Kolosser 1
Paulus, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, und Bruder Timotheus
29 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Paulus, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, und Bruder Timotheus
- 2 den Heiligen zu Kolossä und den gläubigen Brüdern in Christo: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem HERRN Jesus Christus!
- 3 Wir danken Gott und dem Vater unsers HERRN Jesu Christi und beten allezeit für euch,
- 4 nachdem wir gehört haben von eurem Glauben an Christum Jesum und von der Liebe zu allen Heiligen,
- 5 um der Hoffnung willen, die euch beigelegt ist im Himmel, von welcher ihr zuvor gehört habt durch das Wort der Wahrheit im Evangelium,
- 6 das zu euch gekommen ist, wie auch in alle Welt, und ist fruchtbar, wie auch in euch, von dem Tage an, da ihr's gehört habt und erkannt die Gnade Gottes in der Wahrheit;
- 7 wie ihr denn gelernt habt von Epaphras, unserm lieben Mitdiener, welcher ist ein treuer Diener Christi für euch,
- 8 der uns auch eröffnet hat eure Liebe im Geist.
- 9 Derhalben auch wir von dem Tage an, da wir's gehört haben, hören wir nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, daß ihr erfüllt werdet mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und Verständnis,
- 10 daß ihr wandelt würdig dem HERRN zu allem Gefallen und fruchtbar seid in allen guten Werken
- 11 und wachset in der Erkenntnis Gottes und gestärkt werdet mit aller Kraft nach seiner herrlichen Macht zu aller Geduld und Langmütigkeit mit Freuden,
- 12 und danksaget dem Vater, der uns tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht;
- 13 welcher uns errettet hat von der Obrigkeit der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes,
- 14 an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden;
- 15 welcher ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor allen Kreaturen.
- 16 Denn durch ihn ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Obrigkeiten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.
- 17 Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.
- 18 Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde; er, welcher ist der Anfang und der Erstgeborene von den Toten, auf daß er in allen Dingen den Vorrang habe.
- 19 Denn es ist das Wohlgefallen gewesen, daß in ihm alle Fülle wohnen sollte
- 20 und alles durch ihn versöhnt würde zu ihm selbst, es sei auf Erden oder im Himmel, damit daß er Frieden machte durch das Blut an seinem Kreuz, durch sich selbst.
- 21 Und euch, die ihr weiland Fremde und Feinde waret durch die Vernunft in bösen Werken,
- 22 hat er nun versöhnt mit dem Leibe seines Fleisches durch den Tod, auf daß er euch darstellte heilig und unsträflich und ohne Tadel vor ihm selbst;
- 23 so ihr anders bleibet im Glauben, gegründet und fest und unbeweglich von der Hoffnung des Evangeliums, welches ihr gehört habt, welches gepredigt ist unter aller Kreatur, die unter dem Himmel ist, dessen Diener ich, Paulus, geworden bin.
- 24 Nun freue ich mich in meinem Leiden, das ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen in Christo, für seinen Leib, welcher ist die Gemeinde,
- 25 deren Diener ich geworden bin nach dem göttlichen Predigtamt, das mir gegeben ist unter euch, daß ich das Wort Gottes reichlich predigen soll,
- 26 nämlich das Geheimnis, das verborgen gewesen ist von der Welt her und von den Zeiten her, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen,
- 27 denen Gott gewollt hat kundtun, welcher da sei der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden, welches ist Christus in euch, der da ist die Hoffnung der Herrlichkeit.
- 28 Den verkündigen wir und vermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen mit aller Weisheit, auf daß wir darstellen einen jeglichen Menschen vollkommen in Christo Jesu;
- 29 daran ich auch arbeite und ringe, nach der Wirkung des, der in mir kräftig wirkt.
Kapitelüberblick
Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht Jesus Christus und seine einzigartige Stellung in Gottes Schöpfung und Erlösungswerk. Paulus beginnt mit einem Dank für den Glauben und die Liebe der Christen in Kolossä. Er betet darum, dass sie Gottes Willen immer besser erkennen, im Glauben wachsen und ein Leben führen, das ihm gefällt.
Anschließend richtet sich der Blick auf die Größe Christi. Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Schöpfer aller Dinge und das Haupt seiner Gemeinde. Alles ist durch ihn und für ihn geschaffen worden. Durch seinen Tod am Kreuz hat Gott den Weg zur Versöhnung geöffnet und Menschen, die ihm einst entfremdet waren, eine neue Beziehung zu ihm ermöglicht.
Zum Schluss beschreibt Paulus seinen Dienst für die Gemeinde. Er verkündigt das lange verborgene und nun offenbarte Geheimnis Gottes: Auch die Menschen aus den anderen Völkern dürfen durch Christus an der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit teilhaben. Sein Ziel ist es, jeden Menschen zu einem reifen und gefestigten Glauben an Christus zu führen.
Einführung
Kolossä war eine Stadt im Tal des Lykos, im Gebiet der heutigen Westtürkei. In ihrer Nähe lagen Laodizea und Hierapolis. Diese Städte waren durch Handelswege miteinander verbunden, sodass Menschen unterschiedlicher Herkunft und religiöser Traditionen dort aufeinandertrafen. Auch die christlichen Gemeinden der Region standen miteinander in Verbindung, wie Kolosser 4,13–16 erkennen lässt.
Der Brief nennt Paulus als Absender und Timotheus an seiner Seite. Die unmittelbare Verfasserschaft des Paulus wird in der heutigen Forschung allerdings unterschiedlich beurteilt. Das Schreiben selbst gibt zu erkennen, dass sein Verfasser in Gefangenschaft war (Kolosser 4,3.18). Wo genau er sich befand, lässt sich nicht sicher feststellen. Rom gilt als traditionelle Erklärung, doch auch andere Orte werden diskutiert.
Über die Entstehung der Gemeinde wissen wir nur wenig. Eine wichtige Rolle spielte Epaphras, von dem die Christen in Kolossä das Evangelium gelernt hatten. Er berichtete auch von ihrem geistlichen Leben (Kolosser 1,7–8). Dass Paulus die Gemeinde persönlich gegründet hatte, lässt sich dagegen nicht belegen. Kolosser 2,1 deutet vielmehr darauf hin, dass er zumindest viele ihrer Mitglieder nicht persönlich kannte.
Zum Verständnis des Schreibens ist außerdem wichtig, dass die Christen mit religiösen Vorstellungen und Vorschriften konfrontiert waren, vor denen sie gewarnt werden. In Kapitel 2 begegnen uns Fragen nach menschlichen Überlieferungen, besonderen religiösen Praktiken und der Verehrung von Engeln. Welche konkrete Lehre dahinterstand, bleibt umstritten. Deshalb sollten diese Hinweise nicht vorschnell zu einem vollständig bekannten religiösen System zusammengefügt werden.
Vor diesem Hintergrund erhält bereits die Anrede des Briefes besonderes Gewicht. Sie zeigt, an wen sich das Schreiben richtet und auf welcher gemeinsamen Glaubensgrundlage seine weiteren Ausführungen aufbauen.
Kolosser 1,1–2
Berufung, Zugehörigkeit und Gottes Frieden
Paulus eröffnet seinen Brief mit den Worten, dass er ein Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes ist. Ein Apostel ist ein Gesandter, der mit einem bestimmten Auftrag und der dazugehörigen Vollmacht ausgesandt wird. Paulus betrachtet seinen Dienst deshalb nicht als eine Aufgabe, die er sich selbst ausgesucht hat. Seine Berufung führt er auf Gottes Entscheidung zurück. Das entspricht seinem eigenen Lebensbericht: Einst verfolgte er die Gemeinde, bis ihm der auferstandene Jesus begegnete und ihn in seinen Dienst rief (Apostelgeschichte 9,1–19; 26,12–18). Wenn Paulus sich nun als Apostel vorstellt, verweist er auf diese göttliche Berufung. Seine Botschaft soll nicht aufgrund seiner persönlichen Bedeutung angenommen werden, sondern weil er sich als Beauftragter Jesu Christi versteht.
Neben sich nennt Paulus den Bruder Timotheus. Dieser war ein enger Mitarbeiter, der ihn auf mehreren Missionsreisen begleitete und in verschiedenen Gemeinden Verantwortung übernahm (Apostelgeschichte 16,1–3; Philipper 2,19–22). Auffällig ist, dass Paulus ihn nicht ebenfalls als Apostel bezeichnet, sondern ausdrücklich als Bruder. Damit unterscheidet er seine eigene apostolische Berufung von der Stellung seines Mitarbeiters und bringt zugleich ihre Verbundenheit zum Ausdruck. Die Bezeichnung erinnert daran, dass Menschen im Glauben zu einer geistlichen Familie gehören. Auch wer unterschiedliche Aufgaben und Verantwortlichkeiten trägt, steht als Christ nicht außerhalb dieser Gemeinschaft.
Die Empfänger spricht Paulus als Heilige und gläubige Brüder in Christus an. Mit „Heiligen“ sind hier keine besonders vollkommenen Menschen gemeint, die sich durch außergewöhnliche Leistungen von anderen Christen unterscheiden. Im biblischen Sprachgebrauch bedeutet heilig zunächst, dass jemand zu Gott gehört und für ihn ausgesondert ist. Bereits Israel wurde von Gott als heiliges Volk bezeichnet, weil es ihm gehören sollte (5. Mose 7,6). Im Neuen Testament wird diese Bezeichnung auch auf die christlichen Gemeinden angewendet (1. Korinther 1,2). Sie beschreibt ihre Zugehörigkeit zu Gott und begründet zugleich den Auftrag, entsprechend dieser Berufung zu leben. Die Anrede richtet sich an die Glaubensgemeinschaft insgesamt; das Wort „Brüder“ schließt in diesem Zusammenhang auch die gläubigen Frauen ein. Paulus spricht also nicht zwei verschiedene Gruppen an, sondern beschreibt die Christen in Kolossä als Menschen, die durch den Glauben mit Christus verbunden sind.
Besonders bedeutungsvoll ist die Verbindung zwischen ihrem irdischen Aufenthaltsort und ihrer geistlichen Zugehörigkeit. Die Empfänger leben in Kolossä, gehören aber zugleich zu Christus. Ihr Glaube besteht nicht darin, ihre Heimat, ihre Beziehungen oder ihren Alltag hinter sich zu lassen. Vielmehr erhalten diese Lebensbereiche durch ihre Verbindung mit Jesus eine neue Ausrichtung. Wenn Paulus von Menschen spricht, die „in Christus“ sind, beschreibt er damit eine Beziehung, die ihr Leben grundlegend bestimmt. Eine ähnliche Vorstellung begegnet in 2. Korinther 5,17, wo Paulus den Menschen in Christus als neue Schöpfung bezeichnet. Die Christen bleiben Teil ihrer Umgebung, doch ihre tiefste Zugehörigkeit wird nicht mehr allein durch Herkunft, gesellschaftliche Stellung oder ihren Wohnort bestimmt.
Mit dem Wunsch nach Gnade und Frieden schließt Paulus seine Anrede ab. Gnade bezeichnet Gottes unverdiente Güte, durch die er sich Menschen zuwendet und ihnen schenkt, was sie aus eigener Leistung nicht verdienen können. Friede meint in der Bibel mehr als die Abwesenheit von Streit oder ein angenehmes Gefühl. Er beschreibt auch eine wiederhergestellte Beziehung zu Gott, aus der Vertrauen und ein neues Leben erwachsen können. In Römer 5,1–2 verbindet Paulus diesen Frieden ausdrücklich mit der Rechtfertigung durch den Glauben und dem Zugang zur Gnade Gottes. Beide Begriffe gehören deshalb eng zusammen: Der Mensch findet Frieden mit Gott nicht dadurch, dass er sich dessen Annahme selbst erarbeitet, sondern durch Gottes gnädiges Handeln in Jesus Christus.
Dass Paulus Gnade und Frieden von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus erbittet, verleiht dem Gruß seine besondere Tiefe. Er ist nicht bloß eine freundliche Einleitung, sondern ein geistlicher Segenswunsch. Die Gemeinde soll erfahren, was Gott ihr in Christus schenkt. Schon die ersten beiden Verse verbinden damit göttliche Berufung, gemeinschaftliche Zugehörigkeit und die Grundlage des christlichen Lebens. Auf dieser Grundlage kann Paulus nun den Blick auf das richten, was er über den Glauben und die Liebe der Christen in Kolossä erfahren hat.
Kolosser 1,3–8
Glaube, Liebe und die Hoffnung des Evangeliums
Bevor Paulus auf die Fragen und Herausforderungen der Gemeinde eingeht, bringt er seine Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck. Er und seine Mitarbeiter beten für die Christen in Kolossä und danken dem Vater Jesu Christi für das, was in ihrem Leben gewachsen ist. Bemerkenswert ist, dass Paulus seinen Dank nicht unmittelbar an die Gemeinde richtet, sondern an Gott. Er erkennt im Glauben dieser Menschen nicht nur das Ergebnis menschlicher Entscheidungen, sondern auch das Wirken göttlicher Gnade. Zugleich macht seine Formulierung deutlich, dass ihm das geistliche Wohlergehen der Gemeinde ein beständiges Anliegen ist. Obwohl er viele ihrer Mitglieder nicht persönlich kennt, sind sie in seine Gebete eingeschlossen (Kolosser 1,3; 2,1).
Den Anlass seiner Dankbarkeit beschreibt Paulus mit zwei Beobachtungen: dem Glauben der Kolosser an Jesus Christus und ihrer Liebe zu allen Heiligen. Der Glaube besitzt dabei eine klare Mitte. Es geht nicht um eine allgemeine religiöse Überzeugung oder das Vertrauen darauf, dass sich alles zum Guten wenden wird, sondern um die persönliche Hinwendung zu Jesus Christus. Wer an ihn glaubt, vertraut seiner Person, seiner Botschaft und dem, was Gott durch ihn getan hat. Dieses Vertrauen soll nicht auf Gedanken und Worten beschränkt bleiben. Deshalb nennt Paulus unmittelbar danach die Liebe, die im Umgang mit anderen Gläubigen sichtbar wird. Beide gehören für ihn zusammen, ohne dass sie dasselbe bedeuten. Der Glaube richtet sich auf Christus; die Liebe prägt die Beziehungen zu den Menschen, die ebenfalls zu ihm gehören. Jesus hatte seinen Jüngern bereits erklärt, dass ihre gegenseitige Liebe ein erkennbares Zeichen ihrer Nachfolge sein sollte (Johannes 13,34–35).
Auffällig ist die Formulierung, dass sich diese Liebe auf alle Heiligen erstreckt. Paulus hebt damit eine Haltung hervor, die nicht an persönlichen Vorlieben oder gesellschaftlichen Grenzen endet. In einer Gemeinde konnten Menschen unterschiedlicher Herkunft, Lebensgeschichte und Stellung zusammenkommen. Ihre gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus sollte stärker sein als die Unterschiede, die sie voneinander trennten. Liebe zu allen Heiligen bedeutet allerdings nicht, dass innerhalb der Gemeinde keine Meinungsverschiedenheiten oder Schwierigkeiten mehr auftreten. Sie beschreibt vielmehr die Bereitschaft, den anderen als Bruder oder Schwester anzunehmen und ihm mit Geduld, Rücksicht und aufrichtiger Fürsorge zu begegnen. Eine ähnliche Verbindung zwischen Glauben und tätiger Liebe findet sich in Galater 5,6, wo Paulus von einem Glauben spricht, der durch die Liebe wirksam wird.
In Vers 5 ergänzt Paulus einen dritten Gedanken: die Hoffnung, die für die Gläubigen im Himmel aufbewahrt ist. Diese Hoffnung ist keine unsichere Erwartung, wie Menschen sie im Alltag häufig ausdrücken, wenn sie sich einen guten Ausgang wünschen, ohne zu wissen, ob er eintreten wird. Sie gründet sich auf Gottes Zusagen und richtet den Blick über die gegenwärtigen Lebensumstände hinaus. Die Formulierung, dass sie im Himmel aufbewahrt ist, betont ihre Sicherheit bei Gott. Petrus beschreibt das zukünftige Erbe der Gläubigen in ähnlicher Weise als unvergänglich und im Himmel bewahrt (1. Petrus 1,3–5). Damit ist nicht gesagt, dass die endgültige Hoffnung der Erlösten ausschließlich in einem dauerhaften Aufenthalt im Himmel besteht. Die Bibel spricht ebenso von der Auferstehung und der Erneuerung der Schöpfung (1. Korinther 15,51–54; Offenbarung 21,1–4). Entscheidend ist hier, dass die verheißene Zukunft in Gottes Händen liegt.
Paulus verbindet diese Hoffnung ausdrücklich mit dem Glauben und der Liebe der Gemeinde. Die Gewissheit, dass Gott seine Verheißungen erfüllen wird, gibt dem gegenwärtigen Leben eine neue Richtung. Wer weiß, dass sein Leben nicht allein durch vergängliche Erfolge, Besitz oder menschliche Anerkennung bestimmt wird, gewinnt einen anderen Blick auf seine Entscheidungen und Beziehungen. Die Hoffnung auf Gottes Zukunft kann Menschen darin stärken, auch unter schwierigen Umständen an Christus festzuhalten und anderen Gutes zu tun. Dabei beschreibt Paulus keine feste zeitliche Reihenfolge, nach der zunächst Hoffnung entstehen müsste, bevor ein Mensch glauben oder lieben könnte. Vielmehr zeigt er, wie eng diese drei Wirklichkeiten miteinander verbunden sind. In 1. Korinther 13,13 nennt er Glaube, Hoffnung und Liebe ebenfalls gemeinsam und hebt dort die Liebe als die größte hervor.
Diese Hoffnung hatten die Kolosser durch das Wort der Wahrheit kennengelernt, das Paulus als Evangelium bezeichnet. Evangelium bedeutet „gute Nachricht“ und meint hier die Botschaft von Gottes rettendem Handeln durch Jesus Christus. Paulus betont, dass diese Botschaft nicht nur Kolossä erreicht hat, sondern sich auch über die Gemeinde hinaus verbreitet. Wenn er schreibt, dass das Evangelium in aller Welt Frucht bringt und wächst, beschreibt er seine weitreichende Ausbreitung. Daraus sollte man nicht schließen, dass zu diesem Zeitpunkt bereits jeder einzelne Mensch die Botschaft gehört hatte. Die Formulierung hebt vielmehr hervor, dass das Evangelium nicht auf eine Stadt, ein Volk oder eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe beschränkt bleibt. Was in Kolossä geschieht, gehört zu einer größeren Bewegung, durch die Menschen an unterschiedlichen Orten mit der Botschaft Christi erreicht werden.
Das Bild der Frucht besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Paulus spricht nicht nur davon, dass das Evangelium bekannt wird, sondern dass es etwas hervorbringt. In Kolossä hatte diese Wirkung begonnen, seit die Menschen die Gnade Gottes in Wahrheit erkannt hatten (Vers 6). Sie hatten also nicht lediglich religiöse Informationen erhalten, sondern die Botschaft von Gottes unverdienter Güte verstanden und angenommen. Die bereits erwähnten Zeichen ihres Glaubenslebens zeigen, wie diese Erkenntnis ihr Miteinander verändert hatte. Hier besteht eine wichtige Verbindung zu Jesu Gleichnis vom Sämann: Auch dort wird Gottes Wort mit einem Samen verglichen, der bei denen Frucht hervorbringt, die ihn aufnehmen und bewahren (Lukas 8,11–15). Die beiden Texte besitzen unterschiedliche Schwerpunkte, stimmen aber darin überein, dass das aufgenommene Wort Gottes nicht ohne Wirkung bleiben soll.
In den Versen 7 und 8 erfahren wir schließlich, durch wen die Christen in Kolossä diese Botschaft kennengelernt hatten. Paulus nennt Epaphras, den er als geliebten Mitknecht und treuen Diener Christi beschreibt. Damit würdigt er einen Mitarbeiter, dessen Verkündigung für die Gemeinde von grundlegender Bedeutung gewesen war. Epaphras hatte die Menschen nicht an seine eigene Person gebunden, sondern ihnen das Evangelium vermittelt. Zugleich blieb er mit ihnen verbunden und berichtete Paulus von ihrer Liebe im Geist. Diese Formulierung weist auf eine Liebe hin, die mit dem Wirken des Heiligen Geistes verbunden ist. Sie ist mehr als bloße persönliche Zuneigung und gehört zu dem neuen Leben, das Gott in den Gläubigen hervorbringt (Galater 5,22).
Mit dem Bericht des Epaphras schließt sich der Gedankengang dieses Abschnitts. Paulus hat von Menschen gehört, die das Evangelium angenommen haben und deren Leben erkennbare Veränderungen zeigt. Doch dieser gute Anfang ist für ihn kein Grund, die Gemeinde sich selbst zu überlassen. Gerade weil ihr Glaube bereits Frucht trägt, betet er nun darum, dass sie im Verständnis des Willens Gottes weiter wachsen. Welche Erkenntnis sie dafür benötigen und wie diese ihren Lebenswandel prägen soll, entfaltet er in den folgenden Versen.
Kolosser 1,9–11
Gottes Willen erkennen und durch seine Kraft wachsen
Aus der Dankbarkeit für die Gemeinde erwächst bei Paulus eine konkrete Bitte. Seit er von ihrem Glauben erfahren hat, hört er nicht auf, für sie zu beten. Dabei bittet er nicht zuerst um bessere äußere Lebensumstände, Schutz vor allen Schwierigkeiten oder größeren gesellschaftlichen Einfluss. Sein besonderes Anliegen ist, dass die Christen mit der Erkenntnis des Willens Gottes erfüllt werden. Paulus weiß, dass ein guter Anfang im Glauben noch nicht bedeutet, bereits alles verstanden zu haben. Auch Menschen, die aufrichtig an Christus glauben, müssen lernen, Gottes Gedanken immer besser zu begreifen und ihre Entscheidungen danach auszurichten. Geistliches Wachstum beginnt deshalb nicht mit dem Anspruch, schon genügend zu wissen, sondern mit der Bereitschaft, sich weiterhin von Gott unterweisen zu lassen.
Die Erkenntnis des göttlichen Willens umfasst mehr als das Wissen um einzelne Gebote oder religiöse Regeln. Sie bedeutet, zunehmend zu verstehen, was Gott wichtig ist, wie er handelt und welche Lebensweise seinem Wesen entspricht. Sein Wille erschließt sich durch sein offenbartes Wort und wird durch das Wirken des Heiligen Geistes verständlich. Deshalb verbindet Paulus die Erkenntnis ausdrücklich mit geistlicher Weisheit und Einsicht. Weisheit beschreibt hier die Fähigkeit, Gottes Wahrheit richtig einzuordnen und auf das eigene Leben anzuwenden. Einsicht hilft, Zusammenhänge zu erkennen und zwischen unterschiedlichen Wegen zu unterscheiden. Beides gehört zusammen: Ein Mensch kann viele biblische Aussagen kennen und dennoch Schwierigkeiten haben, ihre Bedeutung für sein Verhalten zu verstehen. Paulus betet darum, dass die Gemeinde nicht bei angesammeltem Wissen stehen bleibt, sondern ein von Gottes Wahrheit geprägtes Urteilsvermögen entwickelt.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Gottes Willen zu erkennen bedeutet nicht, für jede persönliche Entscheidung eine unmittelbar erkennbare göttliche Anweisung zu erhalten. Die Bibel beantwortet nicht ausdrücklich jede Frage nach einem Beruf, einem Wohnort oder einer bestimmten Lebensplanung. Sie offenbart jedoch grundlegende Maßstäbe, an denen Entscheidungen geprüft werden können. So beschreibt Paulus an anderer Stelle Gottes Willen im Zusammenhang mit der Heiligung, also einem Leben, das sich von der Sünde abwendet und Gott gehört (1. Thessalonicher 4,3). Ebenso fordert Römer 12,2 dazu auf, das eigene Denken erneuern zu lassen, um beurteilen zu können, was Gottes Wille ist. Geistliche Erkenntnis macht den Menschen deshalb nicht unabhängig von sorgfältigem Nachdenken. Sie hilft ihm vielmehr, Entscheidungen im Licht dessen zu treffen, was Gott bereits offenbart hat.
In Vers 10 erklärt Paulus, wozu diese Erkenntnis führen soll: Die Gläubigen sollen des Herrn würdig wandeln und ihm in allem gefallen. Das Wort „wandeln“ beschreibt in der Bibel häufig die gesamte Lebensführung. Gemeint ist also nicht ein einzelner religiöser Augenblick, sondern die Art, wie ein Mensch seinen Alltag gestaltet, anderen begegnet und Verantwortung übernimmt. „Des Herrn würdig“ bedeutet dabei nicht, dass ein Christ erst durch ein vollkommenes Verhalten wertvoll genug werden müsste, um von Jesus angenommen zu werden. Vielmehr soll sein Leben zu dem Herrn passen, dem er bereits angehört. Wer Christus als seinen Herrn bekennt, ist eingeladen, seine Entscheidungen, Worte und Handlungen an diesem Bekenntnis auszurichten. Eine vergleichbare Aufforderung findet sich in Philipper 1,27, wo Paulus die Gläubigen ermahnt, ihr Leben dem Evangelium Christi entsprechend zu führen.
Dass die Christen Gott in allem gefallen sollen, darf allerdings nicht mit dem Versuch verwechselt werden, sich seine Liebe durch ständige Leistung zu verdienen. Paulus spricht zu Menschen, die Gottes Gnade bereits empfangen haben. Ihr Gehorsam ist deshalb nicht der Kaufpreis dieser Beziehung, sondern die angemessene Antwort darauf. Gerade darin unterscheidet sich christliche Nachfolge von einem rein äußerlichen Befolgen religiöser Vorschriften. Gottes Wille soll nicht nur dort berücksichtigt werden, wo andere Menschen das Verhalten beobachten. Er betrifft ebenso die verborgenen Beweggründe des Herzens, den Umgang mit Schwächeren, die Ehrlichkeit im täglichen Leben und die Bereitschaft, eigene Wünsche zurückzustellen, wenn sie Gottes Geboten widersprechen. Jesus verbindet echte Liebe zu ihm ebenfalls mit dem Halten seiner Gebote (Johannes 14,15).
Als sichtbare Folge eines solchen Lebens nennt Paulus die Fruchtbarkeit in jedem guten Werk. Der Ausdruck „Frucht“ führt den Gedanken des geistlichen Wachstums weiter, erhält hier aber einen konkreten Schwerpunkt. Gemeint sind Handlungen, durch die Gottes Wille im Leben eines Menschen Gestalt gewinnt. Dazu gehören beispielsweise aufrichtige Hilfsbereitschaft, Vergebung, gerechtes Handeln und verantwortungsvolle Fürsorge für andere. Gute Werke sind damit nicht bloß außergewöhnliche Leistungen, die nur wenigen Menschen möglich wären. Sie können sich gerade in den alltäglichen Entscheidungen zeigen, in denen Liebe, Treue und Barmherzigkeit gefragt sind. Epheser 2,8–10 stellt diesen Zusammenhang besonders deutlich dar: Die Rettung geschieht aus Gnade durch den Glauben und nicht aufgrund menschlicher Werke. Zugleich sind die Gläubigen in Christus zu guten Werken geschaffen. Gnade und ein verändertes Leben stehen somit nicht im Widerspruch zueinander.
Bemerkenswert ist, dass Paulus das Fruchtbringen unmittelbar mit einem weiteren Wachsen in der Erkenntnis Gottes verbindet. Obwohl er bereits um Erkenntnis gebetet hat, nennt er sie nun erneut als Teil des fortschreitenden Glaubenslebens. Darin liegt keine bloße Wiederholung, sondern eine wichtige Entwicklung: Die Erkenntnis von Gottes Willen soll zu einem veränderten Leben führen, und in diesem Leben sollen die Gläubigen Gott immer tiefer kennenlernen. Wer Gottes Wort ernst nimmt und seine Weisungen im Alltag beachtet, erfährt zunehmend, welche Bedeutung Vertrauen, Geduld und Gehorsam tatsächlich haben. Dieses Wachstum ist kein abgeschlossener Zustand, den ein Mensch irgendwann endgültig erreicht. Die Beziehung zu Gott bleibt lebendig und vertieft sich, während der Gläubige lernt, sich in immer weiteren Bereichen seines Lebens von ihm führen zu lassen.
In Vers 11 richtet Paulus den Blick auf die Kraft, die für diesen Weg notwendig ist. Die Christen sollen mit aller Kraft gestärkt werden, entsprechend der Macht von Gottes Herrlichkeit. Auffällig ist, welches Ziel Paulus mit dieser Stärkung verbindet: Standhaftigkeit und Geduld. Er spricht nicht zuerst von außergewöhnlichen Fähigkeiten, sichtbaren Wundern oder einem Leben ohne Schwierigkeiten. Gottes Kraft soll die Gläubigen vielmehr dazu befähigen, unter Belastungen nicht aufzugeben und auch im Umgang mit schwierigen Menschen geduldig zu bleiben. Standhaftigkeit bezeichnet besonders das beharrliche Festhalten am Glauben angesichts von Widerständen und Prüfungen. Geduld schließt die Bereitschaft ein, andere Menschen zu ertragen, ohne vorschnell mit Zorn oder Härte zu reagieren. Beide Eigenschaften gehören zusammen und überschneiden sich, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte.
Damit zeigt Paulus eine Seite göttlicher Kraft, die leicht übersehen wird. Menschen verbinden Stärke häufig damit, Hindernisse sofort beseitigen oder schwierige Situationen aus eigener Macht verändern zu können. Im christlichen Leben kann Gottes Kraft jedoch gerade darin sichtbar werden, dass jemand trotz anhaltender Schwierigkeiten treu bleibt. Paulus selbst erfuhr, dass Gott nicht jede Belastung von ihm nahm. Als er um die Entfernung eines besonderen Leidens bat, wurde ihm zugesagt, dass Gottes Gnade genügt und seine Kraft in menschlicher Schwachheit zur Vollendung kommt (2. Korinther 12,7–10). Gottes Hilfe bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass alle Probleme verschwinden. Sie kann ebenso die innere Kraft schenken, ihnen im Vertrauen auf ihn zu begegnen.
Mit der Erwähnung der Freude erhält dieser Gedanke eine weitere Tiefe. Christliche Standhaftigkeit soll nicht lediglich aus einem verbissenen Ertragen bestehen. Auch unter schwierigen Umständen dürfen Gläubige Freude und Dankbarkeit aus ihrer Beziehung zu Gott gewinnen. Das bedeutet weder, Schmerzen verdrängen zu müssen, noch, dass Trauer ein Zeichen mangelnden Glaubens wäre. Die Bibel kennt beides: ehrliches Klagen vor Gott und die Hoffnung, die den Menschen auch in seinem Leiden trägt. Die Worte über die Freude bilden zugleich den Übergang zum folgenden Vers, in dem Paulus den Dank gegenüber dem Vater aufgreift. So führt sein Gebet von der Erkenntnis des göttlichen Willens über eine fruchtbare Lebensführung bis zu der Kraft, mit der Gott seine Kinder auf ihrem Weg erhält.
Kolosser 1,12–14
Befreit aus der Finsternis und aufgenommen in das Reich Christi
Paulus führt sein Gebet zu einem bemerkenswerten Höhepunkt. Nachdem er um geistliche Erkenntnis, ein fruchtbares Leben und göttliche Kraft gebetet hat, richtet er den Blick auf das, was Gott bereits für die Gläubigen getan hat. Sie sollen dem Vater danken, der sie befähigt hat, am Erbe der Heiligen im Licht teilzuhaben. Mit dem Wort „Erbe“ greift Paulus eine Vorstellung auf, die tief in der Geschichte Israels verwurzelt ist. Gott hatte Abraham und seinen Nachkommen ein Land verheißen und Israel später in dieses Erbe geführt (1. Mose 17,7–8; Josua 21,43–45). Das Erbe war Ausdruck seiner Treue und ein Geschenk seines Bundes. Im Neuen Testament wird dieser Gedanke erweitert: Gottes Kinder haben Anteil an den Verheißungen, die er ihnen durch Jesus Christus schenkt. Dazu gehören die zukünftige Auferstehung, das ewige Leben und die Gemeinschaft mit Gott in seiner erneuerten Schöpfung (Römer 8,16–23; 1. Petrus 1,3–5).
Besonders wichtig ist die Aussage, dass Gott selbst die Gläubigen für dieses Erbe tüchtig gemacht hat. Das bedeutet nicht, dass sie durch eigene Anstrengung einen Zustand erreicht hätten, der sie schließlich würdig genug für Gottes Reich macht. Vielmehr beschreibt Paulus die Befähigung als Gottes Handeln. Er hat ihnen durch Christus die Möglichkeit eröffnet, an dem teilzuhaben, was er seinem Volk verheißen hat. Diese Unterscheidung schützt vor einem grundlegenden Missverständnis des christlichen Lebens. Menschen werden nicht erst durch eine bestimmte Menge guter Werke zu Erben Gottes. Sie empfangen diese Stellung durch seine Gnade und werden dadurch zu einem Leben in seinem Willen berufen. Galater 3,26–29 verbindet die Zugehörigkeit zu Christus ausdrücklich mit der Verheißung an Abraham: Wer Christus angehört, ist nach dieser Verheißung ein Erbe.
Paulus bezeichnet dieses Erbe als Anteil der Heiligen „im Licht“. Licht ist in der Bibel eng mit Gottes Wesen, seiner Wahrheit und seiner Gegenwart verbunden. Schon im Alten Testament wird Gott als Licht und Heil seines Volkes beschrieben (Psalm 27,1). Im Neuen Testament erklärt Johannes, dass Gott Licht ist und keine Finsternis in ihm wohnt (1. Johannes 1,5). Das Bild beschreibt deshalb nicht einfach einen besonders schönen Aufenthaltsort, sondern die Wirklichkeit eines Lebens in Gottes Wahrheit und Gemeinschaft. Zugleich steht das Licht im Zusammenhang mit der zukünftigen Herrlichkeit, an der Gottes Kinder teilhaben sollen. Paulus verbindet damit die gegenwärtige Zugehörigkeit zu Gott mit einer Hoffnung, deren vollständige Erfüllung noch bevorsteht.
In Vers 13 erklärt Paulus, wie grundlegend die Veränderung ist, die Gott durch Christus bewirkt hat. Der Vater hat die Gläubigen aus der Gewalt der Finsternis errettet und in das Reich seines geliebten Sohnes versetzt. Die Finsternis erscheint hier nicht nur als Bild für mangelndes Wissen. Paulus spricht ausdrücklich von ihrer Gewalt, also von einem Herrschaftsbereich, unter dessen Einfluss Menschen stehen. Dazu gehören Sünde, geistliche Täuschung und die Entfremdung von Gott. An anderer Stelle beschreibt Paulus den früheren Zustand der Gläubigen als ein Leben unter dem Einfluss der Sünde und der Mächte, die der Auflehnung gegen Gott dienen (Epheser 2,1–3). Die Finsternis ist damit eine geistliche Wirklichkeit, die den Menschen von seinem Schöpfer trennt und sein Denken und Handeln beeinflusst. Dennoch bedeutet dies nicht, dass jeder Mensch außerhalb des christlichen Glaubens in jeder Hinsicht böse handelt. Paulus beschreibt die grundsätzliche Trennung von Gott, nicht den persönlichen Charakter jedes Einzelnen in allen seinen Lebensbereichen.
Das Wort „errettet“ macht deutlich, dass der Mensch diese Befreiung nicht allein vollbringen kann. Paulus stellt Gott als den Handelnden vor, der Menschen aus einer Macht herausführt, von der sie sich nicht selbst erlösen können. Darin klingt ein grundlegendes Motiv der biblischen Heilsgeschichte an. Als Israel in Ägypten unter der Herrschaft des Pharaos stand, führte Gott sein Volk durch sein mächtiges Eingreifen in die Freiheit (2. Mose 6,6–7). Auch hier geht es um Rettung aus einer Herrschaft, doch Paulus spricht nun von einer tiefer reichenden geistlichen Befreiung. Der Mensch benötigt nicht nur veränderte äußere Umstände, sondern die Erlösung aus der Macht der Sünde. Jesus selbst erklärt, dass jeder, der Sünde tut, ein Knecht der Sünde ist, und dass erst der Sohn wirklich frei machen kann (Johannes 8,34–36).
Diese Befreiung besitzt zugleich eine positive Seite. Gott rettet die Gläubigen nicht nur aus der Finsternis heraus, sondern versetzt sie in das Reich seines Sohnes. Damit beschreibt Paulus einen Wechsel der Herrschaft und der Zugehörigkeit. Wer Christus angehört, steht nicht mehr unter dem bestimmenden Anspruch der Finsternis, sondern unter der Herrschaft Jesu. Das Reich Christi ist deshalb nicht ausschließlich eine zukünftige Wirklichkeit, die erst bei seiner Wiederkunft beginnt. Schon jetzt dürfen Menschen durch den Glauben seiner Herrschaft angehören. Zugleich erwartet das Neue Testament weiterhin die sichtbare Vollendung dieses Reiches, wenn Christus wiederkommt und Gott alle Dinge erneuert (1. Korinther 15,23–28; Offenbarung 11,15). Gegenwärtige Zugehörigkeit und zukünftige Vollendung dürfen daher weder voneinander getrennt noch miteinander verwechselt werden.
Dass Paulus vom Reich des Sohnes seiner Liebe spricht, verleiht dieser Aussage eine besondere Bedeutung. Jesus wird nicht lediglich als ein mächtiger Herrscher vorgestellt, der die Finsternis überwunden hat. Er ist der geliebte Sohn des Vaters. Bereits bei der Taufe Jesu bezeugt die Stimme aus dem Himmel die besondere Beziehung zwischen Vater und Sohn (Matthäus 3,16–17). Die Herrschaft Christi steht somit im Zusammenhang mit der Liebe Gottes, die sich in seiner Sendung offenbart. Johannes 3,16 beschreibt diese Liebe als den Grund dafür, dass Gott seinen Sohn gab, damit glaubende Menschen nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben. Gottes Reich ist deshalb keine bloße Gegenmacht zur Finsternis. Es ist der Herrschaftsbereich des Sohnes, durch den der Vater seinen rettenden Willen verwirklicht.
In Vers 14 benennt Paulus schließlich, worin diese Rettung für den Menschen unmittelbar erfahrbar wird: In Christus haben die Gläubigen die Erlösung, nämlich die Vergebung ihrer Sünden. Das Wort „Erlösung“ bezeichnet eine Befreiung aus einem Zustand der Unfreiheit und erinnert an den Gedanken des Loskaufs. Im biblischen Zusammenhang geht es dabei nicht um eine gewöhnliche wirtschaftliche Schuld, sondern um die Befreiung von der Sünde und ihren Folgen. Paulus verbindet die Erlösung ausdrücklich mit der Vergebung. Gott nimmt die Schuld des Menschen ernst, eröffnet ihm jedoch durch Christus einen Weg, auf dem seine Übertretungen vergeben werden können. Die Sünde wird nicht nachträglich für bedeutungslos erklärt. Vielmehr hat Jesus durch seinen Tod die Grundlage geschaffen, auf der Gott dem Menschen vergeben und ihn mit sich versöhnen kann (Römer 3,23–26).
Die Schlachter-Übersetzung von 1951 enthält in diesem Vers zusätzlich die Worte „durch sein Blut“. Diese Formulierung ist aus Epheser 1,7 biblisch bekannt, gehört nach dem Zeugnis der ältesten und gewichtigsten griechischen Handschriften jedoch wahrscheinlich nicht zum ursprünglichen Wortlaut von Kolosser 1,14. An der Aussage selbst ändert das nichts. Wenige Verse später spricht Paulus ausdrücklich davon, dass Christus durch das Blut seines Kreuzes Frieden geschaffen hat (Kolosser 1,20). Die Vergebung ist somit untrennbar mit Jesu stellvertretendem Tod verbunden. Sein Opfer eröffnet dem Menschen die Möglichkeit, von seiner Schuld befreit und mit Gott versöhnt zu werden.
So entfalten diese drei Verse eine zusammenhängende Botschaft: Gott schenkt seinen Kindern Anteil an seinem verheißenen Erbe, befreit sie aus einer fremden Herrschaft und nimmt sie durch Christus in sein Reich auf. Die Erlösung ist dabei nicht nur ein Versprechen für die ferne Zukunft, sondern bereits eine gegenwärtige Wirklichkeit für diejenigen, die im Glauben zu Jesus gehören. Dennoch bleibt das christliche Leben ein Weg, auf dem die Gläubigen lernen müssen, ihrer neuen Zugehörigkeit entsprechend zu handeln. Die Befreiung von der Herrschaft der Sünde bedeutet nicht, dass jede Versuchung sofort verschwunden wäre. Sie bedeutet, dass die Sünde nicht länger ihr rechtmäßiger Herr sein soll (Römer 6,12–14).
Nachdem Paulus beschrieben hat, was Gott durch seinen Sohn für die Menschen getan hat, stellt sich eine noch grundlegendere Frage: Wer ist dieser Jesus Christus, durch den eine solche Erlösung möglich geworden ist? Die folgenden Verse führen deshalb weit über die persönliche Heilserfahrung hinaus und offenbaren seine einzigartige Stellung gegenüber der gesamten Schöpfung.
Kolosser 1,15–17
Jesus Christus, das Ebenbild Gottes und Herr der gesamten Schöpfung
Nachdem Paulus die Erlösung durch Jesus Christus beschrieben hat, richtet er den Blick auf die einzigartige Stellung dessen, durch den diese Rettung möglich geworden ist. Seine Worte führen weit über das irdische Leben Jesu hinaus. Christus wird nicht erst durch seine Geburt in Bethlehem bedeutend, sondern steht bereits mit dem Ursprung aller geschaffenen Dinge in Verbindung. Paulus beschreibt ihn als das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, als den Erstgeborenen aller Schöpfung und als denjenigen, durch den und für den alles geschaffen wurde. Diese Aussagen gehören eng zusammen. Sie erklären, weshalb Jesus nicht nur als Lehrer oder Prophet verstanden werden kann, sondern eine Stellung besitzt, die kein geschaffenes Wesen mit ihm teilt.
In Vers 15 bezeichnet Paulus Christus als das Ebenbild des unsichtbaren Gottes. Gott selbst entzieht sich dem unmittelbaren menschlichen Blick. Schon im Alten Testament wird deutlich, dass der Mensch Gottes Herrlichkeit nicht in ihrer ganzen Fülle erfassen kann (2. Mose 33,20). Dennoch hat Gott sich den Menschen offenbart, besonders durch seine Worte und sein Handeln. In Jesus Christus erreicht diese Offenbarung eine einzigartige Tiefe. Der Sohn macht den unsichtbaren Vater erkennbar. Johannes beschreibt denselben Zusammenhang, wenn er erklärt, dass niemand Gott je gesehen hat und der Sohn ihn kundgemacht hat (Johannes 1,18). Als Philippus Jesus bittet, ihnen den Vater zu zeigen, antwortet Jesus, dass derjenige, der ihn gesehen hat, auch den Vater gesehen hat (Johannes 14,8–9). Damit meint er nicht, dass Vater und Sohn dieselbe Person wären. Vielmehr offenbart Jesus den Vater so vollkommen, dass Menschen durch ihn Gottes Wesen und Handeln kennenlernen können.
Die Bezeichnung „Ebenbild“ darf deshalb nicht auf eine bloße äußerliche Ähnlichkeit reduziert werden. Auch der Mensch wurde nach Gottes Bild geschaffen (1. Mose 1,26–27), doch Paulus spricht hier in einem weit umfassenderen Sinn von Christus. Der Mensch trägt als Geschöpf Gottes Bild und ist dazu berufen, dessen Wesen in seinem Leben widerzuspiegeln. Christus dagegen wird im unmittelbaren Zusammenhang als derjenige vorgestellt, durch den die Schöpfung überhaupt entstanden ist. Seine Stellung unterscheidet sich somit grundlegend von der des Menschen. Hebräer 1,3 beschreibt den Sohn entsprechend als den Abglanz der Herrlichkeit Gottes und den Ausdruck seines Wesens. Wer verstehen möchte, wie Gott mit Menschen umgeht, wie er über Sünde denkt und wie seine Liebe sichtbar wird, findet die entscheidende Offenbarung in Jesus Christus. Seine Worte, sein Erbarmen, seine Gerechtigkeit und seine Hingabe machen den Charakter des Vaters erkennbar.
Im selben Vers nennt Paulus Jesus den „Erstgeborenen aller Kreatur“. Diese Formulierung kann zunächst den Eindruck erwecken, Christus sei selbst das erste Wesen gewesen, das Gott erschaffen hat. Um den Ausdruck richtig zu verstehen, muss jedoch berücksichtigt werden, dass „Erstgeborener“ in der Bibel nicht ausschließlich eine zeitliche Reihenfolge beschreibt. Ein Erstgeborener besaß in der damaligen Gesellschaft häufig eine besondere Stellung innerhalb der Familie und war mit bestimmten Rechten und einem Vorrang verbunden. Der Begriff konnte deshalb auch verwendet werden, um Rang, Würde und Herrschaft auszudrücken. Besonders deutlich wird dies in Psalm 89,27–28. Dort verheißt Gott im Zusammenhang mit dem davidischen König, ihn zum Erstgeborenen zu machen, zum Höchsten unter den Königen der Erde. Die Bezeichnung beschreibt hier eine verliehene Vorrangstellung und bedeutet nicht, dass dieser König der zeitlich zuerst geborene Mensch gewesen wäre.
Für Kolosser 1 ist entscheidend, dass Paulus den Titel „Erstgeborener“ unmittelbar selbst erläutert. Vers 16 beginnt mit einer Begründung: Alles wurde in Christus geschaffen. Er steht also nicht einfach als erstes Wesen am Anfang einer Reihe weiterer Geschöpfe. Vielmehr beschreibt Paulus ihn als denjenigen, durch den die gesamte Schöpfung ins Dasein gekommen ist. Das griechische Wort für „Erstgeborener“ lautet prōtotokos und bedeutet nicht von sich aus „Erstgeschaffener“. Es kann eine zeitliche Vorrangstellung einschließen, doch die folgenden Verse zeigen, worauf Paulus hier besonders abzielt: Christus besitzt den Vorrang über die Schöpfung, weil alle geschaffenen Dinge ihre Existenz seinem schöpferischen Wirken verdanken. Die Vorstellung, Jesus sei selbst das erste Geschöpf gewesen, lässt sich deshalb mit dem unmittelbaren Gedankengang nur schwer vereinbaren. Diese Auslegung wird zusätzlich durch Johannes 1,1–3 gestützt, wo das Wort bereits am Anfang bei Gott ist und alles Gewordene durch dieses Wort entsteht.
Paulus entfaltet die Bedeutung dieser Aussage nun mit einer bemerkenswert umfassenden Beschreibung. Er nennt alles, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare. Damit umfasst seine Aussage nicht nur die materielle Welt, die Menschen mit ihren Sinnen wahrnehmen können. Auch die unsichtbare Wirklichkeit gehört zur Schöpfung Gottes. Anschließend erwähnt er Throne, Herrschaften, Fürstentümer und Gewalten. Diese Begriffe bezeichnen verschiedene Formen von Herrschaft und Macht. Im Zusammenhang mit den unsichtbaren Dingen können darunter besonders überirdische Mächte verstanden werden. Allerdings lässt sich aus dieser Aufzählung keine vollständige, eindeutig geordnete Rangliste unterschiedlicher Engelwesen ableiten. Paulus erklärt hier nicht, welche Aufgaben jede einzelne Gruppe besitzt oder wie diese Mächte im Einzelnen organisiert sind. Seine Absicht ist eine andere: Selbst die höchsten und mächtigsten Wesen, die sich menschlicher Wahrnehmung entziehen, stehen nicht unabhängig von Christus.
Darin liegt eine wichtige Aussage über das Verhältnis zwischen Jesus und der unsichtbaren Welt. Die Bibel berichtet von Engeln, die Gott dienen, und von geistlichen Mächten, die sich gegen seinen Willen stellen (Hebräer 1,14; Epheser 6,12). Kolosser 1,16 besagt jedoch nicht, dass Gott diese Wesen ursprünglich als böse geschaffen hätte. Paulus spricht hier von ihrem geschaffenen Ursprung und ihrer grundsätzlichen Stellung gegenüber Christus, nicht von der späteren moralischen Entwicklung jedes einzelnen Wesens. Auch überirdische Macht ist keine göttliche Macht aus sich selbst heraus. Kein Engel und keine andere geschaffene Gewalt steht auf derselben Ebene wie der Sohn Gottes. Diese Wahrheit gewinnt im weiteren Verlauf des Kolosserbriefes besondere Bedeutung, wenn Paulus vor einer religiösen Verehrung von Engeln warnt (Kolosser 2,18). Wer Christus kennt, muss keine vermeintlich höheren geistlichen Wesen suchen, um Zugang zu Gott zu erhalten.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die verschiedenen Formulierungen, mit denen Paulus das Verhältnis Christi zur Schöpfung beschreibt. Er erklärt, dass alles „in ihm“, „durch ihn“ und „für ihn“ geschaffen worden ist. Diese Wendungen ergänzen einander. „In ihm“ hebt die grundlegende Beziehung der gesamten Schöpfung zu Christus hervor. Das griechische Wort kann in diesem Zusammenhang unterschiedlich wiedergegeben werden; entscheidend ist, dass die Schöpfung nicht unabhängig von ihm gedacht wird. „Durch ihn“ beschreibt seine unmittelbare Beteiligung am schöpferischen Handeln Gottes. Auch 1. Korinther 8,6 unterscheidet zwischen dem einen Gott, dem Vater, von dem alle Dinge sind, und dem einen Herrn Jesus Christus, durch den alle Dinge sind. Vater und Sohn werden dabei nicht miteinander verwechselt, sondern in ihrer Beziehung zum einen göttlichen Schöpfungswerk vorgestellt.
Die abschließende Wendung „für ihn“ führt noch einen Schritt weiter. Christus ist nicht nur mit dem Ursprung der Schöpfung verbunden, sondern auch mit ihrem Ziel. Alles Geschaffene steht letztlich in Beziehung zu ihm. Die Welt ist demnach nicht als eine Wirklichkeit beschrieben, die nach ihrer Entstehung unabhängig von ihrem Schöpfer existiert und keinen höheren Zweck besitzt. Sie ist auf Christus hin geschaffen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes geschaffene Wesen gegenwärtig freiwillig nach seinem Willen handelt. Die Bibel berichtet ausdrücklich von der Auflehnung gegen Gott, von der Sünde und ihren zerstörerischen Folgen. Vielmehr beschreibt Paulus die grundlegende Bestimmung der Schöpfung, die durch menschlichen Ungehorsam und das Wirken des Bösen nicht aufgehoben wird. Wie Gott diese gestörte Ordnung durch Christus wiederherstellen will, wird Paulus in den folgenden Versen näher erklären.
In Vers 17 fasst Paulus die Stellung Jesu mit zwei weiteren Aussagen zusammen: Christus ist vor allem, und alles hat seinen Bestand in ihm. Die erste Aussage beschreibt sowohl seinen Vorrang als auch seine Existenz vor den geschaffenen Dingen. Damit führt Paulus den Gedanken weiter, dass Jesus nicht erst mit seiner Menschwerdung ins Dasein gekommen ist. Er besitzt eine vorweltliche Existenz. Jesus selbst spricht in Johannes 17,5 von der Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, bevor die Welt war. Zusammen mit Kolosser 1,16 ergibt sich daraus eine weitreichende Aussage über seine Stellung: Derjenige, der als Mensch unter den Menschen lebte, war bereits vor der Entstehung der Schöpfung gegenwärtig und an ihrem Ursprung beteiligt.
Doch Paulus bleibt nicht bei der Vergangenheit stehen. Wenn er erklärt, dass alles in Christus besteht, beschreibt er eine fortdauernde Beziehung zwischen dem Sohn und der geschaffenen Wirklichkeit. Gott hat die Welt nicht einfach ins Dasein gerufen und sich anschließend vollständig von ihr zurückgezogen. Ihr Bestand ist weiterhin von seiner Macht abhängig. Hebräer 1,3 spricht davon, dass der Sohn alle Dinge durch das Wort seiner Kraft trägt. Damit wird Christus nicht nur als Beteiligter an der ursprünglichen Schöpfung vorgestellt, sondern auch als derjenige, in dem die geschaffene Ordnung ihren Zusammenhalt besitzt. Paulus gibt an dieser Stelle keine naturwissenschaftliche Erklärung für die einzelnen Vorgänge im Universum. Seine Aussage ist grundlegender: Die Existenz und der Fortbestand der Schöpfung sind nicht unabhängig von Gott und seinem Sohn zu verstehen.
Diese Worte eröffnen zugleich einen besonderen Blick auf das irdische Leben Jesu. Derjenige, der Hunger, Erschöpfung, Ablehnung und schließlich den Tod am Kreuz erfuhr, ist nach dem Zeugnis des Kolosserbriefes derselbe, durch den alle Dinge geschaffen wurden. Seine Menschwerdung bedeutet deshalb keinen Verlust seiner einzigartigen Stellung gegenüber der Schöpfung. Philipper 2,6–8 beschreibt, wie Christus sich erniedrigte und die Gestalt eines Knechtes annahm. Die freiwillige Erniedrigung macht seine Hingabe umso bedeutsamer. Der Herr, dem die gesamte Schöpfung ihre Existenz verdankt, kam nicht, um sich von den Menschen dienen zu lassen, sondern um ihnen zu dienen und sein Leben für sie hinzugeben (Markus 10,45).
Mit diesen drei Versen legt Paulus somit die Grundlage für das Verständnis der Größe Jesu Christi. Seine Bedeutung beginnt nicht erst mit seiner Sendung als Erlöser. Er ist der Offenbarer des unsichtbaren Gottes, steht über allem Geschaffenen und ist mit Ursprung, Ziel und Fortbestand der gesamten Schöpfung verbunden. Diese Stellung erklärt, weshalb kein anderes Wesen als gleichrangiger Vermittler neben ihn treten kann. Zugleich bereitet Paulus damit einen weiteren Gedanken vor: Der Herr der Schöpfung ist auch das Haupt seiner Gemeinde. Seine Vorrangstellung betrifft nicht nur den Anfang der Welt, sondern ebenso das neue Leben, das Gott durch seinen Tod und seine Auferstehung eröffnet.
Kolosser 1,18–20
Christus, das Haupt der Gemeinde und der Ursprung aller Versöhnung
Mit Vers 18 richtet Paulus den Blick von der gesamten Schöpfung auf die Gemeinde Jesu Christi. Er bezeichnet Jesus als das Haupt des Leibes, der Gemeinde. Dieses Bild beschreibt eine enge und lebendige Verbindung. So wie die Glieder eines Körpers zusammengehören und nicht unabhängig voneinander funktionieren, bilden auch die Gläubigen eine Gemeinschaft, deren Einheit in Christus begründet ist. Dabei ist die Gemeinde nicht einfach eine religiöse Einrichtung, die sich Menschen geschaffen haben, um gemeinsame Überzeugungen zu vertreten. Sie gehört ihrem Herrn und empfängt von ihm ihre geistliche Ausrichtung. Paulus verwendet das Bild vom Leib auch in 1. Korinther 12,12–27 und zeigt dort, dass die einzelnen Gläubigen unterschiedliche Aufgaben und Gaben besitzen, aber dennoch aufeinander angewiesen sind. Ihre Verschiedenheit hebt ihre Zusammengehörigkeit nicht auf.
Dass Christus das Haupt der Gemeinde ist, bedeutet zugleich, dass ihm die höchste Autorität innerhalb dieser Gemeinschaft zukommt. Kein menschlicher Leiter, kein Apostel und keine kirchliche Einrichtung kann seine einzigartige Stellung einnehmen. Menschen können Verantwortung übernehmen, das Evangelium verkündigen, unterweisen und anderen dienen. Doch ihre Vollmacht bleibt dem Willen Christi untergeordnet. Besonders deutlich wird dies in Epheser 4,15–16. Dort beschreibt Paulus, wie der gesamte Leib von Christus her zusammengehalten wird und wächst, während die einzelnen Glieder ihren jeweiligen Beitrag leisten. Eine Gemeinde entspricht deshalb ihrer Berufung nicht allein dadurch, dass sie gut organisiert ist oder viele Mitglieder besitzt. Entscheidend ist, dass sie sich an Jesus orientiert, seiner Wahrheit verpflichtet bleibt und ihre Gemeinschaft von seiner Liebe prägen lässt.
Anschließend bezeichnet Paulus Christus als den Anfang und den Erstgeborenen aus den Toten. Die Bezeichnung „Anfang“ erhält durch die unmittelbar folgende Auferstehungsaussage eine besondere Bedeutung. Jesus ist nicht nur mit dem Ursprung der ersten Schöpfung verbunden, sondern steht auch am Beginn der neuen Wirklichkeit, die Gott durch seine Auferstehung eröffnet hat. Der Tod, der seit dem Sündenfall zum menschlichen Leben gehört, besitzt nicht das letzte Wort. Mit der Auferstehung Jesu hat Gott den entscheidenden Sieg über ihn sichtbar gemacht. Deshalb spricht Petrus davon, dass Gott die Gläubigen durch die Auferstehung Jesu Christi zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat (1. Petrus 1,3). Die neue Schöpfung ist noch nicht in ihrer ganzen Herrlichkeit erschienen, doch ihre Grundlage wurde mit Christi Sieg über den Tod gelegt.
Die Formulierung „Erstgeborener aus den Toten“ verdient eine genauere Betrachtung. Die Bibel berichtet bereits vor der Auferstehung Jesu von Menschen, die durch Gottes Macht vom Tod zum Leben zurückgerufen wurden. Ein besonders bekanntes Beispiel ist Lazarus, den Jesus aus dem Grab hervorrief (Johannes 11,38–44). Deshalb kann Paulus nicht einfach meinen, Jesus sei der erste Mensch gewesen, der überhaupt aus dem Tod auferweckt wurde. Seine Auferstehung unterscheidet sich vielmehr grundlegend von der Rückkehr anderer Menschen in ihr bisheriges sterbliches Leben. Christus ist zu einem Leben auferstanden, über das der Tod keine Macht mehr besitzt. Römer 6,9 erklärt ausdrücklich, dass der auferstandene Christus nicht mehr stirbt. Seine Auferstehung ist der Beginn des endgültigen Sieges über den Tod und die sichere Grundlage für die zukünftige Auferstehung der Erlösten.
Diesen Zusammenhang entfaltet Paulus ausführlich in 1. Korinther 15,20–23. Dort bezeichnet er Christus als den Erstling der Entschlafenen. Der Begriff „Erstling“ stammt aus der alttestamentlichen Ernteordnung, in der die ersten Früchte Gott dargebracht wurden und auf die weitere Ernte hinwiesen (3. Mose 23,10–11). Auf Christus übertragen bedeutet dies, dass seine Auferstehung nicht als ein einzelnes, folgenloses Wunder verstanden werden darf. Sie eröffnet die Hoffnung auf eine kommende Auferstehung aller, die ihm angehören. So wie Christus aus dem Tod auferstanden ist, werden auch die Gläubigen bei seiner Wiederkunft zum unvergänglichen Leben auferweckt werden. Der Tod Jesu und seine Auferstehung betreffen deshalb nicht nur seine eigene Person. Sie verändern die Zukunft der Menschen, die mit ihm verbunden sind.
Paulus schließt diesen Gedanken mit der Aussage ab, dass Christus in allem den Vorrang haben soll. Darin liegt die Verbindung zwischen seiner Stellung gegenüber der Schöpfung und seiner Stellung innerhalb der Erlösung. Jesus besitzt nicht nur in einem bestimmten Bereich Autorität, während andere geistliche Mächte oder menschliche Vermittler gleichberechtigt neben ihm stehen würden. Seine Vorrangstellung umfasst sowohl die geschaffene Wirklichkeit als auch die neue Gemeinschaft der Erlösten. Zugleich ist dieser Vorrang nicht bloß ein äußerer Ehrentitel. Derjenige, der über allem steht, ist derselbe, der sein Leben für die Menschen hingegeben hat. Seine höchste Stellung und seine selbstlose Hingabe gehören zusammen. Philipper 2,8–11 verbindet deshalb die freiwillige Erniedrigung Jesu bis zum Tod am Kreuz mit seiner Erhöhung und der zukünftigen Anerkennung seiner Herrschaft.
In Vers 19 erklärt Paulus, dass es Gott gefiel, die ganze Fülle in Christus wohnen zu lassen. Der Ausdruck „Fülle“ bezeichnet hier nicht eine bestimmte Menge geistlicher Fähigkeiten, die Jesus zusätzlich zu seinen übrigen Eigenschaften erhalten hätte. Im Zusammenhang der Aussagen über seine einzigartige Stellung geht es um die umfassende Gegenwart und Wirklichkeit Gottes in Christus. Der folgende Briefabschnitt bestätigt diese Bedeutung, wenn Paulus ausdrücklich erklärt, dass in Christus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt (Kolosser 2,9). Es handelt sich also nicht um einen Menschen, dem lediglich ein begrenzter Anteil göttlicher Weisheit oder Macht verliehen wurde. Vielmehr begegnet uns in Jesus die einzigartige und vollständige Offenbarung göttlicher Wirklichkeit.
Das Wort „wohnen“ verstärkt diese Aussage. Paulus beschreibt keine kurze Berührung mit göttlicher Macht, die nur für einzelne Augenblicke wirksam gewesen wäre. Die Fülle Gottes ist in Christus gegenwärtig. Darin besteht eine entscheidende Grundlage für das Vertrauen der Gläubigen. Wer Jesus Christus begegnet, muss nicht nach einer weiteren, angeblich höheren Stufe religiöser Erkenntnis suchen, um Gott wirklich kennenzulernen. Ebenso wenig benötigt er eine Vielzahl zusätzlicher geistlicher Vermittler, um Zugang zum Vater zu finden. Jesus selbst erklärt, dass niemand zum Vater kommt außer durch ihn (Johannes 14,6). Seine einzigartige Stellung bedeutet deshalb nicht, dass der Vater in den Hintergrund tritt. Gerade durch den Sohn macht Gott sich den Menschen zugänglich und offenbart ihnen seinen rettenden Willen.
Auf diese Aussage folgt in Vers 20 ein bemerkenswerter Übergang. Die ganze Fülle Gottes wohnt in Christus, und durch ihn will Gott alles mit sich versöhnen. Paulus führt damit zwei Gedanken zusammen, die zunächst sehr unterschiedlich erscheinen: die unvorstellbare Größe Christi und seinen Tod am Kreuz. Der Herr, dem alles Geschaffene untergeordnet ist, schafft Frieden nicht durch die gewaltsame Unterdrückung der Menschen, sondern durch seine eigene Hingabe. Die Versöhnung hat ihren Ursprung in Gottes Willen und wird durch Jesus Christus verwirklicht. Deshalb wäre es falsch, sich den Vater als einen lieblosen Gott vorzustellen, den Jesus erst durch seinen Tod dazu bewegen musste, den Menschen gnädig zu sein. Römer 5,8 erklärt vielmehr, dass Gott seine Liebe dadurch erweist, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren. Der Kreuzestod ist Ausdruck dieser bereits handelnden Liebe Gottes.
Mit Versöhnung ist die Überwindung einer wirklichen Entfremdung gemeint. Die Sünde hat das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen tiefgreifend beschädigt. Sie besteht nicht lediglich aus einzelnen falschen Handlungen, die ohne weitere Folgen wieder rückgängig gemacht werden könnten. Sie bringt Schuld, Trennung und Feindschaft hervor und widerspricht Gottes gerechtem Willen. Versöhnung bedeutet deshalb mehr, als dass Gott die Sünde einfach übersieht. Durch Christus schafft er die Grundlage dafür, dass Schuld vergeben und eine zerstörte Beziehung wiederhergestellt werden kann. In 2. Korinther 5,18–19 beschreibt Paulus Gott ausdrücklich als denjenigen, von dem die Versöhnung ausgeht. Damit wird deutlich: Der Mensch kann die Trennung nicht durch eigene religiöse Leistungen beseitigen. Er ist darauf angewiesen, dass Gott selbst den Weg zur Wiederherstellung eröffnet.
Paulus benennt diesen Weg mit einer ungewöhnlich konkreten Formulierung: Gott hat durch das Blut des Kreuzes Christi Frieden geschaffen. Das Blut verweist hier auf Jesu tatsächlich hingegebenes Leben und seinen gewaltsamen Tod. Es darf weder als eine von Christus losgelöste geheimnisvolle Substanz verstanden noch seiner biblischen Bedeutung beraubt werden. Bereits im alttestamentlichen Opferdienst stand Blut in besonderer Beziehung zum Leben und zur Sühnung von Schuld (3. Mose 17,11). Diese Sprache erhält im Tod Jesu ihre entscheidende Erfüllung. Sein Opfer ist nicht mit den vielen wiederholten Opfern des Alten Bundes gleichzusetzen. Hebräer 9,11–14 und 10,10–14 beschreiben vielmehr die einzigartige Wirksamkeit seiner Selbsthingabe. Der Friede mit Gott gründet sich darauf, dass Christus sein Leben gegeben hat.
Dabei besitzt die Friedensbotschaft des Kreuzes eine überraschende Tiefe. In der römischen Welt galt die Kreuzigung als eine besonders entehrende und grausame Hinrichtungsart. Wer am Kreuz starb, erschien nach menschlichen Maßstäben als besiegt und machtlos. Paulus verkündigt jedoch gerade dieses Kreuz als den Ort, an dem Gott sein rettendes Handeln offenbart. Was Menschen als Zeichen äußerster Schwäche ansehen konnten, wurde zum entscheidenden Ausdruck göttlicher Liebe und Macht. In 1. Korinther 1,23–25 erklärt Paulus deshalb, weshalb die Botschaft vom gekreuzigten Christus für viele Menschen zunächst unverständlich oder anstößig erschien. Gottes Weg zur Rettung entspricht nicht den menschlichen Vorstellungen von Größe und Herrschaft. Christus siegt, indem er sich selbst hingibt.
Zugleich reicht die Bedeutung dieses Friedens nach den Worten des Paulus über das persönliche Verhältnis einzelner Gläubiger zu Gott hinaus. Er spricht ausdrücklich davon, dass durch Christus alles versöhnt werden soll, was auf Erden oder im Himmel ist. Diese umfassende Formulierung steht in enger Verbindung mit der vorausgehenden Beschreibung der gesamten Schöpfung. Auch Römer 8,19–23 zeigt, dass die Folgen der Sünde nicht allein den Menschen betreffen. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen und wartet auf die zukünftige Befreiung. Gottes Erlösungswerk zielt somit nicht nur darauf ab, einzelne Menschen aus einer ansonsten für immer zerstörten Welt herauszunehmen. Die biblische Hoffnung richtet sich auf eine umfassende Wiederherstellung, die schließlich in einem neuen Himmel und einer neuen Erde ihre sichtbare Vollendung findet (Offenbarung 21,1–5).
Die Erwähnung der Dinge im Himmel erweitert diesen Horizont noch einmal. Paulus erklärt hier allerdings nicht im Einzelnen, auf welche Weise jede Gruppe himmlischer Wesen von der Versöhnung betroffen ist. Ebenso wenig sagt er, dass alle Wesen im Himmel zuvor selbst gesündigt hätten und deshalb persönliche Vergebung benötigten. Die Reichweite der Aussage ist größer als die Wiederherstellung einzelner Menschen, doch die genaue Bedeutung für die verschiedenen Teile der geschaffenen Wirklichkeit wird nicht vollständig ausgeführt. Besonders wichtig ist deshalb eine weitere Unterscheidung: Aus der Aussage, dass Gott durch Christus alles versöhnen will, folgt nicht zwangsläufig, dass jeder unbußfertige Mensch und jede widergöttliche Macht am Ende gerettet wird. Kolosser 2,15 beschreibt auch die Entmachtung feindlicher Mächte durch Christus. Gottes endgültiger Friede schließt somit ebenso die Überwindung dessen ein, was sich dauerhaft gegen seine gerechte Herrschaft stellt.
Die Größe dieser Verheißung liegt darin, dass Gottes Erlösungsplan nicht an den gegenwärtigen Grenzen einer von Sünde gezeichneten Welt endet. Der Frieden, den Christus durch seinen Tod ermöglicht hat, soll schließlich die gesamte geschaffene Ordnung erfassen. Die Bibel beschreibt dieses Ziel als eine Wirklichkeit, in der Gott bei den Menschen wohnt und Tod, Leid und Schmerz keinen Platz mehr haben (Offenbarung 21,3–4). Dabei bleibt die Entscheidung des Menschen, Gottes Versöhnungsangebot anzunehmen und im Glauben bei Christus zu bleiben, von grundlegender Bedeutung. Die folgenden Verse werden genau diesen persönlichen Aspekt entfalten.
So verbinden Kolosser 1,18–20 die Auferstehung Jesu, seine Stellung als Haupt der Gemeinde und das umfassende Ziel seines Kreuzestodes zu einem einheitlichen Bild. Der auferstandene Christus führt sein Volk, und durch ihn verwirklicht Gott seinen Plan, die durch Sünde gestörte Ordnung wiederherzustellen. Nachdem Paulus diese gewaltige Perspektive eröffnet hat, wendet er sich unmittelbar an die Christen in Kolossä. An ihrem eigenen Leben macht er nun deutlich, was es bedeutet, von Gott entfremdet gewesen und durch Christus mit ihm versöhnt worden zu sein.
Kolosser 1,21–23
Von Gott entfremdet und durch Christus mit ihm versöhnt
Nach den weitreichenden Aussagen über Gottes Versöhnungswerk wendet sich Paulus unmittelbar an die Christen in Kolossä. Er erinnert sie daran, wie ihr Verhältnis zu Gott aussah, bevor sie das Evangelium angenommen hatten. Einst waren sie ihm entfremdet und durch ihre Gesinnung und ihre bösen Werke seine Feinde. Mit dieser Beschreibung macht Paulus deutlich, dass die Trennung zwischen Gott und dem Menschen tiefer reicht als einzelne falsche Entscheidungen. Sie betrifft auch das Denken, die inneren Überzeugungen und die Haltung gegenüber Gottes Willen. Ein Mensch kann seinen eigenen Vorstellungen folgen und dabei glauben, auf dem richtigen Weg zu sein, obwohl sein Leben von Gottes Wahrheit entfernt ist. Die Entfremdung von Gott muss sich deshalb nicht immer in einer offen ausgesprochenen Feindschaft zeigen. Sie kann ebenso darin bestehen, dass der Mensch unabhängig von seinem Schöpfer leben und selbst bestimmen möchte, was gut und richtig ist.
Paulus verbindet diese innere Haltung ausdrücklich mit bösen Werken. Damit zeigt er, dass Denken und Handeln nicht voneinander getrennt werden können. Was ein Mensch für richtig hält, beeinflusst seine Entscheidungen, und seine wiederholten Handlungen können wiederum seine Überzeugungen festigen. Die Sünde betrifft deshalb nicht nur das äußerlich Sichtbare, sondern ebenso die Beweggründe, aus denen eine Handlung entsteht. Jesus erklärt in Markus 7,20–23, dass böse Gedanken und sündige Handlungen aus dem Inneren des Menschen hervorgehen. Dabei bedeutet die Beschreibung der früheren Feindschaft nicht, dass die Kolosser vor ihrer Bekehrung niemals etwas Gutes getan hätten oder keine aufrichtige Zuneigung zu anderen Menschen besitzen konnten. Paulus beschreibt vielmehr ihre grundlegende geistliche Stellung: Ohne die Versöhnung durch Christus lebten sie außerhalb der Gemeinschaft, die Gott ihnen schenken wollte.
Die Worte über ihre frühere Entfremdung erhalten zusätzliches Gewicht, wenn man bedenkt, dass viele der angesprochenen Christen aus den anderen Völkern stammten. Sie gehörten nicht von Geburt an zu Israel, dem Volk, dem Gott seine Bündnisse und Verheißungen anvertraut hatte. Epheser 2,11–13 beschreibt eine vergleichbare Situation: Menschen aus den Völkern waren einst fern von den Verheißungen, wurden aber durch Jesus Christus nahegebracht. Dennoch darf die Aussage des Kolosserbriefes nicht so verstanden werden, als hätten allein die Nichtjuden Versöhnung benötigt. Paulus erklärt in Römer 3,9–23 ausdrücklich, dass Juden und Nichtjuden gleichermaßen unter der Sünde stehen. Die Notwendigkeit der Erlösung betrifft somit die gesamte Menschheit. Herkunft, religiöse Tradition und persönliche Leistungen können die Trennung von Gott nicht aus eigener Kraft überwinden.
In Vers 22 stellt Paulus diesem früheren Zustand die entscheidende Veränderung gegenüber: Nun hat Christus sie durch seinen Tod versöhnt. Der Gegensatz zwischen „einst“ und „nun“ ist von besonderer Bedeutung. Paulus spricht nicht lediglich von einer zukünftigen Möglichkeit, die vielleicht irgendwann Wirklichkeit werden könnte. Er erinnert die Gemeinde an etwas, das durch Christus bereits geschehen ist. Menschen, die zuvor von Gott getrennt waren, haben durch ihn Zugang zu einer erneuerten Beziehung erhalten. Diese Gewissheit gründet sich nicht darauf, dass sie ihre Vergangenheit rückgängig machen konnten. Vielmehr hat Gott selbst gehandelt, um die durch Sünde entstandene Trennung zu überwinden. Römer 5,10 beschreibt denselben erstaunlichen Gegensatz: Als Menschen noch Feinde waren, wurden sie durch den Tod des Sohnes mit Gott versöhnt.
Paulus betont ausdrücklich, dass diese Versöhnung im Leib des Fleisches Christi durch seinen Tod geschehen ist. Die ungewöhnlich nachdrückliche Formulierung unterstreicht, dass Jesus einen wirklichen menschlichen Leib besaß und tatsächlich gestorben ist. Sein Leiden war kein bloßer äußerer Schein und sein Kreuzestod keine symbolische Darstellung ohne wirkliche Hingabe. Der ewige Sohn Gottes war Mensch geworden und hatte das menschliche Leben bis in den Tod hinein geteilt. Johannes 1,14 erklärt, dass das Wort Fleisch wurde, während Hebräer 2,14–17 beschreibt, dass Jesus an Fleisch und Blut teilhatte, um den Menschen in ihrem Zustand zu begegnen. Seine wirkliche Menschwerdung gehört deshalb untrennbar zu seinem Erlösungswerk. Daraus lässt sich allerdings nicht sicher ableiten, dass Paulus hier bereits gegen eine bestimmte Gruppe kämpfte, die Jesu Menschheit grundsätzlich leugnete. Der Vers bezeugt zunächst die Wirklichkeit seines menschlichen Leibes und seines Todes.
Anschließend erklärt Paulus, welches Ziel Christus mit dieser Versöhnung verfolgt: Die Gläubigen sollen heilig, untadelig und unsträflich vor Gott dargestellt werden. Diese drei Begriffe beschreiben unterschiedliche Seiten derselben Hoffnung. „Heilig“ bedeutet, dass Menschen Gott gehören und für ihn ausgesondert sind. „Untadelig“ erinnert an die Vorstellung eines Opfers ohne Fehler oder Makel und beschreibt hier einen Zustand, der vor Gott bestehen kann. „Unsträflich“ hebt hervor, dass kein berechtigter Vorwurf mehr gegen sie erhoben werden soll. Paulus beschreibt damit mehr als eine oberflächliche Verbesserung des menschlichen Verhaltens. Gottes Erlösung zielt darauf, Menschen von der Schuld der Sünde zu befreien und sie so wiederherzustellen, dass sie schließlich ohne Anklage in seiner Gegenwart stehen können.
Dabei muss zwischen der gegenwärtigen Stellung der Gläubigen und der vollständigen Vollendung ihrer Erlösung unterschieden werden. Schon jetzt dürfen Menschen durch den Glauben Vergebung empfangen und zu Gott gehören. Gleichzeitig ist ihre persönliche Veränderung noch nicht abgeschlossen. Christen können weiterhin Fehler machen, Versuchungen erleben und in ihrem Wachstum Rückschläge erfahren. Paulus selbst erklärt in Philipper 3,12–14, dass er das Ziel noch nicht vollständig erreicht hat, sondern ihm weiter nachjagt. Die Hoffnung, einmal untadelig vor Gott zu stehen, bedeutet deshalb nicht, dass jeder Gläubige bereits in diesem Leben einen Zustand absoluter Fehlerlosigkeit erreicht hätte. Sie weist vielmehr auf das Ziel hin, zu dem Christus die Seinen führt. Judas 24 verbindet diese Hoffnung ausdrücklich mit Gottes Macht, die Gläubigen zu bewahren und sie schließlich unsträflich vor seine Herrlichkeit zu stellen.
Die Formulierung, vor Gott dargestellt zu werden, besitzt zudem eine ernste zukünftige Bedeutung. Die Bibel lehrt, dass das Leben des Menschen vor Gottes gerechtem Urteil offenbar wird (2. Korinther 5,10). Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass Paulus gerade von einer Zukunft spricht, in der die Erlösten ohne berechtigte Anklage vor ihm stehen dürfen. Ihre Zuversicht gründet sich jedoch nicht auf die Vorstellung, Gott müsse ihre Fehler übersehen oder seine Gerechtigkeit aufgeben. Sie beruht auf Christus, der für ihre Sünden gestorben ist und für sie eintritt. Römer 8,33–34 stellt deshalb die Frage, wer gegen die Auserwählten Gottes Anklage erheben könne, und verweist unmittelbar auf den Tod, die Auferstehung und die Fürsprache Jesu. Kolosser 1,22 beschreibt somit eine wirkliche Hoffnung auf die endgültige Annahme vor Gott, ohne bereits die Einzelheiten eines bestimmten himmlischen Gerichtsablaufs zu erklären.
In Vers 23 fügt Paulus eine eindringliche Mahnung hinzu: Die Christen sollen im Glauben gegründet und fest bleiben und sich nicht von der Hoffnung des Evangeliums abbringen lassen. Diese Worte sind für das Verständnis des gesamten Abschnitts entscheidend. Paulus betrachtet den Glauben nicht als eine einmalige Entscheidung, die anschließend keinerlei Bedeutung mehr für das weitere Leben hätte. Die Gemeinschaft mit Christus soll bestehen bleiben. Wer das Evangelium angenommen hat, ist aufgerufen, weiterhin darauf zu vertrauen und sich nicht durch andere Lehren oder durch die Schwierigkeiten des Lebens von seinem Herrn entfernen zu lassen. Das bedeutet nicht, dass ein einzelner Zweifel, eine Versuchung oder ein persönliches Versagen bereits mit einer endgültigen Abkehr von Christus gleichzusetzen wäre. Die Mahnung betrifft vielmehr die grundlegende Richtung, in der ein Mensch seinen Glauben fortführt.
Mit den Begriffen „gegründet“ und „fest“ verwendet Paulus eine Sprache, die an ein sicher errichtetes Gebäude erinnert. Ein Haus benötigt ein tragfähiges Fundament, damit es Belastungen standhalten kann. In ähnlicher Weise benötigt der Glaube eine zuverlässige Grundlage. Diese Grundlage findet er nicht in wechselnden Gefühlen, menschlichen Persönlichkeiten oder immer neuen religiösen Vorstellungen, sondern in Jesus Christus und seiner Botschaft. In 1. Korinther 3,11 erklärt Paulus, dass niemand einen anderen Grund legen kann als den bereits gelegten, nämlich Jesus Christus. Auch Jesus verwendet das Bild eines Hauses auf festem Grund, wenn er diejenigen beschreibt, die seine Worte hören und danach handeln (Matthäus 7,24–27). Ein gefestigter Glaube ist daher nicht einfach eine besonders starke persönliche Überzeugung. Er ist ein Glaube, der sich an Christus hält und dessen Wahrheit das Leben bestimmt.
Die Aufforderung zum Bleiben besitzt allerdings eine Schwierigkeit, die beim Lesen leicht übersehen wird. Die meisten Bibelübersetzungen geben den Anfang von Vers 23 als Bedingung wieder: Die Gläubigen sollen schließlich untadelig vor Gott stehen, wenn sie im Glauben bleiben. Diese Deutung ist sprachlich gut begründet und weit verbreitet. Es gibt jedoch auch eine ernsthaft vertretene Erklärung des griechischen Satzes, nach der Paulus die vorausgehende Versöhnungszusage mit einer unmittelbaren Aufforderung verbindet: Weil Gott sie versöhnt hat, sollen sie nun im Glauben bleiben. Beide Lesarten nehmen die Verantwortung der Christen ernst. Der Abschnitt darf deshalb weder zu einer bloß unverbindlichen Ermutigung abgeschwächt noch zu einem mechanischen System gemacht werden, in dem jede persönliche Schwäche die Erlösung sofort zunichtemacht. Die Zusagen göttlicher Bewahrung und die Warnungen vor einem Abweichen gehören zum neutestamentlichen Zeugnis und müssen gemeinsam ernst genommen werden.
Besonders wichtig ist dabei, dass Paulus nicht von einer Hoffnung spricht, die Menschen selbst erzeugen müssen. Er erinnert an die Hoffnung des Evangeliums, das die Kolosser bereits gehört und angenommen haben. Sie sollen also nicht nach einer neuen, angeblich höheren religiösen Erkenntnis suchen, die über Christus hinausführt. Vielmehr sollen sie bei der Botschaft bleiben, durch die sie Gott kennengelernt haben. Diese Ermahnung bereitet die späteren Warnungen des Briefes vor. In Kolosser 2,6–8 wird Paulus die Gemeinde ausdrücklich dazu auffordern, weiterhin in Christus zu leben und sich nicht durch menschliche Überlieferungen und irreführende Lehren gefangen nehmen zu lassen. Die Gefahr liegt nicht allein darin, den Glauben offen aufzugeben. Sie kann auch darin bestehen, dass Christus schrittweise seine zentrale Stellung verliert, weil andere Vorstellungen zunehmend wichtiger werden.
Zum Schluss beschreibt Paulus dieses Evangelium als eine Botschaft, die unter der ganzen Schöpfung unter dem Himmel verkündigt worden ist. Diese umfassende Formulierung unterstreicht den weltweiten Anspruch des Evangeliums. Die Nachricht von Jesus Christus ist nicht auf ein einzelnes Volk, eine bestimmte Stadt oder eine bevorzugte gesellschaftliche Gruppe begrenzt. Menschen unterschiedlichster Herkunft dürfen sie hören und darauf antworten. Allerdings sollte die Aussage nicht im modernen statistischen Sinn verstanden werden, als hätte zur Zeit des Paulus bereits jeder einzelne Mensch auf der Erde persönlich von Jesus gehört. Die Apostelgeschichte zeigt, dass sich die christliche Verkündigung von Jerusalem aus immer weiter ausbreitete und zugleich zahlreiche Gebiete noch nicht erreicht hatte. Paulus selbst spricht in Römer 15,20–24 von seinem Wunsch, das Evangelium an weiteren Orten bekannt zu machen. Seine Worte im Kolosserbrief heben deshalb die weite Ausbreitung und den universalen Geltungsanspruch dieser Botschaft hervor.
Mit der abschließenden Selbstbezeichnung als Diener dieses Evangeliums führt Paulus den Leser zu seiner persönlichen Berufung zurück. Der Apostel stellt sich nicht als Eigentümer der Botschaft dar, sondern als jemand, dem ihr Dienst anvertraut wurde. Er steht nicht über dem Evangelium, sondern hat die Aufgabe, es treu zu verkündigen. Gerade nachdem er die Größe Christi und die Bedeutung seines Erlösungswerkes entfaltet hat, erhält diese Haltung besonderes Gewicht. Nicht die Persönlichkeit des Verkündigers steht im Mittelpunkt, sondern der Herr, von dem die Botschaft handelt.
So macht Paulus deutlich, dass die Versöhnung durch Jesus Christus sowohl eine gegenwärtige Wirklichkeit als auch eine zukünftige Hoffnung besitzt. Die Kolosser dürfen wissen, dass Gott ihnen in Christus begegnet ist und sie aus ihrer früheren Entfremdung herausgeführt hat. Zugleich sollen sie im Glauben verwurzelt bleiben und der Hoffnung treu sein, die sie durch das Evangelium empfangen haben. Wie ernst Paulus diesen Auftrag selbst nimmt, zeigt sich im nächsten Abschnitt. Dort spricht er von seinen Leiden, seinem Dienst für die Gemeinde und dem Geheimnis, das Gott durch die Verkündigung Christi offenbar gemacht hat.
Kolosser 1,24–27
Paulus’ Leiden und das offenbarte Geheimnis Gottes
Mit Vers 24 beginnt Paulus, seinen persönlichen Dienst für die Gemeinde näher zu beschreiben. Seine Worte überraschen zunächst, denn er erklärt, dass er sich über seine Leiden für die Gläubigen freut. Damit meint er nicht, dass Schmerzen, Verfolgung oder Gefangenschaft an sich etwas Gutes wären. Paulus hatte selbst erfahren, wie schwer solche Belastungen sein konnten. In 2. Korinther 11,23–28 berichtet er von Gefängnisaufenthalten, Misshandlungen, Lebensgefahr und zahlreichen Entbehrungen. Dennoch konnte er inmitten dieser Erfahrungen Freude finden, weil er wusste, wofür er sie ertrug. Seine Leiden standen im Zusammenhang mit seinem Auftrag, Jesus Christus zu verkündigen und Menschen im Glauben zu stärken. Die Freude entsprang deshalb nicht dem Schmerz selbst, sondern der Gewissheit, dass sein Dienst auch unter schwierigen Umständen einen Sinn hatte.
Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus seine Leiden ausdrücklich mit dem Wohl der Gemeinde verbindet. Obwohl er viele Christen in Kolossä nicht persönlich kannte, betrachtete er seinen Dienst nicht als eine Angelegenheit, die nur ihn selbst betraf. Seine Gefangenschaft und die Widerstände, denen er begegnete, waren Folgen seiner Verkündigung des Evangeliums. Gerade sein Einsatz dafür, dass auch Menschen aus den anderen Völkern zu Christus finden konnten, brachte ihm erhebliche Schwierigkeiten ein (Epheser 3,1–13). Paulus verstand seine Berufung deshalb als einen Dienst, bei dem persönliche Freiheit, Sicherheit und Anerkennung nicht an erster Stelle standen. Entscheidend war für ihn, dass Menschen die rettende Botschaft hörten und Gemeinden im Glauben gefestigt wurden. Seine Bereitschaft, dafür Nachteile auf sich zu nehmen, war Ausdruck seiner Liebe zu Christus und zu den Menschen, denen er dienen sollte.
Anschließend verwendet Paulus eine Formulierung, die zu den schwierigsten Aussagen des Kolosserbriefes gehört. Er erklärt, dass er in seinem Fleisch ergänzt, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt, und zwar zugunsten seines Leibes, der Gemeinde. Auf den ersten Blick könnte dies so verstanden werden, als sei das Leiden Jesu nicht ausreichend gewesen und Paulus müsse durch seine eigenen Schmerzen einen fehlenden Teil der Erlösung vollbringen. Eine solche Deutung würde jedoch dem widersprechen, was das Neue Testament über die Wirksamkeit des Kreuzestodes lehrt. Hebräer 10,12–14 beschreibt das Opfer Jesu als einmalig und ausreichend für das Heil der Menschen. Paulus spricht hier deshalb nicht davon, dass er durch sein Leiden zusätzliche Vergebung erwirbt oder einen unvollständigen Erlösungstod Christi ergänzt.
Um seine Aussage zu verstehen, muss zwischen dem einmaligen Opfer Jesu und den Leiden seiner Nachfolger unterschieden werden. Christus hat durch seinen Tod das vollbracht, was kein anderer Mensch vollbringen konnte: Er hat die Grundlage für die Versöhnung mit Gott geschaffen. Doch damit ist nicht gesagt, dass diejenigen, die seine Botschaft in die Welt tragen, keine Schwierigkeiten mehr erleben würden. Jesus hatte seine Jünger darauf vorbereitet, dass sie wegen ihrer Verbindung zu ihm Ablehnung und Verfolgung erfahren könnten (Johannes 15,18–21). Diese Leiden gehören nicht zur Sühnleistung Jesu, stehen aber in einem engen Zusammenhang mit seiner Sendung. Paulus trägt als Verkündiger des Evangeliums einen Teil dieser Bedrängnisse. Was an Leiden noch aussteht, betrifft somit den fortdauernden Weg der Gemeinde und ihrer Boten, nicht einen Mangel an der rettenden Wirksamkeit des Kreuzes.
Wie genau Paulus das Ergänzen dieser Bedrängnisse versteht, wird unterschiedlich erklärt. Manche Ausleger sehen darin besonders die Gemeinschaft der Gläubigen mit Christus, die auch seine Leiden einschließt. Andere denken an die schweren Bedrängnisse, die Gottes Volk vor der endgültigen Vollendung seines Reiches noch erleben wird. Der unmittelbare Zusammenhang legt besonderes Gewicht auf die Leiden, die Paulus während seines apostolischen Dienstes erträgt. Alle diese Erklärungen berühren einen möglichen Aspekt seiner Worte. Der Vers legt jedoch nicht eindeutig fest, ob Paulus dabei an eine bestimmte, von Gott zuvor festgelegte Gesamtmenge von Leiden denkt. Sicher ist vor allem, dass er seine gegenwärtigen Schwierigkeiten als Teil seines Dienstes für Christus und die Gemeinde versteht. Auch Philipper 3,10 verbindet die Gemeinschaft mit Jesus ausdrücklich mit der Teilhabe an seinen Leiden.
Paulus bezeichnet die Gemeinde erneut als den Leib Christi. Dadurch erhält die Verbindung zwischen Jesus und seinen Nachfolgern eine besondere Tiefe. Was die Gemeinde erlebt, ist ihrem Herrn nicht gleichgültig. Als der spätere Apostel noch unter dem Namen Saulus die Christen verfolgte, begegnete ihm Jesus mit der Frage, weshalb er ihn verfolge (Apostelgeschichte 9,4–5). Die Verfolgung der Gläubigen stand also in unmittelbarer Beziehung zu Christus selbst. Das bedeutet nicht, dass jede Schwierigkeit, die einem Christen begegnet, automatisch eine besondere Verfolgung um Jesu willen wäre. Menschen können auch unter den allgemeinen Folgen einer gefallenen Welt oder unter den Auswirkungen eigener Fehlentscheidungen leiden. Paulus spricht hier gezielt von Bedrängnissen, die mit seiner Treue zum Evangelium und seinem Dienst für andere verbunden sind.
In Vers 25 erklärt er, wie er zu diesem Dienst gekommen ist. Er bezeichnet sich als Diener der Gemeinde aufgrund eines göttlichen Auftrags, der ihm für die Gläubigen anvertraut wurde. Das dahinterstehende griechische Wort kann die Verwaltung eines Haushalts oder die Verantwortung für eine übertragene Aufgabe beschreiben. Ein Verwalter ist nicht der Eigentümer dessen, was ihm anvertraut wurde. Er hat vielmehr die Pflicht, sorgfältig damit umzugehen und im Sinne dessen zu handeln, der ihn eingesetzt hat. Paulus versteht sich entsprechend als jemand, dem Gott eine Verantwortung übertragen hat. Er darf die Botschaft nicht nach persönlichen Vorlieben verändern oder sie dazu benutzen, seine eigene Bedeutung zu erhöhen. Seine Aufgabe besteht darin, das Wort Gottes zuverlässig bekannt zu machen.
Wenn Paulus davon spricht, das Wort Gottes zur vollen Ausführung zu bringen, meint er damit nicht, dass Gottes bisherige Offenbarung fehlerhaft oder unvollständig gewesen wäre und nun durch menschliche Gedanken verbessert werden müsste. Es geht vielmehr darum, den ihm übertragenen Verkündigungsauftrag zu erfüllen und Gottes Botschaft in ihrer ganzen Bedeutung bekannt zu machen. Besonders wichtig ist dabei, dass das Evangelium auch die Menschen aus den anderen Völkern erreichen soll. In Römer 15,15–21 beschreibt Paulus seinen Dienst ausdrücklich als Auftrag, Christus dort bekannt zu machen, wo er bisher nicht verkündigt worden war. Seine Berufung besitzt damit eine Aufgabe innerhalb der Geschichte der Erlösung: Die Botschaft, die ihren Ursprung in Gottes Verheißungen an Israel hat, soll nun Menschen unterschiedlicher Herkunft erreichen.
In Vers 26 bezeichnet Paulus den Inhalt dieser Verkündigung als ein Geheimnis, das seit vergangenen Zeiten und Generationen verborgen war, nun aber den Heiligen offenbart worden ist. Das Wort „Geheimnis“ besitzt hier eine andere Bedeutung als im gewöhnlichen Sprachgebrauch. Gemeint ist keine rätselhafte Lehre, die nur besonders eingeweihte Menschen durch geheime Rituale oder außergewöhnliches Wissen entdecken könnten. Paulus spricht vielmehr von einem Teil des göttlichen Heilsplans, den Menschen nicht aus eigener Überlegung vollständig erkennen konnten, den Gott aber zu der von ihm bestimmten Zeit bekannt gemacht hat. Das Geheimnis bleibt also nicht dauerhaft verborgen. Gerade seine Offenbarung gehört zum Kern der guten Nachricht.
Dabei bedeutet die frühere Verborgenheit nicht, dass das Alte Testament keinerlei Hinweise auf die Rettung der Völker enthalten hätte. Schon Abraham empfing die Verheißung, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Später kündigte Gott durch Jesaja an, dass sein Knecht ein Licht für die Völker sein und sein Heil bis an die Enden der Erde bringen würde (Jesaja 49,6). Diese Aussagen zeigten bereits, dass Gottes Heilsabsicht weit über die Grenzen eines einzigen Volkes hinausreichte. Doch wie die Verheißungen schließlich durch den Messias erfüllt werden und wie Menschen aus den Völkern gemeinsam mit den Gläubigen Israels an seinem Heil teilhaben würden, wurde erst mit dem Kommen Jesu und der Verkündigung des Evangeliums in neuer Klarheit erkennbar. Epheser 3,4–6 beschreibt diesen Zusammenhang besonders deutlich.
Dass Gott dieses Geheimnis nun seinen Heiligen offenbart hat, ist ebenfalls bedeutsam. Paulus spricht nicht von einer kleinen Gruppe religiöser Gelehrter, die allein Zugang zu einer höheren Wahrheit besäße. Die Gläubigen dürfen vielmehr gemeinsam erkennen, was Gott durch Christus getan hat und weiterhin tun will. Die Offenbarung des Geheimnisses dient damit nicht der Abgrenzung einer geistlichen Elite, sondern der Verkündigung einer Botschaft, die allen Menschen gilt. Niemand muss sich erst durch verborgenes Sonderwissen für die Begegnung mit Gott qualifizieren. Entscheidend ist die Offenbarung, die Gott selbst durch Jesus Christus geschenkt hat und die im Evangelium bekannt gemacht wird.
In Vers 27 beschreibt Paulus dieses Geheimnis als außerordentlich reich und herrlich. Dabei verbindet er die Herrlichkeit Gottes ausdrücklich mit den Menschen aus den anderen Völkern. Gerade sie dürfen nun erfahren, welchen Reichtum Gott ihnen in Christus zugänglich gemacht hat. Für die damaligen Leser war dieser Gedanke von großer Bedeutung. Die alttestamentlichen Verheißungen waren zunächst untrennbar mit der Geschichte Israels verbunden. Nun wurde erkennbar, dass Menschen ohne israelitische Abstammung nicht nur am Rand von Gottes Heilsplan stehen sollten. Sie durften durch Christus in die Gemeinschaft der Erlösten aufgenommen werden und dieselbe Hoffnung auf Gottes zukünftige Herrlichkeit empfangen. Galater 3,26–29 erklärt entsprechend, dass diejenigen, die zu Christus gehören, unabhängig von ihrer Herkunft Anteil an der Verheißung an Abraham haben.
Den Inhalt dieses Geheimnisses fasst Paulus in einer kurzen, aber tiefgehenden Aussage zusammen: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1,27). Diese Worte werden häufig als Beschreibung der persönlichen Gegenwart Jesu im Herzen eines Gläubigen verstanden. Ein solcher Gedanke ist im Neuen Testament gut bezeugt. Paulus erklärt beispielsweise in Galater 2,20, dass Christus in ihm lebt, und in Epheser 3,17 betet er darum, dass Christus durch den Glauben in den Herzen der Gläubigen wohnt. Dennoch sollte bei Kolosser 1,27 ein weiterer Aspekt beachtet werden. Das griechische Wort, das mit „in euch“ übersetzt wird, kann in diesem Zusammenhang auch „unter euch“ bedeuten. Außerdem spricht Paulus die Gemeinde in der Mehrzahl an und erwähnt unmittelbar zuvor die Offenbarung des Geheimnisses unter den Völkern.
Deshalb lässt sich seine Aussage auch so verstehen, dass Christus nun unter den Menschen aus den anderen Völkern gegenwärtig ist. Diese Deutung passt besonders gut zum unmittelbaren Gedankengang. Das zuvor verborgene Geheimnis besteht nicht allein darin, dass einzelne Menschen eine persönliche geistliche Erfahrung machen können. Es umfasst die erstaunliche Tatsache, dass der verheißene Messias Israels nun auch unter den Völkern verkündigt wird und sie an seinem Heil teilhaben dürfen. Beide Bedeutungen müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Christus ist durch den Glauben und das Wirken des Heiligen Geistes mit seinen Nachfolgern verbunden, und zugleich ist seine Gegenwart in einer Gemeinschaft von Menschen erfahrbar, die zuvor nicht zum Bundesvolk Israel gehörten. Die Aussage darf jedoch nicht ausschließlich auf ein inneres Gefühl oder eine persönliche religiöse Erfahrung verkürzt werden.
Abschließend nennt Paulus Christus selbst die Hoffnung der Herrlichkeit. Damit erhält die Hoffnung der Christen einen festen Mittelpunkt. Sie gründet sich nicht auf ihre Fähigkeit, sich geistlich vollkommen zu entwickeln, und auch nicht auf die Erwartung, dass ihr irdisches Leben ohne Schwierigkeiten verlaufen wird. Ihre Zuversicht liegt in Jesus Christus, durch den Gott seine Verheißungen erfüllen wird. Römer 8,17–18 verbindet die zukünftige Herrlichkeit der Kinder Gottes ausdrücklich mit Christus und der Hoffnung, nach gegenwärtigen Leiden an seiner Herrlichkeit teilzuhaben. Auch 1. Johannes 3,2 beschreibt die Erwartung, dass die Gläubigen bei der Offenbarung Jesu verwandelt werden und ihm ähnlich sein dürfen. Die Herrlichkeit ist somit nicht nur eine ferne Vorstellung, sondern die verheißene Vollendung dessen, was Gott bereits durch Christus begonnen hat.
So erhält der Dienst des Paulus seinen eigentlichen Sinn. Er erträgt Widerstände und Leiden, weil er eine Botschaft verkündigt, die Menschen zuvor verschlossene Hoffnung eröffnet. Was Gott durch die Geschichte Israels vorbereitet und in den Propheten angekündigt hatte, wird nun durch Jesus Christus unter den Völkern bekannt gemacht. Das Geheimnis Gottes besteht nicht in einem schwer zugänglichen religiösen Wissen, sondern in der Offenbarung Christi und der Teilhabe an seinem Heil. Diese Botschaft soll jedoch nicht nur gehört und verstanden werden. Sie soll das Leben der Menschen dauerhaft prägen. Deshalb erklärt Paulus in den folgenden Versen, wie er durch Verkündigung, Ermahnung und Unterweisung darauf hinarbeitet, jeden Menschen zu einem reifen Glauben an Christus zu führen.
Kolosser 1,28–29
Jeden Menschen zu einem reifen Leben in Christus führen
Nachdem Paulus das offenbarte Geheimnis Gottes beschrieben hat, erklärt er, wie diese Botschaft in seinem Dienst weitergegeben wird. Im Mittelpunkt seiner Verkündigung steht Jesus Christus selbst. Paulus sagt nicht, dass er den Menschen vor allem eine neue religiöse Lebensweise, besondere Erkenntnisse oder ein umfangreiches System von Vorschriften vermitteln möchte. Seine Botschaft hat eine Person zum Mittelpunkt: den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Darin liegt eine wichtige Grundlage des christlichen Glaubens. Die biblische Lehre besteht nicht aus voneinander unabhängigen Wahrheiten, die lediglich verstanden und befolgt werden müssen. Ihre Mitte ist Christus, durch den Menschen Gott kennenlernen, Vergebung empfangen und ein neues Leben beginnen können. Bereits in 1. Korinther 2,2 hatte Paulus erklärt, dass er unter den Korinthern Jesus Christus und ihn als gekreuzigt in den Mittelpunkt stellen wollte. Auch im Kolosserbrief bleibt diese Ausrichtung entscheidend.
Paulus beschreibt seine Verkündigung anschließend mit zwei Tätigkeiten: Er ermahnt und lehrt jeden Menschen. Beide gehören zusammen, erfüllen aber unterschiedliche Aufgaben. Lehren bedeutet, Menschen die Wahrheit verständlich zu erklären, ihnen Gottes Wort zu erschließen und ihnen zu helfen, Zusammenhänge richtig zu erkennen. Ermahnen geht einen Schritt weiter. Dabei wird die erkannte Wahrheit auf das persönliche Leben bezogen. Fehlentwicklungen werden angesprochen, falsche Vorstellungen korrigiert und Menschen dazu aufgerufen, ihren bisherigen Weg zu überprüfen. Das griechische Wort, das hier mit „ermahnen“ wiedergegeben wird, kann auch den Gedanken des Warnens und Zurechtweisens enthalten. Es beschreibt jedoch nicht notwendigerweise ein hartes oder verurteilendes Auftreten. Entscheidend ist das Ziel, einem Menschen zu helfen, eine Gefahr zu erkennen und wieder den richtigen Weg einzuschlagen.
Diese Verbindung ist von großer Bedeutung. Wer ausschließlich Wissen vermittelt, ohne nach dessen Auswirkungen auf das Leben zu fragen, kann dazu beitragen, dass Menschen zwar viele biblische Aussagen kennen, sich aber in ihrem Verhalten kaum verändern. Umgekehrt kann eine Verkündigung, die hauptsächlich aus Ermahnungen besteht, ohne die biblischen Gründe sorgfältig zu erklären, leicht zu Druck und Unsicherheit führen. Menschen sollen verstehen können, weshalb Gott etwas von ihnen erwartet und wie seine Weisungen mit seinem Wesen und seinem Erlösungsplan zusammenhängen. Deshalb gehören gründliche Unterweisung und liebevolle Korrektur untrennbar zusammen. Paulus beschreibt in 2. Timotheus 3,16–17 einen ähnlichen Zusammenhang: Die Heilige Schrift dient der Lehre, der Überführung, der Zurechtweisung und der Erziehung in der Gerechtigkeit. Ihr Ziel ist es, Menschen für ein Leben auszurüsten, das Gottes Willen entspricht.
Bemerkenswert ist, dass Paulus in Vers 28 dreimal ausdrücklich von jedem Menschen spricht. Diese Wiederholung unterstreicht den umfassenden Anspruch seines Dienstes. Das Evangelium richtet sich nicht nur an besonders gebildete, gesellschaftlich angesehene oder religiös erfahrene Menschen. Ebenso wenig soll die tiefere Erkenntnis Gottes einer kleinen Gruppe vorbehalten bleiben, während die übrigen Gläubigen lediglich grundlegende Anweisungen erhalten. Jeder Mensch, der Christus nachfolgt, soll in seinem Glauben wachsen dürfen. Damit setzt Paulus den Gedanken des zuvor offenbarten Geheimnisses fort. Die Botschaft von Jesus Christus ist nicht länger auf eine bestimmte Volkszugehörigkeit begrenzt. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensumstände dürfen an ihr teilhaben und zu einer lebendigen Beziehung mit Gott finden.
Die dreifache Wiederholung macht zugleich deutlich, dass Paulus nicht nur an die Gemeinde als Ganzes denkt. Obwohl die Gläubigen gemeinsam den Leib Christi bilden, bleibt der einzelne Mensch wichtig. Jeder soll die Gelegenheit erhalten, Gottes Wort zu verstehen, im Glauben gefestigt zu werden und seine persönliche Verantwortung vor Gott wahrzunehmen. Eine Gemeinde darf deshalb nicht allein danach beurteilt werden, wie viele Menschen sie erreicht oder wie beeindruckend ihre gemeinsamen Veranstaltungen sind. Ebenso wichtig ist die Frage, ob die einzelnen Gläubigen tatsächlich geistlich wachsen. Dabei müssen unterschiedliche Voraussetzungen berücksichtigt werden. Ein Mensch, der das Evangelium gerade erst kennengelernt hat, benötigt möglicherweise andere Erklärungen und Hilfen als jemand, der bereits seit vielen Jahren mit Christus lebt. Das Ziel bleibt jedoch für beide dasselbe: ein immer tieferes Verständnis der Wahrheit und ein Leben, das zunehmend von Christus geprägt wird.
Paulus erklärt außerdem, dass diese Unterweisung in aller Weisheit geschehen soll. Damit meint er nicht, dass christliche Verkündiger über außergewöhnliche menschliche Klugheit verfügen müssten. Es geht um die Fähigkeit, Gottes Wahrheit richtig zu verstehen und sie so weiterzugeben, dass sie den Menschen tatsächlich hilft. Weisheit berücksichtigt den Zusammenhang einer biblischen Aussage ebenso wie die Situation desjenigen, dem sie erklärt wird. Nicht jede Frage kann mit einem einzigen Satz beantwortet werden, und nicht jeder Mensch benötigt dieselbe Ermahnung. Manchmal ist eine klare Warnung notwendig, weil jemand auf einem gefährlichen Weg beharrt. In anderen Situationen braucht ein Mensch vor allem Geduld, Ermutigung und eine verständliche Erklärung. Paulus fordert in Galater 6,1 dazu auf, einen Menschen, der von einer Verfehlung übereilt worden ist, im Geist der Sanftmut wieder zurechtzubringen. Die Wahrheit soll also weder verschwiegen noch lieblos eingesetzt werden.
Anschließend nennt Paulus das eigentliche Ziel seiner Arbeit: Er möchte jeden Menschen vollkommen in Christus darstellen. Das Wort „vollkommen“ kann leicht missverstanden werden, wenn man darunter ausschließlich einen Menschen versteht, der bereits in jeder Hinsicht fehlerlos geworden ist. Das griechische Wort teleios kann je nach Zusammenhang auch einen erwachsenen, reifen oder zu seinem Ziel gelangten Zustand beschreiben. Bei Paulus besitzt es deshalb nicht immer die Bedeutung absoluter Sündlosigkeit. Besonders hilfreich ist Philipper 3,12–15. Dort erklärt der Apostel zunächst, dass er selbst noch nicht vollkommen geworden sei und das Ziel noch nicht erreicht habe. Wenige Verse später spricht er dennoch von den Vollkommenen, womit er Menschen meint, die eine entsprechende geistliche Reife besitzen. Dieser Zusammenhang zeigt, dass geistliche Reife und bereits abgeschlossene endgültige Vollendung unterschieden werden müssen.
Für Kolosser 1,28 bedeutet dies, dass Paulus die Gläubigen zu einer gefestigten und umfassenden Christusnachfolge führen möchte. Sie sollen nicht dauerhaft in einem Zustand geistlicher Unmündigkeit bleiben, in dem sie jede neue Behauptung ungeprüft übernehmen und von wechselnden Meinungen abhängig sind. Vielmehr sollen sie lernen, Gottes Wort selbst zu verstehen, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden und ihren Glauben bewusst zu leben. Epheser 4,11–16 beschreibt ein vergleichbares Ziel. Dort sollen die Gläubigen zur Reife gelangen, damit sie nicht länger von jeder neuen Lehre hin und her bewegt werden. Geistliche Reife zeigt sich somit nicht daran, dass ein Mensch behauptet, bereits alles zu wissen oder keine Fehler mehr zu machen. Sie wird unter anderem daran erkennbar, dass sein Vertrauen auf Christus gefestigt ist, sein Verständnis wächst und sein Verhalten zunehmend von der Wahrheit und Liebe Gottes bestimmt wird.
Die Worte „in Christus“ sind dabei entscheidend. Paulus möchte die Menschen nicht zu einer eigenständigen moralischen Vollkommenheit führen, die sie unabhängig von ihrem Erlöser erreichen könnten. Ihr Wachstum soll innerhalb ihrer Beziehung zu Jesus Christus geschehen. Er bleibt die Grundlage ihres Glaubens und die Quelle ihres geistlichen Lebens. Deshalb dürfen die Anforderungen christlicher Nachfolge nicht von der Gnade getrennt werden, durch die Menschen überhaupt zu Gott kommen können. Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, geistliches Wachstum für unwichtig zu erklären, weil die Erlösung aus Gnade geschieht. Gerade weil Christus die Menschen erlöst hat, sollen sie lernen, entsprechend ihrer neuen Zugehörigkeit zu leben. Das Ziel ist nicht, sich selbst zu verherrlichen, sondern immer deutlicher das Wesen dessen widerzuspiegeln, dem sie angehören.
Die Vorstellung, Menschen schließlich vollkommen in Christus darzustellen, reicht außerdem über den gegenwärtigen Prozess geistlicher Reifung hinaus. Das verwendete Wort für „darstellen“ kann die Vorstellung einschließen, jemanden vor eine andere Person treten zu lassen. Bereits in Vers 22 hatte Paulus davon gesprochen, dass die Versöhnten heilig, untadelig und unsträflich vor Gott dargestellt werden sollen. Nun verwendet er denselben Gedanken im Zusammenhang mit seinem Verkündigungsdienst. Seine Arbeit soll dazu beitragen, dass Menschen im Glauben wachsen und schließlich bereit sind, vor Christus zu stehen. Dabei bleibt die endgültige Vollendung ein Werk Gottes. Paulus versteht sich als Diener, der Menschen auf diesem Weg begleitet, nicht als jemand, der ihnen aus eigener Macht die Vollendung schenken könnte.
In Vers 29 beschreibt Paulus schließlich, mit welchem Einsatz er diesem Ziel nachgeht. Er arbeitet und ringt dafür. Die verwendeten griechischen Ausdrücke vermitteln den Gedanken an anstrengende, ausdauernde Arbeit und einen ernsthaften Kampf. Paulus stellt seinen Dienst damit nicht als eine leichte Aufgabe dar, die ohne persönliche Anstrengung erfüllt werden könnte. Menschen zu unterweisen, Irrtümer zu korrigieren, Gemeinden durch Schwierigkeiten zu begleiten und ihnen in Liebe beizustehen, erforderte Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Seine Verkündigung beschränkte sich nicht auf öffentliche Reden. In Apostelgeschichte 20,31 erinnert er die Ältesten von Ephesus daran, dass er über Jahre hinweg nicht aufgehört hatte, die Gläubigen unter Tränen zu ermahnen. Sein Dienst war von persönlichem Einsatz und aufrichtiger Sorge geprägt.
Doch Paulus erklärt ebenso ausdrücklich, woher er die Kraft für diese Arbeit empfängt. Er ringt entsprechend der Wirkung Gottes, die mächtig in ihm arbeitet. Damit beschreibt er ein bemerkenswertes Zusammenspiel zwischen menschlicher Verantwortung und göttlichem Handeln. Paulus bleibt nicht untätig, weil er weiß, dass Gott wirkt. Ebenso wenig betrachtet er seine Erfolge als Ergebnis seiner eigenen außergewöhnlichen Fähigkeiten. Er setzt sich mit ganzer Kraft ein, während Gottes Wirken die entscheidende Grundlage seiner Arbeit bildet. Diese Verbindung begegnet auch in Philipper 2,12–13. Dort werden die Gläubigen aufgefordert, ihre Rettung mit ernsthafter Verantwortung auszuleben, während Paulus zugleich erklärt, dass Gott in ihnen sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt.
Diese Aussage schützt vor zwei gegensätzlichen Missverständnissen. Einerseits kann sich ein Christ nicht darauf berufen, dass Gott ohnehin alles bewirken müsse, um deshalb seine eigene Verantwortung zu vernachlässigen. Andererseits sollte er nicht glauben, geistliche Veränderung oder ein fruchtbarer Dienst ließen sich allein durch genügend Disziplin, Begabung oder persönliche Anstrengung hervorbringen. Paulus kennt sowohl die Notwendigkeit des eigenen Einsatzes als auch die Grenzen menschlicher Kraft. In 1. Korinther 15,10 beschreibt er seinen apostolischen Dienst mit einer ähnlichen Spannung: Er hat viel gearbeitet, erkennt aber zugleich, dass Gottes Gnade mit ihm wirksam war. Menschliche Treue und göttliche Kraft werden nicht gegeneinander ausgespielt. Vielmehr ermöglicht Gottes Gnade einen Dienst, den der Mensch in seiner Abhängigkeit von Christus ausführt.
Damit schließt Paulus das erste Kapitel seines Briefes mit einem eindrucksvollen Blick auf die Aufgabe christlicher Verkündigung. Das Ziel besteht nicht darin, möglichst viele Menschen von der eigenen Meinung zu überzeugen oder ihnen lediglich religiöse Informationen zu vermitteln. Sie sollen Jesus Christus kennenlernen, seine Wahrheit verstehen und im Glauben so wachsen, dass ihr ganzes Leben zunehmend von ihm geprägt wird. Dazu gehören geduldige Unterweisung, notwendige Ermahnung und aufrichtiger persönlicher Einsatz. Doch alle diese Bemühungen bleiben auf das Wirken Gottes angewiesen. Der Verkündiger kann das Wort weitergeben und Menschen begleiten, aber die Kraft zu wirklicher geistlicher Erneuerung kommt von Gott.
So wird deutlich, weshalb Paulus seinen Dienst mit solcher Hingabe ausübt. Ihm geht es nicht um die Anerkennung seiner eigenen Person, sondern um Menschen, die fest in Christus verwurzelt sind und schließlich an seiner Herrlichkeit teilhaben dürfen. Dieses Anliegen begleitet ihn auch über die Grenzen der einzelnen Gemeinde hinaus. Im folgenden Kapitel wird er deshalb noch ausführlicher von seinem Ringen um die Gläubigen sprechen und erklären, weshalb sie alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis in Christus selbst suchen sollen.
Geistliche Kernbotschaft
Das erste Kapitel des Kolosserbriefes stellt Jesus Christus in den Mittelpunkt des gesamten Glaubenslebens. Durch ihn erkennen Menschen, wer Gott ist, wie weit seine Liebe reicht und welche Hoffnung er seiner Schöpfung eröffnet. Christus ist dabei nicht nur derjenige, durch den Gott einzelne Menschen aus ihrer Schuld rettet. Seine Bedeutung umfasst die gesamte geschaffene Wirklichkeit. Alles verdankt ihm seinen Ursprung, und durch ihn verwirklicht Gott seinen Plan, die durch Sünde entstandene Trennung zu überwinden. Damit erhält auch das persönliche Leben des Gläubigen einen größeren Zusammenhang: Wer Jesus nachfolgt, gehört zu dem Erlösungswerk, mit dem Gott seine Schöpfung wiederherstellen will.
Besonders eindrücklich ist die Verbindung zwischen der Größe Christi und seiner freiwilligen Hingabe. Derjenige, durch den alles geschaffen wurde, kam selbst in die Welt und starb am Kreuz. Gottes Macht zeigt sich deshalb nicht nur darin, dass er Leben erschafft und erhält, sondern ebenso in seiner Bereitschaft, verlorenen Menschen mit Liebe und Barmherzigkeit zu begegnen. Die Erlösung ist keine nachträgliche Notlösung, die den Menschen unabhängig von Gottes Wesen angeboten wird. Sie offenbart vielmehr, wie ernst Gott die Sünde nimmt und wie weit seine Liebe reicht, um ihre Folgen zu überwinden. Seine Gerechtigkeit wird dabei nicht aufgegeben. Durch Christus schafft Gott die Grundlage für eine Versöhnung, in der Vergebung und die Wiederherstellung des Menschen zusammengehören.
Daraus ergibt sich eine wichtige Wahrheit über das Verhältnis zwischen göttlicher Gnade und menschlicher Verantwortung. Der Mensch kann sich weder selbst aus der Macht der Sünde befreien noch durch eigene Leistungen den Zugang zu Gottes Herrlichkeit verdienen. Die Initiative zur Rettung geht von Gott aus. Doch seine Gnade soll das Leben des Menschen nicht unverändert lassen. Wer Christus vertraut, wird dazu berufen, Gottes Willen immer besser zu verstehen und seine Entscheidungen danach auszurichten. Geistliches Wachstum ist deshalb weder der Versuch, sich die Erlösung selbst zu erarbeiten, noch ein passives Warten darauf, dass Gott ohne jede persönliche Antwort handelt. Es ist ein Leben in der Abhängigkeit von Christus, in dem Gottes Kraft und die bewusste Bereitschaft des Menschen zum Gehorsam zusammenwirken.
Auch die Hoffnung erhält durch dieses Kapitel eine besondere Tiefe. Sie gründet sich nicht darauf, dass das gegenwärtige Leben frei von Leid, Unsicherheit und Schwierigkeiten werden müsste. Ihre Grundlage ist der auferstandene Christus und die Zukunft, die Gott durch ihn verheißen hat. Deshalb kann ein Gläubiger selbst unter widrigen Umständen an Gott festhalten, ohne seine Schmerzen verleugnen zu müssen. Die zukünftige Herrlichkeit gibt dem gegenwärtigen Leben eine Richtung, die über sichtbare Erfolge und vergängliche Sicherheiten hinausreicht.
Zugleich macht das Kapitel deutlich, dass die Beziehung zu Christus niemals auf eine rein private Angelegenheit beschränkt werden sollte. Die Menschen, die zu ihm gehören, werden miteinander verbunden und tragen Verantwortung füreinander. Gottes Wahrheit soll nicht nur im persönlichen Denken bewahrt, sondern durch Liebe, gegenseitige Unterstützung und einen aufrichtigen Dienst sichtbar werden. Dabei gibt es keine geistliche Sonderklasse, der allein ein tieferes Verständnis des Evangeliums vorbehalten wäre. Jeder Mensch darf Christus kennenlernen, in seinem Glauben wachsen und an der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit teilhaben.
So führt Kolosser 1 zu einer entscheidenden Erkenntnis: Das christliche Leben hat seinen Ursprung, seine Grundlage und sein Ziel in Jesus Christus. Alles, was der Gläubige empfängt, lernt und tut, soll aus seiner Verbindung mit ihm hervorgehen. Seine Gnade eröffnet die Beziehung zu Gott, seine Wahrheit gibt Orientierung, seine Kraft ermöglicht geistliches Wachstum und seine Auferstehung verbürgt die zukünftige Vollendung. Wer Christus in seiner biblischen Größe erkennt, findet in ihm nicht nur die Antwort auf die eigene Schuld, sondern auch den Mittelpunkt eines Lebens, das auf Gottes ewige Herrlichkeit ausgerichtet ist.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine grundlegende Verbindung besteht zwischen Kolosser 1,15–17 und dem Schöpfungsbericht in 1. Mose 1. Dort wird Gott als derjenige vorgestellt, der Himmel und Erde durch sein Wort ins Dasein ruft. Die Schöpfung besitzt ihren Ursprung in seinem Willen und ist nicht das Ergebnis eines Kampfes gleichrangiger göttlicher Mächte. Das Johannesevangelium vertieft diese Offenbarung, indem es erklärt, dass das Wort bereits am Anfang bei Gott war und alle geschaffenen Dinge durch dieses Wort entstanden sind (Johannes 1,1–3). Später bezeichnet Johannes Jesus Christus als das fleischgewordene Wort (Johannes 1,14). Gemeinsam mit Kolosser 1 entsteht so ein umfassendes biblisches Bild: Der Sohn gehört nicht zur geschaffenen Welt, sondern steht in einer einzigartigen Beziehung zum schöpferischen Handeln Gottes. Dass derselbe Christus später als Mensch unter den Menschen lebte, verbindet den Anfang der Schöpfung unmittelbar mit der Geschichte der Erlösung.
Der Titel „Erstgeborener“ führt zugleich zurück zu den Verheißungen an das Königshaus Davids. In Psalm 89,27–28 spricht Gott davon, den davidischen König zum Erstgeborenen und zum höchsten der Könige der Erde zu machen. Der Begriff beschreibt dort eine besondere königliche Stellung. Diese Verbindung hilft, die Formulierung in Kolosser 1,15 richtig einzuordnen. Paulus spricht nicht einfach von einer zeitlichen Reihenfolge geschaffener Wesen, sondern von Christi einzigartigem Vorrang. Eine weitere Verbindung findet sich in Offenbarung 1,5, wo Jesus als der treue Zeuge, der Erstgeborene aus den Toten und der Herrscher über die Könige der Erde bezeichnet wird. Damit begegnen mehrere Motive aus Psalm 89 erneut in ihrer Erfüllung durch Christus. Seine königliche Würde ist nicht von seinem Sieg über den Tod zu trennen.
Besonders eng ist Kolosser 1 auch mit 1. Korinther 15 verbunden. Während der Kolosserbrief Christus als den Erstgeborenen aus den Toten bezeichnet, nennt ihn Paulus im Korintherbrief den Erstling der Entschlafenen (1. Korinther 15,20–23). Beide Aussagen weisen über die Auferstehung Jesu selbst hinaus. Seine Auferstehung ist der Beginn der endgültigen Überwindung des Todes, an der auch die Erlösten teilhaben werden. Dabei unterscheidet Paulus zwischen der bereits geschehenen Auferstehung Christi und der zukünftigen Auferstehung derer, die zu ihm gehören. Diese Unterscheidung ist für die christliche Hoffnung wesentlich. Das Heil hat in Christus bereits seine entscheidende Grundlage erhalten, doch seine vollständige sichtbare Verwirklichung steht noch bevor.
Die umfassende Versöhnungsaussage in Kolosser 1,20 verbindet sich mit Römer 8,19–23. Dort beschreibt Paulus eine Schöpfung, die unter Vergänglichkeit leidet und auf ihre Befreiung wartet. Die Folgen der Sünde betreffen demnach nicht nur das innere Leben einzelner Menschen. Auch die geschaffene Welt ist von Zerfall und Leid geprägt. Offenbarung 21,1–5 führt diese Hoffnung zur angekündigten Vollendung, indem Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde verheißt, in denen Tod und Schmerz keinen Platz mehr haben. Kolosser 1 eröffnet den Blick auf den Ursprung dieser Wiederherstellung im Kreuz Christi; Römer 8 beschreibt das gegenwärtige Warten der Schöpfung; die Offenbarung zeigt das verheißene Ziel. Zusammen wird erkennbar, dass Gottes Erlösungsplan die Erneuerung seiner Schöpfung umfasst, ohne deshalb die biblischen Aussagen über Gericht und die Überwindung des Bösen aufzuheben.
Eine weitere wichtige Verbindung betrifft das Geheimnis, das Gott unter den Völkern bekannt gemacht hat. Bereits Abraham empfing die Verheißung, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Jesaja 49,6 kündigt an, dass Gottes Heil bis an die Enden der Erde reichen soll. Epheser 3,4–6 erklärt schließlich, wie diese Verheißung durch Christus eine neue Gestalt annimmt: Menschen aus den anderen Völkern dürfen durch das Evangelium gemeinsam mit den gläubigen Israeliten an Gottes Verheißung teilhaben. Kolosser 1,26–27 gehört in diese Entwicklung. Was Gott in der Geschichte Israels vorbereitet hatte, wird durch den Messias auch den Völkern zugänglich gemacht. Das Evangelium ist deshalb keine von Israels Geschichte losgelöste neue Religion, sondern die Entfaltung des göttlichen Heilsplans, dessen Verheißungen in Jesus Christus ihre Erfüllung finden.
Schließlich lässt sich das Gebet des Paulus in Kolosser 1,9–11 besonders gut mit Jesu Worten über den Weinstock verbinden (Johannes 15,1–8). Jesus erklärt dort, dass die Reben nur dann Frucht hervorbringen können, wenn sie mit dem Weinstock verbunden bleiben. Paulus beschreibt dieselbe grundlegende Abhängigkeit von Christus aus der Perspektive des geistlichen Wachstums. Erkenntnis, gute Werke und Standhaftigkeit sind nicht unabhängig von Gottes Wirken zu verstehen. Zugleich gehört zu dieser Verbindung eine ernste Aufforderung: Die Jünger sollen in Christus bleiben, damit ihr Leben Frucht trägt. So ergänzen sich die Aussagen beider Texte. Die Gemeinschaft mit Jesus ist nicht nur der Anfang des Glaubens, sondern seine bleibende Lebensgrundlage.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten praktischen Lehren dieses Kapitels betrifft die Frage, worum Christen im Gebet bitten. Paulus zeigt, dass die Fürbitte für andere Menschen weit über gesundheitliche, berufliche oder persönliche Anliegen hinausgehen kann. Wer für Angehörige, Freunde oder seine Gemeinde betet, darf Gott ebenso darum bitten, dass sie seine Wahrheit besser verstehen, gute Entscheidungen treffen und in schwierigen Zeiten die nötige Kraft erhalten. Gerade dort, wo sich die äußeren Umstände nicht unmittelbar verändern lassen, kann ein solches Gebet eine tiefe Bedeutung haben. Es richtet den Blick auf das, was Menschen innerlich stärkt und ihnen hilft, ihren Weg mit Gott fortzusetzen.
Ebenso fordert das Kapitel dazu heraus, den eigenen Glauben nicht allein an erworbenem Wissen zu messen. Bibelkenntnis ist wertvoll und notwendig, doch ihr Ziel besteht nicht darin, möglichst viele Informationen anzusammeln. Gottes Wahrheit soll das Denken verändern und sich im Verhalten zeigen. Wer beispielsweise viel über Vergebung weiß, zugleich aber dauerhaft an Bitterkeit festhält, sollte sich fragen, ob er die Bedeutung der biblischen Botschaft bereits auf seine eigene Situation angewendet hat. Dasselbe gilt für Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und den Umgang mit Menschen, die eine andere Meinung vertreten. Geistliches Wachstum wird nicht nur daran erkennbar, was jemand erklären kann, sondern auch daran, wie er lebt.
Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit religiösen Lehren. Weil Christus nach Kolosser 1 die einzigartige Stellung gegenüber der gesamten Schöpfung und seiner Gemeinde besitzt, darf keine menschliche Autorität seine Worte verdrängen. Christen sollten deshalb aufmerksam prüfen, ob eine Lehre tatsächlich aus der Bibel hervorgeht oder hauptsächlich auf menschlichen Überlieferungen, eindrucksvollen Persönlichkeiten oder unbelegten Behauptungen beruht. Dabei ist sorgfältige Prüfung nicht mit grundsätzlichem Misstrauen gegenüber jeder Unterweisung gleichzusetzen. Gott schenkt der Gemeinde Lehrer und Mitarbeiter, die anderen beim Verständnis seines Wortes helfen können. Doch ihre Aussagen bleiben prüfbar und müssen sich am biblischen Zeugnis messen lassen.
Auch der Umgang mit der eigenen Vergangenheit erhält eine neue Perspektive. Paulus erinnert die Christen daran, dass sie einst von Gott entfremdet waren, spricht sie nun aber als Menschen an, die durch Christus versöhnt wurden. Wer Vergebung empfangen hat, muss seine früheren Sünden nicht zu einer unveränderlichen Beschreibung seiner eigenen Person machen. Das bedeutet nicht, vergangenes Unrecht zu verharmlosen oder notwendige Wiedergutmachung zu vermeiden. Echte Umkehr schließt die Bereitschaft ein, Verantwortung für begangene Fehler zu übernehmen. Doch Gottes Vergebung eröffnet einen neuen Anfang. Der Mensch darf seine Zukunft nicht nur im Licht seines früheren Versagens betrachten, sondern auch im Vertrauen auf das, was Christus aus seinem Leben machen kann.
Das Kapitel lehrt außerdem, mit geistlichen Schwierigkeiten geduldig und verantwortlich umzugehen. Ein gefestigter Glaube entsteht gewöhnlich nicht dadurch, dass sämtliche Fragen und Zweifel auf einmal verschwinden. Wer in seinem Vertrauen auf Gott wachsen möchte, benötigt die Bereitschaft, sich weiterhin mit seinem Wort zu beschäftigen, Fragen sorgfältig zu prüfen und auch dann an Christus festzuhalten, wenn unmittelbare Antworten fehlen. Zugleich sollte niemand meinen, dass ein schwacher Moment bereits das Ende seiner Beziehung zu Gott bedeuten müsse. Entscheidend ist, Schwierigkeiten nicht zum Anlass einer dauerhaften Abwendung von Christus werden zu lassen, sondern mit ihnen immer wieder seine Nähe und Wahrheit zu suchen.
Paulus' persönlicher Einsatz erinnert daran, dass die Nachfolge Jesu auch Opferbereitschaft verlangt. Andere Menschen im Glauben zu begleiten, kann Zeit, Geduld und persönliche Kraft kosten. Manchmal bedeutet es, jemandem wiederholt zuzuhören, eine schwierige Wahrheit behutsam anzusprechen oder einem Menschen beizustehen, von dem man keinen unmittelbaren Dank erwarten kann. Nicht jedes Leiden ist deshalb automatisch ein besonderer Dienst für Gott. Wo Schwierigkeiten jedoch aus aufrichtiger Treue zu Christus und liebevoller Verantwortung für andere entstehen, dürfen Gläubige darauf vertrauen, dass ihre Mühe nicht bedeutungslos ist.
Schließlich zeigt Paulus, welches Ziel christliche Gemeinschaft verfolgen sollte. Es genügt nicht, Menschen lediglich für eine religiöse Überzeugung zu gewinnen und sie anschließend sich selbst zu überlassen. Sie brauchen verständliche Unterweisung, gegenseitige Ermutigung und Raum, um Fragen zu stellen und im Glauben zu reifen. Wer bereits länger mit Christus lebt, trägt dabei Verantwortung, anderen nicht mit Überheblichkeit zu begegnen. Geistliche Reife zeigt sich auch in der Fähigkeit, geduldig zu erklären, liebevoll zu korrigieren und das Wachstum anderer Menschen zu fördern, ohne sie an die eigene Person zu binden.
Über allen diesen Lektionen steht die Einladung, Jesus Christus den entscheidenden Platz im eigenen Leben einzuräumen. Das betrifft nicht nur die großen Glaubensfragen, sondern ebenso den gewöhnlichen Alltag. Entscheidungen, Beziehungen, persönliche Ziele und der Umgang mit Schwierigkeiten können im Licht seiner Worte betrachtet werden. Niemand erreicht dadurch aus eigener Kraft eine vollkommene Lebensführung. Doch wer Christus vertraut, darf darauf bauen, dass Gott sein begonnenes Werk weiterführt.
Das Ziel ist nicht, aus eigener Anstrengung ein möglichst beeindruckender Christ zu werden, sondern Jesus immer besser kennenzulernen und durch seine Gnade zu einem Menschen heranzuwachsen, dessen Leben seine Liebe und Wahrheit widerspiegelt.