2. Samuel 4

Da aber der Sohn Sauls hörte, daß Abner zu Hebron tot wäre, wurden seine Hände laß, und ganz Israel erschrak.

12 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Da aber der Sohn Sauls hörte, daß Abner zu Hebron tot wäre, wurden seine Hände laß, und ganz Israel erschrak.
  2. 2 Es waren aber zwei Männer, Hauptleute der streifenden Rotten unter dem Sohn Sauls; einer hieß Baana, der andere Rechab, Söhne Rimmons, des Beerothiters, aus den Kindern Benjamin. (Denn Beeroth ward auch unter Benjamin gerechnet;
  3. 3 und die Beerothiter waren geflohen gen Gitthaim und wohnten daselbst gastweise bis auf den heutigen Tag.)
  4. 4 Auch hatte Jonathan, der Sohn Sauls, einen Sohn, der war lahm an den Füßen, und war fünf Jahre alt, da das Geschrei von Saul und Jonathan aus Jesreel kam und seine Amme ihn aufhob und floh; und indem sie eilte und floh, fiel er und ward hinkend; und er hieß Mephiboseth.
  5. 5 So gingen nun hin die Söhne Rimmons, des Beerothiters, Rechab und Baana, und kamen zum Hause Is-Boseths, da der Tag am heißesten war; und er lag auf seinem Lager am Mittag.
  6. 6 Und sie kamen ins Haus, Weizen zu holen, und stachen ihn in den Bauch und entrannen.
  7. 7 Denn da sie ins Haus kamen, lag er auf seinem Bette in seiner Schlafkammer; und sie stachen ihn tot und hieben ihm den Kopf ab und nahmen seinen Kopf und gingen hin des Weges auf dem Blachfelde die ganze Nacht
  8. 8 und brachten das Haupt Is-Boseths zu David gen Hebron und sprachen zum König: Siehe, da ist das Haupt Is-Boseths, Sauls Sohnes, deines Feindes, der nach deiner Seele stand; der HERR hat heute meinen Herrn, den König, gerächt an Saul und an seinem Samen.
  9. 9 Da antwortete ihnen David: So wahr der HERR lebt, der meine Seele aus aller Trübsal erlöst hat,
  10. 10 ich griff den, der mir verkündigte und sprach: Saul ist tot! und meinte, er wäre ein guter Bote, und erwürgte ihn zu Ziklag, dem ich sollte Botenlohn geben.
  11. 11 Und diese gottlosen Leute haben einen gerechten Mann in seinem Hause auf seinem Lager erwürgt. Ja, sollte ich das Blut nicht fordern von euren Händen und euch von der Erde tun?
  12. 12 Und David gebot seinen Jünglingen; die erwürgten sie und hieben ihre Hände und Füße ab und hingen sie auf am Teich zu Hebron. Aber das Haupt Is-Boseths nahmen sie und begruben's in Abners Grab zu Hebron.

Kapitel-Erklärung

Kurze Zusammenfassung

Dieses Kapitel berichtet vom Ende der Herrschaft des Hauses Sauls. Nachdem Abner gestorben ist, verliert Isch-Boscheth seinen wichtigsten Unterstützer und wird mutlos. Zwei seiner eigenen Heerführer dringen in sein Haus ein und ermorden ihn im Schlaf. Anschließend bringen sie seinen Kopf zu David und erwarten eine Belohnung.

Doch David reagiert völlig anders, als sie es sich vorgestellt haben. Er verurteilt ihre Tat und lässt die Mörder hinrichten. Damit macht er deutlich, dass Gottes Reich nicht durch Verrat, Mord oder menschliche Intrigen aufgebaut werden darf.

Die Hauptbotschaft des Kapitels lautet: Gottes Ziele dürfen niemals mit sündigen Mitteln erreicht werden.

Historischer Hintergrund

Nach Kapitel 3 ist Abner, der starke Heerführer des Hauses Sauls, tot. Damit verliert Isch-Boscheth praktisch seine politische und militärische Sicherheit.

David wird dagegen immer stärker. Dennoch greift er nicht selbst zur Gewalt, um die Herrschaft über ganz Israel an sich zu reißen. Er wartet weiterhin darauf, dass Gott seinen Plan erfüllt.

Das Kapitel bildet den Übergang zur endgültigen Vereinigung des Reiches unter David, die im nächsten Kapitel beschrieben wird.

Verse 1–3: Isch-Boscheth verliert den Mut

Als Isch-Boscheth erfährt, dass Abner tot ist, heißt es:

„Da sank ihm der Mut“

Seine Hoffnung beruhte offenbar mehr auf Abner als auf Gott.

Hier zeigt die Bibel einen wichtigen Grundsatz:

Wer seine Sicherheit auf Menschen baut, gerät ins Wanken, wenn diese Menschen wegfallen. Wer dagegen auf Gott vertraut, besitzt eine Grundlage, die bleibt.

Der Text erwähnt außerdem die Beerothiter und erklärt, warum sie zu Benjamin gerechnet wurden. Solche Angaben mögen zunächst nebensächlich erscheinen, zeigen aber die historische Genauigkeit des Berichts und helfen dem damaligen Leser, die Herkunft der beteiligten Personen zu verstehen.

Verse 4: Die Erwähnung Mephiboscheths

Plötzlich erwähnt die Bibel einen fünfjährigen Jungen:

Mephiboscheth, den Sohn Jonathans.

Als die Nachricht vom Tod Sauls und Jonathans eintraf, floh seine Amme voller Angst. Dabei ließ sie ihn fallen, sodass er dauerhaft gelähmt blieb.

Warum wird das hier erwähnt?

Die Bibel bereitet damit bereits eine spätere Geschichte vor. In Kapitel 9 wird David gerade diesem Mann außergewöhnliche Gnade erweisen.

Gleichzeitig zeigt der Vers, welche Folgen Angst und überstürztes Handeln haben können. Die Flucht sollte Leben retten, führte aber zu einer lebenslangen Behinderung des Kindes.

Verse 5–7: Der Mord an Isch-Boscheth

Die Brüder Rechab und Baana betreten das Haus Isch-Boscheths zur Mittagszeit.

Der König liegt im Bett und ruht.

Die Männer nutzen diesen Moment aus, töten ihn und schlagen ihm den Kopf ab.

Anschließend reisen sie die ganze Nacht hindurch zu David.

Ihre Tat ist besonders verwerflich:

  • Sie greifen einen wehrlosen Menschen an.

  • Sie handeln aus Eigennutz.

  • Sie erwarten persönlichen Gewinn.

  • Sie missbrauchen politische Umstände für ihren Vorteil.

Die Bibel berichtet diese Tat sachlich, aber sie billigt sie keineswegs.

Verse 8: Die Mörder erwarten eine Belohnung

Vor David sagen sie sinngemäß:

„Hier ist der Kopf Isch-Boscheths. Der Herr hat heute Rache für meinen Herrn, den König, genommen“

Sie berufen sich sogar auf Gott.

Das ist eine ernste Warnung:

Menschen können ihre eigenen Pläne mit religiösen Worten rechtfertigen und behaupten, sie handelten im Auftrag Gottes.

Doch nicht alles, was im Namen Gottes geschieht, entspricht auch Gottes Willen.

Verse 9–12: Davids Urteil

David erinnert die Männer zunächst an seine eigene Geschichte:

Gott hat mich aus aller Bedrängnis erlöst.

Damit macht er deutlich:

Ich musste mir den Thron nie durch Mord verschaffen. Gott selbst sorgt für seine Verheißungen.

Dann erinnert David an den Amalekiter aus Kapitel 1.

Dieser hatte behauptet, Saul getötet zu haben und erwartete ebenfalls eine Belohnung. Stattdessen wurde er hingerichtet.

David erklärt:

Wenn schon derjenige sterben musste, der behauptete, den Gesalbten des Herrn getötet zu haben, wie viel mehr diese Männer, die einen unschuldigen Menschen in seinem eigenen Haus ermordet haben.

Daraufhin lässt David sie hinrichten.

Ihre Hände und Füße werden abgehauen und öffentlich aufgehängt. Diese Strafe sollte zeigen, dass ihre Werkzeuge der Gewalttat gerichtet wurden und dass ein solches Verbrechen nicht geduldet wird.

Den Kopf Isch-Boscheths dagegen lässt David ehrenvoll im Grab Abners in Hebron bestatten.

Hier zeigt sich erneut sein Charakter:

Er verurteilt die Schuldigen, behandelt den Getöteten aber mit Würde.

Theologische Bedeutung

Dieses Kapitel verdeutlicht einen wichtigen Grundsatz der gesamten Bibel:

Der Zweck heiligt niemals die Mittel.

David wusste, dass Gott ihn zum König bestimmt hatte.

Dennoch akzeptierte er keinen Mord, der ihm scheinbar Vorteile brachte.

Viele Menschen meinen:

  • Das Ergebnis zählt.

  • Hauptsache, das Ziel wird erreicht.

Die Bibel lehrt dagegen:

Gottes Wege müssen mit Gottes Maßstäben übereinstimmen.

Sünde kann niemals ein Werkzeug sein, um Gottes Willen zu erfüllen.

Verbindung zu anderen Bibelstellen

  • 1. Samuel 24: David verschont Saul in der Höhle.

  • 1. Samuel 26: David verschont Saul ein zweites Mal.

  • Sprüche 3,5–6 lehrt, auf den Herrn zu vertrauen und sich nicht auf den eigenen Verstand zu verlassen.

  • Römer 12,19 erinnert daran: „Rächt euch nicht selbst, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes“

Historischer und kultureller Hintergrund

Im Alten Orient war die öffentliche Präsentation des Kopfes eines besiegten Königs ein Zeichen des vollständigen Sieges über dessen Herrschaft. Die beiden Mörder gingen deshalb davon aus, David werde ihren „Dienst“ als Loyalitätsbeweis ansehen.

David lehnt jedoch diese Denkweise ab. Für ihn steht nicht politischer Nutzen im Mittelpunkt, sondern Gerechtigkeit vor Gott.

Praktische Anwendung für heute

Dieses Kapitel fordert dazu auf, Gott zu vertrauen, auch wenn seine Verheißungen auf sich warten lassen. Ungeduld verleitet Menschen oft dazu, zu manipulieren, unehrlich zu handeln oder anderen zu schaden.

Außerdem warnt das Kapitel davor, religiöse Sprache zur Rechtfertigung eigener Interessen zu missbrauchen. Nicht alles, was mit „Gott wollte es so“ begründet wird, entspricht tatsächlich Gottes Willen.

Schließlich zeigt Davids Verhalten, dass ein Mensch nach Gottes Herzen nicht den eigenen Vorteil sucht, sondern das Richtige tut – selbst dann, wenn Ehrlichkeit oder Gerechtigkeit scheinbar Nachteile bringen.

Wichtige Lektionen

  • Gottes Verheißungen brauchen keine menschlichen Intrigen, um erfüllt zu werden.

  • Der Zweck heiligt niemals die Mittel.

  • Eigennutz kann Menschen zu schweren Sünden verleiten.

  • Wahre Gottesfurcht zeigt sich darin, auch dann gerecht zu handeln, wenn Ungerechtigkeit kurzfristig Vorteile bringen würde.

  • Gott richtet nicht nur das Ergebnis einer Tat, sondern auch die Motive und den Weg, auf dem sie geschieht.