5. Mose 12
Das sind die Gebote und Rechte, die ihr halten sollt, daß ihr darnach tut in dem Lande, das der HERR, deiner Väter Gott, dir gegeben hat einzunehmen, solange ihr auf Erden lebt.
32 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Das sind die Gebote und Rechte, die ihr halten sollt, daß ihr darnach tut in dem Lande, das der HERR, deiner Väter Gott, dir gegeben hat einzunehmen, solange ihr auf Erden lebt.
- 2 Verstört alle Orte, da die Heiden, die ihr vertreiben werdet, ihren Göttern gedient haben, es sei auf hohen Bergen, auf Hügeln oder unter grünen Bäumen,
- 3 und reißt um ihre Altäre und zerbrecht ihre Säulen und verbrennt mit Feuer ihre Haine, und die Bilder ihrer Götter zerschlagt, und vertilgt ihren Namen aus demselben Ort.
- 4 Ihr sollt dem HERRN, eurem Gott, nicht also tun;
- 5 sondern den Ort, den der HERR, euer Gott, erwählen wird aus allen euren Stämmen, daß er seinen Namen daselbst läßt wohnen, sollt ihr aufsuchen und dahin kommen
- 6 und eure Brandopfer und eure andern Opfer und eure Zehnten und eurer Hände Hebe und euer Gelübde und eure freiwilligen Opfer und die Erstgeburt eurer Rinder und Schafe dahin bringen.
- 7 Und sollt daselbst vor dem HERRN, eurem Gott, essen und fröhlich sein, ihr und euer Haus, über alles, was eure Hand vor sich bringt, darin dich der HERR, dein Gott, gesegnet hat.
- 8 Ihr sollt der keins tun, das wir heute allhier tun, ein jeglicher, was ihn recht dünkt.
- 9 Denn ihr seid bisher noch nicht zur Ruhe gekommen noch zu dem Erbteil, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.
- 10 Ihr werdet aber über den Jordan gehen und in dem Lande wohnen, das euch der HERR, euer Gott, wird zum Erbe austeilen, und er wird euch Ruhe geben von allen euren Feinden um euch her, und ihr werdet sicher wohnen.
- 11 Wenn nun der HERR, dein Gott, einen Ort erwählt, daß sein Name daselbst wohne, sollt ihr dahin bringen alles, was ich euch gebiete: eure Brandopfer, eure andern Opfer, eure Zehnten, eurer Hände Hebe und eure freien Gelübde, die ihr dem HERRN geloben werdet.
- 12 und sollt fröhlich sein vor dem HERRN, eurem Gott, ihr und eure Söhne und eure Töchter und eure Knechte und eure Mägde und die Leviten, die in euren Toren sind; denn sie haben kein Teil noch Erbe mit euch.
- 13 Hüte dich, daß du nicht deine Brandopfer opferst an allen Orten, die du siehst;
- 14 sondern an dem Ort, den der HERR erwählt in irgend einem deiner Stämme, da sollst du dein Brandopfer opfern und tun alles, was ich dir gebiete.
- 15 Doch magst du schlachten und Fleisch essen in allen deinen Toren, nach aller Lust deiner Seele, nach dem Segen des HERRN, deines Gottes, den er dir gegeben hat; beide, der Reine und der Unreine, mögen's essen, wie man Reh oder Hirsch ißt.
- 16 Nur das Blut sollst du nicht essen, sondern auf die Erde gießen wie Wasser.
- 17 Du darfst aber nicht essen in deinen Toren vom Zehnten deines Getreides, deines Mostes, deines Öls noch von der Erstgeburt deiner Rinder, deiner Schafe, oder von irgend einem deiner Gelübde, die du gelobt hast, oder von deinem freiwilligen Opfer, oder von der Hebe deiner Hand;
- 18 sondern vor dem HERRN, deinem Gott, sollst du solches essen an dem Ort, den der HERR, dein Gott, erwählt, du und deine Söhne, deine Töchter, deine Knechte, deine Mägde und der Levit, der in deinem Tor ist, und sollst fröhlich sein vor dem HERRN, deinem Gott, über alles, was deine Hand vor sich bringt.
- 19 Und hüte dich, daß du den Leviten nicht verläßt, solange du in deinem Lande lebst.
- 20 Wenn aber der HERR, dein Gott, deine Grenze erweitern wird, wie er dir verheißen hat, und du sprichst: Ich will Fleisch essen, weil deine Seele Fleisch zu essen gelüstet, so iß Fleisch nach aller Lust deiner Seele.
- 21 Ist aber die Stätte fern von dir, die der HERR, dein Gott, erwählt hat, daß er seinen Namen daselbst wohnen lasse, so schlachte von deinen Rindern oder Schafen, die dir der HERR gegeben hat, wie ich dir geboten habe, und iß es in deinen Toren nach aller Lust deiner Seele.
- 22 Wie man Reh oder Hirsch ißt, magst du es essen; beide, der Reine und der Unreine, mögen es zugleich essen.
- 23 Allein merke, daß du das Blut nicht essest, denn das Blut ist die Seele; darum sollst du die Seele nicht mit dem Fleisch essen,
- 24 sondern sollst es auf die Erde gießen wie Wasser.
- 25 Und sollst es darum nicht essen, daß dir's wohl gehe und deinen Kindern nach dir, weil du getan hast, was recht ist vor dem HERRN.
- 26 Aber wenn du etwas heiligen willst von dem Deinen oder geloben, so sollst du es aufladen und bringen an den Ort, den der HERR erwählt hat,
- 27 und dein Brandopfer mit Fleisch und Blut tun auf dem Altar des HERRN, deines Gottes. Das Blut deiner andern Opfer soll gegossen werden auf den Altar des HERRN, deines Gottes, und das Fleisch sollst du essen.
- 28 Sieh zu, und höre alle diese Worte, die ich dir gebiete, auf daß dir's wohl gehe und deinen Kindern nach dir ewiglich, weil du getan hast, was recht und gefällig ist vor dem HERRN, deinem Gott.
- 29 Wenn der HERR, dein Gott, vor dir her die Heiden ausrottet, daß du hinkommst, ihr Land einzunehmen, und es eingenommen hast und darin wohnst,
- 30 so hüte dich, daß du nicht in den Strick fallest ihnen nach, nachdem sie vertilgt sind vor dir, und nicht fragst nach ihren Göttern und sprichst: Wie diese Völker haben ihren Göttern gedient, also will ich auch tun.
- 31 Du sollst nicht also dem HERRN, deinem Gott, tun; denn sie haben ihren Göttern getan alles, was dem HERRN ein Greuel ist und was er haßt, denn sie haben auch ihre Söhne und Töchter mit Feuer verbrannt ihren Göttern.
- 32 Alles, was ich euch gebiete, das sollt ihr halten, daß ihr darnach tut. Ihr sollt nichts dazutun noch davontun.
Kapitelüberblick
In 5. Mose 12 gibt Mose den Israeliten Anweisungen für den Gottesdienst im verheißenen Land. Zunächst fordert er sie auf, die Kultstätten der kanaanitischen Völker zu beseitigen. Ihre Opfer sollen sie nicht an beliebigen Orten darbringen, sondern dorthin bringen, wo Gott seinen Namen wohnen lassen wird. Dort sollen sie gemeinsam mit ihren Familien und den Leviten vor dem HERRN essen und sich freuen.
Gleichzeitig unterscheidet Mose zwischen heiligen Opfergaben und dem gewöhnlichen Schlachten von Tieren zur Ernährung. Fleisch dürfen die Israeliten auch in ihren Wohnorten essen, doch das Blut bleibt ausdrücklich vom Verzehr ausgeschlossen. Was Gott geweiht wurde, soll dagegen nach seinen Anweisungen zum Heiligtum gebracht werden.
Zum Abschluss warnt Mose davor, die religiösen Praktiken der kanaanitischen Völker nachzuahmen. Besonders verurteilt er die Opferung von Kindern. Israel soll Gottes Gebote bewahren, ohne eigenmächtig etwas hinzuzufügen oder davon wegzunehmen.
Einführung
Ein eigenes Land bringt neue Möglichkeiten mit sich, aber auch Fragen, die während einer langen Wanderung kaum in derselben Weise entstehen. Solange die Israeliten durch die Wüste zogen, befand sich das Heiligtum in ihrer Mitte. Die Stiftshütte wurde auf Gottes Anweisung errichtet und begleitete das Volk auf seinem Weg. Dort verrichteten die Priester ihren Dienst, und dort fanden die vorgeschriebenen Opferhandlungen statt. Doch bald sollten die Israeliten nicht mehr gemeinsam von Lagerplatz zu Lagerplatz ziehen. Sie würden sich in verschiedenen Gebieten Kanaans niederlassen und eigene Häuser, Felder und Städte besitzen.
Damit veränderten sich auch die äußeren Bedingungen ihres Gottesdienstes. Manche Familien würden in der Nähe des Heiligtums wohnen, andere weit davon entfernt. Gleichzeitig trafen sie auf eine religiöse Landschaft, in der zahlreiche Kultstätten zum Leben der einheimischen Bevölkerung gehörten. Auf Bergen, unter Bäumen und an anderen Orten wurden Gottheiten verehrt, denen die Menschen Schutz und Fruchtbarkeit zuschrieben.
Für Israel entstand dadurch eine grundlegende Frage: Wie sollte das Volk den HERRN inmitten dieser neuen Umgebung verehren, ohne die religiösen Vorstellungen seiner Nachbarn zu übernehmen?
Die Antwort war von besonderer Bedeutung. Denn nicht jede Handlung, die Menschen als religiös oder gut betrachteten, entsprach deshalb auch Gottes Willen. Ebenso mussten die Israeliten verstehen, welche Tätigkeiten ihres gewöhnlichen Alltags zum heiligen Opferdienst gehörten und welche nicht.
Mose bereitet das Volk deshalb auf eine Gottesdienstordnung vor, die seine neue Lebenssituation berücksichtigt. Dabei geht es um mehr als die Wahl eines geeigneten Versammlungsortes. Im Hintergrund steht die Frage, wer bestimmt, wie Gott verehrt werden soll: die Gewohnheiten der Menschen oder der HERR selbst.
5. Mose 12,1–4
Keine fremden Kultstätten für Gottes Volk
Mit dem ersten Vers beginnt ein neuer Abschnitt in Moses Unterweisung. Bisher hatte er vor allem erklärt, weshalb die Israeliten Gott lieben, ihm vertrauen und seine Gebote bewahren sollen. Nun wendet er sich den konkreten Bestimmungen für das Leben im verheißenen Land zu. Er bezeichnet sie als Satzungen und Rechtsbestimmungen, die das Volk sorgfältig befolgen soll. Dabei erinnert er daran, dass der HERR, der Gott ihrer Väter, ihnen dieses Land zum Besitz geben wird. Die Anweisungen gelten also nicht nur für die Zeit der Landnahme. Sie sollen das Leben Israels auch dann bestimmen, wenn die Kämpfe vorüber sind und die Menschen längst in ihren eigenen Häusern wohnen. Mose macht ausdrücklich deutlich, dass die Gebote während der gesamten Zeit beachtet werden sollen, in der Israel in diesem Land lebt.
Die erste Anweisung betrifft die religiösen Stätten der Völker, deren Land Israel einnehmen soll. In Vers 2 fordert Mose dazu auf, sämtliche Orte zu beseitigen, an denen diese Völker ihren Göttern gedient haben. Er nennt hohe Berge, Hügel und die Bereiche unter grünen Bäumen. Diese Ortsangaben beschreiben eine religiöse Landschaft, in der sich die Verehrung verschiedener Gottheiten nicht auf große Tempel beschränkte. Auch erhöhte Plätze und bestimmte Bäume konnten eine besondere kultische Bedeutung besitzen. An solchen Orten wurden Opfer dargebracht und religiöse Handlungen vollzogen. Für die dort lebenden Menschen waren diese Stätten mit den Gottheiten verbunden, von denen sie sich Schutz, Fruchtbarkeit oder andere Hilfe erhofften.
Die Erwähnung hoher Berge und grüner Bäume ist dabei nicht zufällig. Erhöhte Plätze konnten durch ihre weithin sichtbare Lage als besondere Orte religiöser Verehrung gelten. Große Bäume boten Schutz vor der Sonne und konnten aufgrund ihres Alters oder ihrer auffälligen Gestalt als heilig angesehen werden. Allerdings bedeutet das nicht, dass jeder Baum oder jeder Berg in Kanaan automatisch ein heidnischer Kultort gewesen wäre. Mose spricht ausdrücklich von den Stätten, an denen fremde Götter verehrt wurden. Nicht die natürlichen Landschaftsformen sind Gegenstand seiner Anweisung, sondern ihre Verwendung im Zusammenhang mit diesen religiösen Praktiken. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die Bibel selbst an anderen Stellen von Begegnungen mit Gott auf Bergen oder unter Bäumen berichtet.
In Vers 3 wird genauer beschrieben, was mit den Kultstätten geschehen soll. Die Israeliten sollen die Altäre niederreißen, die aufgerichteten Steinmale zerbrechen, die hölzernen Kultgegenstände verbrennen und die Götterbilder zerstören. Damit werden unterschiedliche Bestandteile der damaligen Gottesverehrung genannt. Altäre dienten der Darbringung von Opfern. Aufgerichtete Steine konnten eine religiöse Bedeutung besitzen und auf die Gegenwart oder Verehrung einer Gottheit hinweisen. Die Bilder stellten Gottheiten dar oder standen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit deren Kult. Mose fordert also nicht nur dazu auf, bestimmte Opferhandlungen einzustellen. Auch die Einrichtungen, mit denen diese Formen des Gottesdienstes verbunden waren, sollen beseitigt werden.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der hebräische Begriff Ascherim, der in diesem Vers für bestimmte hölzerne Kultgegenstände verwendet wird. Die Schlachter 1951 gibt ihn mit „Astartenbilder“ wieder. Sprachlich ist jedoch zwischen Aschera und Astarte zu unterscheiden. Beide Namen begegnen in der altorientalischen Religionsgeschichte, bezeichnen aber nicht einfach dieselbe Gottheit. Der hebräische Ausdruck steht mit Aschera in Verbindung und kann einen entsprechenden hölzernen Kultgegenstand oder ein Kultsymbol bezeichnen. Häufig wird an einen aufgerichteten Holzpfahl oder ein stilisiertes Baumobjekt gedacht. Wie sämtliche dieser Gegenstände im Einzelnen aussahen, lässt sich aus dem Bibeltext allerdings nicht sicher bestimmen. Wichtig ist, dass Mose sie als Bestandteile einer fremden Gottesverehrung nennt, die Israel nicht übernehmen soll.
Anschließend geht die Anweisung noch über die Zerstörung der sichtbaren Gegenstände hinaus. Die Israeliten sollen auch die Namen der fremden Gottheiten von diesen Orten austilgen. In der damaligen religiösen Vorstellungswelt war der Name einer Gottheit weit mehr als eine beiläufige Bezeichnung. Er stand für ihre Identität und wurde in Gebeten, Anrufungen und religiösen Handlungen verwendet. Mit der Aufforderung, die Namen auszutilgen, beschreibt Mose deshalb die vollständige Beendigung des bisherigen Kultes an diesen Stätten. Sie sollen nicht lediglich umgestaltet werden, während die Erinnerung an ihre frühere religiöse Bedeutung weiterhin die Verehrung bestimmt. Der gesamte Zusammenhang mit den fremden Gottheiten soll aufgelöst werden.
Darin liegt eine wichtige Besonderheit dieser Anweisung. Mose fordert die Israeliten nicht dazu auf, die kanaanitischen Kultstätten zu übernehmen und dort einfach den Namen des HERRN an die Stelle der bisherigen Götternamen zu setzen. Eine solche Lösung hätte äußerlich den Eindruck erwecken können, dass Israel nun seinen eigenen Gott verehrt, während die gewohnten religiösen Formen unverändert bestehen bleiben. Genau diese Vermischung soll vermieden werden. Die Israeliten haben den HERRN nicht erst durch die Bewohner Kanaans kennengelernt. Er hatte sich ihrem Volk bereits offenbart, es aus Ägypten befreit und ihm am Sinai seine Gebote gegeben. Deshalb soll ihre Gottesverehrung nicht aus den Gewohnheiten der umliegenden Völker entstehen, sondern aus den Weisungen, die sie von ihm empfangen haben.
Vers 4 fasst diesen Gedanken in einer kurzen, aber weitreichenden Aussage zusammen: Die Israeliten sollen dem HERRN nicht auf dieselbe Weise dienen. Das Verbot geht damit über die Frage hinaus, welche Gegenstände an einem Kultort stehen dürfen. Mose unterscheidet grundsätzlich zwischen der Verehrung des wahren Gottes und den religiösen Praktiken anderer Völker. Nicht jede Handlung wird allein dadurch zu einem Gott wohlgefälligen Gottesdienst, dass Menschen sie mit einer guten Absicht ausführen oder seinen Namen darüber aussprechen. Entscheidend ist, ob sie seinem offenbarten Willen entspricht.
Eine frühere Begebenheit verdeutlicht diese Gefahr. In 2. Mose 32 ließ Aaron ein goldenes Kalb anfertigen, nachdem das Volk von ihm verlangt hatte, ihm Götter zu machen. Anschließend kündigte er sogar ein Fest für den HERRN an. Der Gebrauch des göttlichen Namens machte die Verehrung des Kalbes jedoch nicht rechtmäßig. Mose berichtet, dass Israel damit schwer gegen Gottes Gebote verstieß. Diese Geschichte zeigt, weshalb die bloße Behauptung, etwas geschehe zur Ehre Gottes, nicht ausreicht, um jede religiöse Handlung zu rechtfertigen. Die Frage, wie Gott verehrt werden soll, kann nicht von seiner eigenen Offenbarung getrennt werden.
Dabei muss die besondere geschichtliche Situation dieser Verse beachtet werden. Mose spricht zu Israel im Zusammenhang mit der verheißenen Landnahme und dem göttlichen Gericht über die kanaanitischen Kultformen. Die Anweisung zur Zerstörung dieser Kultstätten ist deshalb kein allgemeiner Auftrag an spätere Gläubige, religiöse Gebäude oder Gegenstände anderer Menschen gewaltsam zu beseitigen. Ebenso wenig erlaubt sie, Menschen aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit anzugreifen. Der Text enthält eine konkrete Anweisung innerhalb der besonderen Bundesgeschichte Israels. Eine heutige Anwendung muss diesen Unterschied berücksichtigen und darf die damalige Landnahme nicht ohne biblische Begründung auf andere Zeiten und Verhältnisse übertragen.
Die bleibende Bedeutung dieses Abschnitts liegt vor allem in der Unterscheidung zwischen Gottes Offenbarung und menschlich entwickelten Vorstellungen von Anbetung. Israel soll lernen, dass die Verehrung des HERRN nicht beliebig gestaltet werden darf. Seine Heiligkeit, seine Gebote und sein Handeln an seinem Volk sollen bestimmen, wie die Menschen sich ihm nähern. Äußere religiöse Formen können eindrucksvoll erscheinen und eine lange Tradition besitzen. Dennoch muss geprüft werden, ob sie mit Gottes Willen übereinstimmen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht allein, ob eine Handlung religiös gemeint ist, sondern wem sie gilt und auf welcher Grundlage sie geschieht.
Nachdem Mose erklärt hat, welche Kultstätten Israel nicht übernehmen darf, beschreibt er nun die andere Seite dieser Anweisung. Die Israeliten sollen nicht einfach ohne einen gemeinsamen Ort der Gottesverehrung bleiben. Gott selbst wird ihnen zeigen, wo sie ihre Opfer und bestimmten Gaben darbringen sollen. Dadurch erhält die Ablehnung fremder Kultpraktiken eine positive Ergänzung: Der Gottesdienst Israels soll sich nicht an beliebigen menschlichen Vorstellungen orientieren, sondern an dem Ort und der Ordnung, die der HERR selbst bestimmen wird.
5. Mose 12,5–7
Der Ort, an dem Gott seinen Namen wohnen lässt
Nachdem Mose die Beseitigung der kanaanitischen Kultstätten angeordnet hat, erklärt er in Vers 5, wohin sich die Israeliten stattdessen wenden sollen. Sie sollen den Ort aufsuchen, den der HERR aus allen ihren Stämmen erwählen wird, um dort seinen Namen wohnen zu lassen. Damit wird ein grundlegender Unterschied zur religiösen Umgebung Kanaans sichtbar. Die Israeliten sollen nicht selbst entscheiden, welche Plätze ihnen für die Verehrung Gottes besonders geeignet erscheinen. Auch die Bedeutung eines Ortes, sein Alter oder die dort vorhandenen religiösen Einrichtungen sollen nicht ausschlaggebend sein. Entscheidend ist Gottes eigene Wahl. Er bestimmt, wo sein Volk die vorgeschriebenen Opfer darbringen und sich zum gemeinsamen Gottesdienst versammeln soll.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung, dass Gott seinen Namen an diesem Ort wohnen lassen wird. Im Alten Testament steht der Name Gottes nicht nur für eine Bezeichnung, mit der Menschen ihn ansprechen können. Er ist eng mit seiner Offenbarung verbunden und bringt zum Ausdruck, wer er ist. Als Gott Mose seinen Namen offenbarte, geschah dies im Zusammenhang mit der Zusage seiner Gegenwart und seiner Treue zu Israel. Wenn Mose nun von einem Ort spricht, an dem Gottes Name wohnen soll, meint er deshalb mehr als ein Gebäude, das eine religiöse Bezeichnung trägt. Der Ort soll durch Gottes eigene Bestimmung eine besondere Bedeutung für die Begegnung zwischen ihm und seinem Volk erhalten.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Die Aussage bedeutet nicht, dass Gott ausschließlich an einem bestimmten geografischen Ort gegenwärtig sein könnte. Schon bei der Einweihung des Tempels erklärt Salomo, dass selbst die Himmel Gott nicht fassen können (1. Könige 8,27). Dennoch bittet er darum, dass Gott die Gebete erhört, die zu diesem Haus hin gesprochen werden. Die besondere Heiligkeit des erwählten Ortes beschreibt somit nicht die räumlichen Grenzen Gottes, sondern seine Zusage, dort auf eine von ihm bestimmte Weise unter seinem Volk gegenwärtig zu sein. Das Heiligtum soll ein Ort sein, an dem Israel ihn gemäß seinen Weisungen verehrt und sich an seine Bundesbeziehung erinnert.
Auffällig ist außerdem, dass Mose den erwählten Ort noch nicht beim Namen nennt. Er spricht von einem Ort, den Gott aus allen Stämmen Israels erwählen wird. Die spätere Geschichte berichtet zunächst von der Stiftshütte in Silo, wo sich die Israeliten nach der Landnahme versammelten (Josua 18,1). Jeremia 7,12 erinnert ausdrücklich daran, dass Gott dort früher seinen Namen wohnen ließ. Später wurde Jerusalem zum Standort des Tempels, den Salomo errichtete. In 2. Chronik 6,6 wird Jerusalem ausdrücklich als von Gott erwählte Stadt bezeichnet. Diese Entwicklung hilft, Moses Worte innerhalb der biblischen Geschichte zu verstehen. Der vorliegende Vers selbst legt jedoch weder den Namen Jerusalem fest noch beschreibt er bereits sämtliche späteren Veränderungen des Heiligtumsstandortes.
Dass Gott einen Ort aus allen Stämmen erwählen will, besitzt auch eine Bedeutung für die Einheit Israels. Nach der Landnahme werden die einzelnen Stämme in verschiedenen Gebieten wohnen. Sie werden eigene Städte, Äcker und Weideflächen besitzen und ihren Alltag weitgehend innerhalb ihrer jeweiligen Stammesgebiete gestalten. Dennoch gehören sie weiterhin zu einem Volk, das mit dem HERRN verbunden ist. Der gemeinsame Gottesdienst soll deshalb nicht von den unterschiedlichen örtlichen Gewohnheiten bestimmt werden. Das von Gott erwählte Heiligtum bildet einen gemeinsamen Bezugspunkt, an dem die Israeliten ihre Zugehörigkeit zu demselben Gott und zu seinem Bund zum Ausdruck bringen können.
In Vers 6 beschreibt Mose, was die Israeliten an diesen Ort bringen sollen. Er nennt Brandopfer und andere Schlachtopfer, Zehnten, Hebopfer, Gelübdegaben, freiwillige Gaben und die Erstgeburten ihrer Rinder und Schafe. Hinter diesen Bezeichnungen stehen unterschiedliche Bestimmungen, die bereits in den früheren Büchern Mose erläutert wurden. Bei einem Brandopfer wurde das Opfertier vollständig auf dem Altar verbrannt, abgesehen von den ausdrücklich geregelten Anteilen wie der Haut. Andere Opfer ermöglichten eine gemeinsame Mahlzeit, bei der bestimmte Teile Gott auf dem Altar dargebracht wurden und weitere Anteile den Priestern oder den Opfernden zustanden. Die Aufzählung bedeutet deshalb nicht, dass alle genannten Opfergaben auf dieselbe Weise verwendet wurden.
Auch die freiwilligen Gaben und Gelübde verdienen Beachtung. Ein Gelübde war eine freiwillig eingegangene Verpflichtung gegenüber Gott, deren Erfüllung anschließend verbindlich war. Eine freiwillige Gabe konnte dagegen aus Dankbarkeit oder dem Wunsch entstehen, Gott etwas darzubringen, ohne dass zuvor ein solches Versprechen ausgesprochen worden war. Die Erwähnung beider Formen zeigt, dass der Gottesdienst Israels nicht ausschließlich aus vorgeschriebenen Handlungen bestand. Menschen konnten auch aus eigenem Antrieb Gaben bringen. Doch selbst solche persönlichen Opfer sollten nicht unabhängig von Gottes Weisungen dargebracht werden. Die Freiheit, eine Gabe zu versprechen oder freiwillig zu bringen, bedeutete nicht, dass der Mensch die Ordnung des Opferdienstes nach Belieben verändern durfte.
Die genannten Zehnten, Hebopfer und Erstgeburten zeigen darüber hinaus, dass Israel Gott auch an den Erträgen seiner Arbeit teilhaben lassen sollte. Getreide, Früchte und die Nachkommen der Herden gehörten zu den Lebensgrundlagen vieler Familien. Wenn die Israeliten einen vorgesehenen Anteil davon zum Heiligtum brachten, erinnerten sie sich daran, dass ihre Versorgung nicht allein das Ergebnis eigener Anstrengung war. Allerdings besaßen die verschiedenen Gaben jeweils besondere Bestimmungen. Nicht jeder Zehnte und nicht jeder Anteil eines Opfers wurde auf dieselbe Weise verteilt oder verzehrt. Mose führt hier zunächst zusammen, welche heiligen Gaben mit dem erwählten Gottesdienstort verbunden sein sollen. Ihre unterschiedlichen Verwendungen müssen anhand der jeweiligen Vorschriften verstanden werden.
In Vers 7 folgt eine Aussage, die für das Verständnis des gesamten Abschnitts besonders wichtig ist. Die Israeliten sollen vor dem HERRN essen und sich gemeinsam mit ihren Familien über das freuen, was ihnen durch Gottes Segen zuteilgeworden ist. Damit zeigt Mose eine Seite des Gottesdienstes, die leicht übersehen werden kann. Die Begegnung mit Gott soll nicht ausschließlich von Furcht, Pflichten und Opferhandlungen geprägt sein. Zu bestimmten Opfergaben gehörte auch eine gemeinsame Mahlzeit in seiner Gegenwart. Die Menschen durften dabei Freude und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ihre Familien sollten an dieser Freude teilhaben und gemeinsam erfahren, dass Gottes Versorgung ein Grund zum Danken ist.
Das Essen vor dem HERRN besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Eine gemeinsame Mahlzeit kann Gemeinschaft ausdrücken und Menschen miteinander verbinden. Im Zusammenhang mit bestimmten Opferhandlungen wurde diese Gemeinschaft bewusst in Gottes Gegenwart gefeiert. Die Israeliten sollten sich nicht nur an ihn wenden, wenn sie etwas benötigten oder schuldig geworden waren. Sie durften auch mit Dankbarkeit vor ihn treten und sich über das Gute freuen, das sie empfangen hatten. Dabei blieb der Gottesdienst an die von Gott gegebenen Bestimmungen gebunden. Nicht jedes Opfer war für eine solche Mahlzeit vorgesehen. Die Freude der Menschen und die Heiligkeit des Gottesdienstes standen jedoch nicht im Widerspruch zueinander.
Bemerkenswert ist schließlich, dass Mose die Freude ausdrücklich mit dem Segen Gottes über die Arbeit der Israeliten verbindet. Die Früchte ihrer Felder und der Ertrag ihrer Herden sollen nicht von ihrer Beziehung zu Gott getrennt werden. Was die Menschen mit ihren Händen erarbeitet haben, dürfen sie als etwas Gutes genießen und zugleich als Gabe Gottes erkennen. Der Gottesdienst erhält dadurch eine Verbindung zum gewöhnlichen Leben. Die Israeliten kommen nicht als Menschen zum Heiligtum, die ihren Alltag vollständig hinter sich lassen müssen. Sie bringen vielmehr etwas von dem mit, was ihr tägliches Leben hervorgebracht hat, und danken Gott für seine Versorgung.
So entsteht in diesen drei Versen ein umfassenderes Bild des Gottesdienstes. Gott bestimmt den Ort und die Ordnung der Opfer. Gleichzeitig eröffnet er seinem Volk die Möglichkeit, ihm freiwillige Gaben darzubringen, gemeinsam zu essen und sich vor ihm zu freuen. Seine Heiligkeit soll ernst genommen werden, ohne dass dadurch die Freude an seiner Güte verloren geht. Der erwählte Ort dient somit nicht nur der Durchführung religiöser Vorschriften, sondern auch der gemeinsamen Erinnerung daran, dass Israel seine Gemeinschaft und seine Versorgung dem HERRN verdankt.
Doch bevor diese Ordnung im verheißenen Land verwirklicht werden kann, muss sich die bisherige Lebenssituation Israels grundlegend verändern. Das Volk befindet sich noch auf dem Weg und hat weder seine endgültigen Wohngebiete eingenommen noch die angekündigte Ruhe gefunden. Deshalb erklärt Mose in den folgenden Versen, wie die neue Ordnung mit dem Einzug in das Land und der Ruhe vor den umliegenden Feinden verbunden ist.
5. Mose 12,8–12
Ein neuer Gottesdienst nach dem Einzug ins Land
In Vers 8 spricht Mose eine Veränderung an, die für die Israeliten zunächst überraschend klingen konnte. Sie sollen künftig nicht mehr so handeln, wie sie es an diesem Tag tun, als jeder das ausführt, was in seinen eigenen Augen richtig erscheint. Diese Worte müssen sorgfältig im Zusammenhang verstanden werden. Mose behauptet damit nicht, dass Gott während der Wüstenwanderung keinerlei verbindliche Gebote gegeben hätte. Bereits am Sinai hatte Israel genaue Anweisungen für das Heiligtum, die Opfer und den Dienst der Priester empfangen. Auch der Gottesdienst in der Wüste war also nicht grundsätzlich der persönlichen Entscheidung jedes Einzelnen überlassen. Die Aussage richtet den Blick vielmehr auf die bisherigen Lebensumstände des Volkes und auf die Ordnung, die nach dem Einzug in das verheißene Land verbindlich gelten soll.
Die Israeliten befanden sich noch immer auf einer Wanderung. Zwar besaßen sie bereits die Stiftshütte, doch hatten sie noch keine dauerhafte Heimat, in der die verschiedenen Stämme ihre eigenen Gebiete bewohnten. Ihr gemeinsames Leben war durch den Weg durch die Wüste, wechselnde Lagerplätze und außergewöhnliche Situationen geprägt. Mit der Landnahme würden sich diese Bedingungen grundlegend verändern. Deshalb durfte die bisherige Praxis nicht einfach unverändert fortgesetzt werden, ohne die neuen Anweisungen Gottes zu beachten. Besonders die Frage, an welchem Ort Opfer dargebracht werden sollten, musste für das spätere Leben in den verschiedenen Stammesgebieten eindeutig geregelt sein. Mose wollte verhindern, dass sich jeder Stamm oder jede Familie unabhängig von den anderen eine eigene Gottesdienstordnung schuf.
Die Formulierung, dass jeder tut, was in seinen Augen recht ist, begegnet später auch im Buch der Richter. Dort wird sie wiederholt verwendet, um den Zustand Israels während einer Zeit zu beschreiben, in der verbindliche Führung fehlte und schwere religiöse sowie gesellschaftliche Fehlentwicklungen entstanden (Richter 17,6; 21,25). Diese sprachliche Verbindung ist bemerkenswert. Dennoch dürfen die beiden Aussagen nicht vollständig gleichgesetzt werden. Im Richterbuch beschreibt die Wendung besonders die Folgen einer fehlenden gemeinsamen Ordnung. In 5. Mose 12 steht dagegen zunächst der bevorstehende Übergang von der Wüstenwanderung zum dauerhaften Leben im Land im Vordergrund. Die spätere Geschichte zeigt allerdings, wie ernst die Gefahr werden konnte, vor der Mose warnte: Wenn Menschen Gottes Weisungen nach eigenen Vorstellungen verändern, kann die gemeinsame Gottesverehrung zunehmend auseinanderfallen.
In Vers 9 erklärt Mose den Grund für die angekündigte Veränderung. Die Israeliten seien noch nicht zur Ruhe und zu dem Erbteil gekommen, das Gott ihnen geben werde. Mit dem Erbteil ist das verheißene Land gemeint, das den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs zugesagt worden war. Die Ruhe beschreibt in diesem Zusammenhang zunächst einen Zustand, in dem Israel nicht mehr ständig unterwegs sein oder um seine unmittelbare Sicherheit kämpfen muss. Das Volk soll im Land wohnen und dort eine beständige Lebensgrundlage finden. Diese Ruhe ist deshalb mehr als eine kurze Erholung nach anstrengender Arbeit. Sie gehört zur Erfüllung der göttlichen Verheißung und bezeichnet den Übergang in eine neue Lebensordnung.
Vers 10 führt diesen Gedanken weiter. Mose spricht davon, dass die Israeliten den Jordan überqueren, das Land in Besitz nehmen und darin wohnen werden. Gott werde ihnen Ruhe vor den Feinden ringsum schenken, sodass sie sicher leben können. Diese Verheißung ist bemerkenswert, weil Israel zu diesem Zeitpunkt noch vor zahlreichen Herausforderungen steht. Der Jordan muss erst überquert werden, und das Land ist bereits von anderen Völkern bewohnt. Mose beschreibt die zukünftige Sicherheit deshalb nicht als etwas, das Israel sich allein durch militärische Stärke erarbeiten könnte. Sie wird ausdrücklich als Gabe Gottes dargestellt. Zugleich bedeutet diese Zusage nicht, dass es nach der Überquerung des Jordan sofort keinerlei Kämpfe oder Gefahren mehr geben würde.
Das Buch Josua hilft, diese Aussage genauer einzuordnen. In Josua 21,43–45 wird berichtet, dass Gott Israel das verheißene Land gab und ihm entsprechend seiner Zusage Ruhe vor den umliegenden Feinden verschaffte. Josua 23,1 erinnert später ebenfalls an diese Ruhe. Dennoch zeigen andere Stellen desselben Buches, dass noch nicht sämtliche Gebiete vollständig eingenommen worden waren. Bereits Josua 13,1 erklärt, dass noch viel Land übrig geblieben sei. Die gewährte Ruhe bedeutete folglich nicht, dass sämtliche zukünftigen Schwierigkeiten endgültig beseitigt waren. Vielmehr beschreibt sie eine wirkliche, von Gott geschenkte Sicherheit, die Israel nach den entscheidenden Auseinandersetzungen ermöglichen sollte, das Leben im Land aufzubauen. Diese Unterscheidung ist wichtig, damit Moses Verheißung weder abgeschwächt noch über ihre tatsächliche Aussage hinaus erweitert wird.
In Vers 11 verbindet Mose die zugesagte Ruhe erneut mit dem Ort, den Gott für seinen Namen erwählen wird. Sobald Israel im Land wohnt und die entsprechenden Voraussetzungen gegeben sind, sollen die vorgeschriebenen Opfer und heiligen Gaben dorthin gebracht werden. Mose nennt nochmals Brandopfer, Schlachtopfer, Zehnten, Hebopfer und Gelübdegaben. Diese Wiederholung besitzt eine eigene Funktion. Während Vers 6 grundsätzlich festlegt, was an den erwählten Ort gehört, verbindet Vers 11 diese Ordnung ausdrücklich mit der künftigen Ruhe im Land. Die Israeliten sollen verstehen, dass ihr Gottesdienst auch nach der erfolgreichen Landnahme nicht von der persönlichen Vorliebe einzelner Familien oder Stämme abhängen wird. Die gemeinsame Bindung an Gottes Weisungen soll gerade dann bestehen bleiben, wenn die Menschen nicht mehr ständig als ein großes Lager zusammenleben.
Vers 12 erweitert schließlich den Blick auf diejenigen, die an der gemeinsamen Freude vor Gott teilnehmen sollen. Mose nennt ausdrücklich Söhne und Töchter, Knechte und Mägde sowie die Leviten, die innerhalb der Wohnorte Israels leben. Die Freude am Gottesdienst soll also nicht allein den Familienoberhäuptern vorbehalten bleiben. Auch die übrigen Angehörigen des Haushalts sollen daran teilhaben. Besonders bemerkenswert ist die Erwähnung der Knechte und Mägde. Obwohl die damalige Gesellschaft unterschiedliche soziale Stellungen kannte, werden sie hier ausdrücklich in die gemeinsame Feier einbezogen. Mose hebt damit nicht sämtliche gesellschaftlichen Unterschiede auf. Er macht jedoch deutlich, dass diese Menschen beim gemeinsamen Feiern vor Gott nicht einfach übergangen werden sollen.
Eine besondere Stellung nehmen die Leviten ein. Mose begründet ihre Teilnahme damit, dass sie keinen eigenen Anteil und kein Erbteil wie die übrigen Stämme besitzen. Nach 4. Mose 18,20–24 war dem Stamm Levi eine besondere Aufgabe im Dienst für Gott zugewiesen worden. Seine Versorgung sollte deshalb nicht auf einem gewöhnlichen Stammesgebiet beruhen, sondern unter anderem durch die dafür bestimmten Gaben erfolgen. Auch 5. Mose 10,9 erklärt, dass der HERR selbst das Erbteil Levis ist. Wenn Mose nun fordert, die Leviten in die gemeinsame Freude einzubeziehen, verbindet er die Gottesverehrung mit einer konkreten Verantwortung. Die Israeliten sollen diejenigen nicht vergessen, deren besondere Aufgaben mit einer anderen wirtschaftlichen Lebensgrundlage verbunden sind. Ihre Teilnahme soll nicht vom zufälligen Wohlstand einzelner Familien abhängen.
Der Abschnitt zeigt damit, dass Gottesdienst, Gemeinschaft und gegenseitige Verantwortung zusammengehören. Die Ruhe im verheißenen Land soll nicht nur den einzelnen Stämmen ermöglichen, ihre eigenen Lebensgrundlagen aufzubauen. Sie soll auch den Rahmen für eine gemeinsame Verehrung Gottes schaffen, in der die Menschen seine Weisungen beachten und die ihnen anvertrauten Gaben miteinander teilen. Auffällig ist, dass Mose die Freude gerade an dieser Stelle erneut erwähnt. Die neue Ordnung soll nicht lediglich sicherstellen, dass die Opfer am richtigen Ort dargebracht werden. Sie soll Israel auch Gelegenheit geben, Gottes Güte gemeinsam zu feiern und dabei diejenigen einzubeziehen, deren Versorgung leicht übersehen werden könnte.
Mit dieser Regelung ist jedoch noch nicht geklärt, wie die Israeliten im gewöhnlichen Alltag mit ihren Tieren umgehen sollen. Wenn die vorgeschriebenen Opfer an einen bestimmten Ort gehören, stellt sich die Frage, ob auch jedes Tier, das eine Familie zur Ernährung schlachten möchte, dorthin gebracht werden muss. Für ein Volk, das künftig über ein großes Land verteilt wohnen wird, ist diese Unterscheidung von erheblicher Bedeutung. Mose erklärt deshalb im nächsten Abschnitt, worin sich das Darbringen eines Opfers vom gewöhnlichen Fleischessen unterscheidet und welche Grenze auch außerhalb des Heiligtums unbedingt beachtet werden muss.
5. Mose 12,13–16
Opfer am Heiligtum – Fleischessen im Alltag
In Vers 13 warnt Mose die Israeliten ausdrücklich davor, ihre Brandopfer an irgendeinem Ort darzubringen, der ihnen geeignet erscheint. Diese Anweisung betrifft eine Versuchung, die nach der Landnahme besonders naheliegen konnte. Wer weit vom Heiligtum entfernt wohnte, mochte es einfacher finden, einen eigenen Opferplatz in der Nähe seines Hauses einzurichten. Vielleicht gab es dort einen auffälligen Hügel, einen alten Altar oder einen Ort, den die Bewohner der Umgebung seit langer Zeit für religiöse Handlungen nutzten. Doch die persönliche Vorliebe oder die praktische Erreichbarkeit eines Platzes sollte nicht darüber entscheiden, wo Israel seine Opfer darbrachte. Mose macht deutlich, dass die Verehrung des HERRN nicht nach den Vorstellungen jedes Einzelnen gestaltet werden durfte.
In Vers 14 wiederholt Mose deshalb die entscheidende Vorgabe: Die Brandopfer sollen an dem Ort dargebracht werden, den Gott in einem der Stämme Israels erwählen wird. Dort sollen die Israeliten alles tun, was er ihnen für den Opferdienst geboten hat. Damit wird zwischen dem gewöhnlichen Lebensbereich der Menschen und dem von Gott angeordneten Gottesdienst unterschieden. Ein Brandopfer war keine beliebige religiöse Handlung, sondern gehörte zu einer bestimmten Opferordnung. Das Tier wurde auf dem Altar dargebracht und vollständig verbrannt, abgesehen von den Anteilen, für die besondere Vorschriften galten. Wer ein solches Opfer brachte, konnte deshalb nicht selbst entscheiden, welche Bestandteile der Handlung er übernehmen und welche er verändern wollte. Die äußere Ordnung war mit der Heiligkeit des Gottes verbunden, dem das Opfer galt.
Unmittelbar danach folgt jedoch eine wichtige Erlaubnis. In Vers 15 erklärt Mose, dass die Israeliten innerhalb ihrer Wohnorte Tiere schlachten und deren Fleisch essen dürfen. Sie müssen also nicht jedes Tier, das sie für eine gewöhnliche Mahlzeit verwenden möchten, zunächst zum Heiligtum bringen. Damit unterscheidet Mose zwei Handlungen, die äußerlich ähnlich aussehen konnten, aber nicht dieselbe Bedeutung hatten. Bei einem Opfer wurde ein Tier im Rahmen einer heiligen Handlung Gott dargebracht. Beim gewöhnlichen Schlachten ging es dagegen darum, Nahrung für den eigenen Haushalt zu gewinnen. Nicht jede Schlachtung war deshalb automatisch ein Opfer, und nicht jede Mahlzeit mit Fleisch gehörte zum Gottesdienst am Heiligtum.
Diese Unterscheidung gewinnt beim Vergleich mit 3. Mose 17 besondere Bedeutung. Dort wird das Schlachten von Rindern, Schafen und Ziegen eng mit dem Eingang der Stiftshütte verbunden. In 5. Mose 12 wird dagegen ausdrücklich erlaubt, gewöhnliches Fleisch innerhalb der Wohnorte zu essen. Eine traditionelle Erklärung versteht diese Regelung als Anpassung an die veränderten Lebensbedingungen Israels. Während der Wüstenwanderung lebte das Volk gemeinsam in der Nähe des Heiligtums. Nach der Landnahme würden die Familien über ein größeres Gebiet verteilt wohnen. Allerdings wird in der Forschung auch diskutiert, ob die beiden Texte unterschiedliche gesetzliche Überlieferungen widerspiegeln. Der unmittelbare Wortlaut von 5. Mose 12 macht jedenfalls deutlich, dass für das gewöhnliche Schlachten eine andere örtliche Regelung gilt als für die vorgeschriebenen Opfer. Wie die beiden Gesetzesabschnitte literarisch genau zusammenhängen, lässt sich daraus allein nicht abschließend bestimmen.
Mose verbindet die Erlaubnis zum Fleischessen mit dem Segen Gottes. Die Israeliten dürfen von dem essen, was ihnen zur Verfügung steht, und ihren Lebensunterhalt genießen. Wenn er dabei von dem Verlangen ihrer Seele spricht, ist damit zunächst der gewöhnliche Wunsch nach Nahrung gemeint. Das hebräische Wort für Seele bezeichnet in solchen Zusammenhängen den Menschen mit seinen Bedürfnissen und seinem Verlangen. Die Formulierung bedeutet deshalb nicht, dass jede menschliche Begierde ohne Einschränkung erfüllt werden dürfte. Mose spricht ausdrücklich innerhalb der von Gott gegebenen Ordnung. Der Genuss von Fleisch wird erlaubt, ohne dass dadurch sämtliche weiteren Bestimmungen über die Ernährung aufgehoben werden.
Besonders aufschlussreich ist der anschließende Vergleich mit der Gazelle und dem Hirsch. Beide Tiere gehörten zu den Wildtieren, die Israel essen durfte. Sie waren jedoch keine der Tierarten, die für die vorgeschriebenen Opfer auf dem Altar verwendet wurden. Ihr Fleisch konnte deshalb im gewöhnlichen Haushalt gegessen werden, ohne dass zuvor eine Opferhandlung stattfinden musste. Mose verwendet diese bekannten Tiere als Beispiel dafür, wie auch anderes Fleisch außerhalb des Opferdienstes verzehrt werden darf. Der Vergleich macht deutlich, dass ein Tier als Nahrung dienen konnte, ohne dadurch zu einer heiligen Opfergabe zu werden. Der Unterschied lag nicht allein darin, dass ein Tier geschlachtet wurde, sondern in der Bestimmung, die diese Handlung hatte.
In diesem Zusammenhang erklärt Mose ausdrücklich, dass sowohl der Reine als auch der Unreine von dem Fleisch essen dürfen. Diese Aussage muss sorgfältig verstanden werden. Sie bezieht sich auf den rituellen Reinheitszustand der Menschen, nicht auf die Erlaubnis, Tiere zu essen, die nach Gottes Speisegesetzen als unrein galten. Ein Israelit konnte beispielsweise durch bestimmte körperliche Vorgänge oder durch Berührung eines Toten vorübergehend kultisch unrein werden. Dieser Zustand bedeutete nicht zwangsläufig, dass er persönlich gesündigt hatte. Er konnte jedoch seine Teilnahme an bestimmten heiligen Handlungen einschränken. Beim gewöhnlichen Fleischessen galt diese Einschränkung nach Moses Worten nicht in derselben Weise. Menschen, die wegen ihres Reinheitszustandes nicht an einer heiligen Opfermahlzeit teilnehmen durften, konnten dennoch eine gewöhnliche Mahlzeit mit Fleisch einnehmen.
Damit wird zugleich deutlich, weshalb die Unterscheidung zwischen Opferfleisch und gewöhnlicher Nahrung so wichtig ist. Was Gott auf besondere Weise geweiht wurde, unterlag eigenen Vorschriften. Eine gewöhnliche Mahlzeit im Haus einer israelitischen Familie musste dagegen nicht sämtliche Reinheitsanforderungen einer heiligen Opferhandlung erfüllen. Das bedeutete keine Geringschätzung des Gottesdienstes. Vielmehr sorgte die Unterscheidung dafür, dass die heilige Ordnung nicht mit jeder alltäglichen Tätigkeit vermischt wurde. Die Menschen sollten Gottes Anweisungen dort beachten, wo er besondere Heiligkeit verlangte, und zugleich die Freiheit nutzen dürfen, die er ihnen für ihren gewöhnlichen Lebensunterhalt gab.
Trotz dieser Freiheit bleibt in Vers 16 eine klare Grenze bestehen: Das Blut darf nicht gegessen werden, sondern soll wie Wasser auf die Erde gegossen werden. Auffällig ist, dass Mose diese Vorschrift ausdrücklich auch für das gewöhnliche Schlachten nennt. Die Tatsache, dass ein Tier nicht als Opfer dargebracht wird, bedeutet also nicht, dass sein Blut zum Verzehr freigegeben wäre. Bereits nach der Sintflut hatte Gott Noah untersagt, Fleisch mit seinem Blut zu essen (1. Mose 9,4). Später wurde das Blutverbot innerhalb der Gesetzgebung Israels mehrfach wiederholt. Es gehörte somit nicht ausschließlich zu den Regeln, die für die Handlungen am Altar galten.
Der Vergleich mit Wasser beschreibt dabei, was mit dem Blut geschehen soll: Es wird auf die Erde ausgegossen und nicht als Nahrung verwendet. Daraus folgt jedoch nicht, dass Mose Blut und Wasser als gleichbedeutend betrachtet. Gerade weil das Blut eine besondere Stellung besitzt, soll es nicht zusammen mit dem Fleisch verzehrt werden. In 3. Mose 17,11 wird seine Bedeutung ausdrücklich mit dem Leben des Lebewesens verbunden. Die ausführlichere Begründung greift Mose innerhalb dieses Kapitels später erneut auf. An dieser Stelle genügt zunächst die Unterscheidung: Das gewöhnliche Fleisch darf gegessen werden, das Blut bleibt davon ausgenommen.
Die Verse 13–16 zeigen damit, dass Gottes Weisungen sowohl verbindliche Grenzen als auch ausdrückliche Freiheiten enthalten. Die Israeliten dürfen den heiligen Opferdienst nicht eigenmächtig verändern. Zugleich müssen sie ihren gewöhnlichen Alltag nicht so gestalten, als wäre jede Mahlzeit eine Opferhandlung. Mose unterscheidet sorgfältig zwischen beidem. Die Heiligkeit der vorgeschriebenen Opfer soll bewahrt bleiben, ohne dass die Menschen dadurch unnötig in ihrer alltäglichen Versorgung eingeschränkt werden.
Allerdings gehören nicht nur Brand- und Schlachtopfer zu den Gaben, für die Gott besondere Bestimmungen gegeben hat. Auch bestimmte Erträge der Felder, die Erstgeburten der Herden und freiwillig versprochene Gaben sind mit dem Heiligtum verbunden. Im folgenden Abschnitt erklärt Mose deshalb genauer, welche dieser Gaben nicht einfach innerhalb der eigenen Wohnorte verzehrt werden dürfen und welche Verantwortung Israel gegenüber den Leviten trägt.
5. Mose 12,17–19
Heilige Gaben und die Verantwortung für die Leviten
Nachdem Mose erklärt hat, dass die Israeliten gewöhnliches Fleisch auch innerhalb ihrer Wohnorte essen dürfen, grenzt er in Vers 17 bestimmte Gaben ausdrücklich davon ab. Nicht alles, was aus den Feldern oder Herden stammt, darf nach denselben Regeln verwendet werden. Einige Erträge und Tiere sind aufgrund der göttlichen Anordnungen für besondere heilige Zwecke bestimmt. Deshalb nennt Mose nun verschiedene Gaben, die nicht einfach innerhalb der eigenen Städte und Dörfer verzehrt werden dürfen. Für sie gelten die Vorschriften des Gottesdienstes am erwählten Heiligtum. Die Freiheit, gewöhnliche Mahlzeiten zu Hause einzunehmen, hebt diese Verpflichtungen nicht auf.
Zunächst erwähnt Mose den Zehnten von Korn, Most und Öl. Diese drei Erzeugnisse gehörten zu den wichtigen landwirtschaftlichen Grundlagen Israels. Das Getreide diente vor allem der Herstellung von Brot, die Weinreben lieferten ihren Ertrag, und aus den Oliven wurde Öl gewonnen. Wenn die Israeliten einen vorgeschriebenen Anteil davon abgaben, betraf das unmittelbar die Früchte ihrer eigenen Arbeit. Sie sollten nicht erst dann an Gott denken, wenn sie außergewöhnliche Hilfe benötigten, sondern ihn auch im Umgang mit ihrer regelmäßigen Versorgung ehren. Die betreffenden Gaben durften jedoch nicht einfach nach persönlichem Belieben verwendet werden. Für sie bestanden besondere Anweisungen, die Israel beachten sollte.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich. In 4. Mose 18,21–24 wird der Zehnte ausdrücklich den Leviten für ihren Dienst zugewiesen. In 5. Mose 14,22–27 ist dagegen von einer Zehntgabe die Rede, die mit einer gemeinsamen Mahlzeit vor dem HERRN verbunden wird. Einige traditionelle Auslegungen verstehen diese Bestimmungen als Vorschriften über unterschiedliche Zehnten. Andere Ausleger nehmen an, dass hier verschiedene gesetzliche Regelungen überliefert sind. Der vorliegende Abschnitt entscheidet diese Frage nicht vollständig. Er macht zunächst deutlich, dass die hier angesprochenen Gaben nicht wie gewöhnliche Lebensmittel unabhängig vom Heiligtum verwendet werden sollen. Deshalb wäre es ungenau, aus diesen Versen abzuleiten, sämtliche Zehnten hätten ausschließlich einem einzigen Verwendungszweck gedient.
Anschließend nennt Mose die Erstgeburten von Rindern und Schafen. Die besondere Stellung der Erstgeburt reicht bis zur Befreiung Israels aus Ägypten zurück. Als Gott die Erstgeborenen der Ägypter richtete und die Israeliten verschonte, gab er seinem Volk Anweisungen zur Heiligung der Erstgeburt (2. Mose 13,11–15). Dadurch sollte die Erinnerung an die Rettung aus Ägypten erhalten bleiben. Auch die Erstgeburten bestimmter Tiere waren deshalb nicht einfach gewöhnlicher Besitz, über den ihre Eigentümer uneingeschränkt verfügen konnten. In 4. Mose 18,17–18 werden für die erstgeborenen Rinder, Schafe und Ziegen besondere Opferhandlungen und priesterliche Anteile vorgeschrieben. Die Aufforderung in 5. Mose 12 muss im Zusammenhang mit diesen weiteren Bestimmungen gelesen werden. Sie bedeutet nicht, dass jede Familie sämtliche Teile eines erstgeborenen Opfertieres selbst essen durfte.
Neben den vorgeschriebenen Gaben erwähnt Mose auch Gelübde und freiwillige Opfer. Ein Gelübde war eine Verpflichtung, die ein Mensch Gott gegenüber aus eigenem Entschluss einging. Hatte er etwas versprochen, durfte er seine Zusage jedoch nicht leichtfertig behandeln. Eine freiwillige Gabe konnte dagegen ohne ein zuvor abgelegtes Gelübde dargebracht werden. Damit wird deutlich, dass auch persönlich veranlasste Opfer nicht außerhalb der göttlichen Ordnung standen. Wer Gott aus Dankbarkeit etwas geben oder ein Versprechen erfüllen wollte, durfte zwar freiwillig handeln, musste dabei aber beachten, welche Vorschriften für die jeweilige Gabe galten. Auch das erwähnte Hebopfer, also eine für Gott bestimmte und entsprechend den Vorschriften ausgesonderte Gabe, durfte nicht beliebig verwendet werden.
In Vers 18 beschreibt Mose die positive Seite dieser Anweisung. Die betreffenden Gaben sollen am erwählten Ort vor dem HERRN verwendet werden. Dort dürfen die Israeliten gemeinsam mit ihren Söhnen, Töchtern, Knechten, Mägden und den Leviten essen und sich freuen. Es geht somit nicht allein darum, dass bestimmte Lebensmittel an einem anderen Ort verzehrt werden müssen. Die damit verbundenen Mahlzeiten gehören zu einer gemeinsamen Gottesverehrung, bei der die Menschen Gottes Versorgung dankbar anerkennen. Allerdings ist die Formulierung nicht so zu verstehen, als müsse jede zuvor genannte Gabe vollständig von den Opfernden gegessen werden. Andere Vorschriften bestimmen ausdrücklich, welche Anteile Gott auf dem Altar dargebracht werden, welche den Priestern oder Leviten zustehen und welche für gemeinsame Mahlzeiten vorgesehen sind. Mose beschreibt hier den Zusammenhang der heiligen Gaben mit dem erwählten Gottesdienstort, ohne sämtliche Einzelheiten des Opferrechts erneut aufzuführen.
Auffällig ist, wie weit Mose den Kreis der Teilnehmenden fasst. Nicht nur derjenige, der eine Gabe bringt, soll sich vor Gott freuen. Auch seine Kinder sowie die Knechte und Mägde seines Haushalts werden ausdrücklich genannt. Die gemeinsame Mahlzeit soll also nicht ausschließlich den Menschen zugutekommen, die über den Besitz der Familie verfügen. Besonders für Personen, deren tägliches Leben von der Arbeit und den Entscheidungen anderer abhängig war, besaß diese Einbeziehung eine konkrete Bedeutung. Sie wurden nicht lediglich als Arbeitskräfte betrachtet, sondern sollten an der gemeinsamen Freude teilhaben. Die damaligen gesellschaftlichen Unterschiede werden dadurch nicht vollständig aufgehoben. Dennoch zeigt die Anweisung, dass die Freude vor Gott über den engen Kreis der Besitzenden hinausreichen sollte.
Eine besondere Verantwortung betrifft die Leviten. Mose nennt sie ausdrücklich unter den Teilnehmenden und fordert in Vers 19 anschließend: Die Israeliten sollen sich davor hüten, den Leviten zu verlassen, solange sie in ihrem Land leben. Der Hintergrund dieser Mahnung liegt in der besonderen Stellung des Stammes Levi. Anders als die übrigen Stämme erhielt er kein zusammenhängendes Stammesgebiet als gewöhnliches Erbteil. Seine Angehörigen besaßen bestimmte Städte und Weideflächen, doch ihre Versorgung war aufgrund ihrer besonderen Aufgaben auf andere Weise geregelt. Dazu gehörten die von Gott angeordneten Abgaben. Wenn die Israeliten diese Verantwortung vernachlässigten, konnten gerade diejenigen in Schwierigkeiten geraten, die mit dem Dienst am Heiligtum verbunden waren.
Die Formulierung, den Leviten nicht zu verlassen, geht deshalb über eine gelegentliche Einladung zu einem Festessen hinaus. Mose warnt davor, Menschen aus dem Blick zu verlieren, deren Lebensgrundlage von der Treue der Gemeinschaft zu Gottes Anordnungen abhängt. Die Leviten sollten nicht nur dann berücksichtigt werden, wenn ein einzelner Israelit besonders großzügig sein wollte. Ihre Versorgung gehörte zu der Ordnung, die Gott seinem Volk gegeben hatte. In 5. Mose 14,27 wird diese Aufforderung erneut ausgesprochen. Später verbindet 5. Mose 14,28–29 bestimmte Abgaben außerdem mit der Versorgung von Fremden, Waisen und Witwen. Dadurch wird erkennbar, dass der Umgang mit heiligen Gaben auch eine Verantwortung gegenüber Menschen einschloss, deren wirtschaftliche Sicherheit besondere Aufmerksamkeit erforderte.
Die abschließende Mahnung, den Leviten während des gesamten Lebens im Land nicht zu verlassen, macht deutlich, dass diese Verpflichtung dauerhaft gelten sollte. Mit dem Einzug nach Kanaan würde Israel neue Möglichkeiten erhalten, Besitz zu erwerben und wirtschaftlich selbstständiger zu werden. Gerade dann durfte die Gemeinschaft ihre Verantwortung für diejenigen nicht vergessen, die eine andere Aufgabe und Lebensgrundlage besaßen. Mose verbindet damit die Gottesverehrung und das Verhalten gegenüber Menschen, die auf die vorgesehene Unterstützung angewiesen waren. Beides sollte im Leben Israels seinen festen Platz haben.
Diese drei Verse zeigen somit, dass der Umgang mit Gottes Gaben nicht ausschließlich eine private Angelegenheit war. Bestimmte Erträge und Opfer gehörten zu einer Ordnung, die über den einzelnen Haushalt hinausreichte. Sie dienten der Verehrung Gottes, der gemeinsamen Freude und der Versorgung derjenigen, für die besondere Bestimmungen galten. Der Gottesdienst sollte nicht nur durch die vorgeschriebenen Handlungen am Heiligtum geprägt sein, sondern auch durch einen verantwortungsvollen Umgang mit dem, was Gott dem Volk anvertraut hatte.
Damit bleibt eine praktische Frage offen. Wenn die Israeliten künftig über ein weitläufiges Land verteilt wohnen und manche Familien große Entfernungen zum Heiligtum zurücklegen müssen, wie sollen sie dann ihren gewöhnlichen Fleischbedarf decken? Mose greift diese Situation in den folgenden Versen ausdrücklich auf und erklärt zugleich, weshalb das Blut auch beim Schlachten außerhalb des Heiligtums nicht gegessen werden darf.
5. Mose 12,20–25
Warum Israel kein Blut essen darf
In Vers 20 beschreibt Mose eine Situation, die nach der Landnahme für viele Israeliten zum Alltag gehören wird. Gott wird die Grenzen ihres Gebietes erweitern, wie er es versprochen hat. Dadurch werden die Menschen nicht mehr alle in unmittelbarer Nähe des gemeinsamen Heiligtums wohnen. Manche Familien werden ihre Heimat in weit entfernten Städten oder Dörfern finden, andere ihre Herden auf abgelegenen Weideflächen halten. Gerade für diese neue Lebenssituation erklärt Mose, wie sie mit dem Wunsch nach Fleisch umgehen dürfen. Wenn jemand Fleisch essen möchte, soll er dies grundsätzlich tun dürfen. Der Genuss solcher Nahrung wird hier nicht als etwas Verwerfliches dargestellt, sondern ausdrücklich innerhalb der von Gott gegebenen Ordnung erlaubt.
Die Formulierung, dass die Seele nach Fleisch verlangt, beschreibt dabei ein gewöhnliches menschliches Bedürfnis beziehungsweise den Wunsch, eine bestimmte Nahrung zu genießen. Das hebräische Wort nephesch, das die Schlachter 1951 mit „Seele“ wiedergibt, kann je nach Zusammenhang den Menschen selbst, sein Leben oder sein Verlangen bezeichnen. In diesem Vers geht es nicht um einen vom Körper unabhängigen Bestandteil des Menschen, sondern um den Wunsch einer lebendigen Person. Mose spricht also eine alltägliche Situation an: Jemand möchte Fleisch essen. Diese einfache Beobachtung ist wichtig, weil der Abschnitt anschließend dasselbe hebräische Wort in einem anderen Zusammenhang verwendet. Bei dem Verlangen nach Fleisch geht es um das Bedürfnis des Menschen, beim Blut dagegen um das Leben des geschlachteten Tieres.
In Vers 21 wird der Grund für die Erlaubnis genauer erklärt. Der von Gott erwählte Ort kann für manche Israeliten zu weit entfernt sein, um jedes Mal dorthin zu reisen, wenn sie ein Tier zur Ernährung schlachten möchten. Deshalb dürfen sie Rinder, Schafe oder Ziegen aus ihren Herden nehmen und innerhalb ihrer Wohnorte schlachten. Mose trägt damit den tatsächlichen Lebensbedingungen Rechnung, die in dem größeren Siedlungsgebiet entstehen werden. Die Gottesdienstordnung soll verbindlich bleiben, ohne dass gewöhnliche Mahlzeiten zu einer Aufgabe werden, die nur mit einer langen Reise zum Heiligtum möglich ist. Die räumliche Entfernung verändert allerdings nicht die Bestimmungen darüber, welche Handlungen als Opfer gelten und welche nicht.
Auffällig ist in diesem Vers der Zusatz, dass die Israeliten die Tiere schlachten sollen, wie Mose es ihnen geboten hat. Diese Worte sind unterschiedlich ausgelegt worden. Manche verstehen sie als Hinweis auf bereits bekannte Vorschriften über die Art der Schlachtung. In der späteren jüdischen Tradition wurden damit auch bestimmte Anforderungen an die Durchführung des Schlachtens verbunden. Der Vers selbst beschreibt jedoch nicht, an welcher Stelle ein Tier verletzt werden muss, welches Werkzeug zu verwenden ist oder welche weiteren Einzelheiten zu beachten sind. Deshalb lässt sich aus dieser Formulierung allein keine vollständige Schlachtvorschrift ableiten. Sicher ist, dass die Erlaubnis zum gewöhnlichen Fleischessen nicht als Aufhebung aller bisherigen göttlichen Weisungen verstanden werden darf.
In Vers 22 vergleicht Mose das Fleisch der Haustiere erneut mit dem Fleisch von Gazellen und Hirschen. Der Vergleich hilft, den Unterschied zwischen gewöhnlicher Nahrung und heiligen Opfergaben zu verstehen. Gazellen und Hirsche gehörten zu den Tieren, die nach den Speisebestimmungen Israels gegessen werden durften. Sie waren jedoch keine Tiere, die für die vorgeschriebenen Opfer am Heiligtum verwendet wurden. Ihr Fleisch wurde daher als gewöhnliche Nahrung behandelt. In entsprechender Weise dürfen die Israeliten nun auch das Fleisch ihrer Rinder und Schafe außerhalb des Opferdienstes essen. Dass sowohl kultisch reine als auch unreine Menschen daran teilnehmen dürfen, unterstreicht diese Unterscheidung. Es handelt sich nicht um eine heilige Opfermahlzeit, deren Teilnahme besondere Reinheitsvoraussetzungen erforderte.
Damit ist jedoch keine uneingeschränkte Erlaubnis verbunden, jedes beliebige Tier zu essen. Die Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Tieren wird in 3. Mose 11 ausführlich geregelt und in 5. Mose 14 erneut aufgegriffen. Mose spricht hier dagegen ausdrücklich vom Reinheitszustand der Menschen. Wer beispielsweise aufgrund einer Berührung mit einem Toten vorübergehend kultisch unrein geworden war, durfte deshalb nicht ohne Weiteres an allen heiligen Handlungen teilnehmen. Eine gewöhnliche Mahlzeit mit erlaubtem Fleisch war davon jedoch zu unterscheiden. Das Wort „unrein“ hat in diesem Vers somit eine andere Bezugsperson als in den Speisevorschriften über die Tierarten. Diese Unterscheidung verhindert, dass aus dem Abschnitt eine Aussage abgeleitet wird, die Mose an dieser Stelle gar nicht trifft.
Mit Vers 23 setzt Mose der gewährten Freiheit eine klare Grenze. Die Israeliten sollen unbedingt darauf achten, kein Blut zu essen. Während sie das Fleisch gewöhnlich geschlachteter Tiere innerhalb ihrer Wohnorte genießen dürfen, bleibt das Blut vom Verzehr ausgeschlossen. Mose begründet dies mit einer Aussage über das Leben: „Denn das Blut ist die Seele.“ Die Formulierung der Schlachter 1951 gibt den hebräischen Begriff nephesch wieder, der hier im Sinne von Leben verstanden werden muss. Das Blut steht in einem besonders engen Zusammenhang mit dem Leben eines Lebewesens. Verlässt es den Körper in ausreichender Menge, kann das Tier nicht weiterleben. Deshalb wird das Blut in der biblischen Gesetzgebung nicht wie ein gewöhnlicher Bestandteil des Fleisches behandelt.
Diese Begründung begegnet bereits in 3. Mose 17,11, wo Gott erklärt, dass das Leben des Fleisches im Blut ist. Dort wird zugleich die besondere Bedeutung des Blutes für den Opferdienst erläutert. Gott hat es für die Sühnung auf dem Altar bestimmt. In 5. Mose 12 liegt der Schwerpunkt dagegen auf dem gewöhnlichen Fleischessen außerhalb des Heiligtums. Dennoch bleibt derselbe grundlegende Zusammenhang erhalten: Das Blut gehört zum Leben des Tieres und darf deshalb nicht einfach zusammen mit seinem Fleisch verzehrt werden. Die Verbindung zwischen Blut und Leben ist somit nicht allein eine Vorschrift über den äußeren Ablauf einer Opferhandlung, sondern bildet eine Begründung für das ausdrückliche Verbot des Blutgenusses.
Dabei muss die Aussage über die Seele sorgfältig verstanden werden. Mose erklärt nicht, dass sich im Blut eine unsichtbare, vom Körper unabhängig weiterlebende Seele befinden würde. Das hebräische Wort nephesch bezeichnet in vielen biblischen Zusammenhängen das Leben oder das lebendige Wesen selbst. Bereits in 1. Mose 2,7 wird Adam zu einer lebendigen Seele, als Gott ihm den Lebensodem gibt. Die Bibel beschreibt den Menschen dort nicht als einen Körper, dem anschließend eine eigenständig lebende Seele hinzugefügt wird. Auch bei den Tieren kann das Wort für lebendige Wesen verwendet werden. Deshalb darf 5. Mose 12,23 nicht aus seinem Zusammenhang gelöst werden, um daraus eine Lehre über die Unsterblichkeit der Seele abzuleiten. Mose spricht hier vom Leben des geschlachteten Tieres und davon, dass dieses Leben durch das Blut besonders zum Ausdruck kommt.
Das Blutverbot reicht zudem weiter zurück als die Gesetzgebung am Sinai. Schon in 1. Mose 9,4 untersagt Gott Noah und seinen Nachkommen, Fleisch mit seinem Blut zu essen. Diese Anweisung folgt unmittelbar auf die Erlaubnis, Tiere zur Nahrung zu verwenden. Die beiden Aussagen gehören zusammen: Der Mensch darf Fleisch essen, soll dabei aber eine von Gott gesetzte Grenze beachten. In 5. Mose 12 begegnet derselbe grundlegende Gedanke erneut. Die Erlaubnis, ein Tier zu schlachten, bedeutet nicht, dass der Mensch über dessen Leben und alle Bestandteile seines Körpers völlig uneingeschränkt verfügen dürfte. Das Leben bleibt etwas, das von Gott stammt und nicht geringschätzig behandelt werden soll.
In Vers 24 wiederholt Mose deshalb, dass das Blut nicht gegessen, sondern wie Wasser auf die Erde gegossen werden soll. Die Formulierung macht deutlich, dass es nicht für den Verzehr aufbewahrt werden darf. Zugleich entsteht eine wichtige Unterscheidung zum Opferdienst. Bei den vorgeschriebenen Opfern hatte das Blut eine bestimmte Verwendung am Altar. Beim gewöhnlichen Schlachten außerhalb des Heiligtums wird es dagegen auf die Erde ausgegossen. Mose verlangt also nicht, dass jedes geschlachtete Tier zu einem Opfer gemacht wird. Er unterscheidet zwischen dem heiligen Gebrauch des Blutes im Opferdienst und dem Umgang mit Blut beim gewöhnlichen Fleischessen. In beiden Fällen bleibt jedoch bestehen, dass es nicht als Nahrung verwendet werden soll.
Diese Unterscheidung zeigt, wie genau die biblischen Vorschriften unterschiedliche Lebensbereiche berücksichtigen. Der Altar ist nicht einfach ein gewöhnlicher Schlachtplatz, und die tägliche Zubereitung einer Mahlzeit ist keine heilige Opferhandlung. Dennoch wird das Leben eines Tieres auch außerhalb des Heiligtums nicht als bedeutungslos betrachtet. Die Israeliten dürfen die Nahrung genießen, die ihnen zur Verfügung steht, sollen dabei aber Gottes Anweisungen achten. Die wiederholte Warnung macht deutlich, dass Mose diese Grenze für besonders wichtig hält. Er nennt das Blutverbot nicht nur beiläufig, sondern fordert das Volk ausdrücklich auf, daran festzuhalten.
In Vers 25 verbindet Mose den Gehorsam mit einer Verheißung für die Zukunft der Israeliten und ihrer Kinder. Sie sollen das Blut nicht essen, damit es ihnen und ihren Nachkommen gut geht, wenn sie tun, was in den Augen des HERRN recht ist. Diese Formulierung stellt das Verbot in den größeren Zusammenhang des Bundes. Israel soll Gottes Gebote nicht nur beachten, wenn die Gründe unmittelbar einleuchten oder wenn eine Handlung öffentlich beobachtet wird. Auch im gewöhnlichen Haushalt, wo keine Priester anwesend sind und keine Opferhandlung stattfindet, bleibt Gottes Wille verbindlich.
Bemerkenswert ist der Gegensatz zu der Formulierung aus Vers 8, in der Mose davon gesprochen hatte, dass jeder tat, was in seinen eigenen Augen recht war. Nun erklärt er, dass die Israeliten das tun sollen, was in Gottes Augen recht ist. Damit wird ein grundlegender Maßstab sichtbar. Der Mensch beurteilt sein Verhalten häufig danach, was ihm sinnvoll, nützlich oder angenehm erscheint. Gottes Gebote können jedoch Grenzen setzen, die nicht allein aus den eigenen Wünschen entstehen. Für Israel sollte deshalb nicht die persönliche Vorliebe die letzte Entscheidung bestimmen, sondern der Wille des HERRN. Gerade bei einer alltäglichen Handlung wie dem Essen von Fleisch sollte diese Haltung erkennbar werden.
Die Verheißung, dass es den Israeliten und ihren Kindern gut gehen soll, gehört dabei zur besonderen Bundesordnung des verheißenen Landes. Sie darf nicht so verstanden werden, als könnte ein einzelner Mensch durch die Beachtung einer bestimmten Ernährungsvorschrift automatisch Gesundheit, Wohlstand oder ein Leben ohne Schwierigkeiten garantieren. Mose spricht vielmehr von der Treue zu Gottes Weisungen innerhalb der Beziehung, die Israel mit dem HERRN verbindet. Auch die Erwähnung der Kinder unterstreicht, dass die Anordnungen nicht nur für die gegenwärtige Generation gelten sollten. Die Nachkommen sollten lernen, dieselben Grenzen zu beachten und Gottes Willen auch in ihrem täglichen Leben ernst zu nehmen.
In diesen Versen verbindet Mose somit zwei Anliegen, die einander ergänzen. Einerseits erlaubt Gott seinem Volk, die Gaben seiner Schöpfung unter den veränderten Bedingungen des Landes zu genießen. Andererseits erinnert er daran, dass menschliche Freiheit nicht bedeutet, sämtliche göttlichen Grenzen aufzuheben. Der Genuss von Nahrung und die Ehrfurcht vor dem Leben sollen zusammengehören. Selbst eine gewöhnliche Mahlzeit kann deshalb ein Bereich sein, in dem sich zeigt, ob ein Mensch Gottes Weisungen achtet.
Nachdem Mose die Regeln für das gewöhnliche Schlachten und den Umgang mit Blut erklärt hat, kehrt er nun zu den heiligen Gaben zurück. Denn was Gott ausdrücklich geweiht wurde, darf auch bei großer Entfernung zum Heiligtum nicht einfach wie gewöhnliches Fleisch verwendet werden. In den folgenden Versen beschreibt Mose deshalb, wie solche Opfer darzubringen sind und welche besondere Bedeutung das Blut dabei am Altar besitzt.
5. Mose 12,26–28
Was Gott geweiht ist, gehört vor seinen Altar
Nachdem Mose den Israeliten erlaubt hat, gewöhnliches Fleisch auch außerhalb des Heiligtums zu essen, richtet er den Blick in Vers 26 auf eine wichtige Grenze dieser Freiheit. Was ein Mensch Gott geweiht oder ihm durch ein Gelübde versprochen hat, muss weiterhin an den Ort gebracht werden, den der HERR erwählen wird. Die Entfernung zum Heiligtum ändert nichts an dieser Verpflichtung. Selbst wenn eine Familie weit entfernt wohnt und ihre Tiere gewöhnlich in der Nähe des eigenen Hauses schlachten darf, kann sie eine heilige Gabe nicht einfach wie ihren übrigen Besitz behandeln. Mose unterscheidet damit zwischen dem, was für den alltäglichen Lebensunterhalt bestimmt ist, und dem, was aufgrund einer besonderen Verpflichtung Gott gehört.
Bei den heiligen Gaben handelt es sich um Dinge, die nach den göttlichen Vorschriften für einen besonderen Zweck ausgesondert wurden. Dazu konnten bestimmte Tiere oder Erträge gehören, für deren Verwendung das Gesetz genaue Bestimmungen enthielt. Ein Gelübde entstand dagegen dadurch, dass jemand Gott freiwillig etwas versprach. Solche Versprechen konnten aus Dankbarkeit, im Zusammenhang mit einer Bitte oder aus einem anderen persönlichen Anlass gegeben werden. Die Freiwilligkeit endete jedoch nicht erst mit der tatsächlichen Übergabe der Gabe. Wer ein Gelübde abgelegt hatte, war verpflichtet, es zu erfüllen. Diesen Grundsatz erläutert Mose später in 5. Mose 23,22–24 ausdrücklich: Niemand musste ein Gelübde ablegen, aber ein gegebenes Versprechen durfte nicht leichtfertig gebrochen werden.
Darin zeigt sich ein wichtiger Unterschied zwischen einer freiwilligen Entscheidung und dem verantwortlichen Umgang mit ihren Folgen. Die Israeliten sollten keine Versprechen gegenüber Gott ablegen, um dadurch besonders fromm zu erscheinen oder sich seine Hilfe zu sichern. Wenn sie sich jedoch freiwillig zu einer Gabe verpflichteten, sollten sie ihr Wort ernst nehmen. Prediger 5,3–4 greift diesen Gedanken später auf und warnt davor, Gott etwas zu versprechen, ohne es zu erfüllen. Diese Verbindung unterstreicht, dass die Beziehung zu Gott nicht nur aus religiösen Gefühlen besteht. Sie umfasst auch Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit. Was ein Mensch bewusst zugesagt hat, soll nicht vergessen werden, sobald die ursprüngliche Begeisterung nachgelassen hat.
In Vers 27 beschreibt Mose genauer, wie die heiligen Opfer am Altar behandelt werden sollen. Dabei unterscheidet er zwischen Brandopfern und Schlachtopfern, deren Fleisch zum Verzehr bestimmt war. Bei einem Brandopfer gehörte das Fleisch dem Altar und wurde dort verbrannt. Das Blut wurde entsprechend den Opferbestimmungen am Altar verwendet. Deshalb nennt Mose bei dieser Opferart ausdrücklich Fleisch und Blut. Die Aussage bedeutet jedoch nicht, dass beides auf dieselbe Weise behandelt wurde. Nach 3. Mose 1,5–9 wurde das Blut an den Altar gesprengt, während die vorgeschriebenen Teile des Tieres auf dem Altar verbrannt wurden. Mose fasst hier also die wesentlichen Bestandteile des Brandopfers zusammen, ohne den bereits bekannten Ablauf im Einzelnen zu wiederholen.
Anders verhielt es sich bei bestimmten Schlachtopfern, deren Fleisch gegessen werden durfte. Mose erklärt, dass ihr Blut an den Altar gegossen werden soll, während das Fleisch zum Verzehr bestimmt ist. Besonders deutlich wird diese Unterscheidung bei den Gemeinschafts- und Dankopfern, die in 3. Mose 3 und 7 beschrieben werden. Bei ihnen wurden bestimmte Fettstücke auf dem Altar verbrannt, während andere Anteile den Priestern und den Opfernden zustanden. Solche Opfer ermöglichten deshalb eine Mahlzeit in Verbindung mit dem Gottesdienst. Der Opfernde durfte allerdings nicht sämtliche Teile des Tieres nach eigenem Belieben verwenden. Auch hier galten die Vorschriften über die Anteile des Altars, der Priester und der Teilnehmer an der Mahlzeit.
Damit macht Mose deutlich, weshalb Brandopfer und andere Schlachtopfer nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Beim Brandopfer wurde das Opfertier grundsätzlich vollständig Gott auf dem Altar dargebracht. Bei bestimmten anderen Opfern gehörte dagegen eine gemeinsame Mahlzeit ausdrücklich zur vorgesehenen Handlung. Das Essen des Opferfleisches war deshalb keine Missachtung der Heiligkeit des Opfers. Es war ein Teil der von Gott bestimmten Ordnung. Umgekehrt durfte aus der Erlaubnis, solches Fleisch zu essen, nicht geschlossen werden, dass auch das Fleisch eines Brandopfers für die private Ernährung verwendet werden könnte. Jede Opferart besaß ihre eigene Bedeutung und ihre eigenen Vorschriften.
Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit dem Blut. Beim gewöhnlichen Schlachten hatte Mose angeordnet, es wie Wasser auf die Erde zu gießen. Bei den heiligen Opfern gehört es dagegen an den Altar. Dieser Unterschied macht deutlich, dass nicht das Schlachten eines Tieres allein über die religiöse Bedeutung der Handlung entschied. Ausschlaggebend war, ob das Tier als gewöhnliche Nahrung oder als Opfer dargebracht wurde. Nach 3. Mose 17,11 hatte Gott das Blut für den Opferdienst auf dem Altar bestimmt, um Sühnung zu bewirken. Damit ist gemeint, dass Gott innerhalb der Opferordnung einen Weg zur Behandlung von Schuld und zur Wiederherstellung der Beziehung zu ihm gegeben hatte. Das Blut besaß seine Bedeutung nicht als eine selbstständig wirkende magische Kraft, sondern aufgrund der Bestimmung, die Gott ihm gegeben hatte.
Gerade an diesem Unterschied wird erkennbar, weshalb die Opferordnung nicht beliebig verändert werden durfte. Ein Israelit konnte nicht selbst entscheiden, dass er das Blut eines heiligen Opfers an einem anderen Ort verwenden oder das gesamte Tier für eine gewöhnliche Mahlzeit behalten wollte. Ebenso war es nicht erlaubt, ein gewöhnlich geschlachtetes Tier nach eigenen Vorstellungen zu einem Opfer zu erklären. Die Bestimmungen schützten die besondere Bedeutung des Altars und der dort vorgenommenen Handlungen. Sie erinnerten das Volk daran, dass die Annäherung an den heiligen Gott nicht allein vom menschlichen Wunsch bestimmt wird, sondern von den Weisungen, die er selbst gegeben hat.
Im größeren Zusammenhang der Bibel erhält diese Opferordnung durch Jesus Christus eine weiterführende Bedeutung. Der Hebräerbrief erklärt, dass die wiederholten Opfer des alten Bundes die endgültige Beseitigung der Sünde nicht bewirken konnten. Sie verwiesen auf eine tiefere Lösung, die durch das Opfer Christi Wirklichkeit geworden ist. Hebräer 9,11–14 und 10,1–14 stellen deshalb die wiederholten Opferhandlungen dem einmaligen und wirksamen Opfer Jesu gegenüber. Diese Verbindung darf jedoch nicht so verstanden werden, als hätte Mose in 5. Mose 12 bereits sämtliche Einzelheiten des späteren Erlösungswerkes ausdrücklich erklärt. Für seine ursprünglichen Zuhörer ging es zunächst darum, die von Gott gegebene Opferordnung einzuhalten. Im Licht des Neuen Testaments wird sichtbar, wie diese Ordnung innerhalb der größeren Heilsgeschichte auf Christus hinführt.
In Vers 28 schließt Mose den Abschnitt mit einer umfassenden Aufforderung ab. Die Israeliten sollen alle Worte, die er ihnen gebietet, bewahren und befolgen. Die Schlachter 1951 verbindet dabei ausdrücklich das Behalten mit dem tatsächlichen Handeln. Die Menschen sollen Gottes Weisungen also nicht lediglich hören und sich ihren Inhalt merken. Sie sollen danach leben. Diese Aufforderung steht nach einer Reihe genauer Bestimmungen über Opfer, Gaben und gewöhnliche Mahlzeiten. Gerade solche Einzelheiten konnten leicht als nebensächlich erscheinen. Doch Mose macht deutlich, dass der Gehorsam nicht erst bei besonders großen Entscheidungen beginnt. Auch dort, wo Gott konkrete Anweisungen für den alltäglichen Umgang mit seinem Eigentum und seinen Gaben gegeben hat, soll sein Volk sie ernst nehmen.
An diese Aufforderung knüpft Mose erneut eine Verheißung. Es soll den Israeliten und ihren Kindern dauerhaft gut gehen, wenn sie tun, was vor den Augen Gottes recht und wohlgefällig ist. Die Verbindung zwischen der gegenwärtigen Generation und ihren Nachkommen ist dabei bedeutsam. Die Israeliten sollen nicht nur an ihre eigenen Vorteile denken. Ihre Entscheidungen werden auch das Leben der nächsten Generationen prägen. Wenn die Eltern Gottes Weisungen achten und ihren Kindern erklären, weshalb sie danach handeln, schaffen sie eine Grundlage dafür, dass diese die Bedeutung des Bundes kennenlernen. Umgekehrt kann eine Generation, die Gottes Gebote leichtfertig behandelt, ihren Nachkommen ein falsches Verständnis seiner Verehrung vermitteln.
Die Worte „recht und gefällig“ zeigen außerdem, nach welchem Maßstab das Verhalten Israels beurteilt werden soll. Entscheidend ist nicht allein, ob eine Handlung den Menschen vernünftig erscheint oder ihnen einen unmittelbaren Nutzen bringt. Mose spricht ausdrücklich von dem, was in Gottes Augen richtig ist und seinem Willen entspricht. Damit erhält die gesamte Gottesdienstordnung ihren eigentlichen Maßstab. Die Israeliten sollen nicht deshalb gehorchen, weil jede einzelne Vorschrift ihren persönlichen Vorstellungen entspricht. Sie sollen Gottes Weisungen vertrauen, weil sie den HERRN als ihren Gott anerkennen und seine Autorität ernst nehmen.
Die Zusage einer guten Zukunft gehört dabei zur besonderen Bundesbeziehung Israels. Sie darf nicht in eine allgemeine Garantie umgewandelt werden, nach der jeder Mensch durch das Beachten religiöser Vorschriften automatisch vor Schwierigkeiten bewahrt bliebe. Mose spricht zum Volk, das Gott aus Ägypten befreit hat und dem er ein bestimmtes Land versprochen hat. Innerhalb dieser Beziehung besitzt der Gehorsam eine besondere Bedeutung für das Leben der Gemeinschaft und ihrer Nachkommen.
Mit diesen Versen schließt Mose seine ausführlichen Anweisungen über den Umgang mit gewöhnlichem Fleisch, heiligen Gaben und Opferhandlungen ab. Das Volk weiß nun, welche Handlungen im eigenen Wohnort erlaubt sind und welche an den von Gott erwählten Altar gehören. Doch die richtige Durchführung der Opfer ist nicht die einzige Gefahr, die Israel im verheißenen Land beachten muss. Auch die religiösen Vorstellungen der bisherigen Bewohner könnten Einfluss auf das Volk gewinnen. Deshalb richtet Mose in den abschließenden Versen den Blick auf die Frage, ob Israel fremde Kultpraktiken übernehmen und sie mit der Verehrung des HERRN verbinden darf.
5. Mose 12,29–32
Gott nicht nach den Vorstellungen anderer Völker verehren
In Vers 29 richtet Mose den Blick erneut auf die Zeit nach der Landnahme. Die Israeliten werden in einem Gebiet wohnen, das zuvor von anderen Völkern bewohnt wurde. Gott hat ihnen zugesagt, diese Völker vor ihnen zu vertreiben und ihnen das Land zum Besitz zu geben. Doch mit der Einnahme des Landes werden nicht automatisch alle Gefahren verschwinden. Die bisherigen Bewohner haben ihre eigenen religiösen Überzeugungen, Heiligtümer und Gottesdienstformen hinterlassen. Auch wenn Israel die fremden Kultstätten beseitigt, kann das Wissen um ihre frühere Bedeutung erhalten bleiben. Mose warnt deshalb vor einer Gefahr, die erst nach dem äußeren Erfolg der Landnahme ihre volle Bedeutung entfalten könnte.
In Vers 30 fordert er das Volk auf, sich nicht durch die Nachahmung dieser Völker verführen zu lassen. Besonders auffällig ist die Frage, die er den Israeliten in den Mund legt: „Wie dienten diese Heiden ihren Göttern?“ Die Frage allein könnte zunächst wie gewöhnliches Interesse an den religiösen Gewohnheiten anderer Menschen erscheinen. Doch Mose nennt unmittelbar danach die eigentliche Absicht: „Ich will auch also tun!“ Die Israeliten sollen die fremden Praktiken also nicht nur kennenlernen, sondern selbst übernehmen. Darin liegt die Gefahr, vor der Mose warnt. Was zunächst als Neugier beginnt, kann zur Nachahmung führen und schließlich die eigene Gottesverehrung verändern.
Dabei müssen zwei mögliche Entwicklungen unterschieden werden. Die Israeliten könnten sich unmittelbar den fremden Gottheiten zuwenden und deren Verehrung übernehmen. Ebenso könnten sie versuchen, bestimmte kanaanitische Kultformen auf den Gottesdienst für den HERRN zu übertragen. Gerade die zweite Möglichkeit war besonders gefährlich, weil sie äußerlich den Eindruck erwecken konnte, Israel bleibe seinem Gott treu. Die Menschen würden weiterhin seinen Namen verwenden, ihre religiösen Handlungen aber zunehmend nach den Vorstellungen anderer Völker gestalten. Dass Mose auch diese Gefahr im Blick hat, wird im folgenden Vers deutlich. Dort verbietet er ausdrücklich, dem HERRN auf diese Weise zu dienen.
Der geschichtliche Hintergrund macht diese Warnung verständlich. Die kanaanitischen Religionen kannten verschiedene Gottheiten, denen unterschiedliche Bereiche des Lebens zugeordnet wurden. Menschen suchten bei ihnen Schutz, Fruchtbarkeit und Hilfe in ihren persönlichen Anliegen. Bestimmte religiöse Handlungen waren mit der Hoffnung verbunden, die Gottheiten günstig zu stimmen oder ihre Unterstützung zu erhalten. Für Israel konnten solche Vorstellungen besonders dann anziehend erscheinen, wenn die Menschen im neuen Land mit Unsicherheit, schlechten Ernten oder anderen Schwierigkeiten konfrontiert wurden. Sie könnten meinen, die bisherigen Bewohner hätten bestimmte Wege gekannt, um göttliche Hilfe zu erlangen, und diese Wege seien deshalb auch für ihre eigene Gottesverehrung geeignet.
Mose stellt dieser Vorstellung die Offenbarung des HERRN gegenüber. Israel muss nicht erst von den Kanaanitern lernen, wie es seinem Gott begegnen kann. Gott hat sich seinem Volk bereits zu erkennen gegeben und ihm Weisungen für den Gottesdienst übermittelt. Deshalb darf die Frage nach der richtigen Anbetung nicht allein danach beantwortet werden, welche religiösen Handlungen in einem bestimmten Land verbreitet sind oder besonders wirkungsvoll erscheinen. Der Maßstab ist Gottes eigener Wille. Damit wird deutlich, dass nicht jede überlieferte religiöse Gewohnheit schon deshalb richtig ist, weil viele Menschen sie praktizieren oder weil sie seit langer Zeit besteht.
In Vers 31 begründet Mose sein Verbot mit einer besonders ernsten Aussage. Er erklärt, dass die fremden Völker Handlungen vollzogen haben, die dem HERRN ein Gräuel sind und die er hasst. Das Wort „Gräuel“ bezeichnet hier etwas, das Gott entschieden verwirft. Es geht somit nicht lediglich um unterschiedliche Vorlieben bei der Gestaltung religiöser Feiern. Mose spricht von Praktiken, die dem heiligen und gerechten Wesen Gottes widersprechen. Die Menschen dürfen deshalb nicht annehmen, jede Handlung könne durch eine religiöse Absicht gerechtfertigt werden. Selbst wenn sie ursprünglich im Rahmen eines Gottesdienstes ausgeführt wurde, kann sie vor Gott schweres Unrecht darstellen.
Als besonders erschütterndes Beispiel nennt Mose die Opferung von Kindern. Er erklärt ausdrücklich, dass diese Völker sogar ihre Söhne und Töchter ihren Göttern im Feuer verbrannt haben. Hier spricht der Text von tatsächlicher Gewalt gegen Kinder. Die Aussage darf deshalb nicht zu einem bloßen Sinnbild für falsche Erziehung oder die Vernachlässigung familiärer Verantwortung umgedeutet werden. Mose beschreibt eine Handlung, bei der menschliches Leben im Rahmen eines religiösen Kultes vernichtet wurde. Gerade dieses Beispiel macht deutlich, wie weit eine Gottesverehrung von dem abweichen kann, was der HERR von seinem Volk verlangt.
Die Bibel verurteilt solche Handlungen auch an anderen Stellen ausdrücklich. In 3. Mose 18,21 wird Israel untersagt, Kinder dem Molech zu übergeben. 5. Mose 18,10 verbietet ebenfalls, einen Sohn oder eine Tochter durchs Feuer gehen zu lassen. Diese Bestimmungen gehören zu den ernstesten Warnungen der alttestamentlichen Gesetzgebung. Sie zeigen, dass die Heiligkeit des Gottesdienstes nicht von der Achtung des menschlichen Lebens getrennt werden darf. Ein Mensch darf nicht zum Opfer religiöser Vorstellungen gemacht werden, selbst wenn die Beteiligten glauben, damit einer Gottheit zu dienen.
Dabei wäre es zu weitgehend, aus Moses Worten abzuleiten, dass sämtliche Bewohner Kanaans ihre Kinder geopfert hätten oder dass diese Praxis bei allen dort verehrten Gottheiten gleichermaßen verbreitet gewesen wäre. Der Text nennt eine besonders schwere Form des fremden Gottesdienstes, die Israel entschieden ablehnen soll. Über die genaue Verbreitung solcher Opferhandlungen gibt dieser Abschnitt keine vollständige historische Auskunft. Die biblische Verurteilung ist jedoch eindeutig. Was Mose hier beschreibt, gehört zu den Praktiken, die Gott nicht duldet und die sein Volk keinesfalls übernehmen soll.
Wie ernst diese Warnung war, zeigt die spätere Geschichte Israels. In 2. Könige 16,3 wird berichtet, dass König Ahas seinen Sohn durchs Feuer gehen ließ und damit den verwerflichen Gewohnheiten der Völker folgte. Auch über König Manasse wird in 2. Könige 21,6 berichtet, dass er seinen Sohn durchs Feuer gehen ließ. Besonders deutlich spricht Jeremia 7,31 über die Opferstätten im Tal Ben-Hinnom, an denen Söhne und Töchter verbrannt wurden. Dort erklärt Gott ausdrücklich, dass er eine solche Handlung nicht geboten habe. Diese Berichte zeigen, dass die Gefahr nicht auf die Zeit unmittelbar nach der Landnahme beschränkt blieb. Jahrhunderte später konnten Praktiken, vor denen Mose gewarnt hatte, sogar unter den Königen Judas Eingang finden.
Die Worte Jeremias enthalten dabei eine wichtige Ergänzung zum Verständnis von 5. Mose 12. Eine religiöse Handlung wird nicht dadurch richtig, dass Menschen sie mit großem Ernst ausführen oder dafür besonders schwere Opfer auf sich nehmen. Entscheidend ist, ob Gott sie geboten hat und ob sie seinem Willen entspricht. Gerade das Kinderopfer verdeutlicht diesen Unterschied auf erschütternde Weise. Die Bereitschaft, etwas außerordentlich Wertvolles hinzugeben, macht eine Handlung nicht automatisch gottgefällig. Wenn die Handlung selbst schweres Unrecht ist, kann ihre religiöse Begründung sie nicht rechtfertigen.
In Vers 32 schließt Mose seine Anweisungen mit einer umfassenden Aufforderung ab: Die Israeliten sollen alles bewahren und tun, was er ihnen im Auftrag Gottes gebietet. Sie dürfen seinen Worten nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen. Diese Formulierung begegnet bereits in 5. Mose 4,2. Ihre Wiederholung ist an dieser Stelle besonders bedeutsam, weil Mose gerade vor der Übernahme fremder Gottesdienstformen gewarnt hat. Die Israeliten sollen Gottes Weisungen weder durch zusätzliche, eigenmächtig eingeführte religiöse Praktiken verändern noch diejenigen Bestimmungen beiseiteschieben, die ihnen unbequem erscheinen. Beides würde bedeuten, den eigenen Vorstellungen eine Autorität einzuräumen, die ihnen nicht zusteht.
Dabei muss die Reichweite dieses Verbots richtig verstanden werden. Mose sagt nicht, dass Gott nach seiner Rede niemals wieder durch einen Propheten sprechen oder weitere Weisungen geben dürfte. Schon die spätere Geschichte des Alten Testaments berichtet von Menschen, denen Gott neue Botschaften anvertraute. Das Verbot richtet sich vielmehr gegen die eigenmächtige Veränderung dessen, was Gott seinem Volk geboten hat. Die Israeliten sollen seine Worte nicht nach persönlichen Wünschen umgestalten und anschließend behaupten, die veränderte Ordnung besitze dieselbe göttliche Autorität. Ebenso wenig dürfen sie klare Anweisungen weglassen, weil andere religiöse Praktiken angenehmer oder eindrucksvoller erscheinen.
Diese Unterscheidung ist auch für das Verständnis der späteren biblischen Offenbarung wichtig. Gott selbst besitzt die Autorität, seinen Willen weiter zu offenbaren und seine Verheißungen zu erfüllen. Das ist etwas anderes, als wenn Menschen seine Gebote aus eigener Entscheidung verändern. Im Neuen Testament erklärt Jesus beispielsweise, dass seine Sendung nicht darin besteht, Gottes frühere Offenbarung bedeutungslos zu machen, sondern sie zu erfüllen (Matthäus 5,17). Der Hebräerbrief beschreibt außerdem die Veränderung des Opferdienstes durch das vollkommene Opfer Christi. Solche Aussagen müssen aus ihrem eigenen biblischen Zusammenhang verstanden werden. Sie dürfen weder zur Rechtfertigung beliebiger menschlicher Änderungen benutzt noch durch ein Missverständnis von 5. Mose 12,32 grundsätzlich ausgeschlossen werden.
Mit dem Verbot, nichts hinzuzufügen und nichts wegzunehmen, erhält das gesamte Kapitel einen klaren Abschluss. Mose hat erklärt, wo Israel seine Opfer darbringen soll, welche Unterschiede zwischen heiligen Gaben und gewöhnlicher Nahrung bestehen und weshalb fremde religiöse Praktiken nicht übernommen werden dürfen. Nun fasst er die grundlegende Verantwortung zusammen: Gottes Volk soll seine Weisungen nicht nur kennen, sondern sie unverändert als verbindlichen Maßstab anerkennen und entsprechend handeln.
Damit bereitet Mose zugleich die folgenden Warnungen vor. Denn eine Veränderung des Gottesdienstes kann nicht nur durch die Übernahme fremder Gewohnheiten entstehen. Auch Menschen, die innerhalb Israels auftreten und religiöse Autorität beanspruchen, können versuchen, das Volk von Gottes Geboten abzubringen. Deshalb wird Mose im nächsten Kapitel erklären, wie Israel mit solchen Einflüssen umgehen soll und weshalb selbst außergewöhnliche Zeichen keine ausreichende Grundlage sind, um einem Aufruf zur Abkehr vom HERRN zu folgen.
Geistliche Kernbotschaft
5. Mose 12 stellt eine grundlegende Frage: Wer bestimmt, wie Menschen Gott verehren sollen? Für die Israeliten war diese Frage besonders wichtig, weil sie bald in einem Land leben würden, in dem zahlreiche religiöse Vorstellungen und Gewohnheiten verbreitet waren. Mose macht deutlich, dass die Verehrung des HERRN nicht einfach aus solchen Traditionen übernommen oder nach persönlichen Vorlieben gestaltet werden darf. Gott hat sich seinem Volk offenbart und ihm gezeigt, wie es sich ihm nähern soll. Die Beziehung zu ihm beruht deshalb nicht darauf, dass Menschen selbst einen möglichst eindrucksvollen Gottesdienst erfinden, sondern darauf, dass sie seine Offenbarung ernst nehmen.
Dahinter steht eine wichtige Wahrheit über Gottes Wesen. Er ist nicht auf die Hilfe menschlicher Vorstellungen angewiesen, damit Menschen ihn erkennen können. Er selbst ergreift die Initiative, offenbart seinen Willen und eröffnet seinem Volk die Gemeinschaft mit ihm. Gerade die Bestimmung eines gemeinsamen Heiligtums macht dies sichtbar. Die Israeliten müssen nicht versuchen, Gott an einem selbst gewählten Ort durch besondere Handlungen für sich zu gewinnen. Sie dürfen dorthin kommen, wo er ihnen seine Gegenwart und die Begegnung mit ihm zugesagt hat. Gottesdienst ist deshalb nicht zuerst der Versuch des Menschen, eine Verbindung zu Gott herzustellen. Er ist die Antwort auf einen Gott, der sich seinem Volk bereits zugewandt hat.
Diese Beziehung ist jedoch mit Verantwortung verbunden. Wer Gott vertraut, soll seine Weisungen nicht nach Belieben verändern. Dabei besteht eine Gefahr darin, nur auf die äußere Form des Gottesdienstes zu achten. Ein Mensch kann religiöse Vorschriften genau kennen und dennoch die Haltung verlieren, um die es Gott geht. Das Kapitel selbst zeigt, dass Gottes Anweisungen nicht allein Opferhandlungen betreffen. Zur gemeinsamen Gottesverehrung gehören auch Dankbarkeit, Freude und die Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Die Treue zu Gott soll deshalb nicht am Heiligtum enden, sondern im Umgang mit den Gaben des Lebens und mit den Menschen sichtbar werden.
Besonders bemerkenswert ist, wie selbstverständlich Mose von der Freude vor Gott spricht. Die Israeliten sollen ihre Gaben nicht ausschließlich mit ernster Verpflichtung darbringen. Sie dürfen gemeinsam essen und sich über das freuen, was Gott ihnen geschenkt hat. Damit verbindet das Kapitel Ehrfurcht und Freude auf eine Weise, die für das Verständnis des Gottesdienstes wichtig ist. Gottes Heiligkeit bedeutet nicht, dass seine Gegenwart ausschließlich mit Angst oder bedrückender Pflicht verbunden sein müsste. Wo Menschen seine Güte erkennen und ihm dankbar begegnen, hat auch die Freude einen berechtigten Platz.
Gleichzeitig zeigt das Kapitel, dass nicht alles, was dem Menschen erlaubt ist, grenzenlos verfügbar wird. Die Israeliten dürfen Tiere zur Nahrung schlachten, sollen aber das Blut nicht verzehren. Die wiederholte Begründung verweist auf den Zusammenhang zwischen Blut und Leben. Darin liegt eine Erinnerung an die besondere Stellung des Lebens, das nicht vom Menschen selbst geschaffen wurde. Die Erlaubnis, die Gaben der Schöpfung zu nutzen, bedeutet nicht, dass der Mensch sie ohne jede Verantwortung behandeln darf. Gottes Weisungen setzen seinem Handeln Grenzen und erinnern ihn daran, dass er auch im alltäglichen Leben vor seinem Schöpfer verantwortlich bleibt.
Am Ende tritt besonders deutlich hervor, dass der wahre Gottesdienst niemals schweres Unrecht rechtfertigen darf. Die Verurteilung der Kinderopfer zeigt, wie gefährlich religiöse Vorstellungen werden können, wenn menschliches Handeln nicht mehr an Gottes offenbartem Willen gemessen wird. Selbst eine Handlung, die als besonders großes Opfer für eine Gottheit verstanden wird, kann zutiefst böse sein. Mose stellt damit klar, dass die Hingabe an Gott nicht von der Achtung seiner Gebote getrennt werden darf. Religiöser Eifer ist kein Ersatz für Gehorsam und keine Rechtfertigung für Gewalt.
Die geistliche Mitte dieses Kapitels liegt somit in einer Gottesverehrung, die aus dem Vertrauen auf Gottes Offenbarung erwächst. Sie nimmt seine Heiligkeit ernst, erkennt seine Gaben dankbar an und lässt sich von seinem Willen leiten. Sie beschränkt sich nicht auf äußere Handlungen, sondern prägt auch den Umgang mit dem Leben und mit anderen Menschen. Gott sucht keine Verehrung, bei der sein Name verwendet wird, während seine Weisungen unbeachtet bleiben. Er ruft sein Volk zu einer Gemeinschaft mit ihm, in der seine Wahrheit und sein guter Wille den Maßstab bilden.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine wichtige Verbindung besteht zu 1. Könige 8,27–30, dem Gebet Salomos bei der Einweihung des Tempels. Salomo weiß, dass Gott nicht auf ein irdisches Gebäude beschränkt werden kann. Selbst die Himmel vermögen ihn nicht zu fassen. Trotzdem bittet er darum, dass Gott die Gebete erhört, die zu dem Haus hin gesprochen werden, das seinem Namen geweiht ist. Dadurch wird ein wesentlicher Gedanke aus 5. Mose 12 vertieft: Der erwählte Ort bedeutet nicht, dass Gott nur dort existiert oder erreichbar wäre. Das Heiligtum ist vielmehr Ausdruck einer besonderen Zusage Gottes an sein Volk. Die Bedeutung des Ortes entsteht aus seiner Erwählung und nicht aus einer eigenen göttlichen Kraft des Gebäudes.
Eine entscheidende Weiterführung begegnet in Johannes 4,20–24. Die samaritanische Frau spricht Jesus auf den Streit zwischen Samaritanern und Juden über den richtigen Ort der Anbetung an. Während die Samaritaner den Berg Garizim als heiligen Ort betrachten, ist für die Juden Jerusalem das Zentrum des Gottesdienstes. Jesus erklärt, dass eine Zeit kommt, in der die Anbetung des Vaters nicht mehr an einen dieser beiden Orte gebunden sein wird. Wahre Anbeter sollen den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten. Damit wird die Frage nach der Gottesverehrung nicht bedeutungslos. Vielmehr verändert sich ihre Grundlage im Zusammenhang mit dem Kommen Christi. Die besondere Ortsbindung des alttestamentlichen Opferdienstes darf deshalb nicht unverändert auf den Gottesdienst der christlichen Gemeinde übertragen werden.
Besonders tief reicht die Verbindung zu Hebräer 9,11–14 und 10,1–14. Während 5. Mose 12 zwischen gewöhnlichem Fleischessen und den heiligen Opferhandlungen unterscheidet, erklärt der Hebräerbrief die Bedeutung dieser Opfer im Licht des Werkes Jesu. Die Opfer des alten Bundes mussten wiederholt dargebracht werden. Christus dagegen hat sich selbst ein für alle Mal geopfert. Sein Opfer besitzt eine Wirksamkeit, die die früheren Tieropfer nicht erreichen konnten. Dadurch wird verständlich, weshalb Christen nicht weiterhin Tiere nach den Vorschriften des alten Heiligtums darbringen müssen. Das Neue Testament verwirft damit nicht rückwirkend jede Bedeutung jener Opfer. Es zeigt, dass ihre heilsgeschichtliche Aufgabe durch Jesus Christus ihre Erfüllung gefunden hat. Der Zugang zu Gott gründet nun entscheidend auf seinem vollbrachten Erlösungswerk.
Eine weitere Verbindung besteht zu Apostelgeschichte 15,19–29. Auf der Jerusalemer Versammlung wird entschieden, welche Anforderungen den Gläubigen aus den nichtjüdischen Völkern auferlegt werden sollen. Dabei wird ausdrücklich die Enthaltung von Blut und Ersticktem genannt. Das ist bemerkenswert, weil diese Anweisung an Menschen gerichtet wird, die nicht zur ursprünglichen Bundesgemeinschaft Israels gehörten. Der Text zeigt, dass die Frage nach dem Umgang mit Blut auch in der frühen christlichen Gemeinde Bedeutung hatte. Wie diese Anordnung in allen Einzelheiten auf heutige Ernährungsgewohnheiten anzuwenden ist, wird unterschiedlich beurteilt. Ihr unmittelbarer Zusammenhang betrifft auch die Gemeinschaft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen. Deshalb sollte die Stelle weder übergangen noch ohne weitere Prüfung mit sämtlichen Einzelbestimmungen des alttestamentlichen Opferdienstes gleichgesetzt werden.
Für die Warnung vor eigenmächtig veränderter Gottesverehrung ist Markus 7,6–13 besonders aufschlussreich. Jesus kritisiert dort Menschen, die menschliche Überlieferungen so behandeln, dass Gottes Gebot dadurch verdrängt wird. Als Beispiel nennt er eine religiöse Regelung, mit der jemand seine Verantwortung gegenüber Vater und Mutter umgehen konnte. Diese Kritik führt einen Gedanken aus 5. Mose 12 weiter: Religiöse Traditionen besitzen nicht schon deshalb göttliche Autorität, weil sie von Menschen überliefert und sorgfältig eingehalten werden. Entscheidend bleibt, ob sie dem entsprechen, was Gott tatsächlich geboten hat. Dabei verurteilt Jesus nicht jede Gewohnheit oder Tradition. Seine Kritik richtet sich gegen eine menschliche Ordnung, die Gottes Wort außer Kraft setzt.
Auch Jesaja 1,11–17 hilft, die Bedeutung des Gottesdienstes richtig zu verstehen. Durch den Propheten kritisiert Gott ein Volk, das weiterhin Opfer und religiöse Versammlungen abhält, während Unrecht und Gewalt sein gemeinschaftliches Leben prägen. Die Menschen sollen nicht einfach noch mehr Opfer bringen, sondern aufhören, Böses zu tun, und lernen, das Gute zu tun. Besonders sollen sie den Unterdrückten helfen und für Waisen und Witwen eintreten. Diese Worte zeigen, dass die äußere Einhaltung religiöser Vorschriften nicht ausreicht, wenn Menschen zugleich Gottes Gebote im Umgang mit anderen missachten. Jesaja wendet sich nicht gegen jede von Gott angeordnete Opferhandlung, sondern gegen einen Gottesdienst, der von einem ungerechten Leben getrennt wird.
Schließlich führt Hebräer 13,15–16 die Frage nach den Gaben für Gott in eine ausdrücklich christliche Richtung. Die Gläubigen werden aufgefordert, durch Jesus Christus Gott ein Opfer des Lobes darzubringen. Unmittelbar danach folgt die Mahnung, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, denn solche Opfer gefallen Gott. Hier ist das Wort „Opfer“ nicht mehr im Sinne einer erneuten tierischen Sühnung zu verstehen. Es beschreibt die dankbare Antwort eines Menschen auf das Werk Christi. Lob Gottes und tätige Liebe gehören zusammen. Damit wird ein Zusammenhang vertieft, der bereits in 5. Mose 12 erkennbar ist: Die Verehrung Gottes soll die Beziehung zu ihm ausdrücken und zugleich das Leben der Gemeinschaft prägen.
Diese biblischen Verbindungen zeigen eine Entwicklung von der besonderen Heiligtums- und Opferordnung Israels zum Gottesdienst im Licht Jesu Christi. Dabei bleibt die grundlegende Frage bestehen, ob Menschen Gottes Offenbarung vertrauen und ihm in Wahrheit begegnen. Was sich durch das Opfer Christi verändert hat, muss von dem unterschieden werden, was die Bibel weiterhin als Ausdruck von Liebe, Treue und Gehorsam beschreibt.
Wichtige Lektionen
Eine wichtige Lektion aus 5. Mose 12 besteht darin, religiöse Überzeugungen am Wort Gottes zu prüfen. Menschen wachsen häufig mit bestimmten Gottesdienstformen, Festen und Gewohnheiten auf. Vieles davon erscheint selbstverständlich, weil es schon seit Generationen praktiziert wird. Doch eine lange Tradition allein beweist nicht, dass etwas von Gott geboten wurde. Deshalb ist es sinnvoll, bei religiösen Fragen nach der biblischen Grundlage zu suchen. Wo die Schrift ausdrücklich spricht, sollte ihr Wort ernst genommen werden. Wo sie keine genaue Vorschrift enthält, dürfen persönliche Vorlieben nicht ohne Weiteres zu verbindlichen Geboten für andere Menschen gemacht werden.
Dabei ist sorgfältiges Unterscheiden wichtiger als vorschnelles Verurteilen. Nicht jede menschliche Gewohnheit ist bereits eine verbotene religiöse Handlung. Eine Gemeinde kann beispielsweise unterschiedliche geeignete Räume, Instrumente oder organisatorische Abläufe verwenden, ohne damit zwangsläufig Gottes Gebote zu verändern. Entscheidend ist, ob eine Praxis dem biblischen Zeugnis widerspricht oder ob lediglich eine Frage berührt wird, für die Gott keine bestimmte Form vorgeschrieben hat. Wer alles gleich behandelt, läuft Gefahr, eigene Vorstellungen mit göttlichen Anweisungen zu verwechseln. Die Treue zur Bibel verlangt deshalb nicht nur Entschiedenheit, sondern ebenso ein sorgfältiges Verständnis dessen, was tatsächlich geschrieben steht.
Das Kapitel ermutigt außerdem dazu, die Freude an Gott bewusst zu pflegen. Religiöses Leben kann sich so sehr auf Pflichten und mögliche Fehler konzentrieren, dass Dankbarkeit kaum noch Raum erhält. Mose erinnert daran, dass die Israeliten sich über Gottes Gaben freuen durften. Auch heute ist es wertvoll, sich Zeit zu nehmen, um für empfangene Hilfe, für Nahrung, Gemeinschaft und andere gute Dinge zu danken. Das muss nicht mit einer außergewöhnlichen religiösen Feier verbunden sein. Schon ein bewusstes Gebet vor einer Mahlzeit oder ein gemeinsames Gespräch über etwas Gutes kann helfen, die eigenen Lebensumstände mit Dankbarkeit wahrzunehmen.
Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit Menschen, die leicht übersehen werden. Die ausdrückliche Einbeziehung der Leviten und der verschiedenen Angehörigen eines Haushalts erinnert daran, dass Freude nicht auf diejenigen beschränkt bleiben sollte, die über besonders viele Mittel verfügen. Wer eine Gemeinschaft mitgestaltet, kann darauf achten, ob auch Menschen mit wenig Einkommen, alleinstehende Personen oder andere auf Unterstützung angewiesene Menschen daran teilhaben können. Dabei geht es nicht darum, die besondere Versorgung der Leviten unmittelbar mit jeder heutigen kirchlichen Finanzordnung gleichzusetzen. Der übertragbare Gedanke liegt in der Verantwortung, andere nicht aus dem Blick zu verlieren, während man selbst die guten Dinge des Lebens genießt.
Besonders ernst ist die Warnung davor, religiöse Ziele über das Wohlergehen anderer Menschen zu stellen. Die Verurteilung der Kinderopfer betrifft zunächst eine konkrete Form tödlicher Gewalt in der antiken Gottesverehrung. Daraus darf keine beliebige Gleichsetzung mit heutigen Lebenssituationen abgeleitet werden. Dennoch fordert der Text dazu heraus, auch im eigenen religiösen Handeln die Würde und den Schutz anderer Menschen ernst zu nehmen. Niemand darf unter Berufung auf Gott misshandelt, eingeschüchtert oder zu Handlungen gezwungen werden, die ihm Unrecht zufügen. Gerade wer Gottes Willen achtet, muss auch die Grenzen respektieren, die seine Gebote dem menschlichen Handeln setzen.
Schließlich erinnert das Kapitel an die Bedeutung zuverlässiger Entscheidungen. Wer Gott etwas verspricht, sollte nicht leichtfertig damit umgehen. Ebenso ist es wichtig, im gewöhnlichen Leben ehrlich zu bleiben und eigene Verpflichtungen ernst zu nehmen. Das gilt für Absprachen innerhalb der Familie, für den Umgang mit anvertrautem Geld und für Aufgaben, auf deren Erfüllung andere Menschen angewiesen sind. Treue zeigt sich nicht ausschließlich in besonderen religiösen Augenblicken. Sie wird auch daran sichtbar, ob Worte und Handlungen miteinander übereinstimmen.
5. Mose 12 lädt damit zu einer bewussten und verantwortungsvollen Gottesverehrung ein. Wer Gott liebt, soll seine Wahrheit kennenlernen, seine Weisungen ernst nehmen und die durch Christus eröffnete Gemeinschaft mit ihm dankbar annehmen. Das betrifft sowohl die gemeinsame Anbetung als auch den persönlichen Alltag. Eine solche Haltung verbindet Ehrfurcht mit Freude, Überzeugung mit Besonnenheit und die Liebe zu Gott mit der Verantwortung gegenüber anderen Menschen.