5. Mose 14

Ihr seid die Kinder des HERRN, eures Gottes; ihr sollt euch nicht Male stechen noch kahl scheren über den Augen über einem Toten.

29 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Ihr seid die Kinder des HERRN, eures Gottes; ihr sollt euch nicht Male stechen noch kahl scheren über den Augen über einem Toten.
  2. 2 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott; und der HERR hat dich erwählt, daß du sein Eigentum seist, aus allen Völkern, die auf Erden sind.
  3. 3 Du sollst keine Greuel essen.
  4. 4 Das sind aber die Tiere, die ihr essen sollt: Ochs, Schaf, Ziege,
  5. 5 Hirsch, Reh, Büffel, Steinbock, Gemse, Auerochs und Elen;
  6. 6 und alles Tier, das seine Klauen spaltet und wiederkäut, sollt ihr essen.
  7. 7 Das sollt ihr aber nicht essen von dem, das wiederkäut, und von dem, das die Klauen spaltet: das Kamel, der Hase und Kaninchen, die wiederkäuen und doch ihre Klauen nicht spalten, sollen euch unrein sein;
  8. 8 das Schwein, ob es wohl die Klauen spaltet, so wiederkäut es doch nicht: es soll euch unrein sein. Ihr Fleisch sollt ihr nicht essen, und ihr Aas sollt ihr nicht anrühren,
  9. 9 Das ist, was ihr essen sollt von allem, das in Wassern ist: alles, was Floßfedern und Schuppen hat, sollt ihr essen.
  10. 10 Was aber keine Floßfedern noch Schuppen hat, sollt ihr nicht essen; denn es ist euch unrein.
  11. 11 Alle reinen Vögel esset.
  12. 12 Das sind aber die ihr nicht essen sollt: der Adler, der Habicht, der Fischaar,
  13. 13 der Taucher, der Weih, der Geier mit seiner Art
  14. 14 und alle Raben mit ihrer Art,
  15. 15 der Strauß, die Nachteule, der Kuckuck, der Sperber mit seiner Art,
  16. 16 das Käuzlein, der Uhu, die Fledermaus,
  17. 17 die Rohrdommel, der Storch, der Schwan,
  18. 18 der Reiher, der Häher mit seiner Art, der Wiedehopf, die Schwalbe.
  19. 19 Und alles was Flügel hat und kriecht, soll euch unrein sein, und sollt es nicht essen.
  20. 20 Die reinen Vögel sollt ihr essen.
  21. 21 Ihr sollt kein Aas essen-dem Fremdling in deinem Tor magst du es geben, daß er's esse oder daß er's verkaufe einem Ausländer; denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter.
  22. 22 Du sollst alle Jahre den Zehnten absondern alles Ertrages deiner Saat, der aus deinem Acker kommt,
  23. 23 und sollst davon essen vor dem HERRN, deinem Gott, an dem Ort, den er erwählt, daß sein Name daselbst wohne, nämlich vom Zehnten deines Getreides, deines Mostes, deines Öls und von der Erstgeburt deiner Rinder und deiner Schafe, auf daß du lernst fürchten den HERRN, deinen Gott, dein Leben lang.
  24. 24 Wenn aber des Weges dir zu viel ist, daß du solches hintragen kannst, darum daß der Ort dir zu ferne ist, den der HERR, dein Gott, erwählt hat, daß er seinen Namen daselbst wohnen lasse (denn der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet):
  25. 25 so gib's hin um Geld und fasse das Geld in deine Hand und gehe an den Ort, den der HERR, dein Gott, erwählt hat,
  26. 26 und gib das Geld um alles, was deiner Seele gelüstet, es sei um Rinder, Schafe, Wein, starken Trank oder um alles, das deine Seele wünscht, und iß daselbst vor dem HERRN, deinem Gott, und sei fröhlich, du und dein Haus
  27. 27 und der Levit, der in deinem Tor ist (den sollst du nicht verlassen, denn er hat kein Teil noch Erbe mit dir).
  28. 28 Alle drei Jahre sollst du aussondern den Zehnten deines Ertrages desselben Jahrs und sollst's lassen in deinem Tor.
  29. 29 So soll kommen der Levit (der kein Teil noch Erbe mit dir hat) und der Fremdling und der Waise und die Witwe, die in deinem Tor sind, und essen und sich sättigen, auf daß dich der HERR, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hand, die du tust.

Kapitelüberblick

Israel soll seine besondere Zugehörigkeit zu Gott auch im alltäglichen Leben erkennen lassen. Mose beginnt mit Anweisungen zum Umgang mit Trauer und Tod. Anschließend unterscheidet er zwischen reinen und unreinen Tieren und erklärt, welche Landtiere, Wassertiere und Vögel das Volk essen darf. Auch der Verzehr verendeter Tiere wird geregelt. Den Abschluss dieser Bestimmungen bildet das Verbot, ein Böcklein in der Milch seiner Mutter zu kochen.

Danach wendet sich Mose dem Zehnten zu. Ein Teil des landwirtschaftlichen Ertrags soll am Ort der gemeinsamen Gottesverehrung vor dem HERRN verzehrt werden. Ist der Weg dorthin zu weit, dürfen die Gaben zunächst in Geld umgewandelt werden. Im dritten Jahr sollen die Abgaben außerdem der Versorgung von Leviten, Fremden, Waisen und Witwen dienen.

Das Kapitel verbindet damit die Heiligkeit des Volkes mit seiner Ernährung, dem verantwortlichen Umgang mit Besitz, gemeinschaftlicher Freude und der Fürsorge für bedürftige Menschen.

Einführung

Noch befindet sich Israel östlich des Jordan, in den Ebenen Moabs. Mose bereitet die neue Generation auf ein Leben vor, das sich deutlich von den vergangenen vierzig Jahren in der Wüste unterscheiden wird. Im verheißenen Land sollen die Israeliten eigene Felder bewirtschaften, Weinberge pflegen, Vieh halten und in Städten wohnen. Mit dieser neuen Lebensweise entstehen Fragen, die weit über die bisherigen Erfahrungen des Wüstenzuges hinausgehen. Wie soll das Zusammenleben geordnet werden? Welche Gewohnheiten dürfen übernommen werden, und woran soll sich das Volk bei seinen Entscheidungen orientieren?

Die folgenden Anweisungen gehören zu einem größeren Abschnitt der Abschiedsreden Moses. In 5. Mose 12 hat er bereits erklärt, dass Israel seine Opfer nicht an beliebigen Orten darbringen soll. Gott selbst wird den Ort bestimmen, an dem das Volk zur gemeinsamen Anbetung zusammenkommt. Zugleich hat Mose davor gewarnt, die religiösen Bräuche der umliegenden Völker unkritisch zu übernehmen. Kapitel 13 vertieft diese Warnung und behandelt die schweren Folgen einer bewussten Verführung zum Götzendienst.

Für das Verständnis der nun folgenden Gesetze ist außerdem wichtig, dass Mose zu einem Volk spricht, dessen religiöses und gesellschaftliches Leben eng miteinander verbunden war. Die Gebote regelten nicht nur den Gottesdienst, sondern berührten ebenso das Familienleben, die Landwirtschaft und die gemeinschaftliche Verantwortung. Einige dieser Bestimmungen waren bereits am Sinai verkündet worden. Mose greift sie erneut auf und verbindet sie mit den Lebensbedingungen, auf die Israel nun zugeht.

Den Ausgangspunkt bildet dabei keine einzelne Verhaltensvorschrift, sondern eine Aussage darüber, in welchem Verhältnis das Volk zu Gott steht. Von dieser besonderen Beziehung her sollen die Israeliten verstehen, weshalb ihr Leben sich in bestimmten Bereichen von den Gewohnheiten anderer Völker unterscheiden soll.

5. Mose 14,1–2

Gottes Kinder und ein besonderer Umgang mit Trauer und Tod

Mose beginnt seine Anweisungen mit einer bemerkenswerten Zusage: Die Israeliten sind Kinder des HERRN, ihres Gottes. Bevor er ihnen erklärt, welche Verhaltensweisen sie vermeiden sollen, erinnert er sie daran, zu wem sie gehören. Diese Reihenfolge ist bedeutsam. Gott stellt nicht erst Forderungen, durch deren Erfüllung sich Israel seine Zugehörigkeit verdienen müsste. Vielmehr hatte er das Volk bereits erwählt, aus Ägypten befreit und in einen Bund mit sich aufgenommen. Aus dieser bestehenden Beziehung ergibt sich nun die Verantwortung, auch im täglichen Leben nach seinem Willen zu handeln.

Dass Israel als Gottes Kind beziehungsweise als Gottes Kinder bezeichnet wird, ist bereits aus der Geschichte des Auszugs bekannt. In 2. Mose 4,22 nennt Gott Israel seinen erstgeborenen Sohn, als Mose dem Pharao die Forderung überbringen soll, das Volk freizulassen. Dieses Bild beschreibt eine besondere Beziehung zwischen Gott und der ganzen Gemeinschaft. Es bedeutet nicht, dass jeder einzelne Israelit durch seine Abstammung bereits persönlich gerecht oder seines ewigen Heils gewiss wäre. Vielmehr bringt es Gottes Fürsorge, seine Erwählung und den Anspruch auf die Treue seines Volkes zum Ausdruck. Wie ein Vater seinen Kindern Orientierung gibt, so hatte Gott Israel gelehrt, auf welchen Wegen es leben sollte. In 5. Mose 8,5 wird diese Beziehung ausdrücklich mit der Erziehung eines Sohnes durch seinen Vater verglichen.

Vor diesem Hintergrund folgt in Vers 1 das Verbot bestimmter Trauerbräuche. Die Israeliten sollen sich wegen eines Verstorbenen keine Einschnitte in die Haut machen und sich nicht zwischen den Augen kahl scheren. Die letzte Formulierung bezeichnet eine kahle Stelle im Bereich der Stirn beziehungsweise des vorderen Kopfhaares. Mose verbietet damit nicht grundsätzlich das Schneiden der Haare, sondern eine bestimmte Handlung im Zusammenhang mit dem Tod eines Menschen. Beide genannten Praktiken waren als Formen der Trauer bekannt. Durch sichtbare Verletzungen oder das Entfernen von Haaren konnten Menschen ihren Schmerz über einen Verlust ausdrücken.

Solche Bräuche begegnen auch an anderen Stellen des Alten Testaments. In Jeremia 16,6 werden Einschnitte und das Kahlscheren als bekannte Trauerhandlungen erwähnt. Jeremia 41,5 berichtet von Männern, die mit geschorenen Bärten, zerrissenen Kleidern und Einschnitten am Körper nach Mizpa kommen. Auch die Propheten des Baal verletzen sich während ihres religiösen Rituals auf dem Karmel mit scharfen Gegenständen (1. Könige 18,28). Die Berichte zeigen, dass körperliche Verletzungen in unterschiedlichen religiösen Zusammenhängen vorkamen. Welche Bedeutung jeder einzelne Brauch ursprünglich hatte, lässt sich jedoch nicht immer sicher feststellen. Teilweise wird vermutet, dass Blut oder Haare den Verstorbenen beziehungsweise übernatürlichen Mächten dargebracht wurden. Eine solche Absicht nennt 5. Mose 14 allerdings nicht ausdrücklich. Der Text begründet das Verbot vielmehr mit der besonderen Beziehung Israels zu Gott.

Damit richtet sich Moses Anweisung nicht gegen Trauer an sich. Die Bibel verschweigt weder den Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen noch verurteilt sie das Weinen. Abraham trauert um Sara (1. Mose 23,2), und nach Aarons Tod beklagt ihn die ganze Gemeinde Israel dreißig Tage lang (4. Mose 20,29). Auch Jesus selbst weint am Grab des Lazarus (Johannes 11,35). Trauer ist demnach keine Schwäche des Glaubens und kein Zeichen mangelnden Gottvertrauens. Die entscheidende Unterscheidung liegt zwischen dem berechtigten Schmerz über einen Verlust und bestimmten Handlungen, die Gott seinem Volk untersagt hatte.

In Vers 2 erklärt Mose die Grundlage dieser besonderen Lebensweise noch ausführlicher. Israel ist ein heiliges Volk, das Gott aus allen Völkern der Erde zu seinem Eigentum erwählt hat. Das Wort „heilig“ bedeutet hier zunächst, dass das Volk Gott gehört und für ihn ausgesondert ist. Es bezeichnet nicht eine bereits erreichte moralische Vollkommenheit aller Israeliten. Gerade weil das Volk immer wieder gegen Gottes Willen gehandelt hatte, musste Mose es erneut unterweisen. Seine Heiligkeit beruhte auf Gottes Erwählung und sollte sich anschließend in einem entsprechenden Lebenswandel zeigen.

Auch die Bezeichnung als Gottes Eigentumsvolk verdient Beachtung. Der hebräische Ausdruck segullah kann einen besonders geschätzten Besitz bezeichnen. Gemeint ist nicht, dass Gott Israel wie einen gewöhnlichen Gegenstand besitzt, sondern dass dieses Volk in einer besonderen Bundesbeziehung zu ihm steht. Bereits am Sinai hatte Gott erklärt, Israel solle unter allen Völkern sein besonderes Eigentum und ein Königreich von Priestern sein (2. Mose 19,5–6). Diese Erwählung bedeutete jedoch nicht, dass andere Völker für Gott wertlos wären. Schon Abraham hatte die Verheißung empfangen, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Israels besondere Stellung gehörte somit zu einer Geschichte, deren Ziel über das Volk selbst hinausreichte.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Mose zunächst die Mehrzahl verwendet und die Israeliten als Gottes Kinder anspricht, in Vers 2 jedoch zur Einzahl übergeht: „Du bist ein heiliges Volk.“ Damit wird Israel als eine zusammengehörende Gemeinschaft angesprochen. Die einzelnen Menschen stehen nicht unabhängig voneinander vor Gott, sondern gehören zu einem Volk, das gemeinsam seine Gebote empfangen hat. Die persönliche Lebensführung und die gemeinsame Identität lassen sich deshalb innerhalb dieser Bundesordnung nicht vollständig voneinander trennen.

Diese beiden Verse eröffnen einen wichtigen Gedanken für das Verständnis des weiteren Kapitels. Israels Heiligkeit soll nicht erst an besonderen Festtagen oder beim Opferdienst sichtbar werden. Sie betrifft auch Situationen, die jeden Menschen unmittelbar berühren können: den Verlust eines Angehörigen, persönliche Gewohnheiten und alltägliche Entscheidungen. Gott beansprucht nicht nur einen bestimmten Ort oder eine einzelne religiöse Handlung für sich, sondern die Lebensführung seines Volkes. Im nächsten Abschnitt zeigt Mose, dass diese Zugehörigkeit auch Auswirkungen darauf haben soll, welche Tiere die Israeliten als Nahrung verwenden dürfen.

5. Mose 14,3–8

Reine und unreine Landtiere: Welche Nahrung Gott Israel erlaubte

Nachdem Mose die besondere Zugehörigkeit Israels zu Gott beschrieben hat, wendet er sich einem Bereich zu, der zum täglichen Leben jedes Menschen gehört: der Ernährung. In Vers 3 verbietet er, etwas zu essen, das als Gräuel gilt. Der Ausdruck klingt zunächst sehr weitreichend. Im Zusammenhang wird jedoch deutlich, dass Mose bestimmte Tiere meint, deren Verzehr Gott seinem Volk untersagt hatte. Das hebräische Wort toʿevah kann etwas bezeichnen, das als verabscheuungswürdig oder unzulässig gilt. Hier wird es auf die Speiseordnung Israels angewendet. Damit ist nicht behauptet, dass jedes dieser Tiere an sich böse wäre oder außerhalb seines Platzes in der Schöpfung keinen Wert hätte. Entscheidend ist, dass Gott zwischen Tieren unterscheidet, die Israel essen durfte, und solchen, die für das Volk als Nahrung ausgeschlossen waren.

In den Versen 4 und 5 nennt Mose zunächst verschiedene erlaubte Tierarten. Dazu gehören Rinder, Schafe und Ziegen, die für das landwirtschaftliche Leben Israels besonders wichtig waren. Daneben erwähnt er mehrere wild lebende Tiere, darunter Hirsche, Gazellen und Steinböcke. Einige der weiteren hebräischen Tierbezeichnungen lassen sich heute nicht mehr mit völliger Sicherheit einer bestimmten zoologischen Art zuordnen. Deshalb unterscheiden sich Bibelübersetzungen bei einzelnen Namen. Der wesentliche Gedanke bleibt jedoch erkennbar: Israel durfte nicht nur Fleisch von domestizierten Herdentieren essen, sondern auch von bestimmten Wildtieren. Bereits in 5. Mose 12,15 und 12,22 hatte Mose das Essen von Wild und gewöhnlichem Schlachtvieh ausdrücklich erlaubt und dabei die Gazelle und den Hirsch als Beispiele genannt.

Damit die Israeliten nicht ausschließlich auf eine Aufzählung einzelner Tiernamen angewiesen waren, nennt Mose in Vers 6 zwei entscheidende Merkmale. Ein erlaubtes Landtier musste vollständig gespaltene Klauen besitzen und wiederkäuen. Beide Voraussetzungen mussten gemeinsam erfüllt sein. Es genügte nicht, dass ein Tier nur eines dieser Merkmale aufwies. Rinder, Schafe und Ziegen entsprechen dieser Beschreibung. Durch die Verbindung beider Kennzeichen erhielt Israel eine grundsätzliche Regel, anhand derer auch andere Tiere beurteilt werden konnten. Ähnliche Anweisungen waren bereits in 3. Mose 11,1–8 gegeben worden.

In Vers 7 nennt Mose deshalb ausdrücklich Tiere, die zwar eines der geforderten Kennzeichen besitzen, aber dennoch nicht gegessen werden dürfen. Dazu gehören das Kamel, der Hase und ein weiteres kleines Tier, dessen hebräische Bezeichnung gewöhnlich mit Klippdachs wiedergegeben wird. In einigen älteren deutschen Ausgaben erscheinen dafür andere Tiernamen. Mose ordnet diese Tiere hinsichtlich ihrer Kaubewegungen den wiederkäuenden Tieren zu, erklärt sie aber wegen ihrer fehlenden vollständig gespaltenen Klauen für unrein. Dabei ist eine Unterscheidung zwischen der damaligen Beschreibung und der heutigen zoologischen Einordnung notwendig. Hasen sind nach moderner Biologie keine Wiederkäuer wie Rinder. Sie nehmen jedoch bestimmte im Blinddarm gebildete Ausscheidungen erneut auf und verwerten dadurch Nahrung ein weiteres Mal. Dieser Vorgang wird als Koprophagie beziehungsweise, genauer, als Caecotrophie bezeichnet. Auch der Klippdachs gehört biologisch nicht zu den echten Wiederkäuern. Der biblische Ausdruck darf deshalb nicht ohne Erklärung mit der heutigen wissenschaftlichen Definition des Wiederkäuens gleichgesetzt werden.

Anschließend nennt Mose in Vers 8 das Schwein als Beispiel für den umgekehrten Fall. Es besitzt vollständig gespaltene Klauen, ist aber kein Wiederkäuer. Deshalb gehört es nach der israelitischen Speiseordnung zu den unreinen Tieren. Mose verbietet ausdrücklich, sein Fleisch zu essen. Das Schwein war somit nicht deshalb ausgeschlossen, weil es äußerlich sämtliche Merkmale verbotener Tiere aufwies, sondern gerade weil eines der beiden vorgeschriebenen Kennzeichen fehlte. Die Regel folgt einer festgelegten Unterscheidung und nicht einer bloßen Einschätzung, ob ein bestimmtes Tier ansprechend, nützlich oder widerwärtig erscheint.

Der Text erklärt allerdings nicht, weshalb Gott genau diese beiden Merkmale als Maßstab festgelegt hat. Häufig wird vermutet, dass die Speisegesetze vor allem dem gesundheitlichen Schutz Israels dienten. Tatsächlich können der Umgang mit bestimmten Tieren und eine unsachgemäße Fleischzubereitung gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Solche Beobachtungen reichen jedoch nicht aus, um die gesamte Speiseordnung zu erklären. Auch erlaubte Tierarten können Krankheiten übertragen, während die bloße Zugehörigkeit zu einer verbotenen Art nicht bedeutet, dass jedes Tier notwendigerweise krank oder sein Fleisch unter allen denkbaren Bedingungen giftig wäre. Mose führt an dieser Stelle keine medizinischen Untersuchungen oder naturwissenschaftlichen Begründungen an. Der ausdrücklich genannte Zusammenhang ist vielmehr die Heiligkeit und besondere Berufung Israels. Die Unterscheidung zwischen erlaubter und verbotener Nahrung gehörte zu der Lebensordnung, die Gott seinem Volk gegeben hatte.

Am Ende von Vers 8 fügt Mose hinzu, dass die Israeliten auch die toten Körper dieser Tiere nicht berühren sollen. Damit geht die Bestimmung über die Frage des Essens hinaus. In 3. Mose 11 wird ausführlicher erklärt, dass der Kontakt mit bestimmten Tierkadavern eine rituelle Unreinheit verursachen konnte. Diese Unreinheit war ein durch das Gesetz geregelter Zustand, der beispielsweise durch Waschungen und den Ablauf einer bestimmten Zeit beendet werden konnte. Sie war nicht in jedem Fall mit persönlicher moralischer Schuld gleichzusetzen. Ebenso wenig bedeutet das Verbot, tote Körper unreiner Tiere anzurühren, dass bereits jede Berührung eines lebenden Schweins ausdrücklich untersagt gewesen wäre. Der Zusammenhang betrifft den Umgang mit den Tieren als Nahrung und mit ihren Kadavern.

Die Unterscheidung reiner und unreiner Tiere begegnet in der Bibel bereits vor der Gesetzgebung am Sinai. In 1. Mose 7,2 soll Noah reine und unreine Tiere unterscheiden, als er sie in die Arche aufnimmt. Dort betrifft die Unterscheidung zunächst die Mitnahme verschiedener Tierzahlen; später werden reine Tiere ausdrücklich für Opfer verwendet (1. Mose 8,20). Daraus wird ersichtlich, dass die Begriffe nicht erst in der Gesetzgebung Moses auftauchen. Allerdings beschreibt die Geschichte Noahs noch nicht die vollständige Speiseordnung von 3. Mose 11 oder 5. Mose 14. Nach der Sintflut wird ihm in 1. Mose 9,3 grundsätzlich tierische Nahrung erlaubt, verbunden mit dem ausdrücklichen Verbot, Blut zu essen. Ob und in welchem Umfang die späteren Einzelvorschriften bereits für Noah als Speisegebote galten, wird dort nicht ausdrücklich erklärt.

Damit entsteht auch die weiterführende Frage, welche Bedeutung diese Unterscheidungen für Christen besitzen. Das Neue Testament behandelt den Umgang mit Speisen an mehreren Stellen, insbesondere in Markus 7, Apostelgeschichte 10–11 und Römer 14. Dabei stehen unterschiedliche Fragen im Mittelpunkt: die Verunreinigung durch ungewaschene Hände, die Aufnahme nichtjüdischer Menschen in die Glaubensgemeinschaft und der Umgang mit unterschiedlichen Gewissensüberzeugungen. Diese Aussagen müssen in ihrem jeweiligen Zusammenhang untersucht werden. Weder lässt sich die Fortgeltung sämtlicher Speisevorschriften allein aus ihrem Vorkommen vor dem Sinai beweisen, noch sollte ihre Bedeutung durch einen einzelnen, aus dem Zusammenhang gelösten neutestamentlichen Satz für erledigt erklärt werden.

Für Israel selbst war die Anweisung eindeutig. Die Tiere wurden nicht danach unterschieden, welche Gewohnheiten andere Völker hatten oder welche Speisen den Menschen besonders gut schmeckten. Maßgeblich waren die von Gott genannten Kennzeichen und seine Gebote für das Bundesvolk. Nachdem Mose auf diese Weise die Landtiere behandelt hat, wendet er dieselbe grundsätzliche Frage nun den Lebewesen im Wasser zu. Auch dort nennt er erkennbare Merkmale, anhand derer die Israeliten erlaubte und verbotene Nahrung unterscheiden sollten.

5. Mose 14,9–10

Flossen und Schuppen: Welche Wassertiere Israel essen durfte

Nachdem Mose die Kennzeichen erlaubter Landtiere genannt hat, erklärt er in Vers 9, welche Lebewesen aus dem Wasser den Israeliten als Nahrung dienen dürfen. Auch hier gibt er keine lange Aufzählung einzelner Tierarten, sondern nennt zwei Merkmale, anhand derer eine Unterscheidung möglich ist: Flossen und Schuppen. Nur Wassertiere, die beide Kennzeichen besitzen, dürfen gegessen werden. In Vers 10 folgt die entsprechende Einschränkung. Was diese Merkmale nicht erfüllt, soll Israel nicht essen, weil es für das Volk als unrein gilt.

Flossen ermöglichen vielen Fischen die Fortbewegung und Steuerung im Wasser. Schuppen bilden bei zahlreichen Arten einen Teil der äußeren Körperbedeckung. Zu den Fischen, die beide Merkmale besitzen, gehören beispielsweise Forellen, Lachse und Karpfen. Andere Wasserlebewesen erfüllen diese Voraussetzungen nicht. Muscheln, Garnelen und Tintenfische besitzen weder die beschriebenen Flossen noch Schuppen. Auch bei bestimmten Fischarten fehlen die entsprechenden Kennzeichen. Ein Wels besitzt beispielsweise Flossen, aber keine Schuppen. Deshalb genügte es nach Moses Anweisung nicht, dass ein Tier im Wasser lebte oder äußerlich einem Fisch ähnelte. Ausschlaggebend war die Verbindung beider Merkmale.

Bemerkenswert ist, dass Mose zwischen verschiedenen Wasserlebewesen unterscheidet, ohne sie nach ihren heutigen biologischen Verwandtschaftsverhältnissen einzuordnen. Die moderne Zoologie kennt zahlreiche Tiergruppen, deren Körperbau und Lebensweise sich deutlich voneinander unterscheiden. Der biblische Text verwendet dagegen Merkmale, die Menschen anhand der Tiere selbst feststellen konnten. Auch die hebräischen Begriffe für Flossen und Schuppen sind zunächst innerhalb dieser antiken Beschreibung zu verstehen. Deshalb wäre es ungenau, jede moderne zoologische Einzelheit unmittelbar als Bestandteil der damaligen Gesetzesformulierung auszugeben. Entscheidend ist die praktische Unterscheidung, die Mose den Israeliten vermittelt.

Die Vorschrift stimmt in ihrem grundlegenden Inhalt mit 3. Mose 11,9–12 überein. Dort wird zusätzlich ausdrücklich erwähnt, dass die Regel für Lebewesen im Meer und in Flüssen gilt. Die Erlaubnis beschränkt sich also nicht auf Fische aus einer bestimmten Wasserart. Ob ein Tier aus einem Fluss oder aus dem Meer stammt, verändert die genannten Voraussetzungen nicht. In 3. Mose 11 wird außerdem ausführlicher vor dem Fleisch und den toten Körpern der verbotenen Wasserlebewesen gewarnt. 5. Mose 14 fasst die Bestimmung dagegen in zwei kurzen Versen zusammen. Beide Texte ergänzen sich dadurch in ihrer Darstellung, ohne dass Mose hier jede frühere Einzelheit erneut wiederholt.

Auch bei diesen Speisegeboten wird keine ausdrückliche naturwissenschaftliche Begründung genannt. Es wäre deshalb zu weitgehend, anzunehmen, Gott habe damit ausschließlich vor giftigen oder krankheitserregenden Wasserlebewesen schützen wollen. Zwar können manche Meeresfrüchte unter bestimmten Bedingungen gesundheitliche Risiken bergen. Doch auch erlaubte Fische können bei unsachgemäßer Lagerung oder Zubereitung Krankheiten verursachen. Zudem sind nicht alle verbotenen Wasserlebewesen grundsätzlich gesundheitsschädlich. Die Vorschrift lässt sich folglich nicht einfach als eine frühe Form moderner Lebensmittelhygiene erklären. Sie gehört zunächst zu der besonderen Speiseordnung, die Israel innerhalb seines Bundes mit Gott erhalten hatte.

Dabei darf die Bezeichnung „unrein“ nicht mit der Vorstellung verwechselt werden, diese Lebewesen seien als Teil der Schöpfung wertlos oder von Natur aus böse. Bereits in 1. Mose 1,20–22 wird beschrieben, wie Gott die Gewässer mit lebendigen Geschöpfen füllt und die Wasserlebewesen segnet. Ihre Existenz gehört zur von Gott geschaffenen Welt. Die spätere Unterscheidung zwischen erlaubter und verbotener Nahrung betrifft deshalb nicht den grundsätzlichen Wert der Tiere, sondern ihre Verwendung innerhalb der israelitischen Lebensordnung. Ein Lebewesen konnte seinen Platz in Gottes Schöpfung haben, ohne deshalb für Israel als Nahrung zugelassen zu sein.

Die beiden kurzen Verse zeigen somit, dass Gottes Anweisungen für Israel auch die Nutzung der natürlichen Lebenswelt betrafen. Die Gewässer boten zahlreiche Möglichkeiten zur Ernährung, doch das Volk durfte nicht unterschiedslos alles verzehren, was sich darin befand. Nachdem Mose die Land- und Wassertiere behandelt hat, wendet er sich nun den fliegenden Tieren zu. Dort folgt die Unterscheidung einer anderen Form: Statt zwei allgemeine körperliche Merkmale zu nennen, zählt Mose vor allem diejenigen Arten auf, deren Verzehr verboten war.

5. Mose 14,11–20

Reine und unreine Vögel: Gottes Unterscheidung zwischen den fliegenden Tieren

Nachdem Mose die erlaubten Land- und Wassertiere beschrieben hat, richtet er den Blick auf die Tiere der Luft. In Vers 11 beginnt er mit einer grundsätzlichen Erlaubnis: Die Israeliten dürfen alle reinen Vögel essen. Anders als bei den Landtieren nennt er jedoch keine zwei körperlichen Merkmale, anhand derer sich die erlaubten Arten unmittelbar erkennen lassen. Stattdessen folgt eine Aufzählung derjenigen Vögel, deren Verzehr verboten ist. Die Bestimmung setzt damit voraus, dass das Volk zwischen den genannten Tiergruppen unterscheiden kann. Dabei ist nicht jeder Vogel allein deshalb als Nahrung erlaubt, weil er fliegen kann oder zu einer bestimmten Größe heranwächst. Entscheidend bleibt seine Zugehörigkeit zu den von Gott zugelassenen Arten.

In den Versen 12 bis 18 führt Mose eine ganze Reihe verbotener Vögel auf. Die Schlachter 1951 nennt unter anderem Adler, verschiedene Geierarten, Weihen, Bussarde, Falken, Raben, Eulen, Möwen, Pelikane, Störche, Reiher und Wiedehopfe. Auffällig ist, dass sich darunter zahlreiche Greifvögel und Aasfresser befinden. Manche ernähren sich von lebenden Beutetieren, andere von Kadavern. Doch die Liste umfasst auch Vögel, deren Nahrung und Lebensweise sich davon unterscheiden. Deshalb wäre es zu einfach, aus der Aufzählung eine allgemeine Regel abzuleiten, nach der ausschließlich Fleischfresser oder Aasfresser verboten seien. Mose nennt keine solche Begründung. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tiergruppe ist der ausdrücklich erkennbare Maßstab, nicht eine selbst entwickelte Erklärung ihrer Ernährungsweise.

Bei mehreren der aufgeführten Vogelarten besteht außerdem eine sprachliche Schwierigkeit. Die hebräischen Tiernamen lassen sich nicht immer eindeutig einer heute bekannten Art zuordnen. Besonders bei selteneren Vögeln unterscheiden sich deshalb die deutschen Bibelübersetzungen. Manche verwenden an einer Stelle die Bezeichnung eines Wasservogels, während andere einen anderen Vogel aus derselben oder einer verwandten Gruppe nennen. Auch die Schlachter 1951 gibt mit ihren Tiernamen eine Übersetzungsentscheidung wieder, nicht eine moderne zoologische Bestimmung, die bei jedem Eintrag zweifelsfrei nachgewiesen wäre. Diese Unsicherheit verändert nicht die grundsätzliche Aussage der Vorschrift, mahnt aber zur Vorsicht, wenn einzelne hebräische Begriffe mit ganz bestimmten heutigen Tierarten gleichgesetzt werden.

Besonders bemerkenswert ist die Fledermaus am Ende von Vers 18. Nach heutiger biologischer Einteilung ist sie kein Vogel, sondern ein Säugetier. Dennoch erscheint sie hier innerhalb der Aufzählung fliegender Tiere. Das liegt daran, dass Mose keine moderne zoologische Systematik verwendet. Die biblische Ordnung orientiert sich an wahrnehmbaren Lebensformen und ihren Eigenschaften. Fledermäuse bewegen sich mit Flügeln durch die Luft und werden deshalb in diesem Zusammenhang gemeinsam mit den Vögeln genannt. Es wäre verfehlt, daraus einen Fehler abzuleiten, als hätte Mose eine moderne wissenschaftliche Klassifikation aufstellen wollen. Ebenso wenig sollte man behaupten, die Bibel nehme hier bereits die heutige biologische Einteilung vorweg. Der Text verfolgt einen anderen Zweck: Er bestimmt, welche fliegenden Tiere Israel als Nahrung verwenden darf.

Eine wichtige Ergänzung findet sich in den alttestamentlichen Opfergesetzen. Dort werden Turteltauben und junge Tauben ausdrücklich als geeignete Opfertiere genannt (3. Mose 1,14; 5,7). Das zeigt, dass nicht sämtliche Vögel von der Verwendung im Gottesdienst oder von der Nutzung durch Menschen ausgeschlossen waren. Die Tauben gehören zu den Tieren, die innerhalb der israelitischen Ordnung als rein galten. Besonders für Menschen, die sich größere Opfertiere nicht leisten konnten, besaßen diese Vögel eine wichtige Bedeutung. Allerdings sind Opferfähigkeit und Speiseerlaubnis nicht in jeder Hinsicht dasselbe. Die Opferbestimmungen helfen dabei, einzelne reine Arten zu erkennen, ersetzen aber nicht die eigentliche Unterscheidung der Speisegesetze.

In Vers 19 erweitert Mose die Anweisung auf geflügelte Insekten beziehungsweise fliegendes Kleingetier. Die Schlachter 1951 formuliert hier ein allgemeines Verbot: Alle geflügelten Insekten sollen den Israeliten als unrein gelten und nicht gegessen werden. Beim Vergleich mit 3. Mose 11 entsteht allerdings eine erklärungsbedürftige Besonderheit. Dort werden in den Versen 21 und 22 bestimmte springende Heuschreckenarten ausdrücklich zum Verzehr zugelassen. Beide Gesetzestexte stimmen also nicht ohne Weiteres in ihrer Formulierung überein. Die eine Stelle nennt eine Ausnahme, während die andere zunächst wie ein umfassendes Verbot klingt.

In der traditionellen jüdischen Auslegung werden beide Bestimmungen miteinander verbunden. Danach betrifft das Verbot in 5. Mose 14,19 die unreinen geflügelten Insekten, während die ausdrücklich erlaubten Heuschreckenarten aus 3. Mose 11 weiterhin gegessen werden dürfen. Vers 20, der unmittelbar anschließend wieder die erlaubten fliegenden Tiere erwähnt, wird dabei teilweise als Bestätigung dieser Unterscheidung verstanden. Eine andere wissenschaftliche Erklärung nimmt an, dass die beiden Gesetzestexte unterschiedliche Fassungen der Speiseordnung bewahrt haben, deren Regelungen nicht in jeder Einzelheit übereinstimmen. Der Wortlaut allein entscheidet diese Frage nicht vollständig. Deshalb sollte die traditionelle Harmonisierung als eine nachvollziehbare Auslegung behandelt werden, ohne zu behaupten, Mose habe die Ausnahme in 5. Mose 14 ausdrücklich wiederholt.

Mit Vers 20 schließt Mose den Abschnitt durch eine erneute Erlaubnis: Alles reine Geflügel darf gegessen werden. Diese Wiederholung ist bedeutsam, weil sie deutlich macht, dass die vorausgehende Liste nicht als Verbot sämtlicher fliegender Tiere verstanden werden soll. Zu Beginn und am Ende stehen die erlaubten Tiere, während dazwischen diejenigen genannt werden, die Israel meiden musste. Der hebräische Ausdruck für fliegende Tiere besitzt dabei einen weiteren Bedeutungsbereich als das moderne deutsche Wort „Vogel“. Das ist besonders für die Frage der geflügelten Insekten wichtig. Der Zusammenhang zeigt jedenfalls, dass innerhalb der fliegenden Lebewesen zwischen erlaubten und verbotenen Arten unterschieden werden sollte.

Auch hier fällt auf, dass Mose keine ausführliche Erklärung liefert, warum jede einzelne Tierart zu ihrer jeweiligen Gruppe gehört. Bei manchen Vögeln lassen sich mögliche praktische Zusammenhänge vermuten, etwa aufgrund ihrer Ernährung oder ihres Kontakts mit verendeten Tieren. Doch solche Beobachtungen erklären nicht sämtliche Einträge und werden von Mose nicht als Begründung genannt. Die Vorschrift gehört vielmehr zu einer umfassenden Lebensordnung, in der Israel seine besondere Zugehörigkeit zu Gott auch bei alltäglichen Entscheidungen beachten sollte. Wie bei den Land- und Wassertieren war nicht allein entscheidend, welche Nahrung verfügbar oder begehrt war, sondern welche Tiere nach der empfangenen Weisung gegessen werden durften.

Mit dieser Aufzählung endet die ausführliche Unterscheidung der Tiergruppen. Mose hat Landtiere, Wassertiere, Vögel und geflügelte Kleintiere behandelt. Doch damit ist noch nicht jede Frage zur erlaubten Nahrung beantwortet. Selbst ein Tier, das grundsätzlich zu einer reinen Art gehörte, konnte unter bestimmten Umständen nicht zum Verzehr zugelassen sein. Genau darauf geht Mose im nächsten Vers ein, bevor er eine weitere, auf den ersten Blick ungewöhnliche Vorschrift über das Kochen eines jungen Tieres nennt.

5. Mose 14,21

Verendete Tiere, Fremde und das Verbot mit der Muttermilch

Nachdem Mose die erlaubten und verbotenen Tierarten unterschieden hat, ergänzt er eine weitere Bestimmung. Die Israeliten sollen kein Aas essen. Damit ist das Fleisch eines Tieres gemeint, das verendet ist, anstatt auf die vorgesehene Weise geschlachtet zu werden. Ein Tier konnte also grundsätzlich zu einer reinen Art gehören und dennoch in einem Zustand sein, der seinen Verzehr für Israel ausschloss. Die Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Tieren war deshalb nicht die einzige Voraussetzung für erlaubte Nahrung. Auch die Umstände, unter denen ein Tier gestorben war, mussten berücksichtigt werden.

Diese Vorschrift steht in Verbindung mit den Reinheitsbestimmungen aus 3. Mose 11,39–40. Dort wird erklärt, dass selbst der tote Körper eines grundsätzlich essbaren Tieres rituelle Unreinheit verursachen konnte. Wer ihn berührte oder davon aß, musste bestimmte Reinigungsvorschriften beachten. Eine weitere Regelung findet sich in 3. Mose 17,15–16. Sie behandelt ebenfalls den Verzehr verendeter oder zerrissener Tiere und nennt die notwendigen Reinigungsmaßnahmen. Dabei ist wichtig, zwischen der grundsätzlichen Erlaubnis, ein Tier zu essen, und den Folgen eines Verstoßes gegen eine Reinheitsbestimmung zu unterscheiden. Dass das Gesetz für einen bestimmten Fall eine Reinigung vorsieht, bedeutet nicht automatisch, dass es diesen Fall als gewöhnliche und uneingeschränkt erlaubte Ernährungsweise betrachtet.

Bemerkenswert ist nun, dass Mose in Vers 21 ausdrücklich gestattet, ein verendetes Tier einem Fremden innerhalb der israelitischen Wohnorte zum Essen zu geben oder es an einen Ausländer zu verkaufen. Damit unterscheidet er zwischen den Verpflichtungen der Israeliten und denen anderer Menschen. Der hebräische Text verwendet dabei zwei unterschiedliche Bezeichnungen. Der erste Ausdruck, ger, meint einen Fremden, der als Zugezogener innerhalb der israelitischen Gemeinschaft lebt. Der zweite, nokhri, bezeichnet einen Ausländer, der nicht in derselben Weise zu dieser Gemeinschaft gehört. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die beiden Personengruppen im mosaischen Gesetz nicht in jeder Hinsicht denselben rechtlichen Verpflichtungen unterliegen.

Die Erlaubnis wirft jedoch eine Frage auf: Weshalb sollte ein Israelit das Fleisch nicht essen dürfen, wenn es einem Fremden überlassen werden konnte? Der Text selbst beantwortet diese Frage mit der besonderen Heiligkeit Israels. Mose begründet das Verbot nicht damit, dass der Verzehr eines solchen Tieres unter allen Umständen für jeden Menschen gleichermaßen gefährlich wäre. Vielmehr verweist er auf die besondere Beziehung des Bundesvolkes zu Gott. Auch daraus darf allerdings nicht geschlossen werden, dass Gott sich grundsätzlich nicht um die Gesundheit oder das Wohlergehen anderer Völker kümmerte. An zahlreichen Stellen schützt das mosaische Gesetz ausdrücklich die Rechte der Fremden und verlangt, sie gerecht zu behandeln (3. Mose 19,33–34; 5. Mose 10,18–19). Die unterschiedlichen Speisebestimmungen bedeuten deshalb nicht, dass ein Menschenleben innerhalb Israels wertvoller gewesen wäre als das Leben eines Ausländers.

Gleichzeitig entsteht beim Vergleich mit 3. Mose 17,15 eine weitere Schwierigkeit. Dort werden auch Fremde ausdrücklich in die Reinigungsvorschriften nach dem Verzehr verendeter Tiere einbezogen. 5. Mose 14 erlaubt dagegen, einem ansässigen Fremden ein solches Tier zum Essen zu geben. Diese Aussagen müssen nicht zwangsläufig bedeuten, dass der Fremde in beiden Abschnitten genau dieselben Verpflichtungen wie ein Israelit besaß. Eine Vorschrift über die Reinigung nach einer Handlung ist von einer Regel über deren Erlaubtheit zu unterscheiden. Dennoch werden die unterschiedlichen rechtlichen Voraussetzungen nicht vollständig erklärt. Die beiden Texte lassen deshalb Fragen offen, die nicht durch eine pauschale Gleichsetzung aller Beteiligten gelöst werden sollten.

Im letzten Teil des Verses folgt unvermittelt eine weitere Anweisung: Die Israeliten sollen ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen. Dieses Verbot erscheint bereits in 2. Mose 23,19 und 34,26. Dort steht es jeweils im Zusammenhang mit Vorschriften über die Erstlingsfrüchte und die Gottesverehrung. In 5. Mose 14 begegnet es dagegen am Ende der Speisebestimmungen. Dass dieselbe Anweisung dreimal überliefert ist, unterstreicht ihre Bedeutung innerhalb der israelitischen Gesetzgebung. Die Bibel erklärt jedoch an keiner dieser Stellen ausdrücklich, weshalb gerade diese Handlung verboten wurde.

Eine mögliche Erklärung sieht darin eine Abgrenzung von religiösen Bräuchen anderer Völker. Danach könnte das Kochen eines jungen Tieres in der Milch seiner Mutter Bestandteil eines fremden Kultes gewesen sein, den Israel nicht übernehmen sollte. Für ein genau bestimmbares Ritual dieser Art fehlt allerdings ein eindeutiger historischer Nachweis. Deshalb darf diese Vermutung nicht als gesicherte Erklärung ausgegeben werden. Eine andere Deutung versteht das Verbot als Ausdruck des Respekts vor der natürlichen Beziehung zwischen Muttertier und Jungtier. Die Milch, die ursprünglich dazu dient, das Junge zu ernähren und am Leben zu erhalten, soll nach dieser Erklärung nicht ausgerechnet zum Kochen seines Fleisches verwendet werden. Dieses Verständnis besitzt eine nachvollziehbare innere Logik, wird von Mose aber ebenfalls nicht ausdrücklich als Begründung genannt.

In der späteren jüdischen Gesetzesauslegung erhielt die Vorschrift eine weiterreichende Bedeutung. Aus dem Verbot entwickelte sich die grundsätzliche Trennung von Fleisch und Milchprodukten, die bis heute einen wichtigen Bestandteil der traditionellen jüdischen Speisegesetze bildet. Diese Auslegung geht jedoch über den unmittelbaren Wortlaut von 5. Mose 14,21 hinaus. Mose spricht ausdrücklich von einem jungen Tier, das nicht in der Milch seiner eigenen Mutter gekocht werden soll. Er formuliert an dieser Stelle noch kein vollständiges Regelwerk über sämtliche Fleisch- und Milchprodukte, ihre gemeinsame Zubereitung oder die Verwendung getrennter Küchengeräte. Zwischen dem biblischen Wortlaut und seiner späteren rechtlichen Entfaltung muss daher sorgfältig unterschieden werden.

Trotz der offenen Fragen stehen beide Bestimmungen in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem vorhergehenden Abschnitt. Israel sollte nicht allein darauf achten, welche Tierarten als Nahrung erlaubt waren. Auch der Umgang mit verendeten Tieren und bestimmte Formen ihrer Zubereitung unterlagen besonderen Vorschriften. Die Einzelheiten waren verschieden, doch Mose verband sie mit derselben grundlegenden Verantwortung: Das Volk gehörte dem HERRN und sollte seine Anweisungen auch dort ernst nehmen, wo alltägliche Gewohnheiten betroffen waren.

Mit diesem Vers endet die eigentliche Speiseordnung des Kapitels. Anschließend wechselt Mose zu einem anderen Bereich des täglichen Lebens. Nun geht es nicht mehr darum, welche Nahrung die Israeliten essen durften, sondern darum, wie sie mit den Erträgen ihrer Felder und Herden umgehen sollten. Auch hier wird ihre Beziehung zu Gott zum Ausgangspunkt einer konkreten Anweisung. Ein Teil dessen, was sie im verheißenen Land erwirtschafteten, sollte bewusst für die Gottesverehrung und das gemeinschaftliche Leben verwendet werden.

5. Mose 14,22–23

Der Zehnte: Gott mit den Erträgen der eigenen Arbeit ehren

Nach den Bestimmungen über erlaubte und verbotene Nahrung wendet sich Mose der Frage zu, wie Israel mit den Erträgen seiner Landwirtschaft umgehen soll. In Vers 22 fordert er das Volk auf, Jahr für Jahr den zehnten Teil dessen auszusondern, was auf seinen Feldern wächst. Gemeint ist ein festgelegter Anteil der Ernte, den die Israeliten nicht einfach wie den übrigen Ertrag für sich verwenden sollten. Die Anweisung betrifft damit einen wesentlichen Bestandteil ihres künftigen Lebens im verheißenen Land. Wer Getreide anbaute, Weinberge pflegte oder Oliven erntete, sollte von dem Ertrag einen bestimmten Teil bewusst für die von Gott vorgesehene Verwendung zurücklegen.

Der Zehnte war für Israel keine völlig neue Einrichtung. Bereits Abraham hatte Melchisedek, dem Priester Gottes, den Zehnten von der Kriegsbeute gegeben (1. Mose 14,18–20). Auch Jakob hatte in Bethel versprochen, Gott den Zehnten von allem zu geben, was dieser ihm schenken würde (1. Mose 28,20–22). Diese früheren Berichte zeigen, dass die Abgabe eines zehnten Teils schon vor der Gesetzgebung am Sinai bekannt war. Sie beschreiben jedoch noch nicht die vollständige Ordnung, die später für Israel festgelegt wurde. Mose spricht nun nicht von einer einmaligen freiwilligen Gabe, sondern von einer regelmäßig wiederkehrenden Verpflichtung innerhalb des Bundesvolkes.

Die Formulierung „Jahr für Jahr“ macht deutlich, dass diese Verantwortung mit dem gewöhnlichen Verlauf des landwirtschaftlichen Lebens verbunden war. Nach jeder neuen Ernte sollte Israel erneut einen Anteil aussondern. Gerade in einem Land, dessen Bewohner von Regen, fruchtbarem Boden und dem Gelingen ihrer Arbeit abhängig waren, besaß diese Handlung eine besondere Bedeutung. In 5. Mose 11,13–15 hatte Mose erklärt, dass Gott dem Land zur rechten Zeit Regen geben und dadurch Getreide, Most und Öl wachsen lassen würde. Die Israeliten sollten ihre Erträge deshalb nicht ausschließlich als Ergebnis ihrer eigenen Anstrengungen betrachten. Sie mussten die Felder bestellen und die Ernte einbringen, doch die Voraussetzungen für das Wachstum lagen nicht vollständig in ihrer Hand.

Dabei ist wichtig, den genauen Gegenstand der Vorschrift zu beachten. Mose spricht ausdrücklich vom Ertrag der Saat und von dem, was aus dem Acker hervorgeht. Die später genannten Beispiele betreffen Getreide, Most und Öl. Der Zehnte gehört hier somit unmittelbar zur landwirtschaftlichen Ordnung Israels. Daraus lässt sich nicht ohne weitere Begründung ableiten, dass jede heutige Form von Einkommen bereits in genau derselben Weise von diesem Vers geregelt wird. Für eine solche Anwendung müsste berücksichtigt werden, wie das Neue Testament mit materiellen Gaben und der Versorgung der Glaubensgemeinschaft umgeht. Zunächst beschreibt Mose jedoch die konkrete Verpflichtung eines Volkes, dessen wirtschaftliches Leben wesentlich von der Bewirtschaftung des Landes geprägt sein sollte.

In Vers 23 wird eine Besonderheit dieser Zehntenordnung sichtbar. Mose bestimmt, dass die Israeliten den ausgesonderten Anteil am Ort der gemeinsamen Gottesverehrung vor dem HERRN essen sollen. Er nennt den Zehnten des Getreides, des Mostes und des Öls und erwähnt daneben die Erstgeburt von Rindern und Schafen. Diese Erzeugnisse gehörten zu den wichtigsten Grundlagen der damaligen Landwirtschaft. Getreide diente der täglichen Ernährung, aus Weintrauben wurde Most gewonnen, und Olivenöl wurde unter anderem für die Zubereitung von Speisen und für die Beleuchtung verwendet. Zusammen mit den Tieren aus den Herden standen diese Gaben für einen wesentlichen Teil dessen, wovon die israelitischen Familien lebten.

Dass Mose hier auch die Erstgeburt der Herdentiere nennt, verbindet die Zehntenbestimmung mit einer weiteren Einrichtung des israelitischen Gottesdienstes. Bereits in 2. Mose 13,11–15 hatte Gott angeordnet, dass die Erstgeburt des Viehs ihm geweiht werden sollte. Diese Bestimmung erinnerte an die Befreiung aus Ägypten und die Bewahrung der israelitischen Erstgeborenen. Die Erstgeburt und der Zehnte sind jedoch nicht einfach dieselbe Abgabe. Auch 4. Mose 18 enthält besondere Vorschriften darüber, welche Anteile der heiligen Gaben den Priestern beziehungsweise Leviten zustanden. Wenn Mose in 5. Mose 14 von einer gemeinsamen Mahlzeit spricht, dürfen diese weiteren Bestimmungen deshalb nicht übergangen werden. Der Text zeigt, dass die verschiedenen Gaben im Zusammenhang der Gottesverehrung standen, erklärt an dieser Stelle aber nicht sämtliche Einzelheiten ihrer Verteilung.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Israeliten einen Teil ihrer ausgesonderten Erträge selbst in einer Mahlzeit vor Gott verzehren sollten. Der Zehnte erscheint in diesem Abschnitt somit nicht ausschließlich als eine Abgabe, die jemand anders erhält. Er ist auch Bestandteil einer gemeinsamen Feier in Gottes Gegenwart. Bereits in 5. Mose 12,6–7 hatte Mose die Israeliten angewiesen, ihre Gaben an den von Gott erwählten Ort zu bringen und dort mit ihren Familien vor dem HERRN zu essen und sich über das Gelingen ihrer Arbeit zu freuen. Die bewusste Verwendung der Ernte sollte die Menschen also nicht nur etwas kosten, sondern sie auch daran erinnern, von wem ihre Lebensgrundlage stammte. Dankbarkeit und gemeinschaftliche Freude gehörten ausdrücklich zu dieser Form der Gottesverehrung.

Der Ort dieser Mahlzeiten war ebenfalls nicht beliebig. Mose verweist auf die Stätte, die Gott erwählen würde, um dort seinen Namen wohnen zu lassen. Damit knüpft er an die Anweisungen aus 5. Mose 12 an. Israel sollte nicht nach eigenem Belieben überall neue Opferstätten errichten oder die religiösen Bräuche der umliegenden Völker übernehmen. Gott selbst würde den Ort für die gemeinsame Gottesverehrung bestimmen. Zur Zeit dieser Rede war Jerusalem noch nicht als spätere Tempelstadt genannt worden. Deshalb darf die Formulierung nicht so gelesen werden, als hätte Mose hier bereits ausdrücklich den Tempel Salomos bezeichnet. Entscheidend ist zunächst das Prinzip, dass die gemeinsame Anbetung nach Gottes Weisung geordnet werden sollte.

Am Ende von Vers 23 nennt Mose den eigentlichen Zweck dieser regelmäßig wiederkehrenden Handlung: Die Israeliten sollen lernen, den HERRN, ihren Gott, ihr Leben lang zu fürchten. Diese Begründung ist besonders aufschlussreich. Ehrfurcht vor Gott wird hier nicht nur durch Warnungen und Strafandrohungen vermittelt, sondern auch durch eine gemeinschaftliche Mahlzeit, bei der Menschen bewusst von den empfangenen Gaben genießen. Indem sie einen Teil ihrer Ernte aussondern, an den von Gott bestimmten Ort bringen und dort vor ihm essen, sollen sie immer wieder daran erinnert werden, dass ihr Leben und ihre Versorgung mit ihrer Beziehung zu Gott verbunden sind.

Die Formulierung „damit du lernest“ zeigt außerdem, dass Ehrfurcht vor Gott nach Moses Darstellung eingeübt werden soll. Sie ist nicht lediglich ein Gefühl, das einmal entsteht und danach unverändert bestehen bleibt. Durch wiederkehrende Handlungen kann ein Mensch lernen, Gottes Gegenwart und seinen Willen auch im gewöhnlichen Leben ernst zu nehmen. Die Ernte bietet dafür einen anschaulichen Anlass. Wer nach Monaten der Arbeit die Früchte seiner Felder sieht, könnte versucht sein, den Erfolg ausschließlich sich selbst zuzuschreiben. Mose hatte bereits in 5. Mose 8,17–18 vor dieser Haltung gewarnt. Die regelmäßige Abgabe und die gemeinsame Mahlzeit sollen dazu beitragen, dass der empfangene Wohlstand nicht zu Selbstgenügsamkeit führt.

Damit erhält der Zehnte in diesen beiden Versen eine Bedeutung, die über das bloße Abgeben eines bestimmten Anteils hinausgeht. Er verbindet die tägliche Arbeit mit der Anbetung Gottes und macht die Freude über den Ertrag zu einem Anlass bewusster Dankbarkeit. Die Israeliten sollen lernen, dass ihre Beziehung zum HERRN nicht auf Zeiten des Mangels oder der Gefahr beschränkt ist. Gerade wenn ihre Felder reichlich tragen und ihre Herden wachsen, dürfen sie den Geber ihrer Lebensgrundlage nicht vergessen.

Allerdings brachte die gemeinsame Feier am erwählten Heiligtumsort eine praktische Schwierigkeit mit sich. Das verheißene Land sollte von vielen Familien in unterschiedlichen Gegenden bewohnt werden. Für manche würde der Weg zum Heiligtum weit sein, und große Mengen an Getreide, Öl oder anderen Erzeugnissen ließen sich nur mühsam transportieren. Mose berücksichtigt deshalb in den folgenden Versen ausdrücklich die Entfernung und erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen, die ausgesonderten Erträge zunächst in Geld umzuwandeln.

5. Mose 14,24–27

Wenn der Weg zu weit ist: Gottesdienst, Gemeinschaft und Freude

Nachdem Mose erklärt hat, dass die Israeliten einen Teil ihrer Ernte am erwählten Heiligtumsort vor Gott verzehren sollen, berücksichtigt er eine Schwierigkeit, die sich im verheißenen Land zwangsläufig ergeben würde. Nicht jede Familie konnte in unmittelbarer Nähe des Heiligtums wohnen. Manche Israeliten würden weite Strecken zurücklegen müssen, um an den gemeinsamen religiösen Festen teilzunehmen. Wer größere Mengen Getreide, Öl oder andere landwirtschaftliche Erzeugnisse mitbringen wollte, konnte dadurch vor erhebliche praktische Probleme gestellt werden. Mose beschreibt deshalb in Vers 24 ausdrücklich den Fall, dass der Weg zu weit ist und die ausgesonderten Gaben nicht ohne Weiteres dorthin transportiert werden können.

Bemerkenswert ist, dass diese Schwierigkeit nicht als mangelnder Glaube oder als Ausrede für Ungehorsam behandelt wird. Mose verbindet sie vielmehr mit dem Segen Gottes. Wenn der HERR seinem Volk fruchtbare Felder, reiche Ernten und wachsende Herden schenkt, können gerade die vielen vorhandenen Güter den Transport erschweren. Die Entfernung zum Heiligtum soll deshalb nicht verhindern, dass eine Familie an der gemeinsamen Gottesverehrung teilnimmt. Gott verlangt hier keine unnötige Erschwernis, sondern eröffnet einen Weg, auf dem seine Anweisung trotz unterschiedlicher Lebensumstände erfüllt werden kann.

In Vers 25 erlaubt Mose, die ausgesonderten Erzeugnisse zunächst in Geld umzuwandeln. Statt große Mengen landwirtschaftlicher Güter über weite Strecken zu transportieren, konnten die Israeliten diese veräußern und den erhaltenen Geldwert mitnehmen. Die Formulierung, das Geld in die Hand zu binden, beschreibt anschaulich, dass sie den Erlös sicher bei sich tragen sollten. Damit blieb der für Gott ausgesonderte Anteil erhalten, auch wenn seine äußere Form verändert wurde. Die Erzeugnisse mussten nicht selbst am Heiligtum ankommen, solange der dafür bestimmte Wert dort entsprechend verwendet wurde.

Diese Erlaubnis zeigt, dass Mose zwischen dem eigentlichen Zweck einer Vorschrift und ihrer praktischen Durchführung unterscheidet. Entscheidend war nicht, dass eine bestimmte Menge Getreide oder Öl unter allen Umständen persönlich zum Heiligtum getragen wurde. Der ausgesonderte Anteil sollte vielmehr für die von Gott angeordnete gemeinsame Feier zur Verfügung stehen. Die Umwandlung in Geld veränderte deshalb nicht die religiöse Bedeutung der Gabe. Sie erleichterte lediglich den Weg zu ihrer vorgesehenen Verwendung. Allerdings ist diese Möglichkeit an die beschriebene Situation gebunden. Der Vers erlaubt nicht grundsätzlich, heilige Gaben nach persönlichem Belieben für beliebige andere Zwecke einzusetzen.

In Vers 26 wird erklärt, was die Israeliten mit dem Geld am erwählten Ort tun sollten. Sie durften davon Rinder, Schafe, Wein, starkes Getränk und andere gewünschte Dinge erwerben. Das ist eine bemerkenswert großzügige Formulierung. Die ausgesonderten Erträge sollten nicht ausschließlich eine Pflicht erfüllen, bei der die Menschen auf etwas verzichten mussten. Mose beschreibt vielmehr eine gemeinsame Mahlzeit, bei der die Familien bewusst von guten Gaben genießen durften. Die Freude am Essen und Trinken war dabei nicht von der Gottesverehrung getrennt. Sie fand ausdrücklich vor dem HERRN statt und sollte das Bewusstsein stärken, dass die empfangenen Güter aus seiner Fürsorge kamen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Erwähnung von Wein und starkem Getränk. Der hebräische Ausdruck schechar, den die Schlachter 1951 mit „starkes Getränk“ wiedergibt, bezeichnet ein berauschendes Getränk. Es wäre deshalb sprachlich nicht überzeugend, diese Angabe ohne weitere Begründung ausschließlich auf alkoholfreien Saft zu beziehen. Gleichzeitig spricht Mose hier nicht von maßlosem Trinken oder dem Verlust der Selbstbeherrschung. Andere Bibelstellen warnen ausdrücklich vor den Folgen der Trunkenheit, etwa Sprüche 23,29–35. Diese Warnungen dürfen nicht übergangen werden, ebenso wenig wie die tatsächliche Erlaubnis in 5. Mose 14. Der Zusammenhang beschreibt eine gemeinschaftliche Feier in Gottes Gegenwart, nicht die Aufforderung zu ungezügeltem Genuss.

Besonders schön ist die Anweisung am Ende von Vers 26, dass sich der Israelit gemeinsam mit seinem Haus freuen soll. Mit dem Haus ist hier nicht das Gebäude gemeint, sondern die Familie beziehungsweise die häusliche Gemeinschaft. Die Feier soll also nicht allein demjenigen zugutekommen, der die Felder bewirtschaftet und über den Ertrag verfügt. Auch die Menschen, die mit ihm zusammenleben, sollen daran teilhaben. In 5. Mose 12,12 und 12,18 hatte Mose bereits ausdrücklich Söhne, Töchter, Knechte und Mägde in die gemeinsame Freude vor Gott einbezogen. Damit erhält die Mahlzeit eine soziale Bedeutung. Was Gott gegeben hat, soll nicht ausschließlich zur persönlichen Zufriedenheit des Besitzers dienen, sondern auch anderen Menschen innerhalb seiner Gemeinschaft zugutekommen.

Diese Verbindung von Gottesdienst und Freude ist für das Verständnis der alttestamentlichen Glaubenspraxis wichtig. Die Begegnung mit Gott wird hier nicht ausschließlich durch Opfer, ernste Gebete oder die Ehrfurcht vor seiner Heiligkeit beschrieben. Auch das gemeinsame Essen, das Beisammensein der Familie und die Dankbarkeit über eine gelungene Ernte besitzen ihren Platz. Dabei stehen Ehrfurcht und Freude nicht gegeneinander. Gerade weil die Israeliten Gottes Größe und seine Fürsorge erkennen sollten, durften sie sich über seine Gaben freuen. In Psalm 100,2 begegnet derselbe grundlegende Gedanke, wenn das Volk aufgefordert wird, dem HERRN mit Freuden zu dienen und mit Jubel vor sein Angesicht zu treten.

Doch Mose beendet diesen Abschnitt nicht mit der Freude der eigenen Familie. In Vers 27 erinnert er ausdrücklich an die Leviten, die innerhalb der israelitischen Städte wohnen. Sie sollen nicht vergessen oder vernachlässigt werden. Der Grund wird unmittelbar genannt: Die Leviten besitzen keinen eigenen Stammesanteil am Land wie die übrigen israelitischen Stämme. Nach 4. Mose 18,20–24 war ihre besondere Stellung mit dem Dienst am Heiligtum verbunden, und ihre Versorgung sollte durch die dafür bestimmten Abgaben gewährleistet werden. Zwar erhielten sie später eigene Städte und zugehörige Weideflächen, doch besaßen sie kein zusammenhängendes Stammesgebiet wie die anderen Stämme Israels.

Diese besondere Lebensordnung machte die Leviten in erheblichem Maße von der Treue der übrigen Israeliten abhängig. Während andere Familien ihre Versorgung unmittelbar aus eigenen Feldern und Herden gewinnen konnten, waren die Leviten auf die ihnen zugesprochenen Anteile und die Unterstützung der Gemeinschaft angewiesen. Deshalb sollte die religiöse Freude der übrigen Israeliten nicht dazu führen, dass diejenigen übersehen wurden, die ihren Dienst innerhalb des Volkes versahen. Die Aufforderung, den Leviten nicht zu vergessen, verbindet die persönliche Dankbarkeit gegenüber Gott mit einer konkreten Verantwortung für andere Menschen.

Dabei ist zu beachten, dass die Bestimmungen über den Zehnten an verschiedenen Stellen des mosaischen Gesetzes unterschiedliche Verwendungen beschreiben. In 4. Mose 18 wird der Zehnte ausdrücklich den Leviten zugewiesen, die ihrerseits einen Anteil an die Priester weitergeben sollen. In 5. Mose 14 wird dagegen eine gemeinsame Mahlzeit vor Gott beschrieben, während zugleich die Versorgung der Leviten in Erinnerung gerufen wird. Die spätere jüdische Auslegung unterscheidet verschiedene Zehntenarten und ihre jeweilige Verwendung. Andere Erklärungen sehen in den Gesetzestexten unterschiedliche Überlieferungen derselben Einrichtung. Mose erläutert an dieser Stelle nicht ausdrücklich, wie alle genannten Abgaben rechnerisch zueinander stehen. Sicher ist jedoch, dass Gottesverehrung, gemeinschaftliche Freude und die Verantwortung für die Leviten miteinander verbunden werden.

Damit zeigt dieser Abschnitt eine besondere Seite der israelitischen Bundesordnung. Gott berücksichtigt die praktischen Schwierigkeiten weiter Wege, erlaubt eine zweckmäßige Verwendung des Geldes und gibt der Freude einen ausdrücklichen Platz im gemeinsamen Glaubensleben. Gleichzeitig setzt er dieser Freude eine soziale Verantwortung zur Seite. Die Israeliten sollen die empfangenen Güter nicht ausschließlich für sich selbst verwenden, sondern auch diejenigen berücksichtigen, deren Lebensunterhalt von der Gemeinschaft abhängt.

Diese Fürsorge wird in den abschließenden Versen des Kapitels noch deutlicher. Dort geht es nicht mehr um die gemeinsame Feier am erwählten Heiligtumsort, sondern um eine besondere Verwendung des Zehnten innerhalb der eigenen Städte. Neben den Leviten rücken nun ausdrücklich die Fremden, Waisen und Witwen in den Mittelpunkt, deren ausreichende Versorgung Mose zu einer festen Aufgabe des Volkes macht.

5. Mose 14,28–29

Der Zehnte im dritten Jahr: Gottes Fürsorge für die Bedürftigen

Zum Abschluss seiner Anweisungen über den Zehnten beschreibt Mose eine besondere Regelung, die alle drei Jahre beachtet werden sollte. In diesem Jahr sollten die Israeliten den zehnten Teil ihres landwirtschaftlichen Ertrags aussondern und innerhalb ihrer eigenen Städte aufbewahren. Anders als bei der zuvor beschriebenen gemeinsamen Feier musste dieser Anteil nicht zum zentralen Heiligtum gebracht werden. Er sollte dort zur Verfügung stehen, wo Menschen lebten, die auf Unterstützung angewiesen waren. Damit erhält der Zehnte eine ausdrücklich soziale Aufgabe: Die Erträge des Landes sollten nicht ausschließlich denjenigen zugutekommen, die eigene Felder und Herden besaßen.

Die Formulierung in Vers 28 verdient besondere Aufmerksamkeit. Mose spricht vom gesamten Zehnten des Ertrags jenes Jahres. Gemeint ist also nicht, dass die Israeliten zunächst drei Jahre lang sämtliche Zehnten ansammeln und anschließend gemeinsam verteilen sollten. Vielmehr beschreibt er eine besondere Verwendung des Ertrags im dritten Jahr. Eine ergänzende Erklärung findet sich in 5. Mose 26,12–15. Dort wird dieses Jahr ausdrücklich mit der Versorgung bestimmter Bevölkerungsgruppen verbunden. Auch soll der Israelit vor Gott bekennen, dass er die heiligen Abgaben entsprechend den empfangenen Geboten verwendet hat. Die Versorgung der Bedürftigen war damit keine zufällige Gelegenheit zu gelegentlicher Großzügigkeit, sondern gehörte zur verbindlichen Ordnung des Bundesvolkes.

In Vers 29 nennt Mose vier Gruppen, die von dieser Einrichtung profitieren sollten: die Leviten, die Fremden, die Waisen und die Witwen. Jede dieser Gruppen konnte aus unterschiedlichen Gründen wirtschaftlich besonders verletzlich sein. Die Leviten besaßen kein eigenes Stammesgebiet wie die übrigen Stämme Israels und waren für ihre Versorgung auf die vorgesehenen Abgaben angewiesen. Fremde verfügten möglicherweise nicht über dieselben familiären und erbrechtlichen Bindungen, durch die einheimische Israeliten Zugang zu Land und wirtschaftlicher Unterstützung hatten. Waisen und Witwen konnten besonders dann in Schwierigkeiten geraten, wenn ihnen ein Angehöriger fehlte, der bisher für ihren Lebensunterhalt gesorgt hatte. Mose behauptet damit nicht, dass jeder Angehörige dieser Gruppen zwangsläufig arm war. Er berücksichtigt vielmehr Menschen, deren Stellung innerhalb der damaligen Gesellschaft mit besonderen wirtschaftlichen Risiken verbunden sein konnte.

Bemerkenswert ist, dass die genannten Personen nicht nur einen kleinen Anteil erhalten sollten. Mose erklärt ausdrücklich, sie sollten kommen, essen und sich sättigen. Diese Formulierung richtet den Blick auf die tatsächliche Versorgung. Die Bedürftigen sollten nicht lediglich eine symbolische Gabe empfangen, während ihr grundlegender Mangel bestehen blieb. Sie sollten ausreichend Nahrung erhalten, um satt zu werden. Damit wird deutlich, dass die Abgabe einen konkreten Zweck erfüllen sollte. Ihr Wert lag nicht allein darin, dass der Geber einen vorgeschriebenen Anteil aussonderte, sondern auch darin, dass andere Menschen von diesem Ertrag leben konnten.

Auch der Ort der Verteilung besitzt eine wichtige Bedeutung. Mose bestimmt, dass die Gaben innerhalb der eigenen Tore bleiben sollen. Mit den Toren sind hier die Städte beziehungsweise die örtlichen Siedlungsgemeinschaften gemeint. Die Unterstützung sollte dadurch unmittelbar dort verfügbar sein, wo die betroffenen Menschen lebten. Niemand musste erst zum zentralen Heiligtum reisen, um an der vorgesehenen Versorgung teilzuhaben. Die wirtschaftliche Verantwortung wurde auf diese Weise zu einer Aufgabe der jeweiligen Gemeinschaft. Wer den Segen seiner Felder genoss, sollte die Bedürfnisse der Menschen in seiner Umgebung nicht übersehen.

Beim Vergleich mit anderen Gesetzen über den Zehnten entsteht allerdings eine Frage, die nicht vorschnell beantwortet werden darf. In 4. Mose 18,21–24 wird der Zehnte ausdrücklich den Leviten für ihren Dienst zugewiesen. In 5. Mose 14,22–27 erscheint er dagegen als Bestandteil einer gemeinsamen Mahlzeit vor Gott, während die Verse 28 und 29 eine besondere Versorgung im dritten Jahr beschreiben. Die traditionelle jüdische Auslegung unterscheidet deshalb mehrere Arten des Zehnten und verschiedene Verwendungszwecke. Andere Erklärungen gehen davon aus, dass die Texte unterschiedliche gesetzliche Überlieferungen widerspiegeln. Sicher ist, dass Mose hier eine besondere Versorgung der Leviten und Bedürftigen anordnet. Ob es sich dabei um eine zusätzliche Abgabe oder um eine andere Verwendung eines bereits vorgesehenen Zehnten handelt, wird durch diese beiden Verse allein nicht abschließend entschieden. Die unterschiedlichen Bestimmungen dürfen deshalb weder unbesehen gleichgesetzt noch ohne ausreichende Begründung zu einem vollständigen Abgabensystem zusammengerechnet werden.

Diese Fürsorge steht in einer engen Verbindung zu Gottes wiederholten Geboten über den gerechten Umgang mit Menschen, die wenig Schutz besitzen. Bereits in 5. Mose 10,18 wird Gott als derjenige beschrieben, der den Waisen und Witwen Recht schafft und den Fremden liebt, indem er ihm Nahrung und Kleidung gibt. Unmittelbar anschließend werden die Israeliten aufgefordert, auch ihrerseits die Fremden zu lieben. Gottes eigenes Handeln wird damit zum Vorbild für das Verhalten seines Volkes. Wer seine Barmherzigkeit erfahren hatte, sollte sie im Umgang mit anderen sichtbar werden lassen. Der Zehnte im dritten Jahr gab dieser Verantwortung eine konkrete und regelmäßig wiederkehrende Form.

Am Ende von Vers 29 verbindet Mose die Erfüllung dieser Anweisung mit der Verheißung göttlichen Segens. Der HERR soll die Israeliten in allen Werken ihrer Hände segnen. Damit wird die tägliche Arbeit erneut mit der Beziehung zu Gott verbunden. Die Menschen bestellen ihre Felder, pflegen ihre Herden und sorgen für ihren Lebensunterhalt. Zugleich sollen sie darauf vertrauen, dass Gottes Fürsorge nicht dadurch verloren geht, dass sie einen Teil ihres Ertrags anderen Menschen zugutekommen lassen. Die Verheißung steht innerhalb der besonderen Bundesordnung Israels und darf nicht zu einem allgemeinen Versprechen umgedeutet werden, nach dem jede finanzielle Spende zwangsläufig zu größerem persönlichen Reichtum führt. Mose nennt weder eine garantierte Vervielfachung des gegebenen Geldes noch eine bestimmte Höhe des erwarteten Segens.

Damit schließt das Kapitel mit einem Gedanken, der seine verschiedenen Anweisungen miteinander verbindet. Israel sollte seine Zugehörigkeit zu Gott nicht nur durch die Beachtung religiöser Vorschriften erkennen lassen. Auch im Umgang mit dem eigenen Besitz und den Bedürfnissen anderer Menschen sollte diese Beziehung sichtbar werden. Die Heiligkeit des Volkes und die Fürsorge für wirtschaftlich verletzliche Menschen stehen dabei nicht in Konkurrenz zueinander. Sie gehören zu derselben Verantwortung gegenüber Gott. Die Erträge des Landes waren ein Anlass zur Dankbarkeit und Freude, sollten aber zugleich dazu dienen, dass Menschen ohne ausreichende eigene Versorgung nicht vergessen wurden. Diese Verbindung von Gottes Geboten, wirtschaftlicher Verantwortung und Barmherzigkeit führt unmittelbar zu den folgenden Anweisungen in 5. Mose 15, wo Mose den Umgang mit Schulden, Armut und bedürftigen Mitmenschen weiter entfaltet.

Geistliche Kernbotschaft

Die Zugehörigkeit zu Gott soll nicht auf einzelne religiöse Handlungen beschränkt bleiben, sondern das gesamte Leben prägen. Diese Überzeugung verbindet die unterschiedlichen Bestimmungen von 5. Mose 14 miteinander. Ob es um den Umgang mit Trauer, die Auswahl der Nahrung oder die Verwendung des eigenen Besitzes geht: Israel soll erkennen, dass seine Beziehung zum HERRN auch dort Bedeutung hat, wo das Leben gewöhnlich und alltäglich erscheint. Gottes Heiligkeit betrifft nicht nur den Gottesdienst, sondern ebenso die Entscheidungen, die Menschen außerhalb des Heiligtums treffen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Mose die Israeliten zuerst an ihre besondere Stellung als Gottes Kinder erinnert. Ihre Erwählung geht den einzelnen Geboten voraus. Gott hatte Israel nicht deshalb aus Ägypten befreit, weil das Volk bereits alle seine Vorschriften erfüllte. Vielmehr hatte er aus Liebe und Treue zu seinen Verheißungen gehandelt und seinem Volk anschließend gezeigt, wie es in dieser Beziehung leben sollte. Damit wird ein grundlegender Zusammenhang sichtbar: Gehorsam soll aus der Zugehörigkeit zu Gott erwachsen und nicht als Mittel verstanden werden, mit dem Menschen sich seine Liebe erst verdienen müssen.

Die Speisebestimmungen zeigen, dass diese Zugehörigkeit konkrete Auswirkungen auf die Lebensführung Israels hatte. Die Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Tieren gehörte zu einer Ordnung, durch die das Volk seine besondere Berufung erkennen sollte. Dabei erklärt das Kapitel nicht sämtliche Gründe für jede einzelne Vorschrift. Sein grundlegender Gedanke ist jedoch deutlich: Der Mensch soll nicht ausschließlich nach seinen eigenen Wünschen entscheiden, sondern Gottes Willen in seine Lebensgestaltung einbeziehen. Wie die einzelnen Speisegebote im Licht des Neuen Testaments zu beurteilen sind, erfordert eine gesonderte Prüfung. Die umfassendere geistliche Verantwortung, Gott auch mit dem eigenen Körper und dem täglichen Handeln zu ehren, bleibt davon zu unterscheiden.

Eine weitere Seite dieser Beziehung wird in den Bestimmungen über den Zehnten sichtbar. Gott möchte nicht nur in Zeiten der Not gesucht werden, wenn Menschen auf seine Hilfe angewiesen sind. Auch Wohlstand, eine gelungene Ernte und die Freude über das Erreichte sollen zu einer bewussten Beziehung zu ihm führen. Die Israeliten durften sich über ihre Erträge freuen und gemeinsam davon genießen. Zugleich sollten sie erkennen, dass Besitz nicht ausschließlich dem eigenen Vorteil dienen darf. Wer Gottes Fürsorge erfahren hat, trägt auch Verantwortung für Menschen, denen die wirtschaftlichen Möglichkeiten zur eigenen Versorgung fehlen.

Gerade darin entfaltet das Kapitel eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Heiligkeit und Barmherzigkeit. Ein Leben, das Gott gehört, soll nicht nur an religiösen Unterscheidungen erkennbar sein, sondern auch daran, wie Menschen miteinander umgehen. Die Leviten, Fremden, Waisen und Witwen sollten nicht vergessen werden, während andere den Ertrag ihrer Arbeit genossen. Gottes Segen durfte nicht zu einer Haltung führen, bei der die Bedürfnisse anderer gleichgültig wurden. Vielmehr sollte die Dankbarkeit gegenüber Gott in einer Fürsorge sichtbar werden, die Menschen tatsächlich erreicht.

Die geistliche Botschaft des Kapitels geht damit über die Einhaltung einzelner Vorschriften hinaus. Gott möchte ein Volk, das seine Gegenwart im gesamten Leben ernst nimmt, seine Gaben mit Freude empfängt und sie verantwortungsvoll verwendet. Ehrfurcht vor Gott und Freude an seinen Segnungen gehören dabei ebenso zusammen wie persönliche Lebensführung und die Verantwortung für andere. Wo Menschen erkennen, dass ihr Leben und ihr Besitz nicht selbstverständlich sind, kann Dankbarkeit zu einer Haltung werden, die sowohl ihre Entscheidungen als auch ihre Beziehungen verändert.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Eine grundlegende Verbindung besteht zu 2. Mose 19,4–6. Noch bevor Gott Israel am Sinai seine Gebote verkündete, erinnerte er das Volk daran, wie er es aus Ägypten geführt und zu sich gebracht hatte. Anschließend bezeichnete er die Israeliten als sein besonderes Eigentum und als ein heiliges Volk. Diese Reihenfolge hilft, 5. Mose 14 richtig einzuordnen. Die einzelnen Bestimmungen stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern gehören zu einer Bundesbeziehung, die mit Gottes vorausgehendem Handeln beginnt. Die Erwählung begründet eine besondere Verantwortung, während der Gehorsam diese Beziehung im Leben des Volkes sichtbar machen soll.

Im Neuen Testament greift 1. Petrus 2,9–10 die Sprache der Erwählung und Heiligkeit auf und verwendet sie für die Gemeinschaft der Menschen, die zu Jesus Christus gehören. Petrus bezeichnet sie als ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft und ein heiliges Volk. Ihre Berufung besteht darin, Gottes große Taten zu verkündigen. Damit erhält das alttestamentliche Bild eine weiterführende Bedeutung. Die Zugehörigkeit zu Gottes Volk wird im Neuen Testament nicht auf die leibliche Abstammung von Israel beschränkt. Zugleich bedeutet die Aufnahme dieser Sprache nicht automatisch, dass sämtliche Einzelvorschriften der israelitischen Rechtsordnung unverändert auf die christliche Gemeinde übergehen. Die Verbindung liegt zunächst in Gottes Berufung und in der daraus erwachsenden Verantwortung, sein Wesen im eigenen Leben widerzuspiegeln.

Für die Frage nach Ernährung und Heiligkeit ist auch 1. Korinther 10,31 bedeutsam. Paulus fordert die Christen auf, alles zur Ehre Gottes zu tun, ob sie essen, trinken oder etwas anderes unternehmen. Diese Aussage entsteht in einer Auseinandersetzung über den Umgang mit Speisen, insbesondere im Zusammenhang mit Götzenopfern und der Rücksicht auf das Gewissen anderer Menschen. Paulus stellt damit eine umfassende Orientierung für alltägliche Entscheidungen auf. Die Ehre Gottes soll nicht nur bei ausdrücklich religiösen Handlungen bedacht werden. Allerdings ist dieser Vers weder eine ausdrückliche Wiederholung der Tierlisten aus 5. Mose 14 noch eine vollständige Entscheidung über ihre weitere Geltung. Er zeigt vielmehr, dass die Verantwortung gegenüber Gott auch in der christlichen Lebensführung den gewöhnlichen Alltag einschließt.

Eine besonders wichtige Verbindung zu den Zehntenbestimmungen findet sich in Matthäus 23,23. Jesus kritisiert dort Schriftgelehrte und Pharisäer, die selbst von kleinen Kräutern den Zehnten geben, während sie die gewichtigeren Forderungen des Gesetzes vernachlässigen: Recht, Barmherzigkeit und Glauben beziehungsweise Treue. Damit stellt Jesus gewissenhafte religiöse Pflichterfüllung nicht grundsätzlich gegen ein gerechtes Leben. Er macht vielmehr deutlich, dass die Beachtung einzelner Vorschriften ihren eigentlichen Sinn verfehlt, wenn sie mit Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer verbunden ist. Diese Warnung erhellt die soziale Bedeutung von 5. Mose 14. Die Abgabe eines bestimmten Anteils sollte nicht von der Verantwortung getrennt werden, Menschen gerecht und barmherzig zu behandeln. Allerdings richtet sich Jesu Aussage unmittelbar an Menschen innerhalb des damaligen jüdischen Gesetzeszusammenhangs. Sie legt nicht für sich allein eine allgemeine Zehn-Prozent-Pflicht für sämtliche Christen fest.

In 2. Korinther 9,6–12 entfaltet Paulus einen weiteren wichtigen Gedanken über den Umgang mit materiellen Gütern. Die Christen sollen bereitwillig geben und dabei nicht aus widerwilligem Zwang handeln. Gott liebt einen fröhlichen Geber. Der Zusammenhang betrifft eine Sammlung zur Unterstützung bedürftiger Glaubensgeschwister. Paulus beschreibt, wie eine solche Gabe nicht nur unmittelbare Not lindert, sondern auch Dank gegenüber Gott hervorruft. Hier wird eine Verbindung zu 5. Mose 14 sichtbar, obwohl die konkrete Ordnung verschieden ist. Im mosaischen Gesetz steht eine festgelegte Abgabe innerhalb der Bundesordnung Israels. Paulus betont dagegen die bereitwillige Beteiligung der Gemeinde an einer gemeinsamen Hilfsaufgabe. Beide Texte verbinden die Verwendung materieller Güter mit Gottesverehrung und der tatsächlichen Unterstützung anderer Menschen.

Schließlich vertieft Jakobus 1,27 die Bedeutung der Fürsorge für verletzliche Menschen. Jakobus beschreibt einen Gottesdienst, der vor Gott rein und unbefleckt ist, unter anderem durch die Hilfe für Waisen und Witwen in ihrer Bedrängnis. Diese Aussage steht in einer langen biblischen Tradition. Bereits 5. Mose 10,18 beschreibt Gott als denjenigen, der Waisen und Witwen Recht verschafft und den Fremden mit Nahrung und Kleidung versorgt. Jakobus greift diese besondere Verantwortung im Leben der christlichen Gemeinde wieder auf. Damit zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität: Auch wenn sich die konkrete rechtliche Ordnung zwischen Israel und der christlichen Gemeinde unterscheidet, bleibt die Fürsorge für hilfsbedürftige Menschen ein wesentlicher Ausdruck gelebten Glaubens.

Wichtige Lektionen

Die erste praktische Lektion aus 5. Mose 14 besteht darin, den eigenen Glauben nicht auf einzelne religiöse Zeiten und Gewohnheiten zu beschränken. Wer Gott vertraut, sollte auch bei gewöhnlichen Entscheidungen fragen, ob sein Handeln mit diesem Vertrauen übereinstimmt. Dazu gehören der Umgang mit dem eigenen Körper, das persönliche Verhalten gegenüber anderen Menschen und die Verantwortung für vorhandene Mittel. Dabei geht es nicht darum, jede alltägliche Handlung mit zusätzlichen religiösen Regeln zu belasten. Entscheidend ist vielmehr eine Lebenshaltung, in der Gottes Wille nicht erst dann Bedeutung erhält, wenn ausdrücklich über Glaubensfragen gesprochen wird.

Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit Trauer. Der Verlust eines geliebten Menschen kann tiefe Schmerzen auslösen, und die Bibel verlangt nicht, diese Gefühle zu unterdrücken. Auch gläubige Menschen dürfen weinen, klagen und Zeit benötigen, um einen Verlust zu verarbeiten. Wichtig ist, dass Trauer nicht mit einem Mangel an Vertrauen zu Gott verwechselt wird. Ebenso darf sie nicht zum Anlass werden, anderen Menschen bestimmte äußere Formen der Trauer vorzuschreiben. Die besondere alttestamentliche Bestimmung über Einschnitte und das Kahlscheren macht deutlich, dass Israel bestimmte Bräuche meiden sollte. Für das heutige Leben lässt sich daraus vor allem die Verantwortung ableiten, auch in schweren Zeiten nach Gottes Willen zu fragen und zugleich mit trauernden Menschen verständnisvoll umzugehen.

Das Kapitel ermutigt außerdem zu einem bewussten und verantwortlichen Umgang mit Nahrung. Essen ist nicht nur eine notwendige Tätigkeit, sondern gehört zu den Gaben, die das Leben erhalten und Freude bereiten. Menschen können deshalb lernen, ihre Ernährung nicht ausschließlich nach augenblicklichen Wünschen auszurichten, sondern auch Gesundheit, Maßhalten und Dankbarkeit zu berücksichtigen. Welche konkreten alttestamentlichen Speisebestimmungen für Christen verbindlich sind, muss aus dem gesamten biblischen Zusammenhang begründet werden. Unabhängig von dieser Auslegungsfrage sollte die eigene Ernährungsweise jedoch kein Anlass für geistlichen Stolz oder Geringschätzung anderer werden. Eine verantwortliche persönliche Überzeugung lässt sich mit Rücksichtnahme und Respekt verbinden.

Besonders deutlich fordert 5. Mose 14 dazu auf, den eigenen Besitz nicht als etwas völlig Selbstverständliches zu betrachten. Wer durch Arbeit ein Einkommen erzielt oder über ausreichende Mittel verfügt, darf sich über das Erreichte freuen. Doch Dankbarkeit gegenüber Gott sollte mehr sein als ein gelegentlich ausgesprochenes Wort. Sie kann sich darin zeigen, bewusst Mittel für gute und notwendige Zwecke einzuplanen. Dazu gehört die Unterstützung einer Glaubensgemeinschaft ebenso wie die Hilfe für Menschen, denen grundlegende Dinge fehlen. Die genaue Gestaltung solcher Gaben lässt sich nicht allein aus den landwirtschaftlichen Zehntenbestimmungen Israels auf heutige Einkommensverhältnisse übertragen. Der dahinter erkennbare Gedanke bleibt dennoch bedeutsam: Materielle Güter können dazu dienen, Verantwortung zu übernehmen und anderen Menschen etwas Gutes zu tun.

Dabei erinnert das Kapitel daran, dass Hilfe ihren Zweck erreichen soll. Eine Gabe ist nicht schon deshalb ausreichend, weil sie dem Gebenden das Gefühl vermittelt, etwas Gutes getan zu haben. Entscheidend ist auch, ob sie einem tatsächlichen Bedürfnis entspricht. Manchmal wird finanzielle Unterstützung benötigt, manchmal Nahrung, praktische Hilfe oder eine verlässliche Begleitung in einer schwierigen Lebenssituation. Besonders Menschen ohne ausreichende familiäre oder wirtschaftliche Absicherung dürfen nicht übersehen werden. Wer aufmerksam wahrnimmt, wo andere Unterstützung brauchen, kann Barmherzigkeit auf eine Weise zeigen, die über allgemeine gute Absichten hinausgeht.

Schließlich lehrt das Kapitel, dass Freude und Verantwortung keine Gegensätze sein müssen. Die Israeliten sollten einen Teil ihrer Erträge gemeinsam genießen und zugleich die Versorgung anderer gewährleisten. Für das heutige Leben bedeutet das nicht, dass Menschen sich über ihren Wohlstand schuldig fühlen oder auf jede angenehme Erfahrung verzichten müssten. Vielmehr dürfen sie gute Gaben dankbar annehmen, ohne die Bedürfnisse anderer aus dem Blick zu verlieren. Echte Freude kann sogar dadurch wachsen, dass Menschen sie miteinander teilen und diejenigen einbeziehen, die sonst ausgeschlossen wären.

So lädt 5. Mose 14 dazu ein, Gottes Fürsorge in verschiedenen Bereichen des Lebens wiederzuerkennen und darauf mit Verantwortung zu antworten. Die Beziehung zu Gott soll nicht nur im persönlichen Glauben Ausdruck finden, sondern ebenso im Umgang mit anderen Menschen und den anvertrauten Gütern. Wo Dankbarkeit zu Großzügigkeit, Ehrfurcht zu verantwortlichem Handeln und empfangener Segen zur Hilfe für andere wird, gewinnt der Glaube eine Gestalt, die im gewöhnlichen Leben sichtbar werden kann.