutliche sprachliche Verbindung zwischen Moses Warnung und Achans späterem Verhalten. Die Geschichte zeigt, wie aus dem Anblick wertvoller Gegenstände ein Verlangen entstehen kann, das schließlich zur bewussten Übertretung einer göttlichen Anweisung führt. Achan nahm die verbotenen Dinge und verbarg sie in seinem Zelt. Was für ihn zunächst wie ein persönlicher Gewinn erschien, wurde nach dem Bericht zu einer schweren Belastung für Israel.
Allerdings müssen die beiden Abschnitte genau unterschieden werden. Mose spricht in 5. Mose 7,25 ausdrücklich vom Silber und Gold an Götzenbildern. Achan nahm dagegen ein kostbares Gewand, Silber und einen Goldbarren aus der Beute Jerichos. Josua 7 sagt nicht, dass diese Gegenstände sämtlich Bestandteile von Götzenbildern gewesen seien. Die Verbindung besteht deshalb nicht in einer vollständigen Übereinstimmung der Gegenstände, sondern im Verbot ihrer Aneignung, im Bann und in der auffälligen Wortfolge von Sehen, Begehren und Nehmen. Dieser Unterschied ist wichtig, damit aus einer tatsächlichen sprachlichen und sachlichen Verbindung keine unbelegte Einzelheit entsteht. Beide Texte verdeutlichen, dass ein materiell begehrenswerter Gegenstand nicht automatisch rechtmäßig besessen werden darf. Der Wert einer Sache hebt Gottes ausdrückliches Verbot nicht auf.
Gleichzeitig darf aus Vers 25 nicht geschlossen werden, Silber und Gold seien grundsätzlich verwerfliche Materialien. Bereits beim Bau der Stiftshütte wurden kostbare Metalle für den Gottesdienst verwendet. Auch bei der Einnahme Jerichos ordnete Gott ausdrücklich an, dass Silber, Gold sowie Gegenstände aus Bronze und Eisen in den Schatz des Heiligtums gebracht werden sollten (Josua 6,19.24). Diese Bestimmung unterscheidet sich vom Verbot, die wertvollen Bestandteile fremder Götzenbilder für den eigenen Besitz zu behalten. Beide Anweisungen dürfen nicht einfach miteinander gleichgesetzt werden. Sie zeigen jedoch, dass nicht der materielle Wert eines Gegenstandes über seine religiöse Bedeutung entscheidet. Ausschlaggebend sind sein Zusammenhang und Gottes konkrete Weisung für den jeweiligen Fall. Das Problem in 5. Mose 7 liegt deshalb nicht darin, dass Gold oder Silber an sich böse wären. Die Metalle gehören hier zu Kultbildern, deren Verehrung dem Glauben Israels widerspricht und deren Übernahme ausdrücklich untersagt wird.
Mose begründet die Warnung damit, dass die Israeliten durch solche Gegenstände in eine Schlinge geraten könnten. Das hebräische Verb gehört zu demselben Wortfeld wie die Warnung in Vers 16, wo fremde Götter als Fallstrick für Israel bezeichnet werden. Dadurch entsteht eine deutliche Verbindung zwischen den beiden Aussagen. Zunächst hatte Mose vor der Verehrung fremder Gottheiten gewarnt. Nun erklärt er, dass sogar der begehrte Besitz ihrer Kultgegenstände zu einer Gefahr werden könnte. Die Schlinge besteht darin, dass etwas zunächst Nützliches oder Wertvolles zu sein scheint, den Menschen aber zu einer Handlung verleitet, die seiner Treue zu Gott widerspricht. So wird sichtbar, wie eng religiöse und wirtschaftliche Interessen miteinander verbunden sein können. Nicht nur die ausdrückliche Anbetung eines Götzen, sondern auch das Verlangen nach dem Gewinn, der mit seinem Kult verbunden ist, kann dazu führen, dass ein Mensch Gottes Weisung missachtet.
Im letzten Teil von Vers 25 bezeichnet Mose diese Gegenstände als einen Greuel vor dem HERRN. Das hebräische Wort to'evah beschreibt etwas, das innerhalb des jeweiligen biblischen Zusammenhangs als verabscheuungswürdig oder mit Gottes Willen unvereinbar gilt. Besonders häufig begegnet es im fünften Buch Mose im Zusammenhang mit verbotenen religiösen Praktiken. Hier bezieht sich die Bezeichnung auf die Götzenbilder, die der Verehrung fremder Gottheiten dienen. Damit wird eine entscheidende Unterscheidung sichtbar. Die Gegenstände mögen aus menschlicher Sicht schön gestaltet und materiell wertvoll sein. Nach Moses Worten stehen sie jedoch für eine Form der Anbetung, die Israel von seinem Gott wegführen würde. Ihr wirtschaftlicher Wert verändert ihre religiöse Bedeutung nicht. Was vor den Augen eines Menschen kostbar erscheint, muss deshalb nicht zugleich vor Gott gut sein. Mose ruft Israel dazu auf, den Wert einer Sache nicht allein danach zu beurteilen, welchen Nutzen oder Gewinn sie verspricht.
In Vers 26 führt Mose diese Warnung bis in den privaten Lebensbereich weiter. Die Israeliten sollen keinen solchen Greuel in ihr Haus bringen, damit sie nicht selbst unter denselben Bann geraten wie der verbotene Gegenstand. Das Haus ist dabei mehr als ein Gebäude, in dem persönliche Besitztümer aufbewahrt werden. Es ist der Mittelpunkt des Familienlebens, der Versorgung und vieler alltäglicher Entscheidungen. Gerade dort soll nach Moses vorheriger Unterweisung Gottes Wort seinen festen Platz haben. In 5. Mose 6,6–9 hatte er ausdrücklich gefordert, dass Gottes Weisungen im Herzen bewahrt, den Kindern vermittelt und im täglichen Leben gegenwärtig gehalten werden. Nun wird deutlich, dass die Gestaltung des eigenen Hauses auch mit der Frage nach der Treue zu Gott verbunden ist. Israel soll nicht einerseits Gottes Gebote im Familienleben weitergeben und andererseits Gegenstände aufbewahren, deren religiöse Bedeutung diesen Geboten widerspricht.
Besonders ernst ist die Ankündigung, dass der Mensch selbst unter den Bann geraten kann, wenn er einen solchen Gegenstand in sein Haus bringt. Hier verwendet Mose erneut das hebräische Wort cherem, das bereits am Anfang des Kapitels eine zentrale Rolle gespielt hatte. In Vers 2 bezog sich der Bann auf die kanaanitischen Völker, während am Ende des Kapitels ausdrücklich von ihren Kultgegenständen gesprochen wird. Nun warnt Mose davor, dass auch ein Israelit von den Folgen des Banns betroffen sein könnte, wenn er sich bewusst aneignet, was ihm verboten wurde. Diese Verbindung zeigt, dass die Zugehörigkeit zum erwählten Volk keinen uneingeschränkten Schutz vor Gottes Gericht bedeutet. Israel kann sich nicht darauf verlassen, dass Gott nur die Untreue anderer Völker ernst nimmt, während die eigene Übertretung folgenlos bleibt. Der Bann ist innerhalb der damaligen Bundesordnung eine ernsthafte Bestimmung, deren Missachtung auch für Israel selbst gefährlich werden kann.
Dabei sollte diese Aussage nicht so verstanden werden, als besäßen die Gegenstände eine eigenständige magische Macht, durch die jeder Mensch allein aufgrund einer unbeabsichtigten Berührung automatisch verflucht würde. Der Zusammenhang spricht ausdrücklich vom Begehren, Aneignen und bewussten Hineinbringen des verbotenen Gegenstandes. Mose warnt damit vor einem Handeln, durch das sich ein Israelit Gottes Verbot widersetzt und einen Gegenstand übernimmt, der dem Bann untersteht. Die Gefahr liegt nicht in einer vom Gegenstand unabhängig ausgehenden übernatürlichen Kraft, sondern in seiner Stellung innerhalb der göttlichen Bundesordnung und der bewussten Missachtung dieser Ordnung. Auch die Erzählung über Achan zeigt, dass es um eine verbotene Aneignung geht, die schließlich aufgedeckt und als schwere Untreue beurteilt wird. Damit bleibt die Aussage ernst, ohne dass ihr eine magische Wirkungsweise zugeschrieben werden muss, die Mose selbst nicht erklärt.
Am Ende von Vers 26 fordert Mose die Israeliten mit besonders nachdrücklichen Worten dazu auf, diese Gegenstände zu verabscheuen. Im hebräischen Text stehen zwei verwandte Verben, die jeweils durch eine zusätzliche Form verstärkt werden. Sinngemäß lautet die Aufforderung, sie entschieden zu verabscheuen und vollständig abzulehnen. Diese doppelte Verstärkung zeigt, dass Mose keine gleichgültige oder lediglich vorsichtige Haltung gegenüber den verbotenen Kultgegenständen erwartet. Israel soll ihren religiösen Charakter erkennen und sich bewusst von ihnen fernhalten. Dennoch ist entscheidend, worauf sich diese Aufforderung im unmittelbaren Zusammenhang richtet. Sie betrifft die Gegenstände, die als Greuel und dem Bann verfallen bezeichnet werden. Daraus darf nicht abgeleitet werden, dass Christen oder andere Menschen dazu aufgerufen wären, Angehörige fremder Religionen persönlich zu hassen. Die Ablehnung eines bestimmten Gottesdienstes und die Behandlung der Menschen, die ihn ausüben, sind voneinander zu unterscheiden. Jesus fordert seine Nachfolger ausdrücklich zur Liebe gegenüber ihren Mitmenschen auf, einschließlich ihrer Feinde.
Eine weiterführende Verbindung begegnet im Neuen Testament, wenn Paulus die Habsucht als Götzendienst bezeichnet (Kolosser 3,5). Damit meint er nicht, dass jeder materielle Gegenstand selbst eine Gottheit wäre. Er zeigt vielmehr, dass ein ungeordnetes Verlangen nach Besitz eine beherrschende Stellung im Leben eines Menschen einnehmen kann. Diese Aussage hilft, einen geistlichen Gedanken aus 5. Mose 7,25 besser zu verstehen. Die Israeliten sollten erkennen, dass ihre Treue zu Gott auch dort geprüft werden konnte, wo ein erheblicher materieller Gewinn möglich erschien. Wer einen verbotenen Gegenstand nur wegen seines Goldes oder Silbers behalten wollte, wäre bereit gewesen, Gottes Weisung dem eigenen Vorteil unterzuordnen. Jesus bringt eine verwandte Grundentscheidung zum Ausdruck, wenn er erklärt, dass niemand zugleich Gott und dem Mammon dienen kann (Matthäus 6,24). Der Zusammenhang ist nicht mit dem alttestamentlichen Banngebot gleichzusetzen, verdeutlicht aber die bleibende Gefahr, dass Besitz den Platz einnimmt, der Gott gebührt.
Dabei müssen die damaligen Anweisungen und ihre heutige geistliche Bedeutung sorgfältig unterschieden werden. 5. Mose 7,25–26 enthält einen konkreten Auftrag an Israel im Zusammenhang mit der Landnahme und den Kultgegenständen der kanaanitischen Völker. Daraus folgt nicht automatisch ein allgemeines christliches Verbot, historische Kunstgegenstände zu besitzen, fremde Kulturen kennenzulernen oder jede Darstellung einer anderen Religion zu berühren. Eine solche Ausweitung müsste durch weitere biblische Aussagen begründet werden und lässt sich nicht allein aus diesen Versen ableiten. Der übergreifende Grundgedanke bleibt jedoch bedeutsam: Ein Mensch soll seinen persönlichen Vorteil nicht über Gottes Willen stellen und keine religiöse Verehrung übernehmen, die seinem Bekenntnis zu Gott widerspricht. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, welchen Wert etwas besitzt, sondern welche Bedeutung es für die eigene Beziehung zu Gott gewinnt.
Mit diesen beiden Versen endet das siebte Kapitel des fünften Buches Mose. Sein Anfang und sein Ende sind durch die Forderung verbunden, die Götzenbilder der kanaanitischen Völker zu zerstören und sich nicht von ihrer Verehrung beeinflussen zu lassen. Dazwischen erinnert Mose an Gottes Liebe, seine Bundestreue, seine Verheißungen und seine Macht. Damit wird sichtbar, dass die Treue Israels auf Gottes vorausgehendem Handeln beruhen und das gesamte Leben des Volkes umfassen soll. Die schweren Gerichts- und Banngebote bleiben dabei Bestandteil des Kapitels und werfen Fragen auf, die nicht durch eine rein geistliche Deutung aufgelöst werden dürfen. Zugleich zeigt der Abschluss, dass auch das erwählte Volk für seine eigenen Entscheidungen verantwortlich bleibt. Israel soll nicht nur erkennen, dass der HERR sein Gott ist, sondern auch danach leben. Weder die Furcht vor mächtigen Gegnern noch die Anziehungskraft wertvoller Gegenstände soll dazu führen, dass es Gottes Wort verlässt. So endet Moses Unterweisung mit der eindringlichen Erinnerung, dass wahre Bundestreue auch dann Bestand haben muss, wenn Gehorsam den Verzicht auf etwas Begehrenswertes verlangt.
Geistliche Kernbotschaft
Im Mittelpunkt von 5. Mose 7 steht die besondere Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel. Diese Beziehung beginnt nicht mit menschlicher Größe, Leistung oder Überlegenheit, sondern mit Gottes Liebe und seiner Treue zu den Verheißungen, die er Abraham, Isaak und Jakob gegeben hatte. Mose macht ausdrücklich deutlich, dass Israel seine Erwählung nicht sich selbst verdankt. Gott hat das Volk nicht angenommen, weil es mächtiger oder bedeutender gewesen wäre als andere Völker. Er hat sich ihm aus Liebe zugewandt und es aus der Knechtschaft Ägyptens befreit. Darin wird eine grundlegende Wahrheit über Gottes Handeln sichtbar: Seine Zuwendung lässt sich nicht durch menschliches Verdienst erklären. Sie entspringt seiner eigenen Liebe und seiner Treue zu dem Wort, das er gegeben hat.
Diese Erwählung bedeutet jedoch nicht, dass Israel unabhängig von seinem Verhalten unter Gottes besonderem Schutz stehen würde. Das Kapitel verbindet Gottes Liebe ausdrücklich mit seinem Anspruch auf Treue. Die Israeliten sollen seine Weisungen bewahren und sich nicht anderen Göttern zuwenden. Gerade weil sie dem HERRN gehören, tragen sie Verantwortung dafür, wie sie leben. Gottes Gnade macht seinen Willen nicht bedeutungslos. Sie eröffnet vielmehr eine Beziehung, in der Gehorsam die angemessene Antwort auf seine vorausgehende Liebe ist. Dabei darf die Reihenfolge nicht umgekehrt werden. Israel wurde nicht durch fehlerlosen Gehorsam aus Ägypten befreit, sondern erhielt nach seiner Befreiung Weisungen für das Leben mit Gott. So gehören Gottes rettendes Handeln und die Verantwortung des Menschen zusammen, ohne dass der Gehorsam zum Ursprung der göttlichen Liebe gemacht werden darf.
Zugleich offenbart das Kapitel einen Gott, dessen Treue weit über das Leben einer einzelnen Generation hinausreicht. Mose beschreibt ihn als zuverlässig und spricht davon, dass er seinen Bund und seine Gnade bis in tausend Geschlechter bewahrt. Diese Worte zeigen, dass Gottes Verheißungen nicht von der kurzen Lebenszeit des Menschen begrenzt werden. Was er Abraham zugesagt hatte, blieb auch für dessen spätere Nachkommen von Bedeutung. Gottes Handeln besitzt eine Beständigkeit, die menschliche Möglichkeiten übersteigt. Doch Mose stellt dieser weitreichenden Barmherzigkeit auch die Ernsthaftigkeit des göttlichen Gerichts gegenüber. Gott nimmt die Abkehr von ihm nicht gleichgültig hin. Seine Liebe ist keine Zustimmung zu allem, was Menschen tun, und seine Treue schließt seine Gerechtigkeit nicht aus.
Gerade hier führt das Kapitel allerdings in eine schwierige Spannung. Der Auftrag zur Vernichtung der kanaanitischen Völker gehört ausdrücklich zum Bibeltext. Er kann nicht durch die Erklärung aufgelöst werden, es gehe lediglich um einen inneren Kampf gegen die Sünde. Ebenso wenig genügt es, auf die Schuld der kanaanitischen Gesellschaften zu verweisen, um damit das Schicksal jedes einzelnen betroffenen Menschen zu erklären. Besonders im Blick auf Kinder und andere Menschen, deren persönliche Verantwortung der Text nicht beschreibt, bleiben ernste moralische Fragen bestehen. Eine sorgfältige Beschäftigung mit Gottes Wesen verlangt deshalb, diese Schwierigkeit nicht zu verschweigen. Die Bibel selbst zeigt an anderer Stelle, dass Israel keine angeborene moralische Überlegenheit besitzt und dass Menschen fremder Herkunft zu Gott finden können. Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit müssen ernst genommen werden, ohne unbelegte Erklärungen zu ihrer Verteidigung als ausdrückliche biblische Aussagen auszugeben.
Eine weitere bedeutende Botschaft liegt in Gottes Fürsorge für die Lebensgrundlagen seines Volkes. Mose spricht von Fruchtbarkeit, ausreichender Nahrung, wachsenden Herden und Bewahrung vor Krankheiten. Damit wird sichtbar, dass die Beziehung zu Gott nicht auf religiöse Versammlungen oder innere Überzeugungen beschränkt ist. Das Leben des Menschen mit seinen alltäglichen Bedürfnissen steht ebenfalls unter Gottes Herrschaft. Zugleich besitzen diese Verheißungen ihren besonderen Platz innerhalb des Bundes mit Israel und der zugesagten Zukunft im Land Kanaan. Sie dürfen nicht zu einer allgemeinen Formel gemacht werden, nach der jeder gehorsame Mensch zwangsläufig gesund, wohlhabend oder kinderreich sein müsste. Gottes Liebe lässt sich nicht an materiellen Erfolgen oder dem Ausbleiben von Leid messen. Die Verheißungen zeigen zunächst, welche Fürsorge Gott Israel innerhalb seiner konkreten Bundesgeschichte zugesagt hat.
Das Kapitel lehrt außerdem, dass Vertrauen auf Gott nicht bedeutet, die Wirklichkeit menschlicher Schwierigkeiten zu leugnen. Die Israeliten sollten mächtigen Völkern gegenübertreten, deren Stärke sie einschüchtern konnte. Mose fordert sie jedoch auf, sich an Gottes bisheriges Handeln zu erinnern. Die Befreiung aus Ägypten sollte ihnen zeigen, dass ihre Zukunft nicht allein von ihren eigenen Möglichkeiten abhängt. Dabei ist bemerkenswert, dass die angekündigte Landnahme schrittweise erfolgen sollte. Gottes Zusage bedeutete nicht, dass sämtliche Hindernisse sofort verschwinden würden. Die Erfüllung einer Verheißung konnte mit einem längeren Weg verbunden sein. Daraus lässt sich keine allgemeine Garantie für den Erfolg persönlicher Vorhaben ableiten. Wohl aber wird deutlich, weshalb die Erinnerung an Gottes Treue helfen kann, Angst und Ungeduld nicht zur Grundlage jeder Entscheidung werden zu lassen.
Schließlich führt Mose den Blick auf eine Gefahr, die nicht von mächtigen Feinden, sondern vom eigenen Begehren ausgeht. Israel soll die Götzenbilder der kanaanitischen Völker zerstören und selbst das wertvolle Silber und Gold nicht an sich nehmen. Die Treue zu Gott soll nicht dort enden, wo persönlicher Gewinn möglich erscheint. Ein Mensch kann wissen, was richtig ist, und dennoch bereit sein, seine Überzeugungen für etwas Begehrenswertes aufzugeben. Mose zeigt deshalb, dass die Beziehung zu Gott auch den Umgang mit Besitz, Entscheidungen und persönlichen Wünschen betrifft. Was materiell wertvoll ist, muss deshalb nicht gut für den Menschen sein. Die Frage nach Gottes Willen darf nicht durch die Aussicht auf einen Vorteil verdrängt werden.
So offenbart 5. Mose 7 einen Gott, der aus Liebe erwählt, seine Verheißungen bewahrt und sein Volk zu einem Leben in Treue ruft. Seine Fürsorge umfasst die Zukunft Israels, während seine Weisungen den Anspruch erheben, das gesamte Leben des Volkes zu bestimmen. Die ernsten Gerichtsaussagen bleiben dabei eine Herausforderung, die verantwortungsvoll ausgelegt werden muss. Gerade deshalb sollte das Kapitel weder auf seine schweren Gewalttexte reduziert noch um diese Aussagen bereinigt werden. Seine grundlegende Botschaft ist, dass die Beziehung zu Gott aus seiner vorausgehenden Liebe erwächst und eine ungeteilte Antwort verlangt. Wer ihm gehört, soll sich nicht auf eigene Überlegenheit verlassen, sondern auf seine Treue vertrauen und seinen Willen ernst nehmen.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine besonders wichtige Verbindung besteht zwischen 5. Mose 7 und Gottes Verheißungen an Abraham. In 1. Mose 12,1–3 beruft Gott Abraham und verspricht ihm Nachkommen, ein Land und einen Segen, der schließlich auch andere Völker erreichen soll. In 1. Mose 15 wird diese Verheißung weiter entfaltet. Dabei kündigt Gott bereits an, dass Abrahams Nachkommen zunächst in einem fremden Land bedrückt werden und erst später zurückkehren sollen. Die Aussage, dass die Schuld der Amoriter noch nicht voll sei (1. Mose 15,16), stellt die spätere Landnahme in einen größeren geschichtlichen und gerichtlichen Zusammenhang. Zugleich zeigt sie, dass Gottes Verheißung nicht sofort erfüllt werden sollte. 5. Mose 7 greift diese lange Geschichte auf und erklärt ausdrücklich, dass Gottes Treue zum Eid an die Väter ein Grund für die Befreiung und Erwählung Israels ist. Allerdings erklärt die frühere Ankündigung über die Amoriter nicht von sich aus die persönliche Schuld sämtlicher Menschen, die später von den Landnahmegerichten betroffen waren.
Eine zweite Verbindung führt zu 2. Mose 19,4–6. Dort erinnert Gott Israel unmittelbar vor dem Bundesschluss am Sinai daran, wie er es auf Adlerflügeln getragen und zu sich gebracht hat. Anschließend bezeichnet er das Volk als sein besonderes Eigentum und als ein Königreich von Priestern. Dieselbe Grundordnung begegnet in 5. Mose 7: Gott hat zuerst gehandelt und sein Volk befreit, bevor es zu einem Leben nach seinen Weisungen aufgerufen wird. Besonders wichtig ist die Aussage aus 2. Mose 19,5, dass Gott die ganze Erde gehört. Israels besondere Erwählung bedeutet deshalb nicht, dass Gottes Herrschaft auf dieses Volk beschränkt wäre. Die Propheten entfalten später, wie Gottes Heil durch Israel auch die Völker erreichen soll. Die Erwählung ist somit Teil einer größeren Heilsgeschichte, auch wenn 5. Mose 7 selbst zunächst Israels besondere Bundesstellung hervorhebt.
Die Verbindung zu 5. Mose 9,4–6 schützt vor einem schwerwiegenden Missverständnis. Dort erklärt Mose ausdrücklich, dass Israel nach der Einnahme des Landes nicht behaupten darf, Gott habe ihm den Sieg aufgrund seiner eigenen Gerechtigkeit geschenkt. Er erinnert das Volk vielmehr daran, dass es selbst widerspenstig gewesen ist. Diese Worte ergänzen die Aussage aus 5. Mose 7,7–8, dass Gottes Erwählung nicht auf Israels Größe beruht. Beide Abschnitte nehmen dem Volk die Grundlage für religiöse Selbstüberhebung. Die Landgabe ist nach Moses Erklärung mit Gottes Verheißungen und seinem Gericht über die bisherigen Bewohner verbunden, nicht mit einer grundsätzlichen moralischen Überlegenheit Israels. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil sie verhindert, Gottes Erwählung mit einem unbegrenzten Anspruch des erwählten Volkes auf Rechtfertigung seines eigenen Handelns zu verwechseln.
Eine weitere Verbindung ergibt sich aus Josua 2 und 6. Rahab gehört zu den Bewohnern Jerichos und bekennt gegenüber den Kundschaftern, dass der HERR der Gott im Himmel und auf der Erde ist (Josua 2,11). Später wird sie zusammen mit ihrer Familie verschont. Ihr Beispiel zeigt, dass die biblische Landnahmegeschichte nicht ausschließlich von der Vernichtung kanaanitischer Menschen berichtet. Sie kennt auch eine Frau aus diesem Volk, die den Gott Israels anerkennt und gerettet wird. Im Neuen Testament wird Rahab wegen ihres Glaubens und ihres Handelns ausdrücklich erwähnt (Hebräer 11,31; Jakobus 2,25). Diese Verbindungen sind bedeutsam, weil sie die Möglichkeit einer persönlichen Glaubensantwort über die Herkunft eines Menschen hinaus sichtbar machen. Rahabs Rettung beantwortet jedoch nicht sämtliche Fragen nach dem Bann über Jericho. Sie ist eine ausdrücklich erzählte Ausnahme und darf nicht als Beweis dafür benutzt werden, dass die übrigen Gewaltberichte lediglich bildhaft gemeint seien.
Auch das Buch Richter führt die Aussagen aus 5. Mose 7 weiter. In Richter 1 wird wiederholt berichtet, dass die israelitischen Stämme verschiedene kanaanitische Bevölkerungsgruppen nicht vollständig vertrieben. Richter 2 verbindet das weitere Bestehen fremder religiöser Einflüsse mit Israels späterer Untreue. Dadurch wird die Warnung aus 5. Mose 7 verständlicher, dass die fremden Götter dem Volk zu einem Fallstrick werden könnten. Zugleich zeigt sich eine wichtige Unterscheidung zwischen der angekündigten schrittweisen Landnahme und dem späteren Ungehorsam Israels. In 2. Mose 23,29–30 war bereits ausdrücklich erklärt worden, dass die Vertreibung wegen der Gefahr verwildernder Gebiete nicht sofort abgeschlossen werden sollte. Das Richterbuch berichtet dagegen auch von Fällen, in denen Israel seine Verantwortung nicht erfüllte. Beide Aussagen behandeln unterschiedliche Gesichtspunkte und sollten nicht vorschnell miteinander gleichgesetzt werden.
Die Geschichte Achans in Josua 7 besitzt eine besonders enge Verbindung zum Abschluss von 5. Mose 7. Mose hatte davor gewarnt, Silber und Gold von verbotenen Götzengegenständen zu begehren und an sich zu nehmen. Achan berichtet später, dass er unter der Beute Jerichos wertvolle Gegenstände sah, begehrte und schließlich nahm. Die hebräischen Verben für Begehren und Nehmen stimmen in beiden Texten überein. Dadurch erhält die Warnung Moses innerhalb der folgenden Erzählung eine konkrete Bedeutung. Achan ließ sich von materiellem Gewinn dazu verleiten, eine ausdrücklich gegebene Anweisung zu missachten. Allerdings bezeichnet Josua 7 seine Beute nicht insgesamt als Bestandteile von Götzenbildern. Die Übereinstimmung betrifft den Bann und die verbotene Aneignung wertvoller Gegenstände. Diese genaue Unterscheidung macht die Verbindung stärker, weil sie sich auf das stützt, was beide Texte tatsächlich gemeinsam haben.
Im Neuen Testament greift Petrus die Sprache der besonderen Erwählung auf. In 1. Petrus 2,9 bezeichnet er die an Christus Glaubenden als ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk und ein Volk des Eigentums. Damit verbindet er Aussagen aus der alttestamentlichen Bundesgeschichte, insbesondere aus 2. Mose 19,5–6 und Jesaja 43,20–21, mit der Berufung der christlichen Gemeinde. Der Zusammenhang macht deutlich, dass Erwählung auch hier nicht als Anlass zur Selbstverherrlichung dargestellt wird. Die Glaubenden sollen die Wohltaten dessen verkündigen, der sie aus der Finsternis zu seinem Licht berufen hat. Dennoch dürfen die besonderen nationalen, kultischen und militärischen Anordnungen an Israel nicht allein aufgrund dieser gemeinsamen Erwählungssprache auf die Gemeinde übertragen werden. Paulus warnt in Römer 11,17–22 ausdrücklich vor Überheblichkeit gegenüber Israel. Wer an Gottes Gnade Anteil erhält, hat deshalb keinen Grund, auf andere Menschen herabzusehen.
Eine besonders wichtige neutestamentliche Verbindung besteht außerdem zu Jesu Aufforderung zur Feindesliebe. In Matthäus 5,43–48 fordert er seine Jünger auf, ihre Feinde zu lieben und für ihre Verfolger zu beten. Paulus erklärt in Römer 12,17–21, dass die Glaubenden Böses nicht mit Bösem vergelten, sondern das Böse durch das Gute überwinden sollen. Diese Weisungen stehen in einer deutlichen Spannung zur Gewalt des alttestamentlichen Landnahmeauftrags. Sie dürfen nicht dadurch entschärft werden, dass man den ursprünglichen Auftrag nachträglich als rein geistliche Aussage deutet. Zugleich geben die Gebote Jesu die Richtung für das Handeln seiner Nachfolger vor. Christen können sich nicht auf 5. Mose 7 berufen, um religiöse Verfolgung, Vertreibung oder Gewalt gegenüber Andersgläubigen zu rechtfertigen. Die besondere geschichtliche Bundesordnung Israels und die Berufung der Gemeinde Christi müssen sorgfältig unterschieden werden.
Schließlich führt die Warnung vor dem Begehren der Götzenschätze zu einer Verbindung mit Jesu Lehre über den Besitz. In Matthäus 6,24 erklärt Jesus, dass niemand gleichzeitig Gott und dem Mammon dienen kann. Paulus bezeichnet in Kolosser 3,5 die Habsucht ausdrücklich als Götzendienst. Diese Aussagen zeigen, dass die Gefahr einer falschen Verehrung nicht auf sichtbare Kultbilder beschränkt bleibt. Auch Besitz kann im Leben eines Menschen eine Stellung gewinnen, die seine Entscheidungen beherrscht und seine Treue zu Gott verdrängt. Das Neue Testament verwandelt damit den konkreten Bannbefehl aus 5. Mose 7 nicht in ein allgemeines Verbot wertvoller Gegenstände. Es führt jedoch den grundlegenden Gedanken weiter, dass Gott den ersten Platz im Leben des Menschen beansprucht und kein materieller Vorteil wichtiger werden darf als seine Wahrheit und sein Wille.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten Lektionen aus 5. Mose 7 betrifft den Umgang mit Gottes Gnade. Mose erklärt ausdrücklich, dass Israel seine Erwählung nicht aufgrund eigener Größe erhalten hat. Diese Aussage fordert dazu heraus, auch den eigenen Glauben nicht als Beweis persönlicher Überlegenheit zu betrachten. Wer Gott kennt und seine Liebe erfahren hat, besitzt keinen Grund, andere Menschen geringzuschätzen. Die Beziehung zu Gott sollte vielmehr Dankbarkeit und Demut hervorbringen. Ein Mensch darf sich darüber freuen, Gottes Wort zu kennen, ohne daraus abzuleiten, er sei deshalb von Natur aus besser als jemand, der andere Überzeugungen besitzt. Die Erkenntnis göttlicher Gnade sollte den Blick auf andere Menschen verändern und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihnen führen.
Eine zweite Lektion liegt in der Verbindung von Liebe und Gehorsam. Mose stellt diese beiden Dinge nicht gegeneinander. Gott liebt sein Volk und ruft es zugleich dazu auf, seine Weisungen zu bewahren. Für das persönliche Glaubensleben bedeutet dies, dass Liebe zu Gott mehr umfasst als religiöse Gefühle oder das gelegentliche Gebet. Sie soll sich auch darin zeigen, wie Menschen entscheiden, miteinander sprechen und ihre Verantwortung wahrnehmen. Allerdings darf daraus kein Versuch werden, sich Gottes Liebe durch eine möglichst hohe Zahl guter Taten zu verdienen. Der biblische Zusammenhang zeigt gerade, dass Gottes Zuwendung den Anfang bildet. Gehorsam wird zur Antwort auf seine Gnade, nicht zu deren Kaufpreis. Diese Unterscheidung bewahrt sowohl vor religiöser Selbstgerechtigkeit als auch vor einer Haltung, die Gottes Willen für bedeutungslos erklärt.
Besonders wichtig ist außerdem die Frage, wie Menschen Gottes Treue verstehen, wenn sich ihre Erwartungen nicht sofort erfüllen. Israel sollte ein verheißenes Land erhalten, doch Gott kündigte ausdrücklich einen schrittweisen Verlauf der Landnahme an. Daraus lässt sich lernen, dass Vertrauen nicht unbedingt mit unmittelbaren Ergebnissen verbunden sein muss. Ein Mensch kann auf Gottes Wort vertrauen und dennoch erleben, dass manche Entwicklungen Zeit benötigen. Dabei ist sorgfältig zu unterscheiden, welche Zusagen Gott tatsächlich gegeben hat und welche Vorstellungen aus den eigenen Wünschen stammen. Nicht jeder persönliche Plan ist eine göttliche Verheißung. Deshalb sollte Vertrauen auf Gott nicht dazu benutzt werden, den Erfolg eigener Vorhaben als sicher anzukündigen. Es bedeutet vielmehr, Gottes Führung ernst zu nehmen und auch in unsicheren Situationen nach seinem Willen zu fragen.
Eine weitere Lektion betrifft die Erinnerung an Gottes bisheriges Handeln. Mose fordert die Israeliten auf, angesichts mächtiger Gegner nicht nur auf ihre eigenen Möglichkeiten zu schauen, sondern sich an die Befreiung aus Ägypten zu erinnern. Auch heute kann es hilfreich sein, sich bewusst vor Augen zu führen, was man aus der Bibel über Gottes Wesen und seine Treue gelernt hat. Die Erinnerung an Gottes Handeln soll nicht dazu führen, Gefahren zu verharmlosen oder notwendige Entscheidungen aufzuschieben. Sie kann jedoch verhindern, dass Angst allein bestimmt, wie eine Situation beurteilt wird. Gerade die Bibel zeigt, dass Glaube und menschliche Unsicherheit nebeneinander bestehen können. Vertrauen bedeutet nicht, niemals Furcht zu empfinden, sondern sich trotz dieser Furcht an Gottes offenbartem Wesen und seinen Verheißungen zu orientieren.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch der Umgang mit materiellen Wünschen. Am Ende des Kapitels warnt Mose davor, das Silber und Gold der verbotenen Kultgegenstände an sich zu nehmen. Der persönliche Gewinn durfte Gottes ausdrückliche Weisung nicht verdrängen. Daraus ergibt sich eine bleibende Frage für das eigene Leben: Gibt es Situationen, in denen ein erhoffter Vorteil wichtiger wird als Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit oder die Treue zu Gott? Solche Situationen können im Umgang mit Geld, bei beruflichen Entscheidungen oder in persönlichen Beziehungen auftreten. Nicht jeder Wunsch nach wirtschaftlicher Sicherheit ist falsch. Problematisch wird er, wenn ein Mensch bereit ist, dafür bewusst gegen das zu handeln, was er als Gottes Willen erkannt hat. Die Geschichte Achans zeigt besonders eindrücklich, wie ein zunächst verborgenes Begehren zu einer Handlung führen kann, deren Folgen weit über den erhofften Gewinn hinausreichen.
Eine weitere Lektion betrifft die Verantwortung, religiöse Überzeugungen sorgfältig zu prüfen. Die Israeliten sollten sich nicht anderen Göttern zuwenden und ihre Verehrung nicht mit fremden Kulten vermischen. Für Christen bedeutet dies zunächst, ihre Beziehung zu Gott und zu Jesus Christus ernst zu nehmen und religiöse Lehren an der biblischen Offenbarung zu prüfen. Daraus folgt jedoch nicht, dass Menschen anderer Religionen mit Misstrauen, Geringschätzung oder Feindseligkeit behandelt werden müssten. Die Treue zu den eigenen Glaubensüberzeugungen und die Liebe zum Mitmenschen schließen einander nicht aus. Jesus selbst verbindet die ausschließliche Hingabe an Gott mit dem Gebot der Nächsten- und Feindesliebe. Deshalb sollte eine feste Überzeugung nicht zu persönlicher Härte führen, sondern mit Wahrhaftigkeit, Geduld und Achtung vor anderen Menschen verbunden bleiben.
Gerade die schwierigen Gerichtsaussagen des Kapitels vermitteln außerdem eine wichtige Lektion für den Umgang mit der Bibel. Nicht jede Frage lässt sich durch eine kurze Erklärung vollständig beantworten. Wer Gottes Wort ernst nimmt, sollte bereit sein, auch diejenigen Texte sorgfältig zu untersuchen, die das eigene Verständnis herausfordern. Dabei ist es notwendig, zwischen dem ausdrücklich Gesagten, begründeten Schlussfolgerungen und weiterhin offenen Fragen zu unterscheiden. Es genügt nicht, eine schwierige Aussage einfach zu verschweigen oder ihre Bedeutung so zu verändern, dass sie keinerlei Herausforderung mehr darstellt. Ebenso wenig ist es angemessen, unbelegte Behauptungen über die Schuld anderer Menschen aufzustellen, nur um eine moralische Schwierigkeit scheinbar aufzulösen. Eine verantwortungsvolle Auslegung verbindet Vertrauen auf Gott mit der Bereitschaft, sorgfältig zu lesen und die Grenzen des eigenen Wissens anzuerkennen.
Diese Haltung besitzt auch für das Verständnis göttlicher Gerechtigkeit Bedeutung. Mose stellt Gottes Liebe und sein Gericht nebeneinander. Das Kapitel zeigt damit, dass Gott nach der biblischen Darstellung das Böse nicht gleichgültig hinnimmt. Zugleich darf diese Aussage nicht dazu missbraucht werden, menschliche Gewalt als Ausdruck seines Willens auszugeben. Zwischen Gottes Recht als Richter und dem Handeln von Menschen besteht ein entscheidender Unterschied. Besonders Christen müssen sich dabei an der Lehre Jesu orientieren, der seine Nachfolger zur Liebe gegenüber ihren Feinden aufruft. Wer sich auf Gottes Gerechtigkeit beruft, erhält dadurch keine Erlaubnis, selbst zum Richter über das Leben anderer Menschen zu werden. Das Vertrauen auf Gottes gerechtes Urteil sollte vielmehr vor vorschneller Verurteilung und eigenmächtiger Vergeltung bewahren.
Schließlich führt 5. Mose 7 zu einer grundlegenden Frage nach der Beständigkeit des eigenen Glaubens. Die Israeliten sollten Gott nicht nur während der Wüstenwanderung vertrauen, als sie unmittelbar auf seine Versorgung angewiesen waren. Auch im verheißenen Land, inmitten von Wohlstand, fremden religiösen Einflüssen und persönlichen Entscheidungen, sollte ihre Treue bestehen bleiben. Darin liegt eine bleibende Herausforderung. Ein Glaube, der nur dann Bedeutung hat, wenn Menschen Hilfe benötigen, prägt das Leben nicht dauerhaft. Gott möchte vielmehr, dass die Beziehung zu ihm auch in Zeiten der Sicherheit, des Erfolgs und der scheinbaren Unabhängigkeit ihren Platz behält. Seine Liebe soll nicht vergessen werden, sobald seine Gaben selbstverständlich erscheinen.
Die wichtigste persönliche Schlussfolgerung des Kapitels liegt deshalb nicht darin, sich selbst für besonders erwählt, stark oder gerecht zu halten. Sie liegt darin, Gottes vorausgehende Liebe zu erkennen und mit Dankbarkeit, Demut und Treue darauf zu antworten. Der Mensch soll sich nicht durch Angst von Gottes Wort entfernen lassen, aber auch nicht durch Besitz, gesellschaftliche Einflüsse oder eigene Überheblichkeit. Er darf auf Gottes Verlässlichkeit vertrauen und ist zugleich aufgerufen, seine Entscheidungen an dessen Willen auszurichten. So verbindet 5. Mose 7 die Erinnerung an Gottes rettende Gnade mit der ernsthaften Verantwortung des Menschen. Die Beziehung zu Gott beginnt mit seiner Liebe und soll in einem Leben sichtbar werden, das ihm vertraut und seine Weisungen ernst nimmt.