3. Johannes 1
Der Älteste: Gajus, dem Lieben, den ich liebhabe in der Wahrheit.
14 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Der Älteste: Gajus, dem Lieben, den ich liebhabe in der Wahrheit.
- 2 Mein Lieber, ich wünsche in allen Stücken, daß dir's wohl gehe und du gesund seist, wie es denn deiner Seele wohl geht.
- 3 Ich bin aber sehr erfreut worden, da die Brüder kamen und zeugten von deiner Wahrheit, wie denn du wandelst in der Wahrheit.
- 4 Ich habe keine größere Freude denn die, daß ich höre, wie meine Kinder in der Wahrheit wandeln.
- 5 Mein Lieber, du tust treulich, was du tust an den Brüdern und Gästen,
- 6 die von deiner Liebe gezeugt haben vor der Gemeinde; und du wirst wohl tun, wenn du sie abfertigst würdig vor Gott.
- 7 Denn um seines Namens willen sind sie ausgezogen und nehmen von den Heiden nichts.
- 8 So sollen wir nun solche aufnehmen, auf daß wir der Wahrheit Gehilfen werden.
- 9 Ich habe der Gemeinde geschrieben, aber Diotrephes, der unter ihnen hochgehalten sein will, nimmt uns nicht an.
- 10 Darum, wenn ich komme, will ich ihn erinnern seiner Werke, die er tut; denn er plaudert mit bösen Worten wider uns und läßt sich an dem nicht genügen; er selbst nimmt die Brüder nicht an und wehrt denen, die es tun wollen, und stößt sie aus der Gemeinde.
- 11 Mein Lieber, folge nicht nach dem Bösen, sondern dem Guten. Wer Gutes tut, der ist von Gott; wer Böses tut, der sieht Gott nicht.
- 12 Demetrius hat Zeugnis von jedermann und von der Wahrheit selbst; und wir zeugen auch, und ihr wisset, das unser Zeugnis wahr ist.
- 13 Ich hatte viel zu schreiben; aber ich will nicht mit der Tinte und der Feder an dich schreiben.
- 14 Ich hoffe aber, dich bald zu sehen; so wollen wir mündlich miteinander reden. Friede sei mit dir! Es grüßen dich die Freunde. Grüße die Freunde bei Namen.
Kapitelüberblick
Der dritte Johannesbrief richtet sich an Gajus, dessen treuer Lebenswandel dem Verfasser große Freude bereitet. Besonders würdigt er, wie Gajus reisende Glaubensgeschwister unterstützt, obwohl sie ihm zuvor nicht persönlich bekannt waren. Darin erkennt er eine wertvolle Mitarbeit an der Verbreitung der Wahrheit.
Demgegenüber steht Diotrephes, der in der Gemeinde den ersten Platz einnehmen möchte. Er weist andere zurück, verbreitet böse Worte und hindert sogar diejenigen, die helfen wollen. Mit Demetrius wird anschließend ein Mann vorgestellt, dessen guter Ruf durch mehrere Zeugnisse bestätigt wird. Der Brief endet mit dem Wunsch nach einem persönlichen Wiedersehen und einem herzlichen Friedensgruß.
Damit stellt dieses kurze Schreiben eine wichtige Frage: Woran zeigt sich, ob ein Mensch wirklich nach Gottes Wahrheit lebt? Nicht sein Ansehen oder seine Stellung stehen im Mittelpunkt, sondern die Treue, Liebe und Verantwortung, die in seinem Umgang mit anderen sichtbar werden.
Einführung
Nur wenige Schriften des Neuen Testaments geben uns auf so engem Raum einen derart persönlichen Einblick in das Leben der ersten christlichen Gemeinden. Statt einer umfassenden theologischen Abhandlung begegnen wir einer konkreten Situation zwischen Menschen, die einander kannten und miteinander verbunden waren. Der Verfasser setzt dabei vieles voraus, was seinem Empfänger bereits bekannt war. Für uns bedeutet das, aufmerksam zwischen den ausdrücklich genannten Ereignissen und den Hintergründen zu unterscheiden, die sich heute nicht mehr sicher feststellen lassen.
Der Schreiber stellt sich lediglich als „der Älteste“ vor. Dieselbe Bezeichnung verwendet auch der Verfasser des zweiten Johannesbriefes (2. Johannes 1). Nach der alten christlichen Überlieferung stammen beide Briefe vom Apostel Johannes, der zu den zwölf Jüngern Jesu gehörte. Da der Verfasser seinen Namen jedoch nicht nennt, bleibt die genaue historische Zuordnung Gegenstand der Forschung. Auch der Entstehungsort und das Abfassungsdatum lassen sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Die enge Verbindung der Johannesbriefe zeigt sich besonders in ihrer Sprache und in der gemeinsamen Bedeutung, die sie der Wahrheit, der Liebe und einem glaubwürdigen christlichen Leben beimessen.
Zum Verständnis der damaligen Situation ist wichtig, wie die frühen Gemeinden miteinander verbunden waren. Es gab noch keine modernen Kommunikationsmittel und keine überall einheitlich ausgebaute kirchliche Organisation. Nachrichten wurden durch persönliche Boten übermittelt. Menschen, die das Evangelium verkündigten, waren auf ihren Reisen häufig auf die Aufnahme und Unterstützung anderer Christen angewiesen. Gastfreundschaft hatte deshalb eine Bedeutung, die weit über eine freundliche Einladung hinausgehen konnte.
Solche persönlichen Verbindungen machten es möglich, dass Gemeinden voneinander erfuhren, sich gegenseitig stärkten und gemeinsam zur Verbreitung des Evangeliums beitrugen. Gleichzeitig konnten unterschiedliche Auffassungen über die Aufnahme von Boten und den Umgang mit geistlicher Autorität zu ernsthaften Spannungen führen.
Vor diesem Hintergrund erhält bereits die sorgfältige Anrede des Briefes besonderes Gewicht. Sie führt uns in eine persönliche Beziehung hinein, in der die folgenden Worte nicht nur als allgemeine Belehrung, sondern als Ausdruck aufrichtiger Verbundenheit verstanden werden sollen.
3. Johannes 1,1–2
Ein persönlicher Gruß und der Wunsch nach Wohlergehen
Schon die ersten Worte lassen erkennen, dass dieser Brief aus einer gewachsenen persönlichen Beziehung heraus geschrieben wurde. Der Verfasser bezeichnet sich schlicht als „der Älteste“ und richtet seine Zeilen an Gajus, den er ausdrücklich seinen Geliebten nennt. Hinter dieser Anrede steht mehr als die übliche Höflichkeit eines Briefanfangs. Sie vermittelt Nähe, Vertrauen und die aufrichtige Wertschätzung, die der Schreiber seinem Empfänger entgegenbringt. Obwohl er sich mit einer Bezeichnung vorstellt, die auf seine geistliche Verantwortung hinweist, begegnet er Gajus zunächst mit persönlicher Zuneigung.
Über Gajus selbst erfahren wir nur wenig. Sein Name war in der damaligen römischen Welt verbreitet und begegnet auch an anderen Stellen des Neuen Testaments, etwa in Römer 16,23 und Apostelgeschichte 20,4. Ob einer dieser Männer mit dem Empfänger des Briefes identisch ist, lässt sich jedoch nicht sicher feststellen. Für das Verständnis dieses Schreibens ist seine genaue Herkunft auch weniger entscheidend als das, was der Verfasser über seinen Glauben und seinen Charakter erkennen lässt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung, dass der Älteste Gajus „in Wahrheit“ liebt. Damit kann zunächst die Aufrichtigkeit seiner Zuneigung gemeint sein. Im Zusammenhang der Johannesbriefe besitzt die Wahrheit jedoch eine tiefere Bedeutung. Sie bezeichnet nicht nur ehrliche Worte, sondern die göttliche Wahrheit, die Jesus Christus offenbart hat und nach der Christen ihr Leben ausrichten sollen. Schon im zweiten Johannesbrief werden Wahrheit und Liebe eng miteinander verbunden (2. Johannes 1,1–3). Die Zuneigung zu Gajus lässt sich deshalb auch als Ausdruck einer Gemeinschaft verstehen, die auf dem gemeinsamen Glauben gegründet ist. Christliche Verbundenheit erschöpft sich nicht in persönlicher Sympathie, sondern gewinnt ihre besondere Tiefe dadurch, dass Menschen gemeinsam Christus vertrauen und seinem Wort folgen.
Im zweiten Vers richtet der Schreiber einen herzlichen Wunsch an seinen Freund. Er möchte, dass es Gajus in allen Lebensbereichen gut geht und dass er gesund bleibt. Darin kommt eine bemerkenswerte Fürsorge zum Ausdruck. Der Glaube des anderen liegt ihm am Herzen, aber ebenso dessen körperliche Gesundheit und sein alltägliches Wohlergehen. Er betrachtet Gajus nicht lediglich als jemanden, der innerhalb der Gemeinde eine Aufgabe erfüllt, sondern als Menschen mit persönlichen Bedürfnissen, Sorgen und Hoffnungen. Dass der Verfasser ausdrücklich Gesundheit erwähnt, bedeutet allerdings nicht, dass Gajus zu diesem Zeitpunkt krank gewesen sein muss. Ein solcher Wunsch konnte auch ohne eine bestehende Erkrankung ausgesprochen werden.
Besonders aufschlussreich ist der abschließende Vergleich: „wie es deiner Seele wohlgeht“. Mit der Seele ist hier das innere Leben des Menschen angesprochen, insbesondere sein geistlicher Zustand und seine Beziehung zu Gott. Der Verfasser geht offenbar davon aus, dass Gajus in dieser Hinsicht gut steht. Deshalb wünscht er ihm, dass sein äußeres Wohlergehen ebenso erfreulich sein möge. Wie er zu dieser positiven Einschätzung gekommen ist, wird in den folgenden Versen deutlich. Dabei geht es nicht um eine Trennung, als wäre allein die Seele für Gott wichtig und der Körper bedeutungslos. Vielmehr nimmt der Schreiber den ganzen Menschen in den Blick, während er dessen geistlichem Leben eine besondere Bedeutung beimisst.
Diese Worte dürfen jedoch nicht als allgemeine Verheißung verstanden werden, dass jeder treue Christ zwangsläufig gesund und materiell erfolgreich sein werde. Der Verfasser spricht einen persönlichen Wunsch aus und verkündet kein göttliches Gesetz, nach dem geistliche Treue automatisch zu äußerem Wohlstand führt. Die Bibel berichtet an vielen Stellen von gläubigen Menschen, die trotz ihrer Treue zu Gott unter Krankheit, Entbehrungen oder anderen Schwierigkeiten litten. Paulus selbst musste beispielsweise mit einem anhaltenden Leiden leben, obwohl er Gott wiederholt um Befreiung bat (2. Korinther 12,7–10). Gottes Fürsorge bedeutet deshalb nicht, dass ein gläubiger Mensch von allen körperlichen und äußeren Belastungen verschont bleibt.
Gerade in dieser Unterscheidung liegt eine wertvolle Einsicht. Der Älteste hält geistliches Wohlergehen für etwas Kostbares, ohne die Bedeutung eines guten und gesunden Lebens geringzuschätzen. Er freut sich über den inneren Zustand seines Freundes und wünscht ihm zugleich Gutes für seinen weiteren Lebensweg. Was diese geistliche Gesundheit bei Gajus konkret auszeichnet und weshalb sie dem Verfasser so große Freude bereitet, entfalten die unmittelbar folgenden Verse.
3. Johannes 1,3–4
Die Freude über einen Glauben, der im Leben sichtbar wird
Die Freude des Ältesten über Gajus beruht nicht allein auf früheren persönlichen Begegnungen. Andere Glaubensgeschwister haben ihm berichtet, wie Gajus lebt und welche Haltung seinen Umgang mit Menschen prägt. Ihre Worte haben ihn tief bewegt. Sie bestätigen ihm, dass Gajus an dem festhält, was er im Glauben erkannt hat, und dass diese Überzeugung in seinem täglichen Verhalten sichtbar wird. Besonders bemerkenswert ist, dass Gajus sich hier nicht selbst empfiehlt. Es sind andere Menschen, die von seiner Treue erzählen und damit ein glaubwürdiges Zeugnis über sein Leben ablegen.
Die Schlachterübersetzung spricht davon, dass die Brüder seine „Wahrhaftigkeit“ bezeugten. Dieses Wort darf nicht allein darauf beschränkt werden, dass Gajus ehrlich war und keine Unwahrheiten verbreitete. Der unmittelbar folgende Satz erklärt genauer, worauf sich das Zeugnis bezieht: Er wandelt in der Wahrheit. Die Brüder bestätigen also nicht nur eine einzelne gute Charaktereigenschaft, sondern eine Lebensführung, die mit der Wahrheit des Evangeliums übereinstimmt. Was Gajus glaubt, bleibt nicht auf seine Worte beschränkt. Sein Verhalten gibt anderen Menschen Anlass, die Echtheit seines Glaubens zu erkennen.
Besonders wichtig ist dabei der Ausdruck „in der Wahrheit wandeln“. In der Sprache der Bibel beschreibt das Wandeln häufig die Art und Weise, wie ein Mensch sein Leben führt. Gemeint ist nicht eine einzelne Entscheidung oder eine vorübergehende gute Handlung, sondern die Richtung, die sein Denken und Handeln dauerhaft bestimmt. Diese Ausdrucksweise begegnet auch in 1. Johannes 2,6, wo ein Leben nach dem Vorbild Jesu mit dem Wandel des Gläubigen verbunden wird. Wer in der Wahrheit wandelt, soll sich deshalb nicht nur zu Gottes Wort bekennen, sondern seine Entscheidungen und seinen Umgang mit anderen daran ausrichten.
Damit wird zugleich ein wichtiger Unterschied zwischen dem Besitz biblischen Wissens und einem gelebten Glauben erkennbar. Ein Mensch kann die richtigen Worte kennen, sich auf Gottes Wahrheit berufen und dennoch im Alltag anders handeln. Gajus dagegen wird gerade dafür gelobt, dass sein Verhalten zu seinem Bekenntnis passt. Das bedeutet nicht, dass er vollkommen oder frei von jeder Schwäche gewesen wäre. Eine solche Aussage macht der Brief nicht. Entscheidend ist vielmehr, dass sein Leben insgesamt von einer erkennbaren Treue geprägt wird. Sein Glaube ist nicht nur etwas, das er über sich selbst behauptet, sondern etwas, das andere an ihm wahrnehmen können.
Im vierten Vers weitet der Verfasser seinen Gedanken aus. Er spricht nun nicht mehr ausschließlich von Gajus, sondern von seinen „Kindern“, deren treuer Lebenswandel ihm die größte Freude bereitet. Damit sind keine leiblichen Kinder gemeint, sondern Menschen, zu denen er eine besondere geistliche Beziehung besitzt. Im Neuen Testament wird eine solche Ausdrucksweise auch an anderer Stelle verwendet. Paulus bezeichnet beispielsweise Timotheus als sein geliebtes und treues Kind im Herrn (1. Korinther 4,17). Das Bild bringt eine Verbundenheit zum Ausdruck, die durch geistliche Begleitung, Unterweisung und gemeinsame Erfahrungen im Glauben entstanden ist. Ob Gajus persönlich durch den Ältesten zum Glauben gekommen war, erfahren wir allerdings nicht.
Die Formulierung „keine größere Freude“ lässt erkennen, welchen Wert der Verfasser dem geistlichen Wohlergehen der Menschen beimisst, die ihm anvertraut sind. Seine Freude richtet sich nicht auf die Größe einer Gemeinde, auf die Anerkennung seiner eigenen Person oder auf den Einfluss, den er ausüben kann. Ihn erfüllt vielmehr die Nachricht, dass Menschen in der Wahrheit bleiben und ihr Leben danach gestalten. Darin zeigt sich eine Haltung geistlicher Verantwortung, die nicht zuerst nach dem eigenen Erfolg fragt, sondern danach, ob andere Menschen in ihrer Beziehung zu Gott wachsen und ihm treu bleiben.
Bemerkenswert ist schließlich, wie viel Bedeutung der Verfasser den Nachrichten der reisenden Brüder beimisst. Obwohl er Gajus nicht unmittelbar vor sich hat, kann er sich über dessen Lebensführung freuen. Die räumliche Entfernung verhindert nicht, dass geistliche Verbundenheit bestehen bleibt und gute Nachrichten den Glauben anderer stärken. Zugleich wird deutlich, wie wichtig das Zeugnis der Menschen ist, denen wir begegnen. Ein beständiger Lebenswandel kann weit über den eigenen unmittelbaren Wirkungskreis hinaus Ermutigung schenken.
Welche konkreten Erfahrungen die Brüder mit Gajus gemacht haben und wodurch seine Treue besonders sichtbar geworden ist, erläutert der Älteste nun im nächsten Abschnitt. Dort wird deutlich, wie sich sein Glaube in einer ganz praktischen Form der Liebe bewährt hat.
3. Johannes 1,5–6
Treue und Liebe gegenüber unbekannten Glaubensgeschwistern
Nachdem der Älteste seine Freude über Gajus zum Ausdruck gebracht hat, wendet er sich nun dem Verhalten zu, das ihm besonders am Herzen liegt. Gajus hat sich um Glaubensgeschwister gekümmert, die auf ihren Reisen seine Unterstützung benötigten. Dabei hebt der Verfasser einen Umstand ausdrücklich hervor: Diese Menschen waren ihm zuvor fremd gewesen. Gerade darin erkennt er eine besondere Treue, die über die Hilfsbereitschaft gegenüber vertrauten Freunden hinausgeht.
Das Wort „fremd“ darf hier nicht so verstanden werden, als hätten die Besucher einer anderen Religion angehört oder außerhalb des christlichen Glaubens gestanden. Der Verfasser bezeichnet sie ausdrücklich als Brüder. Gemeint sind also Glaubensgeschwister, zu denen Gajus bislang keine persönliche Beziehung hatte. Ihre gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus bildete jedoch eine Verbindung, die über die Grenzen des eigenen Bekanntenkreises hinausreichte. Gajus machte seine Hilfsbereitschaft offenbar nicht davon abhängig, ob ihm jemand bereits vertraut war oder ob er durch seine Unterstützung einen persönlichen Vorteil erwarten konnte.
Der Älteste beschreibt dieses Verhalten mit den Worten, dass Gajus „getreulich“ handelt. Darin liegt mehr als ein Lob für seine Freundlichkeit. Treue bedeutet hier, dass jemand auch in seinen praktischen Entscheidungen zuverlässig zu dem steht, was sein Glaube von ihm verlangt. Gajus betrachtete die Bedürfnisse der Reisenden nicht als eine Angelegenheit, die ihn nichts anging. Er übernahm Verantwortung und ließ seiner Zuneigung konkrete Taten folgen. Der Brief nennt zwar nicht im Einzelnen, welche Hilfe er geleistet hatte. Im damaligen Reisealltag konnten dazu die Aufnahme in ein Haus, Verpflegung und andere notwendige Unterstützungen gehören. Entscheidend ist, dass seine Hilfe für die Betroffenen tatsächlich von Bedeutung war.
Im sechsten Vers erfahren wir, dass die unterstützten Brüder vor einer Gemeinde von der Liebe des Gajus berichtet hatten. Der Text sagt nicht ausdrücklich, vor welcher Gemeinde dies geschah. Aus dem Zusammenhang geht jedoch hervor, dass ihre Worte den Ältesten erreichten. Bemerkenswert ist, dass die Reisenden nicht einfach von einer freundlichen Unterkunft oder einer großzügigen Gabe erzählten. Sie bezeugten seine Liebe. Offenbar hatten sie in seinem Verhalten mehr erkannt als die Erfüllung einer gesellschaftlichen Pflicht. Sie waren Menschen begegnet, die ihnen mit einer aufrichtigen, von christlicher Verbundenheit getragenen Haltung entgegengekommen waren.
Anschließend richtet der Älteste seinen Blick auf die weitere Reise dieser Glaubensgeschwister. Er ermutigt Gajus, ihnen ein Geleit zu geben, „wie es Gottes würdig ist“. Der Ausdruck „Geleit geben“ meint im damaligen Sprachgebrauch nicht unbedingt nur, jemanden ein Stück des Weges zu begleiten. Er konnte auch bedeuten, Reisende für ihren weiteren Weg angemessen auszurüsten und mit dem Nötigen zu versorgen. Welche konkrete Unterstützung hier erforderlich war, wird nicht genannt. Der Gedanke findet sich auch in Titus 3,13, wo Paulus darum bittet, zwei Mitarbeiter auf ihrer Reise so zu unterstützen, dass ihnen nichts fehlt.
Noch bedeutsamer ist der Maßstab, den der Verfasser für diese Hilfe nennt. Sie soll so geschehen, wie es Gottes würdig ist. Damit fordert er nicht, dass Gajus über seine Möglichkeiten hinaus handeln oder die Reisenden wie Gott selbst behandeln müsse. Vielmehr soll sein Umgang mit ihnen dem entsprechen, was er über Gottes Wesen und Willen erkannt hat. Wer Gott dient, soll anderen mit der Liebe, Achtung und Sorgfalt begegnen, die zu diesem Glauben passen. Hilfe soll deshalb nicht widerwillig oder lediglich um des guten Ansehens willen erfolgen, sondern aus einer Haltung heraus, die den anderen Menschen und seinen Dienst ernst nimmt.
Dabei fällt auf, wie der Älteste seine Ermutigung formuliert. Er erteilt Gajus keinen scharfen Befehl und stellt seine bisherige Treue nicht infrage. Stattdessen bestätigt er das Gute, das bereits geschehen ist, und ermutigt ihn, auf diesem Weg weiterzugehen. Die Formulierung „Du wirst wohltun“ verbindet eine freundliche Bitte mit der Anerkennung seines bisherigen Verhaltens. Geistliche Ermutigung kann gerade darin bestehen, einen Menschen in seinem guten Handeln zu bestärken, anstatt ihm ständig neue Forderungen aufzuerlegen.
In diesen beiden Versen wird deutlich, dass christliche Liebe nicht an der Grenze persönlicher Bekanntschaft enden soll. Die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus kann Menschen verbinden, die sich zuvor noch nie begegnet sind. Allerdings bedeutet dies nicht, dass jeder Fremde ohne Prüfung aufgenommen oder jede religiöse Tätigkeit unterstützt werden müsste. Der Brief spricht von Glaubensgeschwistern, deren Dienst der Verfasser ausdrücklich befürwortet. Die Frage, welche Bedeutung ihre Reise hatte und warum ihre Unterstützung für die christliche Gemeinde so wichtig war, beantwortet Johannes unmittelbar im folgenden Abschnitt.
3. Johannes 1,7–8
Mitarbeit an der Wahrheit durch praktische Unterstützung
Nun erklärt der Älteste, weshalb die Unterstützung der reisenden Glaubensgeschwister eine so große Bedeutung besitzt. Sie waren nicht einfach unterwegs, um persönliche Angelegenheiten zu erledigen oder ihren Lebensunterhalt an einem anderen Ort zu verdienen. Der entscheidende Grund für ihre Reisen wird mit wenigen Worten beschrieben: Sie waren „um seines Namens willen“ ausgezogen. Ihr Dienst stand damit im Zusammenhang mit ihrem Glauben an Jesus Christus und der Weitergabe seiner Botschaft.
Mit dem Namen ist hier sehr wahrscheinlich Jesus Christus gemeint, auch wenn er in diesem Vers nicht ausdrücklich genannt wird. In der Bibel steht der Name einer Person häufig für mehr als ihre bloße Bezeichnung. Er kann ihre Identität, ihr Wesen und ihre Autorität zum Ausdruck bringen. Wer im Namen Jesu handelt, beruft sich deshalb nicht einfach auf ein bestimmtes Wort, sondern stellt sein Handeln in die Beziehung zu seiner Person und seinem Auftrag. Als die Apostel in Apostelgeschichte 5,41 Verachtung und Leiden erfahren, freuen sie sich darüber, dass sie gewürdigt wurden, um seines Namens willen Schmach zu erleiden. Auch dort ist ihre Verbundenheit mit Christus der entscheidende Beweggrund. Die Reisenden im dritten Johannesbrief hatten sich offenbar aus einer vergleichbaren Hingabe auf den Weg gemacht, um der Sache Jesu zu dienen.
Anschließend erwähnt der Verfasser eine Besonderheit ihrer Vorgehensweise: Sie nahmen nichts von den „Heidnischen“ an. Mit diesem Ausdruck sind im damaligen Zusammenhang Menschen gemeint, die nicht zur christlichen Glaubensgemeinschaft gehörten. Das Wort beschreibt hier ihre religiöse Zugehörigkeit und ist nicht als abwertende Bezeichnung ihrer Person zu verstehen. Die reisenden Brüder verzichteten darauf, von solchen Menschen Unterstützung für ihren Dienst entgegenzunehmen.
Der Brief erklärt nicht ausdrücklich, weshalb sie so handelten. Eine naheliegende Überlegung ist, dass sie ihre Verkündigung nicht mit finanziellen Forderungen an diejenigen verbinden wollten, denen sie das Evangelium nahebrachten. Ihre Botschaft sollte nicht den Eindruck erwecken, dass sie aus persönlichem Gewinnstreben handelten oder ihre Verkündigung von einer Gegenleistung abhängig machten. Eine vergleichbare Haltung begegnet bei Paulus. In 1. Korinther 9,12–18 erklärt er, dass er auf bestimmte Ansprüche auf Unterstützung verzichtete, um der Verbreitung des Evangeliums kein Hindernis in den Weg zu legen. Dabei betont er zugleich, dass Menschen, die das Evangelium verkündigen, grundsätzlich das Recht haben, durch ihren Dienst ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Daraus lässt sich jedoch kein allgemeines Gebot ableiten, nach dem christliche Verkündiger niemals Hilfe von Menschen außerhalb der Gemeinde annehmen dürften. Johannes beschreibt zunächst das tatsächliche Verhalten dieser bestimmten Glaubensgeschwister. Er macht daraus keine ausdrückliche Vorschrift für alle Zeiten und Situationen. Wichtig ist vielmehr, welche Verantwortung sich aus ihrer Entscheidung für die christliche Gemeinschaft ergibt.
Genau hier setzt der achte Vers an. Weil diese Männer im Dienst der Wahrheit unterwegs sind und ihren Unterhalt nicht von Außenstehenden beziehen, sollen die Gläubigen selbst für ihre notwendige Unterstützung sorgen. Johannes formuliert das bemerkenswert verbindlich: „So sind wir nun verpflichtet, solche aufzunehmen“. Er spricht nicht nur Gajus persönlich an, sondern schließt sich mit dem Wort „wir“ ausdrücklich ein. Die Unterstützung treuer Mitarbeiter ist damit nicht lediglich eine besondere Freundlichkeit einzelner großzügiger Menschen. Sie gehört zur gemeinsamen Verantwortung der Glaubensgeschwister.
Dabei ist die Formulierung „solche aufzunehmen“ bedeutsam. Johannes fordert nicht dazu auf, jede Person allein deshalb zu unterstützen, weil sie behauptet, im Namen Gottes zu handeln. Seine Worte beziehen sich auf Menschen, deren Dienst er als treu und förderungswürdig anerkennt. Die Gemeinde soll also nicht unüberlegt jede religiöse Tätigkeit fördern, sondern diejenigen unterstützen, die tatsächlich der Wahrheit dienen. Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt auch der zweite Johannesbrief. Dort warnt der Verfasser davor, Menschen durch Gastfreundschaft in ihrer Tätigkeit zu unterstützen, wenn sie eine Lehre verbreiten, die von der Lehre Christi abweicht (2. Johannes 1,9–11). Christliche Hilfsbereitschaft und die Verantwortung gegenüber der Wahrheit gehören deshalb zusammen.
Den Höhepunkt seiner Erklärung erreicht Johannes mit der Begründung, dass die Gläubigen auf diese Weise „Mitarbeiter der Wahrheit“ werden. Darin liegt ein weitreichender Gedanke. Nicht jeder Christ kann selbst auf Reisen gehen, andere Gemeinden besuchen oder öffentlich das Evangelium verkündigen. Dennoch kann er an einem solchen Dienst beteiligt sein, indem er Menschen unterstützt, die diese Aufgaben übernehmen. Wer ihnen Unterkunft gewährt, notwendige Mittel bereitstellt oder ihnen auf andere Weise hilft, trägt dazu bei, dass ihre Arbeit überhaupt möglich wird.
Damit unterscheidet Johannes zwischen den verschiedenen Aufgaben, ohne ihren gemeinsamen Zweck aus dem Blick zu verlieren. Die einen verlassen ihre vertraute Umgebung, um anderen Menschen die Botschaft von Christus zu bringen. Andere ermöglichen ihnen durch ihre Unterstützung, diese Aufgabe zu erfüllen. Beide tragen auf unterschiedliche Weise zu demselben Anliegen bei. Der Dienst am Evangelium besteht deshalb nicht ausschließlich aus öffentlich sichtbarer Verkündigung. Auch die Arbeit im Hintergrund kann einen wichtigen Anteil daran haben, dass Menschen von Gottes Wahrheit erfahren.
Die Bezeichnung „Mitarbeiter der Wahrheit“ zeigt zugleich, wem diese Zusammenarbeit letztlich dienen soll. Ihr Mittelpunkt ist nicht das Ansehen eines Verkündigers und auch nicht die Vergrößerung des Einflusses einer bestimmten Person. Die Wahrheit, die in Jesus Christus offenbar geworden ist, gibt dem gemeinsamen Dienst seine Richtung. Gerade deshalb muss die Unterstützung an der Treue zu dieser Wahrheit ausgerichtet bleiben und darf nicht von persönlicher Bewunderung oder menschlichen Machtansprüchen abhängig werden.
Wie ernst diese Unterscheidung ist, zeigt der unmittelbar folgende Abschnitt. Dort begegnet uns ein Mann, der die Aufnahme der Glaubensgeschwister verhindert und damit gerade jene Zusammenarbeit behindert, zu der Johannes hier ermutigt.
3. Johannes 1,9–10
Diotrephes und der Missbrauch von Einfluss
Mit dem neunten Vers verändert sich der Ton des Briefes. Der Älteste berichtet nun von einem ernsthaften Konflikt, der seine Verbindung zu einer Gemeinde belastet. Er hatte dieser Gemeinde bereits geschrieben, doch ein Mann namens Diotrephes stellte sich seinem Anliegen entgegen. Die vorherigen Verse haben gezeigt, wie christliche Zusammenarbeit durch gegenseitige Unterstützung gefördert werden kann. Nun erfahren wir, wie ein einzelner Mensch diese Zusammenarbeit erheblich beeinträchtigen kann.
Johannes erwähnt zunächst ein früheres Schreiben an die Gemeinde. Dieser Brief ist uns nicht überliefert, und sein genauer Inhalt bleibt unbekannt. Aus dem Zusammenhang liegt die Vermutung nahe, dass es dabei um die Aufnahme und Unterstützung der reisenden Glaubensgeschwister ging. Sicher feststellen lässt sich das jedoch nicht. Entscheidend ist, dass Diotrephes den Einfluss des Ältesten zurückweist und offenbar verhindert, dass dessen Anliegen in der Gemeinde die gewünschte Aufnahme findet.
Der Verfasser nennt auch den Grund, der das Verhalten des Diotrephes kennzeichnet: Er möchte „der erste sein“. Diese kurze Beschreibung ist besonders aufschlussreich. Das zugrunde liegende griechische Wort drückt das Verlangen aus, eine vorrangige Stellung einzunehmen. Es geht damit nicht einfach um den Wunsch, eine verantwortungsvolle Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen. Johannes beschreibt einen Menschen, der selbst an erster Stelle stehen möchte. Seine eigene Bedeutung scheint für ihn wichtiger geworden zu sein als die Bereitschaft, andere anzuerkennen und mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Dabei müssen wir sorgfältig unterscheiden, was der Brief tatsächlich berichtet. Wir erfahren nicht, welches offizielle Amt Diotrephes innehatte. Ebenso wenig wird ausdrücklich gesagt, dass er eine bestimmte falsche Lehre verbreitete. Seine Macht innerhalb der Gemeinde muss jedoch beträchtlich gewesen sein, denn er konnte nicht nur die Aufnahme anderer Menschen behindern, sondern offenbar auch gegen Gemeindemitglieder vorgehen. Wie er zu diesem Einfluss gekommen war und weshalb andere seinen Entscheidungen folgten, bleibt offen. Johannes richtet seine Kritik deshalb nicht gegen eine bestimmte Amtsbezeichnung, sondern gegen das Verhalten eines Menschen, der seine Stellung auf eine Weise nutzt, die anderen schadet.
Hier wird eine wichtige Unterscheidung sichtbar. Geistliche Verantwortung und der Wunsch, selbst der Wichtigste zu sein, sind nicht dasselbe. Jesus hatte seinen Jüngern erklärt, dass Größe unter seinen Nachfolgern anders verstanden werden soll als unter den Herrschern dieser Welt. Während weltliche Machthaber ihre Stellung häufig dazu nutzen, über andere zu bestimmen, soll derjenige, der unter den Jüngern groß sein möchte, den anderen dienen (Markus 10,42–45). Damit verbietet Jesus nicht jede Form von Leitung oder Verantwortung. Er verändert vielmehr ihren Maßstab. Wer Verantwortung trägt, soll sie zum Wohl anderer einsetzen und nicht dazu, die eigene Bedeutung hervorzuheben. An diesem Maßstab wird erkennbar, weshalb das Verhalten des Diotrephes so schwer wiegt.
Im zehnten Vers beschreibt Johannes genauer, wie sich dessen Haltung äußert. Zunächst wirft er ihm vor, den Ältesten und seine Mitarbeiter mit bösen Worten zu verleumden. Der Konflikt besteht also nicht nur darin, dass Diotrephes mit einem Anliegen nicht einverstanden ist. Er spricht auf eine Weise über andere, die ihrem Ansehen schadet. Welche einzelnen Behauptungen er verbreitete, erfahren wir nicht. Deshalb wäre es unbegründet, ihm bestimmte Aussagen zuzuschreiben. Der Text macht jedoch deutlich, dass Johannes seine Worte als böswillig und verwerflich beurteilt.
Besonders ernst wird die Angelegenheit dadurch, dass Diotrephes es bei diesen Worten nicht belässt. Er verweigert selbst die Aufnahme der reisenden Brüder und hindert außerdem andere daran, ihnen Gastfreundschaft zu erweisen. Damit greift er unmittelbar in die Entscheidungen seiner Glaubensgeschwister ein. Menschen, die helfen möchten, werden daran gehindert, ihrer Überzeugung entsprechend zu handeln. Seine persönliche Ablehnung bleibt somit nicht auf ihn selbst beschränkt, sondern wird anderen innerhalb der Gemeinde auferlegt.
Schließlich berichtet Johannes, dass Diotrephes diejenigen, die zur Aufnahme der Brüder bereit sind, sogar aus der Gemeinde stößt. Das ist der schwerwiegendste der genannten Vorwürfe. Die Ausgrenzung trifft nicht Menschen, denen hier eine falsche Lehre oder ein unmoralisches Verhalten vorgeworfen wird. Nach der Darstellung des Ältesten richtet sie sich vielmehr gegen Glaubensgeschwister, die bereit sind, andere Christen aufzunehmen. Ein Mittel, mit dem eine Gemeinde grundsätzlich ihre Gemeinschaft schützen könnte, wird hier offenbar eingesetzt, um die Entscheidungen eines einflussreichen Mannes durchzusetzen. Der Brief erläutert nicht, wie dieser Ausschluss im Einzelnen vollzogen wurde. Sein Ernst liegt jedoch darin, dass Menschen wegen ihrer Hilfsbereitschaft von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.
An diesem Punkt wird deutlich, weshalb Johannes das Verhalten des Diotrephes nicht als unbedeutende persönliche Meinungsverschiedenheit behandelt. Es betrifft den Umgang mit der Wahrheit, die Freiheit der Glaubensgeschwister, nach ihrer Überzeugung Gutes zu tun, und den Zusammenhalt der Gemeinde. Wo eine Person ihre Stellung dazu nutzt, andere einzuschüchtern oder auszugrenzen, kann die Gemeinschaft ihren eigentlichen Auftrag aus dem Blick verlieren. Die Interessen eines Einzelnen beginnen dann darüber zu bestimmen, wer Anerkennung findet und wer nicht.
Bemerkenswert ist auch die Reaktion des Ältesten. Er kündigt an, Diotrephes bei einem persönlichen Besuch dessen Werke vorzuhalten. Er möchte das Geschehen also nicht einfach übergehen, sondern das beanstandete Verhalten ausdrücklich zur Sprache bringen. Dabei konzentriert er sich auf die konkreten Handlungen des Mannes. Der Text berichtet weder von einer bereits ausgesprochenen Strafe noch davon, welche weiteren Schritte Johannes unternehmen würde. Er zeigt jedoch, dass geistliche Verantwortung auch die Bereitschaft einschließt, schädliches Verhalten anzusprechen, selbst wenn es von einer einflussreichen Person ausgeht.
Diese Haltung lässt sich mit der Anweisung Jesu in Matthäus 18,15–17 verbinden, nach der Schuld nicht gleichgültig hingenommen, sondern auf angemessene Weise angesprochen werden soll. Die dort beschriebene Vorgehensweise darf allerdings nicht ohne Weiteres mit der konkreten Situation des Diotrephes gleichgesetzt werden. Johannes schildert hier bereits öffentlich wirksames Verhalten, das die Gemeinschaft betrifft. Sein angekündigtes Eingreifen zeigt, dass es Situationen gibt, in denen Schweigen nicht zur Bewahrung des Friedens beiträgt, sondern bestehendes Unrecht bestehen lässt.
Die beiden Verse enthalten damit eine ernste Warnung vor einem Einfluss, der sich nicht mehr am Dienst für andere orientiert. Eine geistliche Stellung macht das Verhalten eines Menschen nicht automatisch richtig. Ebenso wenig kann der Wunsch, innerhalb einer Gemeinde die Kontrolle zu behalten, rechtfertigen, andere durch Verleumdung, Verbote oder Ausgrenzung zu schädigen. Entscheidend bleibt, ob jemand seine Verantwortung in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ausübt.
Doch der Brief bleibt nicht bei diesem negativen Beispiel stehen. Johannes führt seinen Leser anschließend zu einer grundsätzlichen Entscheidung: Welchen Menschen und welchem Verhalten soll ein Christ nacheifern? Die Antwort darauf verbindet er mit einem weiteren Mann, dessen Leben ein ganz anderes Zeugnis erkennen lässt.
3. Johannes 1,11–12
Das Gute nachahmen und glaubwürdige Vorbilder erkennen
Nach der ernsten Schilderung des Diotrephes richtet sich der Älteste wieder unmittelbar an Gajus. Mit der vertrauten Anrede „Mein Lieber“ führt er ihn zu einer grundsätzlichen Entscheidung, die weit über den geschilderten Konflikt hinausreicht: „ahme nicht das Böse nach, sondern das Gute!“ (Vers 11). Damit erinnert er Gajus daran, dass das Verhalten anderer Menschen niemals allein deshalb zum Vorbild werden darf, weil diese innerhalb einer Gemeinschaft Einfluss besitzen. Entscheidend ist nicht, welche Stellung jemand einnimmt, sondern ob sein Handeln mit dem Willen Gottes übereinstimmt.
Das Nachahmen bezeichnet hier mehr als die gelegentliche Übernahme einer einzelnen Gewohnheit. Menschen lassen sich von dem prägen, was sie bei anderen beobachten und bewundern. Besonders einflussreiche Persönlichkeiten können dadurch bestimmen, welche Verhaltensweisen innerhalb einer Gemeinschaft Anerkennung finden. Johannes fordert Gajus deshalb auf, seine Orientierung bewusst am Guten auszurichten. Er soll sich nicht von einem schlechten Beispiel beeinflussen lassen, selbst wenn dieses von jemandem ausgeht, der innerhalb der Gemeinde eine bedeutende Stellung beansprucht. Die Aufforderung bedeutet allerdings nicht, dass Gajus bereits begonnen hätte, Diotrephes nachzueifern. Vielmehr bestärkt der Älteste ihn darin, den richtigen Weg auch angesichts solcher Widerstände beizubehalten.
Anschließend begründet Johannes seine Ermahnung mit einer Aussage über die Beziehung des Menschen zu Gott: „Wer Gutes tut, der ist von Gott; wer Böses tut, hat Gott nicht gesehen.“ Damit spricht er nicht lediglich über gesellschaftlich erwünschtes Verhalten. Er verbindet die Lebensführung eines Menschen mit seiner geistlichen Herkunft. Wer von Gott ist, gehört zu ihm und lebt in einer Beziehung, die sein Denken und Handeln verändern soll. Das Gute, von dem Johannes spricht, ist deshalb nicht einfach das Ergebnis einer freundlichen Persönlichkeit oder einer guten Erziehung. Im Zusammenhang seiner Briefe geht es um ein Leben, das sich an Gottes Wahrheit und seinen Geboten orientiert und besonders in der Liebe zum Mitmenschen sichtbar wird.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Johannes behauptet nicht, dass ein Mensch durch gute Werke die Zugehörigkeit zu Gott verdient. Ebenso wenig erklärt er, dass jeder Christ, der einmal falsch handelt, dadurch sofort seine Beziehung zu Gott verloren habe. Im ersten Johannesbrief stellt er ausdrücklich fest, dass Menschen sündigen und auf Gottes Vergebung angewiesen bleiben (1. Johannes 1,8–9). Zugleich warnt er davor, ein Leben in bewusster Sünde mit einer echten Gemeinschaft mit Gott zu vereinbaren (1. Johannes 3,6–10). Entscheidend ist somit die grundlegende Ausrichtung des Lebens. Gute Werke sind nicht der Preis, den ein Mensch für Gottes Annahme bezahlen muss, sondern Ausdruck dessen, was Gottes Wirken in ihm hervorbringt.
Besonders eindringlich ist die Aussage, dass derjenige, der Böses tut, Gott nicht gesehen hat. Johannes meint damit nicht, dass ein solcher Mensch Gott niemals mit seinen körperlichen Augen erblickt habe. Nach Johannes 1,18 hat ohnehin kein Mensch Gott in seiner ganzen göttlichen Wirklichkeit gesehen. In der Sprache der Johannesbriefe kann das Sehen Gottes vielmehr eine tiefere geistliche Bedeutung besitzen: Gott wirklich erkennen und in einer lebendigen Beziehung zu ihm stehen. Wer sich dauerhaft vom Bösen bestimmen lässt, zeigt durch sein Verhalten, dass er Gottes Wesen und Willen nicht wirklich verstanden und angenommen hat. Eine bloße Behauptung, Gott zu kennen, genügt deshalb nicht, wenn das eigene Leben dieser Behauptung widerspricht.
Im zwölften Vers folgt auf diese grundsätzliche Ermahnung ein konkretes positives Beispiel. Johannes erwähnt einen Mann namens Demetrius, über den er ein außergewöhnlich gutes Zeugnis ablegt. Über seine Herkunft und seine Aufgaben erfahren wir nichts Sicheres. Manche Ausleger vermuten, dass er den Brief zu Gajus brachte und deshalb eine persönliche Empfehlung benötigte. Das wäre angesichts der damaligen Briefübermittlung durchaus vorstellbar, wird jedoch nicht ausdrücklich gesagt. Auch eine Gleichsetzung mit dem gleichnamigen Silberschmied aus Apostelgeschichte 19,24 lässt sich nicht begründen. Der Verfasser richtet unsere Aufmerksamkeit vielmehr auf etwas anderes: Demetrius ist ein Mann, dessen Leben Vertrauen verdient.
Johannes nennt mehrere Gründe für diese Einschätzung. Zunächst wird Demetrius von allen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Das bedeutet nicht zwingend, dass jeder Mensch, der irgendwo von ihm gehört hatte, ihn persönlich kannte oder bewunderte. Gemeint sind naheliegenderweise die Menschen seines Umfeldes, die seinen Charakter und seine Lebensführung beurteilen konnten. Sein guter Ruf beruht somit nicht allein auf einer eigenen Darstellung. Andere haben sein Verhalten erlebt und können bestätigen, dass er vertrauenswürdig ist. Eine solche Anerkennung gewinnt besondere Bedeutung, wenn sie über einen längeren Zeitraum durch beständige Treue entstanden ist.
Anschließend fügt Johannes eine ungewöhnliche Formulierung hinzu: Auch „die Wahrheit selbst“ legt ein gutes Zeugnis für Demetrius ab. Was bedeutet es, dass die Wahrheit Zeugnis geben kann? Eine naheliegende Erklärung ergibt sich aus dem Zusammenhang der Johannesbriefe. Gottes Wahrheit ist nicht nur etwas, das ein Mensch mit Worten bekennt. Sie gibt auch den Maßstab vor, an dem sich sein Leben beurteilen lässt. Wenn Demetrius in Übereinstimmung mit dieser Wahrheit handelt, bestätigt sein Lebenswandel die Glaubwürdigkeit seines Bekenntnisses. Sein guter Ruf beruht dann nicht bloß darauf, dass andere Menschen ihn mögen, sondern darauf, dass sein Verhalten dem entspricht, was Gott durch sein Wort lehrt. Manche Ausleger verstehen die Wendung darüber hinaus als Hinweis auf das Zeugnis des Heiligen Geistes, der als Geist der Wahrheit bezeichnet wird (Johannes 15,26). Diese Deutung ist möglich, wird hier aber nicht ausdrücklich erklärt. Sicher ist, dass Johannes das menschliche Lob durch einen Maßstab ergänzt, der über persönliche Sympathie hinausgeht.
Schließlich fügt der Älteste sein eigenes Zeugnis hinzu. Auch er und diejenigen, die mit ihm verbunden sind, bestätigen den guten Ruf des Demetrius. Dabei erinnert er Gajus daran, dass dieser die Wahrhaftigkeit ihres Zeugnisses kennt. Die persönliche Vertrauensbeziehung zwischen Absender und Empfänger erhält hier eine praktische Bedeutung. Gajus muss nicht allein auf die Behauptung eines ihm möglicherweise unbekannten Mannes vertrauen, sondern erhält die ausdrückliche Empfehlung eines Menschen, dessen Urteil er aus eigener Erfahrung einschätzen kann. So entsteht ein glaubwürdiges Gesamtbild, das durch die Aussagen anderer, die Übereinstimmung mit Gottes Wahrheit und das persönliche Zeugnis des Ältesten getragen wird.
Der Gegensatz zwischen den beiden Männern macht deutlich, woran sich geistliche Glaubwürdigkeit erkennen lässt. Diotrephes möchte selbst im Mittelpunkt stehen, während Demetrius durch das Zeugnis anderer Anerkennung findet. Der eine versucht, seinen Einfluss durchzusetzen; der andere wird empfohlen, weil sein Leben Vertrauen verdient. Johannes zeigt damit, dass wahre geistliche Autorität nicht einfach aus einer beanspruchten Stellung erwächst. Sie gewinnt ihre Glaubwürdigkeit dadurch, dass ein Mensch in Übereinstimmung mit Gottes Wahrheit lebt und sich sein Verhalten auch im Urteil anderer bewährt.
Mit dieser Empfehlung endet die eigentliche Auseinandersetzung mit den Personen und Ereignissen, die den Anlass des Briefes bilden. Was der Älteste darüber hinaus noch mitteilen möchte, behält er sich für eine persönliche Begegnung vor. Seine abschließenden Worte lassen erkennen, welchen Wert er dem unmittelbaren Gespräch und der Gemeinschaft zwischen Glaubensgeschwistern beimisst.
3. Johannes 1,13–14
Persönliche Gemeinschaft, Frieden und abschließende Grüße
Zum Ende seines Briefes macht der Älteste eine bemerkenswerte Aussage: „Ich hätte dir vieles zu schreiben“ (Vers 13). Obwohl er bereits wichtige Anliegen angesprochen hat, gibt es offenbar noch weitere Dinge, die er mit Gajus besprechen möchte. Welche Fragen oder Ereignisse er dabei im Einzelnen im Sinn hat, erfahren wir nicht. Es liegt nahe, dass auch die schwierige Situation innerhalb der Gemeinde eine Rolle spielt. Der Text legt sich darauf jedoch nicht fest. Statt seine Gedanken ausführlich niederzuschreiben, entscheidet sich der Verfasser bewusst dafür, das Gespräch bei einer persönlichen Begegnung fortzusetzen.
Wenn Johannes erklärt, dass er nicht mit „Tinte und Feder“ weiterschreiben möchte, bezieht er sich auf die gewöhnlichen Schreibmittel seiner Zeit. Briefe wurden damals häufig mit Tinte und einem zugespitzten Schreibrohr auf Papyrus geschrieben. Solche Schreiben waren eine wichtige Möglichkeit, über größere Entfernungen miteinander in Verbindung zu bleiben. Dennoch konnten sie ein persönliches Gespräch nicht vollständig ersetzen. Der Verfasser lehnt die schriftliche Mitteilung nicht grundsätzlich ab, schließlich hat er selbst diesen Brief verfasst. Vielmehr entscheidet er, dass er seine weiteren Anliegen lieber unmittelbar mit Gajus besprechen möchte.
Im vierzehnten Vers wird diese Absicht genauer erkennbar. Der Älteste hofft, seinen Freund bald wiederzusehen, damit sie mündlich miteinander reden können. In der ursprünglichen griechischen Formulierung steht wörtlich der Gedanke, von Mund zu Mund zu sprechen. Damit ist ein unmittelbares Gespräch von Angesicht zu Angesicht gemeint. Die persönliche Begegnung eröffnet Möglichkeiten, die einem Brief fehlen. Fragen können direkt beantwortet, Missverständnisse geklärt und schwierige Angelegenheiten gemeinsam besprochen werden. Gerade dort, wo unterschiedliche Menschen, Erwartungen und Konflikte eine Rolle spielen, kann ein solches Gespräch besonders wertvoll sein.
Dabei fällt auf, dass der Verfasser seine Absicht als Hoffnung ausdrückt. Er kündigt keinen bereits feststehenden Besuch an, sondern rechnet damit, Gajus in absehbarer Zeit sehen zu können. Ob diese Begegnung tatsächlich zustande kam, berichtet das Neue Testament nicht. Wir sollten deshalb weder eine spätere Reise noch den Ausgang der zuvor beschriebenen Auseinandersetzung als bekannte Tatsache darstellen. Der Brief endet mit einer persönlichen Erwartung, deren weitere Erfüllung für uns offenbleibt.
Die letzten Worte beginnen mit einem kurzen, aber bedeutungsvollen Wunsch: „Friede sei mit dir!“ (Vers 15). Der Friede gehört zu den zentralen Segenswünschen des Neuen Testaments. Er meint nicht nur die Abwesenheit äußerer Streitigkeiten, sondern kann auch die innere Ruhe und Geborgenheit umfassen, die aus dem Vertrauen auf Gott erwachsen. Jesus selbst spricht seinen Jüngern einen Frieden zu, der sich von dem unterscheidet, was die Welt geben kann (Johannes 14,27). Vor diesem biblischen Hintergrund erhält der Gruß eine besondere Tiefe. Der Älteste wünscht Gajus nicht einfach einen angenehmen Alltag, sondern spricht ihm einen Frieden zu, der seinen Ursprung in Gott hat.
Angesichts der zuvor beschriebenen Spannungen ist dieser Wunsch besonders passend. Dennoch dürfen wir ihn nicht zu einer ausdrücklichen Aussage über den Ausgang des Konflikts mit Diotrephes machen. Johannes verspricht weder, dass alle Schwierigkeiten bald verschwinden werden, noch erklärt er, wie sich die Beziehungen innerhalb der Gemeinde entwickeln sollen. Der Friedensgruß steht vielmehr als persönliche Segenszusage am Ende seines Schreibens. Er erinnert daran, dass auch dort, wo ungelöste Probleme bestehen, Gottes Friede für die Gläubigen von Bedeutung bleibt.
Anschließend übermittelt der Verfasser Grüße von den Freunden, die sich offenbar in seiner Umgebung befinden. Gajus soll seinerseits die Freunde grüßen, und zwar jeden persönlich mit Namen. Auffällig ist, dass Johannes hier das Wort „Freunde“ verwendet. Es betont die persönliche Verbundenheit, ohne dass daraus auf einen bestimmten organisatorischen Zusammenschluss oder eine besondere Gruppe innerhalb der Gemeinde geschlossen werden könnte. Die Menschen, die durch ihren Glauben miteinander verbunden sind, begegnen einander nicht nur als Mitglieder einer größeren Gemeinschaft, sondern auch als einzelne Personen, die einander kennen und wertschätzen.
Die abschließende Bitte, jeden mit Namen zu grüßen, verleiht diesem Gedanken eine besondere Anschaulichkeit. Johannes begnügt sich nicht mit einem unpersönlichen Gruß an eine unbekannte Menge. Er möchte, dass die Grüße die einzelnen Menschen erreichen, auch wenn ihre Namen im Brief nicht aufgeschrieben werden. Darin kommt eine Aufmerksamkeit zum Ausdruck, die in größeren Gemeinschaften leicht verloren gehen kann. Jeder Einzelne soll sich persönlich angesprochen wissen.
So endet der dritte Johannesbrief nicht mit einer weiteren Anweisung oder einer neuen Auseinandersetzung, sondern mit der Aussicht auf ein Wiedersehen und dem Austausch persönlicher Grüße. Manche Fragen bleiben unbeantwortet, und die weitere Entwicklung der geschilderten Ereignisse ist uns nicht bekannt. Doch die Schlussworte lassen erkennen, wie wichtig dem Verfasser die unmittelbaren Beziehungen zwischen den Glaubensgeschwistern sind. Selbst ein kurzer Brief kann Ausdruck einer Verbundenheit sein, die über räumliche Entfernung hinaus Bestand hat und sich nach persönlicher Gemeinschaft sehnt.
Geistliche Kernbotschaft
Wahrer Glaube zeigt sich nicht allein darin, dass ein Mensch Gottes Wahrheit kennt oder sich zu ihr bekennt. Er soll auch die Art verändern, wie dieser Mensch mit anderen umgeht, Verantwortung übernimmt und Entscheidungen trifft. Der dritte Johannesbrief macht diese Verbindung besonders anschaulich. Wahrheit und Liebe gehören im christlichen Leben zusammen. Die Wahrheit gibt der Liebe ihre Richtung, während die Liebe sichtbar macht, dass Gottes Wort nicht nur verstanden, sondern auch im Herzen angenommen wurde.
Dabei offenbart sich ein grundlegender Unterschied zwischen menschlichem Ansehen und geistlicher Reife. Ein Mensch kann innerhalb einer Gemeinde großen Einfluss besitzen und dennoch dem Wesen Jesu widersprechen. Umgekehrt kann jemand durch unscheinbare Dienste einen wertvollen Beitrag zu Gottes Werk leisten, ohne dafür besondere Anerkennung zu erhalten. Vor Gott entscheidet nicht die Größe der Aufgabe über ihren Wert, sondern die Haltung, aus der sie geschieht, und ihre Übereinstimmung mit seinem Willen.
Der Brief führt damit zu einer tieferen Frage nach dem Mittelpunkt unseres Glaubens. Geht es uns darum, selbst Bedeutung zu gewinnen, unsere Vorstellungen durchzusetzen und von anderen anerkannt zu werden? Oder möchten wir, dass Gottes Wahrheit Raum gewinnt und andere Menschen durch unser Verhalten gestärkt werden? Wo Christus zum Mittelpunkt wird, verliert das eigene Ansehen seinen beherrschenden Anspruch. Der Mensch muss nicht mehr um jeden Preis der Erste sein, sondern kann sich darüber freuen, wenn durch seinen Dienst etwas Gutes entsteht.
Zugleich zeigt das Schreiben, dass ein Leben in der Wahrheit nicht bedeutet, Schwierigkeiten und Fehlverhalten schweigend hinzunehmen. Liebe schließt die Verantwortung ein, Unrecht zu erkennen und ihm auf angemessene Weise zu begegnen. Sie sucht nicht den Streit, aber sie opfert auch nicht die Wahrheit, nur um einen äußerlich friedlichen Eindruck zu bewahren. Echte Gemeinschaft braucht deshalb sowohl ein liebevolles Herz als auch die Bereitschaft, sich an Gottes Maßstäben ausrichten zu lassen.
Im Mittelpunkt steht letztlich ein Glaube, der Beziehungen verändert. Gottes Wirken im Menschen soll nicht bei dessen persönlichem geistlichem Leben stehen bleiben. Es soll auch anderen zugutekommen. Wo Menschen Christus vertrauen, einander unterstützen, verantwortungsvoll handeln und dem Guten treu bleiben, wird etwas von Gottes Wesen in ihrem gemeinsamen Leben erkennbar.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine besonders wichtige Verbindung besteht zum zweiten Johannesbrief. Dort warnt der Verfasser davor, Menschen aufzunehmen und in ihrer Tätigkeit zu fördern, wenn sie nicht in der Lehre Christi bleiben (2. Johannes 1,9–11). Der dritte Johannesbrief betont dagegen die Verantwortung, treue Verkündiger zu unterstützen. Beide Schreiben ergänzen sich, weil sie unterschiedliche Situationen behandeln. Christliche Gastfreundschaft soll nicht dazu führen, dass falsche Lehren bewusst gefördert werden. Ebenso wenig darf die notwendige Wachsamkeit gegenüber Irrlehren als Vorwand dienen, treuen Glaubensgeschwistern die Hilfe zu verweigern. Entscheidend ist, wem die Unterstützung dient und welche Botschaft dadurch weitergetragen wird. Die Warnung des zweiten Briefes ist deshalb kein allgemeines Verbot, Menschen anderer Überzeugungen freundlich zu begegnen. Sie betrifft die Beteiligung an der Verbreitung einer Lehre, die der Verfasser zurückweist.
In 1. Johannes 3,16–18 wird die Liebe besonders eng mit praktischer Hilfe verbunden. Dort wird gefragt, wie Gottes Liebe in einem Menschen bleiben kann, wenn er die Not seines Bruders sieht und sein Herz vor ihm verschließt. Die Gläubigen werden aufgefordert, nicht nur mit Worten, sondern in Tat und Wahrheit zu lieben. Der dritte Johannesbrief führt diesen Gedanken anhand einer konkreten Situation weiter. Er zeigt, wie aus christlicher Liebe tatsächliche Unterstützung entstehen kann. Beide Texte machen deutlich, dass die Liebe zum Nächsten nicht bei guten Absichten stehen bleiben darf, wenn wir die Möglichkeit besitzen, wirksam zu helfen.
Eine weitere Verbindung führt zu den Worten Jesu in Matthäus 10,40–42. Dort erklärt Jesus seinen Jüngern, dass die Aufnahme seiner Boten in enger Beziehung zur Aufnahme seiner eigenen Person steht. Selbst eine geringe Hilfeleistung, wie ein Becher kaltes Wasser für einen seiner Jünger, wird von ihm nicht übersehen. Diese Worte geben dem scheinbar unscheinbaren Dienst eine besondere Würde. Nicht allein derjenige, der öffentlich verkündigt, steht im Blickfeld Gottes. Auch Menschen, die andere in seinem Auftrag unterstützen, können ihm damit dienen. Die beiden Texte behandeln unterschiedliche Situationen, stimmen jedoch darin überein, dass Hilfe für Gottes Diener geistliche Bedeutung besitzt.
Auch Paulus beschreibt in Philipper 4,14–18 eine solche Zusammenarbeit. Die Gemeinde in Philippi hatte ihn während seines Dienstes materiell unterstützt. Paulus betrachtet diese Gaben nicht lediglich als persönliche Erleichterung, sondern als Ausdruck ihrer Beteiligung an seiner Arbeit. Besonders bemerkenswert ist, dass er ihre Unterstützung als ein Gott wohlgefälliges Opfer bezeichnet. Dadurch wird verständlich, weshalb praktische und geistliche Aufgaben im Neuen Testament nicht als voneinander getrennte Bereiche behandelt werden. Eine Gabe kann zunächst einem menschlichen Bedürfnis begegnen und zugleich dem Dienst an Gott zugutekommen.
Für den Umgang mit geistlicher Verantwortung ist 1. Petrus 5,2–3 aufschlussreich. Petrus fordert die Ältesten auf, die ihnen anvertraute Gemeinde bereitwillig zu betreuen und nicht über die Menschen zu herrschen, sondern ihnen Vorbilder zu sein. Damit beschreibt er eine Verantwortung, die sich nicht durch Zwang oder persönliche Überlegenheit rechtfertigt. Diese Anweisung ergänzt die Lehre Jesu aus Markus 10,42–45, nach der wahre Größe im Dienen sichtbar wird. Zusammengenommen zeigen diese Stellen, dass christliche Leitung dem Wohl der Menschen dienen soll. Sie darf nicht dazu benutzt werden, die eigene Stellung gegen andere abzusichern.
Schließlich erinnert Jakobus 3,13 daran, dass wahre Weisheit an einem guten Lebenswandel und an Werken erkennbar werden soll, die in Sanftmut geschehen. In den folgenden Versen unterscheidet Jakobus zwischen einer Haltung, die von Neid und Selbstsucht bestimmt ist, und der Weisheit von oben, die friedfertig, gütig und voller Barmherzigkeit ist. Diese Gegenüberstellung hilft, die tiefere geistliche Bedeutung menschlichen Verhaltens innerhalb einer Glaubensgemeinschaft zu verstehen. Nicht jeder, der selbstbewusst auftritt oder großen Einfluss ausübt, handelt deshalb aus göttlicher Weisheit. Wo dagegen Demut, Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit zusammenkommen, werden Eigenschaften sichtbar, die zur Weisheit Gottes gehören.
Wichtige Lektionen
Eine wichtige Lehre dieses Briefes besteht darin, dass wir die Menschen, denen wir helfen können, nicht ausschließlich nach persönlicher Nähe beurteilen sollten. Es fällt oft leicht, Freunde oder vertraute Menschen zu unterstützen. Schwieriger wird es, wenn jemand unsere Hilfe benötigt, zu dem wir bislang keine Beziehung haben. Christliche Liebe fordert uns heraus, auch über unseren gewohnten Kreis hinauszusehen. Das bedeutet nicht, jedem Wunsch ungeprüft nachzukommen. Vielmehr sollen wir aufmerksam erkennen, wo wirkliche Bedürfnisse bestehen und wir mit unseren Möglichkeiten sinnvoll helfen können.
Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass niemand eine öffentlich sichtbare Aufgabe übernehmen muss, um einen wertvollen Beitrag zu leisten. Nicht jeder kann predigen, unterrichten oder größere Verantwortung innerhalb einer Gemeinde tragen. Manche Menschen besitzen jedoch die Möglichkeit, andere durch Zeit, praktische Arbeit, finanzielle Mittel, Ermutigung oder persönliche Fürsorge zu unterstützen. Solche Dienste werden leicht unterschätzt, weil sie wenig Aufmerksamkeit erhalten. Der Brief ermutigt uns, ihren Wert nicht an öffentlicher Anerkennung zu messen. Manchmal ermöglichen gerade die Menschen im Hintergrund, dass eine wichtige Aufgabe überhaupt erfüllt werden kann.
Besondere Aufmerksamkeit verdient unser Umgang mit Einfluss und Verantwortung. Wer andere Menschen leitet, sollte regelmäßig prüfen, ob seine Entscheidungen tatsächlich ihrem Wohl dienen. Werden ihre Anliegen ernst genommen? Dürfen sie berechtigte Fragen stellen und anderer Meinung sein? Wird Kritik sachlich behandelt, oder entsteht Druck, sich einer einzelnen Person unterzuordnen? Wo Menschen aus Angst schweigen oder gute Handlungen unterlassen, weil sie negative Folgen befürchten, besteht Anlass, die ausgeübte Autorität kritisch zu hinterfragen. Geistliche Verantwortung darf nicht dazu dienen, persönliche Macht unangreifbar zu machen.
Auch für den Umgang mit Konflikten enthält der Brief eine wichtige Orientierung. Es ist notwendig, zwischen einer ehrlichen Meinungsverschiedenheit und einem Verhalten zu unterscheiden, das anderen tatsächlich schadet. Nicht jede unterschiedliche Auffassung rechtfertigt einen schweren Vorwurf. Werden Menschen jedoch verleumdet, eingeschüchtert oder ungerecht ausgegrenzt, reicht es nicht immer aus, auf eine selbstständige Besserung der Situation zu hoffen. Dann kann es erforderlich sein, das Verhalten klar anzusprechen und die Betroffenen zu schützen. Dabei sollen die tatsächlichen Handlungen im Mittelpunkt stehen, nicht unbelegte Vermutungen über verborgene Absichten.
Für die Wahl unserer Vorbilder ergibt sich daraus eine weitere praktische Frage. Lassen wir uns vor allem von Menschen beeindrucken, die überzeugend sprechen, eine hohe Stellung besitzen oder große Anerkennung genießen? Oder achten wir darauf, wie sie sich gegenüber Schwächeren verhalten, mit Kritik umgehen und ihre Verantwortung ausüben? Ein guter Ruf kann ein wertvoller Hinweis auf einen glaubwürdigen Charakter sein, doch auch er muss sich an Gottes Wort messen lassen. Wir sollten Menschen weder vorschnell verurteilen noch ihnen allein aufgrund ihres Ansehens blind vertrauen.
Schließlich erinnert uns der persönliche Abschluss des Briefes daran, Beziehungen nicht auf die Erfüllung gemeinsamer Aufgaben zu reduzieren. Gerade wenn Menschen viel miteinander arbeiten, können Gespräche irgendwann nur noch aus organisatorischen Fragen, Erwartungen und Problemen bestehen. Doch christliche Gemeinschaft lebt auch davon, dass wir einander als Menschen wahrnehmen. Persönliche Aufmerksamkeit, aufrichtige Anteilnahme und die Bereitschaft, ein schwieriges Gespräch unmittelbar zu führen, können Beziehungen stärken und Missverständnisse überwinden helfen.
Der dritte Johannesbrief lädt uns damit ein, den eigenen Glauben im Alltag zu prüfen. Nicht nur danach, welche Wahrheiten wir kennen, sondern auch danach, wie wir sie leben. Nicht nur danach, welche Aufgaben wir erfüllen, sondern auch danach, wie wir andere dabei behandeln. Ein Leben, das sich an Jesus Christus orientiert, sucht nicht zuerst den eigenen Vorteil. Es möchte das Gute fördern, der Wahrheit treu bleiben und Menschen mit jener Liebe begegnen, die Christus seinen Nachfolgern vorgelebt hat.