5. Mose 20
Wenn du in einen Krieg ziehst wider deine Feinde und siehst Rosse und Wagen eines Volks, das größer ist als du, so fürchte dich nicht vor ihnen; denn der HER, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, ist mit dir.
20 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Wenn du in einen Krieg ziehst wider deine Feinde und siehst Rosse und Wagen eines Volks, das größer ist als du, so fürchte dich nicht vor ihnen; denn der HER, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, ist mit dir.
- 2 Wenn ihr nun hinzukommt zum Streit, so soll der Priester herzutreten und mit dem Volk reden
- 3 und zu ihnen sprechen: Israel, höre zu! Ihr geht heute in den Streit wider eure Feinde; euer Herz verzage nicht, fürchtet euch nicht und erschreckt nicht und laßt euch nicht grauen vor ihnen;
- 4 denn der HERR, euer Gott, geht mit euch, daß er für euch streite mit euren Feinden, euch zu helfen.
- 5 Aber die Amtleute sollen mit dem Volk reden und sagen: Welcher ein neues Haus gebaut hat und hat's noch nicht eingeweiht, der gehe hin und bleibe in seinem Hause, auf daß er nicht sterbe im Krieg und ein anderer weihe es ein.
- 6 Welcher einen Weinberg gepflanzt hat und hat seine Früchte noch nicht genossen, der gehe hin und bleibe daheim, daß er nicht im Kriege sterbe und ein anderer genieße seine Früchte.
- 7 Welcher ein Weib sich verlobt hat und hat sie noch nicht heimgeholt, der gehe hin und bleibe daheim, daß er nicht im Kriege sterbe und ein anderer hole sie heim.
- 8 Und die Amtleute sollen weiter mit dem Volk reden und sprechen: Welcher sich fürchtet und ein verzagtes Herz hat, der gehe hin und bleibe daheim, auf daß er nicht auch seiner Brüder Herz feige mache, wie sein Herz ist.
- 9 Und wenn die Amtleute ausgeredet haben mit dem Volk, so sollen sie die Hauptleute vor das Volk an die Spitze stellen.
- 10 Wenn du vor eine Stadt ziehst, sie zu bestreiten, so sollst du ihr den Frieden anbieten.
- 11 Antwortet sie dir friedlich und tut dir auf, so soll das Volk, das darin gefunden wird dir zinsbar und untertan sein.
- 12 Will sie aber nicht friedlich mit dir handeln und will mit dir kriegen, so belagere sie.
- 13 Und wenn sie der HERR, dein Gott, dir in die Hand gibt, so sollst du alles, was männlich darin ist, mit des Schwertes Schärfe schlagen.
- 14 Allein die Weiber, die Kinder und das Vieh und alles, was in der Stadt ist, und allen Raub sollst du unter dich austeilen und sollst essen von der Ausbeute deiner Feinde, die dir der HERR, dein Gott, gegeben hat.
- 15 Also sollst du allen Städten tun, die sehr ferne von dir liegen und nicht von den Städten dieser Völker hier sind.
- 16 Aber in den Städten dieser Völker, die dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat,
- 17 sondern sollst sie verbannen, nämlich die Hethiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat,
- 18 auf daß sie euch nicht lehren tun alle die Greuel, die sie ihren Göttern tun, und ihr euch versündigt an dem HERR, eurem Gott.
- 19 Wenn du vor einer Stadt lange Zeit liegen mußt, wider die du streitest, sie zu erobern, so sollst die Bäume nicht verderben, daß du mit Äxten dran fährst; denn du kannst davon essen, darum sollst du sie nicht ausrotten. Ist's doch Holz auf dem Felde und nicht ein Mensch, daß es vor dir ein Bollwerk sein könnte.
- 20 Welches aber Bäume sind, von denen du weißt, daß man nicht davon ißt, die sollst du verderben und ausrotten und Bollwerk daraus bauen wider die Stadt, die mit dir kriegt, bis du ihrer mächtig werdest.
Kapitelüberblick
Wenn Israel in den Krieg ziehen musste, sollte es sich nicht allein auf seine militärische Stärke verlassen, sondern auf Gottes Gegenwart vertrauen. Mose erklärt, wie das Volk vor einem Kampf ermutigt werden sollte und warum bestimmte Männer vom Kriegsdienst zurückkehren durften. Anschließend legt er fest, wie Israel mit feindlichen Städten umgehen sollte. Dabei unterscheidet er zwischen weit entfernten Städten, denen unter bestimmten Bedingungen Frieden angeboten werden musste, und den Städten der kanaanitischen Völker, für die ein besonders schwerwiegendes Vernichtungsgebot galt. Zum Schluss verbietet Mose, während einer Belagerung Fruchtbäume zu zerstören.
Das Kapitel verbindet die Zusage göttlicher Hilfe mit verbindlichen Anweisungen für das Handeln Israels. Es enthält Bestimmungen zum Schutz menschlicher Lebensverhältnisse, aber auch Kriegsbefehle von großer Härte. Beide Seiten müssen ernst genommen werden, um den besonderen geschichtlichen Auftrag Israels und die damit verbundenen Fragen nach Gottes Gerechtigkeit richtig einzuordnen.
Einführung
Noch befindet sich Israel östlich des Jordan, bevor das Volk unter Josuas Führung in das verheißene Land ziehen wird. Mose bereitet die neue Generation auf das Leben in diesem Land vor. Seine Abschiedsreden erinnern an Gottes bisherige Führung und erläutern die Gebote, nach denen Israel als Volk des Bundes leben soll. Dazu gehören nicht nur Fragen des Gottesdienstes und des persönlichen Verhaltens, sondern auch die Verantwortung der Richter, die Ordnung des Zusammenlebens und der Umgang mit anderen Völkern.
Die vorausgehenden Kapitel haben bereits wichtige Grundlagen geschaffen. In 5. Mose 16–17 geht es unter anderem um gerechte Richter und die Verantwortung der Obrigkeit. Kapitel 19 behandelt den Schutz vor ungerechtfertigter Tötung, den rechtmäßigen Grundbesitz und die sorgfältige Prüfung von Zeugenaussagen. Die anschließenden Kriegsbestimmungen stehen damit innerhalb einer umfassenderen Ordnung für das zukünftige Leben Israels.
Militärische Auseinandersetzungen waren in der damaligen Welt häufig von großen Machtunterschieden geprägt. Pferde und Streitwagen konnten einem Heer erhebliche Vorteile verschaffen, besonders gegenüber Fußsoldaten. Für Israel war die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten deshalb von grundlegender Bedeutung. Damals hatte Gott das Volk aus der Gewalt einer überlegenen Macht befreit (2. Mose 14,13–31).
Die Anweisungen von 5. Mose 20 sind als Gesetzesrede formuliert, nicht als Bericht über eine bestimmte Schlacht. Sie beschreiben, wie Israel in den vorgesehenen Situationen handeln sollte. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn später die tatsächlichen Kriege im Buch Josua betrachtet werden. Den Ausgangspunkt bildet zunächst die Frage, wie das Volk angesichts einer überlegenen Streitmacht auf Gottes Zusage reagieren sollte.
5. Mose 20,1–4
Warum Israel angesichts militärischer Übermacht nicht verzagen sollte
Mose beginnt seine Anweisungen mit einer Situation, die Israel große Angst machen konnte: Das Volk zieht in den Krieg und sieht auf der gegnerischen Seite Pferde, Streitwagen und ein Heer, das zahlenmäßig überlegen ist. In der damaligen Kriegsführung waren Pferde und Streitwagen bedeutende militärische Machtmittel. Sie ermöglichten schnelle Bewegungen und konnten einem Heer erhebliche Vorteile gegenüber Fußsoldaten verschaffen. Mose bestreitet diese Überlegenheit nicht. Er fordert Israel jedoch auf, sich nicht allein von dem bestimmen zu lassen, was es vor Augen sieht. Die Stärke des Feindes sollte nicht den Blick darauf verdrängen, wer Israel bisher geführt hatte.
Die Begründung steht bereits am Ende von Vers 1: Der HERR, der Israel aus Ägypten heraufgeführt hatte, war mit seinem Volk. Mose erinnert damit an ein Ereignis, bei dem Israel selbst einer überlegenen Streitmacht gegenübergestanden hatte. Als die Ägypter das Volk am Schilfmeer verfolgten, gerieten die Israeliten in große Furcht. Mose forderte sie damals auf, stillzustehen und die Rettung des HERRN zu sehen (2. Mose 14,13–14). Gott öffnete ihnen den Weg durch das Meer und befreite sie aus der Gewalt ihrer Verfolger. Diese Erfahrung bildete nun die Grundlage für die Zuversicht, mit der Israel seinen zukünftigen Aufgaben begegnen sollte. Der Gott, der sie aus der ägyptischen Knechtschaft errettet hatte, war nicht durch die militärischen Möglichkeiten anderer Völker begrenzt.
Vers 2 beschreibt, dass vor dem Beginn des Kampfes ein Priester zum Heer treten und das Volk ansprechen sollte. Seine Aufgabe bestand darin, die Israeliten auf Gottes Gegenwart und seine Zusage hinzuweisen. Damit erhielt die Ermutigung einen festen Platz innerhalb der Kriegsvorbereitung. Nicht erst während der Auseinandersetzung, sondern bereits vor dem Kampf sollte das Volk daran erinnert werden, wem es vertraute. Der Text nennt an dieser Stelle keinen bestimmten Priester und verlangt auch nicht ausdrücklich, dass der Hohepriester selbst das Heer begleiten musste. Entscheidend ist seine Aufgabe als Sprecher, der die versammelten Männer auf Gottes Wort ausrichtete.
Die Worte des Priesters beginnen in Vers 3 mit der feierlichen Anrede: „Höre, Israel!“ Diese Formulierung begegnet auch in 5. Mose 6,4, wo Mose das Volk zur ungeteilten Hingabe an den HERRN aufruft. Hier soll Israel eine andere, aber ebenso wichtige Wahrheit beherzigen. Der Priester fordert die Männer auf, ihr Herz nicht verzagen zu lassen, sich nicht zu fürchten, nicht zu erschrecken und nicht vor ihren Feinden zu erbeben. Die mehrfachen Aufforderungen unterstreichen, wie ernst die Gefahr der Entmutigung genommen wird. Mose spricht nicht so, als könnte ein Mensch angesichts eines gefährlichen Kampfes überhaupt keine Angst empfinden. Vielmehr soll die Furcht nicht die Oberhand gewinnen und das Vertrauen auf Gottes Zusage verdrängen.
In Vers 4 folgt die eigentliche Begründung dieser Ermutigung. Der HERR selbst geht mit Israel, um für sein Volk gegen die Feinde zu kämpfen und ihm zu helfen. Der Gedanke erinnert an 5. Mose 3,22, wo Mose Israel angesichts der bevorstehenden Auseinandersetzungen ebenfalls versichert, dass Gott für es streiten werde. Die Zusage bedeutet nicht, dass die Israeliten keine eigenen Aufgaben mehr hatten. Sie sollten sich auf den Kampf vorbereiten, Anweisungen beachten und verantwortungsvoll handeln. Doch der Ausgang ihres Weges sollte nicht allein von der Größe des Heeres oder der Überlegenheit seiner Waffen abhängig gemacht werden. Entscheidend war Gottes Beistand bei dem Auftrag, den er seinem Volk gegeben hatte.
Dabei muss die Verheißung in ihrem Zusammenhang verstanden werden. Mose erteilt Israel keinen allgemeinen Freibrief, beliebige Kriege zu beginnen und anschließend Gottes Unterstützung zu beanspruchen. Schon in 5. Mose 1,41–44 erinnert er daran, dass die Israeliten nach ihrer Weigerung, Gottes ursprünglichem Auftrag zu gehorchen, eigenmächtig zum Kampf aufbrachen. Obwohl sie entschlossen waren, in das Bergland hinaufzuziehen, erlitten sie eine Niederlage. Gott hatte sie ausdrücklich vor diesem Unternehmen gewarnt. Der Vergleich zeigt, dass militärischer Mut und die Berufung auf Gottes Namen allein noch keinen Gehorsam gegenüber seinem Willen bedeuten. Die Zusage von 5. Mose 20,4 gehört zur besonderen Geschichte Israels und setzt voraus, dass das Volk tatsächlich nach Gottes Anweisung handelt.
Die ersten vier Verse stellen damit nicht die militärische Stärke grundsätzlich infrage, sondern ihre Bedeutung als letzte Grundlage menschlicher Sicherheit. Israel durfte die Gefahren eines Krieges erkennen, ohne deshalb Gottes bisherige Führung zu vergessen. Seine Zuversicht sollte aus der Erinnerung an Gottes Handeln und aus dem Vertrauen auf seine Gegenwart erwachsen. Zugleich zeigt der folgende Abschnitt, dass dieses Vertrauen keine Missachtung persönlicher Lebensumstände verlangte. Noch bevor das Heer in den Kampf zog, sollten bestimmte Männer die Möglichkeit erhalten, nach Hause zurückzukehren.
5. Mose 20,5–7
Haus, Weinberg und Verlobung: Ausnahmen vom Kriegsdienst
Nachdem der Priester das Heer ermutigt hat, treten in Vers 5 die zuständigen Amtsträger vor das Volk. Sie sollen bekannt geben, welche Männer vor Beginn des Kampfes nach Hause zurückkehren dürfen. Mose nennt zunächst drei besondere Lebenssituationen: den Bau eines neuen Hauses, die Anlage eines Weinbergs und eine bevorstehende Eheschließung. Alle drei betreffen Menschen, die etwas Wichtiges begonnen haben, dessen Erfüllung sie aber noch nicht erleben konnten. Die Vorschriften zeigen, dass die Kriegsvorbereitung nicht ausschließlich nach der Zahl verfügbarer Soldaten ausgerichtet war. Auch das persönliche Leben der Männer und ihre familiären Verpflichtungen sollten berücksichtigt werden.
Die erste Ausnahme betrifft nach Vers 5 einen Mann, der ein neues Haus gebaut, es aber noch nicht eingeweiht hat. Das hebräische Wort ḥānaḵ bezeichnet das Einweihen oder die erstmalige bestimmungsgemäße Übergabe einer Sache. Der Text beschreibt allerdings nicht, wie eine solche Hauseinweihung durchgeführt wurde. Deshalb lässt sich daraus keine bestimmte religiöse Zeremonie ableiten. Entscheidend ist, dass der Mann sein neues Zuhause noch nicht in der vorgesehenen Weise in Gebrauch genommen hatte. Er durfte zurückkehren, damit er nicht im Kampf starb und ein anderer das Haus einweihte. Mose berücksichtigt damit den Verlust einer Lebensmöglichkeit, auf die der Betreffende bereits hingearbeitet hatte. Das Haus stand nicht nur für einen materiellen Besitz, sondern auch für die Aussicht auf ein eigenes Zuhause und ein geordnetes Familienleben.
Vers 6 nennt einen Mann, der einen Weinberg gepflanzt hat, seine Früchte aber noch nicht für den gewöhnlichen Gebrauch nutzen konnte. Diese Vorschrift wird durch 3. Mose 19,23–25 verständlicher. Dort wird angeordnet, die Früchte neu gepflanzter Bäume in den ersten drei Jahren nicht zu essen. Im vierten Jahr sollen sie dem HERRN geweiht sein; erst im fünften Jahr dürfen sie gewöhnlich genutzt werden. Das in 5. Mose 20,6 verwendete hebräische Verb ḥillēl kann diese Freigabe zur gewöhnlichen Nutzung bezeichnen. Es geht deshalb nicht notwendigerweise um einen Weinberg, an dem noch überhaupt keine Trauben gewachsen waren. Der Mann hatte möglicherweise bereits mehrere Jahre Arbeit investiert, ohne selbst von der Ernte profitieren zu können. Auch ihm sollte die Gelegenheit gegeben werden, das Begonnene zu vollenden. Andernfalls könnte er im Kampf sterben, während ein anderer die Früchte seiner Arbeit genießt.
Die dritte Ausnahme in Vers 7 betrifft einen Mann, der sich mit einer Frau verlobt, sie aber noch nicht geheiratet hat. Eine Verlobung war im damaligen Israel bereits eine rechtlich verbindliche Verbindung. Sie war mehr als eine unverbindliche Absichtserklärung und begründete Verpflichtungen zwischen den zukünftigen Ehepartnern. Dennoch unterschied sie sich von der vollzogenen Ehe. Der Mann durfte deshalb nach Hause zurückkehren, um die bevorstehende Eheschließung nicht durch seinen Tod im Krieg zu verlieren. Mose berücksichtigt hier nicht nur den Wunsch des Mannes, sondern mittelbar auch die Lebensplanung der Frau, mit der er verbunden war. Der mögliche Tod eines Verlobten konnte für sie erhebliche persönliche und gesellschaftliche Folgen haben.
Eine ergänzende Bestimmung findet sich in 5. Mose 24,5. Dort wird angeordnet, dass ein Mann, der gerade geheiratet hat, ein Jahr lang nicht zum Kriegsdienst oder zu anderen öffentlichen Verpflichtungen herangezogen werden soll. Er soll zu Hause bleiben und seiner Frau Freude bereiten. Beide Vorschriften behandeln unterschiedliche Zeitpunkte: 5. Mose 20,7 schützt die bevorstehende Eheschließung, während 5. Mose 24,5 dem ersten gemeinsamen Ehejahr besondere Bedeutung gibt. Sie lassen erkennen, dass der Aufbau einer Ehe im israelitischen Gesetz nicht einfach hinter militärischen Anforderungen zurücktreten sollte. Eine Familie zu gründen und die damit verbundenen Verpflichtungen wahrzunehmen, gehörte ebenfalls zum verantwortlichen Leben innerhalb des Gottesvolkes.
Auffällig ist, dass Mose bei allen drei Ausnahmen denselben Gedanken wiederholt: Der Mann könnte im Kampf sterben, und ein anderer würde an seiner Stelle das Haus einweihen, die Früchte des Weinbergs nutzen oder die Frau heiraten. Damit wird keine sichere Vorhersage über seinen Tod ausgesprochen. Mose beschreibt vielmehr die Möglichkeit, dass ein Mensch das Ziel seiner begonnenen Arbeit oder Lebensentscheidung nicht mehr erreicht. Gerade weil der Ausgang einer Schlacht nicht für jeden Einzelnen vorhersehbar war, sollten diese besonderen Umstände vor dem Kampf berücksichtigt werden. Der Text verspricht den zurückkehrenden Männern auch kein dauerhaftes Leben ohne Gefahren. Er gewährt ihnen eine konkrete Ausnahme von der bevorstehenden militärischen Verpflichtung.
Diese Bestimmungen zeigen eine bemerkenswerte Rücksicht auf die persönlichen Lebensverhältnisse der Israeliten. Obwohl das Volk vor einer ernsten militärischen Aufgabe stand, sollten nicht sämtliche anderen Lebensbereiche bedeutungslos werden. Häuser wurden gebaut, Weinberge gepflanzt und Ehen geschlossen. Solche Tätigkeiten gehörten zu dem Leben, das Israel in dem von Gott verheißenen Land führen sollte. Die Anweisungen erinnern daran, dass der Besitz des Landes nicht allein durch militärische Erfolge seinen Sinn erhielt, sondern auch dadurch, dass Menschen darin wohnen, arbeiten und Familien gründen konnten. Im folgenden Abschnitt nennt Mose noch einen anderen Grund für die Rückkehr vom Heer: die Furcht eines Mannes, deren Auswirkungen nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Mitkämpfer betreffen konnten.
5. Mose 20,8–9
Die Entlassung der Furchtsamen und die Einsetzung der Heerführer
Nachdem die Amtsträger die Ausnahmen für Männer mit besonderen familiären und persönlichen Verpflichtungen bekannt gegeben haben, nennen sie in Vers 8 einen weiteren Grund, vom bevorstehenden Kampf zurückzukehren. Wer sich fürchtet und ein verzagtes Herz hat, soll nach Hause gehen dürfen. Anders als bei den vorhergehenden Ausnahmen geht es hier nicht um eine noch unerfüllte Lebensaufgabe, sondern um die innere Verfassung des Soldaten. Mose berücksichtigt, dass Menschen unterschiedlich auf die Gefahren eines Krieges reagieren. Nicht jeder, der sich zum Heer versammelt hatte, war auch in der Lage, den bevorstehenden Kampf durchzustehen.
Die Begründung dieser Anweisung ist ausdrücklich genannt: Der furchtsame Mann könnte auch das Herz seiner Brüder verzagt machen. Angst bleibt innerhalb einer größeren Gemeinschaft nicht immer auf den Einzelnen beschränkt. Wenn ein Soldat den Mut verliert, kann seine Haltung auf andere übergreifen und deren Entschlossenheit schwächen. Besonders angesichts eines überlegenen Gegners konnte eine solche Entwicklung gefährliche Folgen haben. Mose verlangt deshalb nicht, dass jeder Mann unabhängig von seiner inneren Verfassung im Heer bleiben musste. Die Möglichkeit zur Rückkehr sollte verhindern, dass die Furcht Einzelner die gesamte Gemeinschaft entmutigte. Dabei wird der Betreffende nicht ausdrücklich als schlechter Mensch oder als bewusst ungehorsam bezeichnet. Der Text nennt seine Furcht und die möglichen Auswirkungen auf die anderen Soldaten als Grund für seine Entlassung.
Diese Bestimmung gewinnt zusätzliche Bedeutung im Zusammenhang mit den Versen 1–4. Dort hatte der Priester das gesamte Volk aufgefordert, nicht zu verzagen, weil der HERR mit Israel war. Dennoch rechnen die folgenden Anweisungen damit, dass manche Männer weiterhin Angst haben würden. Die Zusage göttlicher Hilfe und die Rücksicht auf menschliche Schwäche stehen hier nebeneinander. Das bedeutet nicht, dass Mose die Furcht zum Maßstab für jede Entscheidung erhebt. Vielmehr unterscheidet er zwischen der Ermutigung, die allen gilt, und der besonderen Situation einzelner Männer, deren Verzagtheit sich nachteilig auf das Heer auswirken könnte. Gottvertrauen wird damit nicht als bloße Behauptung behandelt, durch die jede tatsächliche Angst sofort verschwinden müsste.
Eine deutliche Parallele findet sich in Richter 7,2–3. Bevor Gideon gegen die Midianiter zieht, fordert Gott ihn auf, die furchtsamen Männer nach Hause zurückkehren zu lassen. Daraufhin verlassen zweiundzwanzigtausend Männer das Heer, während zehntausend zurückbleiben. Die Ähnlichkeit mit 5. Mose 20,8 ist unverkennbar. Allerdings nennt Gott in Gideons Geschichte noch einen besonderen Grund für die anschließende weitere Verkleinerung des Heeres: Israel soll sich den Sieg nicht selbst zuschreiben können. Deshalb darf aus dieser Begebenheit keine allgemeine Regel abgeleitet werden, nach der ein möglichst kleines Heer grundsätzlich größeren Glauben beweisen würde. Die Verbindung zeigt vielmehr, dass Gottes Hilfe nicht allein von der Anzahl der verfügbaren Kämpfer abhängig war. Zugleich blieb die Entlassung der Furchtsamen eine konkrete Maßnahme innerhalb der Kriegsvorbereitung.
Vers 9 beschreibt schließlich den Abschluss der Ansprachen durch die Amtsträger. Nachdem sie ihre Anweisungen beendet haben, werden die Heerführer an die Spitze des Volkes gestellt. Der Text unterscheidet dabei zwischen den Amtsträgern, die zuvor zum Heer gesprochen hatten, und den militärischen Verantwortlichen, unter deren Führung die verbleibenden Männer kämpfen sollten. Die Reihenfolge ist bemerkenswert: Zunächst wird das Volk an Gottes Gegenwart erinnert, anschließend werden die vorgesehenen Ausnahmen bekannt gegeben, und erst danach tritt die militärische Führung in den Vordergrund. Ob die Heerführer bei dieser Gelegenheit erstmals bestimmt oder bereits vorhandene Befehlshaber in ihre Stellung eingesetzt wurden, erläutert Mose nicht näher. Entscheidend ist die geordnete Vorbereitung des nun verbleibenden Heeres.
Die Verse 8–9 zeigen, dass die Kriegsvorbereitung Israels nicht allein von der möglichst großen Zahl bewaffneter Männer bestimmt werden sollte. Die Verantwortlichen mussten auch die Verfassung der Soldaten berücksichtigen und für eine klare Führung sorgen. Die vorherige Ermutigung zum Vertrauen auf Gott machte menschliche Umsicht nicht überflüssig. Gleichzeitig durfte die notwendige militärische Organisation nicht an die Stelle des Vertrauens auf Gottes Führung treten. Beide Gedanken gehörten in der damaligen Situation zusammen. Nachdem Mose die Vorbereitung des Heeres geregelt hat, wendet er sich im folgenden Abschnitt dem Umgang mit feindlichen Städten zu und erklärt, unter welchen Bedingungen ihnen vor einem Angriff Frieden angeboten werden sollte.
5. Mose 20,10–11
Das Friedensangebot und die Bedingungen einer Unterwerfung
Nachdem Mose die Vorbereitung des israelitischen Heeres geregelt hat, wendet er sich in Vers 10 dem Umgang mit feindlichen Städten zu. Wenn Israel gegen eine Stadt ziehen will, soll es ihr zunächst Frieden anbieten. Der Angriff soll demnach nicht ohne vorherige Aufforderung zur friedlichen Beilegung des Konflikts beginnen. Die Bewohner erhalten die Möglichkeit, auf weiteren Widerstand zu verzichten und die Stadt zu öffnen. Mose beschreibt damit einen festgelegten Ablauf, bei dem einer militärischen Auseinandersetzung zunächst ein Angebot vorausgeht. Allerdings muss genau beachtet werden, welche Art von Frieden hier gemeint ist und welche Bedingungen damit verbunden waren.
Das hebräische Wort schalom kann Frieden, Wohlergehen und ungestörte Verhältnisse bezeichnen. In diesem Zusammenhang bedeutet das Friedensangebot jedoch nicht, dass Israel mit der betreffenden Stadt einen Vertrag zwischen gleichberechtigten und weiterhin unabhängigen Parteien schließen sollte. Vers 11 macht deutlich, dass die Annahme des Angebots mit einer Unterwerfung verbunden war. Die Bewohner mussten die Stadt öffnen und sich der israelitischen Herrschaft unterstellen. Es ging somit um die Möglichkeit, eine gewaltsame Eroberung durch die Anerkennung der militärischen und politischen Überlegenheit Israels abzuwenden. Das Angebot konnte Menschen vor den unmittelbaren Folgen eines Kampfes bewahren, bedeutete aber nicht, dass ihre bisherige Freiheit und Selbstständigkeit unverändert bestehen blieben.
Mose erklärt ausdrücklich, was mit der Bevölkerung einer Stadt geschehen sollte, die das Angebot annahm. Alle dort lebenden Menschen sollten Israel fronpflichtig und untertan werden. Der verwendete hebräische Ausdruck mas bezeichnet eine auferlegte Leistung und kann im Zusammenhang mit staatlicher Herrschaft Fronarbeit meinen. Die Bewohner mussten demnach Dienste für die neue Herrschaft leisten. Der Text beschreibt nicht im Einzelnen, welche Arbeiten sie ausführen sollten, wie lange diese Verpflichtungen dauerten oder welche rechtlichen Möglichkeiten ihnen verblieben. Deshalb lässt sich aus diesen beiden Versen keine vollständige Regelung ihrer späteren Lebensverhältnisse ableiten. Fest steht jedoch, dass die Annahme des Friedensangebots einen erheblichen Verlust ihrer bisherigen Selbstständigkeit mit sich brachte.
Die Vorschrift unterscheidet damit zwischen der Schonung des Lebens und der Bewahrung persönlicher Freiheit. Wer sich unterwarf, konnte einer gewaltsamen Eroberung entgehen. Zugleich musste die Bevölkerung eine von Israel auferlegte Dienstpflicht akzeptieren. Diese beiden Seiten dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es wäre unzutreffend, das Angebot lediglich als Ausdruck uneingeschränkter Friedfertigkeit zu beschreiben. Ebenso würde man den Wortlaut verkürzen, wenn man übersähe, dass Mose vor einem Angriff zunächst die Möglichkeit einer kampflosen Übergabe vorsah. Die Regelung gehört zur damaligen Kriegs- und Herrschaftsordnung und muss innerhalb dieser geschichtlichen Verhältnisse verstanden werden.
Eine wichtige Frage entsteht durch den weiteren Verlauf des Kapitels. Vers 10 spricht zunächst allgemein von einer Stadt, gegen die Israel Krieg führen will. In Vers 15 wird jedoch ausdrücklich zwischen weit entfernten Städten und den Städten der kanaanitischen Völker unterschieden. Deshalb wird unterschiedlich ausgelegt, ob das Friedensangebot grundsätzlich allen Städten galt oder ob bereits die Aufforderung zur friedlichen Übergabe auf entfernte Städte beschränkt war. Die engere Auslegung versteht die Verse 10–15 als zusammengehörige Bestimmungen für Kriege außerhalb Kanaans. Eine andere Auslegung nimmt an, dass zunächst jeder Stadt Frieden angeboten werden sollte, während die späteren Verse unterschiedliche Folgen für den Fall einer Eroberung festlegen. Der unmittelbare Wortlaut lässt diese Frage nicht ohne weitere Prüfung endgültig entscheiden. Sicher ist jedoch, dass Mose für die verschiedenen Städte nicht dieselben Bedingungen nach einer gewaltsamen Einnahme vorsieht.
Die Verse 10–11 machen somit deutlich, dass Israel beim Vorgehen gegen feindliche Städte einer festgelegten Ordnung folgen sollte. Nicht jede Stadt musste sofort angegriffen werden; eine kampflose Übergabe war ausdrücklich vorgesehen. Die damit verbundene Unterwerfung blieb allerdings eine schwerwiegende Folge für die Bewohner. Wie weit die Bedeutung dieser Regelung reichte, zeigt sich besonders im anschließenden Abschnitt. Dort erklärt Mose, was geschehen sollte, wenn eine Stadt das Friedensangebot ablehnte, und für welche Städte diese Bestimmungen ausdrücklich galten.
5. Mose 20,12–15
Die Eroberung entfernter Städte und das Schicksal ihrer Bewohner
Nachdem Mose erklärt hat, unter welchen Bedingungen eine Stadt Frieden mit Israel schließen konnte, beschreibt er in Vers 12 den Fall, dass sie das Angebot ablehnte und sich zum Krieg entschloss. Israel sollte die betreffende Stadt daraufhin belagern. Eine Belagerung gehörte in der damaligen Kriegsführung zu den gebräuchlichen Mitteln, befestigte Städte einzunehmen. Die Angreifer konnten die Zugangswege abschneiden und verhindern, dass die Bewohner weiterhin ausreichend mit Lebensmitteln und anderen notwendigen Gütern versorgt wurden. Dadurch sollte die Stadt geschwächt und schließlich zur Übergabe gezwungen werden. Der Text beschreibt nicht die einzelnen militärischen Maßnahmen, legt aber fest, dass auf die Ablehnung des Friedensangebots eine Belagerung folgen konnte.
Vers 13 setzt voraus, dass die Stadt schließlich erobert wird. Mose formuliert dies als Handeln Gottes: Der HERR gibt die Stadt in Israels Hand. Die militärische Einnahme wird damit innerhalb der besonderen Bundesgeschichte Israels auf Gottes Führung zurückgeführt. Diese Aussage ist jedoch keine allgemeine Zusage, dass jeder militärische Sieg den Willen Gottes beweist. Mose spricht von den Kriegen, für die er Israel im Zusammenhang mit seinem damaligen Auftrag Anweisungen gibt. Gerade deshalb müssen die folgenden Bestimmungen als Teil dieser geschichtlichen Rechtsordnung verstanden werden und dürfen nicht ohne Weiteres auf spätere Kriege anderer Völker übertragen werden.
Für die eroberte Stadt ordnet Mose an, alles, was darin männlich ist, mit der Schärfe des Schwertes zu töten. Diese Formulierung beschreibt eine außerordentlich harte Maßnahme. Die männlichen Bewohner sollten nach der Einnahme nicht lediglich entwaffnet oder als Gefangene festgehalten werden, sondern getötet werden. Die Wendung „mit der Schärfe des Schwertes“ bezeichnet die Tötung durch Waffengewalt. Häufig wird die Bestimmung auf die erwachsenen männlichen Einwohner bezogen, weil Vers 14 die Kinder gesondert nennt. Der Wortlaut von Vers 13 nennt jedoch keine ausdrückliche Altersgrenze. Deshalb sollte nicht behauptet werden, Mose habe hier eindeutig ausschließlich bewaffnete Soldaten gemeint. Die Anweisung betrifft die männliche Bevölkerung der eroberten Stadt und geht damit über die Bekämpfung eines Heeres während der eigentlichen Schlacht hinaus.
Vers 14 bestimmt, dass Frauen und Kinder, das Vieh und der übrige Besitz der Stadt als Beute genommen werden durften. Anders als die in Vers 13 genannten männlichen Bewohner sollten Frauen und Kinder demnach nicht aufgrund dieser Anordnung getötet werden. Ihre Verschonung bedeutete allerdings nicht, dass sie ihre bisherige Freiheit bewahrten. Als Gefangene und Kriegsbeute gerieten sie unter die Gewalt der Sieger. Der Text erklärt an dieser Stelle nicht im Einzelnen, unter welchen Bedingungen sie anschließend leben mussten. Dass Kriegsgefangenschaft auch für verschonte Menschen schwerwiegende Folgen hatte, darf deshalb nicht übersehen werden. In 5. Mose 21,10–14 folgen weitere Bestimmungen zum Umgang mit einer im Krieg gefangenen Frau. Diese Vorschriften gehören zum größeren rechtlichen Zusammenhang, ändern aber nichts daran, dass die Eroberung für die betroffene Bevölkerung mit erheblichem Leid und dem Verlust ihrer bisherigen Lebensverhältnisse verbunden war.
Auch die ausdrückliche Erlaubnis, sich von der erbeuteten Habe der Feinde zu ernähren, gehört zur damaligen Kriegsordnung. Die Sieger konnten Vieh und andere Güter der eroberten Stadt für sich verwenden. Mose führt diese Möglichkeit ebenfalls auf die Übergabe der Stadt durch Gott zurück. Doch die Formulierung darf nicht so verstanden werden, als erkläre die Bibel jede spätere Plünderung oder gewaltsame Aneignung fremden Besitzes für rechtmäßig. Der Text regelt einen bestimmten Fall innerhalb der israelitischen Kriegsbestimmungen. Er enthält keine allgemeine Ermächtigung, anderen Menschen unter Berufung auf Gottes Namen ihre Lebensgrundlage zu nehmen.
Erst in Vers 15 wird ausdrücklich klargestellt, für welche Städte die zuvor beschriebenen Bestimmungen gelten. Mose spricht von Städten, die sehr weit entfernt liegen und nicht zu den Städten der Völker gehören, deren Land Israel erhalten sollte. Damit unterscheidet er zwischen Kriegen gegen entfernte Städte und dem besonderen Auftrag zur Einnahme Kanaans. Diese Unterscheidung ist wesentlich für das Verständnis des gesamten Abschnitts. Die Regelung über die Tötung männlicher Bewohner und die Gefangennahme der übrigen Bevölkerung wird hier ausdrücklich den entfernten Städten zugeordnet. Der Text nennt allerdings keine genaue Entfernung, ab der eine Stadt als weit entfernt gelten sollte. Entscheidend ist ihre Unterscheidung von den Völkern, deren Gebiet Israel als Erbteil zugesagt war.
Diese Bestimmungen zeigen, dass Mose verschiedene Formen der Kriegsführung voneinander unterscheidet. Eine Stadt konnte sich unterwerfen und dadurch der gewaltsamen Eroberung entgehen. Leistete sie Widerstand und wurde eingenommen, waren die Folgen für ihre Bewohner äußerst schwerwiegend. Die Anordnung begrenzte die Tötung in diesem Fall gegenüber einer vollständigen Vernichtung der gesamten Bevölkerung, bedeutete aber keineswegs einen Schutz vor allen Formen menschlichen Leids. Die Härte dieser Vorschriften muss offen benannt werden. Sie gehört zum tatsächlichen Inhalt des Bibeltextes und darf nicht durch eine ausschließlich positive Darstellung des angebotenen Friedens verdeckt werden.
Mit Vers 15 bereitet Mose zugleich einen entscheidenden Gegensatz vor. Für die kanaanitischen Völker, deren Land Israel einnehmen sollte, galten nach den folgenden Versen noch strengere Anweisungen. Dort ging es nicht mehr allein um die Behandlung einer entfernten eroberten Stadt, sondern um den besonderen Bann, der über die genannten Völker ausgesprochen wurde. Warum Mose diese Unterscheidung trifft und welche schwierigen Fragen daraus entstehen, wird in den Versen 16–18 deutlich.
5. Mose 20,16–18
Das Banngebot über die kanaanitischen Völker und seine Begründung
Nachdem Mose die Bestimmungen für weit entfernte Städte erläutert hat, beschreibt er in Vers 16 eine wesentlich strengere Anordnung. Sie betrifft die Städte der Völker, deren Land Gott Israel zum Erbteil geben wollte. Anders als bei den zuvor genannten Städten sollten die Bewohner hier nicht nach Geschlecht unterschieden und teilweise als Kriegsgefangene verschont werden. Mose befiehlt ausdrücklich, nichts am Leben zu lassen, was Odem hat. Diese Worte gehören zu den schwierigsten Aussagen des Alten Testaments, weil sie die vollständige Vernichtung der betroffenen Bevölkerung anordnen. Der Text spricht nicht lediglich von der Besiegung feindlicher Soldaten oder der Zerstörung religiöser Gegenstände. Seine Aussage betrifft das menschliche Leben selbst und schließt nach dem Wortlaut auch Menschen ein, die nicht persönlich am Kampf beteiligt waren.
Vers 17 nennt sechs Völker, die diesem Bann unterliegen sollten: die Hethiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Hewiter und Jebusiter. In 5. Mose 7,1 werden zusätzlich die Girgasiter genannt. Die unterschiedlichen Aufzählungen beziehen sich auf die Völker des verheißenen Landes, ohne dass Mose hier sämtliche damaligen Bevölkerungsgruppen geografisch genau voneinander abgrenzt. Das hebräische Wort ḥērem, das hinter dem Ausdruck des Bannens steht, bezeichnet in diesem Zusammenhang die vollständige Aussonderung zur Vernichtung. Was dem Bann unterlag, durfte nicht einfach als gewöhnliche Kriegsbeute behandelt werden. Die Geschichte Achans in Josua 7 zeigt später, welche Bedeutung diese Unterscheidung hatte. Er nahm Gegenstände an sich, die dem Bann unterstanden, und verstieß damit gegen die ausdrückliche Anordnung Gottes.
Die Begründung des Befehls folgt in Vers 18. Die betreffenden Völker sollten Israel nicht dazu verleiten, ihre religiösen Gräuel nachzuahmen und gegen den HERRN zu sündigen. Mose hatte bereits in 5. Mose 7,3–5 davor gewarnt, dass enge religiöse Verbindungen mit diesen Völkern Israel zum Götzendienst führen könnten. In 5. Mose 12,29–31 nennt er besonders schwerwiegende Praktiken, darunter das Verbrennen von Söhnen und Töchtern als Opfer für fremde Götter. Das Banngebot steht somit im Zusammenhang der besonderen Landnahme und der Bewahrung Israels vor religiöser Abkehr. Die Begründung bedeutet jedoch nicht, dass jedem einzelnen Bewohner Kanaans eine persönlich begangene Tat dieser Art nachgewiesen worden wäre. Insbesondere lässt sich daraus keine individuelle Schuld aller Kinder oder anderer Nichtkämpfender ableiten. Die Härte der Anordnung bleibt deshalb auch dann eine ernste Frage, wenn ihre im Text genannte Begründung berücksichtigt wird.
Der größere Zusammenhang der Landverheißung ergänzt diese Aussage. In 1. Mose 15,16 kündigt Gott Abraham an, dass seine Nachkommen erst nach mehreren Generationen zurückkehren würden, weil das Maß der Schuld der Amoriter noch nicht voll sei. Damit wird deutlich, dass das angekündigte Gericht nicht als willkürliche Entscheidung ohne vorausgehende Geschichte dargestellt wird. Gleichzeitig warnt Mose in 5. Mose 9,4–6 davor, dass Israel die Vertreibung der Völker als Beweis seiner eigenen Gerechtigkeit verstehen könnte. Das Land sollte Israel nicht gegeben werden, weil es moralisch besser gewesen wäre als alle anderen Menschen. Gerade diese Warnung verhindert die Vorstellung, Israel besitze aufgrund seiner Herkunft ein grundsätzliches Recht, über andere Völker zu verfügen. Der besondere Auftrag gründete nach der biblischen Darstellung in Gottes Verheißung und seinem Gericht, nicht in einer natürlichen Überlegenheit Israels.
Die späteren Ereignisse im Buch Josua zeigen allerdings, dass die Geschichte der Landnahme nicht ausschließlich von der Vernichtung kanaanitischer Menschen berichtet. Rahab aus Jericho bekannte ihren Glauben an den Gott Israels und wurde gemeinsam mit ihrer Familie verschont (Josua 2; 6,22–25). Auch die Gibeoniter, die zu den Hewitern gehörten, blieben am Leben, nachdem sie Israel durch die Behauptung einer weit entfernten Herkunft zu einem Bund verleitet hatten (Josua 9). Diese Beispiele belegen, dass Menschen aus der einheimischen Bevölkerung tatsächlich unter Israel weiterleben konnten. Sie beantworten jedoch nicht vollständig die Frage, unter welchen Bedingungen die einzelnen Städte rechtmäßig verschont werden durften. Insbesondere wird unterschiedlich ausgelegt, ob das Friedensangebot aus Vers 10 grundsätzlich auch für die kanaanitischen Städte vorgesehen war oder ob Vers 15 es auf entfernte Städte beschränkt. Der Text unterscheidet ausdrücklich zwischen beiden Gruppen, lässt aber über die Reichweite des ursprünglichen Friedensangebots Raum für unterschiedliche Auslegungen.
Auch die Berichte über die militärische Umsetzung des Banngebots müssen sorgfältig gelesen werden. Im Buch Josua werden mehrfach umfassende Siege und die Vernichtung ganzer Städte beschrieben. Gleichzeitig berichten Josua 13 und Richter 1, dass zahlreiche Gebiete nicht vollständig eingenommen wurden und kanaanitische Bevölkerungsgruppen weiterhin dort lebten. Manche Ausleger weisen darauf hin, dass umfassende Siegesformulierungen auch zur damaligen altorientalischen Kriegssprache gehörten. Andere verstehen sie stärker als Beschreibungen konkreter Vernichtungsaktionen. Selbst wenn einzelne Siegesberichte sprachliche Übertreibungen enthalten, folgt daraus jedoch nicht, dass die ausdrückliche Anordnung in 5. Mose 20 lediglich bildlich gemeint gewesen wäre. Zwischen dem Inhalt eines Gebots, seiner späteren Darstellung und dem tatsächlichen historischen Geschehen muss unterschieden werden.
Für das Verständnis dieser Verse ist schließlich entscheidend, dass Mose keinen allgemeinen Auftrag an alle späteren Generationen erteilt, Menschen anderer Religionen zu bekämpfen oder zu vernichten. Die Anweisungen stehen innerhalb der besonderen Geschichte Israels und der ihm zugesagten Landnahme. Sie dürfen nicht auf Kriege übertragen werden, die Menschen aus eigenen politischen oder religiösen Interessen führen. Jesus lehrte seine Nachfolger ausdrücklich, ihre Feinde zu lieben und für ihre Verfolger zu beten (Matthäus 5,44). Das beseitigt nicht jede moralische Schwierigkeit des alttestamentlichen Textes, macht aber deutlich, dass Christen aus diesem Banngebot keine Erlaubnis zur Gewalt gegen Andersgläubige ableiten können.
Die Verse 16–18 verbinden somit ein besonders schwerwiegendes Gericht mit der Warnung vor religiöser Verführung. Sie zeigen, wie ernst Mose die Gefahr nahm, dass Israel den Gottesdienst und die Lebensweise der umgebenden Völker übernehmen könnte. Zugleich verlangen sie eine Auslegung, die weder die ausdrückliche Härte des Befehls verschweigt noch daraus zeitlose Handlungsanweisungen für religiöse Gewalt macht. Nachdem Mose diese unterschiedlichen Kriegsbestimmungen erläutert hat, wendet er sich zum Abschluss einem weiteren Bereich zu: Selbst während einer Belagerung sollte die Zerstörung nicht grenzenlos sein, sondern zumindest die fruchttragenden Bäume verschonen.
5. Mose 20,19–20
Warum Fruchtbäume bei einer Belagerung geschont werden sollten
Zum Abschluss seiner Anweisungen über die Kriegsführung wendet Mose sich einer besonderen Frage zu: Was durfte Israel während der Belagerung einer Stadt mit den Bäumen in ihrer Umgebung tun? Eine Belagerung konnte längere Zeit dauern und große Mengen an Holz erfordern. Die Angreifer benötigten Baumaterial für ihre Befestigungen und Belagerungsanlagen. Zugleich konnten sie versuchen, die Versorgung der eingeschlossenen Bevölkerung zu beeinträchtigen. Vor diesem Hintergrund verbietet Mose in Vers 19 ausdrücklich, fruchttragende Bäume mit der Axt zu zerstören. Auch wenn Israel gegen eine feindliche Stadt kämpfte, sollte es nicht unterschiedslos alles vernichten, was sich in ihrer Umgebung befand.
Die Begründung liegt zunächst im unmittelbaren Nutzen der Bäume. Mose erklärt, dass die Israeliten von ihren Früchten essen konnten. Ein Fruchtbaum war nicht nur ein Gegenstand, dessen Holz sich verwenden ließ, sondern eine bleibende Nahrungsquelle. Wurde er gefällt, ging diese Möglichkeit verloren. Besonders in einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft konnte ein solcher Verlust weitreichende Folgen haben. Ein neuer Baum benötigte Jahre, bis er ausreichend Früchte trug. Seine Zerstörung beeinträchtigte deshalb nicht nur die Versorgung während des gegenwärtigen Krieges, sondern konnte auch die spätere Bewirtschaftung des Landes erschweren. Die Vorschrift berücksichtigte somit den Unterschied zwischen einer kurzfristigen militärischen Nutzung und dem dauerhaften Wert eines fruchttragenden Baumes.
Am Ende von Vers 19 steht eine sprachlich schwierige Formulierung. Häufig wird sie als rhetorische Frage verstanden: Ist der Baum des Feldes etwa ein Mensch, der von Israel belagert werden müsste? Nach dieser Deutung erinnert Mose daran, dass der Baum selbst kein feindlicher Kämpfer ist. Er stellt keine militärische Bedrohung dar und muss deshalb nicht wie ein Gegner behandelt werden. Die hebräische Satzkonstruktion lässt allerdings unterschiedliche Erklärungen zu. Manche Ausleger verstehen die Worte stärker als Hinweis auf die Abhängigkeit des Menschen von den Bäumen. Eine völlig eindeutige Entscheidung zwischen allen sprachlichen Möglichkeiten lässt sich nicht treffen. Der Zusammenhang macht jedoch unmissverständlich deutlich, dass fruchttragende Bäume während einer Belagerung bewahrt werden sollten.
Vers 20 unterscheidet anschließend zwischen Bäumen, die Nahrung liefern, und solchen, von denen Israel wusste, dass sie keine essbaren Früchte trugen. Die zweite Gruppe durfte gefällt werden. Ihr Holz konnte zum Bau von Belagerungsanlagen verwendet werden, bis die betreffende Stadt eingenommen war. Mose untersagt somit nicht jede Verwendung von Holz für militärische Zwecke. Er legt vielmehr eine Grenze fest: Bäume, die dauerhaft Nahrung bereitstellen konnten, sollten nicht für einen Zweck zerstört werden, für den auch andere Bäume zur Verfügung standen. Bemerkenswert ist die Formulierung, dass die Israeliten wissen sollten, welche Bäume keine Nahrung lieferten. Die Unterscheidung setzte voraus, dass sie nicht wahllos vorgingen, sondern beachteten, welchen Wert die betreffenden Bäume besaßen.
Diese Bestimmung lässt erkennen, dass eine militärische Auseinandersetzung nach den damaligen Vorschriften nicht jede Form der Zerstörung rechtfertigte. Selbst in einer Situation, in der Israel eine Stadt belagerte und ihre Einnahme anstrebte, gab es Dinge, die nicht ohne Weiteres vernichtet werden durften. Daraus ergibt sich jedoch kein umfassendes Verbot sämtlicher Kriegsschäden. Mose erlaubt ausdrücklich, bestimmte Bäume zu fällen und daraus Belagerungsanlagen zu errichten. Ebenso wenig darf die Vorschrift isoliert von den vorhergehenden harten Kriegsanweisungen betrachtet werden. Das Kapitel verbindet den Schutz fruchttragender Bäume mit Bestimmungen, die für Menschen schwerwiegende Folgen hatten. Diese Spannung gehört zum tatsächlichen Inhalt des Textes und sollte nicht durch eine verallgemeinernde Darstellung als uneingeschränkt schonende Kriegsordnung verdeckt werden.
Eine schwierige Parallelstelle findet sich in 2. Könige 3,19–25. Dort kündigt der Prophet Elisa während eines Feldzugs gegen Moab an, dass die verbündeten Heere gute Bäume fällen, Wasserquellen verschließen und fruchtbare Felder mit Steinen verderben würden. Später berichtet die Erzählung, dass entsprechende Zerstörungen tatsächlich durchgeführt wurden. Das steht auf den ersten Blick in Spannung zu 5. Mose 20. Allerdings unterscheiden sich die beschriebenen Situationen: Mose behandelt ausdrücklich das Fällen von Bäumen während einer längeren Belagerung und ihre Verwendung für militärische Anlagen, während 2. Könige 3 eine umfassendere Verwüstung des moabitischen Gebiets schildert. Auch die hebräischen Bezeichnungen für die betroffenen Bäume sind nicht identisch. Daraus lässt sich jedoch nicht sicher folgern, dass in Moab ausschließlich Bäume ohne essbare Früchte gefällt wurden. Ob die unterschiedlichen Umstände die Spannung vollständig erklären oder ein besonderer Ausnahmefall vorliegt, bleibt umstritten. Die ausdrückliche Schutzbestimmung aus 5. Mose 20 darf deshalb nicht aufgrund dieser späteren Erzählung aufgehoben werden.
In der jüdischen Auslegung entwickelte sich aus dem Verbot, Fruchtbäume unnötig zu zerstören, der umfassendere Grundsatz bal taschchit, der sich gegen vermeidbare Zerstörung richtet. Diese spätere Anwendung geht über die konkrete Kriegsvorschrift hinaus. Dennoch besitzt sie einen nachvollziehbaren Ausgangspunkt im Text: Ein Gegenstand, der dauerhaft Nutzen bringt, soll nicht ohne hinreichenden Grund vernichtet werden. Für eine biblische Betrachtung menschlicher Verantwortung gegenüber der Schöpfung lässt sich dieser Gedanke mit weiteren Stellen verbinden. Bereits in 1. Mose 2,15 wird dem Menschen die Aufgabe übertragen, den Garten zu bebauen und zu bewahren. Die beiden Texte behandeln unterschiedliche Situationen, stimmen aber darin überein, dass der Mensch mit den ihm anvertrauten Lebensgrundlagen verantwortungsvoll umgehen soll.
Die abschließenden Verse zeigen damit, dass Mose auch während eines Krieges zwischen notwendigen Maßnahmen und vermeidbarer Zerstörung unterscheidet. Der unmittelbare militärische Vorteil sollte nicht dazu führen, dass wertvolle Nahrungsquellen ohne Not vernichtet wurden. Der Fruchtbaum blieb selbst im Umfeld einer feindlichen Stadt etwas, dessen Erhalt Bedeutung hatte. Mit dieser Vorschrift endet ein Kapitel, das den Krieg nicht als grenzenlosen Raum menschlicher Willkür behandelt, sondern verschiedene verbindliche Regeln für Israel festlegt. Zugleich bleiben die schweren Fragen bestehen, die besonders die Behandlung eroberter Städte und das Banngebot aufwerfen. Sie verlangen, dass Gottes Handeln in der Geschichte Israels sorgfältig betrachtet und die damaligen Anweisungen nicht unbesehen auf andere Zeiten oder Situationen übertragen werden.
Geistliche Kernbotschaft
Gottes Gegenwart ist für sein Volk wichtiger als die Stärke menschlicher Machtmittel. Diese Wahrheit steht am Anfang von 5. Mose 20. Israel sollte angesichts überlegener Heere nicht vergessen, dass der HERR es bereits aus der Gewalt Ägyptens befreit hatte. Die Erinnerung an Gottes bisherige Führung sollte Vertrauen für die kommenden Herausforderungen schenken. Dabei bedeutete Gottes Zusage nicht, dass Israel nach eigenem Ermessen Kriege führen durfte. Sein Beistand war mit dem besonderen Auftrag verbunden, den er seinem Volk gegeben hatte. Gottes Gegenwart ließ sich nicht von seinem Willen trennen.
Bemerkenswert ist, dass dieses Vertrauen mit Rücksicht auf menschliche Lebensverhältnisse verbunden wird. Der Bau eines Hauses, die erste Nutzung eines Weinbergs und die bevorstehende Eheschließung sollten auch angesichts militärischer Anforderungen Bedeutung behalten. Mose betrachtet die Menschen nicht ausschließlich danach, welchen Beitrag sie zum Heer leisten konnten. Ihr persönliches Leben und ihre familiären Verpflichtungen waren ebenfalls wichtig. Selbst die Furcht einzelner Männer wurde berücksichtigt, statt sie ohne Unterschied zum Kampf zu zwingen. Gottes Verheißung sollte Israel Mut geben, machte jedoch einen verantwortungsvollen Umgang mit menschlichen Grenzen nicht überflüssig.
Die anschließenden Kriegsbestimmungen zeigen zugleich eine schwierige Seite der alttestamentlichen Geschichte. Gott wird als derjenige dargestellt, der Israel das Land gibt und Gericht über die dort lebenden Völker bringt. Besonders das Banngebot wirft ernste Fragen auf, weil es nach seinem Wortlaut auch Menschen betrifft, die nicht persönlich am Kampf beteiligt waren. Diese Schwierigkeit lässt sich nicht dadurch auflösen, dass allen Betroffenen eine individuell nachgewiesene Schuld zugeschrieben wird. Der Text begründet den Auftrag mit der Geschichte der Landverheißung, dem Gericht über das Unrecht der Völker und der Gefahr, dass Israel von seinem Gott abfallen könnte. Die Begründung erklärt den Zusammenhang der Anordnung, beseitigt aber nicht jede moralische Frage, die sie aufwirft.
Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen Gottes besonderem Handeln in der Geschichte Israels und den Aufgaben seiner Nachfolger unter dem neuen Bund zu unterscheiden. Jesus Christus sandte seine Jünger nicht aus, um Menschen durch militärische Eroberung seinem Reich zu unterwerfen. Er rief sie dazu auf, das Evangelium zu verkündigen, ihre Feinde zu lieben und selbst angesichts von Verfolgung an der Wahrheit festzuhalten. Gottes Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. In Christus wird sichtbar, dass Gottes Herrschaft nicht auf der gewaltsamen Durchsetzung menschlicher Machtansprüche beruht.
So fordert das Kapitel dazu auf, Gottes Führung ernst zu nehmen, ohne die Grenzen des eigenen Auftrags zu überschreiten. Vertrauen auf Gott rechtfertigt weder eigenmächtiges Handeln noch Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer. Zugleich erinnert die abschließende Schonung der Fruchtbäume daran, dass selbst unter den schweren Bedingungen eines Krieges nicht jede Zerstörung erlaubt war. Die geistliche Herausforderung besteht darin, Gottes Wort sorgfältig zu verstehen, ihm im eigenen Verantwortungsbereich zu gehorchen und aus einer besonderen geschichtlichen Anweisung keine Erlaubnis für Unrecht in der Gegenwart abzuleiten.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
2. Mose 14,10–14 und 5. Mose 1,41–44 beleuchten gemeinsam die Zusage göttlicher Hilfe am Anfang des Kapitels. Am Schilfmeer stand Israel einer überlegenen ägyptischen Streitmacht gegenüber, ohne sich selbst befreien zu können. Mose forderte das Volk auf, auf Gottes Rettung zu vertrauen. In 5. Mose 1 wird dagegen eine Situation beschrieben, in der Israel trotz Gottes ausdrücklicher Warnung eigenmächtig zum Kampf aufbrach und eine Niederlage erlitt. Beide Ereignisse helfen, 5. Mose 20,1–4 richtig einzuordnen. Vertrauen auf Gottes Macht ist nicht dasselbe wie die Erwartung, er werde jede selbst gewählte Unternehmung zum Erfolg führen. Die entscheidende Frage ist, ob Menschen tatsächlich nach seinem Willen handeln.
3. Mose 19,23–25 und 5. Mose 24,5 ergänzen die Ausnahmen vom Kriegsdienst. Die erste Stelle erklärt, warum ein neu angelegter Weinberg möglicherweise noch nicht für die gewöhnliche Nutzung seiner Früchte freigegeben war. Die zweite schützt einen Mann während des ersten Ehejahres vor militärischen und anderen öffentlichen Verpflichtungen. Diese Verbindungen zeigen, dass Mose nicht einfach beliebige persönliche Wünsche über die Aufgaben der Gemeinschaft stellte. Er berücksichtigte Lebenssituationen, für die das Gesetz bereits besondere Ordnungen kannte. Der Aufbau einer Familie und die Bewirtschaftung des Landes gehörten zu dem Leben, das Israel nach der Landnahme führen sollte.
1. Mose 15,13–16 und 5. Mose 9,4–6 sind für die Einordnung des Banngebots besonders wichtig. Gott kündigte Abraham die spätere Rückkehr seiner Nachkommen an und verband die zeitliche Verzögerung mit der noch nicht voll gewordenen Schuld der Amoriter. Mose warnte Israel später ausdrücklich davor, die Vertreibung der Völker als Beweis eigener Gerechtigkeit anzusehen. Beide Aussagen begrenzen eine mögliche Fehlinterpretation von 5. Mose 20,16–18: Die Landnahme wird als besondere Erfüllung göttlicher Verheißung und als Gericht dargestellt, nicht als Ausdruck einer grundsätzlichen Überlegenheit Israels. Zugleich erklären diese Stellen nicht das persönliche Schicksal jedes einzelnen Betroffenen. Die schwierigen Fragen nach dem Umfang des angeordneten Gerichts bleiben deshalb bestehen.
Josua 2; 6,22–25 und Josua 9 zeigen, dass die tatsächliche Landnahmegeschichte auch die Verschonung von Menschen aus der kanaanitischen Bevölkerung kennt. Rahab vertraute auf den Gott Israels und wurde gemeinsam mit ihrer Familie gerettet. Die Gibeoniter erschlichen sich dagegen durch Täuschung einen Bund mit Israel. Nachdem dieser geschlossen war, wurden sie trotz ihrer kanaanitischen Herkunft am Leben gelassen. In 2. Samuel 21,1–2 wird später ausdrücklich daran erinnert, dass Israel ihnen einen Eid gegeben hatte. Diese Erzählungen machen die Geschichte der Landnahme vielschichtiger. Sie zeigen, dass Gottes Gericht nicht die einzige Aussage ist, die die Bibel über das Verhältnis Israels zu den einheimischen Bewohnern überliefert. Dennoch begründen die beiden besonderen Rettungsgeschichten für sich genommen keine allgemeine Ausnahme, die in 5. Mose 20 ausdrücklich formuliert wäre.
Matthäus 5,43–48 und Johannes 18,36 verdeutlichen die besondere Stellung der Nachfolger Jesu. In der Bergpredigt fordert Jesus seine Jünger auf, auch ihre Feinde zu lieben und für ihre Verfolger zu beten. Vor Pilatus erklärt er, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist, und weist darauf hin, dass seine Diener andernfalls für seine Befreiung kämpfen würden. Diese Worte betreffen nicht unmittelbar die rechtliche Ordnung des alten Israel. Sie zeigen jedoch, dass die Ausbreitung des Reiches Christi nicht durch militärische Unterwerfung erfolgen soll. Deshalb dürfen die Landnahmekriege Israels nicht als Muster für die gewaltsame Durchsetzung des christlichen Glaubens verwendet werden. Auch Epheser 6,10–17 beschreibt den Kampf der Gläubigen mit Bildern geistlicher Waffen und richtet ihren Widerstand gegen die Mächte des Bösen, nicht gegen Menschen anderer Religionen.
1. Mose 2,15 und Habakuk 2,17 eröffnen schließlich eine weiterführende Verbindung zum Schutz der Fruchtbäume. In 1. Mose 2,15 erhält der Mensch die Aufgabe, den Garten zu bebauen und zu bewahren. Habakuk 2,17 nennt die Gewalt gegen den Libanon und die Tierwelt im Zusammenhang mit dem Gericht über den Unterdrücker. Die Texte behandeln unterschiedliche Situationen, verdeutlichen aber gemeinsam, dass der Umgang mit der geschaffenen Welt nicht bedeutungslos ist. 5. Mose 20,19–20 enthält zunächst eine konkrete Regel für Belagerungen und kein umfassendes Umweltgesetz. Dennoch lässt sich daraus ein allgemeiner Gedanke verantwortlichen Handelns ableiten: Was dauerhaft dem Leben dient, soll nicht leichtfertig für einen kurzfristigen Vorteil zerstört werden.
Wichtige Lektionen
Eine wichtige Lehre des Kapitels betrifft den Umgang mit Angst und scheinbar übermächtigen Herausforderungen. Israel sollte die Größe des gegnerischen Heeres wahrnehmen, ohne darüber Gottes bisherige Führung zu vergessen. Auch heute können Menschen vor Aufgaben stehen, die ihre eigenen Möglichkeiten zu übersteigen scheinen. Daraus folgt nicht, dass Gott jeden gewünschten Ausgang verspricht. Vielmehr dürfen Gläubige ihre Sorgen vor ihn bringen, seine Weisungen ernst nehmen und die nächsten notwendigen Schritte im Vertrauen auf ihn gehen. Mut bedeutet nicht, jede Gefahr zu leugnen, sondern sich nicht allein von der Furcht bestimmen zu lassen.
Gleichzeitig sollten Menschen ihre eigenen Grenzen und die Belastungen anderer ernst nehmen. Mose ließ ausdrücklich zu, dass bestimmte Männer vor dem Kampf zurückkehrten. Daraus ergibt sich keine allgemeine Regel, jede unangenehme Aufgabe bei Angst aufzugeben. Der Abschnitt erinnert jedoch daran, dass verantwortliche Führung nicht nur Forderungen stellt, sondern auch die persönliche Situation der Betroffenen berücksichtigt. Wer Aufgaben verteilt oder Verantwortung für andere trägt, sollte nicht allein fragen, was Menschen leisten können, sondern ebenso, welche Verpflichtungen sie bereits haben und welche Folgen eine Überforderung mit sich bringen könnte.
Die Vorschriften über Haus, Weinberg und Ehe erinnern daran, dass alltägliche Lebensaufgaben vor Gott Bedeutung besitzen. Ein Zuhause aufzubauen, für den Lebensunterhalt zu arbeiten und eine Ehe verantwortlich zu beginnen, sind keine nebensächlichen Tätigkeiten. Sie bilden einen wesentlichen Teil menschlichen Zusammenlebens. Gerade wenn große Aufgaben viel Aufmerksamkeit beanspruchen, können die Menschen im eigenen Umfeld leicht in den Hintergrund geraten. Mose zeigt, dass auch in einer ernsten gemeinschaftlichen Situation die persönlichen und familiären Verpflichtungen berücksichtigt werden sollten. Daraus erwächst die praktische Aufgabe, Verantwortung nicht nur an außergewöhnlichen Leistungen zu messen, sondern auch an der Treue im gewöhnlichen Leben.
Der Umgang mit den Kriegsbestimmungen verlangt außerdem Demut bei der Auslegung der Bibel. Nicht jeder Text lässt sich ohne Weiteres als unmittelbare Handlungsanweisung für die Gegenwart übernehmen. Die besonderen Befehle an Israel müssen in ihrem geschichtlichen Zusammenhang gelesen und mit den weiteren Aussagen der Heiligen Schrift verglichen werden. Gerade bei schwierigen Stellen ist es notwendig, zwischen dem ausdrücklich Gesagten und einer späteren Erklärung zu unterscheiden. Wer Gottes Wort ernst nimmt, muss die Härte eines Textes nicht verschweigen, um den Glauben zu verteidigen. Ebenso wenig darf er ungelöste Fragen durch vorschnelle Behauptungen beantworten. Ein aufrichtiger Umgang mit der Schrift schließt ein, die Grenzen des eigenen Verständnisses anzuerkennen.
Besonders deutlich ist die Warnung davor, religiöse Überzeugungen zur Rechtfertigung eigener Machtansprüche zu benutzen. Israels damaliger Landnahmeauftrag war an eine bestimmte Verheißung und einen besonderen geschichtlichen Zusammenhang gebunden. Menschen können daraus kein Recht ableiten, andere wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens zu unterdrücken. Jesus fordert seine Nachfolger vielmehr auf, ihre Feinde zu lieben und auch denjenigen Gutes zu tun, die ihnen feindlich begegnen. Im persönlichen Umgang bedeutet das, Menschen nicht aufgrund ihrer Überzeugungen zu Feinden zu erklären und selbst bei schweren Meinungsverschiedenheiten ihre Würde zu achten. Der christliche Glaube soll durch Wahrheit, Liebe und ein glaubwürdiges Leben bezeugt werden, nicht durch Zwang.
Schließlich erinnert die Vorschrift über die Fruchtbäume an einen verantwortungsvollen Umgang mit dem, was Menschen anvertraut ist. Nicht alles, was kurzfristig nützlich erscheint, sollte deshalb verbraucht oder zerstört werden. Ein Baum, der über viele Jahre Nahrung liefern konnte, besaß einen Wert, der über den unmittelbaren Bedarf einer Belagerung hinausging. Dieser Gedanke lässt sich auf viele alltägliche Entscheidungen übertragen: Dinge sorgfältig nutzen, vermeidbare Verschwendung begrenzen und bedenken, welche Folgen das eigene Handeln für andere Menschen und die Zukunft hat. Dabei geht es nicht darum, aus jeder Einzelheit des damaligen Kriegsrechts ein allgemeines Gebot zu machen. Entscheidend ist die erkennbare Haltung, mit den vorhandenen Lebensgrundlagen nicht gedankenlos umzugehen.
5. Mose 20 fordert damit zu einer Haltung auf, in der Vertrauen auf Gott, persönliche Verantwortung und eine sorgfältige Unterscheidung zwischen damaligem Auftrag und heutiger Lebensführung zusammenkommen. Wer Gott folgen möchte, soll sich weder allein auf menschliche Stärke verlassen noch Gottes Namen für eigenmächtiges Handeln beanspruchen. Die Zusagen der Schrift dürfen Mut machen; ihre schwierigen Aussagen verlangen zugleich gewissenhaftes Nachdenken. Gerade im Licht Jesu Christi wird deutlich, dass der Weg seiner Nachfolger von der Liebe zu Gott und zum Nächsten geprägt sein soll.