5. Mose 2
Da wandten wir uns und zogen aus zur Wüste auf der Straße zum Schilfmeer, wie der HERR zu mir sagte, und umzogen das Gebirge Seir eine lange Zeit.
37 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Da wandten wir uns und zogen aus zur Wüste auf der Straße zum Schilfmeer, wie der HERR zu mir sagte, und umzogen das Gebirge Seir eine lange Zeit.
- 2 Und der HERR sprach zu mir:
- 3 Ihr habt dies Gebirge nun genug umzogen; wendet euch gegen Mitternacht.
- 4 Und gebiete dem Volk und sprich: ihr werdet durch das Land eurer Brüder, der Kinder Esau, ziehen, die zu Seir wohnen; und sie werden sich vor euch fürchten. Aber verwahrt euch mit Fleiß,
- 5 daß ihr sie nicht bekrieget; denn ich werde euch ihres Landes nicht einen Fußbreit geben; denn das Gebirge Seir habe ich den Kindern Esau zu besitzen gegeben.
- 6 Speise sollt ihr um Geld von ihnen kaufen, daß ihr esset, und Wasser sollt ihr um Geld von ihnen kaufen, daß ihr trinket.
- 7 Denn der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allen Werken deiner Hände. Er hat dein Reisen durch diese große Wüste zu Herzen genommen, und vierzig Jahre ist der HERR, dein Gott, bei dir gewesen, daß dir nichts gemangelt hat.
- 8 Da wir nun vor unsern Brüdern, den Kindern Esau, weitergezogen waren, die auf dem Gebirge Seir wohnten, auf dem Wege des Gefildes von Elath und Ezeon-Geber, wandten wir uns und gingen durch den Weg der Wüste der Moabiter.
- 9 Da sprach der HERR zu mir: Du sollst den Moabitern nicht Schaden tun noch sie bekriegen; denn ich will dir ihres Landes nichts zu besitzen geben; denn ich habe Ar den Kindern Lot zu besitzen gegeben.
- 10 (Die Emiter haben vorzeiten darin gewohnt; das war ein großes, starkes und hohes Volk wie die Enakiter.
- 11 Man hielt sie auch für Riesen gleich wie die Enakiter; und die Moabiter heißen sie Emiter.
- 12 Auch wohnten vorzeiten in Seir die Horiter; und die Kinder Esau vertrieben und vertilgten sie vor sich her und wohnten an ihrer Statt, gleich wie Israel dem Lande seiner Besitzung tat, das ihnen der HERR gab.)
- 13 So macht euch nun auf und ziehet durch den Bach Sered! und wir zogen hindurch.
- 14 Die Zeit aber, die wir von Kades-Barnea zogen, bis wir durch den Bach Sered kamen, war achtunddreißig Jahre, bis alle die Kriegsleute gestorben waren im lager, wie der HERR ihnen geschworen hatte.
- 15 Dazu war auch die Hand des HERRN wider sie, daß sie umkämen aus dem Lager, bis daß ihrer ein Ende würde.
- 16 Und da aller der Kriegsleute ein Ende war und sie gestorben waren unter dem Volk,
- 17 redete der HERR mit mir und sprach:
- 18 Du wirst heute durch das Gebiet der Moabiter ziehen bei Ar
- 19 und wirst nahe kommen gegen die Kinder Ammon. Denen sollst du nicht Schaden tun noch sie bekriegen; denn ich will dir des Landes der Kinder Ammon nichts zu besitzen geben; denn ich habe es den Kindern Lot zu besitzen gegeben.
- 20 (Es ist auch gehalten für der Riesen Land, und haben vorzeiten Riesen darin gewohnt, und die Ammoniter hießen sie Samsummiter.
- 21 Das war ein großes, starkes hohes Volk wie die Enakiter; und der HERR vertilgte sie vor ihnen und ließ sie ihr Land besitzen, daß sie an ihrer Statt da wohnten,
- 22 gleichwie er getan hat mit den Kindern Esau, die auf dem Gebirge Seir wohnen, da er die Horiter vor ihnen vertilgte und ließ sie ihr Land besitzen, daß sie da an ihrer Statt wohnten bis auf diesen Tag.
- 23 Und die Kaphthoriter zogen aus Kaphthor und vertilgten die Avviter, die in Dörfern wohnten bis gen Gaza, und wohnten an ihrer Statt daselbst.)
- 24 Macht euch auf und ziehet aus und gehet über den Bach Arnon. Siehe, ich habe Sihon, den König der Amoriter zu Hesbon, in deine Hände gegeben mit seinem Lande. Hebe an einzunehmen, und streite wider ihn.
- 25 Heutigestages will ich anheben, daß sich vor dir fürchten und erschrecken sollen alle Völker unter dem ganzen Himmel, daß, wenn sie von dir hören, ihnen bange und wehe werden soll vor dir.
- 26 Da sandte ich Boten aus der Wüste von Kedemoth zu Sihon, dem König zu Hesbon, mit friedlichen Worten und ließ ihm sagen:
- 27 Ich will durch dein Land ziehen, und wo die Straße geht, will ich gehen; ich will weder zur Rechten noch zur Linken ausweichen.
- 28 Speise sollst du mir um Geld verkaufen, daß ich esse, und Wasser sollst du mir um Geld geben, daß ich trinke. Ich will nur zu Fuß hindurchgehen,
- 29 wie mir die Kinder Esau getan haben, die zu Seir wohnen, und die Moabiter, die zu Ar wohnen, bis daß ich komme über den Jordan, in das Land, das uns der HERR, unser Gott, geben wird.
- 30 Aber Sihon, der König zu Hesbon, wollte uns nicht durchziehen lassen; denn der HERR, dein Gott, verhärtete seinen Mut und verstockte ihm sein Herz, auf daß er ihn in deine Hände gäbe, wie es heutigestages ist.
- 31 Und der HERR sprach zu mir: Siehe, ich habe angefangen, dahinzugeben vor dir Sihon mit seinem Lande; hebt an, einzunehmen und zu besitzen sein Land.
- 32 Und Sihon zog aus, uns entgegen, mit allem seinem Volk zum Streit gen Jahza.
- 33 Aber der HERR, unser Gott, gab ihn dahin vor uns, daß wir ihn schlugen mit seinen Kindern und seinem ganzen Volk.
- 34 Da gewannen wir zu der Zeit alle seine Städte und verbannten alle Städte, Männer, Weiber und Kinder und ließen niemand übrigbleiben.
- 35 Allein das Vieh raubten wir für uns und die Ausbeute der Städte, die wir gewannen.
- 36 Von Aroer an, das am Ufer des Bachs Arnon liegt, und von der Stadt am Bach gen Gilead war keine Stadt, die sich vor uns schützen konnte; der HERR, unser Gott, gab alles dahin vor uns.
- 37 Allein zu dem Lande der Kinder Ammon kamst du nicht, weder zu allem, was am Bach Jabbok war, noch zu den Städten auf dem Gebirge noch zu allem, das uns der HERR, unser Gott, verboten hatte.
Kapitelüberblick
Auf dem weiteren Weg zum verheißenen Land begegnet Israel mehreren Völkern, deren Gebiete es nicht erobern darf. Gott befiehlt den Israeliten, die Nachkommen Esaus und Lots zu respektieren, weil er auch ihnen ein eigenes Land gegeben hat. Zugleich erinnert Mose daran, dass Gott sein Volk während der langen Wüstenzeit versorgt hatte und nun die Generation gestorben war, die sich einst gegen den Einzug in Kanaan aufgelehnt hatte.
Mit dem Ende dieser Zeit beginnt eine neue Etappe. Israel zieht weiter nach Norden und erreicht das Herrschaftsgebiet Sihons, des Amoriterkönigs von Hesbon. Obwohl Mose ihm zunächst einen friedlichen Durchzug anbietet, verweigert Sihon die Erlaubnis und zieht gegen Israel in den Kampf. Gott gibt ihn in die Hand der Israeliten, die seine Städte einnehmen und das Gebiet erobern.
Das Kapitel zeigt, dass Gottes Führung sowohl klare Grenzen als auch neue Möglichkeiten eröffnet. Israel soll nicht eigenmächtig nehmen, was anderen gehört, sondern dort handeln, wo Gott es ausdrücklich beauftragt hat.
Einführung
Vierzig Jahre nach dem Auszug aus Ägypten steht Mose vor einer Generation, die Israels frühere Erfahrungen kennt, aber viele der entscheidenden Ereignisse nicht selbst als verantwortliche Erwachsene erlebt hat. Die meisten Männer, die damals bei Kadesch-Barnea den Einzug in das verheißene Land verweigerten, leben nicht mehr. Ihre Kinder sind inzwischen herangewachsen und stehen vor der Aufgabe, die Geschichte ihres Volkes unter Gottes Führung fortzusetzen.
Der vorausgehende Bericht in 5. Mose 1 endet mit der gescheiterten militärischen Unternehmung bei Kadesch-Barnea. Anschließend musste Israel seinen Weg durch die Wüste fortsetzen. An diesen Punkt knüpft Mose nun an. Sein Rückblick führt durch Gebiete südlich und östlich des Toten Meeres und schließlich in die Landschaften, die Israel vor dem Übergang über den Jordan erreichte. Ergänzende Berichte über diese Reise finden sich besonders in 4. Mose 20–21. Die Erzählungen setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte und schildern nicht jeden Vorgang in derselben Ausführlichkeit.
Für das Verständnis dieses Kapitels sind außerdem die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den beteiligten Völkern wichtig. Die Edomiter galten als Nachkommen Esaus, des Bruders Jakobs (1. Mose 36,1). Die Moabiter und Ammoniter führten ihre Abstammung auf Lot zurück, den Neffen Abrahams (1. Mose 19,36–38). Diese Völker waren Israel somit durch die Geschichte seiner Vorfahren verbunden, auch wenn sie eigene Gebiete, Herrschaften und religiöse Traditionen entwickelt hatten.
Vor diesem Hintergrund erhalten die folgenden göttlichen Anweisungen ihre besondere Bedeutung. Mose beginnt mit der Erinnerung an den langen Aufenthalt in der Nähe des Gebirges Seir, bevor Gott den Israeliten befahl, ihren Weg wieder in eine neue Richtung fortzusetzen.
5. Mose 2,1–3
Der lange Umweg endet: Gott weist einen neuen Weg
Nach dem gescheiterten Versuch, das verheißene Land eigenmächtig einzunehmen, mussten die Israeliten ihren ursprünglichen Weg verlassen. Mose erinnert in Vers 1 daran, dass sie auf Gottes Anweisung umkehrten und wieder in die Wüste zogen, auf dem Weg zum Schilfmeer. Damit erfüllte sich der Befehl, den Gott nach der Auflehnung bei Kadesch-Barnea gegeben hatte (5. Mose 1,40). Anstatt weiter nach Kanaan vorzudringen, führte ihr Weg zunächst von dem erhofften Ziel weg. Diese Umkehr war keine gewöhnliche Änderung der Reiseroute. Sie stand im Zusammenhang mit dem göttlichen Urteil über jene Generation, die sich geweigert hatte, seiner Verheißung zu vertrauen. Die Israeliten mussten nun einen Weg gehen, den sie durch ihren früheren Ungehorsam selbst notwendig gemacht hatten.
Die Erwähnung des Schilfmeeres erinnert an den Auszug aus Ägypten, als Gott Israel vor dem Heer des Pharaos gerettet hatte (2. Mose 14,21–31). Allerdings bedeutet die Bezeichnung in 5. Mose 2,1 nicht, dass das Volk erneut an dieselbe Stelle zurückkehrte oder das Meer ein zweites Mal durchqueren musste. Der Ausdruck beschreibt hier die Richtung einer Wüstenroute, die wahrscheinlich zum Gebiet des heutigen Golfs von Akaba führte. Der genaue Verlauf lässt sich anhand der überlieferten Angaben nicht vollständig rekonstruieren. Der Bericht in 4. Mose 21,4 erwähnt ebenfalls den Weg zum Schilfmeer im Zusammenhang mit der Umgehung Edoms. Diese Angaben helfen, die ungefähre geografische Richtung zu verstehen, erlauben aber keine lückenlose Rekonstruktion sämtlicher Wanderbewegungen.
Mose erklärt weiter, dass die Israeliten das Gebirge Seir lange Zeit umzogen. Seir bezeichnet ein ausgedehntes Bergland südöstlich des Toten Meeres, das in der Bibel besonders mit den Nachkommen Esaus verbunden wird (1. Mose 36,8–9). Das Volk hielt sich somit in einer Region auf, die außerhalb des eigentlichen verheißenen Landes lag. Die Formulierung beschreibt eine längere Zeit des Umherziehens beziehungsweise der Bewegung um dieses Bergland. Sie bedeutet nicht zwingend, dass Israel ununterbrochen denselben Kreis zurücklegte oder sich während sämtlicher vierzig Jahre ausschließlich dort aufhielt. Auch die einzelnen Aufenthaltsorte und ihre genaue zeitliche Abfolge werden hier nicht genannt. Mose fasst vielmehr einen langen Abschnitt der Wüstengeschichte in wenigen Worten zusammen, weil er seinen Zuhörern vor allem erklären möchte, weshalb Israel schließlich einen neuen Auftrag erhielt.
Wie lange die frühere Generation noch unterwegs gewesen war, wird erst später genauer eingeordnet. Nach Vers 14 vergingen vom Aufbruch aus Kadesch-Barnea bis zum Übergang über den Bach Sered achtunddreißig Jahre. In dieser Zeit starben die Männer der Generation, über die Gott nach der Kundschafterkrise sein Urteil ausgesprochen hatte. Der lange Umweg war deshalb eng mit einer grundlegenden Veränderung innerhalb des Volkes verbunden. Die Kinder, die ihre Eltern einst vor den Gefahren Kanaans bewahren wollten, waren inzwischen erwachsen geworden. An ihnen sollte sich die Verheißung erfüllen, dass die nächste Generation das Land betreten würde. Dennoch bedeutet die lange Wüstenzeit nicht, dass Gott die Israeliten sich selbst überlassen hatte. Mose erinnert in Vers 7 ausdrücklich daran, dass der Herr während dieser vierzig Jahre bei ihnen gewesen war und sie versorgt hatte. Selbst unter den Folgen ihres Ungehorsams blieb Israel ein Volk, dessen Geschichte Gott weiterführte.
In Vers 2 tritt nun eine entscheidende Veränderung ein. Gott spricht erneut zu Mose und erklärt: „Ihr habt nun lange genug dieses Gebirge umzogen; wendet euch gegen Mitternacht!“ (Vers 3). Mit „Mitternacht“ ist in der älteren deutschen Ausdrucksweise die Himmelsrichtung Norden gemeint. Der Befehl weist Israel damit eine neue Marschrichtung. Die lange Zeit des Umherziehens sollte enden, und das Volk durfte wieder auf dem Weg zu seiner eigentlichen Bestimmung voranschreiten. Bemerkenswert ist, dass die Entscheidung über diesen Zeitpunkt nicht von Israel selbst ausging. Weder die Ungeduld des Volkes noch seine eigenen Pläne bestimmten, wann es weiterziehen durfte. Gott selbst gab die Anweisung, den bisherigen Weg zu verlassen und eine neue Richtung einzuschlagen.
Dabei fällt eine sprachliche Verbindung zum ersten Kapitel auf. Schon am Horeb hatte Gott erklärt, Israel sei lange genug an diesem Berg gewesen und solle weiterziehen (5. Mose 1,6–7). Nun verwendet er gegenüber dem Gebirge Seir eine ganz ähnliche Aufforderung. In beiden Fällen beendet Gottes Wort einen längeren Aufenthalt und eröffnet die nächste Etappe. Doch die geschichtlichen Hintergründe unterscheiden sich deutlich. Am Horeb hatte Israel seine Gebote empfangen und war für den weiteren Weg vorbereitet worden. Die lange Wanderung um Seir stand dagegen im Zusammenhang mit dem Gericht über die ungehorsame Generation. Dass Gott nun erneut zum Aufbruch rief, zeigte, dass dieses Urteil nicht das endgültige Ende seiner Verheißung bedeutete. Die nächste Generation sollte den Weg fortsetzen, auf dem ihre Eltern gescheitert waren.
Damit führt Mose seine Zuhörer an den Beginn eines neuen Abschnitts ihrer Geschichte. Nach Jahren des Wartens und Umherziehens erhielt Israel wieder einen klaren Auftrag. Doch der Weg nach Norden bedeutete nicht, dass das Volk nun jedes Gebiet betreten oder erobern durfte, das vor ihm lag. Schon die nächsten Anweisungen machten deutlich, dass Gott auch den Besitz anderer Völker achtete und Israel bestimmte Grenzen setzte. Besonders im Umgang mit den Nachkommen Esaus sollte sich zeigen, dass Gehorsam nicht nur darin bestand, mutig voranzugehen, sondern ebenso darin, auf Macht und Besitz zu verzichten, wo Gott sie nicht zugesprochen hatte.
5. Mose 2,4–8
Edom: Rücksicht auf die Nachkommen Esaus und Gottes Versorgung
Auf dem Weg nach Norden sollten die Israeliten einem Volk begegnen, mit dem sie durch ihre eigene Familiengeschichte eng verbunden waren. In Vers 4 bezeichnet Gott die Bewohner des Gebirges Seir ausdrücklich als ihre Brüder, die Nachkommen Esaus. Esau war der Zwillingsbruder Jakobs, dessen Nachkommen das Volk Israel bildeten (1. Mose 25,24–26). Obwohl sich die Wege der beiden Brüder getrennt hatten und aus ihren Familien unterschiedliche Völker hervorgegangen waren, blieb diese verwandtschaftliche Verbindung bestehen. Die Edomiter waren deshalb für Israel nicht einfach ein fremdes Volk unter vielen anderen. Ihre gemeinsame Herkunft sollte auch im Umgang miteinander berücksichtigt werden. Gott erinnerte die Israeliten damit daran, dass sie bei ihrem weiteren Weg nicht nur ihre eigenen Interessen beachten durften, sondern auch die Rechte ihrer Nachbarn respektieren mussten.
Bemerkenswert ist, dass Gott zugleich ankündigt, die Edomiter würden sich vor Israel fürchten. Die Israeliten waren inzwischen ein zahlreiches Volk, das sich mit seinen Familien, Herden und bewaffneten Männern durch die Region bewegte. Für die Bewohner eines benachbarten Gebietes konnte eine solche Wanderbewegung durchaus bedrohlich erscheinen. Doch gerade weil Gott mit Furcht aufseiten der Edomiter rechnete, warnte er Israel ausdrücklich davor, unbedacht zu handeln. Die mögliche Überlegenheit oder der Schrecken, den Israel bei anderen auslöste, verlieh ihm kein Recht, diese Menschen anzugreifen. Stattdessen sollte das Volk besonders vorsichtig sein. Die Aufforderung zeigt, dass Gottes Führung nicht bedeutete, jede sich bietende Gelegenheit zur Ausdehnung der eigenen Macht zu nutzen.
In Vers 5 begründet Gott dieses Verbot mit einer bemerkenswerten Aussage: Er hatte das Gebirge Seir bereits Esau zum Besitz gegeben. Deshalb sollte Israel nicht mit den Edomitern streiten, denn Gott würde ihm von ihrem Land nicht einmal einen Fußbreit überlassen. Damit wird die Landverheißung an Israel in einen größeren Zusammenhang gestellt. Gott hatte Abraham, Isaak und Jakob bestimmte Zusagen gemacht, aber daraus folgte nicht, dass sämtliche umliegenden Gebiete den Israeliten gehörten. Auch die Nachkommen Esaus hatten ein Land erhalten, das Gott ihnen zugewiesen hatte. Bereits 1. Mose 36,8–9 verbindet Esau mit dem Gebirge Seir und beschreibt ihn als Stammvater der Edomiter. Die göttliche Zuweisung dieses Gebietes wird hier ausdrücklich bestätigt. Israel musste daher anerkennen, dass die eigene Berufung durch Gott nicht zur Missachtung des Besitzes anderer berechtigte.
Diese Aussage gewinnt zusätzliche Bedeutung, wenn man an die Geschichte von Jakob und Esau zurückdenkt. Bereits vor ihrer Geburt hatte Gott angekündigt, dass aus den beiden Brüdern zwei unterschiedliche Völker hervorgehen würden (1. Mose 25,23). Die besondere Verheißungslinie sollte über Jakob weitergeführt werden, doch Esau blieb nicht ohne Nachkommen oder eigenen Lebensraum. Seine Familie entwickelte sich ebenfalls zu einem Volk mit eigenen Oberhäuptern und einem eigenen Siedlungsgebiet (1. Mose 36,15–19.31–43). Das zweite Kapitel des fünften Buches Mose macht nun deutlich, dass Israel die besondere Erwählung Jakobs nicht als Begründung verwenden durfte, Esaus Nachkommen ihr Land wegzunehmen. Gottes unterschiedliche Aufträge an die beiden Völker sollten geachtet werden. Daraus ergibt sich eine wichtige Einsicht: Eine besondere Verantwortung innerhalb von Gottes Plan bedeutet nicht, dass andere Menschen oder Völker grundsätzlich ohne Rechte oder ohne Bedeutung vor ihm wären.
Wie dieser respektvolle Umgang praktisch aussehen sollte, erklärt Vers 6. Die Israeliten sollten Nahrung und Wasser von den Edomitern gegen Bezahlung erwerben. Sie durften also nicht einfach die Vorräte oder Ressourcen der Bewohner beanspruchen, nur weil sie selbst auf der Durchreise waren. Gerade in einer trockenen Landschaft besaß Wasser einen hohen Wert. Brunnen und Wasserstellen konnten für die Versorgung ganzer Siedlungen und ihrer Herden entscheidend sein. Dass Gott ausdrücklich den Kauf von Wasser und Lebensmitteln anordnete, zeigt, wie ernst die Eigentumsrechte der Bewohner genommen werden sollten. Die Israeliten mussten ihre Bedürfnisse nicht verleugnen, sollten sie aber auf eine Weise decken, die den Menschen des Landes keinen ungerechtfertigten Schaden zufügte. Gottes Auftrag verlangte damit nicht nur den Verzicht auf militärische Gewalt, sondern auch einen geordneten und ehrlichen Umgang mit den benötigten Gütern.
Dabei fällt auf, dass Gott diese Anweisung unmittelbar mit einer Erinnerung an seine bisherige Versorgung verbindet. In Vers 7 erklärt Mose, dass der Herr Israel bei seinem gesamten Tun gesegnet und auf seine Wanderung durch die große Wüste geachtet hatte. Während der vergangenen vierzig Jahre war Gott mit seinem Volk gewesen, sodass es ihm an nichts Wesentlichem gefehlt hatte. Diese Aussage bedeutet nicht, dass die Israeliten niemals Hunger, Durst oder andere Schwierigkeiten erlebt hätten. Die biblischen Berichte erzählen ausdrücklich von Zeiten, in denen Nahrung und Wasser fehlten oder das Volk sich vor Gefahren fürchtete. Dennoch hatte Gott immer wieder für die notwendige Versorgung gesorgt. Er ließ Manna vom Himmel kommen (2. Mose 16,4–5), schenkte Wasser in der Wüste (2. Mose 17,5–6) und bewahrte Israel während seiner langen Wanderung. Die Zusammenfassung in Vers 7 betrachtet diese Erfahrungen rückblickend und betont, dass Gott sein Volk trotz aller Schwierigkeiten nicht verlassen hatte.
Gerade im Zusammenhang mit dem geforderten Kauf von Lebensmitteln erhält diese Erinnerung einen besonderen Sinn. Israel sollte nicht glauben, es müsse sich nehmen, was es benötigte, weil Gott möglicherweise nicht ausreichend für seine Zukunft sorgen würde. Der Herr hatte das Volk vierzig Jahre lang erhalten und war auch weiterhin in der Lage, es auf seinem Weg zu versorgen. Die eigene Versorgung rechtfertigte deshalb keinen Angriff auf die Nachbarn. Zugleich bedeutet Gottes bisherige Hilfe nicht, dass Israel die angebotenen menschlichen Möglichkeiten ablehnen sollte. Nahrung und Wasser zu kaufen war ein gewöhnlicher, verantwortlicher Weg, die notwendigen Bedürfnisse zu decken. Gottes Fürsorge und menschliches Handeln standen hier nicht im Gegensatz zueinander. Vielmehr sollten die Israeliten die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel in einer Weise nutzen, die mit seinen Geboten vereinbar war.
Ein Vergleich mit 4. Mose 20,14–21 zeigt allerdings, dass das Verhältnis zwischen Israel und Edom keineswegs frei von Spannungen war. Dort berichtet die Bibel, dass Mose Boten zum König von Edom sandte und um die Erlaubnis bat, dessen Land zu durchqueren. Die Israeliten versprachen, weder Felder noch Weinberge zu betreten und für benötigtes Wasser zu bezahlen. Der König verweigerte jedoch den Durchzug und drohte schließlich mit militärischer Gewalt, woraufhin Israel auswich. In 5. Mose 2 steht dagegen die göttliche Anweisung im Vordergrund, die Edomiter nicht anzugreifen und benötigte Güter zu bezahlen. Beide Darstellungen lassen sich insofern miteinander verbinden, als Israel das Kerngebiet Edoms umgangen haben und dennoch an seinen Grenzen mit Edomitern Handel getrieben haben könnte. Der genaue Ablauf sämtlicher Begegnungen wird jedoch nicht vollständig beschrieben. Deshalb sollte weder behauptet werden, die Edomiter hätten Israel uneingeschränkt durch ihr Land ziehen lassen, noch, dass jeder wirtschaftliche Kontakt zwischen den beiden Völkern ausgeschlossen gewesen wäre.
In Vers 8 setzt Mose seinen Reisebericht fort. Israel zog an den Nachkommen Esaus vorbei und verließ die Route, die mit der Araba sowie den Orten Elat und Ezjon-Geber verbunden war. Die Araba bezeichnet eine große Niederungslandschaft, die sich südlich des Toten Meeres bis zum Golf von Akaba erstreckt. Elat und Ezjon-Geber lagen im Bereich des nördlichen Endes dieses Meerbusens, wobei ihre genauen antiken Standorte nicht in allen Einzelheiten sicher bestimmt werden können. Diese Angaben helfen, die südliche Umgehung des edomitischen Gebietes geografisch einzuordnen. Anschließend wandten sich die Israeliten dem Weg in Richtung der Wüste Moabs zu. Damit rückten sie einem weiteren Gebiet näher, dessen Bewohner durch ihre Abstammung mit der Geschichte Abrahams verbunden waren.
Der Weg an Edom vorbei zeigt, dass Israel auch dann unter Gottes Führung stand, wenn es auf einen möglichen kürzeren Durchzug verzichten musste. Die Israeliten durften ihre Nachbarn nicht einfach als Hindernisse behandeln, die mit Gewalt beseitigt werden konnten. Sie mussten einen anderen Weg nehmen und dabei die Grenzen beachten, die Gott selbst gesetzt hatte. Seine Verheißung an Israel blieb bestehen, doch sie gab dem Volk kein uneingeschränktes Recht, sich nach eigenem Ermessen fremdes Land anzueignen. Nachdem die Israeliten das Gebiet der Nachkommen Esaus hinter sich gelassen hatten, begegnete ihnen in Moab derselbe Grundsatz erneut. Auch dort hatte Gott einem anderen Volk einen eigenen Lebensraum zugewiesen, den Israel respektieren sollte.
5. Mose 2,9–15
Moab: Gottes Schutz für ein anderes Volk und das Ende der Wüstengeneration
Nachdem Israel das Gebiet der Edomiter umgangen hatte, führte der weitere Weg in die Nähe von Moab. Auch hier erhielt Mose eine ausdrückliche Anweisung Gottes. In Vers 9 verbot der Herr den Israeliten, die Moabiter anzugreifen oder einen Krieg mit ihnen zu beginnen. Als Begründung erklärte er, dass er ihnen keinen Teil dieses Landes zum Besitz geben werde. Das Gebiet von Ar hatte er bereits den Nachkommen Lots zugewiesen. Damit begegnet uns derselbe Grundsatz, den Gott zuvor im Umgang mit Edom aufgestellt hatte: Die Verheißung an Israel bedeutete nicht, dass das Volk jedes Land beanspruchen durfte, das auf seinem Weg lag. Gott selbst bestimmte, welche Gebiete Israel erhalten sollte und welche Grenzen es respektieren musste.
Die Moabiter waren Nachkommen Lots, des Neffen Abrahams. Ihre Entstehungsgeschichte wird in 1. Mose 19,30–38 erzählt und steht im Zusammenhang mit den Ereignissen nach der Zerstörung Sodoms. Obwohl Lot und seine Nachkommen nicht zur unmittelbaren Linie der Verheißung gehörten, die über Abraham, Isaak und Jakob weitergeführt wurde, hatte sich aus seiner Familie ein eigenes Volk entwickelt. Dieses besaß östlich des Toten Meeres ein Siedlungsgebiet, das Israel nicht gewaltsam an sich bringen sollte. Ar bezeichnet dabei einen Ort beziehungsweise ein Gebiet im moabitischen Land. Die genaue Lage und die Ausdehnung des damit bezeichneten Bereichs lassen sich nicht in allen Einzelheiten bestimmen. Für Moses Erklärung ist vor allem entscheidend, dass Gott diesen Besitz ausdrücklich den Nachkommen Lots zugeordnet hatte.
Bemerkenswert ist, dass die Moabiter damit nicht aufgrund einer besonderen moralischen Überlegenheit geschützt wurden. Die späteren biblischen Berichte erzählen von schweren Konflikten zwischen Israel und Moab und sprechen auch von göttlichem Gericht über dieses Volk. Dennoch hatte Israel in dieser Situation kein Recht, einen Eroberungskrieg gegen Moab zu führen. Gottes Verbot galt unabhängig davon, ob die Israeliten ihre Nachbarn als freundlich, zuverlässig oder religiös vorbildlich betrachteten. Ihre eigene Berufung erlaubte ihnen nicht, fremde Gebiete nach Belieben zu beanspruchen. Gerade auf dem Weg zum verheißenen Land mussten sie lernen, zwischen dem Besitz zu unterscheiden, den Gott ihnen zugesagt hatte, und dem Land, das er anderen überlassen hatte.
In den Versen 10 und 11 unterbricht der Bericht die eigentliche Reiseerzählung und richtet den Blick auf die frühere Geschichte Moabs. Dort hatten einst die Emiter gelebt, ein Volk, das als zahlreich, groß und hochgewachsen beschrieben wird. Der Text vergleicht sie mit den Enakitern, deren Größe bereits bei der Kundschaftergeschichte eine wichtige Rolle gespielt hatte (5. Mose 1,28). Die Emiter werden außerdem zu den Rephaitern gerechnet, einer alten Bevölkerungsgruppe, die in verschiedenen biblischen Berichten erwähnt wird. Der Name Emiter war die Bezeichnung, unter der die Moabiter diese früheren Bewohner kannten. Die genaue Herkunft des Namens ist nicht sicher geklärt. Auch über ihre Sprache, ihre gesellschaftliche Ordnung und ihre geschichtliche Entwicklung wissen wir nur wenig.
Diese Angaben gewinnen ihre besondere Bedeutung durch die Erinnerung an Israels frühere Angst. Bei Kadesch-Barnea hatten die Kundschafter von mächtigen Bewohnern und hochgewachsenen Menschen berichtet. Die Israeliten waren dadurch so eingeschüchtert worden, dass sie den Einzug in das verheißene Land verweigerten. Nun erinnert Mose daran, dass auch andere Gebiete früher von Völkern bewohnt gewesen waren, die als außergewöhnlich groß und stark galten. Trotzdem hatten sich dort später andere Völker niedergelassen. Der Vergleich lässt erkennen, dass die Anwesenheit mächtiger Bewohner nicht zwangsläufig bedeutete, dass eine Veränderung der Herrschaft unmöglich war. Allerdings behauptet der Text nicht, die Emiter und Enakiter seien in jeder Hinsicht dasselbe Volk gewesen. Er stellt sie hinsichtlich ihrer Größe und ihrer Einordnung unter die Rephaiter nebeneinander. Weitergehende Aussagen über ihre genaue Abstammung wären nicht ausreichend belegt.
Der Begriff Rephaiter verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Im Hebräischen kann eine ähnlich lautende Bezeichnung in anderen Zusammenhängen auch für Verstorbene in der Unterwelt verwendet werden, etwa in poetischen Texten wie Jesaja 14,9. In 5. Mose 2 geht es jedoch um frühere Bewohner bestimmter Landgebiete. Die Emiter werden als Menschen beschrieben, die in Moab lebten, bevor andere Bevölkerungsgruppen dort ansässig wurden. Deshalb wäre es falsch, aus der Namensähnlichkeit eine übernatürliche Herkunft dieser Menschen abzuleiten. Ebenso wenig erlaubt der Vergleich mit den Enakitern die Behauptung, sämtliche Angehörigen dieser Gruppen hätten eine außergewöhnliche, genau bestimmbare Körpergröße besessen. Die biblische Aussage betrifft ihre überlieferte Größe, ihre große Zahl und ihre frühere Bedeutung als Bewohner des Landes.
In Vers 12 führt Mose ein weiteres Beispiel an. Im Gebirge Seir hatten vor den Nachkommen Esaus die Horiter gelebt. Die Edomiter hatten diese früheren Bewohner verdrängt und waren an ihre Stelle getreten. Die Horiter werden bereits in 1. Mose 14,6 und 36,20–30 erwähnt. Ihre genaue geschichtliche Identität ist allerdings nicht vollständig geklärt. Der Name wird gelegentlich mit Höhlenbewohnern in Verbindung gebracht; andere Forscher erwägen Beziehungen zu den aus altorientalischen Quellen bekannten Hurritern. Keine dieser Erklärungen ist jedoch allein aufgrund des biblischen Namens sicher bewiesen. Deshalb sollten wir die Horiter zunächst als jene frühere Bevölkerungsgruppe verstehen, die der Text ausdrücklich mit dem Gebirge Seir verbindet.
Die Erwähnung ihrer Vertreibung eröffnet einen weiteren geschichtlichen Zusammenhang. Edom und Moab waren nicht seit jeher von denselben Menschen bewohnt worden. Schon vor Israels bevorstehender Landnahme hatten sich in dieser Region Herrschaftsverhältnisse verändert, Bevölkerungsgruppen waren verdrängt worden und andere hatten deren Gebiete übernommen. Mose erinnert daran, dass auch die Nachkommen Esaus ihr Land erst im Verlauf einer solchen Entwicklung erhalten hatten. Diese Geschichte zeigt, dass Israels Weg nicht isoliert betrachtet werden darf. Auch andere Völker besaßen eine Vergangenheit, in der Wanderungen, Kämpfe und Veränderungen ihres Siedlungsgebietes eine Rolle gespielt hatten. Der biblische Bericht stellt solche Entwicklungen in den größeren Zusammenhang von Gottes Herrschaft über die Geschichte.
Am Ende von Vers 12 folgt ein bemerkenswerter Vergleich: Die Einnahme des früher von den Horitern bewohnten Gebietes durch die Nachkommen Esaus wird mit Israels Besitznahme des Landes verbunden, das Gott ihm gegeben hatte. Da Mose seine Rede zu einer Zeit hielt, als Israel das Gebiet östlich des Jordans bereits teilweise erobert hatte, kann sich dieser Rückblick auf die Siege über Sihon und Og beziehen, die später im fünften Buch Mose ausführlicher behandelt werden (5. Mose 2,24–3,17). Andere Ausleger verstehen die Formulierung als einen späteren erklärenden Rückblick aus der Zeit nach der Landnahme Kanaans. Welche Entstehungsperspektive im Einzelnen vorliegt, lässt sich aus dem Vers allein nicht abschließend entscheiden. Entscheidend ist die gemeinsame Aussage: Auch Israel sollte seinen Landbesitz nicht als Ergebnis uneingeschränkter eigener Macht verstehen, sondern als etwas, das der Herr ihm zugewiesen hatte.
Nach diesem Rückblick auf die früheren Bewohner der Region kehrt Mose in Vers 13 zur eigentlichen Wanderung zurück. Gott befahl den Israeliten, aufzubrechen und den Bach Sered zu überschreiten. Der Sered war ein Wasserlauf beziehungsweise ein Tal im Gebiet südöstlich des Toten Meeres. Er wird gewöhnlich mit dem heutigen Wadi al-Hasa in Verbindung gebracht, auch wenn Einzelheiten der antiken Wegführung unsicher bleiben. Der Übergang über diesen Bach war geografisch ein weiterer Schritt auf dem Weg nach Norden. Innerhalb der Erzählung besitzt er jedoch eine noch tiefere Bedeutung, denn Mose verbindet gerade diesen Ort mit dem Ende eines langen Abschnitts der Wüstengeschichte.
In Vers 14 nennt er die Zeit, die seit dem Aufbruch von Kadesch-Barnea vergangen war: achtunddreißig Jahre. Diese Angabe ergänzt die bereits bekannte vierzigjährige Wüstenzeit, die vom Auszug aus Ägypten her gerechnet wird. Beide Zahlen beschreiben unterschiedliche Ausgangspunkte und stehen deshalb nicht im Widerspruch zueinander. Der Übergang über den Sered erfolgte, nachdem die Generation der waffenfähigen Männer, die sich damals gegen den Einzug nach Kanaan aufgelehnt hatte, gestorben war. Damit erfüllte sich das Urteil, das Gott nach der Kundschafterkrise ausgesprochen hatte (4. Mose 14,26–35). Die lange Zeit des Umherziehens war nicht zufällig vergangen. Sie stand in einem ausdrücklichen Zusammenhang mit der Weigerung jener Generation, Gottes Wort zu vertrauen.
Die Bezeichnung der Kriegsleute ist hier wichtig. Gemeint sind die Männer jener verantwortlichen Generation, die bei der früheren Musterung zum Kriegsdienst gezählt worden waren und unter das Gericht gefallen waren. In 4. Mose 14,29 wird das Urteil ausdrücklich mit den Männern ab zwanzig Jahren verbunden, die sich gegen Gott aufgelehnt hatten. Kaleb und Josua bildeten die ausdrücklich genannten Ausnahmen. Mose selbst lebte ebenfalls noch, durfte das Land jedoch aus einem anderen, später genannten Grund nicht betreten. Der Text sagt somit nicht, dass während der achtunddreißig Jahre sämtliche älteren Israeliten unterschiedslos gestorben seien oder dass die ganze Gemeinschaft ausgelöscht worden wäre. Vielmehr hatte sich die Zusammensetzung des Volkes verändert. Eine neue Generation war herangewachsen, während die Männer, über die Gott damals sein Urteil ausgesprochen hatte, nicht mehr unter ihnen waren.
Vers 15 verstärkt diese Aussage noch einmal. Mose erklärt, dass die Hand des Herrn gegen die verurteilten Männer gerichtet gewesen war, bis sie aus dem Lager verschwunden waren. Die Formulierung schreibt das Geschehen ausdrücklich Gottes Gericht zu. Sie bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass jeder einzelne dieser Männer durch ein plötzliches übernatürliches Strafereignis ums Leben kam. Der Bericht fasst vielmehr das Ergebnis der vergangenen Jahre zusammen: Die angekündigte Generation war gestorben, und damit war das zuvor ausgesprochene Urteil geschichtlich vollzogen. Wie bereits in 4. Mose 14 bleibt dabei eine wichtige Unterscheidung bestehen. Dass diese Menschen das verheißene Land nicht betreten durften, lässt nicht automatisch erkennen, welches endgültige ewige Schicksal jeder Einzelne von ihnen haben wird.
Der Übergang über den Sered markiert deshalb mehr als das Erreichen eines neuen geografischen Abschnitts. Nach Jahrzehnten war jene Generation verschwunden, deren Unglaube den früheren Einzug verhindert hatte. Gottes Ankündigung hatte sich erfüllt, doch seine Verheißung an die Nachkommen Abrahams war bestehen geblieben. Die Kinder der damaligen Israeliten waren inzwischen erwachsen und mussten nun selbst lernen, auf Gottes Führung zu antworten. Sie konnten die Entscheidungen ihrer Eltern nicht ungeschehen machen, aber sie waren auch nicht dazu bestimmt, deren Auflehnung zwangsläufig zu wiederholen. Vor ihnen lag eine neue Möglichkeit, den Weg fortzusetzen, den Gott seinem Volk zugesagt hatte.
Damit bereitet Mose den nächsten Abschnitt seiner Rede vor. Nachdem die frühere Generation nicht mehr im Lager war, erhielt Israel weitere Anweisungen für seinen Weg durch das Gebiet östlich des Toten Meeres. Auch beim Umgang mit den Ammonitern, einem weiteren Volk aus der Nachkommenschaft Lots, sollte deutlich werden, dass Gott die Geschichte und die Grenzen der Völker nicht allein aus der Sicht Israels betrachtete. Erst danach würde sich für die Israeliten die Gelegenheit eröffnen, unter seinem ausdrücklichen Auftrag selbst ein Gebiet einzunehmen.
5. Mose 2,16–23
Ammon und die früheren Völker: Gottes Handeln über Israel hinaus
Mit dem Tod der früheren Kriegsgeneration war ein entscheidender Abschnitt der Geschichte Israels zu Ende gegangen. In den Versen 16 und 17 berichtet Mose, dass Gott erneut zu ihm sprach, nachdem die Männer, über die das Urteil bei Kadesch-Barnea ergangen war, gestorben waren. Damit setzt der Bericht die Reise unter veränderten Voraussetzungen fort. Die neue Generation sollte nun den Weg zum verheißenen Land weitergehen. Doch bevor Israel selbst ein Gebiet einnehmen durfte, musste es noch einmal lernen, dass Gottes Herrschaft nicht auf das eigene Volk beschränkt war. Auch die Geschichte und die Besitzrechte anderer Völker standen unter seiner Autorität.
In Vers 18 kündigt Gott an, dass Israel an diesem Tag die Grenze Moabs bei Ar passieren werde. Die genaue Formulierung bezeichnet den weiteren Weg durch den Grenzbereich des moabitischen Gebietes. Ar war bereits im vorherigen Abschnitt als Teil des Landes genannt worden, das Gott den Nachkommen Lots gegeben hatte. Von dort aus führte der Weg in die Nähe der Ammoniter, deren Siedlungsgebiet weiter nordöstlich lag. Damit erreichten die Israeliten die Umgebung eines weiteren Volkes, das durch gemeinsame Vorfahren mit ihrer eigenen Geschichte verbunden war. Die Ammoniter stammten ebenso wie die Moabiter von Lot ab, dem Neffen Abrahams (1. Mose 19,36–38). Trotz dieser Verwandtschaft hatten sich beide Völker unabhängig von Israel entwickelt und besaßen eigene Herrschaftsgebiete.
Auch gegenüber den Ammonitern erteilte Gott einen ausdrücklichen Befehl: Israel durfte sie weder angreifen noch einen Krieg gegen sie beginnen (Vers 19). Der Grund entsprach dem Verbot, das zuvor für Edom und Moab gegolten hatte. Gott erklärte, dass er das Land den Nachkommen Lots zum Besitz gegeben hatte. Deshalb sollte Israel keinen Teil davon beanspruchen. Auffällig ist, dass Gott diese Grenzen gerade zu einem Zeitpunkt bestätigte, als Israel wieder auf dem Weg zu seinem eigenen Erbteil war. Die bevorstehende Landnahme sollte nicht zu einem uneingeschränkten Eroberungszug werden. Das Volk musste zwischen Gebieten unterscheiden, die ihm ausdrücklich zugesprochen waren, und solchen, auf die es keinen göttlichen Anspruch erhalten hatte. Die Verheißung an Abraham und seine Nachkommen hob die Besitzrechte anderer Völker nicht auf.
Diese Unterscheidung wird später noch einmal wichtig. In 5. Mose 3,16 und Josua 13,25 wird beschrieben, wie Gebiete östlich des Jordans an israelitische Stämme verteilt wurden. Dabei begegnet auch die Bezeichnung eines Landes der Ammoniter. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Israel entgegen dem ausdrücklichen Verbot aus 5. Mose 2,19 das damalige Kerngebiet Ammons eroberte. Territoriale Bezeichnungen konnten sich auf ehemals zugehörige oder umstrittene Gebiete beziehen. Richter 11,12–27 zeigt später, dass gerade die Frage, wem bestimmte Landstriche ursprünglich gehört hatten, zu einem Konflikt zwischen Israel und Ammon führte. Der vorliegende Abschnitt setzt zunächst eine eindeutige Grenze: Israel sollte die Ammoniter nicht angreifen, um sich ihr Land anzueignen.
Anschließend richtet sich der Blick erneut auf die früheren Bewohner dieser Region. In Vers 20 erklärt Mose, dass auch das Land der Ammoniter einst von Rephaitern bewohnt gewesen war. Die Ammoniter bezeichneten diese Menschen als Samsummiter. Wie bereits bei den Emitern im Gebiet Moabs handelt es sich um eine alte Bevölkerungsgruppe, über deren genaue geschichtliche Herkunft nur wenige gesicherte Informationen vorliegen. Der Name Samsummiter begegnet in dieser Form im biblischen Text nur hier. Deshalb lassen sich weder ihre Sprache noch ihre gesellschaftliche Ordnung oder ihre genaue Verbindung zu anderen bekannten Völkern zuverlässig bestimmen. Die Erwähnung zeigt zunächst, dass die Ammoniter vor ihrer eigenen Ansiedlung auf eine bereits bewohnte Landschaft trafen.
Vers 21 beschreibt die Samsummiter als ein zahlreiches, starkes und hochgewachsenes Volk, vergleichbar mit den Enakitern. Diese Ähnlichkeit knüpft an die früheren Beschreibungen mächtiger Bewohner Kanaans an. Doch auch hier ist Vorsicht notwendig. Die Bezeichnung Rephaiter ist kein sicherer Nachweis für eine übernatürliche Abstammung, und die Beschreibung großer Menschen liefert keine exakten Körpermaße. Ebenso wenig dürfen sämtliche in der Bibel genannten Rephaiter, Emiter, Samsummiter und Enakiter ohne weitere Begründung zu einem einzigen, genau bestimmbaren Volk zusammengefasst werden. Der Text verbindet sie aufgrund überlieferter Eigenschaften und ihrer Bedeutung als frühere Bewohner verschiedener Gebiete. Ihr geschichtlicher Hintergrund bleibt in vielen Einzelheiten offen.
Der entscheidende Gedanke folgt in derselben Aussage: Gott hatte die früheren Bewohner vor den Ammonitern vertilgt, sodass diese das Land einnehmen und sich dort niederlassen konnten. Damit wird die Geschichte Ammons ausdrücklich in den Zusammenhang göttlichen Handelns gestellt. Die Ammoniter hatten ihr Gebiet nach dieser Darstellung nicht ausschließlich aufgrund eigener Stärke erhalten. Gott hatte ihnen die Möglichkeit eröffnet, dort zu wohnen. Bemerkenswert ist, dass diese Aussage über ein Volk gemacht wird, das nicht zum Bund Israels am Sinai gehörte. Der Herr wird damit nicht nur als der Gott dargestellt, der Israel aus Ägypten führte und ihm ein Land versprach. Auch die geschichtlichen Veränderungen unter anderen Völkern werden seiner Herrschaft zugeordnet.
In Vers 22 zieht Mose einen unmittelbaren Vergleich zu den Nachkommen Esaus. Als diese sich im Gebirge Seir niederließen, hatten zuvor die Horiter dort gelebt. Gott hatte auch ihnen ermöglicht, die früheren Bewohner zu verdrängen und deren Gebiet einzunehmen. Der Bericht verwendet damit zwei Beispiele, um zu zeigen, dass die Ansiedlung eines Volkes und die Veränderung von Besitzverhältnissen nicht allein aus der Perspektive Israels betrachtet werden dürfen. Die Edomiter und Ammoniter hatten ebenfalls eine Geschichte, in der Gott nach der biblischen Darstellung gehandelt hatte. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Vertreibung oder Eroberung in der gesamten Menschheitsgeschichte automatisch Gottes Zustimmung besitzt. Hier werden bestimmte vergangene Ereignisse ausdrücklich in diesen Zusammenhang gestellt. Eine allgemeine Erlaubnis, fremde Gebiete gewaltsam einzunehmen, lässt sich daraus nicht ableiten.
Der Rückblick auf die Horiter ergänzt außerdem die frühere Aussage aus Vers 12. Dort hatte Mose bereits erwähnt, dass die Nachkommen Esaus die früheren Bewohner Seirs verdrängt hatten. Nun wird diese Entwicklung nochmals aufgegriffen, diesmal als Vergleich zur Geschichte Ammons. Der Schwerpunkt liegt deshalb nicht auf einer zweiten ausführlichen Darstellung der Horiter, sondern auf dem gemeinsamen Zusammenhang: Verschiedene Völker hatten Gebiete erhalten, die zuvor anderen Bevölkerungsgruppen gehört hatten. Das erklärt, weshalb Gott Israel aufforderte, die bestehenden Grenzen zu achten. Die Israeliten sollten erkennen, dass sie nicht das einzige Volk waren, dessen Geschichte innerhalb der biblischen Darstellung mit göttlicher Führung verbunden wurde.
Ein drittes Beispiel führt Vers 23 an. Die Avviter hatten einst in Siedlungen gelebt, die sich bis in die Gegend von Gaza erstreckten. Gaza lag an der südlichen Mittelmeerküste Kanaans und wurde später zu einer bedeutenden Stadt der Philister. Nach dem biblischen Bericht wurden die Avviter von den Kaphthoritern verdrängt, die aus Kaphthor gekommen waren und sich in ihrem Gebiet niederließen. Auch hier beschreibt Mose also einen Wechsel der Bevölkerung und der Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet. Anders als bei den Ammonitern und Edomitern wird jedoch in diesem Vers nicht ausdrücklich gesagt, dass Gott selbst den Kaphthoritern dieses Land zugewiesen habe. Der Bericht erwähnt die geschichtliche Veränderung, ohne alle ihre Ursachen näher zu erklären.
Die Herkunft der Kaphthoriter ist eine weitere interessante, aber nicht vollständig geklärte Frage. In Amos 9,7 wird Kaphthor als Herkunftsgebiet der Philister genannt. Jeremia 47,4 verbindet die Philister ebenfalls mit Kaphthor. Deshalb liegt es nahe, zwischen den Kaphthoritern und der frühen Geschichte der Philister einen Zusammenhang zu sehen. Häufig wird Kaphthor mit Kreta oder einem Gebiet der ägäischen Welt in Verbindung gebracht. Die genaue geografische Zuordnung und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen werden jedoch weiterhin diskutiert. Aus den biblischen Angaben lässt sich nicht sicher ableiten, dass sämtliche Philister ausschließlich von einer einzigen Insel stammten oder dass ihre Entstehung auf eine einzelne Wanderung zurückzuführen wäre. Für 5. Mose 2 ist vor allem wichtig, dass die Geschichte der Küstenbewohner ebenfalls von Wanderungen, Konflikten und Veränderungen ihrer Siedlungsgebiete geprägt war.
Auf den ersten Blick mögen diese geschichtlichen Rückblicke wie eine Unterbrechung der eigentlichen Wanderung Israels erscheinen. Tatsächlich erweitern sie jedoch das Verständnis für die Welt, in die das Volk nun eintrat. Die Israeliten bewegten sich nicht durch ein Land ohne Vergangenheit. Um sie herum lebten Völker, deren Vorfahren ebenfalls gekämpft, Gebiete verloren, neue Wohnorte gefunden und eigene Herrschaften aufgebaut hatten. Manche dieser Entwicklungen stellt Mose ausdrücklich unter Gottes Handeln. Andere werden lediglich als geschichtliche Tatsachen erwähnt. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn nicht jedes berichtete Ereignis wird dadurch automatisch zu einem göttlichen Gebot oder zu einem Vorbild für späteres Handeln.
So vermitteln die Verse 16–23 einen umfassenderen Blick auf Gottes Herrschaft. Er hatte Israel eine besondere Aufgabe gegeben, doch seine Macht und sein Handeln reichten über die Grenzen dieses Volkes hinaus. Die Israeliten sollten die ihnen zugesagte Zukunft nicht zum Anlass nehmen, die Geschichte und die Rechte ihrer Nachbarn zu missachten. Gerade weil sie wussten, dass Gott ihnen ein eigenes Erbteil geben wollte, mussten sie anerkennen, dass er auch anderen Völkern Gebiete zugewiesen hatte. Ihre Berufung bestand darin, innerhalb der von ihm gesetzten Grenzen zu handeln.
Nach diesen Rückblicken verändert sich die Situation jedoch grundlegend. Bis hierher hatte Gott Israel wiederholt untersagt, gegen die umliegenden Völker Krieg zu führen. Nun erreichte das Volk das Gebiet des Amoriterkönigs Sihon. Dort sollte es erstmals auf diesem Abschnitt seiner Reise einen ausdrücklichen Auftrag erhalten, ein fremdes Herrschaftsgebiet einzunehmen. Warum Mose dennoch zunächst ein friedliches Durchzugsangebot unterbreitete und weshalb Sihon dieses zurückwies, wird in den folgenden Versen erklärt.
5. Mose 2,24–30
Sihon: Gottes Auftrag, das Friedensangebot und die Verhärtung seines Herzens
Nach den Begegnungen mit Edom, Moab und Ammon erreicht Israel einen entscheidenden Wendepunkt seiner Reise. Bis hierher hatte Gott dem Volk wiederholt untersagt, gegen die Bewohner bestimmter Gebiete Krieg zu führen. Nun ändert sich die Anweisung. In Vers 24 fordert der Herr die Israeliten auf, den Bach Arnon zu überschreiten und mit der Einnahme des Landes zu beginnen, das unter der Herrschaft Sihons, des Amoriterkönigs von Hesbon, stand. Dieser Auftrag unterscheidet sich ausdrücklich von den vorherigen Weisungen. Während Israel die Gebiete der Nachkommen Esaus und Lots respektieren musste, sollte es nun gegen einen König vorgehen, dessen Land Gott ihm zur Einnahme bestimmt hatte.
Der Arnon bildete eine wichtige natürliche Grenze im Gebiet östlich des Toten Meeres. Gewöhnlich wird er mit dem heutigen Wadi Mujib in Jordanien verbunden, einem tief eingeschnittenen Tal, das von Osten her zum Toten Meer führt. In der damaligen Zeit trennte dieser Wasserlauf das Gebiet Moabs von dem nördlich gelegenen Herrschaftsbereich Sihons. Der Vergleich mit 4. Mose 21,26 zeigt, dass Sihon zuvor selbst gegen einen früheren König von Moab Krieg geführt und einen Teil seines Landes erobert hatte. Die Gebietsverhältnisse hatten sich also bereits verändert, bevor Israel dort eintraf. Das ist wichtig, weil Gott den Israeliten einerseits untersagt hatte, Moab sein Land wegzunehmen, ihnen andererseits aber nun die Einnahme des von Sihon beherrschten Gebietes erlaubte. Die Bibel unterscheidet dabei zwischen dem Land, das damals unter moabitischer Herrschaft stand, und dem Gebiet, das sich bereits in Sihons Besitz befand.
Hesbon war das politische Zentrum dieses Amoriterkönigs. Die Stadt lag im Hochland östlich des Jordans und wird auch in späteren biblischen Berichten erwähnt. Von hier aus herrschte Sihon über ein Gebiet, das für Israels weiteren Weg von großer Bedeutung war. Der Befehl Gottes richtete sich deshalb nicht gegen einen einzelnen Reisenden oder eine zufällige Siedlung, sondern gegen einen bestehenden König mit eigenem Herrschaftsgebiet. Bemerkenswert ist, dass Gott den bevorstehenden Sieg bereits ankündigt, bevor der Kampf überhaupt begonnen hat. Er erklärt, Sihon samt seinem Land in Israels Hand gegeben zu haben. Die Formulierung stellt den Ausgang aus Gottes Sicht als feststehend dar, obwohl die Israeliten die angekündigte Eroberung erst noch durchführen mussten.
In Vers 25 verbindet Gott diesen Auftrag mit einer weiteren Ankündigung. Von diesem Tag an will er beginnen, Furcht und Schrecken vor Israel unter den Völkern zu verbreiten. Die Nachricht von Israels bevorstehenden Siegen sollte andere Völker erreichen und sie erkennen lassen, dass sie es nicht lediglich mit einem wandernden Volk ohne festen Wohnsitz zu tun hatten. Dabei verwendet der Text die weitreichende Formulierung von den Völkern „unter dem ganzen Himmel“. Solche umfassenden Wendungen können in der biblischen Sprache die Größe und Tragweite eines Ereignisses hervorheben. Daraus muss nicht geschlossen werden, dass buchstäblich jeder Mensch auf der gesamten Erde zur selben Zeit von Israel hören und sich vor ihm fürchten würde. Der unmittelbar folgende Zusammenhang betrifft zunächst die Völker, denen Israels Weg und seine militärischen Erfolge bekannt werden konnten.
Eine bemerkenswerte Verbindung findet sich später in Josua 2,9–11. Dort berichtet Rahab, dass die Bewohner Jerichos von Gottes Handeln an Israel gehört hatten. Sie erwähnt ausdrücklich die Siege über Sihon und Og, die beiden Amoriterkönige östlich des Jordans. Diese Nachrichten hatten nach ihren Worten die Bewohner des Landes erschreckt und ihren Mut schwinden lassen. Damit zeigt ein späterer biblischer Bericht, wie die angekündigte Furcht tatsächlich wirksam wurde. Israels Siege blieben nicht auf die eroberten Gebiete beschränkt, sondern veränderten auch die Erwartungen anderer Völker. Gleichzeitig macht Rahabs Geschichte deutlich, dass Furcht vor Gottes Macht nicht zwangsläufig zur Feindschaft führen musste. Sie selbst erkannte Gottes Handeln an und suchte Schutz bei den Israeliten.
Umso überraschender ist, was Mose in Vers 26 berichtet. Obwohl Gott ihm bereits befohlen hatte, den Kampf gegen Sihon zu beginnen, sandte Mose zunächst Boten mit einer Friedensbotschaft zu dem König. Die Gesandten kamen aus der östlichen Wüste, die in anderen Übersetzungen mit Kedemot bezeichnet wird. Mose forderte nicht unmittelbar die Übergabe sämtlicher Städte und verlangte auch keine bedingungslose Unterwerfung. Stattdessen bat er darum, mit dem Volk friedlich durch Sihons Land ziehen zu dürfen. Diese Reihenfolge verdient besondere Aufmerksamkeit: Auf die göttliche Ankündigung des Krieges folgt zunächst ein diplomatischer Versuch, den Durchzug ohne Kampf zu ermöglichen.
Die Bibel erklärt nicht ausdrücklich, weshalb Mose nach der bereits ergangenen Kriegsankündigung dieses Friedensangebot unterbreitete. Eine mögliche Erklärung ist, dass er zunächst den friedlichen Weg ausschöpfen wollte und Sihons Antwort die weitere Entwicklung bestimmen sollte. Später ordnet 5. Mose 20,10 an, einer Stadt vor einem Angriff zunächst Frieden anzubieten. Doch diese spätere Gesetzesbestimmung darf nicht ohne Weiteres als ausdrücklich genannter Beweggrund Moses in der vorliegenden Situation ausgegeben werden. Ebenso wäre es zu einfach, das Angebot als bedeutungslose Formalität zu betrachten. Der Text bezeichnet die Botschaft ausdrücklich als friedlich und berichtet ihren konkreten Inhalt. Zugleich bleibt die Spannung bestehen, dass Gott den Ausgang des bevorstehenden Konflikts bereits angekündigt hatte. Der Bericht erklärt nicht vollständig, wie diese beiden Aussagen miteinander verbunden sind.
In Vers 27 schildert Mose die Bedingungen, unter denen Israel durch das Land ziehen wollte. Die Israeliten versprachen, auf der Straße zu bleiben und weder nach rechts noch nach links abzuweichen. Damit sollte Sihon zugesichert werden, dass das Volk keine Felder betreten, keine Siedlungen eigenmächtig aufsuchen und nicht von der vereinbarten Route abweichen würde. Für einen König war die Durchreise einer großen Volksgemeinschaft mit Familien, Herden und bewaffneten Männern keineswegs unbedeutend. Selbst ein friedlich gemeinter Durchzug konnte Fragen der Sicherheit, Versorgung und Kontrolle des eigenen Gebietes aufwerfen. Moses Zusage sollte solchen Bedenken entgegenkommen. Israel erklärte sich bereit, den Durchzug auf eine festgelegte Strecke zu begrenzen und die Hoheitsrechte des Königs zu respektieren.
Auch die Versorgung der Reisenden war Teil des Angebots. In Vers 28 bot Mose an, Lebensmittel und Wasser gegen Bezahlung zu erwerben. Das Volk wollte also nicht verlangen, auf Kosten der Bewohner versorgt zu werden. Besonders Wasser war in den trockenen Landschaften östlich des Toten Meeres ein lebenswichtiges Gut. Eine große Wandergruppe konnte die vorhandenen Vorräte erheblich beanspruchen. Durch die angebotene Bezahlung machte Mose deutlich, dass Israel keinen Anspruch auf kostenlose Versorgung erhob. Die abschließende Erklärung, das Volk wolle lediglich zu Fuß hindurchziehen, unterstrich den begrenzten Zweck der Bitte. Israel stellte seinen Aufenthalt nicht als dauerhafte Ansiedlung, sondern als Durchreise dar.
In Vers 29 verweist Mose auf die bisherigen Begegnungen mit den Nachkommen Esaus in Seir und den Moabitern bei Ar. Diese sollten Sihon als Vergleich dienen und zeigen, dass Israel bereits mit anderen Nachbarvölkern auf dem Weg nach Norden in Kontakt gekommen war. Allerdings enthält der Vergleich eine Schwierigkeit. Nach 4. Mose 20,14–21 hatte der König von Edom den Durchzug durch sein Gebiet ausdrücklich verweigert. Auch 5. Mose 23,4–5 spricht später von mangelnder Unterstützung durch Moab und Ammon. Es ist deshalb möglich, dass Mose hier vor allem den Kauf von Nahrung und Wasser als Vorbild nennt, nicht einen uneingeschränkt gewährten Durchzug durch sämtliche Gebiete. Diese Erklärung passt zu den unmittelbar vorausgehenden Angeboten, lässt sich aber nicht in jeder Einzelheit beweisen. Der Text gibt uns keine vollständige Übersicht über alle damaligen Handelskontakte und Grenzbegegnungen.
Mit seiner Bitte nennt Mose zugleich das eigentliche Ziel der Reise. Israel wollte weiterziehen, den Jordan überschreiten und schließlich das Land erreichen, das der Herr seinem Volk geben wollte. Die Gesandtschaft behauptete damit nicht, Sihons Gebiet sei das endgültige Ziel der Wanderung. Die Landverheißung an die Nachkommen Abrahams blieb auf das Gebiet gerichtet, das Gott ihnen zugesagt hatte. Die Durchreise durch das Amoriterreich sollte ein Schritt auf dem Weg dorthin sein. Gerade deshalb war die Antwort des Königs von großer Bedeutung. Eine friedliche Vereinbarung hätte den weiteren Weg anders gestalten können, während eine Verweigerung eine neue Auseinandersetzung hervorrufen würde.
Sihon lehnte das Angebot jedoch ab. In Vers 30 berichtet Mose ausdrücklich, dass der König Israel nicht durch sein Land ziehen lassen wollte. Damit entschied er sich gegen den angebotenen friedlichen Durchzug. Der Parallelbericht in 4. Mose 21,21–23 ergänzt, dass Sihon seine Streitkräfte sammelte und Israel in der Wüste entgegentrat. Seine Ablehnung blieb also nicht auf eine diplomatische Absage beschränkt, sondern führte zu einem militärischen Konflikt. Aus der Sicht des Königs konnte eine so große Volksbewegung als Bedrohung seiner Herrschaft erscheinen. Der Bibeltext nennt jedoch keine ausführliche Erklärung seiner persönlichen Überlegungen. Deshalb wäre es unbegründet, Sihon bestimmte Gedanken, Ängste oder politischen Absichten als gesicherte Tatsachen zuzuschreiben.
Mose erklärt die Verweigerung allerdings nicht ausschließlich durch die Entscheidung des Königs. Er fügt hinzu, dass Gott Sihons Geist hartnäckig und sein Herz verbittert gemacht hatte, damit er ihn in Israels Hand geben konnte. Diese Aussage gehört zu den schwierigsten des Kapitels. Sie schreibt die Verhärtung ausdrücklich Gott zu und stellt sie in den Zusammenhang seines zuvor angekündigten Handelns. Dabei bezeichnet der Geist hier die innere Haltung beziehungsweise Entschlossenheit Sihons, während das Herz im biblischen Sprachgebrauch nicht nur für Gefühle, sondern auch für Denken, Wollen und Entscheiden steht. Beide Formulierungen beschreiben zusammen eine Haltung, die sich dem friedlichen Durchzug entschieden widersetzte.
Diese Aussage erinnert an die Verhärtung des Pharaos während der Befreiung Israels aus Ägypten. Auch dort beschreibt die Bibel, wie ein Herrscher sich Gottes Handeln widersetzte und wie Gott sein Herz verhärtete (2. Mose 7–14). Allerdings werden beim Pharao mehrfach dessen eigene Verhärtung und Gottes Wirken genannt. Bei Sihon berichtet 5. Mose 2 nicht ausdrücklich von einer vorausgehenden Reihe selbstverschuldeter Verhärtungen. Es wäre daher nicht gerechtfertigt, die gesamte Abfolge aus der Geschichte des Pharaos einfach auf Sihon zu übertragen. Ebenso wenig darf die klare Aussage abgeschwächt werden, Gott habe die Entscheidung des Königs lediglich im Voraus gekannt. Der Vers spricht ausdrücklich von einem göttlichen Einwirken, erklärt dessen genaue Wirkungsweise jedoch nicht.
Damit bleibt eine ernste Frage bestehen: Wie verhalten sich Gottes Eingreifen und die Verantwortung Sihons zueinander? Der biblische Bericht hält beide Gesichtspunkte fest. Sihon verweigerte den Durchzug und zog später mit seinem Heer gegen Israel. Zugleich erklärt Mose, dass Gott seine innere Haltung verhärtete, damit er in Israels Hand gegeben würde. Manche Ausleger verstehen dies so, dass Gott eine bereits vorhandene widerspenstige Haltung bestärkte oder Sihon seiner eigenen Entscheidung überließ. Andere betonen stärker Gottes unmittelbares Einwirken auf den geschichtlichen Verlauf. Der Text selbst entscheidet nicht sämtliche Fragen, die daraus über menschliche Entscheidungsfreiheit und göttliche Herrschaft entstehen. Eine verantwortliche Erklärung sollte deshalb weder Gottes ausdrückliches Handeln verschweigen noch eine nicht überlieferte Vorgeschichte Sihons als sichere Lösung behaupten.
Besonders bemerkenswert ist schließlich, dass Mose diese Ereignisse rückblickend schildert. Er spricht zu den Israeliten, nachdem Sihon bereits besiegt worden war, und erklärt ihnen, wie es zu dieser Auseinandersetzung gekommen war. Die Verweigerung des Königs erscheint dadurch nicht als ein Ereignis, das Gottes Plan überraschend durchkreuzte. Sie wird vielmehr in den Zusammenhang des zuvor angekündigten Sieges gestellt. Dennoch erzählt Mose die einzelnen Schritte: Gottes Auftrag, das Friedensangebot, die konkreten Bedingungen und die Ablehnung durch Sihon. Diese Abfolge lässt erkennen, dass der Bericht göttliche Herrschaft und tatsächliches geschichtliches Handeln nicht voneinander trennt.
So bereitet dieser Abschnitt den ersten großen Gebietssieg Israels östlich des Jordans vor. Die Israeliten hatten die Länder Edoms, Moabs und Ammons auf Gottes Befehl respektiert. Gegen Sihon erhielten sie dagegen einen ausdrücklichen Auftrag zur Einnahme seines Gebietes. Der friedliche Durchzug kam nicht zustande, und der König entschied sich schließlich für eine bewaffnete Auseinandersetzung. Wie dieser Krieg verlief, welche Städte Israel einnahm und welche schweren Fragen die anschließende Vernichtung ihrer Bewohner aufwirft, berichtet Mose in den folgenden Versen.
5. Mose 2,31–37
Der Sieg über Sihon: Gottes Gericht, die Eroberung des Landes und ihre Grenzen
Nachdem Sihon den friedlichen Durchzug verweigert hatte, bestätigte Gott seinen Auftrag an Israel. In Vers 31 erklärte der Herr, dass er bereits begonnen habe, Sihon und sein Land in die Hand der Israeliten zu geben. Nun sollten sie selbst mit der Einnahme des Gebietes beginnen. Bemerkenswert ist die Verbindung zwischen Gottes Zusage und dem Handeln des Volkes. Gott kündigte den Sieg als sein eigenes Werk an, doch die Israeliten mussten den bevorstehenden Kampf tatsächlich führen. Die Verheißung bedeutete nicht, dass ihnen das Land ohne jede Auseinandersetzung zufallen würde. Zugleich sollten sie ihren späteren Erfolg nicht ausschließlich ihrer militärischen Stärke zuschreiben. Mose stellt von Anfang an klar, dass der Ausgang dieses Konflikts nach dem biblischen Bericht unter Gottes Führung stand.
In Vers 32 begegnete Sihon den Israeliten mit seinem gesamten Heer bei Jahaz. Der Ort lag im Gebiet östlich des Toten Meeres, wahrscheinlich auf dem Hochland des damaligen Amoriterreiches. Seine genaue Lage ist heute nicht mit letzter Sicherheit zu bestimmen. Sihon wartete also nicht lediglich darauf, dass Israel seine Städte angriff, sondern zog dem Volk mit seinen Streitkräften entgegen. Damit wurde aus der zuvor abgelehnten Bitte um friedlichen Durchzug eine offene militärische Auseinandersetzung. Der Bericht in 4. Mose 21,21–24 bestätigt diese Abfolge und erklärt, dass Sihon sein Heer sammelte und Israel in der Wüste angriff. Der Krieg begann somit nach den überlieferten Berichten nicht mit einer israelitischen Erstürmung Hesbons, sondern mit einer Schlacht, zu der der Amoriterkönig selbst auszog.
Der Ausgang wird in Vers 33 mit wenigen Worten beschrieben. Gott gab Sihon in die Hand Israels, und die Israeliten besiegten den König, seine Söhne und sein Heer. Die ausdrückliche Erwähnung seiner Söhne verdeutlicht, dass nicht nur die Streitkräfte, sondern auch das königliche Herrscherhaus von der Niederlage betroffen war. Damit verlor Sihon die Macht über sein bisheriges Gebiet. Mose schildert keine ausführlichen militärischen Einzelheiten und erklärt auch nicht, welche Kampfhandlungen den Sieg entschieden. Ihm geht es vor allem darum, dass sich Gottes vorherige Ankündigung erfüllte. Ein Herrscher, der Israel den Durchzug verweigert hatte und ihm bewaffnet entgegengetreten war, konnte den weiteren Weg des Volkes nicht mehr aufhalten. Gerade für die neue Generation war diese Erinnerung bedeutsam, weil ihre Eltern bei Kadesch-Barnea einst vor den Bewohnern Kanaans zurückgeschreckt waren. Nun hatte Israel erlebt, dass selbst ein mächtiger König mit seinem Heer besiegt werden konnte.
Doch der Bericht endet nicht mit der Niederlage Sihons. In Vers 34 beschreibt Mose, dass die Israeliten anschließend seine Städte einnahmen und deren Bewohner vollständig vernichteten. Dabei werden Männer, Frauen und Kinder ausdrücklich genannt. Der Text verwendet für diese Handlung einen hebräischen Ausdruck, der mit dem sogenannten Bann verbunden ist. Damit ist eine unwiderrufliche Zuweisung an Gott gemeint, die in bestimmten Kriegserzählungen durch vollständige Vernichtung vollzogen wurde. Die genaue Bedeutung des Begriffs hängt jeweils vom Zusammenhang ab. An dieser Stelle besteht jedoch kein Zweifel daran, dass der Bericht die Tötung der Bevölkerung beschreibt, denn die betroffenen Menschen werden ausdrücklich genannt und es wird erklärt, dass niemand übrig blieb. Diese Aussage darf weder abgeschwächt noch durch eine allgemeine Beschreibung des militärischen Sieges ersetzt werden.
Gerade die Einbeziehung von Frauen und Kindern macht diesen Abschnitt zu einer der schwersten Stellen des Kapitels. Während Sihon mit seinen Streitkräften gegen Israel gezogen war, nennt der Bericht bei der späteren Einnahme der Städte auch Menschen, deren persönliche Beteiligung am Krieg nicht beschrieben wird. Die Bibel erklärt an dieser Stelle nicht, welche individuellen Verfehlungen diese Menschen begangen hatten. Besonders über die Kinder wird nichts berichtet, das eine persönliche Schuld begründen würde. Deshalb wäre es unangemessen, ihnen nachträglich solche Verfehlungen zuzuschreiben oder die Härte des Geschehens mit einer erfundenen Erklärung zu rechtfertigen. Der Text stellt die Eroberung ausdrücklich in den Zusammenhang von Gottes Auftrag und seinem Gericht über das Herrschaftsgebiet Sihons. Er beantwortet aber nicht sämtliche moralischen Fragen, die sich aus der Vernichtung der Bevölkerung ergeben.
Für das Verständnis ist außerdem zu beachten, dass vollständige Vernichtungsberichte auch aus anderen Kulturen des Alten Orients bekannt sind. Herrscher beschrieben ihre Siege mitunter in einer Sprache, die den vollständigen Untergang eines Gegners hervorhob. Ein Beispiel bietet die moabitische Mescha-Stele aus dem 9. Jahrhundert vor Christus, auf der König Mescha von der Einnahme feindlicher Städte und der Tötung ihrer Bewohner berichtet. Solche Vergleiche zeigen, dass die Sprache der Vernichtung zum damaligen Umfeld der Kriegsberichterstattung gehörte. Sie beweisen jedoch nicht, dass die Angaben in 5. Mose 2,34 lediglich eine Übertreibung waren. Ebenso wenig lässt sich aus dem biblischen Bericht allein überprüfen, wie jedes einzelne Ereignis historisch ablief. Die verantwortliche Auslegung muss daher sowohl den ausdrücklichen Wortlaut ernst nehmen als auch die Grenzen unseres historischen Wissens anerkennen.
Eine zusätzliche Unterscheidung findet sich in Vers 35. Während die Bewohner der eroberten Städte nach dem Bericht vernichtet wurden, durften die Israeliten das Vieh und die übrige Beute für sich behalten. Damit wird deutlich, dass der Bann in dieser Situation nicht sämtliche eroberten Güter umfasste. Die Menschen wurden anders behandelt als die Tiere und der sonstige Besitz. Gerade deshalb wäre es falsch, die Handlung als eine unterschiedslose Vernichtung von allem zu beschreiben, was sich in den Städten befand. Der Text nennt ausdrücklich, was vernichtet und was als Beute genommen wurde. Diese Unterscheidung gewinnt später zusätzliche Bedeutung, wenn andere Eroberungsberichte unterschiedliche Anweisungen zum Umgang mit Menschen, Tieren und Gütern enthalten. Der Begriff des Bannes darf daher nicht an jeder Bibelstelle automatisch mit genau denselben Einzelbestimmungen verbunden werden.
Die Gewaltschilderung verlangt zugleich eine klare Grenze für ihre Anwendung. Der Bericht beschreibt einen bestimmten Krieg innerhalb der alttestamentlichen Geschichte Israels und stellt ihn unter einen besonderen göttlichen Auftrag. Daraus ergibt sich kein allgemeines Recht für Menschen, andere Völker aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Lebensweise anzugreifen. Auch lässt sich die Vernichtung der Bevölkerung nicht dadurch rechtfertigen, dass man jeden späteren Eroberungskrieg mit Israels damaliger Landnahme gleichsetzt. Im Neuen Testament weist Jesus seine Nachfolger ausdrücklich darauf hin, dass sein Reich nicht durch die bewaffnete Durchsetzung menschlicher Machtansprüche verteidigt wird (Johannes 18,36). Als einer seiner Jünger bei seiner Gefangennahme zum Schwert griff, forderte Jesus ihn auf, es wieder wegzustecken (Matthäus 26,52). Diese Aussagen dürfen nicht einfach die schwierigen Fragen des alttestamentlichen Berichtes übergehen. Sie verhindern jedoch, dass aus ihm eine zeitlose Erlaubnis zu religiös begründeter Gewalt abgeleitet wird.
In Vers 36 beschreibt Mose die Ausdehnung des eroberten Gebietes. Er nennt Aroer am Rand des Arnon-Tales, die Stadt innerhalb dieses Tales und das Gebiet bis nach Gilead. Aroer lag an einer wichtigen Stelle oberhalb des tief eingeschnittenen Arnon-Tales und gehörte zum südlichen Bereich des eroberten Landes. Gilead bezeichnet ein ausgedehntes Hochland östlich des Jordans. Damit wird erkennbar, dass Israel nicht lediglich die Stadt Hesbon und ihr unmittelbares Umland gewonnen hatte, sondern ein größeres zusammenhängendes Herrschaftsgebiet. Mose betont, dass keine Stadt zu stark für die Israeliten gewesen sei, weil Gott ihnen alle in die Hand gegeben hatte. Diese Aussage bezieht sich auf die im Zusammenhang genannte Eroberung und darf nicht so verstanden werden, als hätte Israel zu diesem Zeitpunkt bereits jede Stadt des gesamten verheißenen Landes eingenommen.
Gerade hier erhält die Erinnerung an die frühere Kundschaftergeschichte eine zusätzliche Bedeutung. Damals hatten die Israeliten von befestigten Städten und mächtigen Bewohnern gehört und daraus geschlossen, dass ein erfolgreicher Einzug unmöglich sei (5. Mose 1,28). Nun erinnert Mose an tatsächlich eingenommene Städte im Herrschaftsgebiet Sihons. Die Schwierigkeiten waren nicht dadurch verschwunden, dass Israel sie ignorierte. Vielmehr hatte das Volk erfahren, dass militärische Hindernisse unter dem ausdrücklich gegebenen göttlichen Auftrag überwunden werden konnten. Dennoch lag die entscheidende Lehre nicht darin, dass Israel fortan jeden Gegner besiegen oder jedes gewünschte Gebiet erobern dürfte. Der Erfolg war an die besondere Situation und die vorherige Weisung Gottes gebunden. Dass diese Grenze weiterhin galt, zeigt unmittelbar der letzte Vers des Kapitels.
In Vers 37 erklärt Mose nämlich, dass Israel nicht in das Gebiet der Ammoniter eindrang. Er nennt insbesondere den Bereich am Jabbok, die Städte im Gebirge und alles, was Gott seinem Volk ausdrücklich untersagt hatte. Der Jabbok ist ein Wasserlauf östlich des Jordans, der in den Jordan mündet und in der biblischen Geschichte mehrfach als geografische Grenze erscheint. Bereits in 1. Mose 32,23–33 begegnet uns der Fluss im Zusammenhang mit Jakobs Rückkehr in das Land seiner Väter. Für die vorliegende Erzählung ist jedoch vor allem seine Bedeutung als Teil der Grenzbeschreibung wichtig. Obwohl Israel das Reich Sihons besiegt hatte, durfte es nicht einfach über dessen bisherige Grenzen hinaus in das Gebiet Ammons eindringen. Gottes ausdrückliches Verbot aus 5. Mose 2,19 blieb bestehen.
Dieser letzte Hinweis ist bemerkenswert, weil er den Sieg über Sihon in einen klar begrenzten Rahmen stellt. Gott hatte Israel nicht nur befohlen, gegen einen bestimmten König vorzugehen, sondern zuvor ebenso deutlich untersagt, die Nachkommen Esaus und Lots anzugreifen. Beide Arten von Anweisungen gehörten zu seiner Führung. Der erfolgreiche Krieg gegen Sihon hob deshalb nicht die Grenzen auf, die Gott gegenüber anderen Völkern gesetzt hatte. Israel sollte seine militärischen Erfolge nicht als Erlaubnis verstehen, nun nach eigenem Ermessen weitere Gebiete an sich zu bringen. Gerade nachdem das Volk seine Stärke im Kampf erfahren hatte, blieb der Gehorsam gegenüber Gottes Weisungen entscheidend.
So endet das zweite Kapitel des fünften Buches Mose mit einem bedeutsamen Gegensatz. Einerseits hat Israel einen mächtigen König besiegt und sein Gebiet eingenommen. Andererseits erinnert Mose ausdrücklich daran, welches Land das Volk nicht betreten durfte. Gottes Führung zeigte sich für Israel nicht nur in geöffneten Wegen, sondern ebenso in verbindlichen Grenzen. Der Sieg über Sihon wurde als Erfüllung einer konkreten göttlichen Zusage verstanden, nicht als Beweis für einen uneingeschränkten Anspruch auf fremdes Land. Zugleich bleibt die schwere Frage nach der Vernichtung der Bewohner bestehen, die der Bericht selbst nicht in allen moralischen Einzelheiten erklärt. Mose führt seine Zuhörer damit zu einer neuen Etappe ihrer Geschichte: Israel hatte östlich des Jordans seinen ersten größeren territorialen Erfolg errungen, doch der weitere Weg sollte erneut zeigen, dass es auf Gottes Anweisung angewiesen blieb. Im folgenden Kapitel setzt sich diese Geschichte mit der Begegnung zwischen Israel und Og, dem König von Basan, fort.
Geistliche Kernbotschaft
Gottes Führung ist nicht immer daran zu erkennen, dass sich ein Weg unmittelbar öffnet oder ein gewünschtes Ziel ohne Schwierigkeiten erreicht wird. Manchmal besteht sie gerade darin, dass Gott Menschen Grenzen setzt, sie auf einen anderen Weg führt oder sie eine Zeit lang warten lässt. Die Geschichte Israels macht deutlich, dass der Herr nicht nur über das Ziel seines Volkes bestimmte, sondern auch darüber, wie es dorthin gelangen sollte. Die Israeliten mussten lernen, seinen Weisungen ebenso dann zu vertrauen, wenn er ihnen den Durchzug oder die Eroberung eines Gebietes untersagte, wie dann, wenn er ihnen ausdrücklich den Aufbruch befahl. Entscheidend war nicht, ob eine Anweisung ihren Erwartungen entsprach, sondern ob sie bereit waren, Gottes Willen anzunehmen.
Eine besonders weitreichende Erkenntnis liegt darin, dass Gottes Handeln nicht auf Israel beschränkt war. Er hatte diesem Volk eine besondere Verheißung gegeben und es aus Ägypten befreit. Dennoch bezeichnet er auch die Gebiete Esaus und Lots als Land, das er deren Nachkommen zugewiesen hatte. Israel durfte seine besondere Berufung deshalb nicht mit einem uneingeschränkten Anspruch auf die Welt seiner Nachbarn verwechseln. Die Geschichte dieser Völker zeigt, dass Gottes Herrschaft weiter reicht als die Grenzen des Volkes, mit dem er am Sinai seinen Bund geschlossen hatte. Menschen können eine besondere Aufgabe innerhalb seines Plans erhalten, ohne dass dadurch die Rechte oder die Bedeutung anderer Menschen aufgehoben werden. Gottes Erwählung ist deshalb nicht mit der Erlaubnis gleichzusetzen, andere nach eigenem Ermessen zu beherrschen.
Zugleich offenbart das Kapitel die Beständigkeit Gottes gegenüber einem Volk, das schwer versagt hatte. Die frühere Generation hatte seine Verheißung zurückgewiesen und musste die angekündigten Folgen tragen. Doch während die Jahre vergingen und sich die Zusammensetzung Israels veränderte, blieb Gott seinem Volk gegenwärtig. Er versorgte es in der Wüste und führte seine Geschichte weiter. Sein Gericht über den Unglauben bedeutete nicht, dass er seine Zusagen an die Väter vergessen hatte. Darin begegnen sich zwei Eigenschaften Gottes, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen: Seine Gerechtigkeit nimmt menschlichen Ungehorsam ernst, während seine Treue über das Versagen einer einzelnen Generation hinaus Bestand hat.
Besonders deutlich wird Gottes Herrschaft auch dort, wo Mose von den Veränderungen früherer Völker und von der Verhärtung Sihons berichtet. Der Bibeltext stellt Gott nicht als einen unbeteiligten Beobachter dar, der lediglich auf menschliche Entscheidungen reagiert. Er beschreibt ihn als Herrn über geschichtliche Entwicklungen, der Gebiete zuweist, Entscheidungen trifft und in den Verlauf der Ereignisse eingreift. Doch diese Aussagen erklären nicht sämtliche Fragen nach dem Verhältnis zwischen Gottes Wirken und menschlicher Verantwortung. Gerade die Verhärtung Sihons macht deutlich, dass nicht jeder Vorgang, den die Bibel Gottes Herrschaft zuordnet, für uns vollständig durchschaubar wird. Vertrauen bedeutet deshalb nicht, mehr über Gottes verborgene Entscheidungen zu behaupten, als er selbst offenbart hat.
Auch der Krieg gegen Sihon gehört zu den ernsten Aussagen dieses Kapitels. Der Bericht verbindet Israels Sieg mit Gottes Auftrag, beschreibt aber zugleich die Vernichtung der Bevölkerung eroberter Städte. Diese Gewaltschilderung wirft besonders angesichts der ausdrücklich genannten Kinder schwerwiegende Fragen auf. Gottes Gerechtigkeit darf nicht dadurch verteidigt werden, dass man den Betroffenen ohne biblischen Beleg eine persönliche Schuld zuschreibt oder ihr Leid geringachtet. Die Geschichte lässt Fragen offen, die durch den unmittelbaren Text nicht vollständig beantwortet werden. Gerade deshalb verlangt sie eine ehrliche Auslegung, die zwischen dem berichteten Geschehen, seiner theologischen Einordnung und unseren begrenzten Möglichkeiten zur Erklärung unterscheidet.
Im größeren Zusammenhang zeigt sich schließlich, dass Gottes Treue niemals eine Einladung zu menschlicher Selbstherrlichkeit ist. Israel durfte weder aus Angst vor seinen Feinden Gottes Auftrag verweigern noch aus eigener Macht über die ihm gesetzten Grenzen hinausgehen. Der Herr war nicht einfach die Bestätigung dessen, was das Volk selbst erreichen wollte. Er war derjenige, dessen Weisungen sein Handeln bestimmen sollten. Diese Einsicht reicht über die damalige Landnahme hinaus: Eine lebendige Beziehung zu Gott besteht nicht darin, ihm die eigenen Ziele vorzulegen und seine Zustimmung vorauszusetzen. Sie wächst dort, wo Menschen bereit sind, auf sein Wort zu hören, ihre Vorstellungen daran zu prüfen und seiner Führung auch dann zu vertrauen, wenn sie ihre Wege verändert.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine wichtige Verbindung besteht zwischen 5. Mose 2 und der späteren Erinnerung an die Wüstenwanderung in 5. Mose 8,2–4. Dort fordert Mose die Israeliten auf, an die vierzig Jahre zurückzudenken, in denen Gott sie durch die Wüste geführt hatte. Er erinnert an die Versorgung mit Manna und daran, dass ihre Kleidung nicht zerfiel und ihre Füße nicht anschwollen. Diese Aussagen ergänzen die Erinnerung aus 5. Mose 2,7, dass dem Volk während seiner langen Wanderung nichts Wesentliches gefehlt hatte. Besonders wichtig ist dabei der Gedanke aus 5. Mose 8,3, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von allem, was aus Gottes Mund hervorgeht. Gottes Versorgung sollte Israel nicht nur das körperliche Überleben ermöglichen. Die Menschen sollten lernen, ihr Leben nicht ausschließlich auf die sichtbaren Mittel zu gründen, die ihnen gerade zur Verfügung standen.
Jesus greift diese Aussage später während seiner Versuchung in der Wüste ausdrücklich auf (Matthäus 4,1–4). Nachdem er vierzig Tage gefastet hatte, wurde er aufgefordert, seine besondere Stellung als Sohn Gottes dazu zu benutzen, Steine in Brot zu verwandeln. Jesus antwortete mit den Worten aus 5. Mose 8,3. Damit stellte er deutlich heraus, dass selbst ein wirkliches körperliches Bedürfnis nicht rechtfertigt, Gottes Willen zu missachten. Der Zusammenhang ist für 5. Mose 2 bedeutsam, weil Israel auf seinem Weg Nahrung und Wasser benötigte, diese Bedürfnisse aber innerhalb der von Gott gesetzten Grenzen stillen sollte. Jesus nimmt den Grundgedanken des Vertrauens auf Gottes Wort auf und zeigt, dass Gehorsam nicht von der Abwesenheit menschlicher Bedürfnisse abhängig ist. Dabei handelt es sich um eine ausdrücklich durch Jesus hergestellte Verbindung zur Wüstenunterweisung, nicht um eine Behauptung, jede Einzelheit der Reise Israels sei eine unmittelbare Vorhersage seines Lebens.
Eine weitere Verbindung führt zu Amos 9,7. Dort erinnert Gott Israel daran, dass er nicht nur die Israeliten aus Ägypten geführt hatte, sondern auch die Philister aus Kaphthor und die Aramäer aus Kir. Diese Aussage besitzt eine bemerkenswerte Nähe zu 5. Mose 2, wo Mose von den früheren Wanderungen und Gebietsveränderungen verschiedener Völker spricht. Besonders Kaphthor begegnet in beiden Zusammenhängen. Der Prophet Amos verwendet diese Erinnerung, um Israel davor zu warnen, seine besondere Geschichte als Garantie gegen Gottes Gericht zu betrachten. Die Befreiung aus Ägypten war wirklich ein bedeutendes Handeln Gottes, doch sie bedeutete nicht, dass Gott außerhalb Israels untätig geblieben wäre. Beide Texte erweitern den Blick auf seine Herrschaft und erinnern daran, dass die besondere Erwählung eines Volkes nicht zu religiöser Selbstüberhebung führen darf.
Auch Paulus spricht auf dem Areopag in Athen davon, dass Gott die Völker der Erde geschaffen und ihnen ihre Zeiten und Wohngebiete bestimmt hat (Apostelgeschichte 17,24–27). Sein Ziel ist dabei nicht, die territorialen Ansprüche einzelner Staaten zu begründen. Er erklärt vielmehr, dass alle Menschen ihren Ursprung letztlich in Gottes Schöpferhandeln haben und dazu bestimmt sind, ihn zu suchen. Die Verbindung zu 5. Mose 2 liegt in der Vorstellung, dass die Geschichte der Völker nicht außerhalb von Gottes Herrschaft steht. Während Mose einzelne Gebietszuweisungen innerhalb der Geschichte Israels nennt, weitet Paulus den Gedanken auf die gesamte Menschheit aus. Zugleich erklärt er, dass Gott keinem Menschen fern ist. Der Gott, der die Geschichte der Völker überblickt, ist auch derjenige, zu dem Menschen aus allen Nationen Zugang finden können.
Der Bericht über Sihon wird in Richter 11,14–27 nochmals ausführlich aufgegriffen. Dort erinnert Jephtah in einer Auseinandersetzung mit dem König der Ammoniter daran, dass Israel Edom und Moab zunächst um Durchzug gebeten hatte und ihre Gebiete nicht gewaltsam einnehmen durfte. Er berichtet außerdem von der verweigerten Durchzugserlaubnis Sihons und dem anschließenden Krieg. Diese Rückschau hilft, den Unterschied zwischen den geschützten Gebieten der Nachkommen Lots und dem von Sihon beherrschten Land zu verstehen. Zugleich zeigt sie, dass die Erinnerung an die damaligen Grenzen auch in späteren Auseinandersetzungen bedeutsam blieb. Allerdings handelt es sich bei Jephtahs Worten um eine Rede innerhalb eines politischen Konflikts. Sie sollte deshalb als biblisch überlieferte Argumentation sorgfältig mit den früheren Berichten verglichen werden und nicht ohne Prüfung als vollständige Darstellung aller geschichtlichen Einzelheiten gelten.
Eine weitere bemerkenswerte Aufnahme der Sihon-Geschichte findet sich in Psalm 136,17–22. Der Psalm zählt die Siege über Sihon und Og zu den Taten Gottes, an die Israel sich dankbar erinnern soll. Dabei wiederholt sich der Gedanke, dass Gottes Güte ewig währt. Der Psalm betrachtet die Landgabe aus der Perspektive der Bewahrung seines Volkes und der fortbestehenden Verheißung. Die schwierigen Einzelheiten der Kriegserzählung werden dort allerdings nicht erläutert. Besonders die Frage nach dem Schicksal der Zivilbevölkerung wird durch die Dichtung nicht beantwortet. Deshalb darf die Lobpreissprache des Psalms nicht dazu verwendet werden, die moralischen Schwierigkeiten von 5. Mose 2,34 zu überspringen. Sie zeigt vielmehr, wie der Sieg innerhalb der späteren Glaubenserinnerung Israels verstanden wurde.
Für christliche Leser ist schließlich die Unterscheidung zwischen den besonderen Kriegsaufträgen im Alten Testament und der Nachfolge Jesu wesentlich. Jesus erklärt vor Pilatus, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei und seine Diener andernfalls für seine Befreiung kämpfen würden (Johannes 18,36). In der Bergpredigt fordert er seine Nachfolger sogar dazu auf, ihre Feinde zu lieben und für ihre Verfolger zu beten (Matthäus 5,43–48). Auch Paulus untersagt persönliche Vergeltung und ruft dazu auf, das Böse durch das Gute zu überwinden (Römer 12,17–21). Diese Texte lösen nicht automatisch jede Frage nach den alttestamentlichen Kriegen. Sie geben jedoch eine klare Orientierung dafür, wie Menschen, die Jesus nachfolgen, mit Feindschaft umgehen sollen. Die Eroberungserzählung von 5. Mose 2 darf deshalb nicht als allgemeiner Auftrag verstanden werden, Gottes Herrschaft durch religiös begründete Gewalt auszubreiten.
Wichtige Lektionen
Eine wichtige Lehre aus 5. Mose 2 besteht darin, dass nicht jede verschlossene Möglichkeit ein Zeichen dafür ist, dass Gott einen Menschen verlassen hat. Israel musste lange Zeit auf Wegen bleiben, die nicht unmittelbar zum erhofften Ziel führten. Auch nach dem Beginn des neuen Aufbruchs durfte es nicht den kürzesten oder scheinbar vorteilhaftesten Weg mit Gewalt erzwingen. Für den eigenen Glauben bedeutet das nicht, dass jede Verzögerung oder jedes Hindernis automatisch eine besondere Botschaft Gottes enthält. Es erinnert vielmehr daran, dass Geduld und die Bereitschaft zur Korrektur genauso wichtig sein können wie Entschlossenheit. Wer auf Gottes Führung vertraut, sollte nicht jede Verzögerung durch eigenmächtiges Handeln überwinden wollen, sondern seine Entscheidungen sorgfältig an dem prüfen, was Gott tatsächlich offenbart hat.
Eine zweite Lektion betrifft die Achtung der Rechte anderer Menschen. Die Israeliten mussten anerkennen, dass ihre eigene Verheißung sie nicht dazu berechtigte, den Nachbarn Nahrung, Wasser oder Land wegzunehmen. Besonders die Anweisung, für benötigte Güter zu bezahlen, macht diesen Grundsatz praktisch. Auch heute kann ein Mensch überzeugt sein, ein gutes oder wichtiges Ziel zu verfolgen, und dennoch versucht sein, dafür die Interessen anderer zu übergehen. Doch die Bedeutung eines Vorhabens rechtfertigt nicht automatisch jedes Mittel, mit dem es erreicht werden könnte. Wer Gott dienen möchte, muss darauf achten, dass sein Handeln gegenüber anderen Menschen gerecht bleibt. Dazu gehört, fremdes Eigentum zu respektieren, Vereinbarungen ernst zu nehmen und eigene Bedürfnisse nicht auf Kosten der Schwächeren durchzusetzen.
Ebenso macht das Kapitel deutlich, wie wichtig es ist, zwischen Gottes ausdrücklichen Weisungen und den eigenen Vorstellungen zu unterscheiden. Israel durfte gegenüber Edom, Moab und Ammon nicht Krieg führen, während es gegen Sihon einen besonderen Auftrag erhielt. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeine Regel ableiten, wonach Schwierigkeiten oder Widerstände stets durch entschlossenes Vorgehen überwunden werden müssten. Menschen können ihre Wünsche leicht mit Gottes Willen verwechseln, besonders wenn ein Ziel erstrebenswert erscheint oder sie bereits viel dafür eingesetzt haben. Die Geschichte erinnert deshalb daran, nicht allein nach günstigen Möglichkeiten oder erwarteten Erfolgen zu fragen, sondern zuerst nach der moralischen und geistlichen Grundlage des eigenen Handelns.
Auch der Umgang mit vergangenen Fehlern enthält eine wichtige Lehre. Die frühere Generation Israels hatte durch ihren Unglauben eine entscheidende Möglichkeit verloren. Ihre Kinder konnten diese Vergangenheit nicht verändern, doch sie mussten auch nicht zwangsläufig dieselben Entscheidungen treffen. Für Familien und Gemeinschaften bedeutet das, dass überlieferte Fehler erkannt und ernst genommen werden sollten, ohne die nachfolgenden Menschen auf sie festzulegen. Eine neue Generation kann aus den Erfahrungen ihrer Vorgänger lernen und andere Entscheidungen treffen. Dazu gehört, nicht nur die Schuld der Vergangenheit zu benennen, sondern auch die Verantwortung für das eigene gegenwärtige Handeln anzunehmen. Gottes Treue eröffnet Möglichkeiten für einen neuen Weg, ohne die früheren Verfehlungen für bedeutungslos zu erklären.
Schließlich fordert das Kapitel zu einem besonnenen Umgang mit Erfolg und Macht heraus. Israel erlebte einen militärischen Sieg, durfte daraus aber keinen unbegrenzten Anspruch auf weitere Gebiete ableiten. Diese Unterscheidung ist auch außerhalb der damaligen Situation bedeutsam. Wer Erfolg hat, Einfluss gewinnt oder größere Verantwortung übernimmt, steht vor der Gefahr, die eigenen Möglichkeiten mit einem uneingeschränkten Recht auf deren Nutzung zu verwechseln. Doch nicht alles, was ein Mensch erreichen könnte, sollte er auch tun. Gerade mit wachsender Macht wächst die Verantwortung, Grenzen anzuerkennen und die Folgen des eigenen Handelns für andere zu berücksichtigen.
Im Umgang mit schwierigen Bibelstellen vermittelt 5. Mose 2 darüber hinaus eine besondere Lektion. Nicht jede Frage lässt sich mit einer schnellen Erklärung beantworten, und nicht jede überlieferte Handlung darf unmittelbar zum Vorbild für das eigene Leben werden. Der Bericht über die Vernichtung der Städte Sihons verlangt, den Wortlaut ernst zu nehmen, das Leid der Betroffenen nicht zu verschweigen und dennoch sorgfältig zwischen der damaligen Erzählung und heutigen Handlungsmaßstäben zu unterscheiden. Ein gewissenhafter Umgang mit Gottes Wort bedeutet deshalb auch, offene Fragen stehen lassen zu können, ohne unbelegte Antworten zu erfinden. Bibeltreue verlangt nicht, Schwierigkeiten zu verbergen, sondern sich ihnen mit Wahrhaftigkeit und sorgfältiger Prüfung zu stellen.
So ermutigt das Kapitel zu einer Haltung, in der Vertrauen, Gehorsam und Verantwortung zusammengehören. Der Mensch darf seine eigenen Möglichkeiten nutzen, Entscheidungen treffen und Ziele verfolgen. Doch er sollte bereit bleiben, Grenzen anzuerkennen, andere gerecht zu behandeln und seine Pläne an Gottes Wort auszurichten. Gottes Führung besteht nicht darin, dass er jeden menschlichen Wunsch bestätigt. Sie fordert vielmehr dazu auf, den eigenen Willen immer wieder an seinem offenbarten Willen prüfen zu lassen und mit den anvertrauten Möglichkeiten gewissenhaft umzugehen.