1. Korinther 6

Wie darf jemand unter euch, so er einen Handel hat mit einem andern, hadern vor den Ungerechten und nicht vor den Heiligen?

20 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Wie darf jemand unter euch, so er einen Handel hat mit einem andern, hadern vor den Ungerechten und nicht vor den Heiligen?
  2. 2 Wißt ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden? So nun die Welt von euch soll gerichtet werden, seid ihr denn nicht gut genug, geringe Sachen zu richten?
  3. 3 Wisset ihr nicht, daß wir über die Engel richten werden? Wie viel mehr über die zeitlichen Güter.
  4. 4 Ihr aber, wenn ihr über zeitlichen Gütern Sachen habt, so nehmt ihr die, so bei der Gemeinde verachtet sind, und setzet sie zu Richtern.
  5. 5 Euch zur Schande muß ich das sagen: Ist so gar kein Weiser unter euch, auch nicht einer, der da könnte richten zwischen Bruder und Bruder?
  6. 6 sondern ein Bruder hadert mit dem andern, dazu vor den Ungläubigen.
  7. 7 Es ist schon ein Fehl unter euch, daß ihr miteinander rechtet. Warum laßt ihr euch nicht lieber Unrecht tun? warum laßt ihr euch nicht lieber übervorteilen?
  8. 8 Sondern ihr tut Unrecht und übervorteilt, und solches an den Brüdern!
  9. 9 Wisset ihr nicht, daß die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasset euch nicht verführen! Weder die Hurer noch die Abgöttischen noch die Ehebrecher noch die Weichlinge noch die Knabenschänder
  10. 10 noch die Diebe noch die Geizigen noch die Trunkenbolde noch die Lästerer noch die Räuber werden das Reich Gottes ererben.
  11. 11 Und solche sind euer etliche gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des HERRN Jesu und durch den Geist unsers Gottes.
  12. 12 Ich habe alles Macht; es frommt aber nicht alles. Ich habe alles Macht; es soll mich aber nichts gefangen nehmen.
  13. 13 Die Speise dem Bauche und der Bauch der Speise; aber Gott wird diesen und jene zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem HERRN, und der HERR dem Leibe.
  14. 14 Gott aber hat den HERRN auferweckt und wird uns auch auferwecken durch seine Kraft.
  15. 15 Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Christi Glieder sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne!
  16. 16 Oder wisset ihr nicht, daß, wer an der Hure hangt, der ist ein Leib mit ihr? Denn “es werden”, spricht er, “die zwei ein Fleisch sein.”
  17. 17 Wer aber dem HERRN anhangt, der ist ein Geist mit ihm.
  18. 18 Fliehet der Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außer seinem Leibe; wer aber hurt, der sündigt an seinem eigenen Leibe.
  19. 19 Oder wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, welchen ihr habt von Gott, und seid nicht euer selbst.
  20. 20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum so preist Gott an eurem Leibe und in eurem Geiste, welche sind Gottes.

Kapitelüberblick

Ein Rechtsstreit zwischen Christen wird für Paulus zum Anlass, eine grundlegende Frage zu stellen: Wie sollen Menschen miteinander umgehen, die durch Jesus Christus zu Gottes Volk gehören? Er kritisiert, dass Gläubige einander vor Außenstehenden verklagen, obwohl sie eines Tages selbst an Gottes Gericht beteiligt sein werden. Statt ihre eigenen Ansprüche um jeden Preis durchzusetzen, sollen sie nach Weisheit, Gerechtigkeit und einem versöhnlichen Umgang miteinander streben.

Paulus warnt außerdem davor, in einem Leben der Ungerechtigkeit zu verharren und dennoch selbstverständlich auf das Reich Gottes zu hoffen. Zugleich erinnert er an die verändernde Kraft des Evangeliums: Menschen, die früher in Sünde lebten, sind durch Jesus Christus gereinigt, geheiligt und gerechtfertigt worden.

Anschließend erklärt Paulus, dass christliche Freiheit nicht bedeutet, sich von den eigenen Begierden beherrschen zu lassen. Auch der menschliche Körper gehört Christus und ist zur Auferstehung bestimmt. Weil der Heilige Geist in den Gläubigen wohnt und sie durch Christus teuer erkauft worden sind, sollen sie Gott auch mit ihrem Körper verherrlichen.

Einführung

Schon in den vorhergehenden Kapiteln hat Paulus deutlich gemacht, dass das Zusammenleben der Christen in Korinth von erheblichen Spannungen geprägt war. Bereits zu Beginn seines Briefes berichtet er von rivalisierenden Gruppen innerhalb der Gemeinde (1. Korinther 1,10–12). Später bezeichnet er Neid und Streit als Zeichen geistlicher Unreife (1. Korinther 3,3). Unmittelbar vor dem sechsten Kapitel behandelt er einen schweren Fall sexuellen Fehlverhaltens, auf den die Gemeinde nicht angemessen reagiert hatte. Dabei unterscheidet er ausdrücklich zwischen der Verantwortung der Christen gegenüber ihren eigenen Gemeindemitgliedern und dem Gericht über Menschen außerhalb der Gemeinde (1. Korinther 5,12–13). Diese Unterscheidung bildet einen wichtigen Hintergrund für seine anschließende Argumentation.

Korinth war eine bedeutende römische Handelsstadt, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Stellung zusammenlebten. Rechtliche Auseinandersetzungen konnten im damaligen öffentlichen Leben nicht nur materielle Interessen, sondern auch Fragen von Einfluss und sozialem Ansehen berühren. Welche konkreten Ansprüche die streitenden Gemeindemitglieder gegeneinander erhoben, teilt Paulus allerdings nicht mit. Deshalb wäre es unangebracht, einen bestimmten Anlass oder Rechtsfall vorauszusetzen.

Für das Verständnis seiner Worte ist außerdem wichtig, wen Paulus als die „Heiligen“ bezeichnet. Bereits in der Anrede seines Briefes nennt er die Gläubigen „Geheiligte in Christus Jesus“ (1. Korinther 1,2). Damit behauptet er nicht, dass sie bereits fehlerlos wären. Ihre Heiligkeit beschreibt zunächst ihre Zugehörigkeit zu Gott und die Berufung, entsprechend dieser Beziehung zu leben. Gerade weil Paulus die Christen trotz ihrer erkennbaren Schwächen als Menschen betrachtet, die Gott gehören, erwartet er von ihnen geistliche Reife und Verantwortungsbewusstsein. Vor diesem Hintergrund beginnt seine eindringliche Auseinandersetzung mit den Rechtsstreitigkeiten innerhalb der Gemeinde.

1. Korinther 6,1–3

Wenn Christen gegeneinander streiten – ihre zukünftige Berufung zum Gericht

Mit einer ungewöhnlich scharfen Frage beginnt Paulus seine Auseinandersetzung mit den Rechtsstreitigkeiten innerhalb der Gemeinde. Er kann nicht verstehen, weshalb Christen ihre Streitigkeiten vor Menschen austragen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören, anstatt sich zunächst an ihre Glaubensgeschwister zu wenden. Seine Entrüstung richtet sich dabei nicht einfach gegen ein rechtliches Verfahren, sondern gegen den Widerspruch zwischen dem Glauben der Korinther und ihrem tatsächlichen Umgang miteinander. Menschen, die durch Christus miteinander verbunden sind, behandeln einander offenbar so, als würde diese gemeinsame Zugehörigkeit keine Rolle spielen. Bereits im vorhergehenden Kapitel hatte Paulus betont, dass die Gemeinde Verantwortung für das Verhalten ihrer eigenen Mitglieder trägt (1. Korinther 5,12–13). Nun zeigt sich, dass diese Verantwortung auch den Umgang mit persönlichen Auseinandersetzungen betrifft.

Auffällig ist der Gegensatz zwischen den „Ungerechten“ und den „Heiligen“ in Vers 1. Mit den Ungerechten bezeichnet Paulus hier Menschen außerhalb der christlichen Gemeinde, während er die Gläubigen als Heilige anspricht. Das bedeutet nicht, dass jeder Nichtchrist ein ungerechter Richter wäre oder dass Christen von Natur aus gerechter handeln würden. Paulus hatte die Korinther selbst wiederholt wegen ihres Verhaltens zurechtweisen müssen. Der Unterschied liegt zunächst in ihrer Beziehung zu Gott. Bereits in 1. Korinther 1,2 bezeichnet er sie als Menschen, die in Christus geheiligt und zu einem heiligen Leben berufen sind. Ihre Zugehörigkeit zu Gott soll deshalb auch beeinflussen, wie sie mit Konflikten umgehen. Wer Gottes Gnade erfahren hat, sollte nicht ausschließlich auf die Durchsetzung eigener Interessen bedacht sein, sondern auch nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung fragen.

Welche konkreten Streitigkeiten vorlagen, berichtet Paulus nicht. Aus dem Zusammenhang ergibt sich jedoch, dass es um Angelegenheiten des gewöhnlichen Lebens ging, bei denen Gemeindemitglieder gegeneinander Ansprüche erhoben. Ob sie dafür staatliche Gerichte aufsuchten oder außenstehende Schiedsrichter einschalteten, lässt sich nicht völlig sicher bestimmen. Entscheidend ist, dass die Beteiligten offenbar kein ausreichendes Vertrauen in die Fähigkeit ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft hatten, solche Angelegenheiten gerecht zu beurteilen. Paulus spricht hier deshalb nicht grundsätzlich jeder staatlichen Rechtsprechung ihre Berechtigung ab. An anderer Stelle erkennt er die staatliche Obrigkeit und ihre Aufgabe zur Aufrechterhaltung der Rechtsordnung ausdrücklich an (Römer 13,1–4). Auch er selbst nahm während seiner Gefangenschaft rechtliche Schutzmöglichkeiten in Anspruch und berief sich auf den Kaiser (Apostelgeschichte 25,10–12). Seine Ermahnung darf daher nicht als Aufforderung verstanden werden, Straftaten zu verschweigen, Opfer von notwendigem Schutz abzuhalten oder berechtigte rechtliche Ansprüche grundsätzlich aufzugeben.

Anschließend führt Paulus einen Gedanken ein, der weit über die unmittelbaren Streitigkeiten hinausgeht. Er erinnert die Korinther daran, dass die Heiligen eines Tages die Welt richten werden (Vers 2). Diese Aussage setzt eine zukünftige Verantwortung der Erlösten voraus, die im gegenwärtigen Leben noch nicht vollständig sichtbar ist. Einen bemerkenswerten alttestamentlichen Hintergrund bietet Daniel 7. Dort sieht Daniel einen himmlischen Gerichtshof, in dem Gott das Urteil spricht. Zugleich wird den Heiligen des Höchsten das Gericht zugesprochen, und schließlich empfangen sie das Reich (Daniel 7,9–10.22.27). Eine verwandte Vorstellung begegnet in Offenbarung 20,4. Johannes sieht Menschen auf Thronen sitzen, denen das Gericht übergeben wird. Beide Stellen verbinden die endgültige Überwindung des Bösen mit der Herrschaft Gottes und der Beteiligung seines Volkes an seinem gerechten Gericht.

Diese Beteiligung bedeutet allerdings nicht, dass die Erlösten unabhängig von Christus über das Schicksal anderer Menschen entscheiden könnten. Nach Johannes 5,22 hat der Vater das Gericht dem Sohn übertragen. Auch Apostelgeschichte 17,31 beschreibt Jesus Christus als den von Gott bestimmten Richter. Wenn Paulus also sagt, dass die Heiligen die Welt richten werden, ist ihre zukünftige Aufgabe im Zusammenhang mit der Herrschaft und dem Gericht Christi zu verstehen. Wie diese Beteiligung im Einzelnen aussehen wird, erklärt Paulus an dieser Stelle nicht. Der Vergleich mit Daniel 7 und Offenbarung 20 zeigt jedoch, dass es sich um mehr handelt als um ein bloßes Bild für die heutige Fähigkeit der Christen, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Die Aussage weist auf eine wirkliche zukünftige Verantwortung hin, ohne bereits den vollständigen Ablauf des göttlichen Gerichts zu beschreiben.

Gerade darin liegt die Kraft der anschließenden Frage: Wenn die Gläubigen einmal an einer so weitreichenden Aufgabe beteiligt sein werden, weshalb sollten sie dann unfähig sein, vergleichsweise geringe Angelegenheiten des gegenwärtigen Lebens zu beurteilen? Paulus argumentiert vom Größeren zum Kleineren. Die zukünftige Berufung macht die gegenwärtige Verantwortung umso ernster. Dabei werden die persönlichen Streitigkeiten nicht deshalb als gering bezeichnet, weil die Anliegen der Betroffenen bedeutungslos wären. Ein finanzieller Verlust, eine ungerechte Behandlung oder ein gebrochenes Versprechen können für einen Menschen durchaus schwerwiegende Folgen haben. Im Vergleich mit dem zukünftigen Gericht über die Welt besitzen solche Angelegenheiten jedoch eine begrenzte Tragweite. Gerade deshalb erwartet Paulus, dass die Gemeinde mit Gottes Hilfe bereits jetzt Weisheit entwickelt, um gerechte Entscheidungen zu treffen.

In Vers 3 steigert Paulus seine Argumentation noch einmal: Die Heiligen werden nicht nur die Welt, sondern sogar Engel richten. Welche Engel genau gemeint sind, erläutert er nicht. Eine naheliegende Erklärung bezieht seine Worte auf die gefallenen Engel, deren zukünftiges Gericht auch in 2. Petrus 2,4 und Judas 6 angesprochen wird. Diese Verbindung ist gut begründet, doch Paulus verwendet hier lediglich die allgemeine Bezeichnung „Engel“. Deshalb sollte nicht behauptet werden, dass der Vers ausdrücklich ausschließlich von gefallenen Engeln spricht. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass er die vollständigen Einzelheiten dieses Gerichts offenlegt. Seine eigentliche Aussage bleibt dennoch beeindruckend: Gottes Erlösungsplan sieht für die Heiligen eine zukünftige Beteiligung an seinem Gericht vor, deren Bedeutung sogar die Engelwelt berührt. Dass Menschen eine solche Aufgabe erhalten, ist kein Anlass zum Hochmut, sondern Ausdruck der großen Verantwortung, die mit ihrer Zugehörigkeit zu Christus verbunden ist.

Mit diesem Hinweis richtet Paulus den Blick der Gemeinde auf einen Maßstab, der weit über ihre gegenwärtigen Interessen hinausreicht. Die Gläubigen sollen ihr Handeln nicht allein danach beurteilen, was ihnen im Augenblick einen Vorteil verschafft. Sie gehören zu Christus und sind für eine Zukunft bestimmt, in der Gottes Gerechtigkeit endgültig offenbar werden wird. Deshalb sollen sie schon heute lernen, mit Weisheit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit zu handeln. Die Verheißung ihrer zukünftigen Gerichtsbeteiligung soll sie nicht dazu verleiten, sich über andere Menschen zu erheben. Vielmehr macht sie deutlich, wie unpassend es wäre, wenn ausgerechnet diejenigen, die einmal an Gottes gerechtem Gericht beteiligt sein werden, schon an den gewöhnlichen Auseinandersetzungen ihres eigenen Gemeindelebens scheitern. Diese Spannung führt unmittelbar zu der nächsten Frage des Paulus: Weshalb findet sich unter ihnen offenbar niemand, dem sie zutrauen, einen Streit zwischen Glaubensgeschwistern gerecht zu entscheiden?

1. Korinther 6,4–6

Wo bleibt die Weisheit der Gemeinde?

Nachdem Paulus die Korinther an ihre zukünftige Beteiligung am Gericht Gottes erinnert hat, wendet er sich wieder den konkreten Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde zu. Seine Frage in Vers 4 betrifft Angelegenheiten des gewöhnlichen Lebens, über die Menschen unterschiedlicher Meinung sein oder miteinander in Konflikt geraten können. Paulus erwartet nicht, dass unter Christen niemals Meinungsverschiedenheiten entstehen. Wo Menschen zusammenleben, wirtschaftliche Beziehungen unterhalten und unterschiedliche Interessen besitzen, können auch Streitfragen auftreten. Entscheidend ist für ihn jedoch, wie solche Auseinandersetzungen behandelt werden. Eine Gemeinde, die sich zu Jesus Christus bekennt, sollte nicht bei denselben Maßstäben stehen bleiben, die häufig das menschliche Zusammenleben bestimmen. Sie hat durch Gottes Wort und das Wirken des Heiligen Geistes eine Grundlage erhalten, auf der sie nach gerechten Lösungen suchen kann.

Besonders bemerkenswert ist die Formulierung in Vers 4, in der Paulus von Menschen spricht, die innerhalb der Gemeinde gering geachtet werden. Der griechische Satz lässt zwei unterschiedliche Verständnisse zu. Er kann als vorwurfsvolle Frage gelesen werden: Weshalb überlassen die Korinther ihre Streitigkeiten ausgerechnet solchen Menschen, die aus Sicht der Gemeinde nicht zu ihr gehören und ihre geistlichen Maßstäbe nicht teilen? Eine andere, ebenfalls alte Auslegung versteht die Worte als Aufforderung, selbst gering geachtete Gemeindemitglieder als Schiedsrichter einzusetzen. Nach diesem Verständnis würde Paulus bewusst überspitzt argumentieren: Wenn die Gläubigen einmal an Gottes Gericht über die Welt beteiligt sein werden, sollten selbst diejenigen unter ihnen, die gesellschaftlich wenig Ansehen besitzen, zur Beurteilung gewöhnlicher Streitigkeiten in Betracht kommen. Welche Satzform Paulus genau beabsichtigte, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit entscheiden. Beide Deutungen unterstreichen jedoch denselben wesentlichen Gedanken: Die Korinther sollen die Fähigkeit ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft, nach Gottes Maßstäben zu urteilen, nicht gering schätzen.

Darin berührt Paulus zugleich ein Problem, das den gesamten bisherigen Brief durchzieht. Die Korinther legten großen Wert auf Weisheit, Erkenntnis und gesellschaftliches Ansehen. Bereits in den ersten Kapiteln hatte Paulus deshalb erklärt, dass menschliche Weisheit und Gottes Weisheit nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Was Menschen für besonders klug und beeindruckend halten, muss vor Gott keineswegs wertvoll sein (1. Korinther 1,18–25). Umgekehrt können Menschen, die in der Gesellschaft wenig gelten, durch ihre Beziehung zu Christus eine geistliche Einsicht besitzen, die sich nicht aus Reichtum, Bildung oder sozialer Stellung ergibt. Paulus hatte die Gemeinde daran erinnert, dass Gott gerade das Geringe und Verachtete erwählt, damit sich kein Mensch vor ihm rühmen kann (1. Korinther 1,26–31). Vor diesem Hintergrund erhält seine Frage nach der Urteilsfähigkeit der Gemeinde eine zusätzliche Schärfe. Ausgerechnet Christen, die sich ihrer Erkenntnis rühmten, scheinen nicht in der Lage zu sein, ihre eigenen Streitigkeiten vernünftig beizulegen.

In Vers 5 spricht Paulus ausdrücklich davon, dass er dies zu ihrer Beschämung sagt. Seine Worte sollen die Korinther auf den Widerspruch zwischen ihrem Selbstverständnis und ihrem tatsächlichen Verhalten aufmerksam machen. Er fragt, ob sich denn wirklich kein einziger weiser Mensch unter ihnen finden lasse, der zwischen zwei Glaubensgeschwistern entscheiden könne. Diese Frage ist bewusst zugespitzt. Paulus behauptet nicht, dass tatsächlich niemand in Korinth eine solche Fähigkeit besaß. Vielmehr stellt er eine Gemeinde zur Rede, die großen Wert auf geistliche Gaben und besondere Erkenntnis legte, aber offensichtlich Schwierigkeiten hatte, diese Gaben für ein gerechtes und friedliches Zusammenleben einzusetzen. Schon zuvor hatte er erklärt, dass die Korinther in Christus an Erkenntnis reich gemacht worden waren (1. Korinther 1,5). Nun fragt er sinngemäß, weshalb von dieser Erkenntnis ausgerechnet dort so wenig zu erkennen ist, wo Menschen einen gerechten und verständigen Umgang miteinander brauchen.

Damit wird auch deutlich, welche Art von Weisheit Paulus erwartet. Gemeint ist nicht bloß die Fähigkeit, überzeugend zu argumentieren oder komplizierte Streitfragen geschickt zu entscheiden. Geistliche Weisheit muss sich daran bewähren, dass sie Wahrheit und Gerechtigkeit ernst nimmt, die Beteiligten gewissenhaft anhört und nicht nach persönlicher Sympathie oder gesellschaftlicher Stellung urteilt. Ein wohlhabender oder einflussreicher Mensch darf nicht deshalb Recht bekommen, weil seine Position innerhalb der Gemeinde stärker ist. Ebenso wenig darf jemand benachteiligt werden, weil er wenig Ansehen besitzt. Bereits im Alten Testament fordert Gott, weder die Armen aus falsch verstandener Rücksicht zu bevorzugen noch den Einflussreichen ungerecht nachzugeben (3. Mose 19,15). Auch Jakobus warnt davor, Menschen aufgrund ihres Reichtums unterschiedlich zu behandeln (Jakobus 2,1–9). Eine gerechte Entscheidung setzt deshalb nicht nur Sachkenntnis voraus, sondern auch Unparteilichkeit, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, den eigenen Vorteil zurückzustellen.

Dass eine christliche Gemeinschaft geeignete Menschen mit der Lösung konkreter Probleme betrauen kann, zeigt sich auch in Apostelgeschichte 6,1–6. In der Jerusalemer Gemeinde entstand eine Beschwerde, weil griechischsprachige Witwen bei der täglichen Versorgung offenbar übersehen wurden. Die Apostel ignorierten die Angelegenheit nicht und verlangten auch nicht, dass die Betroffenen ihr Anliegen einfach stillschweigend hinnehmen sollten. Stattdessen wurde eine verantwortliche Lösung gesucht und geeigneten Männern eine entsprechende Aufgabe übertragen. Dieser Vorgang betrifft zwar keine Gerichtsverhandlung, verdeutlicht aber ein wichtiges Prinzip: Geistliche Gemeinschaft hebt praktische Probleme nicht auf, sondern verpflichtet dazu, sie ernst zu nehmen und gerecht zu lösen. Ebenso sollte eine Vermittlung zwischen streitenden Glaubensgeschwistern nicht dazu dienen, Schwierigkeiten zu verdecken oder berechtigte Beschwerden zum Schweigen zu bringen. Ihr Ziel muss sein, dass Unrecht erkannt, Verantwortung übernommen und nach Möglichkeit eine gerechte Verständigung erreicht wird.

In Vers 6 benennt Paulus schließlich den Zustand, den er für besonders widersprüchlich hält: Ein Bruder führt gegen einen anderen Bruder einen Rechtsstreit, und dies geschieht vor Ungläubigen. Die wiederholte Bezeichnung „Bruder“ ist dabei von besonderer Bedeutung. Paulus erinnert die Beteiligten daran, dass sie einander nicht lediglich als Gegner gegenüberstehen. Durch ihren gemeinsamen Glauben gehören sie zu derselben geistlichen Familie. Diese Beziehung beseitigt persönliche Rechte und berechtigte Ansprüche nicht, verändert aber die Verantwortung, mit der solche Ansprüche verfolgt werden sollen. Jesus hatte bereits gelehrt, dass die Versöhnung mit einem Bruder eine hohe Bedeutung besitzt und nicht von der Anbetung Gottes getrennt werden darf (Matthäus 5,23–24). In Matthäus 18,15–17 beschreibt er außerdem einen Weg, auf dem persönliches Fehlverhalten zunächst angesprochen und unter Hinzuziehung weiterer verantwortlicher Personen geklärt werden kann. Dabei geht es nicht darum, um jeden Preis einen äußeren Frieden herzustellen, sondern darum, den anderen nach Möglichkeit zurückzugewinnen und die Wahrheit ernst zu nehmen.

Paulus sorgt sich zugleich um das Zeugnis der Gemeinde gegenüber Menschen, die Christus noch nicht kennen. Wenn Christen öffentlich gegeneinander kämpfen, während sie gleichzeitig von Gottes Liebe, Vergebung und Gerechtigkeit sprechen, entsteht ein schwerwiegender Widerspruch. Das bedeutet jedoch nicht, dass der gute Ruf einer Gemeinde wichtiger wäre als die Wahrheit oder der Schutz ihrer Mitglieder. Eine Gemeinschaft würde ihre Glaubwürdigkeit nicht bewahren, sondern weiter beschädigen, wenn sie schweres Unrecht verschweigt, Opfer unter Druck setzt oder notwendige rechtliche Schritte verhindert. Paulus behandelt hier Streitigkeiten des gewöhnlichen Lebens zwischen Gemeindemitgliedern, nicht die Frage, ob Gewalt, Missbrauch oder Straftaten den zuständigen Behörden gemeldet werden dürfen. Sein Anliegen ist vielmehr, dass Christen nicht vorschnell gegeneinander kämpfen, wo eine faire und verantwortliche Klärung möglich wäre.

So führt Paulus die Korinther zu einer unbequemen Erkenntnis: Geistliche Reife lässt sich nicht allein daran erkennen, wie viel jemand über Gott weiß oder wie überzeugend er über den Glauben sprechen kann. Sie zeigt sich ebenso darin, wie er mit einem Menschen umgeht, der anderer Meinung ist, seine Interessen verletzt hat oder ihm möglicherweise tatsächlich Unrecht getan hat. Eine Gemeinde benötigt deshalb nicht nur Menschen, die lehren und verkündigen können, sondern auch solche, die geduldig zuhören, gerecht unterscheiden und zur Versöhnung beitragen. Doch Paulus bleibt bei dieser Forderung nicht stehen. In den folgenden Versen geht er noch einen Schritt weiter. Er stellt nicht mehr nur die Frage, wer einen Streit entscheiden sollte, sondern ob die Bereitschaft, eigene Ansprüche gegeneinander durchzusetzen, bereits auf ein tieferes geistliches Problem hinweist.

1. Korinther 6,7–8

Warum es besser sein kann, Unrecht zu ertragen

Mit Vers 7 erreicht die Auseinandersetzung des Paulus einen entscheidenden Wendepunkt. Bisher hatte er vor allem gefragt, weshalb die Korinther ihre Streitigkeiten nicht innerhalb der Gemeinde klären konnten. Nun geht er einen Schritt weiter und stellt die Rechtsstreitigkeiten selbst infrage. Er erklärt, dass es bereits ein schwerwiegender Mangel sei, wenn Christen in dieser Weise gegeneinander prozessieren. Dabei verwendet er im griechischen Text ein Wort, das auch eine Niederlage oder einen Verlust bezeichnen kann. Seine Aussage erhält dadurch eine besondere Schärfe: Selbst wenn jemand seinen Rechtsstreit gewinnt, kann er in geistlicher Hinsicht bereits verloren haben. Ein Mensch mag seine Forderung erfolgreich durchsetzen und dennoch etwas beschädigen, das vor Gott von größerem Wert ist. Wenn der Kampf um persönliche Ansprüche von Feindseligkeit, Rücksichtslosigkeit und fehlender Versöhnungsbereitschaft geprägt wird, kann ein äußerer Sieg mit einer inneren Niederlage verbunden sein.

Paulus stellt damit nicht grundsätzlich infrage, dass Menschen berechtigte Ansprüche besitzen oder dass Unrecht als solches erkannt und benannt werden muss. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen eine Haltung, bei der die Durchsetzung des eigenen Willens wichtiger geworden ist als der gerechte und liebevolle Umgang miteinander. Gerade unter Glaubensgeschwistern sollte das gemeinsame Leben nicht ausschließlich davon bestimmt werden, wer sich durchsetzen kann und wer am Ende Recht bekommt. Die Korinther hatten offenbar begonnen, ihre Auseinandersetzungen nach Maßstäben auszutragen, die ihrer Berufung als Nachfolger Jesu widersprachen. Deshalb macht Paulus ihnen bewusst, dass eine Gemeinde nicht allein daran gemessen werden kann, ob ihre Mitglieder religiöse Erkenntnis besitzen. Entscheidend ist ebenso, ob diese Erkenntnis ihr Verhalten verändert, wenn persönliche Interessen auf dem Spiel stehen.

Anschließend stellt Paulus zwei Fragen, die zunächst beinahe unverständlich erscheinen: „Warum lasset ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum lasset ihr euch nicht lieber übervorteilen?“ (1. Korinther 6,7). Er fordert die Korinther damit auf, eine Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen, die dem natürlichen menschlichen Empfinden häufig widerstrebt. Wer ungerecht behandelt wird, möchte sich gewöhnlich verteidigen, seinen Verlust ausgleichen und dafür sorgen, dass der Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen wird. Diese Reaktion ist nicht grundsätzlich falsch. Paulus zeigt jedoch, dass es Situationen geben kann, in denen der bewusste Verzicht auf die Durchsetzung eines berechtigten Anspruchs der bessere Weg ist. Nicht jedes Unrecht muss mit einem eigenen Kampf beantwortet werden. Manchmal ist es geistlich wertvoller, einen begrenzten persönlichen Nachteil hinzunehmen, als durch eine erbitterte Auseinandersetzung noch größeren Schaden anzurichten.

Diese Haltung entspricht einem wichtigen Gedanken aus der Bergpredigt Jesu. In Matthäus 5,38–42 lehrt Jesus seine Nachfolger, auf erlittenes Unrecht nicht mit Vergeltung zu reagieren. Dabei geht es nicht darum, Ungerechtigkeit für gut zu erklären oder dem Bösen grundsätzlich freien Raum zu geben. Vielmehr durchbricht Jesus die Vorstellung, jeder erlittene Nachteil müsse durch eine entsprechende Gegenreaktion ausgeglichen werden. Auch Paulus fordert in Römer 12,17–21 dazu auf, Böses nicht mit Bösem zu vergelten und sich nicht vom Bösen überwinden zu lassen, sondern das Böse durch das Gute zu überwinden. Der gemeinsame Gedanke dieser Bibelstellen besteht darin, dass ein Christ seine Entscheidungen nicht allein von der Frage bestimmen lassen soll, was er verlangen könnte. Ebenso wichtig ist, welche Haltung er gegenüber dem anderen Menschen einnimmt und welche Folgen sein eigenes Handeln hervorbringt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Christen verpflichtet wären, jede Form von Ungerechtigkeit widerstandslos hinzunehmen. Eine solche Auslegung würde den Zusammenhang der Worte des Paulus überschreiten. Er spricht hier von Streitigkeiten zwischen Gemeindemitgliedern, bei denen ein freiwilliger Verzicht auf persönliche Ansprüche möglich sein kann. Daraus darf keine allgemeine Pflicht abgeleitet werden, Gewalt, Missbrauch, fortgesetzten Betrug oder andere schwerwiegende Übergriffe zu dulden. Ebenso wenig dürfen Menschen, die Unrecht erlitten haben, unter Berufung auf diesen Vers zum Schweigen gebracht werden. Die Aufforderung, freiwillig einen Nachteil hinzunehmen, richtet sich an die persönliche Gewissensentscheidung des Betroffenen. Sie verleiht niemandem das Recht, von einem anderen Menschen zu verlangen, sich ausnutzen zu lassen. Wo Menschen geschützt, weitere Schäden verhindert oder Straftaten aufgeklärt werden müssen, kann es notwendig und richtig sein, verantwortliche Stellen einzuschalten.

Gerade der folgende Vers macht deutlich, dass Paulus das Unrecht selbst keineswegs entschuldigt. In Vers 8 wendet er sich ausdrücklich gegen diejenigen, die anderen Schaden zufügen: „Sondern ihr übet Unrecht und Übervorteilung, und zwar an Brüdern!“ Damit verändert sich die Blickrichtung seiner Ermahnung. Während Vers 7 die Möglichkeit anspricht, erlittenes Unrecht freiwillig hinzunehmen, richtet sich Vers 8 gegen Menschen, die selbst ungerecht handeln. Die Korinther sollten nicht nur fragen, weshalb sie ihre Streitigkeiten vor Außenstehenden austrugen. Sie mussten sich auch damit auseinandersetzen, dass innerhalb ihrer Gemeinde tatsächlich Unrecht geschah. Paulus beschreibt die Gläubigen also nicht lediglich als Menschen, die sich wegen Kleinigkeiten stritten. Einige von ihnen handelten offenbar auf Kosten anderer und verletzten damit die grundlegenden Anforderungen christlicher Gemeinschaft.

Die beiden Begriffe „Unrecht“ und „Übervorteilung“ ergänzen einander. Während Unrecht ein breites Feld ungerechten Handelns umfasst, betont Übervorteilung besonders, dass jemand einem anderen etwas vorenthält, ihn benachteiligt oder auf dessen Kosten einen Vorteil gewinnt. Dadurch wird deutlich, dass Paulus nicht nur an verletzende Worte oder persönliche Meinungsverschiedenheiten denkt. Es geht auch um ein Verhalten, durch das Menschen tatsächlich geschädigt werden können. Wer seinem Glaubensbruder bewusst etwas vorenthält, ihn betrügt oder seine schwächere Stellung ausnutzt, verletzt nicht nur eine zwischenmenschliche Verpflichtung. Er handelt zugleich im Widerspruch zu dem Glauben, den er bekennt. Die Berufung auf Christus macht ein solches Verhalten nicht weniger schwerwiegend, sondern erhöht die Verantwortung desjenigen, der es begeht.

Besonders eindringlich ist deshalb der letzte Zusatz: „und zwar an Brüdern!“ Paulus erinnert die Korinther daran, dass diejenigen, denen sie Unrecht zufügen, nicht irgendwelche fremden Menschen sind. Es handelt sich um Glaubensgeschwister, mit denen sie durch Jesus Christus verbunden sind. Wer einen Bruder übervorteilt, behandelt einen Menschen ungerecht, für den Christus ebenso gestorben ist wie für ihn selbst. Die gemeinsame Zugehörigkeit zu Gottes Familie sollte deshalb nicht nur im Gottesdienst oder im Bekenntnis sichtbar werden. Sie muss auch dort Bedeutung haben, wo Geld, Besitz, persönliche Interessen und gegenseitige Verpflichtungen betroffen sind. Allerdings beschränkt sich das Verbot der Ungerechtigkeit selbstverständlich nicht auf den Umgang mit Christen. Schon das Alte Testament fordert gerechte Maßstäbe gegenüber allen Menschen (3. Mose 19,13–18). Paulus hebt die Glaubensgeschwister hier besonders hervor, weil die Korinther ausgerechnet innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft gegen diese Maßstäbe verstießen.

Aus dem Zusammenhang ergibt sich damit eine wichtige Unterscheidung. Wer auf einen persönlichen Anspruch verzichtet, kann aus Liebe und Rücksichtnahme handeln. Wer dagegen einen anderen übervorteilt, handelt ungerecht und kann seinen Fehler nicht damit rechtfertigen, dass Christen bereit sein sollten, Unrecht zu ertragen. Die Verantwortung des Geschädigten und die Verantwortung des Täters dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Auch echte Versöhnung bedeutet nicht, dass geschehenes Unrecht bedeutungslos wird. Sie setzt vielmehr voraus, dass Schuld ehrlich anerkannt und, soweit möglich, wiedergutgemacht wird. Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich in der Begegnung Jesu mit Zachäus. Nachdem dieser Jesus aufgenommen hatte, erklärte er seine Bereitschaft, Menschen, die er betrogen hatte, ihren Verlust vielfach zu ersetzen (Lukas 19,8–9). Seine veränderte Beziehung zu Gott blieb nicht bei einem religiösen Bekenntnis stehen, sondern zeigte sich in der Verantwortung für sein früheres Handeln.

Damit wird auch verständlich, weshalb Paulus den freiwilligen Verzicht auf Vergeltung und die entschiedene Ablehnung von Ungerechtigkeit unmittelbar miteinander verbindet. Beides gehört zu einem Leben, das von Christus geprägt wird. Der Geschädigte soll nicht von Rache und Verbitterung beherrscht werden. Derjenige, der Unrecht getan hat, soll sich nicht hinter religiösen Worten verstecken, sondern seine Verantwortung erkennen. Wo beide Seiten bereit sind, Gottes Willen höher zu achten als ihren eigenen Vorteil, kann eine Grundlage für Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung entstehen. Das bedeutet nicht, dass jeder Konflikt auf diese Weise vollständig gelöst wird. Doch Paulus macht deutlich, dass christliche Gemeinschaft nicht allein durch gemeinsame Glaubensüberzeugungen erhalten bleibt. Sie braucht Menschen, die bereit sind, ihre eigenen Interessen zu prüfen und dem anderen mit derselben Achtung zu begegnen, die sie selbst erwarten.

Am Ende dieser Verse entsteht eine ernste Verbindung zum folgenden Abschnitt. Paulus hat den Korinthern gerade vorgeworfen, dass sie selbst Unrecht üben. Nun wird er ihnen in Vers 9 die Frage stellen, ob sie denn nicht wissen, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden. Im griechischen Text stehen die Bezeichnungen für ungerechtes Handeln und für die Ungerechten in unmittelbarem sprachlichem Zusammenhang. Der Übergang ist deshalb kein plötzlicher Themenwechsel. Paulus führt seine Warnung bewusst weiter: Wer sich zu Christus bekennt, darf die Ungerechtigkeit nicht als bedeutungslosen Teil seines Lebens betrachten. Zugleich wird er die Korinther unmittelbar danach an die Hoffnung des Evangeliums erinnern. Denn Gottes Gnade ist nicht nur dazu da, Schuld zu vergeben. Sie kann einen Menschen auch aus seiner früheren Lebensweise herausführen und ihm einen neuen Anfang schenken.

1. Korinther 6,9–11

Ihr seid gereinigt, geheiligt und gerechtfertigt

Mit einer ernsten Warnung setzt Paulus seine Gedanken über die Ungerechtigkeit innerhalb der Gemeinde fort. Nachdem er den Korinthern vorgeworfen hat, dass einige von ihnen ihre Glaubensgeschwister übervorteilen, fragt er: „Wisset ihr denn nicht, daß Ungerechte das Reich Gottes nicht ererben werden?“ (1. Korinther 6,9). Diese Frage steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den vorhergehenden Versen. Paulus wechselt nicht plötzlich zu einer allgemeinen Aufzählung menschlicher Fehler, sondern führt seine Auseinandersetzung mit dem Verhalten der Gemeinde weiter. Wer anderen bewusst Unrecht zufügt und dennoch meint, seine Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde garantiere ihm Gottes Anerkennung, befindet sich in einer gefährlichen Selbsttäuschung. Der Glaube an Christus kann nicht dauerhaft von der Art getrennt werden, wie ein Mensch lebt. Deshalb fügt Paulus die ausdrückliche Warnung hinzu: „Irret euch nicht“. Er möchte verhindern, dass die Korinther Gottes Gnade als eine Erlaubnis missverstehen, weiterhin in Ungerechtigkeit zu leben.

Die Formulierung, das Reich Gottes zu erben, ist dabei von besonderer Bedeutung. Ein Erbe ist etwas, das jemand aufgrund seiner Zugehörigkeit erhält, nicht etwas, das er sich wie einen gewöhnlichen Arbeitslohn verdient. Im Neuen Testament beschreibt das Erbe des Reiches Gottes die zukünftige Teilhabe an Gottes endgültiger Herrschaft und an dem Leben, das er seinem Volk verheißen hat. Jesus spricht davon, dass die Gerechten das ihnen bereitete Reich erben werden (Matthäus 25,34). Paulus bezeichnet die Gläubigen an anderer Stelle als Kinder Gottes und damit als Erben Gottes und Miterben Christi (Römer 8,16–17). Die Grundlage dieser Hoffnung liegt somit in Gottes Gnade und in der Beziehung zu Jesus Christus. Doch gerade deshalb darf die Warnung des Paulus nicht abgeschwächt werden. Wer das Erbe Gottes empfangen möchte, kann nicht gleichzeitig an einer Lebensweise festhalten, die Gottes Wesen und seinem Willen widerspricht. Paulus stellt Gnade und Gehorsam nicht als Gegensätze dar. Vielmehr gehört zu der Gemeinschaft mit Christus auch die Bereitschaft, sich von ihm verändern zu lassen.

Anschließend nennt Paulus verschiedene Verhaltensweisen, die mit dieser Berufung unvereinbar sind. Seine Aufzählung beginnt mit sexueller Unmoral, Götzendienst und Ehebruch. Der Ausdruck, den die Schlachter 1951 mit „Unzüchtige“ wiedergibt, bezeichnet im griechischen Sprachgebrauch ein breites Feld sexueller Verhaltensweisen, die als unerlaubt gelten. Ehebruch wird zusätzlich genannt und betrifft die Verletzung der ehelichen Treue. Damit greift Paulus einen moralischen Maßstab auf, der bereits im Alten Testament verankert ist. Gott hatte Israel geboten, die Ehe nicht zu brechen (2. Mose 20,14), und Jesus vertiefte dieses Gebot, indem er deutlich machte, dass Treue nicht nur das äußerliche Verhalten, sondern auch die innere Haltung betrifft (Matthäus 5,27–28). Wenn Paulus zwischen verschiedenen Formen sexuellen Fehlverhaltens unterscheidet, behandelt er Sexualität nicht als etwas grundsätzlich Schlechtes. Nach der biblischen Schöpfungsordnung gehört sie vielmehr zu der von Gott geschaffenen Verbindung zwischen Mann und Frau (1. Mose 2,24). Gerade weil diese Verbindung eine besondere Bedeutung besitzt, darf sie nicht von Treue und Verantwortung getrennt werden.

Dass Paulus mitten in dieser Aufzählung auch Götzendiener nennt, erinnert an die religiöse Umwelt der Korinther. In der antiken Stadt gehörte die Verehrung verschiedener Gottheiten zum gesellschaftlichen und religiösen Leben. Für Christen bedeutete die Hinwendung zu Jesus Christus deshalb auch einen Bruch mit früheren Formen der Anbetung. Bereits im Alten Testament hatte Gott seinem Volk verboten, andere Götter neben ihm zu verehren (2. Mose 20,3–5). Götzendienst betrifft somit nicht nur die Frage, vor welchem Bild ein Mensch niederkniet. Im Kern geht es darum, wem er die Verehrung und das Vertrauen entgegenbringt, die allein Gott zustehen. Paulus wird diese Frage später im Brief noch ausführlicher behandeln, insbesondere im Zusammenhang mit Götzenopfern und der Gemeinschaft am Tisch des Herrn (1. Korinther 8–10). Schon hier macht er deutlich, dass ein Mensch nicht zugleich Christus als seinen Herrn bekennen und bewusst an einer Anbetung festhalten kann, die seine ausschließliche Zugehörigkeit zu Gott verleugnet.

Besonders erklärungsbedürftig sind die beiden griechischen Begriffe, die in der Schlachter 1951 mit „Weichlinge“ und „Knabenschänder“ übersetzt werden. Das erste Wort, malakoi, bedeutet ursprünglich „weich“ und besitzt je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutungen. Im sexuellen Zusammenhang dieses Verses verstehen viele Ausleger den Begriff als Bezeichnung für Männer, die bei sexuellen Handlungen mit anderen Männern eine bestimmte Rolle einnehmen. Die genaue Abgrenzung ist jedoch umstritten. Das zweite Wort, arsenokoitai, wird häufig auf männlich-männlichen Geschlechtsverkehr bezogen. Dafür spricht unter anderem seine sprachliche Nähe zu den griechischen Formulierungen der alttestamentlichen Verbote in 3. Mose 18,22 und 20,13. Diskutiert wird allerdings, ob Paulus damit ein breiteres Feld solcher Handlungen bezeichnet oder bestimmte Formen sexueller Ausbeutung besonders im Blick hat. Die ältere deutsche Übersetzung „Knabenschänder“ kann missverständlich sein, weil der griechische Ausdruck nicht ausdrücklich auf sexuelle Handlungen mit Minderjährigen begrenzt ist. Ebenso wäre es ungenau, die antiken Begriffe einfach mit modernen Bezeichnungen für sexuelle Orientierung oder persönliche Identität gleichzusetzen. Paulus nennt hier Verhaltensweisen innerhalb seiner moralischen Warnung. Die sprachliche Unsicherheit betrifft die genaue Reichweite der einzelnen Begriffe, nicht die grundsätzliche Ernsthaftigkeit, mit der er zu einem Leben nach Gottes Willen aufruft.

In Vers 10 erweitert Paulus seine Aufzählung um weitere Formen der Ungerechtigkeit. Er nennt Diebe, Habsüchtige, Trunkenbolde, Lästerer und Räuber. Auffällig ist, dass diese Verhaltensweisen sehr unterschiedliche Lebensbereiche betreffen. Diebstahl verletzt das Eigentum anderer Menschen. Habsucht bezeichnet eine Haltung, in der das Verlangen nach Besitz und persönlichem Gewinn das Handeln bestimmt. Trunkenheit beschreibt hier nicht den bloßen Umgang mit einem Getränk, sondern ein Verhalten, bei dem der Mensch sich durch Alkohol beherrschen lässt. Lästerung beziehungsweise Schmähung richtet sich gegen andere Menschen durch verletzende, herabsetzende oder verleumderische Rede. Der zuletzt genannte Begriff kann gewaltsame oder ausbeuterische Formen der Bereicherung umfassen. Gerade diese Verbindung unterschiedlicher Sünden ist bedeutsam. Paulus beschränkt die Frage der Heiligkeit nicht auf Sexualität oder religiöse Handlungen. Auch der Umgang mit Geld, Besitz, Sprache und Mitmenschen gehört zu einem Leben, das Gott gefällt.

Damit schützt die Aufzählung zugleich vor einer einseitigen Anwendung. Es wäre verfehlt, einzelne Sünden herauszugreifen und andere bewusst zu übergehen. Wer beispielsweise sexuelle Verfehlungen scharf verurteilt, selbst aber von Habgier beherrscht wird, andere betrügt oder durch seine Worte verletzt, kann sich nicht auf diese Verse berufen, um sich über andere Menschen zu erheben. Paulus stellt die verschiedenen Formen der Ungerechtigkeit nebeneinander, weil sie alle dem Willen Gottes widersprechen. Besonders die Erwähnung der Habsüchtigen und derjenigen, die andere ausbeuten, führt seine Argumentation zu den vorhergehenden Rechtsstreitigkeiten zurück. Die Korinther sollten erkennen, dass ungerechtes Verhalten innerhalb der Gemeinde keine nebensächliche Angelegenheit war. Dasselbe Evangelium, das sie zur Anbetung des wahren Gottes führte, verpflichtete sie auch zu Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und gegenseitiger Rücksichtnahme.

Die Warnung, dass Menschen, die in solchen Verhaltensweisen leben, das Reich Gottes nicht erben werden, muss ernst genommen werden. Zugleich darf sie nicht so verstanden werden, als würde jeder einzelne Fehltritt eines Christen automatisch bedeuten, dass er seine Hoffnung auf das ewige Leben verloren hätte. Paulus spricht hier nicht von Menschen, die ihre Sünde erkennen, bereuen und Gottes Vergebung suchen, sondern warnt davor, sich über die Unvereinbarkeit einer ungerechten Lebensweise mit Gottes Reich zu täuschen. Der Unterschied zwischen dem Festhalten an der Sünde und der aufrichtigen Hinwendung zu Gott ist wesentlich. Bereits im Alten Testament erklärt Gott, dass der Gottlose, der sich von seinen Sünden abwendet und Recht und Gerechtigkeit übt, leben soll (Hesekiel 18,21–23). Auch Johannes schreibt an Christen, damit sie nicht sündigen, erinnert sie aber zugleich daran, dass Jesus Christus ihr Fürsprecher beim Vater ist, wenn sie gefallen sind (1. Johannes 2,1–2). Gottes Gnade verharmlost die Sünde nicht. Sie eröffnet dem Menschen vielmehr einen Weg aus ihrer Herrschaft.

Gerade an diesem Punkt verändert sich der Ton des Paulus auf eindrucksvolle Weise. Nach seiner ernsten Warnung erinnert er die Korinther an ihre eigene Vergangenheit: „Und solche sind etliche von euch gewesen“ (1. Korinther 6,11). Damit erklärt er, dass die zuvor genannten Verhaltensweisen nicht nur theoretische Gefahren waren. Einige Gemeindemitglieder hatten tatsächlich in solchen Lebensverhältnissen gestanden. Paulus verschweigt diese Vergangenheit nicht, aber er betrachtet sie auch nicht als das letzte Wort über ihr Leben. Die entscheidende Aussage liegt in der Vergangenheitsform: Sie waren einmal solche Menschen. Ihre frühere Lebensweise sollte nicht länger bestimmen, wer sie vor Gott waren und wie sie in Zukunft leben sollten. Allerdings behauptet Paulus damit nicht, dass sie bereits in jeder Hinsicht vollkommen geworden wären. Der gesamte Brief zeigt, dass die Korinther weiterhin mit erheblichen geistlichen Problemen zu kämpfen hatten. Ihre neue Identität in Christus war eine Wirklichkeit, die auch in ihrem weiteren Leben sichtbar werden musste.

Auf diese Erinnerung folgt eine dreifache Aussage über das Heil, das Gott ihnen geschenkt hat: „aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtfertigt worden“. Diese drei Begriffe beleuchten unterschiedliche Seiten des göttlichen Erlösungswerkes. Das Abwaschen beschreibt die Reinigung von der Schuld und Befleckung der Sünde. Die Vorstellung hat tiefe Wurzeln im Alten Testament. Gott verheißt seinem Volk, es mit reinem Wasser zu besprengen, von seiner Unreinheit zu reinigen und ihm ein neues Herz sowie seinen Geist zu geben (Hesekiel 36,25–27). Im Neuen Testament wird die Reinigung durch Christus auch mit der Taufe verbunden. Als Paulus selbst zum Glauben kam, wurde er aufgefordert, sich taufen zu lassen und seine Sünden abwaschen zu lassen, indem er den Namen des Herrn anrief (Apostelgeschichte 22,16). Es liegt deshalb nahe, auch bei den Worten an die Korinther an ihre Bekehrung und Taufe zu denken. Die äußere Handlung ist jedoch nicht als eine selbstständig wirkende Reinigungskraft zu verstehen. Die entscheidende Grundlage der Vergebung liegt in Jesus Christus, dessen Erlösungswerk dem Sünder einen neuen Anfang ermöglicht.

Mit dem zweiten Begriff, der Heiligung, beschreibt Paulus die neue Zugehörigkeit der Gläubigen zu Gott. Etwas zu heiligen bedeutet im biblischen Zusammenhang, es Gott zu weihen beziehungsweise für ihn auszusondern. Wenn Menschen geheiligt werden, gehören sie nicht länger sich selbst, sondern dem Herrn, der sie erlöst hat. Deshalb konnte Paulus die Korinther bereits am Anfang seines Briefes als Geheiligte in Christus Jesus ansprechen, obwohl ihr Verhalten noch viele Korrekturen erforderte (1. Korinther 1,2). Ihre Heiligkeit beruhte zunächst auf dem, was Christus für sie getan hatte. Zugleich war diese neue Stellung mit einer Berufung verbunden, die ihr ganzes Leben betraf. Heiligung ist deshalb nicht lediglich ein äußerer Titel, sondern führt zu einer tatsächlichen Veränderung von Denken, Wollen und Handeln. Paulus erklärt an anderer Stelle, dass es Gottes Wille ist, dass die Gläubigen geheiligt werden und sich von sexueller Unmoral fernhalten (1. Thessalonicher 4,3–7). Die Zugehörigkeit zu Gott und die praktische Lebensführung gehören zusammen, ohne dass der Mensch seine Heiligung aus eigener Kraft hervorbringen könnte.

Der dritte Begriff, die Rechtfertigung, führt zum rechtlichen und zugleich tief geistlichen Kern des Evangeliums. Ein Sünder kann vor Gott nicht deshalb als gerecht gelten, weil seine Vergangenheit ohne Schuld wäre oder weil er durch eigene Anstrengung sämtliche Fehler ausgeglichen hätte. Paulus erklärt im Römerbrief, dass alle Menschen gesündigt haben und der Herrlichkeit Gottes ermangeln. Dennoch können sie durch Gottes Gnade gerechtfertigt werden, weil Jesus Christus die Grundlage ihrer Erlösung geschaffen hat (Römer 3,23–26). Rechtfertigung bedeutet, dass Gott den Glaubenden aufgrund Christi in ein neues, von seiner Gnade bestimmtes Verhältnis zu sich stellt. Sie ist nicht das Ergebnis menschlichen Verdienstes. Zugleich hebt sie Gottes Gerechtigkeit nicht auf, denn Christus selbst trägt die entscheidende Grundlage der Versöhnung. Damit wird verständlich, weshalb Paulus die Rechtfertigung gerade gegenüber einer Gemeinde erwähnt, in der Menschen einander verklagten und übervorteilten. Wer vor Gott selbst von der Gnade lebt, hat keinen Grund, sich gegenüber anderen hochmütig und rücksichtslos zu verhalten.

Bemerkenswert ist außerdem die Reihenfolge der drei Aussagen. Paulus nennt zuerst die Reinigung, anschließend die Heiligung und schließlich die Rechtfertigung. Daraus sollte jedoch keine starre zeitliche Abfolge konstruiert werden, als müsste ein Mensch zunächst eine bestimmte Stufe moralischer Reinheit erreichen, bevor Gott ihn rechtfertigen könnte. Paulus beschreibt vielmehr aus verschiedenen Blickwinkeln, was durch die Hinwendung zu Christus mit den Korinthern geschehen ist. Ihre Schuld wurde nicht länger als unüberwindliche Trennung von Gott behandelt, sie wurden für Gott ausgesondert und durch Christus in ein neues Verhältnis zu ihm gebracht. Der Nachdruck liegt auf dem wiederholten „ihr seid“. Damit erinnert Paulus die Gemeinde nicht an eine religiöse Leistung, die sie vollbracht hätte, sondern an die grundlegende Veränderung, die sie erfahren durfte. Dass diese Wirklichkeit bereits geschenkt worden ist, macht die Korinther nicht unabhängig von Gottes Gnade. Vielmehr bildet sie die Grundlage für ihre weitere Entwicklung im Glauben.

Am Ende von Vers 11 nennt Paulus ausdrücklich die Quelle dieser Veränderung: Sie geschah „in dem Namen unsres Herrn Jesus Christus und in dem Geist unsres Gottes“. Der Name Jesu steht hier nicht für eine bloße religiöse Formel. Er verweist auf die Person und die rettende Vollmacht des Herrn, durch den Gott den Menschen Vergebung und neues Leben schenkt. Ebenso ist der Heilige Geist nicht lediglich eine zusätzliche Kraft, die menschliche Anstrengungen unterstützt. Er ist Gottes gegenwärtiges Wirken im Leben der Gläubigen. Schon Jesus hatte erklärt, dass die neue Geburt aus Wasser und Geist geschieht (Johannes 3,5–8). Paulus beschreibt an anderer Stelle die Erneuerung durch den Heiligen Geist als Teil des göttlichen Rettungshandelns (Titus 3,5–7). So gehören die Erlösung durch Jesus Christus und das erneuernde Wirken des Geistes untrennbar zusammen. Der Mensch wird nicht aufgefordert, sich zuerst selbst zu reinigen, um anschließend Gottes Gnade empfangen zu dürfen. Er darf sich vielmehr Gott anvertrauen, der vergibt, erneuert und die Kraft zu einem veränderten Leben schenkt.

In diesen drei Versen verbinden sich deshalb eine außerordentlich ernste Warnung und eine ebenso große Hoffnung. Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass ein Leben in bewusster Ungerechtigkeit mit dem Reich Gottes unvereinbar ist. Gleichzeitig zeigt er an der Geschichte der Korinther, dass kein Mensch allein durch seine Vergangenheit endgültig festgelegt werden muss. Einige von ihnen hatten früher genau jene Dinge getan, vor denen er nun warnt. Doch Jesus Christus hatte ihnen Vergebung und einen neuen Anfang geschenkt. Das Evangelium bedeutet daher weder, dass die Sünde belanglos geworden wäre, noch, dass ein Mensch seine Erlösung selbst verdienen müsste. Gottes Gnade nimmt die Sünde ernst, weil sie den Menschen von ihr befreien möchte. Sie vergibt nicht nur Schuld, sondern ruft in eine neue Beziehung zu Gott, aus der ein verändertes Leben erwächst.

Damit bereitet Paulus zugleich den nächsten Abschnitt vor. Nachdem er die Gläubigen daran erinnert hat, wer sie durch Christus geworden sind, wird er die Frage stellen, wie sie mit ihrer neu gewonnenen Freiheit umgehen sollen. Denn die Zugehörigkeit zu Jesus Christus verändert nicht nur die Hoffnung auf das zukünftige Reich Gottes. Sie betrifft auch die Entscheidungen des gegenwärtigen Lebens, die Macht menschlicher Begierden und den Umgang mit dem eigenen Körper.

1. Korinther 6,12–14

Wahre Freiheit und Gottes Plan für den Körper

Nachdem Paulus die Korinther daran erinnert hat, dass sie durch Jesus Christus gereinigt, geheiligt und gerechtfertigt worden sind, wendet er sich einer weiteren Frage zu, die für ihr Leben als Christen von entscheidender Bedeutung ist. Wie sollen Menschen mit der Freiheit umgehen, die sie durch Christus empfangen haben? In Vers 12 greift Paulus die Aussage auf: „Alles ist mir erlaubt“. Diese Worte könnten zunächst so verstanden werden, als hätte ein Christ das Recht, nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben, solange er sich grundsätzlich zu Jesus bekennt. Doch Paulus fügt unmittelbar eine Einschränkung hinzu: „aber nicht alles frommt!“ Damit macht er deutlich, dass christliche Freiheit nicht allein danach beurteilt werden kann, ob jemand eine bestimmte Handlung für erlaubt hält. Ebenso wichtig ist die Frage, ob sein Verhalten tatsächlich gut ist, seinem Leben dient und mit seiner Zugehörigkeit zu Christus übereinstimmt.

Die Formulierung „Alles ist mir erlaubt“ wird von vielen Auslegern als eine Art Schlagwort verstanden, das unter den Christen in Korinth verbreitet war. Möglicherweise hatten einige Gemeindemitglieder die von Paulus verkündigte Freiheit von der Rechtfertigung durch Gesetzeswerke so verstanden, als seien sie nun von jeder moralischen Verpflichtung befreit. Ob Paulus hier tatsächlich einen bereits bekannten Ausspruch der Korinther zitiert oder seine eigene Freiheitslehre in zugespitzter Form aufgreift, lässt sich nicht mit völliger Sicherheit entscheiden. Der Zusammenhang zeigt jedoch eindeutig, dass er die Aussage nicht uneingeschränkt gelten lässt. An anderer Stelle erklärt er, dass Christen durch Gottes Gnade von der Herrschaft der Sünde befreit worden sind, gerade damit sie nicht weiterhin unter ihrer Macht leben müssen (Römer 6,12–18). Die Freiheit in Christus bedeutet deshalb nicht, dass Gottes Wille bedeutungslos geworden wäre. Sie befreit den Menschen vielmehr von der Vorstellung, sich seine Erlösung selbst verdienen zu müssen, und eröffnet ihm die Möglichkeit, Gott aus Liebe und Vertrauen zu dienen.

Besonders aufschlussreich ist das Wort, das die Schlachter 1951 mit „frommt“ übersetzt. Gemeint ist etwas, das nützlich, förderlich oder zum Guten dienlich ist. Paulus fragt somit nach dem tatsächlichen Wert und den Folgen einer Handlung. Nicht alles, was ein Mensch tun könnte oder wozu er sich berechtigt fühlt, dient auch seinem geistlichen Wohl. Eine Entscheidung kann kurzfristig angenehm erscheinen und dennoch die Beziehung zu Gott, das eigene Gewissen oder den Umgang mit anderen Menschen beeinträchtigen. Dabei geht es Paulus nicht um eine bloße Berechnung persönlicher Vorteile. In 1. Korinther 10,23–24 greift er denselben Gedanken erneut auf und verbindet ihn ausdrücklich mit der Verantwortung gegenüber anderen. Dort erklärt er, dass nicht alles erbaut, und fordert die Gläubigen auf, nicht nur das eigene Wohl, sondern auch das des Nächsten zu suchen. Christliche Freiheit steht deshalb niemals völlig unabhängig von Liebe und Verantwortung. Sie darf nicht dazu benutzt werden, etwas zu rechtfertigen, das einem selbst oder anderen schadet.

Anschließend wiederholt Paulus die Aussage „Alles ist mir erlaubt“, ergänzt sie diesmal jedoch durch einen anderen Gedanken: „aber ich will mich von nichts beherrschen lassen“ (Vers 12). Im griechischen Text besteht hier ein bemerkenswerter sprachlicher Zusammenhang. Das Wort für „erlaubt“ und das Verb für „beherrschen“ gehören zu derselben Wortfamilie, die mit Macht und Verfügungsgewalt verbunden ist. Paulus stellt damit zwei Vorstellungen einander gegenüber: Ein Mensch mag meinen, über vieles frei verfügen zu können, doch er darf nicht zulassen, dass diese Dinge ihrerseits Macht über ihn gewinnen. Gerade darin kann sich eine scheinbare Freiheit als eine neue Form der Abhängigkeit erweisen. Wer behauptet, jederzeit nach seinem eigenen Willen handeln zu können, tatsächlich aber von bestimmten Wünschen oder Gewohnheiten beherrscht wird, besitzt nicht die Freiheit, von der Paulus spricht.

Diese Unterscheidung berührt ein grundlegendes biblisches Verständnis des Menschen. Bereits Jesus hatte erklärt, dass jeder, der die Sünde tut, ein Knecht der Sünde ist und dass wahre Freiheit durch den Sohn Gottes geschenkt wird (Johannes 8,34–36). Auch Paulus beschreibt in Römer 6, dass der Mensch entweder unter der Herrschaft der Sünde steht oder sich Gott zum Gehorsam zur Verfügung stellt. Dabei geht es nicht darum, dass jede Freude, jedes Bedürfnis oder jede angenehme Erfahrung grundsätzlich verdächtig wäre. Gott hat den Menschen mit körperlichen und seelischen Bedürfnissen geschaffen. Essen, Trinken, Gemeinschaft und eheliche Liebe gehören zum menschlichen Leben. Problematisch wird es dort, wo ein Bedürfnis nicht mehr seinen angemessenen Platz einnimmt, sondern das Denken und Handeln bestimmt. Wenn ein Mensch nicht mehr bereit oder fähig ist, seinen Wünschen eine Grenze zu setzen, kann etwas ursprünglich Gutes zu einer beherrschenden Macht werden. Die Freiheit des Christen besteht deshalb nicht darin, jedem Verlangen nachzugeben, sondern darin, sich nicht von seinen Begierden regieren zu lassen.

In Vers 13 verwendet Paulus ein Beispiel aus dem gewöhnlichen körperlichen Leben: „Die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen“. Essen und Verdauung stehen in einer natürlichen Beziehung zueinander. Der Körper benötigt Nahrung, und die entsprechenden körperlichen Vorgänge dienen ihrer Aufnahme und Verarbeitung. Die Aussage als solche ist nicht falsch. Im Zusammenhang mit den folgenden Versen liegt jedoch die Vermutung nahe, dass manche Korinther daraus eine weitergehende Schlussfolgerung zogen. Möglicherweise betrachteten sie sexuelles Verlangen als ein gewöhnliches körperliches Bedürfnis, das ebenso selbstverständlich befriedigt werden könne wie Hunger. Wenn der Mensch bestimmte Bedürfnisse habe, so könnte ihre Überlegung gelautet haben, sei auch deren Befriedigung eine natürliche und deshalb moralisch unproblematische Angelegenheit. Paulus lässt eine solche Gleichsetzung jedoch nicht gelten. Nicht jedes menschliche Verlangen erhält allein dadurch eine uneingeschränkte Berechtigung, dass es tatsächlich vorhanden ist.

Mit dem Hinweis, dass Gott den Bauch und die Speisen eines Tages abtun wird, lenkt Paulus den Blick auf die Vergänglichkeit der gegenwärtigen Lebensordnung. Nahrung und Verdauung gehören zu den Bedingungen des irdischen Lebens, wie wir es heute kennen. Sie dienen der Erhaltung eines Körpers, der Hunger empfindet und fortwährend versorgt werden muss. Diese gegenwärtigen Funktionen sind jedoch nicht der endgültige Maßstab für Gottes Absichten mit dem Menschen. Wichtig ist dabei eine Unterscheidung: Paulus sagt nicht, dass der menschliche Körper selbst bedeutungslos wäre oder eines Tages endgültig vernichtet würde. Die Aussage über die Vergänglichkeit von Speisen und Verdauung steht unmittelbar neben der Verheißung, dass Gott die Gläubigen auferwecken wird. Gerade dieser Zusammenhang verbietet es, den Vers als Abwertung des Körpers zu verstehen. Paulus unterscheidet zwischen den vergänglichen Bedürfnissen des gegenwärtigen Lebens und der bleibenden Bedeutung des Menschen in Gottes Erlösungsplan.

Deshalb setzt er seine Argumentation mit einem deutlichen Gegensatz fort: „Der Leib aber ist nicht für die Unzucht, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib“ (Vers 13). Mit dieser Aussage widerspricht Paulus der Vorstellung, der Körper sei lediglich ein Werkzeug zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Der Leib gehört zum Menschen, den Gott geschaffen hat und erlösen möchte. Er ist deshalb nicht von der Beziehung zu Christus getrennt. Was ein Christ mit seinem Körper tut, besitzt eine geistliche Bedeutung, weil sein ganzes Leben unter die Herrschaft Jesu gestellt worden ist. Die Warnung richtet sich hier ausdrücklich gegen sexuelle Unmoral. Paulus erklärt nicht, dass körperliche Bedürfnisse an sich sündhaft wären, sondern dass auch ihre Erfüllung an Gottes Willen gebunden bleibt. Der Körper ist nicht dazu bestimmt, unabhängig von Gott gebraucht zu werden. Er soll vielmehr dem Herrn gehören und seinem Willen dienen.

Besonders bemerkenswert ist die zweite Hälfte dieser Aussage: Nicht nur der Leib ist für den Herrn, sondern auch der Herr ist für den Leib. Paulus beschreibt damit mehr als die Verpflichtung des Christen gegenüber Jesus. Er erinnert zugleich daran, dass Christus selbst dem Menschen zugewandt ist und sein Erlösungswerk auch dessen körperliche Existenz umfasst. Der Sohn Gottes kam nicht, um lediglich eine vom Körper getrennte geistige Seite des Menschen zu retten. Er wurde selbst Mensch, nahm einen wirklichen menschlichen Körper an und lebte unter den Bedingungen unseres irdischen Daseins (Johannes 1,14; Hebräer 2,14–17). Seine Menschwerdung zeigt, dass die körperliche Existenz des Menschen für Gottes Heilsplan keine nebensächliche Bedeutung besitzt. Auch wenn Paulus diese Zusammenhänge in Vers 13 nicht vollständig entfaltet, helfen sie zu verstehen, weshalb er die Zugehörigkeit des Körpers zu Christus so nachdrücklich betont. Der Herr, dem der Christ gehört, hat sich selbst der menschlichen Wirklichkeit angenommen.

In Vers 14 begründet Paulus diese Bedeutung des Körpers mit einem der wichtigsten Ereignisse des christlichen Glaubens: der Auferstehung Jesu Christi. Er schreibt, dass Gott den Herrn auferweckt hat und auch die Gläubigen durch seine Kraft auferwecken wird. Damit führt seine Argumentation von der gegenwärtigen Lebensführung unmittelbar zur zukünftigen Hoffnung. Die Auferstehung Jesu ist für Paulus nicht nur der Beweis, dass Christus den Tod überwunden hat. Sie ist zugleich die Grundlage dafür, dass auch diejenigen, die zu ihm gehören, an seinem Sieg über den Tod teilhaben werden. In 1. Korinther 15 wird er diesen Zusammenhang ausführlich erklären. Dort bezeichnet er Christus als den Erstling der Entschlafenen und macht deutlich, dass seine Auferstehung die Gewissheit der zukünftigen Auferstehung der Erlösten begründet (1. Korinther 15,20–23). Die Hoffnung des Christen richtet sich somit nicht auf eine endgültige Befreiung vom Körper, als wäre dieser ein Hindernis für das ewige Leben. Sie richtet sich auf Gottes Macht, den ganzen Menschen aus dem Tod zu erwecken und ihm ein neues, unvergängliches Leben zu schenken.

Diese Hoffnung verändert die Bedeutung des gegenwärtigen Körpers grundlegend. Was heute schwach, vergänglich und dem Tod unterworfen ist, soll durch Gottes Kraft verwandelt werden. Paulus erklärt später, dass der vergängliche Leib bei der Auferstehung Unvergänglichkeit empfangen wird und dass Gott den Menschen zu einer neuen, vom Geist bestimmten Existenz auferweckt (1. Korinther 15,42–44.51–54). Wenn er dort von einem geistlichen Leib spricht, meint er nicht einen körperlosen Menschen. Vielmehr beschreibt er den Auferstehungsleib als eine von Gottes Geist bestimmte und durch seine Kraft verwandelte Wirklichkeit. Auch in Philipper 3,20–21 verbindet Paulus die Erwartung Jesu Christi mit der Verwandlung unseres niedrigen Leibes, damit er dem verherrlichten Leib Christi gleichgestaltet werde. Der Körper, den der Gläubige heute besitzt, ist deshalb nicht einfach bedeutungslos, weil er sterblich ist. Er gehört zu dem Menschen, den Gott erschaffen hat und den er durch seine Auferstehungsmacht wiederherstellen wird.

Dabei ist wichtig, dass Paulus seine Hoffnung ausdrücklich auf Gottes Handeln gründet. Er erklärt nicht, der Mensch besitze von Natur aus die Fähigkeit, den Tod zu überwinden oder aus eigener Kraft unvergänglich weiterzuleben. Vielmehr ist es Gott, der Jesus auferweckt hat und auch die Gläubigen auferwecken wird. Die Hoffnung auf das ewige Leben beruht somit auf derselben göttlichen Macht, die bereits an Christus sichtbar geworden ist. In Römer 8,11 beschreibt Paulus diesen Zusammenhang noch genauer: Der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, wird auch die sterblichen Leiber der Gläubigen lebendig machen. Dadurch wird die Auferstehung zu einer Verheißung für den ganzen Menschen. Gottes Erlösung erschöpft sich weder in einer Verbesserung der gegenwärtigen Lebensumstände noch in einer rein innerlichen religiösen Erfahrung. Sie zielt auf die endgültige Überwindung von Sünde, Vergänglichkeit und Tod.

Aus dieser zukünftigen Hoffnung ergibt sich eine unmittelbare Verantwortung für das gegenwärtige Leben. Wenn Gott den menschlichen Körper zur Auferstehung bestimmt hat, darf der Christ ihn nicht behandeln, als hätte sein körperliches Verhalten keinerlei Bedeutung. Der Leib ist weder etwas Wertloses, das beliebig gebraucht werden könnte, noch eine Macht, deren Wünsche das Leben beherrschen dürfen. Er ist Teil der von Gott geschaffenen und zur Erlösung bestimmten menschlichen Existenz. Deshalb gehören Freiheit, Selbstbeherrschung und die Hoffnung auf die Auferstehung für Paulus eng zusammen. Ein Mensch, der Christus gehört, soll nicht von der Frage ausgehen, wie weit er seine persönlichen Wünsche ausleben kann, sondern danach fragen, ob seine Entscheidungen mit dem Herrn übereinstimmen, dem sein Leben gehört.

So führt Paulus die Korinther von einer möglicherweise missverstandenen Vorstellung christlicher Freiheit zu einem wesentlich tieferen Verständnis ihrer neuen Identität. Die Freiheit durch Jesus Christus ist keine Loslösung von jeder moralischen Verantwortung. Sie ist die Befreiung von der Herrschaft der Sünde und die Berufung zu einem Leben unter der guten Herrschaft Gottes. Auch der Körper bleibt von dieser Beziehung nicht ausgeschlossen, denn Gott hat ihn nicht nur geschaffen, sondern ihn auch für die zukünftige Auferstehung bestimmt. Damit bereitet Paulus den nächsten Gedanken vor. Wenn der Leib tatsächlich dem Herrn gehört und eines Tages durch Gottes Kraft auferweckt werden soll, dann stellt sich die Frage, wie eng der Christ bereits jetzt mit Jesus Christus verbunden ist. Genau diese Verbindung wird Paulus in den folgenden Versen erklären und daraus eine besonders eindringliche Warnung vor sexueller Unmoral ableiten.

1. Korinther 6,15–17

Wer zu Christus gehört, kann seinen Körper nicht von ihm trennen

Nachdem Paulus erklärt hat, dass der menschliche Körper dem Herrn gehört und zur zukünftigen Auferstehung bestimmt ist, vertieft er diesen Gedanken durch eine bemerkenswerte Aussage. In Vers 15 fragt er: „Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Christi Glieder sind?“ Damit beschreibt er die Beziehung zwischen Jesus Christus und den Gläubigen als eine Verbindung, die wesentlich enger ist als die bloße Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Wer durch den Glauben mit Christus verbunden ist, gehört nicht nur im Denken oder in seinen geistlichen Überzeugungen zu ihm. Auch sein Körper ist in diese Beziehung eingeschlossen. Gerade darin liegt der entscheidende Gedanke, mit dem Paulus die Korinther konfrontiert: Der Mensch kann sein körperliches Verhalten nicht von seiner Beziehung zu Jesus Christus trennen, als hätten beide Lebensbereiche nichts miteinander zu tun.

Um die Bedeutung dieser Aussage zu verstehen, hilft ein Blick auf das Bild des Leibes Christi, das Paulus später in seinem Brief ausführlicher erklärt. In 1. Korinther 12,12–27 beschreibt er die Gemeinde als einen Leib, der aus vielen unterschiedlichen Gliedern besteht. Jedes Glied besitzt eine eigene Aufgabe, und dennoch gehören alle zu demselben Leib. Kein Glied kann für sich allein bestehen oder behaupten, mit den anderen nichts zu tun zu haben. Die Einheit entsteht durch das Wirken des Heiligen Geistes, durch den die Gläubigen zu einem Leib verbunden werden (1. Korinther 12,13). Wenn Paulus nun bereits in Kapitel 6 erklärt, dass die Körper der Christen Glieder Christi sind, greift er diesen grundlegenden Zusammenhang auf. Die Gläubigen gehören zu Christus und bilden gemeinsam seinen Leib. Zugleich betont er hier besonders, dass diese Zugehörigkeit das körperliche Leben jedes Einzelnen betrifft. Was ein Christ mit seinem Körper tut, ist deshalb nicht bedeutungslos für seine Beziehung zum Herrn.

Diese Verbindung darf allerdings nicht so verstanden werden, als würden die Gläubigen zu Bestandteilen des buchstäblichen menschlichen Körpers Jesu werden oder ihre eigene Persönlichkeit verlieren. Paulus verwendet das Bild der Glieder, um eine wirkliche geistliche Gemeinschaft und Zugehörigkeit auszudrücken. Christus bleibt der Herr, und die Gläubigen bleiben Menschen, die durch seine Gnade mit ihm verbunden sind. Ihre Beziehung ist jedoch so eng, dass Paulus ihr Verhalten nicht unabhängig von Christus betrachten kann. In Galater 2,20 beschreibt er diese Gemeinschaft mit den Worten, dass nicht mehr sein früheres Ich das bestimmende Zentrum seines Lebens ist, sondern Christus in ihm lebt. Auch Jesus selbst verwendet ein ähnliches Bild, wenn er seine Jünger mit den Reben eines Weinstocks vergleicht. So wie die Reben nur durch ihre Verbindung mit dem Weinstock Frucht bringen können, sollen seine Nachfolger in ihm bleiben (Johannes 15,4–5). Diese Bilder beschreiben unterschiedliche Seiten derselben grundlegenden Wahrheit: Christliches Leben entsteht aus einer bleibenden Verbindung mit Jesus Christus.

Aus dieser Zugehörigkeit zieht Paulus nun eine Konsequenz, die er in einer bewusst erschütternden Frage ausdrückt: „Soll ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen?“ (Vers 15). Mit dieser Formulierung spricht er die Möglichkeit an, dass ein Christ eine sexuelle Verbindung mit einer Prostituierten eingeht. Der Ausdruck „Hure“ bezeichnet in der damaligen Sprache eine Frau, die sexuelle Dienstleistungen anbietet. Paulus richtet seinen Vorwurf in diesem Zusammenhang an denjenigen, der eine solche Verbindung sucht und damit seinen eigenen Körper entgegen seiner Zugehörigkeit zu Christus gebraucht. Er stellt die Prostituierte nicht als einen Menschen dar, der außerhalb der Reichweite göttlicher Gnade stehen würde. Seine Frage betrifft die Verantwortung des Gläubigen, dessen Körper bereits Christus gehört. Wer zu Jesus gehört, kann nicht so handeln, als dürfte er diese Verbindung für bestimmte Augenblicke beiseiteschieben und anschließend unverändert zu ihr zurückkehren.

Ob Paulus dabei konkrete Fälle innerhalb der Gemeinde vor Augen hatte oder eine bekannte Verhaltensweise seiner Umwelt als warnendes Beispiel aufgreift, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Korinth war eine bedeutende Hafen- und Handelsstadt, in der unterschiedliche gesellschaftliche und moralische Vorstellungen aufeinandertrafen. Sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe und Prostitution waren in der griechisch-römischen Welt bekannt. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass alle Korinther ein solches Verhalten gutheißen oder dass die von Paulus angesprochenen Fälle notwendigerweise mit einem bestimmten heidnischen Tempelkult verbunden waren. Der Text selbst nennt keinen Tempel und beschreibt auch keine religiöse Prostitutionshandlung. Für das Verständnis seiner Warnung ist eine solche Annahme nicht erforderlich. Paulus beschäftigt sich mit der grundsätzlichen Frage, ob ein Christ seinen Körper für eine sexuelle Handlung gebrauchen darf, die der Zugehörigkeit zu Christus widerspricht.

Seine Antwort fällt unmissverständlich aus: „Das sei ferne!“ Diese nachdrückliche Zurückweisung begegnet auch an anderen Stellen seiner Briefe, wenn Paulus eine Schlussfolgerung entschieden ablehnt. In Römer 6,1–2 verwendet er eine vergleichbare Formulierung, nachdem er die Frage gestellt hat, ob Christen in der Sünde bleiben sollten, damit die Gnade noch größer werde. Auch dort weist er die Vorstellung zurück, Gottes Gnade könne als Rechtfertigung für ein bewusst sündiges Leben dienen. Die Verbindung zu 1. Korinther 6 ist bemerkenswert. In beiden Fällen geht es um Menschen, die durch Christus eine neue Stellung vor Gott empfangen haben. Diese neue Stellung bedeutet jedoch nicht, dass ihr Verhalten gleichgültig geworden wäre. Gerade weil sie Christus gehören, sollen sie nicht mehr so leben, als stünden sie weiterhin unter der Herrschaft der Sünde.

In Vers 16 erklärt Paulus, weshalb er die sexuelle Verbindung mit einer Prostituierten als so schwerwiegend betrachtet. Er erinnert die Korinther an eine Aussage aus der Schöpfungsgeschichte: „Denn es werden“, spricht er, „die zwei ein Fleisch sein.“ Damit greift Paulus auf 1. Mose 2,24 zurück. Dort wird beschrieben, dass ein Mann Vater und Mutter verlässt, seiner Frau anhängt und beide ein Fleisch werden. Diese Aussage gehört zur grundlegenden biblischen Beschreibung der Ehe. Mann und Frau sind nicht nur zwei Menschen, die nebeneinander leben oder gemeinsame Interessen verfolgen. Sie gehen eine besondere Verbindung ein, in der auch ihre körperliche Gemeinschaft ihren Platz hat. Jesus selbst verweist auf diese Schöpfungsordnung, als er über die Bedeutung und Beständigkeit der Ehe spricht (Matthäus 19,4–6). Die Verbindung von Mann und Frau ist somit nicht lediglich eine menschliche Erfindung, sondern gehört nach dem biblischen Zeugnis zu Gottes ursprünglicher Absicht für das menschliche Zusammenleben.

Gerade die Verwendung dieses Schöpfungstextes ist bemerkenswert. Paulus zitiert eine Aussage, die ursprünglich die Ehe beschreibt, und wendet sie auf eine sexuelle Verbindung außerhalb der Ehe an. Damit macht er deutlich, dass körperliche Vereinigung eine Bedeutung besitzt, die nicht einfach durch die persönlichen Vorstellungen der Beteiligten aufgehoben werden kann. Ein Mensch mag eine sexuelle Begegnung als vorübergehendes Vergnügen betrachten, bei dem weder Liebe noch Treue noch eine dauerhafte Verpflichtung beabsichtigt sind. Doch nach der Argumentation des Paulus bleibt die körperliche Vereinigung mehr als eine belanglose Handlung. Sie berührt eine Form menschlicher Nähe, die Gott im Zusammenhang mit der ehelichen Gemeinschaft geschaffen hat. Wer diese Verbindung aus ihrem vorgesehenen Rahmen löst, kann dadurch nicht gleichzeitig ihre tiefere Bedeutung vollständig beseitigen.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Paulus behauptet nicht, dass durch jede sexuelle Handlung automatisch eine rechtmäßig geschlossene Ehe entsteht. In 1. Mose 2,24 umfasst die eheliche Gemeinschaft mehr als den körperlichen Vollzug. Sie beinhaltet auch das Verlassen der bisherigen familiären Bindung und das verbindliche Anhängen an den Ehepartner. Sexuelle Vereinigung gehört zu dieser Gemeinschaft, ersetzt aber nicht sämtliche anderen Merkmale einer Ehe. Wenn Paulus das Wort vom „einen Fleisch“ auf die Verbindung mit einer Prostituierten anwendet, greift er deshalb besonders den körperlichen Aspekt dieser Einheit heraus. Er erklärt nicht, dass die Beteiligten dadurch automatisch Ehepartner geworden wären oder für immer durch eine unauflösliche geistliche Verbindung aneinandergebunden blieben. Seine Aussage ist vielmehr, dass selbst eine sexuelle Begegnung ohne eheliche Bindung den Körper des Menschen in einer Weise einbezieht, die vor Gott nicht bedeutungslos ist.

Damit wird auch verständlich, weshalb Paulus die körperliche Vereinigung nicht einfach mit dem Essen einer Mahlzeit gleichsetzt, obwohl er in Vers 13 zunächst von Speisen und dem Bauch gesprochen hatte. Nahrung dient der Erhaltung des Körpers. Sexuelle Vereinigung besitzt dagegen nach der biblischen Schöpfungsordnung eine besondere zwischenmenschliche Bedeutung. Sie verbindet zwei Menschen in einer Weise, die Paulus mit dem Ausdruck „ein Leib“ beschreibt. Daraus folgt nicht, dass jede sexuelle Begegnung dieselbe emotionale Tiefe besitzt oder dass sich alle Beteiligten ihr gleichermaßen verbunden fühlen. Ebenso wenig darf dieser Gedanke dazu benutzt werden, Menschen nach sexueller Gewalt eine angeblich von Gott gewollte Verbindung mit dem Täter zuzuschreiben. Paulus spricht hier von einer Handlung, für die er den handelnden Christen verantwortlich macht, nicht von einer erzwungenen Erfahrung, bei der ein Mensch Opfer fremden Unrechts wird. Seine eigentliche Aussage betrifft die besondere Verantwortung im Umgang mit einer von Gott geschaffenen Fähigkeit zur körperlichen Gemeinschaft.

Der Hinweis auf die Schöpfung zeigt zugleich, dass Paulus Sexualität nicht grundsätzlich abwertet. Er verurteilt nicht die körperliche Nähe als solche, sondern ihren Gebrauch außerhalb des von Gott vorgesehenen Rahmens. Die Ehe erscheint in der Bibel als eine gute Gabe des Schöpfers, in der Liebe, Treue und körperliche Gemeinschaft miteinander verbunden sind. Bereits in 1. Mose 2,18 erklärt Gott, dass es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist. Die Erschaffung der Frau und die anschließende Beschreibung der ehelichen Einheit gehören zur guten Schöpfungsordnung. Auch Paulus wird im folgenden Kapitel zeigen, dass eheliche Sexualität nicht verachtet werden soll und dass beide Ehepartner einander mit gegenseitiger Rücksichtnahme begegnen sollen (1. Korinther 7,2–5). Seine Warnung in Kapitel 6 richtet sich deshalb nicht gegen den Körper oder gegen die Sexualität, sondern gegen eine Trennung körperlicher Handlungen von Gottes Absicht und der Verantwortung gegenüber dem anderen Menschen.

In Vers 17 stellt Paulus der Verbindung mit einer Prostituierten schließlich die Beziehung zu Jesus Christus gegenüber: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm.“ Besonders aufschlussreich ist, dass Paulus in den Versen 16 und 17 im griechischen Text dasselbe Verb für das Sich-Verbinden beziehungsweise Anhängen verwendet. In Vers 16 beschreibt es die Verbindung mit einer Prostituierten, in Vers 17 die Verbindung mit dem Herrn. Dadurch entsteht ein bewusst gestalteter Gegensatz. Auf der einen Seite steht eine sexuelle Vereinigung, die Paulus als unvereinbar mit der Zugehörigkeit zu Christus bezeichnet. Auf der anderen Seite steht die geistliche Gemeinschaft mit Jesus, die das Leben des Gläubigen prägen soll. Paulus möchte damit deutlich machen, dass sich die menschliche Existenz nicht in voneinander unabhängige Bereiche aufteilen lässt, in denen der Körper eigenen Regeln folgt, während der Glaube von diesen Entscheidungen unberührt bleibt.

Was bedeutet es jedoch, mit dem Herrn „ein Geist“ zu sein? Paulus spricht damit von einer tiefen geistlichen Verbindung, die durch das Wirken Gottes entsteht. Der Ausdruck bedeutet nicht, dass der Mensch selbst zu Gott wird oder seine persönliche Identität in Christus aufgeht. Auch ist damit nicht gemeint, dass Christus und der Gläubige buchstäblich denselben Geist als eine einzige Person bilden. Vielmehr beschreibt Paulus die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn, durch die das Leben des Christen eine neue Ausrichtung erhält. In Römer 8,9–11 erklärt er, dass der Geist Gottes in den Gläubigen wohnt und dass die Zugehörigkeit zu Christus mit diesem Wirken des Geistes verbunden ist. Ebenso schreibt er in Galater 4,6, dass Gott den Geist seines Sohnes in die Herzen seiner Kinder gesandt hat. Die Verbindung mit Christus beruht somit nicht lediglich auf menschlichen Gefühlen oder religiöser Begeisterung. Sie ist Ausdruck des göttlichen Handelns, durch das Menschen in eine lebendige Gemeinschaft mit Jesus Christus aufgenommen werden.

Dabei darf der Gegensatz zwischen „ein Leib“ und „ein Geist“ nicht missverstanden werden. Paulus behauptet nicht, dass körperliche Gemeinschaft grundsätzlich minderwertig und geistliche Gemeinschaft grundsätzlich gut wäre. Gerade die vorhergehenden Verse haben gezeigt, wie hoch er den menschlichen Körper einschätzt. Ebenso wenig lehrt er, dass die Beziehung zu Christus nur eine unsichtbare innere Angelegenheit sei, während das äußere Leben ohne Bedeutung bliebe. Die Formulierungen beschreiben vielmehr unterschiedliche Arten der Verbindung. Die sexuelle Vereinigung betrifft die körperliche Gemeinschaft zweier Menschen. Die Gemeinschaft mit Christus entsteht durch Gottes Geist und umfasst den ganzen Menschen, einschließlich seines Körpers. Deshalb kann Paulus unmittelbar zuvor erklären, dass die Leiber der Gläubigen Glieder Christi sind. Das geistliche Leben steht nicht im Gegensatz zum Körper, sondern soll auch in dessen Gebrauch sichtbar werden.

Darin liegt eine besonders wichtige Erkenntnis für das Verständnis christlicher Heiligkeit. Der Gläubige gehört Christus nicht nur während des Gebets, beim Lesen der Bibel oder in der Versammlung der Gemeinde. Seine Beziehung zum Herrn betrifft ebenso die Entscheidungen, die er im gewöhnlichen Leben trifft, auch dort, wo kein anderer Mensch zusieht. Paulus begründet diese Verantwortung jedoch nicht mit einer ständigen Überwachung durch Gott oder mit der Forderung, sich durch moralische Leistungen seine Annahme bei Christus zu verdienen. Er geht vielmehr von der bereits bestehenden Gemeinschaft mit dem Herrn aus. Die Korinther sind durch Jesus Christus gereinigt, geheiligt und gerechtfertigt worden (1. Korinther 6,11). Diese Gnade hat sie in eine neue Beziehung zu Gott geführt. Gerade deshalb sollen sie lernen, auch ihre körperlichen Wünsche und Entscheidungen im Licht dieser Beziehung zu betrachten.

Zugleich enthält diese Wahrheit eine besondere Hoffnung. Wenn ein Mensch durch Christus mit Gott verbunden wird, muss seine Vergangenheit nicht länger die Richtung seines Lebens bestimmen. Paulus hatte die Korinther ausdrücklich daran erinnert, dass einige von ihnen früher in sexueller Unmoral und anderen Formen der Ungerechtigkeit gelebt hatten. Dennoch waren sie durch Gottes Gnade gereinigt und erneuert worden. Die Warnung vor sexueller Sünde bedeutet deshalb nicht, dass ein Mensch nach einem solchen Fehlverhalten für immer von Christus ausgeschlossen wäre. Wer seine Schuld erkennt und sich aufrichtig an Gott wendet, darf auf dieselbe Gnade vertrauen, durch die auch die Korinther einen neuen Anfang empfangen hatten. Nach 1. Johannes 1,9 ist Gott treu und gerecht, sodass er denen vergibt, die ihre Sünden bekennen, und sie von aller Ungerechtigkeit reinigt. Die enge Verbindung mit Christus ist somit nicht nur der Grund für eine ernste Verantwortung, sondern auch die Quelle der Hoffnung auf Vergebung und Veränderung.

Die drei Verse führen damit zu einem grundlegenden Gedanken, der für Paulus das gesamte christliche Leben prägt: Wer Christus gehört, kann seine Beziehung zu ihm nicht von seinem körperlichen Verhalten trennen. Der Körper ist nicht lediglich ein Besitz, über den der Mensch ohne Rücksicht auf Gott verfügen könnte. Er gehört zu dem Leben, das Jesus Christus erlöst hat und das durch den Heiligen Geist erneuert werden soll. Sexuelle Gemeinschaft besitzt nach der Schöpfungsordnung eine besondere Bedeutung, die nicht einfach durch menschliche Wünsche aufgehoben werden kann. Zugleich ist die Gemeinschaft mit Christus eine so tiefgreifende Wirklichkeit, dass sie das Denken, die Entscheidungen und das Handeln des Gläubigen prägen soll.

Aus dieser Erkenntnis zieht Paulus nun eine unmittelbare praktische Konsequenz. Nachdem er erklärt hat, weshalb sexuelle Unmoral der Zugehörigkeit zu Christus widerspricht, wird er die Korinther auffordern, vor ihr zu fliehen. Seine Begründung wird noch weiter reichen: Der menschliche Körper gehört nicht nur zu Christus, sondern ist auch ein Tempel des Heiligen Geistes. Damit erhält die Verantwortung für das eigene Leben eine zusätzliche Bedeutung, die Paulus in den abschließenden Versen des Kapitels entfalten wird.

1. Korinther 6,18–20

Der Tempel des Heiligen Geistes – Gott mit dem Körper verherrlichen

Nachdem Paulus die tiefe Verbindung zwischen dem Gläubigen und Jesus Christus erklärt hat, zieht er daraus eine unmittelbare Konsequenz für das praktische Leben. Mit den Worten „Fliehet die Unzucht!“ (1. Korinther 6,18) spricht er eine ungewöhnlich entschiedene Aufforderung aus. Er fordert die Korinther nicht lediglich auf, über sexuelle Unmoral nachzudenken, ihre Gefahren abzuwägen oder sich vorzunehmen, künftig vorsichtiger zu sein. Sie sollen sich bewusst von ihr entfernen. Das griechische Wort für „fliehen“ bezeichnet eine Bewegung weg von einer Gefahr. Paulus verwendet damit eine Sprache, die keine Gleichgültigkeit gegenüber der Versuchung zulässt. Wer erkennt, dass eine bestimmte Situation ihn zur Sünde verleiten könnte, soll sich nicht darauf verlassen, dass er ihr beliebig lange widerstehen kann. Geistliche Wachsamkeit bedeutet auch, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und ihnen auszuweichen.

Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich in der Geschichte Josephs. Als die Frau Potiphars ihn wiederholt zu einer sexuellen Beziehung verleiten wollte, lehnte Joseph dies mit dem Hinweis ab, dass er damit gegen Gott sündigen würde (1. Mose 39,7–9). Er betrachtete die Angelegenheit nicht nur unter dem Gesichtspunkt persönlicher Wünsche oder möglicher äußerer Folgen. Für ihn war entscheidend, dass sein Verhalten vor Gott bestehen musste. Als die Frau ihn schließlich an seinem Gewand festhielt, ließ er dieses zurück und floh aus dem Haus (1. Mose 39,12). Josephs Verhalten zeigt, dass Treue zu Gott manchmal gerade darin besteht, eine Situation entschlossen zu verlassen, statt die eigene Widerstandskraft immer wieder auf die Probe zu stellen. Allerdings ist dieser Bericht kein Beweis dafür, dass Menschen jeder Gefahr entkommen können. Joseph handelte richtig und wurde dennoch anschließend zu Unrecht beschuldigt. Seine Geschichte zeigt damit zugleich, dass Gehorsam gegenüber Gott nicht immer vor ungerechten Folgen bewahrt.

Die Aufforderung zur Flucht richtet sich nicht gegen das Vorhandensein menschlicher Sexualität oder gegen jede Form sexueller Empfindung. Gott selbst hat den Menschen als körperliches Wesen geschaffen und die eheliche Gemeinschaft in seine Schöpfungsordnung aufgenommen (1. Mose 1,27–28; 2,24). Paulus unterscheidet deshalb zwischen der von Gott geschaffenen Fähigkeit zur körperlichen Liebe und einem Verhalten, das diese Gabe außerhalb seines Willens gebraucht. Eine Versuchung ist auch nicht schon deshalb mit einer begangenen Sünde gleichzusetzen, weil ein Mensch sie empfindet. Jakobus beschreibt, wie menschliches Begehren zur Sünde führen kann, wenn es aufgenommen wird und sich zu einer sündhaften Handlung entwickelt (Jakobus 1,14–15). Gerade deshalb besitzt die Aufforderung des Paulus eine vorbeugende Bedeutung. Der Christ soll nicht erst dann reagieren, wenn er sich bereits bewusst auf eine sündhafte Handlung eingelassen hat. Er darf frühzeitig Grenzen setzen, um seine Beziehung zu Gott, seine eigene Integrität und die Würde anderer Menschen zu bewahren.

Im weiteren Verlauf von Vers 18 begründet Paulus seine Warnung durch einen bemerkenswerten Gegensatz. Er erklärt, dass andere Sünden außerhalb des Leibes geschehen, während derjenige, der sexuelle Unmoral begeht, an seinem eigenen Leib sündigt. Diese Formulierung gehört zu den schwierigeren Aussagen des Kapitels. Schließlich können auch andere Sünden den Körper unmittelbar betreffen. Trunkenheit beispielsweise kann die körperliche Gesundheit schwer schädigen, und auch Gewalttaten oder selbstzerstörerisches Verhalten können sich direkt gegen den menschlichen Körper richten. Es wäre deshalb problematisch, die Worte des Paulus als eine allgemeine naturwissenschaftliche Aussage zu verstehen, wonach ausschließlich sexuelle Sünden Auswirkungen auf den eigenen Körper hätten. Ebenso wenig erklärt der Text, sexuelle Unmoral sei ausnahmslos schwerwiegender als jede andere denkbare Sünde.

Eine verbreitete Auslegung versteht den Gegensatz so, dass Paulus die besondere Bedeutung sexueller Vereinigung hervorheben möchte. In den vorhergehenden Versen hatte er erklärt, dass die körperliche Verbindung zweier Menschen mit der Schöpfungsaussage vom „einen Fleisch“ zusammenhängt (1. Korinther 6,16; 1. Mose 2,24). Sexuelle Unmoral betrifft nach dieser Erklärung den eigenen Leib in besonderer Weise, weil gerade der Körper, der Christus gehört, in eine Verbindung einbezogen wird, die seiner Berufung widerspricht. Andere Sünden können ebenfalls durch den Körper geschehen oder ihn schädigen. Bei der von Paulus beschriebenen sexuellen Handlung steht jedoch die körperliche Vereinigung selbst im Mittelpunkt des moralischen Problems. Der Leib wird dadurch nicht nur als Mittel zu einer Handlung gebraucht, sondern in einer Verbindung eingesetzt, die Paulus mit seiner Zugehörigkeit zu Christus für unvereinbar hält.

Eine andere Auslegung nimmt an, dass Paulus mit der Aussage über die Sünden außerhalb des Körpers eine unter manchen Korinthern verbreitete Behauptung aufgreift. Nach dieser Vorstellung hätten einige Gemeindemitglieder körperliche Handlungen für geistlich unerheblich gehalten und deshalb gemeint, sexuelle Beziehungen hätten keine tiefere Bedeutung für ihre Beziehung zu Gott. Paulus würde eine solche Behauptung dann durch seine anschließende Aussage zurückweisen. Diese Erklärung passt zu der Möglichkeit, dass er bereits in Vers 12 mit dem Satz „Alles ist mir erlaubt“ eine verbreitete Vorstellung aus Korinth aufgenommen hatte. Allerdings kennzeichnet der überlieferte griechische Text die Aussage in Vers 18 nicht ausdrücklich als Zitat. Deshalb lässt sich nicht mit Sicherheit entscheiden, ob Paulus hier eine fremde Behauptung aufgreift oder selbst einen zugespitzten Gegensatz formuliert. Für das Verständnis seiner Hauptaussage ist diese Entscheidung jedoch nicht ausschlaggebend. In beiden Fällen widerspricht er der Vorstellung, körperliche Sexualität könne ohne Rücksicht auf die Beziehung zu Christus beurteilt werden.

Die Warnung vor einer Sünde gegen den eigenen Leib darf außerdem nicht dazu führen, Menschen nach sexueller Gewalt oder anderen erlittenen Übergriffen eine persönliche Schuld zuzuschreiben. Paulus richtet seine Ermahnung an diejenigen, die für ihr eigenes sündhaftes Handeln verantwortlich sind. Ein Mensch, dem Gewalt angetan wurde, hat dadurch nicht selbst sexuelle Unmoral begangen. Ebenso wenig verliert er durch fremdes Unrecht seine Würde oder seinen Wert vor Gott. Die Verantwortung für einen Übergriff liegt beim Täter. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Paulus mit seinen Worten gerade die Verantwortung des handelnden Menschen betont. Seine Warnung darf nicht gegen diejenigen verwendet werden, die Schutz, Gerechtigkeit und Heilung benötigen.

In Vers 19 erreicht die Argumentation einen neuen Höhepunkt. Paulus fragt: „Oder wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des in euch wohnenden heiligen Geistes ist?“ Damit verbindet er die Verantwortung für den eigenen Körper mit einem der bedeutendsten Bilder der gesamten biblischen Offenbarung. Der Tempel war im Alten Testament der besondere Ort, an dem Gott seine Gegenwart unter seinem Volk offenbarte. Bereits beim Bau der Stiftshütte erklärte Gott, dass die Israeliten ihm ein Heiligtum errichten sollten, damit er in ihrer Mitte wohne (2. Mose 25,8). Später erfüllte Gottes Herrlichkeit die Stiftshütte, sodass Mose sie nicht betreten konnte (2. Mose 40,34–35). Auch bei der Einweihung des von Salomo erbauten Tempels wird berichtet, dass die Herrlichkeit des Herrn das Haus erfüllte (1. Könige 8,10–11). Diese Ereignisse zeigten dem Volk Israel, dass der Tempel nicht einfach ein gewöhnliches Gebäude war. Er war in besonderer Weise mit Gottes heiliger Gegenwart verbunden.

Dabei durfte der Tempel niemals so verstanden werden, als könnte ein Gebäude Gott vollständig einschließen. Schon Salomo erkannte bei der Einweihung des Tempels an, dass selbst die Himmel Gott nicht fassen können (1. Könige 8,27). Die Bedeutung des Heiligtums lag deshalb nicht darin, Gott auf einen bestimmten Raum zu begrenzen. Vielmehr hatte Gott selbst diesen Ort bestimmt, um dort seine Gegenwart und seine Beziehung zu seinem Volk in besonderer Weise sichtbar werden zu lassen. Wenn Paulus nun den Leib der Gläubigen als Tempel des Heiligen Geistes bezeichnet, greift er diese Vorstellung der göttlichen Gegenwart auf und wendet sie auf Menschen an, die zu Jesus Christus gehören. Der Körper wird dadurch nicht zu einem göttlichen Wesen, und auch der Mensch selbst wird nicht zu Gott. Aber sein Leben erhält eine besondere Würde, weil Gottes Geist in ihm wohnt.

Das griechische Wort, das Paulus hier für Tempel verwendet, lautet naos. Es kann besonders das eigentliche Heiligtum eines Tempels bezeichnen und unterscheidet sich damit von einem Wort, das auch die gesamte Tempelanlage samt ihren Vorhöfen umfassen kann. Diese sprachliche Beobachtung unterstreicht, wie eng Paulus das Bild mit Gottes heiliger Gegenwart verbindet. Er spricht nicht lediglich davon, dass der Körper wie ein äußerer Vorhof sei, in dessen Nähe sich etwas Religiöses befindet. Der Leib des Gläubigen wird vielmehr selbst mit dem Heiligtum verglichen, in dem Gottes Geist wohnt. Allerdings sollte daraus keine genaue Gleichsetzung einzelner Körperteile mit den Räumen oder Gegenständen des alttestamentlichen Heiligtums konstruiert werden. Paulus entwickelt hier keine solche symbolische Zuordnung. Entscheidend ist die Gegenwart Gottes, die dem Leben des Gläubigen eine neue Bedeutung verleiht.

Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass Paulus die Korinther gemeinsam anspricht, dabei aber das Wort „Leib“ in der Einzahl verwendet. Diese Formulierung verbindet die persönliche mit der gemeinschaftlichen Bedeutung seines Bildes. Bereits in 1. Korinther 3,16–17 hatte er die gesamte Gemeinde als Gottes Tempel bezeichnet und davor gewarnt, diese Gemeinschaft zu zerstören. Dort steht das Zusammenleben der Gläubigen im Mittelpunkt. In Kapitel 6 behandelt er dagegen das körperliche Verhalten des einzelnen Christen. Deshalb ist die Anwendung auf den persönlichen Körper besonders naheliegend. Zugleich darf die gemeinschaftliche Dimension nicht völlig ausgeblendet werden, denn Paulus spricht Menschen an, die gemeinsam zum Leib Christi gehören. Die persönliche Lebensführung eines Christen betrifft somit nicht nur ihn selbst. Sie steht in einer Beziehung zu Christus und zu der Glaubensgemeinschaft, deren Glied er ist.

Mit dem Hinweis auf den Heiligen Geist erklärt Paulus zugleich, wodurch diese neue Wirklichkeit entstanden ist. Er bezeichnet den Geist ausdrücklich als denjenigen, den die Gläubigen von Gott empfangen haben. Die Gegenwart des Geistes ist deshalb keine Leistung, die ein Mensch selbst hervorbringen könnte. Sie ist Gottes Gabe. Jesus hatte seinen Jüngern verheißen, dass der Vater ihnen den Geist der Wahrheit geben werde, der bei ihnen bleiben und in ihnen sein sollte (Johannes 14,16–17). Nach seiner Auferstehung wurde diese Verheißung in besonderer Weise durch die Ausgießung des Heiligen Geistes sichtbar (Apostelgeschichte 2,1–4). Auch Paulus erklärt, dass die Gläubigen den Geist Gottes empfangen haben und dadurch erkennen können, was Gott ihnen aus Gnade geschenkt hat (1. Korinther 2,12). Wenn der Körper des Christen als Tempel des Heiligen Geistes bezeichnet wird, steht dahinter somit Gottes eigenes Handeln. Er nimmt Menschen in seine Gemeinschaft auf und beginnt, ihr Leben durch seinen Geist zu erneuern.

Diese Wahrheit macht zugleich deutlich, weshalb Heiligkeit in der Bibel mehr bedeutet als die bloße Vermeidung bestimmter Verhaltensweisen. Der Christ soll nicht nur deshalb auf sexuelle Unmoral verzichten, weil sie verboten ist oder unangenehme Folgen haben könnte. Paulus führt seine Leser zu einer tieferen Begründung: Ihr Leben gehört zu dem Bereich, in dem Gottes Geist gegenwärtig wirkt. Heiligkeit entsteht deshalb aus der Beziehung zu dem heiligen Gott. Wer seine Gegenwart ernst nimmt, kann nicht gleichgültig damit umgehen, wie er lebt. Zugleich ist der Heilige Geist nicht nur der Grund für diese Verantwortung, sondern auch die Kraft zur Veränderung. Nach Römer 8,13 sollen die Gläubigen durch den Geist die Werke des Leibes töten. Paulus spricht damit nicht von einer Verachtung des Körpers, sondern von der Überwindung sündiger Verhaltensweisen, die nicht länger das Leben bestimmen sollen. Die Kraft zu einem geheiligten Leben kommt letztlich von Gott selbst.

Aus dem Bild des Körpers als Tempel des Heiligen Geistes lässt sich auch eine weiterführende Verantwortung für die eigene körperliche Existenz ableiten. Wenn Gott den Menschen als Einheit geschaffen hat und sein Erlösungswerk den Körper einschließt, sollte der Christ sorgsam mit seinem Leben umgehen. Dazu können verantwortungsbewusste Entscheidungen über Ernährung, Ruhe, Gesundheit und den Umgang mit schädlichen Gewohnheiten gehören. Diese Anwendung passt zum umfassenderen biblischen Verständnis des Menschen als eines Geschöpfes Gottes. Dennoch ist eine wichtige Grenze zu beachten: Paulus behandelt in 1. Korinther 6,18–20 unmittelbar die sexuelle Unmoral. Er formuliert hier keine ausführliche Gesundheitslehre und legt auch keine einzelnen Regeln für Ernährung oder medizinische Fragen fest. Solche weiterführenden Anwendungen benötigen deshalb ihre jeweils eigene biblische und sachliche Begründung. Der sichere Ausgangspunkt bleibt, dass auch der Körper dem Herrn gehört und deshalb mit Achtung und Verantwortung behandelt werden soll.

Am Ende von Vers 19 ergänzt Paulus einen Gedanken, der das menschliche Selbstverständnis unmittelbar herausfordert: „und daß ihr nicht euch selbst angehöret?“ Damit stellt er die Vorstellung infrage, der Mensch könne als Christ völlig unabhängig von Gott über sein Leben verfügen. Bereits in Vers 12 hatte Paulus erklärt, dass er sich von nichts beherrschen lassen wolle. Nun erfahren die Korinther, weshalb diese Freiheit nicht mit uneingeschränkter Selbstbestimmung gleichzusetzen ist. Wer zu Christus gehört, lebt nicht mehr ausschließlich für sich selbst. Seine Entscheidungen stehen unter der Verantwortung gegenüber dem Herrn, der ihn erlöst hat. Paulus beschreibt denselben Gedanken in Römer 14,7–8. Dort erklärt er, dass niemand von den Gläubigen für sich selbst lebt oder für sich selbst stirbt. Ob sie leben oder sterben, sie gehören dem Herrn.

Diese Zugehörigkeit zu Christus darf jedoch nicht als Verlust der menschlichen Würde oder als Recht anderer Menschen verstanden werden, über den Gläubigen zu verfügen. Paulus spricht von der Beziehung zu Gott, nicht von einer uneingeschränkten Herrschaft religiöser Leiter, Ehepartner oder anderer Menschen über den Körper eines Christen. Gerade weil der Gläubige Christus gehört, darf er nicht zum bloßen Werkzeug fremder Interessen gemacht werden. In 1. Korinther 7,23 verbindet Paulus die Aussage vom Erkauftsein ausdrücklich mit der Warnung, nicht zu Knechten von Menschen zu werden. Die Zugehörigkeit zu Jesus Christus begründet somit nicht menschliche Unterdrückung, sondern stellt das Leben unter die gute Herrschaft des Erlösers. Der Christ ist zur Verantwortung vor Gott berufen und soll seine Freiheit so gebrauchen, dass sie dem Willen dessen entspricht, der ihn geschaffen und erlöst hat.

In Vers 20 nennt Paulus schließlich den entscheidenden Grund für diese Zugehörigkeit: „Denn ihr seid teuer erkauft“. Damit führt er seine Gedanken unmittelbar zum Erlösungswerk Jesu Christi. Die Formulierung verwendet das Bild eines Kaufs, bei dem ein Preis entrichtet wird. In der damaligen Welt war die Vorstellung bekannt, dass Menschen aus einem Zustand der Knechtschaft freigekauft werden konnten. Paulus gebraucht dieses Bild, um zu erklären, dass die Gläubigen nicht mehr unter ihrer früheren Herrschaft stehen, sondern durch Christus zu Gott gehören. Die Aussage darf nicht so verstanden werden, als sei Gott erst durch eine Zahlung dazu gebracht worden, Menschen zu lieben. Die Liebe Gottes ist vielmehr selbst der Ursprung der Erlösung. Nach Johannes 3,16 hat Gott seinen Sohn gegeben, weil er die Welt liebt. Der Preis der Erlösung offenbart deshalb nicht einen Gegensatz zwischen Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeit, sondern die Größe seines rettenden Handelns.

Welcher Preis gemeint ist, wird im Zusammenhang des Neuen Testaments deutlich. Petrus erinnert die Gläubigen daran, dass sie nicht mit vergänglichen Dingen wie Silber oder Gold erlöst worden sind, sondern durch das kostbare Blut Jesu Christi (1. Petrus 1,18–19). Auch Paulus erklärt, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist und dass Gott durch ihn die Versöhnung ermöglicht hat (1. Korinther 15,3; 2. Korinther 5,18–21). Der Preis, von dem Paulus in 1. Korinther 6,20 spricht, ist deshalb im Licht des stellvertretenden Todes Jesu am Kreuz zu verstehen. Dabei nennt der Vers selbst weder einen Empfänger einer angeblichen Zahlung noch beschreibt er einen Handel zwischen Gott und Satan. Das Bild des Erkaufens dient dazu, den Wert und die Verbindlichkeit der Erlösung auszudrücken. Christus hat die Menschen nicht mit einem gewöhnlichen Besitz erworben, sondern durch seine freiwillige Hingabe den Weg zur Befreiung von Sünde und Tod eröffnet.

Gerade diese Verbindung zwischen Erlösung und Zugehörigkeit ist für die Argumentation des Paulus entscheidend. Die Korinther sollten ihren Körper nicht deshalb achten, weil sie dadurch ihren Wert vor Gott erst verdienen könnten. Ihr Wert zeigt sich bereits darin, was Gott zu ihrer Rettung getan hat. Das Erlösungswerk Jesu geht der Aufforderung zum Gehorsam voraus. Erst nachdem Paulus erklärt hat, dass die Gläubigen Christus gehören, von Gottes Geist erfüllt sind und teuer erkauft wurden, fordert er sie auf, Gott mit ihrem Körper zu verherrlichen. Die Reihenfolge ist von großer Bedeutung. Nicht die menschliche Leistung schafft die Erlösung. Vielmehr soll das veränderte Leben die Antwort auf die bereits geschenkte Gnade sein. Diese Verbindung zwischen Gottes Handeln und der menschlichen Antwort begegnet auch in Römer 12,1. Dort ermahnt Paulus die Gläubigen angesichts der Barmherzigkeit Gottes, ihre Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen. Die Hingabe des Christen ist somit eine Antwort auf Gottes Barmherzigkeit.

Mit der Aufforderung „darum verherrlichet Gott mit eurem Leibe!“ endet das Kapitel. Diese Worte bilden den Höhepunkt der gesamten Argumentation über christliche Freiheit, körperliche Verantwortung und die Zugehörigkeit zu Christus. Gott zu verherrlichen bedeutet, seinem Wesen und seinem Willen durch das eigene Leben Ehre zu geben. Im unmittelbaren Zusammenhang geschieht dies besonders durch sexuelle Reinheit und einen verantwortlichen Umgang mit dem eigenen Körper. Die Aussage reicht als geistlicher Grundsatz jedoch weiter. Das Leben des Christen soll erkennen lassen, dass er nicht allein nach seinen eigenen Wünschen handelt, sondern dem Herrn vertraut, der ihn erlöst hat. Paulus wird später im selben Brief einen ähnlichen Gedanken formulieren, wenn er erklärt, dass die Gläubigen alles, was sie tun, zur Ehre Gottes tun sollen (1. Korinther 10,31). Damit wird deutlich, dass die Beziehung zu Gott nicht auf einzelne religiöse Handlungen beschränkt bleibt. Sie soll das gesamte Leben prägen.

Bemerkenswert ist, dass Paulus seine abschließende Aufforderung ausdrücklich auf den Körper richtet. Manche ältere Bibelüberlieferungen und darauf beruhende Übersetzungen enthalten zusätzlich die Worte, Gott auch im Geist zu verherrlichen. Dieser Zusatz fehlt jedoch in wichtigen älteren griechischen Handschriften und gehört wahrscheinlich nicht zum ursprünglichen Wortlaut. Die kürzere Fassung, wie sie auch die Schlachter 1951 wiedergibt, bewahrt die besondere Betonung des Paulus. Gerade der Körper, dessen Bedeutung einige Korinther offenbar unterschätzt hatten, soll zum Ausdruck der Ehre Gottes werden. Das bedeutet keineswegs, dass der Geist oder das innere Leben unwichtig wären. Paulus behandelt an anderen Stellen ausdrücklich das Denken, das Herz und den inneren Menschen. In diesem Zusammenhang will er jedoch verhindern, dass die Gläubigen ihre körperlichen Handlungen vom geistlichen Leben abspalten. Deshalb endet seine Argumentation nicht mit einer allgemeinen Aufforderung zu innerer Frömmigkeit, sondern mit dem ausdrücklichen Auftrag, Gott mit dem Leib zu verherrlichen.

Damit erhält auch die Hoffnung auf die zukünftige Auferstehung eine unmittelbare Bedeutung für das gegenwärtige Leben. Paulus hatte in Vers 14 erklärt, dass Gott Jesus Christus auferweckt hat und auch die Gläubigen durch seine Kraft auferwecken wird. Der Körper ist deshalb nicht nur für eine kurze irdische Existenz bestimmt, nach der er für Gottes Erlösungsplan bedeutungslos würde. Er gehört zu dem Menschen, den Gott endgültig wiederherstellen möchte. Die Verheißung der Auferstehung und die Gegenwart des Heiligen Geistes bilden so zwei zusammengehörige Seiten der christlichen Hoffnung. Der Geist wirkt bereits jetzt im Leben der Gläubigen, während die vollständige Erlösung des Körpers noch in der Zukunft liegt. Paulus beschreibt diese Verbindung in Römer 8,11.23, wo er die gegenwärtige Gabe des Geistes mit der zukünftigen Erlösung des Leibes verbindet. Die Hoffnung auf Gottes kommende Welt soll deshalb nicht zu einer Geringschätzung des gegenwärtigen Lebens führen, sondern zu einem verantwortlichen Umgang mit dem, was Gott geschaffen hat.

Diese Verantwortung kann allerdings nur richtig verstanden werden, wenn sie mit der Gnade verbunden bleibt, die Paulus bereits in Vers 11 hervorgehoben hat. Die Korinther waren keine vollkommenen Menschen. Ihr Leben war von früheren Verfehlungen geprägt, und auch nach ihrer Hinwendung zu Christus mussten sie noch vieles lernen. Dennoch hatte Gott sie gereinigt, geheiligt und gerechtfertigt. Deshalb darf auch das Bild vom Tempel des Heiligen Geistes nicht so missverstanden werden, als könne Gott nur in einem Menschen wohnen, der bereits jede Schwäche überwunden hat. Die Gegenwart des Geistes ist Gottes Gabe an Menschen, die auf seine Gnade angewiesen bleiben. Das bedeutet nicht, dass Sünde bedeutungslos wäre. Gerade der Geist Gottes führt den Menschen dazu, Sünde zu erkennen, sich von ihr abzuwenden und in der Gemeinschaft mit Christus zu wachsen. Wer gefallen ist, darf deshalb nicht zu dem Schluss kommen, für Gott endgültig wertlos geworden zu sein. Er ist vielmehr eingeladen, seine Schuld ehrlich zu bekennen und sich erneut dem Herrn anzuvertrauen, der vergibt und erneuert (1. Johannes 1,9).

So endet 1. Korinther 6 mit einer Aussage, die das christliche Leben von seinem tiefsten Ursprung her bestimmt. Der Gläubige gehört nicht sich selbst, weil Jesus Christus ihn durch sein Erlösungswerk zu Gott geführt hat. Sein Körper ist nicht von dieser Beziehung ausgeschlossen, sondern gehört zu dem Leben, in dem der Heilige Geist gegenwärtig wirkt. Darum ist christliche Freiheit mehr als die Möglichkeit, persönliche Wünsche zu erfüllen. Sie ist die Freiheit, unter der Herrschaft Christi zu leben und nicht länger von der Sünde beherrscht zu werden. Der Aufruf zur Reinheit erhält dadurch seinen eigentlichen Sinn: Nicht die Angst vor einem Verbot soll das Leben bestimmen, sondern die dankbare Liebe zu dem Erlöser, der sein Leben für uns gegeben hat. Wer diese Liebe erkennt, wird seinen Körper nicht als wertlosen Besitz betrachten, sondern als eine Gabe Gottes, die er zu dessen Ehre gebrauchen möchte.

Geistliche Kernbotschaft

Ein Mensch, der zu Jesus Christus gehört, hat nicht nur eine neue Hoffnung für die Zukunft empfangen. Seine Beziehung zu Gott verändert auch die Maßstäbe, nach denen er sein gegenwärtiges Leben gestaltet. Diese Wahrheit durchzieht das gesamte sechste Kapitel des ersten Korintherbriefes. Paulus verbindet die Frage nach Gerechtigkeit im Umgang mit anderen Menschen mit der Verantwortung für das eigene Verhalten. Was zunächst wie zwei unterschiedliche Themen erscheint, besitzt damit eine gemeinsame Grundlage: Die Erlösung durch Christus betrifft den ganzen Menschen und soll sowohl in seinen Beziehungen als auch in seinen persönlichen Entscheidungen sichtbar werden.

Dabei beginnt die Veränderung nicht mit einer besonderen moralischen Leistung des Menschen, sondern mit dem Handeln Gottes. Die Korinther waren keine Gemeinschaft von Menschen, die sich durch ihre vorbildliche Vergangenheit für Gottes Reich qualifiziert hatten. Einige von ihnen hatten in Verhaltensweisen gelebt, die Gottes Willen deutlich widersprachen. Dennoch hatte Christus ihnen einen neuen Anfang ermöglicht. Gerade die dreifache Aussage, dass sie gereinigt, geheiligt und gerechtfertigt worden waren, macht deutlich, wie umfassend Gottes Gnade wirkt. Sie begegnet dem Menschen nicht nur mit der Zusage, seine Schuld zu vergeben, sondern nimmt ihn in eine neue Beziehung auf und eröffnet ihm die Möglichkeit eines veränderten Lebens.

Darin zeigt sich zugleich etwas Grundlegendes über Gottes Wesen. Gott ist gerecht und nimmt das Böse ernst. Er übersieht nicht, wenn Menschen einander betrügen, verletzen oder ausnutzen. Seine Liebe bedeutet nicht, dass zwischen Gut und Böse kein Unterschied mehr bestünde. Doch dieselbe Gerechtigkeit, die das Unrecht verurteilt, steht nicht im Gegensatz zu seiner Barmherzigkeit. Gott möchte Menschen nicht auf ihre Schuld festlegen, sondern sie durch Jesus Christus aus der Herrschaft der Sünde befreien. Das Evangelium verbindet deshalb eine ernste Warnung vor der Sünde mit der Hoffnung auf wirkliche Erneuerung. Wer zu Christus kommt, muss seine Vergangenheit nicht verleugnen. Er darf sie im Licht der göttlichen Vergebung anerkennen und einen neuen Weg einschlagen.

Diese neue Beziehung verändert auch das Verständnis menschlicher Freiheit. Die Korinther sollten erkennen, dass Freiheit nicht einfach darin besteht, alles tun zu können, wonach man verlangt. Ein Mensch kann äußerlich unabhängig erscheinen und dennoch innerlich von Gewohnheiten, Begierden oder der Angst beherrscht werden, etwas zu verlieren. Christus führt dagegen in eine Freiheit, die den Menschen befähigt, das Gute zu wählen. Selbstbeherrschung ist deshalb nicht das Gegenteil christlicher Freiheit, sondern kann gerade Ausdruck ihrer Wirklichkeit sein. Wer nicht mehr jedem Verlangen folgen muss, gewinnt die Möglichkeit, aus Liebe und Überzeugung zu handeln.

Besonders tiefgreifend ist die Würde, die Paulus dem menschlichen Körper zuspricht. Der Leib gehört nicht zu einem minderwertigen Teil des Menschen, der für die Beziehung zu Gott bedeutungslos wäre. Gott hat den Menschen als körperliches Wesen geschaffen, und sein Erlösungsplan schließt die zukünftige Auferstehung ein. Schon heute darf der Heilige Geist im Leben der Gläubigen wohnen. Dadurch wird der Körper weder vergöttlicht noch zum Gegenstand einer übertriebenen religiösen Beschäftigung. Er wird vielmehr als Teil jener menschlichen Existenz verstanden, die Gott liebt, erlöst und endgültig wiederherstellen möchte.

Die zentrale geistliche Botschaft dieses Kapitels liegt somit in der untrennbaren Verbindung von empfangener Gnade und gelebter Zugehörigkeit zu Christus. Der Gläubige gehört seinem Erlöser nicht nur mit seinen religiösen Überzeugungen, sondern mit seinem ganzen Leben. Gerade weil Christus ihn durch seine Liebe und Hingabe erkauft hat, darf er lernen, seine Beziehungen, Wünsche und Entscheidungen unter Gottes gute Herrschaft zu stellen. Die Hoffnung auf das zukünftige Reich Gottes und die Gegenwart des Heiligen Geistes gehören dabei zusammen: Was Gott eines Tages vollkommen wiederherstellen wird, soll bereits heute die Richtung des christlichen Lebens bestimmen.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Eine wichtige Verbindung besteht zwischen 1. Korinther 6,2–3, Daniel 7,22 und Offenbarung 20,4. In allen drei Abschnitten wird Gottes Volk mit einer zukünftigen Beteiligung am Gericht verbunden. Daniel beschreibt, wie nach dem himmlischen Gericht den Heiligen des Höchsten Recht zugesprochen wird und ihnen das Reich zufällt. Johannes sieht in Offenbarung 20 Menschen auf Thronen, denen das Gericht übergeben wird. Paulus setzt die zukünftige Beteiligung der Heiligen am Gericht voraus, um ihre Verantwortung in gegenwärtigen Streitigkeiten zu begründen. Zusammengenommen eröffnen diese Texte einen bemerkenswerten Blick auf Gottes Erlösungsplan: Die Erlösten werden nicht nur von der Verurteilung durch die Sünde befreit, sondern erhalten Anteil an der Herrschaft und dem gerechten Gericht Christi. Wie diese Beteiligung im Einzelnen geschieht, erklären die drei Stellen nicht vollständig. Dennoch zeigen sie, dass die zukünftige Stellung der Gläubigen mit einer besonderen Verantwortung verbunden ist.

Für den Umgang mit Streit und Unrecht ergänzen Matthäus 18,15–17 und Römer 12,17–21 die Worte des Paulus. Jesus beschreibt einen Weg, auf dem persönliches Fehlverhalten angesprochen und unter Einbeziehung weiterer verantwortlicher Menschen geklärt werden kann. Dabei steht zunächst die Möglichkeit im Mittelpunkt, den anderen zurückzugewinnen. Paulus erklärt im Römerbrief, dass Christen Böses nicht mit Bösem vergelten und nach Möglichkeit mit allen Menschen Frieden halten sollen. Die beiden Abschnitte ergänzen einander: Der Wunsch nach Versöhnung darf nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber dem Unrecht verwechselt werden, und das berechtigte Streben nach Gerechtigkeit soll nicht in persönliche Rache umschlagen. Diese Verbindung hilft, 1. Korinther 6,7 richtig zu verstehen. Freiwillig auf Vergeltung zu verzichten kann Ausdruck christlicher Liebe sein, bedeutet aber nicht, dass ein Täter keine Verantwortung mehr für seine Handlungen trägt.

Besonders eng ist der Zusammenhang zwischen 1. Korinther 6,11 und Hesekiel 36,25–27. Durch den Propheten verheißt Gott seinem Volk eine Reinigung von seiner Unreinheit, ein neues Herz und die Gabe seines Geistes. Diese Verheißung beschreibt eine Veränderung, die Gott selbst bewirkt und die zugleich zu einem neuen Gehorsam gegenüber seinem Willen führt. Wenn Paulus den Korinthern erklärt, dass sie gereinigt und geheiligt worden sind, begegnet derselbe Grundgedanke in der Sprache des Neuen Testaments wieder. Titus 3,3–7 entfaltet diese Verbindung besonders anschaulich. Dort erinnert Paulus an die frühere Lebensweise der Gläubigen und erklärt anschließend, dass Gottes Barmherzigkeit sie durch die Erneuerung des Heiligen Geistes gerettet hat. Diese Texte zeigen gemeinsam, dass Erlösung nicht nur die Vergebung vergangener Schuld umfasst, sondern auch Gottes erneuerndes Wirken im Menschen.

Eine weitere wichtige Verbindung führt zu Römer 6,1–14 und Galater 5,13. Im Römerbrief setzt Paulus sich mit der Frage auseinander, ob die Gnade Gottes ein Grund sein könnte, weiterhin in der Sünde zu leben. Seine Antwort ist entschieden: Menschen, die mit Christus verbunden sind, sollen der Sünde nicht mehr als ihrem Herrn dienen. Galater 5 ergänzt, dass die christliche Freiheit nicht zu einem Vorwand werden darf, den eigenen sündigen Neigungen nachzugeben. Stattdessen sollen die Gläubigen einander in Liebe dienen. Dadurch wird die Aussage von 1. Korinther 6,12 verständlicher. Freiheit und Gehorsam sind bei Paulus keine unvereinbaren Gegensätze. Die durch Christus geschenkte Freiheit befreit von der Sünde als herrschender Macht und eröffnet den Weg zu einem Leben, in dem Gottes Liebe das Handeln bestimmt.

Die körperliche Bedeutung der Erlösung wird besonders durch 1. Mose 2,24, Römer 8,11 und 1. Korinther 15 vertieft. Paulus greift die Schöpfungsaussage vom „einen Fleisch“ ausdrücklich auf, um die besondere Bedeutung sexueller Vereinigung zu begründen. Damit zeigt er, dass die körperliche Gemeinschaft des Menschen nicht unabhängig von Gottes ursprünglicher Schöpfungsabsicht verstanden werden soll. Römer 8,11 erweitert anschließend den Blick auf das zukünftige Handeln Gottes: Derselbe Geist, durch den Jesus von den Toten auferweckt wurde, wird auch die sterblichen Leiber der Gläubigen lebendig machen. In 1. Korinther 15 erklärt Paulus ausführlich, dass diese Auferstehung eine wirkliche Verwandlung zu einem unvergänglichen Leben bedeutet. Die drei Bibelabschnitte verbinden Schöpfung, gegenwärtige Verantwortung und zukünftige Wiederherstellung. Der Mensch ist als körperliches Wesen geschaffen worden, soll Gott in seinem gegenwärtigen Leben dienen und darf auf die vollständige Erlösung durch die Auferstehung hoffen.

Eine besonders enge thematische Verbindung besteht schließlich zwischen 1. Korinther 6,19–20 und Römer 12,1–2. Im Korintherbrief erinnert Paulus daran, dass die Gläubigen durch Christus erkauft worden sind und deshalb Gott mit ihrem Körper verherrlichen sollen. Im Römerbrief fordert er sie angesichts der Barmherzigkeit Gottes auf, ihre Leiber als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen. Unmittelbar danach spricht er von der Erneuerung des Denkens, durch die der Mensch Gottes Willen erkennen und prüfen kann. Beide Stellen beschreiben eine Hingabe, die den ganzen Menschen umfasst. Sie entsteht nicht aus dem Versuch, Gottes Liebe erst durch Leistung zu gewinnen, sondern als Antwort auf die bereits erfahrene Barmherzigkeit. Damit verbindet Paulus das innere Leben mit dem äußeren Verhalten, ohne eines gegen das andere auszuspielen.

Wichtige Lektionen

Eine erste wichtige Lektion betrifft den Umgang mit Konflikten. Wenn zwischen Christen eine Meinungsverschiedenheit entsteht, sollte nicht die Frage im Vordergrund stehen, wie man den anderen möglichst wirkungsvoll besiegen kann. Viel wichtiger ist es, den Sachverhalt ehrlich zu prüfen und nach einer gerechten Lösung zu suchen. Das kann bedeuten, dem anderen zunächst ruhig zuzuhören, eigene Fehler anzuerkennen oder eine geeignete, unparteiische Person um Vermittlung zu bitten. Ein solcher Umgang verlangt manchmal mehr Überwindung als die sofortige Durchsetzung der eigenen Interessen. Gleichzeitig setzt echte Versöhnung voraus, dass niemand zur Duldung schwerwiegenden Unrechts gedrängt wird. Wo Schutz, unabhängige Hilfe oder rechtliche Klärung notwendig sind, dürfen diese Möglichkeiten in Anspruch genommen werden.

Ebenso ernst ist die Verantwortung, andere Menschen nicht zu übervorteilen. Ungerechtigkeit beginnt nicht erst bei großen Betrugsfällen. Sie kann sich auch darin zeigen, dass jemand bewusst falsche Angaben macht, berechtigte Verpflichtungen nicht erfüllt oder die Gutgläubigkeit eines anderen zu seinem Vorteil ausnutzt. Wer zu Christus gehört, sollte deshalb bereit sein, das eigene Verhalten auch dort zu hinterfragen, wo es um Geld, Besitz und persönliche Ansprüche geht. Hat ein Mensch einem anderen Unrecht getan, genügt es nicht immer, nur innerlich um Vergebung zu bitten. Wo es möglich und angemessen ist, gehört auch die Bereitschaft zur Wiedergutmachung zu einer aufrichtigen Umkehr.

Die Warnung vor dem Ausschluss aus Gottes Reich fordert außerdem zu einer persönlichen Prüfung des eigenen Lebens heraus. Paulus möchte nicht, dass seine Leser sich lediglich mit anderen Menschen vergleichen und sich aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit für sicher halten. Entscheidend ist die Frage, ob sie bereit sind, Gottes Willen ernst zu nehmen. Dabei sollte niemand die Aufzählung verschiedener Sünden dazu benutzen, bestimmte Menschen herabzusetzen und die eigenen Fehler zu übersehen. Gottes Maßstäbe gelten für alle. Wer seine eigene Schuld erkennt, wird deshalb nicht überheblich auf andere blicken, sondern umso dankbarer für die Gnade sein, die ihm selbst angeboten wird.

Gleichzeitig schenkt dieses Kapitel Menschen Hoffnung, die mit ihrer Vergangenheit oder wiederkehrenden Schwächen kämpfen. Paulus erinnert die Korinther ausdrücklich daran, dass ihr früheres Leben nicht unverändert fortbestehen musste. Darin liegt eine wichtige Ermutigung: Ein Mensch muss sich nicht für immer durch seine schlimmsten Entscheidungen definieren lassen. Er kann seine Schuld vor Gott bekennen, Vergebung annehmen und Schritte in eine andere Richtung gehen. Solche Veränderungen geschehen nicht immer schnell oder ohne Rückschläge. Doch die Grundlage der Hoffnung liegt nicht in einer vermeintlich vollkommenen eigenen Stärke, sondern in Jesus Christus und im erneuernden Wirken des Heiligen Geistes.

Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit persönlicher Freiheit. Nicht jede Möglichkeit, die sich einem Menschen bietet, ist deshalb schon eine gute Entscheidung. Vor einer Handlung kann es hilfreich sein, nicht nur nach ihrer Erlaubtheit zu fragen, sondern auch danach, welche Folgen sie für das eigene Leben und andere Menschen haben wird. Führt sie zu größerer Verantwortung oder wächst dadurch eine Abhängigkeit? Fördert sie die Beziehung zu Gott oder erschwert sie es, nach seinem Willen zu leben? Solche Fragen können helfen, Gewohnheiten frühzeitig zu erkennen, die langsam die Kontrolle über das eigene Leben gewinnen. Christliche Selbstbeherrschung bedeutet dabei nicht, Freude grundsätzlich zu vermeiden. Sie bedeutet, dass Wünsche und Bedürfnisse nicht die Herrschaft über das Leben übernehmen sollen.

Besonders konkret wird diese Verantwortung im Bereich der Sexualität. Paulus fordert dazu auf, sich bewusst von sexueller Unmoral fernzuhalten, weil körperliche Gemeinschaft vor Gott eine besondere Bedeutung besitzt. Daraus folgt, dass sexuelle Wünsche nicht nur nach dem unmittelbaren eigenen Verlangen beurteilt werden dürfen. Treue, Achtung, Verbindlichkeit und Verantwortung gegenüber dem anderen Menschen gehören zu einem Umgang mit Sexualität, der Gottes Schöpfungsabsicht ernst nimmt. Wer erkennt, dass bestimmte Situationen oder Gewohnheiten ihn zu Entscheidungen verleiten, die seinem Glauben widersprechen, sollte rechtzeitig Grenzen setzen. Dabei ist zugleich die Würde jedes Menschen zu achten. Niemand darf unter religiösem Druck zu sexuellen Handlungen gedrängt werden, und niemand trägt Schuld für Gewalt, die ihm angetan wurde.

Das Bild vom Körper als Tempel des Heiligen Geistes lädt darüber hinaus zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit der eigenen körperlichen Existenz ein. Der Körper ist nicht bloß ein Werkzeug zur Erfüllung persönlicher Wünsche, sondern gehört zu dem Leben, das Gott geschaffen und erlöst hat. Deshalb ist es sinnvoll, auf schädliche Gewohnheiten zu achten, notwendige Erholung ernst zu nehmen und mit den eigenen Kräften nicht leichtfertig umzugehen. Allerdings darf daraus kein Maßstab entstehen, nach dem Menschen aufgrund ihrer Gesundheit, körperlichen Leistungsfähigkeit oder äußerlichen Erscheinung geistlich bewertet werden. Krankheit oder körperliche Einschränkungen mindern weder die Würde eines Menschen noch seine Zugehörigkeit zu Christus. Die Bedeutung des Körpers liegt nicht in seiner Vollkommenheit, sondern darin, dass er Teil des von Gott geliebten Menschen ist.

Schließlich erinnert Paulus daran, dass der christliche Glaube nicht auf einzelne religiöse Augenblicke beschränkt werden kann. Gott mit dem Körper zu verherrlichen bedeutet, auch im gewöhnlichen Alltag nach seinem Willen zu fragen. Das betrifft die Art, wie Menschen miteinander sprechen, ihre Verpflichtungen erfüllen, mit Versuchungen umgehen und Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen. Nicht jede Lebenssituation verlangt eine außergewöhnliche Glaubenstat. Häufig zeigt sich die Treue zu Christus gerade in unscheinbaren Entscheidungen, die niemand besonders beachtet. Ein ehrliches Wort, der freiwillige Verzicht auf einen ungerechten Vorteil oder die bewusste Entscheidung gegen eine schädliche Gewohnheit können Ausdruck einer tiefen Beziehung zu Gott sein.

Am Ende steht deshalb keine Aufforderung, sich durch moralische Anstrengung selbst zu erlösen. Der Christ wird vielmehr eingeladen, aus der Gnade zu leben, die er durch Jesus Christus empfangen hat. Wer erkennt, wie viel Gott für seine Erlösung getan hat, bekommt einen neuen Grund, ihm auch in den Entscheidungen des Alltags zu vertrauen. Seine Liebe soll nicht nur in Worten bekannt, sondern im Leben sichtbar werden. So wird die Zugehörigkeit zu Christus zu einer Wirklichkeit, die den Menschen von innen heraus prägt und durch sein Handeln Gott die Ehre gibt.