1. Korinther 1

Paulus, berufen zum Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, und Bruder Sosthenes

31 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Paulus, berufen zum Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, und Bruder Sosthenes
  2. 2 der Gemeinde zu Korinth, den Geheiligten in Christo Jesu, den berufenen Heiligen samt allen denen, die anrufen den Namen unsers HERRN Jesu Christi an allen ihren und unsern Orten:
  3. 3 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem HERRN Jesus Christus!
  4. 4 Ich danke meinem Gott allezeit eurethalben für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christo Jesu,
  5. 5 daß ihr seid durch ihn an allen Stücken reich gemacht, an aller Lehre und in aller Erkenntnis;
  6. 6 wie denn die Predigt von Christus in euch kräftig geworden ist,
  7. 7 also daß ihr keinen Mangel habt an irgend einer Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unsers HERRN Jesu Christi,
  8. 8 welcher auch wird euch fest erhalten bis ans Ende, daß ihr unsträflich seid auf den Tag unsers HERRN Jesu Christi.
  9. 9 Denn Gott ist treu, durch welchen ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesu Christi, unsers HERRN.
  10. 10 Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch den Namen unsers HERRN Jesu Christi, daß ihr allzumal einerlei Rede führt und lasset nicht Spaltungen unter euch sein, sondern haltet fest aneinander in einem Sinne und in einerlei Meinung.
  11. 11 Denn es ist vor mich gekommen, liebe Brüder, durch die aus Chloes Gesinde von euch, daß Zank unter euch sei.
  12. 12 Ich sage aber davon, daß unter euch einer spricht: Ich bin paulisch, der andere: Ich bin apollisch, der dritte: Ich bin kephisch, der vierte; Ich bin christisch.
  13. 13 Wie? Ist Christus nun zertrennt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf des Paulus Namen getauft?
  14. 14 Ich danke Gott, daß ich niemand unter euch getauft habe außer Krispus und Gajus,
  15. 15 daß nicht jemand sagen möge, ich hätte auf meinen Namen getauft.
  16. 16 Ich habe aber auch getauft des Stephanas Hausgesinde; weiter weiß ich nicht, ob ich etliche andere getauft habe.
  17. 17 Denn Christus hat mich nicht gesandt, zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen, nicht mit klugen Worten, auf daß nicht das Kreuz Christi zunichte werde.
  18. 18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden ist's eine Gotteskraft.
  19. 19 Denn es steht geschrieben: “Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.”
  20. 20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?
  21. 21 Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.
  22. 22 Sintemal die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fragen,
  23. 23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
  24. 24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christum, göttliche Kraft und göttliche Weisheit.
  25. 25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
  26. 26 Sehet an, liebe Brüder, eure Berufung: nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.
  27. 27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er die Weisen zu Schanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er zu Schanden mache, was stark ist;
  28. 28 und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, und das da nichts ist, daß er zunichte mache, was etwas ist,
  29. 29 auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme.
  30. 30 Von ihm kommt auch ihr her in Christo Jesu, welcher uns gemacht ist von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,
  31. 31 auf daß (wie geschrieben steht), “wer sich rühmt, der rühme sich des HERRN!”

Kapitelüberblick

Eine Gemeinde, die reich mit geistlichen Gaben beschenkt wurde, ist zugleich von Streit und Spaltungen geprägt. Paulus erinnert die Christen in Korinth zunächst daran, dass sie durch Jesus Christus zu Gott gehören und auf seine Treue vertrauen dürfen. Doch gerade diese Gemeinde hat begonnen, sich nach menschlichen Vorbildern zu unterscheiden. Einige berufen sich auf Paulus, andere auf Apollos oder Petrus. Deshalb stellt Paulus eine entscheidende Frage: Ist Christus etwa geteilt?

Von diesem Problem aus führt er seine Leser zum Mittelpunkt des Evangeliums: dem gekreuzigten Jesus Christus. Was Menschen als Schwäche, Torheit oder Niederlage betrachten, offenbart sich als Gottes Kraft zur Rettung. Gottes Weisheit folgt nicht den Maßstäben menschlichen Ansehens, gesellschaftlicher Stellung oder eigener Leistung.

Auch die Berufung der Korinther bezeugt diesen Grundsatz. Ihre Hoffnung gründet sich nicht auf das, was sie selbst vorweisen können, sondern auf das, was Gott ihnen in Christus geschenkt hat. Darum gebührt letztlich ihm allein alle Ehre.

Einführung

Korinth gehörte zur Zeit des Apostels Paulus zu den bedeutenden Städten Griechenlands. Die Stadt lag an einer wichtigen Handelsverbindung zwischen dem griechischen Festland und der Peloponnes und war seit 27 v. Chr. Hauptstadt der römischen Provinz Achaja. Handel, Wohlstand, soziale Unterschiede und verschiedene religiöse Traditionen prägten das Leben ihrer Einwohner. In diesem Umfeld entstand eine christliche Gemeinde, deren Mitglieder aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und religiösen Hintergründen kamen.

Paulus hatte Korinth während seiner zweiten Missionsreise besucht. Nach Apostelgeschichte 18,1–18 arbeitete er dort zunächst mit Aquila und Priscilla zusammen, verkündigte das Evangelium und blieb ungefähr anderthalb Jahre in der Stadt. Später wirkte auch Apollos in Korinth, ein gebildeter und schriftkundiger Verkündiger, dessen Dienst in Apostelgeschichte 18,24–28 beschrieben wird.

Den ersten Korintherbrief schrieb Paulus wahrscheinlich um 53–55 n. Chr. während seines Aufenthalts in Ephesus (vgl. 1. Korinther 16,8). Inzwischen hatte er Nachrichten über Schwierigkeiten in der Gemeinde erhalten. Menschen aus dem Haus der Chloe hatten ihm von Streitigkeiten berichtet (1. Korinther 1,11). Außerdem zeigen spätere Briefabschnitte, dass die Korinther selbst Fragen an Paulus gerichtet hatten (1. Korinther 7,1).

Der Brief ist deshalb keine abstrakte Abhandlung über christliche Glaubenslehren. Paulus spricht konkrete Probleme an, beantwortet Fragen und begründet seine Ermahnungen aus dem Evangelium. Seine persönliche Beziehung zu den Korinthern verleiht seinen Worten besondere Bedeutung: Er kennt die Gemeinde aus eigener Erfahrung und wendet sich als ihr geistlicher Gründer an Menschen, deren Glaubensleben ihm am Herzen liegt.

Bereits die ersten Verse zeigen, aus welcher Grundlage heraus Paulus seine Leser anspricht. Bevor er ihre Verhaltensweisen beurteilt, erinnert er sie an ihre Berufung durch Gott.

1. Korinther 1,1–3

Gottes Gemeinde – durch Christus berufen und geheiligt

Gleich zu Beginn seines Briefes bezeichnet sich Paulus als einen berufenen Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes. Damit macht er deutlich, dass sein Auftrag nicht aus eigener Entscheidung oder menschlicher Anerkennung entstanden ist. Das Wort „Apostel“ bedeutet grundsätzlich einen Gesandten oder Beauftragten. Paulus versteht seinen Dienst jedoch in einem besonderen Sinn: Jesus Christus selbst hat ihn berufen und ihm den Auftrag gegeben, das Evangelium zu verkündigen. Seine Berufung geht auf die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn zurück, die in Apostelgeschichte 9,1–19 beschrieben wird. Als der Herr später zu Ananias über Paulus sprach, bezeichnete er ihn als ein erwähltes Werkzeug, das seinen Namen vor die Heiden, vor Könige und vor die Kinder Israels tragen sollte (Apostelgeschichte 9,15). Die Autorität des Paulus beruht deshalb nicht auf seinem persönlichen Ansehen, seiner Bildung oder seiner Stellung innerhalb der Gemeinde, sondern auf dem Auftrag, den er von Christus empfangen hat. Gerade für einen Brief, in dem er ernste Fehlentwicklungen ansprechen muss, ist diese Feststellung wichtig. Seine Worte sollen nicht als persönliche Meinung eines enttäuschten Gemeindegründers verstanden werden, sondern als apostolische Unterweisung, für die er sich vor Gott verantwortlich weiß.

Neben sich selbst nennt Paulus einen Mann namens Sosthenes, den er schlicht als „den Bruder“ bezeichnet. In Apostelgeschichte 18,17 wird ebenfalls ein Sosthenes erwähnt, der in Korinth Synagogenvorsteher war und im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um Paulus geschlagen wurde. Ob es sich um dieselbe Person handelt, lässt sich nicht sicher feststellen. Sollte dies zutreffen, wäre es ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie sich das Leben eines Menschen durch die Begegnung mit dem Evangelium verändern kann. Der Brief selbst gibt darüber jedoch keine Auskunft. Sicher ist lediglich, dass Paulus Sosthenes als Glaubensbruder anerkennt und ihn in die briefliche Begrüßung einbezieht. Dass Paulus anschließend überwiegend in der ersten Person spricht, zeigt zugleich, dass Sosthenes nicht ohne Weiteres als gleichrangiger Verfasser des Briefes verstanden werden kann. Bemerkenswert ist dennoch, dass Paulus ihn ausdrücklich erwähnt. Obwohl Paulus als Apostel eine besondere Verantwortung trägt, steht er nicht isoliert von seinen Glaubensgeschwistern. Sein Dienst geschieht innerhalb einer Gemeinschaft von Menschen, die demselben Herrn angehören.

In Vers 2 richtet Paulus seinen Brief an die „Gemeinde Gottes, die in Korinth ist“. Schon diese Bezeichnung enthält eine wichtige Aussage über das Wesen der christlichen Gemeinde. Paulus nennt sie nicht seine Gemeinde, obwohl er das Evangelium nach Korinth gebracht und dort Menschen zum Glauben geführt hatte. Ebenso wenig bezeichnet er sie als Gemeinde des Apollos oder eines anderen Predigers. Sie ist Gottes Gemeinde. Damit wird bereits im Briefeingang ein Grundsatz ausgesprochen, der für die späteren Auseinandersetzungen von entscheidender Bedeutung sein wird: Eine christliche Gemeinde gehört nicht den Menschen, die sie gegründet haben, sie leiten oder in ihr besondere Aufgaben übernehmen. Sie gehört Gott, der sie durch das Evangelium ins Leben gerufen hat. Menschen dürfen in ihr dienen, lehren, ermutigen und Verantwortung tragen, aber niemand kann die Gemeinde zu seinem persönlichen Eigentum machen. Ihre Identität wird nicht durch menschliche Führungsfiguren bestimmt, sondern durch ihre Beziehung zu Gott.

Besonders auffällig ist, wie Paulus diese Gemeinde anschließend beschreibt. Er nennt die Gläubigen „Geheiligte in Christus Jesus“ und „berufene Heilige“ (Vers 2). Wer den weiteren Verlauf des Briefes kennt, könnte darüber zunächst erstaunt sein. Denn Paulus wird noch über Streitigkeiten, Hochmut, sexuelle Unmoral, Rechtsstreitigkeiten zwischen Glaubensgeschwistern und einen unwürdigen Umgang mit dem Abendmahl sprechen müssen. Trotzdem beginnt er nicht damit, ihre Zugehörigkeit zu Christus grundsätzlich infrage zu stellen. Er spricht sie als Menschen an, die Gott bereits für sich beansprucht und durch Jesus Christus geheiligt hat. Das griechische Wort für „geheiligt“ beschreibt hier einen Zustand, der aus Gottes vorausgehendem Handeln hervorgegangen ist. Die Korinther werden nicht erst dann zu Geheiligten, wenn sie jede Schwäche überwunden haben. Ihre Heiligung gründet zunächst in dem, was Gott durch Christus an ihnen getan hat.

Um diese Aussage richtig zu verstehen, muss man beachten, was die Bibel unter Heiligkeit versteht. Heilig zu sein bedeutet, zu Gott zu gehören und für ihn ausgesondert zu sein. Bereits im Alten Testament hatte Gott Israel aufgerufen, heilig zu leben, weil er selbst heilig ist (3. Mose 19,2). Besonders deutlich wird das Zusammenspiel von Gottes Handeln und menschlicher Verantwortung in 3. Mose 20,7–8. Dort fordert Gott sein Volk auf, sich zu heiligen und seine Gebote zu halten, und erklärt zugleich, dass er selbst derjenige ist, der es heiligt. Heiligkeit besitzt somit zwei untrennbar miteinander verbundene Seiten: Gott nimmt Menschen in seine Gemeinschaft auf und bestimmt sie für sich; diese Zugehörigkeit soll anschließend ihr Denken, ihre Entscheidungen und ihr Verhalten prägen. Wenn Paulus die Korinther als Heilige bezeichnet, erklärt er sie deshalb nicht für moralisch vollkommen. Er erinnert sie daran, wem sie gehören und welcher Lebensweise ihre Berufung entsprechen soll. Genau deshalb kann er sie später ernsthaft zurechtweisen, ohne ihre vorausgegangene Berufung zu leugnen.

Die Formulierung „in Christus Jesus“ ist dabei von besonderer Bedeutung. Paulus sagt nicht einfach, dass die Korinther durch besondere religiöse Anstrengungen zu heiligen Menschen geworden seien. Ihre neue Stellung ist an Jesus Christus gebunden. In ihm haben sie eine neue Beziehung zu Gott empfangen. Später wird Paulus diesen Gedanken noch einmal aufgreifen und daran erinnern, dass die Gläubigen abgewaschen, geheiligt und gerechtfertigt worden sind im Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist Gottes (1. Korinther 6,11). Damit beschreibt er die grundlegende Veränderung, die durch Gottes rettendes Handeln möglich geworden ist. Diese Veränderung ist jedoch kein Freibrief, im bisherigen Leben unverändert fortzufahren. Wer Christus gehört, ist zugleich dazu berufen, seinen Willen im täglichen Leben ernst zu nehmen. Die Heiligung ist deshalb weder eine bloße äußere Bezeichnung noch das Ergebnis menschlicher Selbstvervollkommnung. Sie beginnt mit Gottes Gnade und soll im Leben des Gläubigen sichtbar werden.

Anschließend erweitert Paulus den Blick über die örtliche Gemeinde hinaus. Er verbindet die Korinther mit allen, die an jedem Ort den Namen des Herrn Jesus Christus anrufen. Damit macht er deutlich, dass der christliche Glaube nicht an eine bestimmte Stadt, eine besondere Kultur oder eine einzelne Gemeinde gebunden ist. Die Christen in Korinth gehören zu derselben Glaubensgemeinschaft wie diejenigen, die an anderen Orten Jesus als Herrn bekennen. Das Anrufen seines Namens ist dabei mehr als eine bloße religiöse Redewendung. In der Bibel bedeutet das Anrufen des Herrn, sich im Glauben, im Gebet und im Vertrauen an ihn zu wenden. Bereits Joel 3,5 verbindet das Anrufen des Namens des Herrn mit der Verheißung der Rettung. Paulus greift diese alttestamentliche Aussage in Römer 10,9–13 auf und stellt sie in den Zusammenhang des Glaubens an Jesus Christus. Wenn die Christen also den Namen Jesu anrufen, erkennen sie ihn als den Herrn an, auf dessen rettendes Handeln sie vertrauen. Die Gemeinde wird dadurch nicht durch ihre Herkunft, ihren gesellschaftlichen Rang oder die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lehrer zusammengehalten, sondern durch den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus.

Diese überörtliche Gemeinschaft besitzt gerade für Korinth eine besondere Bedeutung. Schon die Art, wie Paulus die Empfänger seines Briefes anspricht, stellt sie in einen größeren Zusammenhang. Sie sind nicht eine für sich bestehende religiöse Gruppe, die ihre eigenen Maßstäbe unabhängig von anderen Christen festlegen kann. Sie gehören zu einem Volk, dessen gemeinsamer Herr Jesus Christus ist. Wenn Paulus später die Spaltungen innerhalb der Gemeinde kritisiert, kann er deshalb auf eine Einheit zurückgreifen, die bereits in ihrer Berufung begründet liegt. Christliche Einheit entsteht nicht dadurch, dass alle Gläubigen dieselben persönlichen Vorlieben besitzen oder dass jeder Prediger auf dieselbe Weise spricht. Ihre tiefere Grundlage ist, dass sie trotz ihrer Unterschiede demselben Herrn gehören und ihm gemeinsam verantwortlich sind.

Mit Vers 3 schließt Paulus die Begrüßung durch den Wunsch nach Gnade und Frieden von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Diese beiden Begriffe gehören zum Kern seiner Verkündigung. Gnade bezeichnet Gottes unverdiente Zuwendung zu Menschen, die seine Liebe und Rettung nicht durch eigene Leistungen erwerben können. Der Frieden, von dem Paulus spricht, ist mehr als die Abwesenheit äußerer Konflikte oder ein angenehmes inneres Gefühl. Er umfasst die durch Christus ermöglichte Versöhnung mit Gott, aus der auch ein neues Verhältnis zu anderen Menschen erwachsen soll. In Römer 5,1–2 verbindet Paulus die Rechtfertigung durch den Glauben ausdrücklich mit dem Frieden bei Gott und dem Zugang zu seiner Gnade durch Jesus Christus. Indem er in seinem Gruß Gott den Vater und Jesus Christus gemeinsam als Ursprung von Gnade und Frieden nennt, unterstreicht er die zentrale Stellung Christi im göttlichen Heilshandeln. Für die Korinther sind diese Worte besonders bedeutsam, weil gerade ihr Miteinander von Konflikten belastet ist. Bevor Paulus über ihre Schwierigkeiten spricht, richtet er ihren Blick deshalb auf die göttliche Gnade, aus der ihr Leben hervorgegangen ist, und auf den Frieden, der ihre Gemeinschaft bestimmen soll.

So bereiten bereits die ersten drei Verse den weiteren Gedankengang des Briefes vor. Paulus erinnert die Gemeinde an ihren göttlichen Ursprung, ihre Heiligung in Christus, ihre gemeinsame Berufung mit allen Gläubigen und die Gnade, auf der ihr Leben beruht. Auf dieser Grundlage kann er nun zunächst für das danken, was Gott den Korinthern bereits geschenkt hat, bevor er sich ihren Fehlentwicklungen zuwendet.

1. Korinther 1,4–9

Reich beschenkt und getragen von Gottes Treue

Nachdem Paulus die Christen in Korinth an ihre Berufung erinnert hat, richtet er seinen Blick auf das, was Gott bereits in ihrem Leben gewirkt hat. Obwohl er von den erheblichen Schwierigkeiten innerhalb der Gemeinde weiß, beginnt er nicht mit Vorwürfen, sondern mit Dankbarkeit. In Vers 4 erklärt er, dass er Gott allezeit für die Korinther dankt, weil ihnen die Gnade Gottes in Jesus Christus geschenkt wurde. Diese Worte sind bemerkenswert, denn Paulus kennt nicht nur die geistlichen Stärken der Gemeinde, sondern auch ihre Schwächen. Er weiß von Streitigkeiten, von menschlichem Stolz und von einem Verhalten, das der christlichen Berufung widerspricht. Trotzdem übersieht er nicht das Gute, das Gott unter ihnen begonnen hat. Seine Dankbarkeit richtet sich dabei ausdrücklich an Gott. Paulus lobt die Korinther nicht dafür, dass sie sich aus eigener Kraft zu besonders geistlichen Menschen entwickelt hätten. Er erkennt vielmehr an, dass ihre Berufung, ihr Glaube und ihre geistlichen Fähigkeiten auf Gottes Gnade zurückgehen. Gerade darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen menschlicher Anerkennung und geistlicher Dankbarkeit: Paulus würdigt nicht einfach die Leistungen der Gemeinde, sondern den Geber, von dem ihre Segnungen stammen.

Der Begriff „Gnade“ umfasst in diesem Zusammenhang mehr als die Vergebung vergangener Sünden. Gewiss gehört die unverdiente Annahme des sündigen Menschen durch Gott zum Mittelpunkt des Evangeliums. Doch Paulus spricht hier von einer Gnade, die im Leben der Gläubigen bereits sichtbare Auswirkungen hervorgebracht hat. Gott hat ihnen nicht nur den Zugang zu seiner Gemeinschaft eröffnet, sondern sie auch mit Fähigkeiten und Möglichkeiten ausgestattet, die ihrem geistlichen Leben und dem Dienst innerhalb der Gemeinde zugutekommen sollen. Die Formulierung, dass diese Gnade ihnen „in Christus Jesus“ gegeben wurde, weist erneut auf ihren Ursprung hin. Nicht die besondere religiöse Begabung der Korinther hat Gottes Zuwendung hervorgebracht, sondern Gottes Zuwendung hat ihnen geistliche Gaben ermöglicht. Dieser Zusammenhang ist für das Verständnis des ganzen Briefes entscheidend. Wo Menschen ihre Fähigkeiten als eigenen Besitz betrachten, können Stolz und gegenseitiger Wettbewerb entstehen. Wer dagegen erkennt, dass alles Gute letztlich ein Geschenk Gottes ist, hat keinen Grund, sich über andere zu erheben. Paulus wird diesen Gedanken später ausdrücklich aufgreifen, wenn er fragt, was ein Mensch besitzt, das er nicht empfangen hat (1. Korinther 4,7).

In Vers 5 beschreibt Paulus genauer, worin sich Gottes Gnade bei den Korinthern gezeigt hat. Sie sind in Christus reich gemacht worden, besonders an Lehre und Erkenntnis. Diese beiden Begriffe berühren Fähigkeiten, die für das Leben und die Entwicklung einer Gemeinde von großer Bedeutung sind. Das griechische Wort logos, das die Schlachter-Bibel von 1951 hier mit „Lehre“ wiedergibt, kann je nach Zusammenhang das gesprochene Wort, die Rede oder die vermittelte Botschaft bezeichnen. Zusammen mit der erwähnten Erkenntnis liegt hier besonders der Bereich des Verstehens und Weitergebens geistlicher Wahrheit im Blick. Die Korinther verfügten offenbar über beachtliche Möglichkeiten, Glaubensinhalte zu erfassen, darüber zu sprechen und sie anderen zu vermitteln. Mit Erkenntnis ist dabei nicht einfach eine Ansammlung beliebiger Informationen gemeint. Im Zusammenhang des Briefes geht es um Kenntnisse, die für den Glauben und das Leben vor Gott Bedeutung besitzen. Solche Fähigkeiten sind wertvoll, weil Gottes Wahrheit verstanden, bewahrt und verständlich weitergegeben werden soll.

Allerdings enthält gerade diese Feststellung bereits einen Hinweis auf ein späteres Problem. Geistliche Erkenntnis und sprachliche Begabung sind nicht automatisch mit geistlicher Reife gleichzusetzen. Ein Mensch kann viel über Gott wissen und dennoch Schwierigkeiten haben, seinem Nächsten in Liebe und Demut zu begegnen. Ebenso kann jemand überzeugend über den Glauben sprechen, ohne dass sein eigenes Verhalten dem Gesagten entspricht. Paulus wird in 1. Korinther 8,1 erklären, dass Erkenntnis aufblähen kann, während die Liebe aufbaut. In 1. Korinther 13,1–2 verschärft er diesen Gedanken noch einmal: Selbst außergewöhnliche sprachliche Fähigkeiten und weitreichende Erkenntnis verlieren ihren eigentlichen geistlichen Wert, wenn die Liebe fehlt. Damit wertet er weder das Wissen noch das Reden über Gottes Wort ab. Vielmehr unterscheidet er zwischen einer Fähigkeit, die Gott schenkt, und dem Charakter, mit dem ein Mensch diese Fähigkeit gebraucht. Das Problem der Korinther bestand deshalb nicht darin, dass sie zu viele geistliche Gaben besaßen, sondern darin, dass sie noch lernen mussten, diese Gaben in der richtigen Haltung einzusetzen. Schon hier bereitet Paulus seine spätere Unterweisung vor: Geistliche Begabung soll nicht zur Selbstdarstellung führen, sondern zum Aufbau anderer Menschen dienen.

In Vers 6 begründet Paulus den geistlichen Reichtum der Gemeinde damit, dass das Zeugnis von Christus unter ihnen befestigt worden ist. Mit diesem Zeugnis ist die Botschaft von Jesus Christus gemeint, die ihnen verkündigt wurde. Paulus hatte in Korinth nicht irgendeine neue religiöse Philosophie verbreitet, sondern Jesus als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn bekannt gemacht. In 1. Korinther 2,1–5 wird er später daran erinnern, dass seine Verkündigung nicht auf menschlich beeindruckender Redekunst beruhte, sondern darauf ausgerichtet war, den Glauben seiner Hörer auf Gottes Kraft zu gründen. Wenn er nun von einem befestigten Zeugnis spricht, blickt er auf die Aufnahme und Wirksamkeit dieser Botschaft unter den Korinthern zurück. Das Evangelium war nicht lediglich als eine neue Lehre an ihnen vorübergegangen. Menschen hatten es angenommen, eine Gemeinde war entstanden, und Gottes Gnade hatte unter ihnen geistliche Früchte und Begabungen hervorgebracht. Dadurch hatte sich die verkündigte Botschaft in ihrem gemeinschaftlichen Leben als wirksam erwiesen.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Dass das Zeugnis von Christus unter den Korinthern befestigt wurde, bedeutet nicht, dass jede ihrer späteren Überzeugungen und Verhaltensweisen damit von Gott bestätigt worden wäre. Paulus selbst wird zahlreiche Fehlentwicklungen korrigieren. Die Wirksamkeit des Evangeliums ist also nicht mit der Fehlerlosigkeit der Menschen gleichzusetzen, die es angenommen haben. Vielmehr beschreibt Paulus eine wirkliche Grundlage, auf der die Gemeinde weiter aufgebaut werden soll. Das Evangelium hatte ihnen einen neuen Anfang ermöglicht, aber dieser Anfang musste sich im weiteren Glaubensleben bewähren. Ein ähnlicher Gedanke begegnet in Kolosser 2,6–7: Menschen, die Christus Jesus als Herrn angenommen haben, sollen auch in ihm leben, in ihm verwurzelt und im Glauben gefestigt werden. Der Empfang der göttlichen Wahrheit ist somit nicht das Ende geistlichen Wachstums, sondern dessen notwendige Grundlage.

Aus dem Wirken des Evangeliums zieht Paulus in Vers 7 eine weitere Folgerung: Den Korinthern fehlt es an keiner Gnadengabe. Das griechische Wort charisma bezeichnet eine Gabe, die aus Gnade geschenkt wird. Bereits durch seine sprachliche Herkunft erinnert es daran, dass eine solche Fähigkeit nicht als persönlicher Verdienst betrachtet werden darf. In den Kapiteln 12 bis 14 wird Paulus ausführlich erklären, wie verschieden die geistlichen Gaben innerhalb der Gemeinde sein können und wozu sie bestimmt sind. Der Heilige Geist wirkt nicht in jedem Menschen auf dieselbe Weise. Vielmehr werden unterschiedliche Gaben ausgeteilt, damit die ganze Gemeinde davon profitiert. Besonders deutlich formuliert Paulus diesen Grundsatz in 1. Korinther 12,7, wo er erklärt, dass die Offenbarung des Geistes jedem zum Nutzen gegeben wird. Wenn Paulus nun feststellt, dass den Korinthern keine Gnadengabe fehlt, meint er deshalb nicht, dass jedes einzelne Gemeindeglied sämtliche geistlichen Fähigkeiten besitzen müsse. Er beschreibt vielmehr die reichhaltige Ausstattung der Gemeinde als Ganzes. Gott hatte ihr gegeben, was sie für ihren geistlichen Dienst benötigte.

Gerade angesichts ihrer später beschriebenen Probleme ist diese Aussage bemerkenswert. Die Korinther mussten nicht erst nach einer völlig neuen geistlichen Ausstattung suchen, bevor sie Gott dienen konnten. Was ihnen fehlte, war vor allem die richtige geistliche Haltung im Umgang mit dem, was sie bereits empfangen hatten. Die späteren Kapitel zeigen, dass selbst echte Gaben missbraucht werden können, wenn Menschen damit persönliche Bedeutung gewinnen oder andere übertreffen möchten. Paulus unterscheidet deshalb zwischen dem Besitz geistlicher Gaben und ihrem verantwortungsvollen Gebrauch. Eine Gemeinde kann reich an Fähigkeiten sein und zugleich ernsthafte Mängel in ihrer Gemeinschaft aufweisen. Ebenso darf eine scheinbar weniger beeindruckende Gabe nicht als geistlich minderwertig gelten. Entscheidend ist nicht, wie außergewöhnlich eine Fähigkeit erscheint, sondern ob sie im Einklang mit Gottes Willen und zum Nutzen anderer eingesetzt wird. So wird bereits am Anfang des Briefes deutlich, dass die richtige Bewertung geistlicher Gaben nicht bei der Frage beginnt, wer am meisten kann, sondern bei der Frage, wem die Gaben gehören und wofür sie gegeben wurden.

Paulus verbindet diesen geistlichen Reichtum anschließend mit der Erwartung der Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Damit erhält seine Aussage eine zeitliche Ausrichtung, die über das gegenwärtige Gemeindeleben hinausgeht. Die Christen in Korinth haben Gottes Gnade bereits empfangen, doch die endgültige Vollendung ihrer Hoffnung steht noch aus. Mit der Offenbarung Jesu Christi ist hier sein zukünftiges Erscheinen in Herrlichkeit gemeint. Das griechische Wort apokalypsis bezeichnet ein Enthüllen oder Offenbarwerden. Jesus Christus, der gegenwärtig Gegenstand ihres Glaubens ist, wird für alle sichtbar in seiner Herrlichkeit offenbar werden. Paulus verbindet damit die Hoffnung, dass Gott das begonnene Erlösungswerk zu seinem Ziel führen wird. In 1. Thessalonicher 4,13–18 beschreibt er die Wiederkunft Christi im Zusammenhang mit der Auferstehung der verstorbenen Gläubigen und der endgültigen Sammlung derer, die zu ihm gehören. Die Korinther leben somit zwischen zwei entscheidenden Wirklichkeiten: Christus hat sie bereits durch das Evangelium berufen und beschenkt, doch ihre endgültige Hoffnung richtet sich auf seine Wiederkunft.

Diese Verbindung zwischen gegenwärtiger Begabung und zukünftiger Hoffnung ist von großer Bedeutung. Die geistlichen Gaben sind keine Auszeichnung für Menschen, die ihr Ziel bereits erreicht hätten. Sie gehören zur gegenwärtigen Zeit, in der die Gemeinde Christus dient und auf seine Wiederkunft wartet. Paulus beschreibt das christliche Leben deshalb nicht als einen Zustand selbstzufriedener Vollendung. Auch eine reich beschenkte Gemeinde bleibt auf Gottes weiteres Handeln angewiesen. In 1. Korinther 13,8–12 wird er später erklären, dass die gegenwärtige Erkenntnis begrenzt ist und die geistlichen Gaben nicht mit der endgültigen Vollkommenheit verwechselt werden dürfen. Was Christen heute erkennen und erfahren, besitzt wirklichen Wert, bleibt aber gegenüber der zukünftigen unmittelbaren Begegnung mit Christus unvollständig. Gerade diese Hoffnung bewahrt davor, gegenwärtige Fähigkeiten oder Erfahrungen zum höchsten Maßstab geistlichen Lebens zu machen. Die Gemeinde soll ihre Gaben verantwortungsvoll gebrauchen, ohne dabei zu vergessen, dass ihr eigentliches Ziel nicht in außergewöhnlichen Erfahrungen, sondern in der Gemeinschaft mit dem wiederkommenden Herrn liegt.

In Vers 8 führt Paulus die Hoffnung auf die Wiederkunft weiter aus. Er spricht davon, dass Christus die Gläubigen bis ans Ende befestigen wird, damit sie am Tag des Herrn Jesus Christus unverklagbar sind. Hier begegnet erneut der Gedanke des Befestigens, der bereits in Vers 6 verwendet wurde. Dort blickt Paulus auf die Wirksamkeit des Zeugnisses von Christus unter den Korinthern zurück. Nun richtet sich sein Blick auf die Zukunft. Das, was durch das Evangelium begonnen hat, soll auch bis zum Ende Bestand haben. Der Glaube ist nicht nur auf einen guten Anfang angewiesen, sondern ebenso auf Gottes fortwährende Hilfe. Diese Zusage ist besonders tröstlich, weil Paulus nicht von einer vollkommenen Gemeinde spricht. Die Korinther sind gefährdet, machen Fehler und benötigen ernste Ermahnungen. Dennoch sieht Paulus ihre Zukunft nicht als hoffnungslos an. Seine Zuversicht gründet sich darauf, dass der Herr die Seinen stärken und bewahren kann.

Die Formulierung „unverklagbar“ führt den Gedanken noch einen Schritt weiter. Sie richtet den Blick auf den Tag, an dem das Leben des Menschen vor Gott offenbar wird. Paulus spricht hier nicht davon, dass Christen niemals gesündigt hätten oder durch eigene Vollkommenheit unangreifbar geworden seien. Vielmehr geht es um ihre endgültige Bewährung vor Gott, deren Grundlage in Christus liegt. Einen verwandten Gedanken entfaltet Paulus in Römer 8,33–34, wenn er fragt, wer gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben könne, da Gott selbst rechtfertigt und Christus als der Auferstandene für die Seinen eintritt. Darin liegt die Hoffnung der Gläubigen: Nicht ihre eigene Vergangenheit oder ihre persönliche Leistung bildet die letzte Grundlage ihrer Annahme bei Gott, sondern das rettende Handeln Jesu Christi. Dennoch darf die Zusage von 1. Korinther 1,8 nicht von den übrigen Ermahnungen des Briefes getrennt werden. Paulus wird die Gemeinde später ausdrücklich vor Selbstsicherheit warnen und sie auffordern, im Evangelium festzuhalten (1. Korinther 10,12; 15,1–2). Gottes bewahrende Treue und die Verantwortung des Menschen, im Glauben zu bleiben, werden im Brief nicht gegeneinander ausgespielt. Die Verheißung soll Vertrauen wecken, aber keine Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen geistlichen Leben rechtfertigen.

Der Ausdruck „Tag unseres Herrn Jesus Christus“ verdient besondere Aufmerksamkeit. Bereits die alttestamentlichen Propheten sprechen vom Tag des Herrn als einer Zeit, in der Gott entscheidend eingreift, Unrecht richtet und seine Herrschaft offenbart. So verbindet beispielsweise Joel 3–4 den kommenden Tag des Herrn mit Gericht und Rettung. Im Neuen Testament steht die endgültige Offenbarung dieser göttlichen Herrschaft in enger Verbindung mit Jesus Christus. Paulus nennt den zukünftigen Tag ausdrücklich den Tag unseres Herrn Jesus Christus und unterstreicht damit die zentrale Stellung Jesu im göttlichen Heilshandeln. Für die Korinther bedeutet dies, dass ihr gegenwärtiges Leben auf eine zukünftige Begegnung mit Christus ausgerichtet ist. Was Menschen heute hoch einschätzen – gesellschaftliches Ansehen, außergewöhnliche Begabung oder persönliche Bedeutung –, wird dann nicht den entscheidenden Maßstab bilden. Vor Christus wird offenbar werden, worauf das Leben eines Menschen tatsächlich gegründet war. Der Vers liefert allerdings keine vollständige zeitliche Abfolge der endzeitlichen Ereignisse. Sein Schwerpunkt liegt auf der Gewissheit, dass Christus wiederkommen wird und dass die Gläubigen auf seine bewahrende Hilfe angewiesen sind.

Mit Vers 9 erreicht Paulus den Höhepunkt seiner Danksagung: „Treu ist Gott“. Nach allen Aussagen über Gottes Gnade, die geistlichen Gaben und die zukünftige Hoffnung führt er seine Leser zu einer grundlegenden Eigenschaft Gottes zurück. Gottes Treue bedeutet, dass er zuverlässig ist und seinen Verheißungen nicht unbeständig oder willkürlich gegenübersteht. Die Hoffnung der Gemeinde gründet sich deshalb nicht auf die Beständigkeit menschlicher Gefühle oder auf die Fähigkeit der Gläubigen, jede Herausforderung aus eigener Kraft zu bestehen. Sie gründet sich auf den Gott, der sie berufen hat. Auch im Alten Testament bildet Gottes Treue eine entscheidende Grundlage für das Vertrauen seines Volkes. In 5. Mose 7,9 wird Gott als der treue Gott beschrieben, der seinen Bund und seine Gnade bewahrt. Paulus greift diesen Grundgedanken auf und wendet ihn auf das Leben der Christen an. Dass Gott treu ist, bedeutet jedoch nicht, dass menschliche Untreue bedeutungslos wäre. Gerade weil Gott seinem Wesen und seinen Verheißungen treu bleibt, können seine Zusagen ernst genommen werden – ebenso wie seine Warnungen.

Besonders bedeutsam ist schließlich das Ziel der göttlichen Berufung. Paulus erklärt, dass die Christen zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn, berufen worden sind. Das griechische Wort koinonia bezeichnet Gemeinschaft, Verbundenheit und Teilhabe. Es geht deshalb um weit mehr als eine äußere Zugehörigkeit zu einer religiösen Organisation. Die Gläubigen werden in eine wirkliche Beziehung zu Jesus Christus gerufen und erhalten Anteil an dem Leben, das Gott durch seinen Sohn schenkt. Eine solche Gemeinschaft beginnt mit dem Glauben an Christus, wird im täglichen Vertrauen auf ihn gelebt und richtet sich auf die endgültige Gemeinschaft mit ihm bei seiner Wiederkunft. Jesus selbst beschreibt die notwendige innere Verbindung zwischen sich und seinen Jüngern im Bild des Weinstocks und der Reben (Johannes 15,4–5). Eine Rebe kann ihre Frucht nicht unabhängig vom Weinstock hervorbringen. Ebenso entsteht geistliche Frucht nicht durch die selbstständige Anstrengung des Menschen, sondern aus der bleibenden Verbindung mit Christus. Diese Beziehung ist daher keine bloße Ergänzung zum christlichen Leben, sondern seine eigentliche Grundlage.

Die Gemeinschaft mit Christus besitzt zugleich eine untrennbare gemeinschaftliche Dimension. Wer zu Jesus gehört, wird dadurch auch mit den anderen verbunden, die denselben Herrn anerkennen. Paulus wird diesen Zusammenhang später beim Abendmahl erneut aufgreifen. In 1. Korinther 10,16–17 spricht er von der Gemeinschaft mit Christus und begründet daraus die Zusammengehörigkeit der vielen Gläubigen als ein Leib. Damit erhält Vers 9 bereits für die später behandelten Spaltungen eine besondere Bedeutung. Wenn alle Christen durch denselben Gott zur Gemeinschaft mit demselben Sohn berufen worden sind, können menschliche Vorlieben und Unterschiede nicht die tiefste Grundlage ihrer Identität bilden. Die Einheit der Gemeinde entsteht nicht dadurch, dass Menschen sich um eine besonders beeindruckende Persönlichkeit sammeln. Sie entsteht aus ihrer gemeinsamen Verbindung mit Jesus Christus. Wo diese Verbindung ernst genommen wird, kann die Gemeinschaft der Gläubigen nicht dauerhaft durch persönliche Eitelkeit, Machtstreben oder gegenseitige Überheblichkeit bestimmt werden.

Damit schließt Paulus seine Danksagung mit einer bemerkenswerten Gewissheit. Die Korinther besitzen geistliche Gaben, doch diese Gaben stammen von Gott. Sie verfügen über Erkenntnis, doch ihre Erkenntnis bleibt begrenzt. Sie haben das Evangelium angenommen, doch ihr Glaube bedarf weiterhin der Stärkung. Sie warten auf die Wiederkunft Christi, doch ihre Hoffnung beruht nicht auf ihrer eigenen Vollkommenheit, sondern auf der Treue Gottes. Und sie sind zur Gemeinschaft mit Christus berufen, weshalb ihre Beziehungen untereinander nicht beliebig gestaltet werden können. Gerade dieser letzte Gedanke führt unmittelbar zum nächsten Abschnitt. Denn nun wird Paulus erklären, wie weit das tatsächliche Verhalten der Gemeinde von ihrer gemeinsamen Berufung entfernt ist. Die Spaltungen unter den Korinthern stehen in einem ernsten Widerspruch zu der Gemeinschaft mit Christus, zu der Gott sie alle gerufen hat.

1. Korinther 1,10–13

Wenn Menschen wichtiger werden als Christus

Nach seiner Danksagung wendet sich Paulus dem ersten großen Problem der Gemeinde zu. Obwohl die Korinther durch Jesus Christus zur Gemeinschaft mit Gott berufen wurden, haben sich unter ihnen Streitigkeiten und gegenseitige Abgrenzungen entwickelt. Deshalb ermahnt Paulus sie in Vers 10 im Namen des Herrn Jesus Christus, einmütig zu sein, keine Spaltungen zuzulassen und in derselben Gesinnung und Überzeugung zusammenzuhalten. Bemerkenswert ist, dass er sich dabei nicht auf seine persönliche Bedeutung als Gemeindegründer beruft, sondern auf die Autorität Christi. Die geforderte Einheit soll nicht dem Ansehen eines Apostels dienen, sondern der gemeinsamen Berufung der Gläubigen entsprechen.

Paulus spricht die Korinther weiterhin als Brüder an. Trotz ihrer Fehlentwicklungen betrachtet er sie als Glaubensgeschwister, denen er sich verbunden weiß. Seine Ermahnung ist deshalb nicht Ausdruck persönlicher Ablehnung, sondern der Verantwortung für eine Gemeinde, deren geistliche Gemeinschaft gefährdet ist. Wenn er fordert, dass alle übereinstimmend reden sollen, verlangt er damit keine vollständige Gleichförmigkeit in sämtlichen Ansichten oder persönlichen Eigenschaften. Eine solche Vorstellung würde seinen späteren Aussagen über die unterschiedlichen Gaben und Aufgaben innerhalb der Gemeinde widersprechen (1. Korinther 12,4–11). Vielmehr geht es um eine gemeinsame Grundhaltung, die verhindert, dass persönliche Vorlieben zu gegenseitiger Feindschaft führen. Unterschiedliche Begabungen und Sichtweisen dürfen vorhanden sein, sollen aber nicht die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus verdrängen.

Für die entstandenen Spaltungen verwendet Paulus das griechische Wort schismata, das einen Riss oder eine Trennung bezeichnet. Damit beschreibt er eine Beschädigung des inneren Zusammenhalts. Es muss sich dabei noch nicht um organisatorisch voneinander getrennte Gemeinden gehandelt haben. Auch innerhalb einer äußerlich bestehenden Gemeinschaft können sich Gegensätze entwickeln, die Vertrauen, Zusammenarbeit und gegenseitige Achtung zerstören. Dem stellt Paulus die Aufforderung gegenüber, wieder zusammenzuhalten. Das griechische Wort katērtismenoi gehört zu einem Wortfeld, das unter anderem das Wiederherstellen oder Zusammenfügen von etwas Beschädigtem bezeichnet. Paulus möchte also nicht nur, dass die Streitigkeiten äußerlich beendet werden. Die Korinther sollen auch ihre Gesinnung und ihr Urteil so ausrichten, dass eine tragfähige Gemeinschaft wieder möglich wird.

In Vers 11 erklärt Paulus den Anlass seiner Ermahnung. Menschen aus dem Umfeld einer Frau namens Chloe hatten ihm von Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde berichtet. Über Chloe selbst wissen wir nur wenig. Ob die erwähnten Personen zu ihrem Haushalt gehörten, für sie arbeiteten oder auf andere Weise mit ihr verbunden waren, lässt sich nicht sicher bestimmen. Entscheidend ist, dass Paulus seine Aussagen auf konkrete Nachrichten stützt. Die Konflikte waren keine bloße Vermutung. Zugleich unterscheidet er nicht nur zwischen richtigen und falschen Überzeugungen, sondern nimmt auch die Haltung der Beteiligten ernst. Wenn unterschiedliche Ansichten zu Rivalität und persönlicher Überheblichkeit führen, wird die geistliche Gemeinschaft beschädigt. Später bezeichnet Paulus Eifersucht und Streit ausdrücklich als Anzeichen geistlicher Unreife (1. Korinther 3,3).

In Vers 12 nennt Paulus die Zugehörigkeitsbekundungen, an denen sich die Konflikte offenbar entzündet hatten. Einige erklärten, zu Paulus zu gehören, andere zu Apollos, wieder andere zu Kephas, und schließlich wird auch die Aussage genannt, man gehöre zu Christus. Diese Namen waren mit bedeutenden Persönlichkeiten der frühen Christenheit verbunden. Paulus hatte die Gemeinde in Korinth gegründet und dort das Evangelium verkündigt. Apollos war ein redegewandter und schriftkundiger jüdischer Christ aus Alexandria, der später ebenfalls in Achaja wirkte. Apostelgeschichte 18,24–28 beschreibt ihn als einen Mann, der die Heilige Schrift gründlich kannte und den Glaubenden durch seine Verkündigung half. Paulus wird ihre unterschiedlichen Aufgaben später mit dem Pflanzen und Begießen vergleichen: Er selbst hatte gepflanzt, Apollos hatte begossen, aber Gott schenkte das Wachstum (1. Korinther 3,6).

Kephas ist der aramäische Name des Apostels Petrus, der zu den engsten Jüngern Jesu gehört hatte. Ob Petrus jemals persönlich in Korinth gewesen war, berichtet das Neue Testament nicht. Seine Erwähnung beweist daher keinen solchen Aufenthalt. Ebenso bleibt offen, ob die genannten Zugehörigkeiten tatsächlich vier fest organisierte Gruppen bezeichneten oder eher unterschiedliche Vorlieben für bestimmte Verkündiger ausdrückten. Paulus selbst erklärt später, dass er seine Ausführungen beispielhaft auf sich und Apollos bezogen habe (1. Korinther 4,6). Deshalb wäre es unangebracht, den einzelnen Gruppen bestimmte Lehrsysteme oder Absichten zuzuschreiben, die im Text nicht belegt sind.

Besonders erklärungsbedürftig ist die Aussage: „Ich gehöre Christus.“ Für sich genommen ist dieses Bekenntnis vollkommen richtig, denn alle Gläubigen gehören Jesus Christus. Möglicherweise gab es jedoch Menschen, die sogar diese Zugehörigkeit benutzten, um sich als besonders geistlich gegenüber anderen hervorzuheben. Eine andere Auslegung versteht die Worte als bewusste Gegenüberstellung des Paulus zu den menschlichen Zugehörigkeitsbekundungen. Der Text entscheidet diese Frage nicht eindeutig. In beiden Fällen bleibt seine grundlegende Aussage bestehen: Kein menschlicher Verkündiger darf den Platz einnehmen, der allein Christus zusteht.

Damit kritisiert Paulus nicht die Wertschätzung geistlicher Lehrer. Es ist durchaus richtig, einem Menschen dankbar zu sein, durch dessen Verkündigung man zum Glauben gefunden oder wichtige biblische Wahrheiten verstanden hat. Gott gebraucht unterschiedliche Persönlichkeiten mit verschiedenen Fähigkeiten. Gefährlich wird diese Beziehung jedoch, wenn die Person des Verkündigers zum entscheidenden Maßstab des Glaubens wird. Dann beurteilen Menschen eine Botschaft möglicherweise danach, wer sie ausgesprochen hat, statt ihren Inhalt anhand des Wortes Gottes zu prüfen. Aus berechtigter Dankbarkeit kann eine ungesunde Abhängigkeit entstehen, die andere Christen abwertet und die eigene Gruppe für überlegen hält. Genau dieser Entwicklung möchte Paulus entgegenwirken.

In Vers 13 führt er die Auseinandersetzung mit drei eindringlichen Fragen auf ihren eigentlichen Kern zurück. Zuerst fragt er, ob Christus etwa zerteilt sei. Die Antwort ist offensichtlich: Jesus Christus ist nicht in verschiedene Teile aufgeteilt, die jeweils einem bestimmten Prediger oder einer bestimmten Gruppe gehören. Er ist der eine Herr seiner Gemeinde. Später wird Paulus diese Einheit durch das Bild des menschlichen Körpers vertiefen, dessen unterschiedliche Glieder zusammen einen Leib bilden (1. Korinther 12,12–27). Damit begründet er die Einheit der Gläubigen nicht in ihrer menschlichen Ähnlichkeit, sondern in ihrer gemeinsamen Zugehörigkeit zu Christus.

Die zweite Frage lautet sinngemäß, ob etwa Paulus für die Korinther gekreuzigt worden sei. Damit verweist er auf den entscheidenden Unterschied zwischen Jesus und allen menschlichen Verkündigern. Ein Apostel kann das Evangelium bekannt machen, Menschen unterweisen und ihnen im Glauben helfen. Er kann sie jedoch nicht durch seinen eigenen Tod von der Sünde erlösen. Diese rettende Bedeutung besitzt allein das Opfer Jesu Christi. Wie Paulus später erklärt, wurde Christus für unsere Sünden begraben und ist am dritten Tag auferstanden (1. Korinther 15,3–4). Deshalb kann kein Prediger, unabhängig von seiner Begabung oder geistlichen Bedeutung, dieselbe Stellung einnehmen wie der Erlöser selbst.

Mit seiner dritten Frage erinnert Paulus an die Taufe: Waren die Korinther etwa auf seinen Namen getauft worden? Die Taufe ist ein Ausdruck der Zugehörigkeit zu Jesus Christus und der Verbindung mit seinem Tod und seiner Auferstehung (Römer 6,3–4). Derjenige, der sie vollzieht, handelt als Diener Gottes und wird dadurch nicht zum geistlichen Eigentümer des Getauften. Deshalb darf die Taufe nicht zu einer besonderen persönlichen Bindung an einen bestimmten Verkündiger umgedeutet werden. Sie verweist vielmehr auf Christus, durch den der Mensch neues Leben empfängt.

Die drei Fragen des Paulus treffen somit den Kern der Spaltungen. Christus ist nicht geteilt, allein Christus hat die Erlösung vollbracht, und auf ihn richtet sich die Zugehörigkeit der Getauften. Die Korinther müssen deshalb neu unterscheiden lernen zwischen den Menschen, die ihnen das Evangelium verkündigt haben, und dem Herrn, dem sie durch das Evangelium gehören. Geistliche Lehrer besitzen eine wichtige Aufgabe, aber ihre Bedeutung liegt gerade darin, Menschen zu Christus zu führen und nicht an sich selbst zu binden.

Damit hat Paulus die Grundlage für seine weitere Argumentation gelegt. Im nächsten Abschnitt wird er anhand seiner eigenen Tätigkeit in Korinth erklären, weshalb er dankbar ist, dort nur wenige Menschen persönlich getauft zu haben. Zugleich wird er zeigen, warum der eigentliche Mittelpunkt seines apostolischen Auftrags nicht die persönliche Anerkennung des Verkündigers, sondern die Botschaft vom Kreuz ist.

1. Korinther 1,14–17

Warum die Taufe nicht an menschliche Namen bindet

Nachdem Paulus die Spaltungen innerhalb der Gemeinde angesprochen hat, verdeutlicht er seine Warnung anhand seiner eigenen Tätigkeit in Korinth. In Vers 14 erklärt er, dass er Gott dafür dankt, nur wenige Menschen dort persönlich getauft zu haben. Zunächst nennt er Krispus und Gajus. Diese Aussage könnte überraschen, denn die Taufe besitzt im Neuen Testament eine wichtige Bedeutung. Jesus selbst hatte seinen Jüngern den Auftrag gegeben, Menschen zu Jüngern zu machen und sie zu taufen (Matthäus 28,19–20). Auch Paulus beschreibt die Taufe an anderer Stelle als eine Verbindung mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi (Römer 6,3–4). Weshalb ist er also dankbar, dass er in Korinth nur wenige Menschen selbst getauft hat?

Die Antwort ergibt sich aus den Streitigkeiten, die Paulus gerade angesprochen hat. Einige Korinther betrachteten offenbar ihre Verbindung zu bestimmten Verkündigern als Zeichen besonderer geistlicher Bedeutung. Unter diesen Umständen bestand die Gefahr, dass sogar die Taufe, die eigentlich auf Christus hinweist, mit dem Ansehen desjenigen verbunden wurde, der sie durchgeführt hatte. Paulus ist deshalb nicht dankbar, weil die Taufe unwichtig wäre, sondern weil seine begrenzte persönliche Beteiligung keinen zusätzlichen Anlass für solche falschen Zugehörigkeitsansprüche bietet. Seine Sorge gilt nicht der Taufhandlung selbst, sondern dem menschlichen Stolz, der ihren eigentlichen Sinn verdrehen kann.

Mit Krispus nennt Paulus einen Mann, der bereits aus Apostelgeschichte 18,8 bekannt ist. Dort wird berichtet, dass Krispus Vorsteher der Synagoge in Korinth war und mit seinem ganzen Haus an den Herrn glaubte. Seine Bekehrung war insofern bemerkenswert, als er zuvor eine verantwortliche Stellung innerhalb der jüdischen Gemeinde bekleidet hatte. Der andere genannte Gläubige, Gajus, lässt sich nicht mit derselben Sicherheit historisch einordnen. In Römer 16,23 erwähnt Paulus einen Gajus, der ihn und die Gemeinde beherbergte. Möglicherweise handelt es sich um denselben Mann, doch eine eindeutige Identifizierung ist nicht möglich. Für die Aussage des Paulus ist diese Frage auch nicht entscheidend. Wichtig ist, dass selbst diejenigen, die durch ihn persönlich getauft wurden, dadurch keine höhere geistliche Stellung erhielten als andere Christen.

In Vers 15 nennt Paulus den Grund für seine Dankbarkeit ausdrücklich: Niemand soll behaupten können, er sei auf den Namen des Paulus getauft worden. Damit greift er seine vorherige Frage aus Vers 13 wieder auf. Die Taufe darf nicht den Eindruck vermitteln, ein Mensch gehöre dem Verkündiger, der sie durchgeführt hat. Ihre Bedeutung richtet sich auf Jesus Christus, dessen Tod und Auferstehung die Grundlage der Erlösung bilden. Nach Galater 3,26–27 steht die Taufe in enger Verbindung mit dem Glauben an Christus und der Zugehörigkeit zu ihm. Sie ist daher weit mehr als ein äußeres Zeichen persönlicher Verbundenheit mit einer Gemeinde oder einem Prediger. Sie gehört zum Eintritt in ein neues Leben unter der Herrschaft Jesu Christi. Gerade deshalb darf sie nicht zum Anlass werden, menschliche Rangunterschiede unter Gläubigen zu begründen.

In Vers 16 ergänzt Paulus seine vorherige Aussage und erinnert sich daran, auch das Haus des Stephanas getauft zu haben. Anschließend erklärt er, dass er nicht wisse, ob er darüber hinaus noch jemanden getauft habe. Diese nachträgliche Ergänzung zeigt, dass Paulus hier keine vollständige Taufstatistik erstellen möchte. Er erinnert sich an konkrete Personen und korrigiert seine Aufzählung, ohne dadurch den Hauptgedanken seiner Argumentation zu verändern. Bemerkenswert ist seine Offenheit: Er behauptet nicht, jedes Detail seiner früheren Tätigkeit noch genau zu wissen. Seine apostolische Autorität verlangt keine künstlich zur Schau gestellte Vollständigkeit des persönlichen Erinnerungsvermögens.

Das Haus des Stephanas begegnet am Ende des Briefes erneut. Nach 1. Korinther 16,15 gehörte es zu den ersten Gläubigen in Achaja, und seine Angehörigen hatten sich dem Dienst an den Heiligen gewidmet. Diese zusätzliche Information zeigt, dass Menschen aus diesem Haushalt später aktiv am Gemeindeleben beteiligt waren. Der Ausdruck „Haus“ konnte in der damaligen Gesellschaft neben Familienangehörigen auch weitere zum Haushalt gehörende Personen einschließen. Über das genaue Alter sämtlicher Getauften erfahren wir jedoch nichts. Deshalb lässt sich aus dieser Erwähnung allein weder beweisen, dass Säuglinge getauft wurden, noch, dass sich unter den Getauften ausschließlich Erwachsene befanden. Für Paulus steht hier ohnehin nicht das Alter der Täuflinge im Mittelpunkt, sondern die Frage, weshalb keine Taufe zur persönlichen Verehrung eines Apostels führen darf.

In Vers 17 erklärt Paulus schließlich, dass Christus ihn nicht in erster Linie zum Taufen, sondern zur Verkündigung des Evangeliums gesandt habe. Diese Formulierung darf nicht als Ablehnung der Taufe verstanden werden. Paulus hatte selbst Menschen getauft und betrachtete die Taufe als Bestandteil des christlichen Glaubens. Er unterscheidet vielmehr zwischen der grundlegenden Aufgabe, Menschen die rettende Botschaft von Jesus Christus zu verkündigen, und der Durchführung der Taufe, die auch andere Mitarbeiter übernehmen konnten. Ohne die Verkündigung des Evangeliums würde die Taufe ihres entscheidenden Inhalts beraubt. Denn erst durch die Botschaft von Christus können Menschen verstehen, zu wem sie sich im Glauben bekennen und welche Bedeutung sein Tod und seine Auferstehung für ihr Leben besitzen.

Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich in Apostelgeschichte 18,8. Dort beschreibt Lukas, wie zahlreiche Korinther die Verkündigung hörten, zum Glauben kamen und getauft wurden. Die Taufe stand somit im Zusammenhang mit der Annahme des Evangeliums. Paulus wollte Menschen nicht an seine eigene Person binden, sondern sie durch die Botschaft von Jesus zu einem Leben im Glauben führen. Die entscheidende geistliche Wirksamkeit lag nicht darin, dass ein besonders angesehener Apostel die Taufhandlung ausführte. Sie lag in Gottes rettendem Handeln, das durch das Evangelium verkündigt und im Glauben angenommen wurde.

Am Ende von Vers 17 führt Paulus einen neuen, grundlegenden Gedanken ein. Christus hatte ihn gesandt, das Evangelium zu verkündigen, aber nicht in menschlicher Redekunst, damit das Kreuz Christi nicht seiner Kraft beraubt werde. In einer Stadt wie Korinth, die von griechisch-römischer Bildung und öffentlichen Redekünsten geprägt war, konnte eine eindrucksvolle Rede großes Ansehen vermitteln. Menschen bewunderten Redner, die durch geschickte Argumentation, kunstvolle Sprache und überzeugendes Auftreten ihre Zuhörer fesselten. Paulus lehnt damit nicht grundsätzlich verständliches oder sorgfältiges Reden ab. Schließlich argumentiert er selbst ausführlich und bemüht sich darum, seine Leser zu überzeugen. Seine Warnung richtet sich gegen eine Verkündigung, bei der die rhetorische Leistung des Menschen so sehr im Mittelpunkt steht, dass die Botschaft vom gekreuzigten Christus in den Hintergrund gerät.

Das griechische Wort, das Paulus für das Entkräften des Kreuzes verwendet, kann das Leermachen oder seiner Wirkung Berauben bezeichnen. Damit meint er nicht, dass menschliche Redekunst das vollbrachte Erlösungswerk Jesu tatsächlich rückgängig machen könnte. Vielmehr warnt er davor, das Evangelium so darzustellen, dass seine eigentliche Bedeutung verdeckt wird. Wenn Menschen vor allem von der sprachlichen Überlegenheit eines Predigers beeindruckt sind, können sie den entscheidenden Inhalt seiner Botschaft verfehlen. Das Kreuz soll nicht zum bloßen Anlass einer bewunderten Rede werden. Es ist selbst die Mitte dessen, was verkündigt wird.

Damit verbindet Paulus seine Kritik an den Spaltungen mit einem noch tiefer liegenden Problem. Die Korinther hatten begonnen, menschliche Verkündiger nach ihrer Bedeutung und offenbar auch nach ihrer Wirkung auf andere zu beurteilen. Paulus stellt diesem Denken den Auftrag gegenüber, Christus zu verkündigen. Nicht die Persönlichkeit des Boten, sondern die Botschaft von der Erlösung soll im Mittelpunkt stehen. Diese Unterscheidung betrifft nicht nur die Taufe oder die Stellung einzelner Apostel, sondern das gesamte Verständnis christlicher Verkündigung.

So bereitet Vers 17 den nächsten großen Abschnitt des Kapitels vor. Paulus wird nun erklären, weshalb gerade die Botschaft vom gekreuzigten Christus menschliche Vorstellungen von Weisheit, Stärke und Größe infrage stellt. Was aus der Sicht der Welt als Torheit und Schwäche erscheint, offenbart nach Gottes Maßstäben eine Weisheit und Kraft, die kein Mensch aus sich selbst hervorbringen kann.

1. Korinther 1,18–21

Die Botschaft von Gott und die Grenzen menschlicher Weisheit

Nachdem Paulus erklärt hat, warum die Verkündigung des Evangeliums wichtiger ist als das persönliche Ansehen eines Predigers, führt er seine Leser zum eigentlichen Mittelpunkt des christlichen Glaubens. In Vers 18 stellt er zwei grundverschiedene Reaktionen auf dieselbe Botschaft gegenüber: Für diejenigen, die verloren gehen, erscheint das Wort vom Kreuz als Torheit. Für diejenigen dagegen, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. Paulus spricht damit nicht von zwei unterschiedlichen Evangelien, sondern davon, dass Menschen dieselbe Wahrheit völlig verschieden beurteilen können. Was dem einen sinnlos erscheint, erkennt der andere als Grundlage seiner Rettung. Entscheidend ist nicht, ob die Botschaft den Erwartungen menschlicher Weisheit entspricht, sondern ob der Mensch Gottes rettendes Handeln in Jesus Christus im Glauben annimmt.

Das Kreuz war in der damaligen Welt keineswegs ein allgemein anerkanntes Zeichen göttlicher Liebe. Die Kreuzigung gehörte zu den besonders entehrenden Formen römischer Hinrichtung und wurde mit Schande, Erniedrigung und öffentlicher Machtlosigkeit verbunden. Dass ausgerechnet ein Gekreuzigter der von Gott gesandte Erlöser sein sollte, widersprach deshalb verbreiteten Vorstellungen von Größe und göttlicher Macht. Ein Mensch, der unter römischer Herrschaft öffentlich hingerichtet worden war, erschien nach gewöhnlichen Maßstäben eher als Gescheiterter denn als Sieger. Paulus macht jedoch deutlich, dass gerade dieses Ereignis im Mittelpunkt des göttlichen Erlösungsplans steht. Jesus starb nicht, weil Gottes Vorhaben gescheitert war. Sein Tod gehört vielmehr zu dem Weg, auf dem Gott sündigen Menschen Vergebung und Versöhnung eröffnet hat. In Römer 5,6–10 erklärt Paulus, dass Christus für Sünder starb und Menschen durch seinen Tod mit Gott versöhnt werden können. Die Kraft des Kreuzes liegt somit nicht in der Grausamkeit der Hinrichtung, sondern in dem rettenden Handeln Gottes durch Jesus Christus.

Bemerkenswert ist auch die Formulierung des Paulus, dass die einen verloren gehen, während die anderen gerettet werden. Im griechischen Text stehen hier Formen, die einen gegenwärtigen Verlauf beschreiben. Die Aussage richtet den Blick deshalb nicht ausschließlich auf ein bereits abgeschlossenes Schicksal, sondern auf die gegenwärtige Beziehung des Menschen zur rettenden Botschaft. Paulus unterscheidet zwischen Menschen, die Gottes Erlösung ablehnen, und denen, die sie im Glauben annehmen. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass jeder Mensch, der das Evangelium gegenwärtig ablehnt, endgültig von jeder Möglichkeit der Umkehr ausgeschlossen wäre. Paulus selbst hatte Christus zunächst bekämpft, bevor er dessen Jünger wurde (Apostelgeschichte 9,1–19). Der Gegensatz in Vers 18 beschreibt die unterschiedliche Bedeutung des Kreuzes für Glaubende und Ablehnende, nicht eine unveränderliche Einteilung sämtlicher Menschen.

In Vers 19 begründet Paulus seine Aussage mit einem Zitat aus Jesaja 29,14. Dort kündigt Gott an, die Weisheit der Weisen zunichtezumachen und den Verstand der Verständigen zu verwerfen. Um die Bedeutung dieses Zitats zu erfassen, muss der ursprüngliche Zusammenhang berücksichtigt werden. In Jesaja 29,13 kritisiert Gott ein Volk, das ihn äußerlich mit den Lippen ehrt, dessen Herz jedoch von ihm entfernt ist. Seine Gottesverehrung ist zu einer angelernten religiösen Gewohnheit geworden. Die Verantwortlichen vertrauen auf ihre eigenen Überlegungen und handeln, als könnten sie ihre Absichten vor Gott verbergen (Jesaja 29,15–16). Gottes Ankündigung richtet sich deshalb gegen eine menschliche Weisheit, die sich seiner Wahrheit und Autorität entzieht. Nicht Erkenntnis an sich wird verurteilt, sondern das selbstsichere Denken, das Gott nicht mehr als seinen Maßstab anerkennt.

Paulus greift diese prophetische Warnung auf und zeigt, dass sie auch für das Verständnis des Kreuzes Bedeutung besitzt. Wie bereits zur Zeit Jesajas können Menschen über große Kenntnisse und überzeugende Argumente verfügen und dennoch Gottes Handeln verkennen. Am Kreuz wird diese Grenze besonders sichtbar. Gott verwirklicht seine Rettung auf eine Weise, die den menschlichen Vorstellungen von Erfolg, Macht und Ehre widerspricht. Dadurch wird eine Weisheit infrage gestellt, die nur anerkennt, was innerhalb ihrer eigenen Erwartungen verständlich erscheint. Paulus behauptet nicht, dass sorgfältiges Denken wertlos wäre oder Menschen auf ihren Verstand verzichten sollten. Die Bibel selbst fordert dazu auf, Weisheit zu suchen und Erkenntnis zu erwerben (Sprüche 2,1–6). Entscheidend ist jedoch, ob menschliches Denken bereit bleibt, sich durch Gottes Offenbarung korrigieren zu lassen. Wahre Weisheit beginnt nicht mit der Selbstüberschätzung des Menschen, sondern mit der Anerkennung Gottes.

In Vers 20 verstärkt Paulus diesen Gedanken durch eine Reihe rhetorischer Fragen. Er fragt nach dem Weisen, dem Schriftgelehrten und dem Disputiergeist dieser Welt. Damit ruft er verschiedene Formen menschlicher Gelehrsamkeit und argumentativer Überlegenheit in Erinnerung. Der Schriftgelehrte steht besonders im Zusammenhang mit der jüdischen Beschäftigung mit den heiligen Schriften, während die Fragen nach Weisheit und öffentlicher Auseinandersetzung ebenso die griechisch-römische Bildungswelt berühren. Paulus erstellt hier jedoch keine genaue Einteilung verschiedener Berufsgruppen. Seine Fragen verfolgen ein gemeinsames Ziel: Wo bleibt der Anspruch menschlicher Weisheit, wenn Gott einen Weg zur Erlösung eröffnet, den diese Weisheit nicht selbst erkennen oder hervorbringen konnte?

Wenn Paulus anschließend fragt, ob Gott die Weisheit dieser Welt nicht zur Torheit gemacht habe, erklärt er damit nicht jede menschliche Erkenntnis für falsch. Menschen können die geschaffene Welt erforschen, vernünftig urteilen und wertvolle Einsichten gewinnen. Doch keine dieser Fähigkeiten kann aus sich heraus den Erlösungsweg Gottes hervorbringen. Die menschliche Vernunft kann über Schuld, Gerechtigkeit und die Notwendigkeit der Versöhnung nachdenken. Dass Gott seinen Sohn gibt und durch dessen Tod sündige Menschen rettet, ist jedoch keine Wahrheit, die der Mensch allein aus philosophischer Überlegung ableiten könnte. Sie muss ihm durch Gottes Handeln und Offenbarung bekannt gemacht werden. Damit wird die menschliche Vernunft nicht abgeschafft, sondern an ihre Grenzen erinnert.

Vers 21 führt diese Unterscheidung weiter. Paulus erklärt, dass die Welt Gott durch ihre eigene Weisheit nicht erkannte, obwohl sie innerhalb der von Gottes Weisheit bestimmten Wirklichkeit lebt. Hier ist sorgfältig zwischen unterschiedlichen Arten der Gotteserkenntnis zu unterscheiden. In Römer 1,19–21 sagt Paulus ausdrücklich, dass Menschen an Gottes Schöpfungswerken etwas von seiner Macht und Göttlichkeit erkennen können. Er widerspricht sich deshalb nicht, wenn er in 1. Korinther 1 erklärt, dass die Welt Gott durch ihre Weisheit nicht erkannt hat. Sein Blick richtet sich hier besonders auf die Erkenntnis Gottes, wie er sich in seinem rettenden Handeln durch Christus offenbart. Die Schöpfung kann auf den Schöpfer hinweisen, aber sie erklärt dem Menschen nicht von selbst die Bedeutung des Kreuzes, die Vergebung der Sünden und die Versöhnung mit Gott. Diese rettende Wahrheit wird durch das Evangelium bekannt gemacht.

Deshalb sagt Paulus, dass es Gott gefiel, durch die „Torheit der Predigt“ diejenigen zu retten, die glauben. Diese Formulierung bedeutet nicht, dass Gott eine unvernünftige oder inhaltslose Verkündigung wünscht. Das griechische Wort kērygma bezeichnet die verkündigte Botschaft beziehungsweise ihre öffentliche Bekanntmachung. Im Zusammenhang geht es besonders um den Inhalt dieser Verkündigung: den gekreuzigten Christus. Die Botschaft erscheint denen töricht, die Gottes Handeln ausschließlich nach menschlichen Erwartungen beurteilen. Gerade durch sie eröffnet Gott jedoch den Weg zur Rettung. Dabei ist der Glaube keine besondere menschliche Leistung, durch die das Erlösungswerk erst wirksam gemacht werden müsste. Er ist die vertrauensvolle Antwort auf das, was Gott in Jesus Christus bereits getan hat. Wie Paulus in Epheser 2,8–9 erklärt, geschieht die Rettung aus Gnade durch den Glauben und nicht aufgrund eigener Werke, damit niemand sich rühmen kann.

Damit wird auch verständlich, weshalb Paulus diesen Gedanken unmittelbar nach seiner Kritik an den Spaltungen entwickelt. Die Korinther hatten begonnen, menschliche Verkündiger und ihre besonderen Fähigkeiten zum Anlass gegenseitiger Überheblichkeit zu machen. Doch das Evangelium selbst widerspricht jedem Versuch, menschliches Ansehen zur Grundlage geistlicher Größe zu erklären. Wenn die Rettung allein auf Gottes Handeln in Christus beruht, kann niemand seinen Glauben auf die Redekunst eines Predigers, die eigene Bildung oder eine vermeintlich überlegene Erkenntnis gründen. Der Dienst eines Verkündigers besitzt seinen Wert darin, die Menschen mit der Wahrheit des Evangeliums vertraut zu machen. Seine persönliche Begabung darf jedoch niemals den Platz der Botschaft einnehmen, die er weitergibt.

So führt Paulus seine Leser zu einer grundlegenden Umkehr ihres Denkens. Nicht alles, was Menschen beeindruckt, besitzt deshalb auch vor Gott den höchsten Wert. Und nicht alles, was nach menschlichen Maßstäben schwach oder unverständlich erscheint, ist tatsächlich bedeutungslos. Das Kreuz Christi stellt diese gewohnten Maßstäbe infrage und offenbart, dass Gottes rettende Weisheit größer ist als die Weisheit des Menschen. Im folgenden Abschnitt wird Paulus diesen Gegensatz weiter vertiefen und erklären, weshalb Juden und Griechen mit unterschiedlichen Erwartungen auf den gekreuzigten Christus blickten – und warum gerade dieser Christus für die Glaubenden Gottes Kraft und Gottes Weisheit ist.

1. Korinther 1,22–25

Der gekreuzigte Christus – Ärgernis, Torheit und Gottes Kraft

Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gott Menschen durch die Botschaft vom Kreuz rettet, zeigt er nun, weshalb diese Botschaft auf so unterschiedliche Reaktionen stößt. In Vers 22 beschreibt er zwei Erwartungen, die in seiner damaligen Umwelt besonders verbreitet waren: Die Juden fordern Zeichen, während die Griechen nach Weisheit verlangen. Beide suchen auf unterschiedliche Weise nach einer überzeugenden Bestätigung der Wahrheit. Doch gerade diese Erwartungen können zum Hindernis werden, wenn Menschen nur das als göttlich anerkennen wollen, was ihren eigenen Vorstellungen entspricht.

Die Forderung nach Zeichen war im jüdischen Umfeld eng mit der Erwartung verbunden, dass Gott seine Macht sichtbar offenbaren würde. Schon im Alten Testament hatte Gott durch außergewöhnliche Ereignisse gehandelt, etwa bei der Befreiung Israels aus Ägypten. Auch während des Wirkens Jesu verlangten manche Schriftgelehrte und Pharisäer ein Zeichen, das seine göttliche Sendung bestätigen sollte (Matthäus 12,38–40). Jesus hatte zahlreiche Wunder getan, doch nicht alle waren bereit, deren Bedeutung anzuerkennen. Als weitere Zeichen von ihm gefordert wurden, verwies er auf das Zeichen des Propheten Jona und damit auf seinen bevorstehenden Tod und seine Auferstehung. Das Problem lag also nicht grundsätzlich im Wunsch nach einem Beweis. Gott selbst hatte Zeichen gegeben, und Jesus bestätigte seine Sendung durch seine Werke (Johannes 10,37–38). Gefährlich wurde die Forderung dort, wo Menschen selbst bestimmen wollten, auf welche Weise Gott seine Macht offenbaren müsse, und andere Formen seines Handelns deshalb zurückwiesen.

Die Griechen dagegen werden in Vers 22 mit dem Streben nach Weisheit verbunden. In der griechisch-römischen Welt besaßen philosophisches Denken, Bildung und die Kunst überzeugender Rede einen hohen Stellenwert. Verschiedene philosophische Schulen beschäftigten sich mit Fragen nach dem Ursprung der Welt, dem Sinn des Lebens, der Tugend und dem Wesen des Göttlichen. In Apostelgeschichte 17,18–21 begegnet Paulus in Athen beispielsweise epikureischen und stoischen Philosophen, mit denen er über seine Verkündigung ins Gespräch kommt. Die Suche nach Erkenntnis war an sich nichts Verwerfliches. Allerdings konnte auch sie zu einem Hindernis werden, wenn eine Botschaft allein deshalb abgelehnt wurde, weil sie den vertrauten philosophischen Maßstäben nicht entsprach. Paulus beschreibt hier charakteristische Erwartungen seiner Umwelt, ohne damit behaupten zu wollen, sämtliche Juden oder Griechen hätten einheitlich gedacht.

In Vers 23 stellt Paulus diesen beiden Erwartungen den Inhalt seiner Verkündigung gegenüber: Jesus Christus, den Gekreuzigten. Er bietet weder eine Botschaft an, die sich nach den geforderten Machterweisen richtet, noch versucht er, den christlichen Glauben in ein philosophisches System umzuwandeln, das den Vorstellungen seiner Zuhörer vollständig entspricht. Im Mittelpunkt steht ein Messias, der gekreuzigt wurde. Für viele jüdische Hörer war dies ein schwerwiegendes Ärgernis. Die Hoffnung auf den Messias war mit Gottes Verheißungen von Rettung, Herrschaft und Wiederherstellung verbunden. Dass der verheißene Retter einen entehrenden Tod erleiden sollte, ließ sich mit verbreiteten Erwartungen nur schwer vereinbaren. Hinzu kam, dass nach 5. Mose 21,22–23 ein an einem Holz aufgehängter Mensch mit dem Fluch in Verbindung gebracht wurde. Paulus selbst greift diese Stelle in Galater 3,13 auf und erklärt, dass Christus den Fluch stellvertretend für die Menschen getragen hat. Was zunächst wie ein Widerspruch zu seiner messianischen Würde erschien, erhält dadurch eine zentrale Bedeutung im Erlösungswerk Gottes.

Das griechische Wort skandalon, das in Vers 23 mit „Ärgernis“ wiedergegeben wird, bezeichnet ursprünglich etwas, das zum Anstoß oder Stolpern führt. Der gekreuzigte Messias wurde für viele zu einem solchen Hindernis, weil sie seine Sendung nach anderen Erwartungen beurteilten. Dabei bedeutet dies keineswegs, dass alle Juden Jesus ablehnten. Paulus selbst war Jude, ebenso die ersten Apostel und zahlreiche frühe Christen. Seine Gegenüberstellung beschreibt unterschiedliche Reaktionen auf das Evangelium und darf nicht zu einer pauschalen Abwertung des jüdischen Volkes umgedeutet werden.

Für viele nichtjüdische Hörer erschien die Verkündigung des gekreuzigten Christus dagegen als Torheit. Eine Hinrichtung am Kreuz galt in der römischen Welt als besonders erniedrigende Todesstrafe. Der Gedanke, dass ausgerechnet ein öffentlich gedemütigter und hingerichteter Mensch der entscheidende Offenbarer göttlicher Weisheit und Retter der Welt sein sollte, widersprach verbreiteten Vorstellungen von Würde, Größe und Macht. Doch Paulus betrachtet diese vermeintliche Schwäche nicht als einen peinlichen Bestandteil des Evangeliums, der möglichst wenig erwähnt werden sollte. Gerade am Kreuz offenbart sich für ihn Gottes rettende Liebe. Christus hat nicht durch die gewaltsame Unterwerfung seiner Gegner gesiegt, sondern indem er sein Leben für Sünder hingab. Nach Römer 5,8 erweist Gott seine Liebe dadurch, dass Christus für die Menschen starb, als sie noch Sünder waren. Die Auferstehung bestätigt, dass dieser Tod keine endgültige Niederlage war, sondern zum siegreichen Erlösungswerk Gottes gehört (1. Korinther 15,3–4).

In Vers 24 verändert Paulus die Perspektive. Für diejenigen, die von Gott berufen sind, ist derselbe gekreuzigte Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit – unabhängig davon, ob sie jüdischer oder griechischer Herkunft sind. Damit überwindet das Evangelium die zuvor beschriebenen Gegensätze. Die rettende Wahrheit ist nicht einer bestimmten Kultur, Bildungsgruppe oder Volkszugehörigkeit vorbehalten. Sowohl Juden als auch Nichtjuden können im Glauben erkennen, was ihnen zuvor unverständlich oder anstößig erschien. Gottes Kraft zeigt sich darin, dass Christus Menschen von der Herrschaft der Sünde befreit und ihnen neues Leben eröffnet. Seine Weisheit wird darin sichtbar, dass er einen Erlösungsweg geschaffen hat, den Menschen aus eigener Erkenntnis nicht hätten hervorbringen können. Dabei beschränkt Paulus diese Eigenschaften nicht auf eine abstrakte Lehre. Er bezeichnet Christus selbst als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Die rettende Wahrheit ist untrennbar mit seiner Person und seinem Werk verbunden.

Mit Vers 25 fasst Paulus seine Argumentation in einer zugespitzten Gegenüberstellung zusammen: Gottes vermeintliche Torheit ist weiser als die Menschen, und seine vermeintliche Schwachheit ist stärker als menschliche Kraft. Paulus behauptet damit selbstverständlich nicht, dass Gott tatsächlich töricht oder schwach wäre. Er übernimmt vielmehr für einen Augenblick die menschliche Beurteilung des Kreuzes, um deren Verkehrtheit offenzulegen. Was Menschen als Niederlage ansehen, gehört zu Gottes Sieg über Sünde und Tod. Was ihrem Denken widerspricht, offenbart eine Weisheit, die ihre eigenen Möglichkeiten übersteigt. Die Aussage richtet sich deshalb nicht gegen Vernunft, Erkenntnis oder verantwortungsvolles Nachdenken, sondern gegen die Vorstellung, der Mensch könne Gottes Handeln ausschließlich nach seinen eigenen Maßstäben beurteilen.

Dieser Gegensatz hat auch für die Auseinandersetzungen in Korinth unmittelbare Bedeutung. Die Gläubigen hatten begonnen, das Ansehen und die Fähigkeiten verschiedener Verkündiger zu einem Maßstab ihrer eigenen Bedeutung zu machen. Doch das Kreuz zeigt, wie grundlegend Gottes Maßstäbe von menschlicher Selbsterhöhung abweichen. Die höchste Offenbarung göttlicher Macht geschah nicht durch äußere Pracht oder gesellschaftliche Überlegenheit, sondern durch den gekreuzigten Christus. Wer seine Hoffnung auf diesen Herrn setzt, hat deshalb keinen Grund, sich aufgrund menschlicher Vorzüge über andere zu erheben.

Im nächsten Abschnitt wird Paulus diesen Gedanken unmittelbar auf die Korinther selbst anwenden. Er fordert sie auf, ihre eigene Berufung anzusehen, und erinnert sie daran, dass Gott nicht nach gesellschaftlichem Rang, menschlicher Stärke oder besonderem Ansehen auswählt. Gerade an ihrer Gemeinde soll erkennbar werden, dass die Ehre für das Erlösungswerk nicht dem Menschen, sondern Gott allein gebührt.

1. Korinther 1,26–29

Warum Gott das Schwache und Verachtete erwählt

Nachdem Paulus gezeigt hat, dass Gottes Weisheit am Kreuz Christi sichtbar wird, fordert er die Korinther auf, ihre eigene Berufung zu betrachten. In Vers 26 erinnert er sie daran, dass unter ihnen nicht viele nach menschlichen Maßstäben Weise, Mächtige oder Vornehme zu finden waren. Damit führt er seine bisherige Argumentation von der Botschaft des Evangeliums zum tatsächlichen Leben der Gemeinde. Die Korinther sollen erkennen, dass Gottes Handeln nicht nur am Kreuz den Vorstellungen menschlicher Größe widerspricht. Auch die Menschen, die Gott in seine Gemeinschaft ruft, werden nicht nach gesellschaftlichem Ansehen, besonderer Bildung oder äußerer Macht ausgewählt.

Die Aufforderung, ihre Berufung anzusehen, bezieht sich auf Gottes Ruf in die Gemeinschaft mit Jesus Christus, von dem Paulus bereits in Vers 9 gesprochen hat. Sie sollen darüber nachdenken, wer sie waren, als sie zum Glauben kamen, und welche Bedeutung ihre Herkunft für Gottes Entscheidung hatte. In der damaligen Gesellschaft besaßen Abstammung, Reichtum, Bildung und politische Stellung großes Gewicht. Menschen aus angesehenen Familien verfügten häufig über Möglichkeiten, die anderen verschlossen blieben. Wer dagegen wenig Besitz, keine einflussreichen Beziehungen oder nur begrenzte Bildung hatte, konnte gesellschaftlich leicht übersehen werden. Gerade in einer solchen Umgebung war die Zugehörigkeit zu einer bedeutenden Persönlichkeit oft mit Ansehen und Vorteilen verbunden. Diese Unterschiede bildeten einen wichtigen Hintergrund für die Gemeinde in Korinth, deren Mitglieder aus verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen stammten.

Paulus formuliert seine Beobachtung jedoch bewusst vorsichtig. Er sagt nicht, dass überhaupt keine gebildeten, einflussreichen oder angesehenen Menschen zum Glauben gekommen seien, sondern dass es nicht viele waren. Das ist ein bedeutsamer Unterschied. Der christliche Glaube schließt weder Bildung noch Wohlstand oder eine verantwortliche gesellschaftliche Stellung aus. Auch Menschen mit großem Einfluss können Gottes Ruf annehmen und ihm mit ihren Möglichkeiten dienen. Paulus möchte nicht eine gesellschaftliche Gruppe gegen eine andere ausspielen. Vielmehr erinnert er daran, dass äußere Vorzüge keinen besonderen Anspruch auf Gottes Gnade begründen. Niemand wird durch seine Herkunft, seinen Besitz oder seine Fähigkeiten zu einem wertvolleren Menschen vor Gott.

Die Formulierung „weise nach dem Fleisch“ bezeichnet in diesem Zusammenhang Menschen, die nach den üblichen menschlichen Maßstäben als weise gelten. Paulus behauptet damit nicht, dass Bildung oder vernünftiges Denken grundsätzlich im Gegensatz zum Glauben stehen. Er selbst verfügte über eine gründliche religiöse Ausbildung und konnte seine Botschaft sorgfältig begründen. Seine Kritik richtet sich gegen die Vorstellung, geistliche Wahrheit und göttliche Anerkennung ließen sich aus menschlicher Gelehrsamkeit oder gesellschaftlicher Überlegenheit ableiten. Ein Mensch kann viel wissen und dennoch Gottes Willen verkennen. Ebenso kann jemand ohne besondere Bildung eine tiefe Erkenntnis Gottes gewinnen, wenn er dessen Wort im Glauben annimmt. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie viel Wissen ein Mensch besitzt, sondern wie er mit diesem Wissen vor Gott umgeht.

In Vers 27 erklärt Paulus, dass Gott gerade das erwählt hat, was vor der Welt als töricht und schwach gilt, um die Weisen und Starken zu beschämen. Das griechische Wort für „erwählt“ betont Gottes bewusstes Handeln. Seine Berufung ist nicht einfach das zufällige Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklungen. Gott handelt auf eine Weise, die verbreitete Vorstellungen von Bedeutung und Erfolg infrage stellt. Menschen, die gesellschaftlich wenig gelten, sind für ihn nicht weniger geeignet, seine Gnade zu empfangen und ihm zu dienen. Indem Gott sich ihnen zuwendet und durch sie wirkt, wird sichtbar, dass sein Erlösungswerk nicht von den Voraussetzungen abhängt, die Menschen gewöhnlich als entscheidend betrachten.

Dabei darf die Aussage über das Törichte und Schwache nicht missverstanden werden. Paulus lehrt nicht, dass Unwissenheit grundsätzlich besser sei als Erkenntnis oder dass körperliche und gesellschaftliche Schwäche an sich einen Menschen geistlich wertvoller mache. Ebenso wenig bedeutet Gottes Erwählung, dass jeder gesellschaftlich benachteiligte Mensch automatisch gerettet wäre. Der Gegensatz betrifft vielmehr die Maßstäbe, nach denen Menschen einander beurteilen. Wer von anderen geringgeschätzt wird, kann durch Gottes Gnade zu einem wertvollen Mitarbeiter in seinem Werk werden. Damit verlieren menschliche Rangordnungen ihren Anspruch, über den geistlichen Wert eines Menschen zu entscheiden.

Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich bereits im Alten Testament. Als Samuel einen neuen König für Israel salben sollte, beeindruckte ihn zunächst die äußere Erscheinung Eliabs. Gott wies ihn jedoch darauf hin, dass der Mensch auf das Äußere sieht, während der Herr das Herz betrachtet (1. Samuel 16,6–7). Schließlich wurde David erwählt, der von seiner Familie zunächst nicht einmal zu der Begegnung mit Samuel hinzugezogen worden war. Diese Geschichte bedeutet nicht, dass David wegen seiner geringen gesellschaftlichen Stellung automatisch besser gewesen wäre als seine Brüder. Sie zeigt vielmehr, dass Gottes Urteil nicht von denselben äußeren Voraussetzungen abhängig ist wie das menschliche Urteil. Dieser Grundsatz hilft auch, die Worte des Paulus zu verstehen: Gottes Berufung kann Menschen treffen, denen andere kaum Bedeutung beimessen.

In Vers 28 steigert Paulus seine Aussage noch einmal. Gott erwählt das Unedle, das Verachtete und schließlich das, was aus menschlicher Sicht als nichts gilt. Mit dem Unedlen sind Menschen ohne vornehme Herkunft oder gesellschaftliches Prestige gemeint. Die Verachteten sind diejenigen, denen andere wenig Anerkennung entgegenbringen. Besonders zugespitzt ist die Formulierung vom „Nichtseienden“, das Gott erwählt, um das „Seiende“ zunichtezumachen. Paulus behauptet damit nicht, dass Gott buchstäblich nicht existierende Menschen beruft. Er verwendet einen starken Gegensatz, um den Unterschied zwischen gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit und anerkannter Stellung auszudrücken. Menschen, die in den Augen der Welt kaum zählen, werden von Gott keineswegs übersehen.

Wenn Paulus davon spricht, dass Gott durch solche Menschen das zunichtemacht, was als bedeutend gilt, geht es nicht darum, sämtliche gesellschaftlichen Unterschiede sofort aufzulösen oder einflussreiche Menschen grundsätzlich zu verurteilen. Vielmehr wird die vermeintliche Überlegenheit menschlicher Stellung entkräftet. Reichtum, Bildung und Macht können im irdischen Leben nützlich sein, doch sie besitzen keine Kraft, einen Menschen von seiner Sünde zu erlösen. Wer viel vorweisen kann, bleibt ebenso auf Gottes Gnade angewiesen wie jemand, der in den Augen der Gesellschaft nichts besitzt. Vor dem Kreuz Christi stehen beide auf derselben Grundlage.

Dieser Gedanke berührt auch den Umgang der Christen miteinander. Im Jakobusbrief wird ausdrücklich davor gewarnt, einen wohlhabenden Besucher wegen seiner prächtigen Kleidung bevorzugt zu behandeln und einen armen Menschen geringzuschätzen (Jakobus 2,1–6). Eine solche Haltung widerspricht dem Glauben an Jesus Christus, weil sie menschliches Ansehen zum Maßstab der Wertschätzung macht. Auch die Korinther mussten lernen, ihre Glaubensgeschwister nicht nach den Rangordnungen ihrer Umgebung zu beurteilen. Das gemeinsame Leben der Gemeinde sollte von der Würde geprägt sein, die Gott den Menschen durch ihre Berufung schenkt.

In Vers 29 nennt Paulus schließlich das eigentliche Ziel dieses göttlichen Handelns: Kein Mensch soll sich vor Gott rühmen können. Das hier verwendete Wort „Fleisch“ steht für den Menschen in seiner natürlichen Begrenztheit und Abhängigkeit von Gott. Niemand kann sich auf seine Herkunft, seine Leistungen oder seine besonderen Fähigkeiten berufen, als hätte er sich dadurch einen Anspruch auf die Erlösung erworben. Gerade die Berufung gesellschaftlich geringgeschätzter Menschen macht sichtbar, dass die Rettung nicht aus menschlicher Überlegenheit hervorgeht. Sie ist Gottes Werk.

Damit richtet sich die Warnung vor dem Rühmen allerdings nicht nur an wohlhabende oder gebildete Menschen. Auch wer wenig besitzt, kann stolz auf seine vermeintliche geistliche Überlegenheit werden. Eine einfache Herkunft, persönliche Entbehrungen oder gesellschaftliche Benachteiligung machen einen Menschen nicht automatisch demütig. Ebenso wenig darf jemand seine geringe Bildung oder seine Schwäche zum Anlass nehmen, andere zu verachten. Paulus nimmt allen Menschen gleichermaßen den Grund, sich aufgrund eigener Voraussetzungen vor Gott zu erhöhen. Entscheidend ist nicht, ob jemand in der Welt viel oder wenig gilt, sondern ob er erkennt, dass seine Hoffnung vollständig auf Gottes Gnade beruht.

Gerade darin liegt für die gespaltene Gemeinde in Korinth eine wichtige Korrektur. Wer verstanden hat, dass Gott ihn nicht aufgrund besonderer persönlicher Vorzüge berufen hat, verliert den Grund, sich wegen eines bevorzugten Predigers, größerer Erkenntnis oder einer angesehenen Stellung über andere zu erheben. Die eigene Berufung sollte die Korinther deshalb nicht zu Selbstbewusstsein gegenüber ihren Glaubensgeschwistern führen, sondern zu Dankbarkeit und Demut vor Gott.

Paulus hat damit gezeigt, dass sowohl der Weg der Erlösung als auch die Berufung der Gläubigen menschliche Maßstäbe grundlegend infrage stellen. Doch er belässt es nicht bei der Aussage, worauf sich der Mensch nicht verlassen kann. In den abschließenden Versen des Kapitels richtet er den Blick auf das, was Gott den Glaubenden tatsächlich geschenkt hat. Jesus Christus selbst ist ihre Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Darin liegt der einzige tragfähige Grund ihrer Hoffnung und ihres Rühmens.

1. Korinther 1,30–31

Christus als unsere Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung

Nachdem Paulus erklärt hat, warum kein Mensch sich aufgrund seiner Herkunft, seiner Fähigkeiten oder seiner gesellschaftlichen Stellung vor Gott rühmen kann, richtet er den Blick auf die eigentliche Grundlage des christlichen Lebens. In Vers 30 erinnert er die Korinther daran, dass sie durch Gottes Handeln mit Jesus Christus verbunden sind. Ihre neue Stellung verdanken sie nicht ihrer eigenen Weisheit oder einer besonderen geistlichen Leistung. Gott selbst hat ihnen durch Christus den Zugang zu seiner Gemeinschaft eröffnet. Damit beantwortet Paulus zugleich die Frage, worauf ein Mensch seine Hoffnung gründen kann, wenn weder Bildung noch Ansehen oder eigene Verdienste seine Rettung sichern können. Die Antwort liegt in Jesus Christus, der den Glaubenden von Gott zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung gegeben wurde.

Die Formulierung „in Christus Jesus“ ist dabei von grundlegender Bedeutung. Paulus beschreibt die Erlösung nicht lediglich als den Empfang verschiedener geistlicher Vorteile. Im Mittelpunkt steht die persönliche Verbindung mit Christus, durch den diese Segnungen zugänglich werden. Wer zu Christus gehört, empfängt nicht unabhängig von ihm einzelne Gaben, sondern findet in ihm die Grundlage seines neuen Lebens. Bereits in Vers 9 hatte Paulus erklärt, dass Gott die Gläubigen zur Gemeinschaft seines Sohnes berufen hat. Nun zeigt er, welche Bedeutung diese Gemeinschaft für ihre Beziehung zu Gott besitzt. Christus ist nicht nur der Verkündiger der Rettung, sondern derjenige, durch den Gott sie verwirklicht.

Zuerst bezeichnet Paulus Jesus Christus als die Weisheit, die von Gott kommt. Damit greift er den zentralen Gedanken des gesamten Kapitels auf. Die Korinther hatten begonnen, menschliche Redekunst und Erkenntnis besonders hoch einzuschätzen. Paulus dagegen hat gezeigt, dass Gottes Weisheit ihren entscheidenden Ausdruck im gekreuzigten Christus findet. In Jesus wird sichtbar, wie Gott sündige Menschen rettet, ohne seine Gerechtigkeit oder seine Liebe aufzugeben. Das Kreuz offenbart einen Erlösungsweg, den Menschen aus eigener Überlegung nicht hätten entwickeln können. Wer Christus im Glauben erkennt, gewinnt deshalb eine Einsicht, die über menschliche Bildung hinausreicht: Er versteht, dass seine Rettung nicht auf eigener Leistung beruht, sondern auf Gottes gnädigem Handeln. Diese Weisheit macht sorgfältiges Denken nicht überflüssig, gibt ihm aber eine neue Grundlage und Richtung.

Anschließend nennt Paulus Christus unsere Gerechtigkeit. Dieser Begriff betrifft eine der wichtigsten Fragen des menschlichen Verhältnisses zu Gott: Wie kann ein schuldiger Mensch vor dem gerechten Gott bestehen? Die Bibel beschreibt Gerechtigkeit nicht lediglich als eine menschliche Eigenschaft, sondern auch als die rechte Stellung vor Gott. Durch die Sünde ist diese Beziehung gestört worden, und der Mensch kann seine Schuld nicht durch eigene Leistungen ungeschehen machen. In Römer 3,23–26 erklärt Paulus, dass alle Menschen gesündigt haben und die Rechtfertigung aus Gottes Gnade durch die Erlösung in Jesus Christus geschieht. Gott erklärt den Glaubenden nicht deshalb für gerecht, weil sie niemals gesündigt hätten, sondern aufgrund des rettenden Handelns Christi. Seine Gerechtigkeit ist damit keine Anerkennung menschlicher Fehlerlosigkeit, sondern eine Gabe Gottes, die der Mensch im Glauben empfängt.

Diese Unterscheidung ist entscheidend, weil die Gerechtigkeit vor Gott nicht mit einer bereits abgeschlossenen moralischen Vollkommenheit verwechselt werden darf. Ein Mensch, der durch Christus gerechtfertigt wurde, benötigt weiterhin Vergebung, geistliche Erneuerung und Wachstum im Glauben. Die Annahme durch Gott bildet nicht das Ende dieser Entwicklung, sondern ihre Grundlage. Paulus wird später ausdrücklich erklären, dass die Korinther abgewaschen, geheiligt und gerechtfertigt worden sind im Namen Jesu Christi und durch den Geist Gottes (1. Korinther 6,11). Gerade ihre zahlreichen Probleme zeigen, dass eine wirkliche Beziehung zu Christus ernsthafte Veränderungen im persönlichen Leben notwendig macht. Gottes Gnade spricht den Menschen nicht einfach von jeder Verantwortung frei, sondern eröffnet ihm die Möglichkeit, ein neues Leben zu führen.

Deshalb nennt Paulus Christus unmittelbar danach unsere Heiligung. Während die Gerechtigkeit besonders die Annahme des Menschen vor Gott in den Blick rückt, betont die Heiligung seine Zugehörigkeit zu Gott und die daraus erwachsende Erneuerung seines Lebens. Bereits zu Beginn des Briefes hatte Paulus die Korinther als Geheiligte in Christus Jesus bezeichnet (1. Korinther 1,2). Diese Aussage bedeutet, dass Gott sie für sich angenommen und zu einem Leben in seiner Gemeinschaft berufen hat. Heiligung erschöpft sich jedoch nicht in dieser neuen Stellung. Sie soll das Denken, den Charakter und das Verhalten des Gläubigen prägen. In 1. Thessalonicher 4,3–8 verbindet Paulus Gottes Willen zur Heiligung ausdrücklich mit einem verantwortungsvollen und reinen Leben. Christus ist daher nicht nur die Grundlage unserer Zugehörigkeit zu Gott, sondern auch derjenige, durch den unser Leben verändert werden soll.

Wie diese Erneuerung geschieht, erklärt Paulus an anderen Stellen ausführlicher. In 2. Korinther 3,18 beschreibt er eine Veränderung in das Bild des Herrn, die durch das Wirken des Geistes geschieht. Ebenso spricht er in Galater 5,22–25 von den Früchten des Geistes und fordert die Gläubigen auf, in diesem Geist zu leben. Heiligung ist demnach weder eine ausschließlich menschliche Anstrengung noch ein Vorgang, bei dem das persönliche Verhalten bedeutungslos wäre. Gottes Geist wirkt im Menschen, während dieser auf Gottes Wort hört, der Sünde widersteht und lernt, Christus im Alltag nachzufolgen. Dass Christus unsere Heiligung ist, bedeutet deshalb nicht, dass jeder Gläubige bereits sündlos geworden wäre. Es bedeutet, dass sowohl seine Zugehörigkeit zu Gott als auch die Kraft zur fortschreitenden Veränderung in Christus begründet liegen.

Als vierten Begriff nennt Paulus die Erlösung. Das griechische Wort apolýtrōsis gehört zu einem Wortfeld, das mit Befreiung und Loskauf verbunden ist. Im Neuen Testament beschreibt es Gottes rettendes Handeln, durch das Menschen aus der Macht der Sünde befreit werden. In Epheser 1,7 verbindet Paulus die Erlösung ausdrücklich mit dem Blut Christi und der Vergebung der Übertretungen. Der Mensch kann sich nicht selbst von seiner Schuld befreien oder durch eigene Anstrengung die Folgen der Sünde überwinden. Jesus Christus hat durch seinen Tod die Grundlage dieser Befreiung geschaffen. Darin liegt die Gewissheit, dass die Vergangenheit eines Menschen nicht das letzte Wort über sein Leben behalten muss. Gottes Vergebung eröffnet einen wirklichen Neuanfang.

Die Erlösung besitzt zugleich eine zukünftige Dimension. Obwohl die Gläubigen bereits Vergebung und ein neues Leben empfangen haben, erleben sie weiterhin die Begrenzungen einer von Sünde und Tod geprägten Welt. In Römer 8,23 spricht Paulus deshalb von der noch erwarteten Erlösung des Leibes. Diese Hoffnung richtet sich auf die endgültige Befreiung von Vergänglichkeit und Tod. Auch wenn 1. Korinther 1,30 nicht ausdrücklich den zeitlichen Ablauf dieser Vollendung beschreibt, gehört sie zum größeren biblischen Verständnis der Erlösung. Christus ist somit nicht nur der Grund der bereits empfangenen Vergebung, sondern auch die Grundlage der Hoffnung auf die zukünftige Wiederherstellung.

Die vier Begriffe in Vers 30 dürfen allerdings nicht als voneinander unabhängige Leistungen oder als starre zeitliche Abfolge verstanden werden. Paulus entwickelt hier kein vollständiges Lehrschema, bei dem jeder Begriff ausschließlich einen bestimmten Abschnitt des christlichen Lebens bezeichnet. Vielmehr beschreibt er aus verschiedenen Blickwinkeln, was Gott den Glaubenden durch Jesus Christus schenkt. In ihm wird Gottes rettende Weisheit offenbar, durch ihn werden Menschen gerechtfertigt, ihm verdanken sie ihre Heiligung, und in ihm liegt ihre Erlösung. Diese Wirklichkeiten gehören zusammen, ohne dadurch ihre unterschiedlichen Bedeutungen zu verlieren. Die entscheidende Aussage bleibt, dass Christus selbst die Grundlage des gesamten Heils ist.

In Vers 31 schließt Paulus seine Argumentation mit einem weiteren alttestamentlichen Schriftwort ab: „Wer sich rühmt, der rühme sich im Herrn!“ Damit greift er Jeremia 9,22–23 auf. Dort warnt Gott davor, dass der Weise sich seiner Weisheit, der Starke seiner Stärke oder der Reiche seines Reichtums rühmt. Stattdessen soll der Mensch sich darüber freuen, den Herrn zu erkennen, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit auf Erden übt. Diese Worte entstanden in einem Zusammenhang, in dem das Volk Juda trotz seiner religiösen Überlieferungen Gottes Willen missachtete und sein Vertrauen auf menschliche Sicherheiten setzte. Der Prophet erinnert daran, dass wahre Erkenntnis Gottes nicht im bloßen Besitz religiösen Wissens besteht, sondern mit der Anerkennung seines Wesens und seiner gerechten Wege verbunden ist.

Diese Verbindung ist für den ersten Korintherbrief besonders bedeutsam. Paulus hat zuvor von den Weisen, den Mächtigen und den Vornehmen gesprochen. Damit berührt er dieselben menschlichen Vorzüge, die bereits Jeremia als ungeeignete Grundlage des Rühmens bezeichnet hatte. Durch das alttestamentliche Zitat zeigt Paulus, dass seine Botschaft vom Kreuz nicht im Widerspruch zu Gottes früherer Offenbarung steht. Schon die Propheten hatten davor gewarnt, menschliche Stärke und Weisheit an die Stelle des Vertrauens auf Gott zu setzen. In Jesus Christus findet dieser Grundsatz seine besondere Zuspitzung, weil Gott gerade durch den gekreuzigten Messias die Rettung verwirklicht hat.

Sich im Herrn zu rühmen bedeutet deshalb nicht, auf die eigene Frömmigkeit stolz zu sein oder sich anderen Menschen gegenüber für überlegen zu halten. Es bedeutet, die Ehre für die empfangene Rettung Gott zuzuschreiben und dankbar anzuerkennen, was er durch Jesus Christus getan hat. Ein Mensch darf sich über Gottes Gnade freuen und mit Zuversicht von seiner Hoffnung sprechen. Doch diese Gewissheit führt nicht zur Selbstverherrlichung, sondern zur Demut. Wer verstanden hat, dass ihm seine Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung durch Christus geschenkt werden, besitzt keinen Grund, andere Gläubige aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Erkenntnis oder ihrer geistlichen Fähigkeiten geringzuschätzen.

Damit schließt Paulus das erste Kapitel seines Briefes mit einer Antwort auf die ursprünglichen Streitigkeiten in Korinth. Die Gemeinde hatte begonnen, sich nach menschlichen Persönlichkeiten zu unterscheiden und geistliches Ansehen an bestimmten Verkündigern festzumachen. Paulus führt sie stattdessen zu Christus zurück, in dem alles begründet liegt, was sie für ihre Rettung benötigen. Nicht menschliche Weisheit, gesellschaftliche Stellung oder besondere Begabung entscheiden über den Wert eines Menschen vor Gott. Entscheidend ist seine Verbindung mit Jesus Christus.

So endet das Kapitel nicht mit einem Lob menschlicher Größe, sondern mit dem Hinweis auf Gottes Gnade. Die Korinther sollen ihre Hoffnung nicht auf das richten, was sie selbst besitzen oder leisten können, sondern auf den Herrn, der sie berufen und erlöst hat. Wo Christus diesen Platz im Leben der Gläubigen einnimmt, verlieren menschliche Rivalität und geistliche Überheblichkeit ihre Grundlage. Die Ehre gebührt dem, von dem alle Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung ausgeht.

Geistliche Kernbotschaft

Im Mittelpunkt von 1. Korinther 1 steht eine grundlegende Wahrheit des christlichen Glaubens: Der Mensch findet seine Rettung nicht in eigener Weisheit, Stärke oder Leistung, sondern in Jesus Christus. Gott handelt auf eine Weise, die menschliche Vorstellungen von Größe und Erfolg infrage stellt. Am Kreuz, das in den Augen vieler Menschen als Zeichen der Schwäche und Niederlage erschien, offenbarte er seine rettende Liebe und Macht. Damit wird deutlich, dass Gottes Wege nicht immer den Erwartungen des Menschen entsprechen. Wer ihn wirklich kennenlernen möchte, muss bereit sein, seine eigenen Maßstäbe durch Gottes Wort korrigieren zu lassen.

Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus diese Wahrheit einer Gemeinde verkündigt, die bereits reich mit geistlichen Gaben beschenkt worden war. Die Korinther besaßen Erkenntnis, konnten über ihren Glauben sprechen und verfügten über unterschiedliche Fähigkeiten. Trotzdem waren ihre Beziehungen von Streit und menschlicher Überheblichkeit belastet. Daran wird sichtbar, dass geistliche Begabung nicht automatisch geistliche Reife bedeutet. Ein Mensch kann die Bibel gründlich kennen und dennoch Schwierigkeiten haben, anderen in Demut und Liebe zu begegnen. Wahres geistliches Wachstum zeigt sich deshalb nicht allein darin, wie viel jemand weiß oder welche Aufgaben er in der Gemeinde übernimmt, sondern auch darin, wie die empfangene Wahrheit seinen Charakter und sein Verhalten verändert.

Gottes Gnade bildet dabei sowohl den Ausgangspunkt als auch die tragende Grundlage des christlichen Lebens. Paulus nennt die Korinther bereits Geheiligte, obwohl er sie in wesentlichen Bereichen zurechtweisen muss. Ihre Zugehörigkeit zu Christus bedeutet nicht, dass sie ihre geistliche Entwicklung abgeschlossen hätten. Vielmehr hat Gott sie berufen, damit ihr Leben zunehmend seiner Heiligkeit entspricht. Der Glaube besteht deshalb weder in dem Versuch, sich Gottes Anerkennung durch eigene Anstrengung zu verdienen, noch in der Vorstellung, dass persönlicher Gehorsam und innere Veränderung bedeutungslos wären. Die Gnade, durch die Gott Menschen annimmt, eröffnet zugleich den Weg zu einem neuen Leben.

Eine weitere geistliche Wahrheit betrifft die Gemeinschaft der Glaubenden. Weil alle Christen demselben Herrn gehören und ihre Rettung von ihm empfangen, verlieren menschliche Rangordnungen ihre Berechtigung als Maßstab geistlicher Überlegenheit. Unterschiedliche Begabungen, Lebensgeschichten und Aufgaben bleiben bestehen, doch sie begründen keinen höheren Wert vor Gott. Die Gemeinde soll gerade in ihrer Verschiedenheit erkennen lassen, dass Christus ihr gemeinsamer Mittelpunkt ist. Ihre Einheit erwächst nicht aus menschlicher Gleichförmigkeit, sondern aus der gemeinsamen Abhängigkeit von ihm.

Schließlich richtet Paulus den Blick über das gegenwärtige Leben hinaus. Die Christen warten auf die Offenbarung Jesu Christi und dürfen darauf vertrauen, dass Gott treu ist und sein begonnenes Werk nicht leichtfertig aufgibt. Ihre Hoffnung ruht nicht auf der Behauptung, bereits vollkommen zu sein, sondern auf dem Herrn, der sie berufen hat und sie bis zum Ende stärken will. So verbindet dieses Kapitel Gottes Gnade, die Notwendigkeit geistlicher Veränderung und die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi zu einer gemeinsamen Botschaft: Alles, was der Mensch für seine Rettung benötigt, findet seinen Ursprung und seine Erfüllung in Jesus Christus.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Eine besonders wichtige Verbindung besteht zwischen 1. Korinther 1 und den alttestamentlichen Aussagen über wahre Weisheit. Bereits in Sprüche 9,10 wird die Furcht des Herrn als Anfang der Weisheit bezeichnet. Damit ist nicht eine lähmende Angst vor Gott gemeint, sondern die ehrfürchtige Anerkennung seiner Autorität und die Bereitschaft, von ihm zu lernen. Paulus führt diesen Grundgedanken weiter, indem er Jesus Christus als Gottes Weisheit beschreibt. Die Weisheit, von der die Schrift spricht, erschöpft sich nicht in menschlicher Gelehrsamkeit. Sie schließt die richtige Erkenntnis Gottes und die Ausrichtung des Lebens an seinem Willen ein. Das Kreuz offenbart dabei etwas, das menschliche Überlegungen allein nicht erschließen können: Gottes Weg, sündige Menschen durch die Hingabe seines Sohnes zu retten.

Die Verbindung zu Jesaja 29,13–14 ist besonders eng, weil Paulus diese Stelle in 1. Korinther 1,19 ausdrücklich zitiert. Der Prophet hatte ein Volk angesprochen, das Gott äußerlich verehrte, während sein Herz von ihm entfernt war. Die Menschen vertrauten auf eigene Überlegungen, statt Gottes Wort ernst zu nehmen. Paulus überträgt den Grundgedanken auf die Verkündigung des gekreuzigten Christus. Menschliche Weisheit wird dort zum Hindernis, wo sie sich über Gottes Offenbarung erhebt. Eine ähnliche Warnung findet sich in Markus 7,6–13, wo Jesus ebenfalls Jesaja 29 aufgreift und die Missachtung göttlicher Gebote zugunsten menschlicher Überlieferungen kritisiert. Die beiden neutestamentlichen Anwendungen besitzen unterschiedliche unmittelbare Anlässe, stimmen aber darin überein, dass menschliche Vorstellungen nicht den Platz von Gottes Wahrheit einnehmen dürfen.

Auch das abschließende Zitat aus Jeremia 9,22–23 besitzt eine weiterreichende Bedeutung. Gott fordert sein Volk dort auf, sich nicht der eigenen Weisheit, Stärke oder des Reichtums zu rühmen, sondern sich darüber zu freuen, ihn zu erkennen. Paulus nimmt diesen Gedanken in 1. Korinther 1,31 auf und verwendet ihn später erneut in 2. Korinther 10,17. Dort verteidigt er seinen apostolischen Dienst gegen Formen menschlicher Selbsterhöhung. Beide Briefe zeigen, dass das Rühmen im Herrn nicht bloß eine persönliche Bescheidenheitsregel ist. Es betrifft die Grundlage des christlichen Glaubens: Wer seine Stellung vor Gott der Gnade verdankt, kann die Ehre für seine Rettung nicht sich selbst zuschreiben.

Eine weitere Verbindung findet sich in Epheser 2,8–10. Dort beschreibt Paulus die Rettung als Geschenk der Gnade, das durch den Glauben empfangen wird und nicht aus menschlichen Werken hervorgeht. Zugleich erklärt er, dass die Gläubigen in Christus Jesus zu guten Werken geschaffen wurden. Diese Aussagen ergänzen 1. Korinther 1 in wichtiger Weise. Die Ablehnung menschlicher Selbsterlösung führt nicht zu einem Leben ohne Verantwortung. Vielmehr schafft Gottes Gnade die Grundlage dafür, dass Menschen seinen Willen zunehmend verwirklichen können. Gute Werke werden dadurch nicht zur Ursache der Erlösung, sondern zur Frucht des neuen Lebens, das Gott ermöglicht.

Besonders aufschlussreich ist außerdem der Zusammenhang mit Philipper 2,5–11. Paulus fordert die Christen dort auf, nicht aus selbstsüchtigem Ehrgeiz zu handeln, sondern in Demut aufeinander zu achten. Als entscheidendes Vorbild beschreibt er Jesus Christus, der sich erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz. Gott aber hat ihn erhöht. Diese Passage vertieft die geistliche Bedeutung des Kreuzes für das Zusammenleben der Glaubenden. Die Demut Christi ist nicht nur Bestandteil des Erlösungswerks, sondern soll auch die Haltung seiner Nachfolger prägen. Wo Christen ihre eigene Bedeutung über die Gemeinschaft stellen, widersprechen sie dem Wesen dessen, dem sie nachfolgen.

Schließlich führt 1. Korinther 12,12–27 den Gedanken der Gemeindezugehörigkeit weiter, der bereits im ersten Kapitel angelegt ist. Paulus beschreibt die Gemeinde als einen Leib mit vielen unterschiedlichen Gliedern. Nicht jedes Glied besitzt dieselbe Aufgabe, doch keines darf sich deshalb über andere erheben oder sie für bedeutungslos halten. Die verschiedenen Fähigkeiten sollen dem gemeinsamen Wohl dienen. Diese spätere Erklärung macht verständlich, wie die von Paulus geforderte Einheit praktisch gelebt werden kann: nicht durch die Abschaffung aller Unterschiede, sondern durch einen Umgang miteinander, in dem jedes Gemeindeglied seine Aufgabe in Verantwortung vor Christus erfüllt.

Wichtige Lektionen

Eine erste wichtige Lektion besteht darin, den eigenen Glauben nicht auf Menschen zu gründen. Geistliche Lehrer, Prediger und erfahrene Christen können wertvolle Begleiter sein. Durch ihren Dienst können Menschen die Bibel besser verstehen und im Glauben wachsen. Dennoch darf niemand eine Stellung erhalten, die allein Jesus Christus zusteht. Wer seine Glaubensüberzeugungen ausschließlich von einer bestimmten Persönlichkeit abhängig macht, läuft Gefahr, deren Aussagen ungeprüft zu übernehmen oder andere aufrichtige Christen geringzuschätzen. Deshalb ist es wichtig, jede Verkündigung anhand der Heiligen Schrift zu prüfen und Christus selbst als höchste Autorität anzuerkennen.

Ebenso fordert das Kapitel dazu auf, mit den eigenen Fähigkeiten verantwortungsvoll umzugehen. Bildung, Erfahrung, sprachliche Begabung und geistliche Erkenntnis sind wertvolle Möglichkeiten, die zum Segen anderer eingesetzt werden können. Sie begründen jedoch keinen Anspruch auf besondere Anerkennung vor Gott. Gerade wer viel weiß oder eine verantwortliche Aufgabe übernimmt, benötigt Demut und die Bereitschaft, selbst weiterzulernen. Ein Christ sollte deshalb nicht nur fragen, ob seine Aussagen richtig sind, sondern auch, ob seine Worte und Handlungen anderen helfen, Gott besser kennenzulernen.

Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit Konflikten. Unterschiedliche Meinungen müssen nicht zwangsläufig zu Spaltungen führen. Sie können Anlass sein, gemeinsam nach einem besseren Verständnis der Wahrheit zu suchen. Entscheidend ist jedoch die Haltung, mit der Menschen einander begegnen. Wer in einer Auseinandersetzung nur noch beweisen möchte, dass er selbst recht hat, verliert leicht das eigentliche Ziel aus dem Blick. Paulus ermutigt dazu, die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus höher zu achten als persönliche Eitelkeit. Das bedeutet nicht, biblische Überzeugungen um des Friedens willen aufzugeben. Vielmehr sollen Wahrheit, Liebe und gegenseitige Achtung gemeinsam das Verhalten bestimmen.

Das Kapitel ermutigt außerdem Menschen, die sich aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Bildung oder ihrer gesellschaftlichen Stellung für unbedeutend halten. Gottes Berufung hängt nicht davon ab, ob jemand in den Augen anderer besonders erfolgreich oder angesehen ist. Er kann Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in seinen Dienst nehmen. Niemand muss sich zuerst einen bedeutenden gesellschaftlichen Namen machen, um von Gott angenommen und gebraucht zu werden. Gleichzeitig darf daraus kein neuer Stolz auf die eigene Schwäche entstehen. Die Ehre gehört nicht den besonderen Voraussetzungen des Menschen, sondern dem Gott, der durch seine Gnade handelt.

Besonders wichtig ist schließlich die persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Der christliche Glaube besteht nicht allein darin, bestimmte Lehren für richtig zu halten oder einer Gemeinde anzugehören. Paulus beschreibt Christus selbst als unsere Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Deshalb soll der Gläubige täglich aus der Gemeinschaft mit ihm leben, auf sein Wort hören, seine Vergebung annehmen und sich durch seinen Geist verändern lassen. Auch nach Fehlern und geistlichen Rückschlägen bleibt der Weg zu Gott nicht durch menschliche Selbstrechtfertigung offen, sondern durch die Gnade Jesu Christi. Diese Gewissheit schenkt Hoffnung, ohne die Verantwortung für ein gehorsames Leben aufzuheben.

So fordert 1. Korinther 1 zu einer grundlegenden Prüfung der eigenen Maßstäbe heraus. Worauf gründet sich mein Vertrauen? Suche ich vor allem menschliche Anerkennung, oder möchte ich Gott gefallen? Benutze ich meine Fähigkeiten, um andere zu beeindrucken, oder um ihnen zu dienen? Und welchen Platz nimmt Jesus Christus tatsächlich in meinen Entscheidungen und Beziehungen ein?

Die Antwort auf diese Fragen entscheidet wesentlich darüber, welche Richtung das geistliche Leben nimmt. Wo Christus im Mittelpunkt steht, müssen eigene Leistungen nicht länger zur Grundlage des persönlichen Wertes gemacht werden. Der Mensch darf dankbar annehmen, was Gott ihm geschenkt hat, und seine Fähigkeiten in dessen Dienst stellen. Gerade darin verwirklicht sich die abschließende Aufforderung des Paulus: Wer sich rühmt, soll sich im Herrn rühmen. Denn nicht die Größe des Menschen, sondern Gottes Gnade in Jesus Christus ist der tragende Grund seiner Hoffnung.