1. Korinther 15
Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, des Evangeliums, das ich euch verkündigt habe, welches ihr auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet,
58 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, des Evangeliums, das ich euch verkündigt habe, welches ihr auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet,
- 2 durch welches ihr auch selig werdet: welchergestalt ich es euch verkündigt habe, so ihr's behalten habt; es wäre denn, daß ihr umsonst geglaubt hättet.
- 3 Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, was ich empfangen habe: daß Christus gestorben sei für unsre Sünden nach der Schrift,
- 4 und daß er begraben sei, und daß er auferstanden sei am dritten Tage nach der Schrift,
- 5 und daß er gesehen worden ist von Kephas, darnach von den Zwölfen.
- 6 Darnach ist er gesehen worden von mehr denn fünfhundert Brüdern auf einmal, deren noch viele leben, etliche aber sind entschlafen.
- 7 Darnach ist er gesehen worden von Jakobus, darnach von allen Aposteln.
- 8 Am letzten ist er auch von mir, einer unzeitigen Geburt gesehen worden.
- 9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, darum daß ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
- 10 Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe vielmehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.
- 11 Es sei nun ich oder jene: also predigen wir, und also habt ihr geglaubt.
- 12 So aber Christus gepredigt wird, daß er sei von den Toten auferstanden, wie sagen denn etliche unter euch, die Auferstehung der Toten sei nichts?
- 13 Ist die Auferstehung der Toten nichts, so ist auch Christus nicht auferstanden.
- 14 Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.
- 15 Wir würden aber auch erfunden als falsche Zeugen Gottes, daß wir wider Gott gezeugt hätten, er hätte Christum auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.
- 16 Denn so die Toten nicht auferstehen, so ist auch Christus nicht auferstanden.
- 17 Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube eitel, so seid ihr noch in euren Sünden.
- 18 So sind auch die, so in Christo entschlafen sind, verloren.
- 19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
- 20 Nun ist aber Christus auferstanden von den Toten und der Erstling geworden unter denen, die da schlafen.
- 21 Sintemal durch einen Menschen der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung der Toten kommt.
- 22 Denn gleichwie sie in Adam alle sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden.
- 23 Ein jeglicher aber in seiner Ordnung: der Erstling Christus; darnach die Christo angehören, wenn er kommen wird;
- 24 darnach das Ende, wenn er das Reich Gott und dem Vater überantworten wird, wenn er aufheben wird alle Herrschaft und alle Obrigkeit und Gewalt.
- 25 Er muß aber herrschen, bis daß er “alle seine Feinde unter seine Füße lege”.
- 26 Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod.
- 27 Denn “er hat ihm alles unter seine Füße getan”. Wenn er aber sagt, daß es alles untertan sei, ist's offenbar, daß ausgenommen ist, der ihm alles untergetan hat.
- 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, alsdann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles untergetan hat, auf daß Gott sei alles in allen.
- 29 Was machen sonst, die sich taufen lassen über den Toten, so überhaupt die Toten nicht auferstehen? Was lassen sie sich taufen über den Toten?
- 30 Und was stehen wir alle Stunde in der Gefahr?
- 31 Bei unserm Ruhm, den ich habe in Christo Jesu, unserm HERRN, ich sterbe täglich.
- 32 Habe ich nach menschlicher Meinung zu Ephesus mit wilden Tieren gefochten, was hilft's mir? So die Toten nicht auferstehen, “laßt uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!”
- 33 Lasset euch nicht verführen! Böse Geschwätze verderben gute Sitten.
- 34 Werdet doch einmal recht nüchtern und sündigt nicht! Denn etliche wissen nichts von Gott; das sage ich euch zur Schande.
- 35 Möchte aber jemand sagen: Wie werden die Toten auferstehen, und mit welchem Leibe werden sie kommen?
- 36 Du Narr: was du säst, wird nicht lebendig, es sterbe denn.
- 37 Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, etwa Weizen oder der andern eines.
- 38 Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, und einem jeglichen von den Samen seinen eigenen Leib.
- 39 Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch; sondern ein anderes Fleisch ist der Menschen, ein anderes des Viehs, ein anderes der Fische, ein anderes der Vögel.
- 40 Und es sind himmlische Körper und irdische Körper; aber eine andere Herrlichkeit haben die himmlischen Körper und eine andere die irdischen.
- 41 Eine andere Klarheit hat die Sonne, eine andere Klarheit hat der Mond, eine andere Klarheit haben die Sterne; denn ein Stern übertrifft den andern an Klarheit.
- 42 Also auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich, und wird auferstehen unverweslich.
- 43 Es wird gesät in Unehre, und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit, und wird auferstehen in Kraft.
- 44 Es wird gesät ein natürlicher Leib, und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Ist ein natürlicher Leib, so ist auch ein geistlicher Leib.
- 45 Wie es geschrieben steht: der erste Mensch, Adam, “ward zu einer lebendigen Seele”, und der letzte Adam zum Geist, der da lebendig macht.
- 46 Aber der geistliche Leib ist nicht der erste, sondern der natürliche; darnach der geistliche.
- 47 Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der andere Mensch ist der HERR vom Himmel.
- 48 Welcherlei der irdische ist, solcherlei sind auch die irdischen; und welcherlei der himmlische ist, solcherlei sind auch die himmlischen.
- 49 Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, also werden wir auch tragen das Bild des himmlischen.
- 50 Das sage ich aber, liebe Brüder, daß Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben; auch wird das Verwesliche nicht erben das Unverwesliche.
- 51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden;
- 52 und dasselbe plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune schallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.
- 53 Denn dies Verwesliche muß anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit.
- 54 Wenn aber das Verwesliche wird anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche wird anziehen die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht:
- 55 “Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?”
- 56 Aber der Stachel des Todes ist die Sünde; die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz.
- 57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern HERRN Jesus Christus!
- 58 Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unbeweglich, und nehmet immer zu in dem Werk des HERRN, sintemal ihr wisset, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem HERRN.
Kapitelüberblick
Die Auferstehung Jesu Christi ist das Fundament der christlichen Hoffnung. Paulus erinnert daran, dass Jesus für unsere Sünden gestorben, begraben und am dritten Tag auferweckt worden ist. Zahlreiche Zeugen haben den auferstandenen Christus gesehen. Seine Auferstehung ist deshalb nicht nur eine Botschaft des Trostes, sondern ein entscheidender Bestandteil des Evangeliums.
Paulus erklärt, weshalb ohne die Auferstehung der Toten auch der christliche Glaube seinen entscheidenden Inhalt verlieren würde. Christus ist jedoch als Erstling der Entschlafenen auferstanden und eröffnet damit allen, die zu ihm gehören, die Hoffnung auf ewiges Leben. Seine Wiederkunft wird die Auferstehung der Verstorbenen und die Verwandlung der noch lebenden Gläubigen bringen.
Dabei beantwortet Paulus auch die Frage, wie ein sterblicher Mensch zu einem unvergänglichen Leben auferstehen kann. Der gegenwärtige Körper ist vergänglich, der zukünftige Auferstehungsleib wird durch Gottes Macht verwandelt. Schließlich wird der Tod als letzter Feind überwunden. Diese Gewissheit soll den Gläubigen schon heute Kraft geben, standhaft zu bleiben und ihrem Herrn treu zu dienen.
Einführung
Die christliche Gemeinde in Korinth war während der Missionsarbeit des Paulus entstanden. Nach Apostelgeschichte 18,1–11 hatte er längere Zeit in dieser bedeutenden Handelsstadt verbracht, das Evangelium verkündigt und Menschen unterschiedlicher Herkunft zum Glauben an Jesus Christus geführt. Korinth gehörte zum Römischen Reich und war von einer vielfältigen religiösen und gesellschaftlichen Umgebung geprägt. Die jungen Christen mussten lernen, ihren Glauben innerhalb dieser Umgebung zu verstehen und zu leben.
In den vorausgehenden Kapiteln seines Briefes hatte Paulus zahlreiche Probleme innerhalb der Gemeinde behandelt. Dazu gehörten Spaltungen, moralische Fragen, Streitigkeiten über christliche Freiheit und der richtige Umgang mit geistlichen Gaben. Besonders in den Kapiteln 12 bis 14 ging es darum, wie unterschiedliche Gaben dem Aufbau der Gemeinde dienen und wie ihre Zusammenkünfte in Liebe und geordnet verlaufen sollen.
Hinter den praktischen Schwierigkeiten stand jedoch auch eine grundlegende Lehrfrage. Wie Paulus in Vers 12 erkennen lässt, behaupteten einige Gemeindeglieder, dass es keine Auferstehung der Toten gebe. Ob sie damit jede Form zukünftigen Lebens ablehnten oder insbesondere eine leibliche Auferstehung für unmöglich hielten, sagt der Brief nicht ausdrücklich. Ebenso wenig darf man voraussetzen, dass sie deshalb bereits die Auferstehung Jesu selbst bestritten.
Für das Verständnis der folgenden Argumentation ist außerdem wichtig, dass Paulus das Evangelium nicht als eine Lehre vorstellt, die er selbst erfunden hatte. Er erinnert seine Leser vielmehr an eine Botschaft, die er empfangen und ihnen weitergegeben hatte. Wenn er von ihrer Erfüllung „nach den Schriften“ spricht, meint er die heiligen Schriften Israels, also das, was wir heute als Altes Testament bezeichnen.
Auf dieser gemeinsamen Glaubensgrundlage beginnt Paulus seine Erklärung. Er führt seine Leser zunächst zu der Botschaft zurück, die sie bei ihrer Bekehrung angenommen hatten, bevor er die daraus folgenden Fragen Schritt für Schritt behandelt.
1. Korinther 15,1–2
Das Evangelium, das rettet und an dem wir festhalten sollen
Paulus beginnt seine Ausführungen über die Auferstehung mit einer Erinnerung an das Evangelium, das er den Korinthern bereits verkündigt hatte. Er spricht sie als Brüder an und führt sie damit zu ihrer gemeinsamen Glaubensgrundlage zurück. Obwohl es innerhalb der Gemeinde unterschiedliche Auffassungen und ernsthafte Probleme gab, begegnet er ihnen zunächst als Menschen, die Gottes Botschaft gehört und angenommen haben. Seine Worte sollen sie nicht mit einer neuen Lehre bekannt machen, sondern ihnen helfen, die Bedeutung dessen wiederzuentdecken, worauf ihr Glaube ursprünglich gegründet wurde. Das griechische Wort, das in Vers 1 mit „aufmerksam machen“ wiedergegeben wird, bedeutet wörtlich, etwas bekannt zu machen oder in Erinnerung zu rufen. Paulus möchte eine Wahrheit erneut ins Bewusstsein bringen, die den Korinthern längst vertraut sein sollte, deren weitreichende Bedeutung aber offenbar nicht mehr von allen verstanden wurde.
Das Evangelium war den Korinthern durch die Verkündigung des Paulus begegnet. Der Begriff bedeutet „gute Nachricht“ und bezeichnet hier die rettende Botschaft von Jesus Christus. Dabei handelt es sich nicht lediglich um eine Sammlung hilfreicher Lebensweisheiten oder religiöser Grundsätze. Das Evangelium verkündet, was Gott durch Jesus Christus für die Erlösung der Menschen getan hat. Deshalb unterscheidet Paulus zwischen der Botschaft, die er verkündigt hat, und der Antwort der Korinther, die diese Botschaft angenommen haben. Der Ursprung ihrer Hoffnung liegt nicht in ihrer eigenen Entscheidung, sondern in Gottes rettendem Handeln. Ihr Glaube ist die Antwort darauf. Schon in Römer 1,16 beschreibt Paulus das Evangelium als Gottes Kraft zur Rettung für jeden, der glaubt. Diese Kraft stammt nicht aus der menschlichen Überzeugung, sondern von dem Gott, dessen Handeln das Evangelium verkündet.
Bemerkenswert ist die Reihenfolge, in der Paulus die Beziehung der Korinther zum Evangelium beschreibt. Zuerst wurde es ihnen verkündigt, dann nahmen sie es an, und schließlich erklärt er, dass sie darin stehen. Zwischen dem ersten Hören und dem gegenwärtigen Leben als Christen besteht also eine fortdauernde Verbindung. Wer das Evangelium angenommen hat, soll nicht nur auf eine vergangene Glaubensentscheidung zurückblicken, sondern sein Leben weiterhin darauf gründen. Das Wort „stehen“ beschreibt hier die gegenwärtige Stellung der Gläubigen. Sie haben im Evangelium einen festen Grund gefunden, auf dem ihr Glaube ruht. Diese Vorstellung erinnert an die Worte Jesu vom klugen Menschen, der sein Haus auf Felsen baut. Entscheidend ist dort nicht nur, dass jemand Jesu Worte hört, sondern dass er sie ernst nimmt und danach handelt (Matthäus 7,24–27). Ebenso soll die Botschaft Christi für die Korinther nicht lediglich eine Erinnerung an den Beginn ihres Glaubens bleiben, sondern ihre gegenwärtige Überzeugung und Lebensrichtung bestimmen.
In Vers 2 fügt Paulus hinzu, dass die Korinther durch dieses Evangelium gerettet werden. Die griechische Verbform steht in der Gegenwart und beschreibt die Rettung als eine Wirklichkeit, die im Leben der Glaubenden fortdauernde Bedeutung besitzt. Damit bestreitet Paulus nicht, dass ein Mensch bereits bei seiner Hinwendung zu Christus Vergebung und Versöhnung empfängt. In Römer 5,1 spricht er ausdrücklich davon, dass die Glaubenden durch den Glauben gerechtfertigt sind und Frieden mit Gott haben. Zugleich kennt die Bibel eine zukünftige Vollendung der Erlösung. Der Mensch lebt noch in einer vergänglichen Welt, ist Versuchungen ausgesetzt und wartet auf die endgültige Überwindung des Todes. Wenn Paulus an anderer Stelle schreibt, dass unsere Rettung jetzt näher sei als damals, als wir gläubig wurden, richtet er den Blick auf dieses noch ausstehende Ziel (Römer 13,11). Die christliche Erlösung umfasst somit sowohl die gegenwärtige Gemeinschaft mit Christus als auch die Hoffnung auf ihre endgültige Vollendung.
Mit dieser Zusage verbindet Paulus eine ernsthafte Bedingung: Die Korinther werden durch das Evangelium gerettet, wenn sie an der verkündigten Botschaft festhalten. Das dafür verwendete griechische Wort katechō bedeutet, etwas festzuhalten, zu bewahren oder nicht preiszugeben. Paulus fordert damit keine eigenständige menschliche Leistung, durch die sich jemand seine Rettung verdienen könnte. Das Heil bleibt Gottes Gabe. Aber die Beziehung zum Evangelium darf auch nicht von seinem Inhalt getrennt werden. Wer die Botschaft zunächst angenommen hat, später jedoch ihre grundlegenden Wahrheiten verwirft, kann sich nicht einfach auf seine frühere Entscheidung berufen, als hätte diese unabhängig von Christus eine rettende Kraft. Gerade deshalb ist das Festhalten für Paulus keine nebensächliche Empfehlung. Es gehört zu einem Glauben, der sich weiterhin auf Gottes Verheißung verlässt. Ähnlich ermahnt er die Kolosser, im Glauben gegründet und fest zu bleiben und sich nicht von der Hoffnung des Evangeliums abbringen zu lassen (Kolosser 1,21–23).
Allerdings sollte diese Bedingung nicht so verstanden werden, als würde jeder Zweifel oder jede vorübergehende Glaubensschwäche einen Menschen sofort von Christus trennen. Paulus behandelt hier nicht die Frage, ob ein aufrichtig gläubiger Mensch nach einem persönlichen Versagen seine Rettung unwiederbringlich verloren hat. Ebenso wenig erklärt dieser einzelne Vers abschließend, wie ein endgültiger Glaubensabfall theologisch einzuordnen ist. Seine unmittelbare Sorge besteht darin, dass innerhalb der Gemeinde eine grundlegende Wahrheit der apostolischen Verkündigung infrage gestellt wird. Wer an Christus glaubt, zugleich aber wesentliche Bestandteile seiner Botschaft verwirft, muss sich fragen, ob sein Glaube noch auf demselben Fundament steht. Das Festhalten richtet sich deshalb nicht auf eine bestimmte religiöse Gefühlslage oder die eigene Glaubensstärke, sondern auf das Evangelium selbst.
Besonders ernst klingt der abschließende Zusatz, dass die Korinther andernfalls möglicherweise vergeblich geglaubt hätten. Das entsprechende griechische Wort eikē kann ausdrücken, dass etwas ohne wirklichen Grund, ohne Ergebnis oder vergeblich geschieht. Welche Tragweite Paulus dieser Formulierung gibt, wird erst im weiteren Kapitel vollständig sichtbar. In den Versen 14 und 17 erklärt er, dass sowohl die apostolische Verkündigung als auch der Glaube ihren rettenden Inhalt verlieren würden, wenn Christus nicht auferstanden wäre. Seine Warnung in Vers 2 steht deshalb in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Auferstehung. Ein Glaube, der sich auf ein Evangelium ohne den tatsächlich auferstandenen Christus gründet, könnte keine wirkliche Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben vermitteln. Nicht die bloße Tatsache, dass ein Mensch glaubt, macht seinen Glauben rettend, sondern der lebendige Christus, auf den sich dieser Glaube richtet.
So bereitet Paulus seine Leser auf die entscheidende Frage des Kapitels vor. Sie sollen verstehen, dass der christliche Glaube nicht beliebig verändert werden kann, ohne seinen Inhalt zu verlieren. Die Botschaft, durch die sie zum Glauben gekommen sind und in der sie weiterhin stehen, besitzt einen bestimmten geschichtlichen und geistlichen Mittelpunkt. Was dieser Mittelpunkt ist, weshalb er für die Rettung unverzichtbar bleibt und worauf sich die apostolische Verkündigung gründet, erklärt Paulus unmittelbar in den folgenden Versen.
1. Korinther 15,3–8
Christi Tod und Auferstehung: Das Fundament des Evangeliums und das Zeugnis der Augenzeugen
Nachdem Paulus seine Leser daran erinnert hat, am Evangelium festzuhalten, erklärt er nun, worin dessen unverzichtbarer Inhalt besteht. In Vers 3 betont er, dass er ihnen vor allem das weitergegeben hat, was er selbst empfangen hatte. Damit stellt er sich nicht als Erfinder einer neuen religiösen Botschaft dar, sondern als Übermittler einer Wahrheit, die bereits vor seiner Verkündigung bekannt war. Die griechischen Wörter für „empfangen“ und „überliefern“ wurden verwendet, wenn eine Lehre oder Überlieferung von einem Menschen an andere weitergegeben wurde. Paulus macht damit deutlich, dass die Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung nicht erst durch seine persönliche Auslegung entstanden ist. Sie gehörte bereits zum grundlegenden Glaubenszeugnis der ersten Christen. Dass er eine ältere Überlieferung aufgreift, wird auch durch die knappe und sorgfältig geordnete Formulierung der folgenden Sätze erkennbar. Besonders die Verse 3 bis 5 bewahren ein frühes christliches Bekenntnis, dessen Ursprung noch vor der Abfassung des Korintherbriefs liegt.
An erster Stelle nennt Paulus den Tod Jesu Christi für unsere Sünden. Diese wenigen Worte enthalten eine entscheidende Erklärung dafür, weshalb Jesu Kreuzestod zum Mittelpunkt der christlichen Verkündigung wurde. Jesus starb nicht lediglich als unschuldiges Opfer menschlicher Ungerechtigkeit, obwohl seine Verurteilung und Kreuzigung tatsächlich ein schweres Unrecht waren. Sein Tod besitzt nach dem Zeugnis des Evangeliums eine rettende Bedeutung für sündige Menschen. Die Sünde hatte die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch zerstört und den Menschen unter die Herrschaft des Todes gebracht (Römer 5,12). Jesus nahm die Folgen der menschlichen Schuld auf sich, damit Vergebung und Versöhnung möglich wurden. Bereits Jesaja hatte von einem Knecht Gottes gesprochen, der um der Übertretungen anderer willen verwundet wird und ihre Schuld trägt (Jesaja 53,4–6.10–12). Wenn Paulus erklärt, Christus sei für unsere Sünden gestorben, beschreibt er deshalb nicht nur ein geschichtliches Ereignis, sondern dessen Bedeutung innerhalb von Gottes Erlösungsplan. Die Rettung beginnt nicht mit menschlicher Anstrengung, sondern mit dem, was Christus für die Menschen getan hat.
Paulus fügt hinzu, dass dieser Tod „nach der Schrift“ geschehen sei. Mit dieser Formulierung verweist er auf die heiligen Schriften Israels, die bereits lange vor Jesu Geburt entstanden waren. Der Kreuzestod war aus christlicher Sicht somit kein unvorhergesehenes Scheitern, das Gottes ursprünglichen Plan zunichtemachte. Vielmehr erkennen die Apostel in den alttestamentlichen Verheißungen eine Vorbereitung auf das Leiden und Sterben des Messias. Neben Jesaja 53 gehört auch Psalm 22 zu den bedeutsamen Texten, deren Leidenssprache in der neutestamentlichen Darstellung der Kreuzigung wiederkehrt. Allerdings behauptet Paulus nicht, dass jede Einzelheit der Kreuzigung in einem einzigen alttestamentlichen Abschnitt vollständig vorhergesagt wurde. Seine Aussage ist umfassender: Das Leiden und Sterben Christi steht im Einklang mit dem Zeugnis der Schrift. Auch Jesus selbst erklärte nach seiner Auferstehung, dass die Schriften auf das Leiden des Christus und seine anschließende Herrlichkeit hinweisen (Lukas 24,25–27.44–46). Für die ersten Christen gehörten deshalb die Verkündigung Jesu und das Verständnis des Alten Testaments untrennbar zusammen.
In Vers 4 führt Paulus die Ereignisse weiter und erklärt, dass Jesus begraben wurde. Dieses zunächst unscheinbare Detail besitzt eine wichtige Bedeutung. Die Grablegung bestätigt, dass Jesus tatsächlich gestorben war. Sein Tod wird nicht als bloßer äußerer Anschein oder als vorübergehende Bewusstlosigkeit beschrieben. Die Evangelien berichten, dass Joseph von Arimathäa den Leichnam Jesu in ein Grab legen ließ (Matthäus 27,57–60; Johannes 19,38–42). Paulus nennt diese Einzelheiten hier nicht, doch seine knappe Erwähnung des Begräbnisses gehört zu derselben geschichtlichen Abfolge. Derjenige, der am Kreuz starb und begraben wurde, ist auch derjenige, den Gott von den Toten auferweckte. Gerade diese Verbindung ist wichtig, weil die Auferstehung in der Bibel nicht lediglich bedeutet, dass Jesu Lehre oder sein geistlicher Einfluss nach seinem Tod weiterlebte. Paulus spricht von der wirklichen Überwindung seines Todes. Die christliche Hoffnung gründet auf einem Ereignis, durch das Gott die Macht des Todes durchbrochen hat.
Anschließend erklärt Paulus, dass Christus am dritten Tag auferstanden sei, wiederum „nach der Schrift“. Die griechische Verbform betont dabei nicht nur das vergangene Ereignis der Auferweckung, sondern lässt auch erkennen, dass Christus als der Auferstandene lebt. Seine Auferstehung war keine vorübergehende Rückkehr in das frühere sterbliche Leben. Anders als Menschen, die Jesus während seines irdischen Dienstes von den Toten erweckte, steht Christus nicht erneut unter der Herrschaft des Todes. Paulus erklärt in Römer 6,9 ausdrücklich, dass der auferweckte Christus nicht mehr stirbt und der Tod keine Macht mehr über ihn hat. Die Auferstehung Jesu ist deshalb der Beginn einer neuen, unvergänglichen Wirklichkeit. Was das für die zukünftige Auferstehung der Gläubigen bedeutet, wird Paulus später in diesem Kapitel ausführlich erklären.
Die Angabe des dritten Tages verdient besondere Aufmerksamkeit. Jesus hatte seinen Jüngern wiederholt angekündigt, dass er nach seinem Leiden und Sterben am dritten Tag auferstehen werde (Matthäus 16,21; Lukas 18,31–33). Auch das Alte Testament enthält Texte, die mit diesem Geschehen in Verbindung gebracht werden können. Hosea 6,2 spricht von einer Wiederbelebung und Aufrichtung am dritten Tag. Im ursprünglichen Zusammenhang bezieht sich diese Aussage allerdings auf die erhoffte Wiederherstellung Israels und nicht ausdrücklich auf Jesu persönliche Auferstehung. Ebenso verbindet Jesus selbst die Erfahrung Jonas, der drei Tage und drei Nächte im Inneren des großen Fisches war, mit seinem bevorstehenden Tod und seiner Auferstehung (Matthäus 12,40; Jona 2). Diese Verbindung besitzt deshalb eine besondere Bedeutung, weil Jesus sie selbst herstellt. Dennoch nennt Paulus in 1. Korinther 15 keine bestimmte alttestamentliche Stelle, aus der er die Angabe des dritten Tages unmittelbar ableitet. Es wäre daher zu weitgehend, eine einzelne Passage als den eindeutig gemeinten Beweis auszugeben. Entscheidend bleibt, dass Paulus Jesu Auferstehung als Erfüllung der göttlichen Verheißungen versteht.
Ab Vers 5 richtet Paulus die Aufmerksamkeit auf die Menschen, denen der auferstandene Christus erschienen ist. Zuerst nennt er Kephas, den Apostel Petrus. Kephas ist die aramäische Namensform, die mit dem griechischen Namen Petrus verbunden ist (Johannes 1,42). Dass gerade Petrus ausdrücklich genannt wird, ist bemerkenswert, denn er hatte Jesus während dessen Verhaftung dreimal verleugnet. Dennoch berichtet Lukas 24,34, dass der auferstandene Herr Simon erschienen war. Die Bibel beschreibt nicht ausführlich, was bei dieser ersten persönlichen Begegnung gesprochen wurde. Deshalb sollten wir ihr keine erfundenen Einzelheiten hinzufügen. Allerdings zeigt Johannes 21,15–19, wie Jesus Petrus später erneut in seinen Dienst berief. Sein Versagen bedeutete nicht das Ende seiner Berufung. Die Begegnung mit dem auferstandenen Christus wurde für Petrus zum Ausgangspunkt eines neuen Abschnitts seines Lebens, in dem er später öffentlich und mutig von Jesus Zeugnis gab (Apostelgeschichte 2,22–36).
Nach Petrus nennt Paulus die Zwölf. Damit bezeichnet er den bekannten Kreis der von Jesus berufenen Apostel, auch wenn Judas Ischariot inzwischen nicht mehr zu ihnen gehörte. Die Bezeichnung wurde weiterhin als fester Name für diesen Jüngerkreis verwendet. Die Evangelien berichten von mehreren Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngern. In Johannes 20,19–23 erscheint Jesus ihnen trotz verschlossener Türen und zeigt ihnen seine Wunden. Wenig später begegnet er ihnen erneut, diesmal auch in Anwesenheit des Thomas, der zuvor an ihrer Botschaft gezweifelt hatte (Johannes 20,24–29). Diese Berichte verdeutlichen, weshalb die Apostel später nicht nur von einer religiösen Überzeugung sprachen, sondern davon, dass ihnen der auferstandene Jesus begegnet war. Ihre Verkündigung beruhte nach ihrem eigenen Zeugnis auf dem, was sie erlebt hatten. Paulus führt sie deshalb als Zeugen einer Botschaft an, die bereits vor seiner eigenen Bekehrung verkündigt worden war.
In Vers 6 erweitert Paulus den Kreis der Zeugen erheblich. Er berichtet, Christus sei mehr als fünfhundert Brüdern gleichzeitig erschienen. Eine solche Gruppenerscheinung ist innerhalb der neutestamentlichen Auferstehungsberichte besonders bemerkenswert. Paulus fügt hinzu, dass die meisten dieser Menschen zur Zeit seines Schreibens noch lebten, während einige bereits gestorben waren. Seine Aussage verankert das berichtete Geschehen damit in der Lebenszeit von Menschen, die nach seiner Darstellung selbst daran beteiligt gewesen waren. Das unterscheidet seine Darstellung von einer Erzählung, deren Zeugen ausschließlich einer längst vergangenen, nicht mehr erreichbaren Generation angehörten. Allerdings nennt Paulus weder den Ort dieser Begegnung noch die Namen der fünfhundert Personen. Gelegentlich wird vermutet, dass es sich um die Erscheinung Jesu auf einem Berg in Galiläa gehandelt haben könnte, von der Matthäus 28,16–20 berichtet. Diese Verbindung ist möglich, aber nicht ausdrücklich belegt. Ebenso lässt sich aus dem Hinweis auf die noch lebenden Zeugen nicht sicher ableiten, dass jeder Korinther sie persönlich kannte oder ohne Weiteres befragen konnte. Paulus unterstreicht vielmehr, dass die Botschaft von Jesu Auferstehung nach dem Zeugnis der frühen Christen nicht nur auf der Erfahrung eines Einzelnen beruhte.
Dass Paulus einige bereits verstorbene Zeugen als „entschlafen“ bezeichnet, passt zum Thema des gesamten Kapitels. Die Bibel verwendet den Schlaf wiederholt als Bild für den Tod, besonders dort, wo die Hoffnung auf eine zukünftige Auferstehung im Mittelpunkt steht. Jesus selbst sprach vom verstorbenen Lazarus zunächst als von einem Menschen, der eingeschlafen sei und den er wieder aufwecken werde (Johannes 11,11–14). Auch Daniel 12,2 beschreibt Menschen, die im Staub der Erde schlafen und eines Tages erwachen werden. Dieses Bild stellt den Tod in den Zusammenhang von Gottes zukünftiger Auferweckung. Es erinnert daran, dass der gegenwärtige Tod nicht das letzte Wort über die Menschen haben wird, die Gott zum Leben erweckt. Zugleich sollte aus dieser einzelnen Formulierung nicht bereits jede Frage über den Zustand der Toten beantwortet werden. Paulus verwendet den Ausdruck hier vor allem, um die inzwischen Verstorbenen von den noch lebenden Zeugen zu unterscheiden. Die umfassendere Bedeutung des Todes und seiner Überwindung entfaltet er erst in den folgenden Abschnitten.
In Vers 7 erwähnt Paulus eine weitere Erscheinung des Auferstandenen vor Jakobus. Am wahrscheinlichsten ist damit Jakobus, der Bruder Jesu, gemeint. Die Evangelien berichten, dass Jesu Brüder während seines irdischen Wirkens zunächst nicht an ihn glaubten (Johannes 7,5). Später erscheint Jakobus jedoch unter den führenden Persönlichkeiten der christlichen Gemeinde in Jerusalem. Paulus bezeichnet ihn in Galater 1,19 ausdrücklich als Bruder des Herrn, und Apostelgeschichte 15 zeigt seine bedeutende Stellung bei der Beratung über die Aufnahme nichtjüdischer Gläubiger in die Gemeinde. Die persönliche Erscheinung Jesu vor Jakobus bietet damit eine naheliegende Erklärung dafür, weshalb dieser später zu einem überzeugten Nachfolger wurde. Allerdings beschreibt Paulus den genauen Verlauf dieser Begegnung nicht. Wir erfahren weder ihren Ort noch die Worte, die Jesus und Jakobus miteinander wechselten. Es bleibt deshalb bei der Feststellung, dass Paulus auch Jakobus ausdrücklich in die Reihe der Auferstehungszeugen aufnimmt.
Anschließend spricht Paulus von einer Erscheinung vor sämtlichen Aposteln. Da er zuvor bereits die Zwölf genannt hat, liegt es nahe, dass er hier einen größeren Kreis von Menschen im Blick hat, die als Apostel im Dienst des Evangeliums standen. Das Wort „Apostel“ bedeutet grundsätzlich „Gesandter“ oder „Beauftragter“. Im Neuen Testament wird es besonders für Menschen verwendet, die von Christus zu einem besonderen Zeugnis- und Verkündigungsdienst berufen wurden. Wie viele Personen Paulus in diesem Fall genau meint, lässt sich aus seiner Formulierung nicht bestimmen. Wichtig ist jedoch, dass die Auferstehungsbotschaft nach seiner Darstellung von verschiedenen Personen und Gruppen bezeugt wurde. Auch die Reihenfolge seiner Aufzählung zeigt, dass er keinen vollständigen Bericht über sämtliche Erscheinungen Jesu geben möchte. So erwähnt er beispielsweise nicht die Frauen, denen Jesus nach den Evangelien ebenfalls erschienen war (Matthäus 28,9–10; Johannes 20,11–18). Das bedeutet nicht, dass ihr Zeugnis für die Auferstehung unwichtig gewesen wäre. Paulus wählt vielmehr diejenigen Begegnungen aus, die er für seine gegenwärtige Argumentation anführen möchte.
Schließlich nennt Paulus in Vers 8 seine eigene Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Damit schließt er die Reihe der genannten Erscheinungen ab. Anders als die zuvor aufgeführten Zeugen gehörte er während Jesu irdischen Wirkens nicht zu dessen Jüngern. Im Gegenteil: Bevor er Christus begegnete, verfolgte er die christliche Gemeinde. Nach Apostelgeschichte 9,1–6 geschah seine entscheidende Begegnung mit Jesus auf dem Weg nach Damaskus. Der auferstandene Christus trat ihm entgegen und veränderte dadurch die Richtung seines Lebens grundlegend. Paulus betrachtet diese Erfahrung nicht als bloße Übernahme der Überzeugungen anderer Christen. Er ist überzeugt, dass Christus selbst ihm erschienen ist. Deshalb stellt er seine Begegnung in dieselbe Reihe wie die zuvor genannten Erscheinungen, obwohl sie unter anderen Umständen und zu einem späteren Zeitpunkt stattfand.
Besonders ungewöhnlich ist die Bezeichnung, mit der Paulus sich am Ende von Vers 8 beschreibt. Die Schlachter-Bibel von 1951 gibt sie mit „gleichsam eine unzeitige Geburt“ wieder. Das zugrunde liegende griechische Wort ektrōma bezeichnet eine Fehlgeburt oder eine Geburt, die nicht auf normale Weise beziehungsweise zur erwarteten Zeit geschieht. Paulus verwendet hier ein außergewöhnlich starkes Bild, um seine besondere Stellung unter den Aposteln auszudrücken. Seine Berufung erfolgte nicht auf dem gewöhnlichen Weg der ersten Jünger, die Jesus während seines irdischen Dienstes begleitet hatten. Sie geschah unerwartet und unter Umständen, die seine Vergangenheit als Verfolger besonders schmerzlich hervortreten ließen. Welche einzelne Nuance des Bildes Paulus am stärksten betonen wollte, lässt sich nicht völlig sicher entscheiden. Der Zusammenhang legt jedoch nahe, dass er sowohl die Ungewöhnlichkeit seiner Berufung als auch seine persönliche Unwürdigkeit vor Augen hat. Obwohl er Christus zunächst bekämpft hatte, wurde er durch dessen Begegnung mit ihm zum Zeugen seiner Auferstehung.
Damit hat Paulus die Grundlage für seine weitere Argumentation gelegt. Er hat die wesentlichen Ereignisse des Evangeliums genannt und gezeigt, dass die Botschaft von der Auferstehung bereits von den ersten christlichen Zeugen verkündigt wurde. Dabei müssen zwei Ebenen unterschieden bleiben: Historisch bezeugt der Text, dass Paulus eine frühe Überlieferung über Jesu Tod, Auferweckung und Erscheinungen weitergibt. Die Wahrheit der Auferstehung selbst ist die entscheidende Glaubensaussage, für die er diese Zeugen anführt. Seine Aufzählung will nicht nur zeigen, dass Menschen von außergewöhnlichen Begegnungen überzeugt waren, sondern begründen, weshalb die Auferstehung Christi von Anfang an zum unverzichtbaren Inhalt ihrer Verkündigung gehörte. Gerade deshalb kann Paulus die Auferstehung der Toten nicht als eine nebensächliche Lehrfrage behandeln. Zunächst richtet er den Blick jedoch noch auf seine eigene Berufung und erklärt, weshalb ausgerechnet ein früherer Verfolger der Gemeinde zu einem Apostel Jesu Christi werden durfte.
1. Korinther 15,9–11
Vom Verfolger zum Apostel: Wie Gottes Gnade ein Leben verändert
Paulus hat sich in der Reihe der Auferstehungszeugen zuletzt selbst genannt. Nun erklärt er, weshalb er sich als den geringsten unter den Aposteln betrachtet. Dabei geht es ihm nicht um eine äußerliche Bescheidenheit, mit der er die Anerkennung seiner Leser gewinnen möchte. Seine Worte entspringen der Erinnerung an eine Vergangenheit, die in einem schmerzlichen Gegensatz zu seiner gegenwärtigen Berufung steht. Bevor Paulus ein Verkündiger Jesu Christi wurde, gehörte er zu den entschiedenen Gegnern der christlichen Gemeinde. Er hatte diejenigen verfolgt, die an Jesus als den auferstandenen Messias glaubten. Deshalb erklärt er in Vers 9, dass er eigentlich nicht würdig sei, Apostel genannt zu werden. Während andere Apostel Jesus während seines irdischen Dienstes begleitet hatten, war Paulus zunächst gegen die Menschen vorgegangen, die seinen Namen bekannten. Dass er nun selbst zu den Zeugen des Auferstandenen gehörte, konnte er nur als Ausdruck der unverdienten Gnade Gottes verstehen.
Die Apostelgeschichte beschreibt, wie ernst Paulus seinen früheren Widerstand betrieben hatte. Damals trug er noch den Namen Saulus und war ein überzeugter Verteidiger der religiösen Überlieferungen, in denen er aufgewachsen war. Als Stephanus wegen seines Zeugnisses für Christus gesteinigt wurde, war Saulus mit dessen Tötung einverstanden (Apostelgeschichte 7,58–8,1). Anschließend beteiligte er sich an der Verfolgung der Gemeinde, drang in Häuser ein und ließ gläubige Männer und Frauen gefangen nehmen (Apostelgeschichte 8,3). Später erhielt er sogar die Erlaubnis, Christen in Damaskus aufzuspüren und nach Jerusalem zu bringen (Apostelgeschichte 9,1–2). Dabei handelte er nach seinem eigenen Verständnis nicht aus bewusster Feindschaft gegen Gott. Er war überzeugt, für den wahren Glauben einzutreten und eine gefährliche religiöse Bewegung bekämpfen zu müssen. In Galater 1,13–14 erklärt er rückblickend, wie eifrig er für die Überlieferungen seiner Väter eingetreten war. Seine Geschichte verdeutlicht damit eine ernste Möglichkeit: Ein Mensch kann sich seiner religiösen Überzeugungen vollkommen sicher sein und dennoch gegen das handeln, was Gott tatsächlich tut. Eifer allein ist noch kein Beweis dafür, dass jemand die Wahrheit erkannt hat.
Umso bemerkenswerter ist, dass Paulus seine Vergangenheit nicht verschweigt oder beschönigt. Er hätte seine frühere Verfolgung der Christen übergehen und lediglich auf seine erfolgreiche Missionsarbeit verweisen können. Stattdessen nennt er gerade den dunkelsten Abschnitt seines Lebens als Grund dafür, weshalb ihm die apostolische Berufung unverdient erscheint. Dabei bedeutet seine Aussage, er sei der geringste der Apostel, nicht, dass seine Botschaft weniger zuverlässig oder seine Berufung weniger gültig gewesen wäre. In Galater 1,1 betont er ausdrücklich, dass er nicht von Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, zum Apostel berufen wurde. Auch gegenüber den Korinthern hatte er seine apostolische Stellung bereits verteidigt (1. Korinther 9,1–2). Seine persönliche Unwürdigkeit und die göttliche Beauftragung sind deshalb voneinander zu unterscheiden. Paulus stellt die Autorität seines Auftrags nicht infrage, sondern erkennt an, dass er diesen Auftrag niemals aufgrund seiner früheren Verdienste hätte beanspruchen können.
Mit Vers 10 verändert sich der Blickwinkel. Nachdem Paulus seine eigene Unwürdigkeit beschrieben hat, spricht er nun von dem, was Gott aus seinem Leben gemacht hat. Seine Worte „durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ gehören zu den eindrucksvollsten persönlichen Bekenntnissen seiner Briefe. Mit Gnade ist hier Gottes unverdiente Güte gemeint, die einen Menschen nicht nur annimmt, sondern ihm auch eine neue Lebensrichtung eröffnet. Paulus hatte seine Vergangenheit nicht durch eigene Anstrengung ungeschehen machen können. Er konnte die erlittenen Leiden der verfolgten Christen nicht nachträglich auslöschen. Dennoch begegnete ihm Christus und berief ihn in seinen Dienst. Aus einem Mann, der die Gemeinde zerstören wollte, wurde ein Verkündiger des Evangeliums, das er zuvor bekämpft hatte. Diese Veränderung war für Paulus kein Beweis seiner außergewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten, sondern das Ergebnis von Gottes Handeln. Seine Berufung zeigte, dass Gottes Barmherzigkeit selbst einen entschiedenen Gegner erreichen und dessen Leben grundlegend verändern kann.
Paulus betont allerdings sofort, dass die empfangene Gnade in seinem Leben nicht vergeblich geblieben ist. Damit verbindet er Gottes unverdientes Handeln mit der Verantwortung des Menschen, darauf zu antworten. Die Gnade hatte ihn nicht in seiner früheren Lebensweise bestätigt, sondern zu einer neuen Aufgabe geführt. Er begann, das Evangelium in verschiedenen Städten und Regionen zu verkündigen, Gemeinden zu gründen und Menschen in ihrem Glauben zu unterweisen. Die Apostelgeschichte berichtet von seinen ausgedehnten Missionsreisen, von Widerstand, Gefangenschaft und zahlreichen Schwierigkeiten. Auch in 2. Korinther 11,23–28 beschreibt Paulus die außergewöhnlichen Belastungen, die er während seines Dienstes ertrug. Wenn er in unserem Vers erklärt, mehr gearbeitet zu haben als die anderen Apostel, verweist er auf diesen umfangreichen und mühevollen Einsatz. Dabei geht es nicht um eine überprüfbare Rangliste sämtlicher apostolischer Leistungen. Paulus möchte verdeutlichen, wie wirksam Gottes Gnade in seinem Leben geworden ist.
Besonders wichtig ist die unmittelbare Ergänzung, die Paulus seiner Aussage hinzufügt. Obwohl er seine außergewöhnliche Arbeit ausdrücklich erwähnt, erklärt er zugleich, dass nicht er selbst, sondern die Gnade Gottes mit ihm gewirkt habe. Darin liegt kein Widerspruch. Paulus bestreitet nicht, dass er tatsächlich gearbeitet, Entscheidungen getroffen, Mühen auf sich genommen und Schwierigkeiten überwunden hat. Die Worte „ich habe mehr gearbeitet“ beschreiben seine wirkliche persönliche Beteiligung. Wenn er anschließend sagt, dass es nicht er gewesen sei, sondern Gottes Gnade, benennt er die tiefere Quelle seines Dienstes. Die Kraft, die ihn befähigte, und die Berufung, die seinem Leben eine neue Richtung gab, waren Gottes Geschenk. Ein ähnlicher Gedanke erscheint in Philipper 2,12–13: Die Gläubigen werden aufgefordert, ihre Verantwortung ernst zu nehmen, während Paulus zugleich erklärt, dass Gott in ihnen das Wollen und das Vollbringen wirkt. Gottes Gnade macht menschliches Handeln also nicht überflüssig. Sie befähigt zu einem Leben, das ohne Gottes Hilfe nicht möglich wäre.
Damit bewahrt Paulus seine Leser vor zwei gegensätzlichen Missverständnissen. Einerseits darf ein Christ seine Fähigkeiten, seine Arbeit oder seine geistlichen Erfolge nicht als Beweis eigener Überlegenheit betrachten. Alles, was im Dienst Gottes wirklich Frucht bringt, ist letztlich auf seine Gnade angewiesen. Schon in 1. Korinther 3,6–7 hatte Paulus erklärt, dass er gepflanzt und Apollos begossen habe, Gott aber das Wachstum schenke. Andererseits bedeutet die Abhängigkeit von Gottes Gnade nicht, untätig zu bleiben und jede Verantwortung von sich zu weisen. Paulus empfing die Gnade nicht als Erlaubnis zur Bequemlichkeit, sondern als Befähigung zu einem hingebungsvollen Dienst. Die Bereitschaft, sich für Gottes Werk einzusetzen, und das Vertrauen auf seine Kraft gehören zusammen. Gerade weil Paulus wusste, dass er seine Berufung nicht verdient hatte, wollte er die ihm geschenkte Möglichkeit nicht ungenutzt lassen. Seine Arbeit war keine Gegenleistung, durch die er Gottes Annahme nachträglich verdienen musste, sondern die Frucht einer bereits erfahrenen Barmherzigkeit.
In Vers 11 führt Paulus seine persönliche Geschichte wieder zur gemeinsamen Verkündigung der Apostel zurück. Ob die Korinther das Evangelium durch ihn oder durch einen anderen Apostel gehört hatten, änderte nichts an dessen entscheidendem Inhalt. Alle verkündigten, dass Christus für die Sünden gestorben und von den Toten auferstanden war. Mit dieser Feststellung relativiert Paulus nicht die Bedeutung der einzelnen Zeugen, sondern macht deutlich, dass die Wahrheit des Evangeliums nicht von der besonderen Stellung eines bestimmten Verkündigers abhängig ist. Das war gerade für die Gemeinde in Korinth wichtig. Bereits zu Beginn seines Briefes hatte Paulus kritisiert, dass sich Gemeindeglieder auf unterschiedliche Lehrer beriefen und dadurch Spaltungen entstanden waren. Einige bezeichneten sich als Anhänger des Paulus, andere des Apollos oder des Kephas (1. Korinther 1,10–13). Nun erinnert er sie daran, dass hinter den verschiedenen Dienern dieselbe grundlegende Botschaft stand. Nicht der Name des Verkündigers, sondern der gekreuzigte und auferstandene Christus bildete das Fundament ihres Glaubens.
Die Einigkeit, von der Paulus hier spricht, bedeutet nicht, dass alle Apostel in jeder Frage dieselben persönlichen Auffassungen oder Arbeitsweisen hatten. Der Galaterbrief berichtet beispielsweise von einer ernsten Auseinandersetzung zwischen Paulus und Petrus über das Verhalten gegenüber nichtjüdischen Gläubigen (Galater 2,11–14). Dennoch bestand zwischen ihnen eine grundlegende Übereinstimmung über das Evangelium und die Bedeutung Jesu Christi. Gerade diese gemeinsame Grundlage ist für 1. Korinther 15 entscheidend. Die Auferstehung Jesu war keine besondere Lehrmeinung des Paulus, die andere Apostel nicht teilten. Sie gehörte zu der Botschaft, durch die die Korinther überhaupt zum Glauben gekommen waren. Wenn einige von ihnen nun die zukünftige Auferstehung der Toten bestritten, entstand deshalb ein Widerspruch zwischen ihrer gegenwärtigen Auffassung und dem Evangelium, das sie ursprünglich angenommen hatten.
So endet dieser Abschnitt mit einer wichtigen Verbindung zwischen Gottes Gnade, der apostolischen Berufung und dem gemeinsamen Glaubenszeugnis. Die Geschichte des Paulus macht deutlich, dass Gottes Barmherzigkeit einen Menschen trotz schwerer Schuld zu einem neuen Leben und zu einem sinnvollen Dienst führen kann. Zugleich zeigt seine Haltung, dass wahre Demut weder die eigene Vergangenheit verleugnet noch die empfangenen Fähigkeiten kleinredet. Paulus erkennt seine Schuld an, nimmt seine Berufung ernst und schreibt die Frucht seiner Arbeit Gottes Gnade zu. Doch sein eigentliches Anliegen bleibt größer als seine persönliche Geschichte. Die Korinther sollen begreifen, dass die Botschaft von der Auferstehung Christi unabhängig davon Bestand hat, welcher Apostel sie verkündet. Auf dieser gemeinsamen Grundlage kann Paulus nun die entscheidende Frage stellen: Wie ist es möglich, dass Menschen, die an den auferstandenen Christus glauben, gleichzeitig behaupten, es gebe keine Auferstehung der Toten?
1. Korinther 15,12–19
Wenn es keine Auferstehung gäbe: Warum der christliche Glaube ohne sie seine Grundlage verliert
Nachdem Paulus die Auferstehung Jesu Christi durch das Zeugnis der Apostel und weiterer Zeugen bekräftigt hat, wendet er sich in Vers 12 dem eigentlichen Problem innerhalb der Gemeinde zu. Einige Korinther behaupteten, dass es keine Auferstehung der Toten gebe. Für Paulus war diese Auffassung nicht lediglich eine nebensächliche Meinungsverschiedenheit, über die Christen unterschiedlich denken konnten. Sie berührte unmittelbar den Mittelpunkt des Evangeliums. Denn dieselben Menschen, die durch die Verkündigung von Jesu Tod und Auferstehung zum Glauben gekommen waren, stellten nun die zukünftige Auferstehung der Verstorbenen infrage. Deshalb fragt Paulus, wie eine solche Behauptung überhaupt mit dem Evangelium vereinbar sein könne, das sie angenommen hatten. Seine Frage ist bewusst so formuliert, dass der innere Widerspruch ihrer Auffassung sichtbar wird. Wer an den auferstandenen Christus glaubt, kann die grundsätzliche Möglichkeit einer Auferstehung nicht gleichzeitig bestreiten, ohne damit den eigenen Glauben infrage zu stellen.
Warum einige Korinther diese Ansicht vertraten, erklärt Paulus nicht ausdrücklich. Die Gemeinde lebte in einer griechisch-römischen Umwelt, in der unterschiedliche Vorstellungen über den Tod und das Schicksal des Menschen verbreitet waren. Manche philosophischen Richtungen betrachteten den Körper als vergänglich und erwarteten keine zukünftige Wiederherstellung des leiblichen Lebens. Andere gingen davon aus, dass mit dem Tod die Existenz des Menschen vollständig endete. Wieder andere hielten eine Weiterexistenz der Seele für möglich, ohne deshalb an eine Auferstehung des Körpers zu glauben. Eine solche Auferstehung konnte innerhalb dieser Denkweisen schwer vorstellbar erscheinen. Dennoch lässt sich nicht sicher bestimmen, welche dieser Vorstellungen die betreffenden Korinther beeinflusst hatte. Paulus nennt weder eine bestimmte philosophische Schule noch erklärt er, dass seine Gegner jede Form eines Lebens nach dem Tod ablehnten. Aus dem Brief geht zunächst nur hervor, dass einige die Auferstehung der Toten bestritten. Gerade deshalb konzentriert er sich nicht auf ihre mögliche philosophische Herkunft, sondern prüft die Folgen ihrer Behauptung anhand des Evangeliums.
In Vers 13 zieht Paulus die erste entscheidende Konsequenz. Wenn es grundsätzlich keine Auferstehung der Toten gibt, dann kann auch Christus nicht auferstanden sein. Seine Argumentation beruht darauf, dass Jesu Auferstehung nicht von der zukünftigen Auferstehung der Gläubigen getrennt werden darf. Christus ist wirklich gestorben und wurde von den Toten auferweckt. Seine Auferstehung gehört daher zu genau jener Wirklichkeit, deren Möglichkeit einige Korinther bestreiten. Wer behauptet, dass Tote grundsätzlich nicht auferstehen können, kann nicht gleichzeitig Jesu tatsächliche Auferstehung als gesichertes Ereignis festhalten. Paulus betrachtet Christus nicht als eine Ausnahme, die mit der Auferstehung der übrigen Menschen nichts zu tun hätte. Vielmehr bildet seine Auferstehung den Anfang einer größeren göttlichen Wirklichkeit, die auch diejenigen einschließt, die zu ihm gehören. Diesen Zusammenhang wird er ab Vers 20 anhand des Bildes vom Erstling ausführlicher erklären. Zunächst möchte er zeigen, welche Folgen es hätte, wenn die Behauptung seiner Gegner tatsächlich zuträfe.
In Vers 14 führt er diese Überlegung weiter. Wenn Christus nicht auferstanden wäre, dann wäre die apostolische Verkündigung vergeblich und ebenso der Glaube der Korinther. Das griechische Wort kenos, das Paulus hier verwendet, bedeutet „leer“ oder „ohne Inhalt“. Damit geht seine Aussage weit über die Feststellung hinaus, dass der christliche Glaube ohne Auferstehung etwas weniger hoffnungsvoll wäre. Die Apostel hatten verkündigt, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hatte. Wenn dieses Ereignis nicht stattgefunden hätte, wäre der entscheidende Inhalt ihrer Botschaft falsch. Die Verkündigung könnte dann zwar weiterhin moralische Aufforderungen, eindrucksvolle Gedanken über Gottes Liebe oder Erinnerungen an Jesu Leben enthalten. Doch sie wäre nicht mehr das Evangelium, das Paulus verkündigte. Denn die christliche Botschaft besteht nicht allein darin, dass Jesus ein vorbildliches Leben geführt und wertvolle Lehren hinterlassen hat. Sie verkündet, dass Gott durch seinen Tod und seine Auferstehung die Grundlage für die Erlösung geschaffen hat. Ohne die Auferstehung würde diese Botschaft ihren entscheidenden Inhalt verlieren.
Dasselbe gilt nach Paulus für den Glauben. Ein Mensch kann von einer Überzeugung tief bewegt sein, sein Leben danach ausrichten und aus ihr große persönliche Kraft schöpfen. Dennoch macht die Stärke seiner Überzeugung ihren Inhalt nicht automatisch wahr. Wenn Christus nicht auferstanden wäre, würde auch ein aufrichtiger Glaube an seine Auferstehung nichts daran ändern. Paulus unterscheidet damit zwischen der persönlichen Überzeugung eines Menschen und der Wirklichkeit, auf die sich diese Überzeugung richtet. Christlicher Glaube ist nicht deshalb rettend, weil jemand besonders fest glaubt, sondern weil er sich auf den lebendigen Christus verlässt. Diese Unterscheidung ist wesentlich. Die Bibel stellt den Glauben nicht als eine eigenständige Kraft dar, die unabhängig von Gottes tatsächlichem Handeln Erlösung hervorbringen könnte. Der Glaube empfängt vielmehr, was Gott durch Christus schenkt. Wenn der auferstandene Christus nicht wirklich existierte, könnte auch das Vertrauen auf ihn nicht die verheißene Rettung vermitteln.
In Vers 15 spricht Paulus eine weitere, besonders ernste Folge an. Wenn Gott Christus nicht auferweckt hätte, wären die Apostel falsche Zeugen Gottes. Sie hätten dann nicht nur eine persönliche Hoffnung vertreten, die sich später als unbegründet erwies, sondern eine falsche Aussage über Gottes eigenes Handeln verbreitet. Die Apostel hatten ausdrücklich bezeugt, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hatte. Petrus verkündigte dies bereits zu Pfingsten öffentlich in Jerusalem und erklärte, Gott habe Jesus auferweckt und die Apostel seien Zeugen dieses Geschehens (Apostelgeschichte 2,24.32). Auch Paulus stellte seine Verkündigung unter diesen Anspruch. In Apostelgeschichte 13,30–31 wird berichtet, wie er Gottes Auferweckungshandeln und die Erscheinungen des Auferstandenen miteinander verbindet. Wäre Christus tatsächlich im Tod geblieben, hätten diese Zeugen Gott eine Handlung zugeschrieben, die er nicht vollbracht hätte. Ihre Verkündigung wäre damit nicht nur menschlich unzuverlässig, sondern würde ein falsches Bild von Gott vermitteln.
Die Schärfe dieser Folgerung zeigt, welchen Stellenwert Paulus der Wahrheit des Evangeliums beimisst. Er versucht nicht, die Auferstehung auf eine unverbindliche geistliche Erfahrung zu reduzieren, um dadurch einen möglichen Widerspruch zu vermeiden. Ebenso wenig erklärt er, es genüge, dass die Jünger nach Jesu Tod neuen Mut gefunden hätten. Seine Botschaft lautet, dass Gott tatsächlich gehandelt und Jesus auferweckt hat. Damit macht Paulus eine Aussage über ein wirkliches Ereignis, nicht nur über die innere Haltung der ersten Christen. Allerdings sollte zwischen dem historischen Zeugnis und der Frage seiner Bewertung unterschieden werden. Dass die Apostel von Begegnungen mit dem auferstandenen Christus berichteten, gehört zum neutestamentlichen Quellenbefund. Die Frage, wie dieses Zeugnis geschichtlich zu erklären ist, verlangt eine eigene Prüfung. Paulus selbst ist jedoch von der Wirklichkeit der Auferstehung überzeugt und macht deutlich, dass seine gesamte Verkündigung auf diesem göttlichen Handeln beruht.
In Vers 16 wiederholt Paulus den grundlegenden Zusammenhang zwischen der Auferstehung der Toten und der Auferstehung Christi. Diese Wiederholung ist bewusst gesetzt. Sie verbindet zwei Teile seiner Argumentation miteinander. Zunächst hatte Paulus gezeigt, dass die Verkündigung der Apostel und der Glaube der Korinther ohne Auferstehung ihren Inhalt verlieren würden. Nun erklärt er, welche Folgen dies für die Rettung der Menschen und für ihre Hoffnung über den Tod hinaus hätte. Die wiederholte Aussage soll verhindern, dass seine Leser die Bedeutung der Auferstehung auf eine rein theoretische Lehrfrage begrenzen. Was sie über die Auferstehung glauben, entscheidet darüber, wie sie Jesu Erlösungswerk verstehen und welche Hoffnung sie für die Verstorbenen besitzen können. Deshalb führt Paulus seine Überlegung mit zunehmender Ernsthaftigkeit weiter.
In Vers 17 erklärt er, dass der Glaube der Korinther nichtig wäre und sie noch in ihren Sünden wären, wenn Christus nicht auferstanden sei. Hier verwendet Paulus für den Glauben das griechische Wort mataios, das etwas Zweckloses oder Wirkungsloses bezeichnet. Während er zuvor betont hatte, dass die Verkündigung ohne Auferstehung leer wäre, spricht er nun von ihrer fehlenden rettenden Wirkung. Die Korinther hätten dann nicht nur einer falschen Botschaft geglaubt. Sie befänden sich weiterhin in dem Zustand, aus dem Christus sie nach dem Evangelium befreien wollte. Die Sünde wäre noch nicht endgültig überwunden, und ihre Hoffnung auf Versöhnung mit Gott hätte keine tragfähige Grundlage. Diese Aussage macht deutlich, dass die Auferstehung für Paulus nicht lediglich ein nachträglicher Beweis für die Bedeutung des Kreuzes ist. Sie gehört untrennbar zum rettenden Handeln Gottes durch Jesus Christus.
Dabei darf der Zusammenhang zwischen Kreuz und Auferstehung nicht missverstanden werden. Paulus lehrt nicht, dass Jesu Tod für unsere Sünden unwichtig gewesen wäre. In Vers 3 hatte er ausdrücklich erklärt, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist. Ebenso wenig stellt er Kreuz und Auferstehung als zwei voneinander unabhängige Möglichkeiten der Erlösung dar. Vielmehr gehören beide Ereignisse zu einem einheitlichen Erlösungswerk. Am Kreuz nahm Jesus die Folgen der menschlichen Sünde auf sich. Durch seine Auferstehung wurde sichtbar, dass der Tod nicht das letzte Wort über ihn behalten hatte. Der für unsere Sünden gestorbene Christus lebt und kann den Menschen das Heil vermitteln, das er durch sein Opfer ermöglicht hat. In Römer 4,25 verbindet Paulus deshalb die Hingabe Jesu wegen unserer Übertretungen ausdrücklich mit seiner Auferweckung im Zusammenhang mit unserer Rechtfertigung. Auch Römer 8,34 stellt den gestorbenen und auferstandenen Christus als denjenigen vor, der zur Rechten Gottes für die Gläubigen eintritt. Die christliche Erlösung gründet somit nicht auf der Erinnerung an einen verstorbenen Retter, sondern auf dem Werk des gekreuzigten und lebendigen Herrn.
Die Aussage, dass die Korinther ohne Christi Auferstehung noch in ihren Sünden wären, zeigt außerdem, wie eng Sünde und Tod miteinander verbunden sind. Nach Römer 6,23 ist der Tod der Lohn der Sünde, während das ewige Leben Gottes Gabe in Jesus Christus ist. Die Sünde hat nicht nur das persönliche Verhältnis des Menschen zu Gott beschädigt, sondern den Tod in die menschliche Lebenswirklichkeit gebracht. Deshalb wäre eine Erlösung, bei der die Herrschaft des Todes endgültig bestehen bliebe, noch nicht vollständig. Vergebung und ewiges Leben gehören innerhalb von Gottes Heilsplan zusammen. Der Mensch soll nicht nur von seiner Schuld befreit werden, sondern auch von der Vergänglichkeit, die sein gegenwärtiges Dasein begrenzt. Genau diesen Zusammenhang wird Paulus später aufgreifen, wenn er den Tod als letzten Feind bezeichnet, der beseitigt werden muss (1. Korinther 15,26). Die Auferstehung Christi ist deshalb für die Erlösung nicht nebensächlich, sondern unverzichtbar.
In Vers 18 richtet Paulus den Blick auf diejenigen Gläubigen, die bereits gestorben sind. Wenn Christus nicht auferstanden wäre, dann wären auch die in ihm Entschlafenen verloren. Mit dieser Aussage spricht Paulus eine Frage an, die für die Korinther eine unmittelbare persönliche Bedeutung gehabt haben dürfte. Innerhalb der Gemeinde waren inzwischen Menschen gestorben, die an Jesus Christus geglaubt hatten. Ihre Angehörigen und Glaubensgeschwister konnten darauf vertrauen, dass Gottes Verheißungen auch für diese Verstorbenen galten. Wenn es jedoch keine Auferstehung gäbe, wäre diese Hoffnung unbegründet. Die Verstorbenen hätten dann keinen Anteil an der zukünftigen Vollendung des Heils. Paulus sagt damit nicht bloß, dass ihnen ein zusätzlicher Segen entgehen würde. Seine Formulierung ist wesentlich ernster: Ohne Auferstehung wären sie verloren.
Gerade dieser Gedanke zeigt, weshalb die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten im Neuen Testament eine so grundlegende Bedeutung besitzt. Der Tod beendet das gegenwärtige irdische Leben, aber Gottes Verheißung reicht über diese Grenze hinaus. Bereits Daniel 12,2 spricht davon, dass Menschen, die im Staub der Erde schlafen, wieder erwachen werden. Jesus erklärte später, dass die Stunde kommen werde, in der die Toten seine Stimme hören und aus den Gräbern hervorgehen werden (Johannes 5,28–29). Auch in 1. Thessalonicher 4,13–18 tröstet Paulus die Gläubigen ausdrücklich mit der zukünftigen Auferstehung derjenigen, die in Christus gestorben sind. Die christliche Hoffnung beruht damit nicht allein auf der Vorstellung, dass ein Mensch nach seinem Tod in der Erinnerung anderer weiterlebt. Sie richtet sich auf Gottes Macht, den Verstorbenen neues Leben zu schenken. Allerdings behandelt Paulus in 1. Korinther 15,18 noch nicht sämtliche Fragen über den Zustand zwischen Tod und Auferstehung. Seine unmittelbare Aussage betrifft das endgültige Schicksal der verstorbenen Gläubigen. Ohne die zukünftige Auferweckung gäbe es für sie keine Vollendung der verheißenen Erlösung.
In Vers 19 erreicht die gedankliche Gegenüberstellung ihren Höhepunkt. Paulus erklärt, dass Christen die elendesten unter allen Menschen wären, wenn sie allein für dieses Leben auf Christus hofften. Diese Worte dürfen nicht so verstanden werden, als besäße ein Leben mit Jesus nur dann einen Wert, wenn es nach dem Tod eine Belohnung gäbe. Schon im gegenwärtigen Leben können Menschen durch den Glauben Vergebung, inneren Frieden, eine neue Lebensrichtung und eine tragende Gemeinschaft erfahren. Paulus selbst hatte Gottes Gnade als eine Wirklichkeit kennengelernt, die sein Leben grundlegend verändert hatte. Dennoch erschöpft sich das Evangelium nicht in solchen gegenwärtigen Erfahrungen. Seine entscheidende Verheißung reicht über den Tod hinaus. Wenn diese Hoffnung auf einer Täuschung beruhte, hätten die Christen ihr Leben einer Botschaft gewidmet, die ihr eigentliches Ziel niemals erreichen könnte.
Für Paulus war diese Vorstellung besonders ernst, weil seine Nachfolge mit erheblichen Opfern verbunden war. Er hatte Verfolgung, körperliche Misshandlungen, Gefangenschaft und zahlreiche Gefahren erlebt (2. Korinther 11,23–27). Auch viele andere Christen mussten wegen ihres Glaubens Nachteile und Leiden ertragen. Wenn der Tod am Ende dennoch endgültig über alle Menschen triumphierte und Christus nicht auferstanden wäre, hätten diese Leiden keinen Anteil an dem verheißenen ewigen Leben zum Ziel. Paulus will damit nicht behaupten, dass jeder Christ zwangsläufig ein schwereres Leben führt als jeder andere Mensch. Seine Aussage ist vielmehr eine zugespitzte Folgerung: Wer seine Hoffnung vollständig auf den auferstandenen Christus und die zukünftige Erlösung setzt, wäre zutiefst bemitleidenswert, wenn gerade diese Hoffnung unwahr wäre. Denn dann würde nicht nur eine einzelne Erwartung enttäuscht, sondern die Grundlage, auf der er sein Leben aufgebaut hat, wäre hinfällig.
Damit hat Paulus seine Gegenüberlegung bis zu ihrer letzten Konsequenz geführt. Ohne die Auferstehung Christi wären die apostolische Verkündigung und der Glaube ohne rettenden Inhalt. Das Zeugnis der Apostel über Gottes Handeln wäre falsch, die Gläubigen wären weiterhin in ihren Sünden, die Verstorbenen hätten keine Hoffnung auf endgültige Erlösung, und die Christen würden auf eine Zukunft vertrauen, die niemals Wirklichkeit werden könnte. Paulus führt diese Gedanken nicht aus, weil er selbst an der Auferstehung zweifelt. Er möchte vielmehr zeigen, dass die Behauptung einiger Korinther mit dem Evangelium unvereinbar ist. Gerade indem er die Folgen einer Welt ohne Auferstehung so ernsthaft beschreibt, bereitet er den entscheidenden Gegensatz vor. Denn die christliche Hoffnung gründet nicht auf einer menschlichen Wunschvorstellung. Sie beruht nach seinem Zeugnis auf einem wirklichen Handeln Gottes. Deshalb kann Paulus seine bisherige Überlegung im nächsten Vers mit einer kraftvollen Gewissheit durchbrechen: Christus ist tatsächlich von den Toten auferstanden. Und weil er auferstanden ist, hat auch die Hoffnung derer, die zu ihm gehören, eine Zukunft, die über den Tod hinausreicht.
1. Korinther 15,20–23
Christus als Erstling: Warum seine Auferstehung unsere Hoffnung auf ewiges Leben begründet
Nach den ernsten Überlegungen darüber, was eine Welt ohne Auferstehung bedeuten würde, verändert Paulus in Vers 20 plötzlich den Ton seiner Argumentation. Bisher hatte er seine Leser Schritt für Schritt durch die Folgen einer Annahme geführt, die er selbst entschieden zurückweist. Nun stellt er dieser Vorstellung die Wirklichkeit gegenüber, auf der das Evangelium beruht: Christus ist von den Toten auferstanden. Mit diesem entschiedenen Übergang beendet Paulus seine gedankliche Gegenrechnung. Die christliche Hoffnung gründet nicht darauf, dass der Mensch sich ein Leben nach dem Tod wünscht oder dass der Gedanke an die Auferstehung besonders tröstlich erscheint. Sie gründet nach dem Zeugnis der Apostel auf Gottes tatsächlichem Handeln an Jesus Christus. Weil Christus auferstanden ist, sind die zuvor beschriebenen Folgen einer Welt ohne Auferstehung nicht das letzte Wort. Die Verkündigung besitzt einen wirklichen Inhalt, der Glaube eine tragfähige Grundlage, und diejenigen, die in Christus gestorben sind, haben eine Zukunft. Paulus beginnt nun zu erklären, weshalb die Auferstehung Jesu nicht nur für ihn selbst, sondern für alle, die zu ihm gehören, von entscheidender Bedeutung ist.
Dazu bezeichnet Paulus Christus als den Erstling der Entschlafenen. Das griechische Wort aparchē, das hier mit „Erstling“ wiedergegeben wird, stammt aus der Vorstellungswelt der ersten Früchte oder des ersten Ernteertrags. Im Alten Testament wurde Israel angewiesen, Gott die Erstlinge seiner Ernte darzubringen. Besonders anschaulich beschreibt 3. Mose 23,9–14, wie die Israeliten nach dem Einzug in das verheißene Land eine Garbe der ersten Ernte vor den Herrn bringen sollten. Diese Erstlingsgarbe war nicht die gesamte Ernte. Sie gehörte jedoch bereits zu ihr und stand am Anfang dessen, was noch folgen würde. Für ein Volk, dessen tägliche Versorgung wesentlich vom Ertrag seiner Felder abhing, war dieses Bild unmittelbar verständlich. Die erste Garbe bedeutete, dass die Zeit der Ernte begonnen hatte. Was zuerst eingebracht wurde, stand in einem inneren Zusammenhang mit der größeren Ernte, die noch ausstand.
Gerade diese Beziehung macht das Bild für Paulus so bedeutungsvoll. Christus ist nicht lediglich ein einzelner Mensch, der irgendwann vor allen anderen Gläubigen auferstanden ist. Seine Auferstehung ist der Anfang jener endgültigen Auferstehungswirklichkeit, an der später auch die Erlösten Anteil erhalten werden. Wie die erste Garbe bereits zur kommenden Ernte gehört, so steht Christi Auferstehung in einer untrennbaren Verbindung mit der zukünftigen Auferstehung seiner Nachfolger. Der Erstling kündigt nicht nur an, dass möglicherweise irgendwann eine weitere Ernte stattfinden könnte. In der Argumentation des Paulus ist Christus selbst der entscheidende Grund dafür, dass die Seinen auferstehen werden. Was Gott an ihm getan hat, zeigt, dass die Macht des Todes überwunden werden kann und dass Gottes Verheißung des ewigen Lebens nicht unerfüllt bleiben wird. Darin liegt der besondere Trost dieses Bildes: Die Hoffnung der Gläubigen hängt nicht von ihren eigenen Möglichkeiten ab, den Tod zu überwinden, sondern von dem Sieg, den Christus bereits errungen hat.
Die Verbindung zwischen Christus und der alttestamentlichen Erstlingsgarbe ist deshalb besonders naheliegend. Das Opfer der ersten Garbe gehörte zur gottesdienstlichen Ordnung Israels und stand in zeitlicher Nähe zum Passafest. Auch das Neue Testament stellt Jesu Tod und Auferstehung in den Zusammenhang des Passafestes. Bereits in 1. Korinther 5,7 bezeichnet Paulus Christus als das Passalamm, das geopfert worden ist. Wenn derselbe Apostel wenige Kapitel später den auferstandenen Christus als Erstling beschreibt, kann darin eine weitere Verbindung zum alttestamentlichen Festkalender liegen. Der Vergleich wird vor allem durch die gemeinsame Bedeutung des ersten Ernteertrags und der folgenden Ernte getragen. Allerdings erwähnt Paulus in 1. Korinther 15 weder ausdrücklich die Webegarbe noch erklärt er die Einzelheiten ihres Darbringens. Deshalb sollte diese Verbindung als gut begründete biblische Entsprechung verstanden werden, nicht als eine von Paulus ausdrücklich erläuterte Gleichsetzung sämtlicher Festhandlungen mit bestimmten Ereignissen der Auferstehung.
An dieser Stelle entsteht eine wichtige Frage: Wie kann Christus der Erstling der Auferstandenen sein, wenn bereits vor seiner Auferstehung Menschen von den Toten erweckt wurden? Das Alte Testament berichtet beispielsweise davon, dass Gott durch Elia den Sohn einer Witwe wieder zum Leben brachte (1. Könige 17,17–24). Auch Elisa wurde Zeuge einer außergewöhnlichen Totenerweckung (2. Könige 4,32–37). Während seines irdischen Dienstes erweckte Jesus unter anderem die Tochter des Jairus, den Sohn einer Witwe in Nain und Lazarus, der bereits vier Tage im Grab gelegen hatte (Markus 5,35–43; Lukas 7,11–17; Johannes 11,38–44). Diese Berichte stehen nicht im Widerspruch zur Bezeichnung Christi als Erstling. Denn die genannten Menschen wurden in ihr bisheriges irdisches Leben zurückgerufen. Sie erhielten dadurch noch nicht den endgültigen, unvergänglichen Auferstehungsleib, den Paulus später in diesem Kapitel beschreibt. Über Christus dagegen erklärt Römer 6,9 ausdrücklich, dass er nach seiner Auferstehung nicht mehr stirbt und der Tod keine Herrschaft mehr über ihn besitzt. Seine Auferstehung ist somit von anderer Qualität. Sie gehört bereits zur endgültigen Überwindung des Todes. In diesem Sinn ist Christus der Erstling einer neuen, unvergänglichen Lebenswirklichkeit.
Die Bezeichnung der Verstorbenen als Entschlafene vertieft diesen Zusammenhang. Paulus hatte dasselbe Bild bereits in den Versen 6 und 18 verwendet. Der Tod wird hier unter dem Blickwinkel der kommenden Auferstehung betrachtet. Für den Menschen erscheint er als ein endgültiger Einschnitt, weil das gegenwärtige Leben endet und die Gemeinschaft mit den Lebenden unterbrochen wird. Doch für Gott ist der Tod keine Macht, die seine Verheißungen zunichtemachen könnte. Jesus gebrauchte dasselbe Bild, als er vor der Auferweckung des Lazarus davon sprach, dass sein Freund eingeschlafen sei und er ihn aufwecken werde (Johannes 11,11–14). Gerade darin liegt die Kraft des Vergleichs: Wer schläft, kann geweckt werden. Die Bibel verbindet dieses Bild daher mit der Hoffnung, dass Gott Menschen aus dem Tod ins Leben zurückrufen wird. Wenn Paulus Christus den Erstling der Entschlafenen nennt, betrachtet er die Verstorbenen aus der Perspektive dessen, der bereits auferstanden ist. Die Hoffnung ruht nicht auf einer angeblich unzerstörbaren natürlichen Lebenskraft des Menschen, sondern auf Gottes Fähigkeit und Zusage, die Toten wieder zum Leben zu erwecken.
In Vers 21 führt Paulus einen neuen Gedanken ein, der bis zum Anfang der Menschheitsgeschichte zurückreicht. Er erklärt, dass der Tod durch einen Menschen gekommen sei und ebenso die Auferstehung der Toten durch einen Menschen komme. Gemeint sind Adam und Jesus Christus. Damit stellt Paulus zwei Personen einander gegenüber, deren Handeln nach dem Zeugnis der Bibel weitreichende Folgen für die Menschheit besitzt. Adam steht am Anfang der menschlichen Geschichte, wie sie in 1. Mose 2 und 3 beschrieben wird. Obwohl Gott dem Menschen das Leben geschenkt und ihn in eine gute Schöpfung gestellt hatte, widersetzte sich Adam dem göttlichen Gebot. Die Folgen dieses Ungehorsams betrafen nicht nur sein persönliches Verhältnis zu Gott. Der Mensch verlor den ungehinderten Zugang zum Baum des Lebens und wurde der Vergänglichkeit und dem Tod unterworfen (1. Mose 3,17–24). Paulus greift diesen Zusammenhang in Römer 5,12 ausdrücklich auf, wenn er erklärt, dass durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen sei und durch die Sünde der Tod.
Diese Verbindung zwischen Adam und dem Tod zeigt, dass die Sterblichkeit des Menschen nach dem biblischen Zeugnis nicht einfach als ursprüngliches Ziel seiner Erschaffung verstanden werden darf. Gott ist der Geber des Lebens. Er hatte den Menschen geschaffen, damit dieser in Gemeinschaft mit ihm lebt. Der Tod erscheint in der Geschichte von 1. Mose 3 als Folge der Abkehr von Gottes Lebensordnung. Als Gott Adam ankündigt, dass er zum Staub zurückkehren werde, erinnert ihn dies daran, dass sein Leben nicht unabhängig vom Schöpfer bestehen kann (1. Mose 3,19). Der Mensch besitzt seine Existenz nicht aus sich selbst heraus. Er ist ein Geschöpf, dessen Leben vollständig von Gott abhängt. Mit der Sünde wurde die menschliche Geschichte von einer Wirklichkeit geprägt, die bis heute alle Generationen betrifft: Menschen werden geboren, altern und sterben. Niemand kann sich durch eigene Weisheit, körperliche Stärke oder menschlichen Fortschritt endgültig von dieser Grenze befreien. Wenn Paulus sagt, dass der Tod durch einen Menschen gekommen ist, beschreibt er deshalb einen Zusammenhang, der weit über Adams persönliches Schicksal hinausreicht.
Dem ersten Menschen stellt Paulus Jesus Christus gegenüber. Besonders wichtig ist dabei, dass die Auferstehung ebenfalls „durch einen Menschen“ kommt. Christus ist nach dem Zeugnis des Neuen Testaments nicht nur der ewige Sohn Gottes, sondern wurde tatsächlich Mensch (Johannes 1,14; Philipper 2,6–8). Er nahm Anteil an der menschlichen Natur, lebte unter den Bedingungen dieser gefallenen Welt und war selbst dem Leiden und Sterben ausgesetzt. Hebräer 2,14–15 erklärt, dass Jesus Fleisch und Blut annahm, um durch seinen Tod die Macht des Todes zu überwinden und die Menschen aus ihrer Knechtschaft zu befreien. Die Menschwerdung Christi ist deshalb kein nebensächlicher Bestandteil des Erlösungsplans. Gerade weil der Sohn Gottes wirklich Mensch wurde, konnte er als Stellvertreter der Menschheit handeln. Dort, wo der erste Mensch durch seinen Ungehorsam die Herrschaft von Sünde und Tod eröffnete, führte Christus durch seinen Gehorsam und seine Hingabe den Weg zum Leben. Römer 5,18–19 entwickelt diesen Gegensatz ausführlicher und verbindet Adams Übertretung mit Christi gerechter Tat und seinem Gehorsam. Die Auferstehung zeigt schließlich, dass der Weg, den Christus eröffnet hat, nicht im Tod endet.
In Vers 22 fasst Paulus diesen Gegensatz mit einer besonders weitreichenden Aussage zusammen. Wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden. Der erste Teil beschreibt die gemeinsame Sterblichkeit der Menschheit. Unabhängig von Herkunft, gesellschaftlicher Stellung, Bildung oder persönlicher Leistung steht jeder Mensch unter der Wirklichkeit des Todes. Adam ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine einzelne Gestalt der Vergangenheit. Er steht als erster Mensch am Anfang jener Menschheit, deren Leben durch Sünde und Vergänglichkeit geprägt ist. Paulus stellt dieser gemeinsamen menschlichen Wirklichkeit nun Christus gegenüber. Durch ihn ist eine neue Zukunft eröffnet worden, die nicht mehr von der endgültigen Herrschaft des Todes bestimmt wird. Jesus ist derjenige, durch den Gott das Leben wiederherstellt. Der Gegensatz zwischen Adam und Christus macht deutlich, dass Gottes Erlösungsplan nicht lediglich darin besteht, einzelne Fehler des Menschen zu vergeben. Er zielt auf die Überwindung der grundlegenden Macht, die seit dem Sündenfall über der Menschheit liegt.
Dabei muss sorgfältig beachtet werden, was Paulus mit dem zweimal verwendeten Wort „alle“ meint. Die Aussage besitzt eine bewusst weitreichende Bedeutung: Das Problem des Todes betrifft die gesamte Menschheit, und Christus ist der von Gott gegebene Retter, durch den die Auferstehung und das ewige Leben möglich werden. Es wäre jedoch zu weitgehend, aus diesem einen Vers abzuleiten, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Verhältnis zu Christus automatisch das ewige Leben erhalten wird. Bereits der folgende Vers erklärt, welche Menschen Paulus bei der zukünftigen Auferstehung im Blick hat: diejenigen, die Christus angehören. Auch Jesus unterscheidet in Johannes 5,28–29 zwischen einer Auferstehung zum Leben und einer Auferstehung zum Gericht. Die Bibel kennt also eine umfassende göttliche Auferweckungsmacht, ohne daraus eine automatische endgültige Rettung aller Menschen abzuleiten. Die große Gegenüberstellung von Adam und Christus bedeutet, dass Gott durch Jesus einen neuen Weg zum Leben eröffnet hat, dessen Bedeutung die ganze Menschheit betrifft. Die rettende Teilhabe an diesem Leben wird im Neuen Testament jedoch mit dem Glauben an Christus und der Zugehörigkeit zu ihm verbunden (Johannes 3,16; Römer 5,17).
Ein weiterer Unterschied zwischen Adam und Christus verdient Aufmerksamkeit. Niemand entscheidet selbst darüber, als sterblicher Nachkomme Adams geboren zu werden. Die menschliche Vergänglichkeit gehört zu der Welt, in die jeder Mensch hineingeboren wird. Die Zugehörigkeit zu Christus wird dagegen im Neuen Testament mit einer persönlichen Glaubensbeziehung beschrieben. Wer Christus annimmt, empfängt Vergebung und beginnt ein neues Leben unter seiner Herrschaft. Paulus hatte bereits in Römer 6,3–5 erklärt, dass die Taufe die Verbindung des Glaubenden mit dem Tod und der Auferstehung Jesu zum Ausdruck bringt. Der alte Mensch soll nicht weiterhin unter der Herrschaft der Sünde leben, sondern in einem neuen Leben wandeln. Diese gegenwärtige geistliche Erneuerung ist wirklich und gehört bereits zur Erlösung. Dennoch ist sie noch nicht identisch mit der zukünftigen leiblichen Auferstehung. Auch ein wiedergeborener Christ bleibt zunächst ein sterblicher Mensch. Sein Körper ist weiterhin Krankheit, Alter und Tod ausgesetzt. Die vollständige Befreiung von dieser Vergänglichkeit steht noch aus. Deshalb kann Paulus gleichzeitig von einem neuen Leben in Christus sprechen und dennoch die kommende Auferstehung als unverzichtbare Hoffnung verkündigen.
In Vers 23 erklärt Paulus schließlich, dass die Auferstehung in einer bestimmten göttlichen Ordnung geschieht. Zuerst steht Christus als Erstling, danach folgen diejenigen, die ihm angehören, bei seiner Wiederkunft. Das griechische Wort tagma, das hier mit „Ordnung“ wiedergegeben wird, bezeichnet eine geordnete Folge oder eine bestimmte Anordnung. Paulus möchte damit verdeutlichen, dass Christi Auferstehung und die Auferstehung der Gläubigen zwar untrennbar zusammengehören, aber nicht gleichzeitig stattfinden. Christus ist bereits auferstanden und lebt. Die Seinen warten dagegen noch auf die Vollendung dessen, was ihnen durch ihn verheißen wurde. Zwischen diesen beiden Ereignissen liegt die Zeit, in der das Evangelium verkündigt wird und Menschen eingeladen werden, zu Christus zu gehören. Dass die endgültige Auferstehung der Gläubigen noch aussteht, ist deshalb kein Hinweis darauf, dass Gottes Verheißung unsicher wäre. Sie gehört zu der Ordnung, die Paulus hier beschreibt. Der Erstling ist bereits auferstanden; die größere Ernte wird folgen.
Besonders bedeutsam ist die Zeitangabe, die Paulus mit dieser zukünftigen Auferstehung verbindet. Er sagt ausdrücklich, dass diejenigen, die Christus angehören, bei seiner Wiederkunft auferstehen werden. Das griechische Wort parousia bezeichnet eine Ankunft oder persönliche Gegenwart und wird im Neuen Testament häufig für das machtvolle Wiederkommen Jesu Christi verwendet. Damit erhält die christliche Auferstehungshoffnung einen klaren zukünftigen Bezugspunkt. Paulus erwartet nicht, dass die endgültige Auferstehung jedes einzelnen Gläubigen bereits im Augenblick seines persönlichen Todes geschieht. Er richtet den Blick auf das große Ereignis, bei dem Christus wiederkommen und die Seinen zum Leben auferwecken wird. In 1. Thessalonicher 4,13–18 erklärt er denselben Zusammenhang ausführlicher. Dort beschreibt er, wie der Herr selbst vom Himmel herabkommen wird, wie die Toten in Christus zuerst auferstehen und wie die dann noch lebenden Gläubigen gemeinsam mit ihnen dem Herrn begegnen werden. Auch später in 1. Korinther 15 wird Paulus von dieser zukünftigen Verwandlung sprechen, bei der das Vergängliche Unvergänglichkeit und das Sterbliche Unsterblichkeit empfangen wird.
Diese zeitliche Einordnung bewahrt die christliche Hoffnung vor einem wichtigen Missverständnis. Das ewige Leben wird im Neuen Testament bereits jetzt denen zugesprochen, die an Jesus Christus glauben (Johannes 3,36; 1. Johannes 5,11–12). Damit ist gemeint, dass sie schon gegenwärtig Anteil an der rettenden Gemeinschaft mit Christus haben und die Verheißung des zukünftigen Lebens besitzen. Die endgültige Überwindung ihrer körperlichen Sterblichkeit steht jedoch noch aus. Paulus hält beide Wahrheiten zusammen: Der Gläubige darf bereits heute mit Gottes Zusage rechnen, aber die Vollendung seiner Erlösung erwartet er bei der Wiederkunft Christi. Dieses zukünftige Ereignis ist nicht eine bloße Wiederholung dessen, was bei der Bekehrung geistlich begonnen hat. Es bringt eine neue Wirklichkeit hervor, in der die Macht des Todes über die Erlösten endgültig gebrochen wird. Deshalb schreibt Paulus in Römer 8,23, dass die Gläubigen noch auf die Erlösung ihres Leibes warten. Gottes Erlösungsplan umfasst den ganzen Menschen und findet seine Vollendung nicht in einer bloß innerlichen Veränderung, sondern in der wirklichen Wiederherstellung des Lebens.
Die Worte „die Christus angehören“ enthalten schließlich eine wichtige persönliche Dimension. Paulus beschreibt die zukünftige Auferstehung nicht als eine Leistung besonders erfolgreicher oder vollkommen gewordener Christen. Entscheidend ist ihre Zugehörigkeit zum auferstandenen Herrn. Bereits in Römer 8,9 erklärt er, dass der Geist Gottes im Leben der Gläubigen wirkt und die Zugehörigkeit zu Christus kennzeichnet. Wenige Verse später verbindet er diese Gegenwart des Geistes ausdrücklich mit der zukünftigen Auferweckung ihres sterblichen Leibes (Römer 8,11). Die Hoffnung auf die Auferstehung entsteht somit aus einer Beziehung, die Gott selbst durch Christus ermöglicht. Wer zu Christus gehört, darf darauf vertrauen, dass der Tod seine Gemeinschaft mit dem Retter nicht endgültig zerstören kann. Auch wenn ein Gläubiger stirbt und sein gegenwärtiges Leben endet, bleibt Gottes Verheißung bestehen. Der Herr, der selbst aus dem Tod hervorgegangen ist, besitzt die Macht, diejenigen zum Leben zu erwecken, die ihm gehören.
Damit beantwortet Paulus die entscheidende Frage, die hinter seiner bisherigen Argumentation stand. Die Auferstehung Christi und die zukünftige Auferstehung der Gläubigen sind keine voneinander unabhängigen Hoffnungen. Beide gehören zu demselben göttlichen Erlösungsplan. Adam steht am Anfang einer Menschheitsgeschichte, in der Sünde und Tod herrschen. Christus eröffnet als neuer Repräsentant der Menschheit den Weg zu einer Zukunft, in der diese Herrschaft überwunden wird. Seine Auferstehung ist der Anfang und die Gewähr der kommenden Auferstehung der Erlösten. Die Gläubigen müssen deshalb ihre Hoffnung nicht auf menschliche Vorstellungen über das Leben nach dem Tod gründen. Sie dürfen auf denjenigen vertrauen, der bereits auferstanden ist und zugesagt hat, wiederzukommen. Doch die Überwindung des Todes ist Teil eines noch größeren Geschehens. Im folgenden Abschnitt erklärt Paulus, wie die Auferstehung mit der endgültigen Herrschaft Christi, der Beseitigung aller feindlichen Mächte und der Vollendung von Gottes Reich zusammenhängt.
1. Korinther 15,24–28
Die Vollendung von Christi Herrschaft: Wenn der letzte Feind besiegt und Gott alles in allem sein wird
Nachdem Paulus erklärt hat, dass die zu Christus gehörenden Menschen bei seiner Wiederkunft auferstehen werden, richtet er den Blick auf das endgültige Ziel des göttlichen Erlösungsplans. In Vers 24 spricht er von dem Ende, wenn Christus das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird. Mit diesem Ende meint Paulus nicht einfach die Vernichtung der Welt oder das Aufhören aller menschlichen Existenz. Das griechische Wort telos kann sowohl das Ende eines Vorgangs als auch dessen Ziel und Vollendung bezeichnen. Im Zusammenhang geht es um den Abschluss jener Herrschaft, durch die Christus alle feindlichen Mächte überwindet und Gottes Ordnung vollständig wiederherstellt. Was mit der Auferstehung Jesu begonnen hat und bei seiner Wiederkunft eine entscheidende Erfüllung erfährt, wird schließlich zu seinem von Gott bestimmten Ziel gelangen. Paulus beschreibt damit eine Zukunft, in der Sünde, Auflehnung und Tod nicht mehr über Gottes Schöpfung herrschen können. Die Übergabe des Reiches an den Vater steht am Abschluss dieses göttlichen Handelns. Sie ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern Ausdruck einer vollständig erfüllten Aufgabe.
Dabei ist die zeitliche Abfolge wichtig. In Vers 23 hatte Paulus die Auferstehung der Christusgläubigen ausdrücklich mit der Wiederkunft Jesu verbunden. Nun spricht er von der endgültigen Vollendung seiner Herrschaft. Die Formulierung „danach das Ende“ stellt diese Ereignisse in eine geordnete Beziehung, erklärt aber noch nicht sämtliche zeitlichen Einzelheiten. Vor allem legt Paulus hier nicht ausdrücklich fest, welcher Zeitraum zwischen der Auferstehung der Erlösten und der endgültigen Beseitigung aller feindlichen Mächte liegt. Andere Bibelstellen, insbesondere Offenbarung 20 und 21, entfalten weitere Ereignisse des Endgerichts und der neuen Schöpfung. Diese dürfen bei einer umfassenden Betrachtung des Erlösungsplans berücksichtigt werden. Dennoch sollte ihre gesamte zeitliche Ordnung nicht bereits in die wenigen Worte von Vers 24 hineingelesen werden. Paulus verfolgt hier vor allem ein theologisches Anliegen: Er zeigt, dass die Auferstehung der Gläubigen Teil eines größeren Geschehens ist, dessen Ziel die endgültige Überwindung aller Mächte ist, die Gottes guter Herrschaft entgegenstehen.
Wenn Paulus erklärt, dass Christus jede Herrschaft, Gewalt und Macht beseitigt haben wird, verwendet er Begriffe, die unterschiedliche Formen von Autorität und Machtausübung bezeichnen können. Im Neuen Testament begegnen ähnliche Ausdrücke sowohl im Zusammenhang mit übergeordneten Mächten als auch bei der Beschreibung von Herrschaftsordnungen. An dieser Stelle werden sie durch den Zusammenhang als Mächte erkennbar, die Christus entgegenstehen und deshalb überwunden werden müssen. Paulus nennt jedoch keine vollständige Liste dieser Gegner. Es wäre daher zu eng, seine Worte ausschließlich auf bestimmte menschliche Regierungen oder einzelne politische Einrichtungen zu beziehen. Ebenso wenig muss jeder der drei Begriffe eine genau abgegrenzte Gruppe unsichtbarer Wesen bezeichnen. Entscheidend ist die umfassende Aussage: Keine Macht, die sich Gottes Herrschaft widersetzt, wird am Ende unabhängig von Christus bestehen können. Die gegenwärtige Welt kennt zahlreiche Formen von Unterdrückung, Gewalt und Auflehnung. Paulus verkündet, dass diese Wirklichkeiten nicht dauerhaft das letzte Wort behalten werden.
Die verwendete Sprache erinnert an die alttestamentlichen Verheißungen von Gottes endgültigem Sieg über alle widerstrebenden Mächte. Besonders Daniel 7 beschreibt, wie gottfeindliche Herrschaften aufsteigen, Macht ausüben und schließlich durch Gottes Gericht ihre Herrschaft verlieren. Anschließend wird eine bleibende Königsherrschaft sichtbar, die von Gott ausgeht und seinem Willen entspricht (Daniel 7,13–14.26–27). Auch wenn Paulus Daniel hier nicht ausdrücklich zitiert, besteht eine deutliche sachliche Verbindung: Menschliche und übermenschliche Machtansprüche sind begrenzt, während Gottes Herrschaft endgültig Bestand hat. In 1. Korinther 15 steht Jesus Christus im Mittelpunkt dieser Überwindung. Derjenige, der selbst durch Leiden und Tod gegangen ist, wird alle Mächte beseitigen, die Gottes rettendem Vorhaben entgegenstehen. Die Geschichte endet damit nach Paulus nicht in einem unentschiedenen Kampf zwischen Gut und Böse. Gottes Erlösungsplan wird vielmehr zu einer Vollendung gelangen, in der keine feindliche Herrschaft seinen Willen dauerhaft verhindern kann.
In Vers 25 erklärt Paulus, weshalb diese Überwindung zur Königsherrschaft Christi gehört. Christus muss herrschen, bis alle Feinde unter seine Füße gelegt sind. Dabei greift Paulus die Sprache von Psalm 110,1 auf. In diesem Psalm spricht Gott zu dem Herrn, der an seiner Rechten sitzen soll, bis seine Feinde ihm zum Schemel seiner Füße gemacht werden. Ursprünglich steht diese Sprache im Zusammenhang mit königlicher Herrschaft und göttlich verliehener Autorität. Im Neuen Testament wird Psalm 110 wiederholt auf Jesus Christus bezogen. Jesus selbst verwendet ihn, um die besondere Stellung des Messias zu erklären (Matthäus 22,41–45). Petrus greift ihn in seiner Pfingstpredigt auf und verbindet ihn mit der Erhöhung des auferstandenen Jesus zur Rechten Gottes (Apostelgeschichte 2,32–36). Paulus führt diese Linie weiter. Christus ist nicht erst in einer unbestimmten Zukunft zum König bestimmt. Seine Herrschaft hat durch seine Auferstehung und Erhöhung bereits eine entscheidende Wirklichkeit angenommen. Der auferstandene Herr besitzt gegenwärtig die Autorität, Gottes Erlösungsplan bis zu seinem endgültigen Ziel zu führen.
Gerade diese gegenwärtige Herrschaft Christi kann jedoch Fragen aufwerfen. Wenn Jesus bereits als Herr regiert, weshalb bestehen dann weiterhin Ungerechtigkeit, Leiden, Verfolgung und Tod? Paulus beantwortet diese Frage nicht dadurch, dass er die gegenwärtige Wirklichkeit des Bösen bestreitet. Seine Formulierung enthält vielmehr eine zeitliche Entwicklung. Christus herrscht, bis alle Feinde unterworfen sind. Seine gegenwärtige Königsherrschaft und die noch ausstehende vollständige Überwindung seiner Feinde gehören zusammen. Der Hebräerbrief beschreibt denselben Zusammenhang, wenn er erklärt, dass Christus nach seinem Opfer zur Rechten Gottes sitzt und darauf wartet, dass seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht werden (Hebräer 10,12–13). Die fortdauernde Existenz des Bösen bedeutet deshalb nicht, dass Christus keine Herrschaft besitzt. Sie zeigt, dass die endgültige Vollendung dieser Herrschaft noch bevorsteht. Die christliche Hoffnung beruht auf der Gewissheit, dass der gegenwärtige Zustand der Welt nicht unverändert bestehen bleiben wird.
Die Formulierung, dass Christus herrschen muss, unterstreicht außerdem die Verbindlichkeit dieses göttlichen Vorhabens. Das griechische Wort dei bezeichnet hier eine Notwendigkeit, die sich aus Gottes Plan ergibt. Paulus beschreibt also nicht nur eine mögliche Zukunft, deren Verwirklichung noch ungewiss wäre. Die Königsherrschaft Christi ist auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet, das nach Gottes Willen erreicht werden soll. Dabei darf das Bild der Feinde unter seinen Füßen nicht als Aufruf verstanden werden, dass Christen ihre menschlichen Gegner mit Gewalt unterwerfen sollen. Paulus spricht von Christi eigener Herrschaft und Gottes endgültigem Handeln. In Römer 12,19 hatte er die Gläubigen ausdrücklich davor gewarnt, selbst Rache zu üben, und sie angewiesen, das Gericht Gott zu überlassen. Die Gewissheit des zukünftigen göttlichen Sieges gibt den Nachfolgern Jesu somit keinen Auftrag zur gewaltsamen Durchsetzung religiöser Macht. Sie ermöglicht vielmehr, auch angesichts von Unrecht auf Gottes Gerechtigkeit zu vertrauen.
In Vers 26 nennt Paulus schließlich den letzten Feind, der beseitigt werden muss: den Tod. Diese Aussage bildet einen entscheidenden Höhepunkt seiner bisherigen Argumentation. Seit dem Beginn des Kapitels hat Paulus erklärt, weshalb die Auferstehung für die christliche Hoffnung unverzichtbar ist. Nun zeigt er, dass Gottes Erlösungsplan noch weiter reicht als die Auferweckung einzelner Menschen. Sein endgültiges Ziel besteht darin, die Herrschaft des Todes selbst zu beenden. Der Tod ist nicht lediglich eine unangenehme Begleiterscheinung des menschlichen Lebens. Nach dem Zeugnis der Bibel gehört er zu den Folgen der Sünde und steht damit im Gegensatz zu Gottes ursprünglicher Absicht, dem Menschen Leben zu schenken (1. Mose 2,16–17; Römer 5,12). Er trennt Menschen voneinander, beendet ihre gegenwärtigen Lebensmöglichkeiten und führt die Begrenztheit aller menschlichen Kräfte vor Augen. Selbst der mächtigste Herrscher, der reichste Mensch oder der bedeutendste Gelehrte kann sich aus eigener Kraft nicht dauerhaft seiner Herrschaft entziehen. Wenn Paulus den Tod als Feind bezeichnet, nimmt er deshalb die schmerzliche Wirklichkeit des Sterbens ernst. Der Tod ist nicht ein Freund des Menschen, den Gott ursprünglich zu dessen endgültigem Wohl geschaffen hätte. Er ist eine Macht, die Gottes rettendes Handeln vollständig überwinden wird.
Dass gerade der Tod als letzter Feind genannt wird, erklärt zugleich, weshalb die Auferstehung im Mittelpunkt von Gottes Erlösungsplan steht. Christus ist bereits von den Toten auferstanden und besitzt ein Leben, über das der Tod keine Gewalt mehr hat (Römer 6,9). Dennoch sterben weiterhin Menschen, auch solche, die an ihn glauben. Deshalb ist der Sieg Christi zwar bereits entscheidend errungen, aber seine volle Auswirkung auf die gesamte erlöste Schöpfung steht noch aus. Bei der Wiederkunft werden die verstorbenen Christusgläubigen zu unvergänglichem Leben auferweckt, wie Paulus in den Versen 51–54 näher beschreibt. Die endgültige Beseitigung des Todes reicht jedoch noch über die Auferweckung der Gerechten hinaus. Offenbarung 20,14 beschreibt den abschließenden Gerichtshorizont mit dem Bild, dass Tod und Totenreich in den Feuersee geworfen werden. Unmittelbar anschließend verheißt Offenbarung 21,4 eine neue Wirklichkeit, in der es keinen Tod, keine Trauer und keinen Schmerz mehr geben wird. Diese Texte ergänzen die Aussage des Paulus: Der Tod wird nicht lediglich für eine begrenzte Gruppe vorübergehend aufgehoben, während er als unbesiegbarer Herrscher bestehen bleibt. Gottes endgültige neue Schöpfung wird von seiner Macht befreit sein. Welcher genaue zeitliche Ablauf zu diesem Ziel führt, muss aus dem Gesamtzusammenhang der biblischen Prophetie erschlossen werden; 1. Korinther 15,26 selbst nennt hierfür keinen vollständigen Ereignisplan.
Mit Vers 27 begründet Paulus die umfassende Herrschaft Christi erneut aus dem Alten Testament. Er greift Psalm 8,7 auf, wo davon gesprochen wird, dass Gott dem Menschen die Werke seiner Hände unterstellt und alles unter seine Füße gelegt hat. Im ursprünglichen Zusammenhang staunt der Psalmist darüber, dass der große Schöpfer dem Menschen trotz seiner vergleichsweise geringen Stellung innerhalb der Schöpfung eine besondere Würde und Verantwortung verliehen hat. Der Mensch wurde von Gott dazu bestimmt, über die Werke seiner Hände zu herrschen und die anvertraute Schöpfung unter seiner göttlichen Ordnung zu verwalten (1. Mose 1,26–28). Diese Herrschaft war jedoch niemals als Unabhängigkeit von Gott gedacht. Der Mensch sollte seine Verantwortung als Geschöpf ausüben, das seinem Schöpfer untersteht. Durch den Sündenfall wurde diese ursprüngliche Lebensordnung tiefgreifend beschädigt. Der Mensch, der über die Schöpfung Verantwortung tragen sollte, geriet selbst unter die Macht der Sünde und des Todes. Wenn Paulus die Worte des Psalms nun auf Christus bezieht, erhält die ursprüngliche Bestimmung des Menschen eine neue Bedeutung. Jesus Christus erfüllt als wahrer Mensch das, was der Mensch aus eigener Kraft nicht vollenden konnte.
Damit verbindet Paulus zwei alttestamentliche Aussagen, die einander ergänzen. Psalm 110 beschreibt den erhöhten Herrn, dessen Feinde unter seine Füße gelegt werden. Psalm 8 spricht von der Herrschaft, die Gott dem Menschen über die Werke seiner Schöpfung verliehen hat. In Jesus Christus begegnen sich diese beiden Gedanken. Er ist der auferstandene und erhöhte Herr, zugleich aber auch der Mensch, durch den Gott die Folgen von Adams Ungehorsam überwindet. Diese Verbindung ist wichtig, weil Paulus die Auferstehung ausdrücklich durch einen Menschen geschehen lässt (1. Korinther 15,21). Christus handelt nicht als ein von der Menschheit völlig losgelöster Herrscher, sondern als derjenige, der ihre gefallene Geschichte aufnimmt und zu Gottes ursprünglicher Bestimmung zurückführt. Der Hebräerbrief greift denselben Psalm auf und erklärt, dass gegenwärtig noch nicht alles dem Menschen unterworfen sei, wir aber Jesus sehen, der wegen seines Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wurde (Hebräer 2,6–9). Die umfassende Herrschaft Christi ist deshalb eng mit seiner Menschwerdung, seinem Leiden und seiner Auferstehung verbunden. Er führt den Auftrag, den Gott dem Menschen gegeben hat, zu seiner endgültigen Erfüllung.
Paulus fügt in Vers 27 jedoch eine wichtige Klarstellung hinzu. Wenn gesagt wird, dass Gott Christus alles unterworfen hat, ist selbstverständlich derjenige davon ausgenommen, der ihm diese Herrschaft verliehen hat. Damit unterscheidet Paulus zwischen dem Vater, der die Unterwerfung aller Dinge bewirkt, und dem Sohn, dem diese Herrschaft übertragen wird. Das Wort „alles“ darf also nicht so verstanden werden, als würde der Vater selbst unter die Herrschaft des Sohnes gestellt. Paulus macht diese Ausnahme ausdrücklich, um die göttliche Ordnung innerhalb des beschriebenen Geschehens zu verdeutlichen. Schon in 1. Korinther 8,6 hatte er den einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind, und den einen Herrn Jesus Christus, durch den alle Dinge sind, gemeinsam genannt. Beide stehen dort in einer untrennbaren Beziehung zum göttlichen Schöpfungs- und Heilshandeln. In unserem Abschnitt betont Paulus nun besonders, wie sich diese Beziehung bei der Vollendung der messianischen Herrschaft ausdrückt. Der Vater ist derjenige, dem das Reich schließlich übergeben wird, während Christus als der von ihm eingesetzte messianische König alle Feinde überwunden hat.
Die schwierigste Aussage dieses Abschnitts folgt in Vers 28. Paulus erklärt, dass am Ende, wenn Christus alles unterworfen sein wird, auch der Sohn selbst dem untergeordnet sein wird, der ihm alles unterworfen hat. Diese Worte dürfen weder übergangen noch so abgeschwächt werden, als beschreibe Paulus nur einen äußeren Anschein. Er spricht ausdrücklich von einer wirklichen Unterordnung des Sohnes unter den Vater. Dabei ist jedoch entscheidend, in welchem Zusammenhang diese Aussage steht. Seit Vers 21 geht es um Christus als den Menschen, durch den die Auferstehung kommt. Anschließend beschreibt Paulus seine messianische Königsherrschaft, die Überwindung aller Feinde und schließlich die Übergabe des Reiches. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Unterordnung als Vollendung jener Aufgabe verstehen, die Christus als menschgewordener Erlöser und messianischer König übernommen hat. Er führt seine Herrschaft nicht in Konkurrenz zum Vater aus, sondern in Übereinstimmung mit dessen Willen. Wenn der Erlösungsplan vollendet ist, wird auch seine besondere Herrschaft zur Überwindung der feindlichen Mächte ihr Ziel erreicht haben. Die Unterordnung des Sohnes kann deshalb als abschließender Ausdruck dieser auf den Vater ausgerichteten Sendung verstanden werden.
Allerdings beantwortet Paulus damit nicht sämtliche Fragen über das ewige Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Stellung, die Christus im göttlichen Erlösungsplan einnimmt, und der Frage nach seinem göttlichen Wesen. Dass der Sohn sich dem Vater unterordnet, bedeutet nicht automatisch, dass er ein geschaffenes Wesen oder seinem göttlichen Wesen nach geringer sein müsste. Das Neue Testament spricht an anderen Stellen ausdrücklich von seiner göttlichen Herrlichkeit und seiner ewigen Existenz. Johannes erklärt, dass das Wort bereits am Anfang bei Gott war und selbst Gott war (Johannes 1,1–3). Jesus spricht von der Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, bevor die Welt existierte (Johannes 17,5). Zugleich wird zwischen dem Vater und dem Sohn unterschieden, und Jesus selbst beschreibt seine Sendung als ein Handeln im Gehorsam gegenüber dem Vater (Johannes 5,19–23; Philipper 2,6–11). Diese Aussagen müssen gemeinsam berücksichtigt werden. Die Unterordnung in 1. Korinther 15,28 ist wirklich, doch ihre genaue Bedeutung für das Verhältnis der göttlichen Personen lässt sich nicht aus diesem einzelnen Vers vollständig bestimmen. Am stärksten trägt der unmittelbare Zusammenhang die Erklärung, dass Paulus hier die vollendete Herrschaft und den erfüllten Erlösungsauftrag des menschgewordenen Sohnes beschreibt.
Die Übergabe des Reiches bedeutet deshalb auch nicht zwangsläufig, dass Jesus seine königliche Würde verliert oder seine Herrschaft vollständig aufhört. Bereits der Engel Gabriel hatte Maria angekündigt, dass Jesus über das Haus Jakobs herrschen werde und sein Reich kein Ende haben werde (Lukas 1,32–33). Daniel 7,14 beschreibt die dem Menschensohn verliehene Herrschaft als eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird. Auch Offenbarung 22,3 stellt in der vollendeten neuen Schöpfung den Thron Gottes und des Lammes gemeinsam vor Augen. Diese Aussagen lassen erkennen, dass die endgültige Vollendung der messianischen Aufgabe Christi nicht mit dem Verlust seiner königlichen Stellung gleichgesetzt werden darf. Vielmehr kann zwischen seiner besonderen Herrschaft zur Überwindung aller Feinde und der bleibenden göttlichen Königsherrschaft unterschieden werden. Solange Sünde, Tod und feindliche Mächte bestehen, gehört deren Überwindung zu Christi königlichem Wirken. Wenn diese Aufgabe vollständig erfüllt ist, besteht für eine solche Herrschaft gegen widerstrebende Mächte keine Notwendigkeit mehr. Das Reich wird nicht zerstört, sondern in seiner vollendeten Ordnung Gott, dem Vater, übergeben.
Den Abschluss bildet die außergewöhnliche Aussage, dass Gott alles in allem sein wird. Diese Worte führen den gesamten Abschnitt zu seinem eigentlichen Ziel. Paulus blickt auf eine Wirklichkeit, in der Gottes Herrschaft nicht mehr durch Sünde, Auflehnung und Tod herausgefordert wird. Die Schöpfung wird nicht länger von widerstreitenden Mächten geprägt sein, die Gottes Willen entgegenstehen. Alles wird in der von Gott gewollten Ordnung bestehen. Diese Aussage bedeutet nicht, dass Gott und seine Geschöpfe zu einer einzigen unpersönlichen Wirklichkeit verschmelzen oder dass die Unterschiede zwischen Schöpfer und Geschöpf aufgehoben werden. Ebenso wenig beweist sie für sich allein, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Verhältnis zu Christus endgültig gerettet wird. Der Gedankengang handelt vielmehr von der vollständigen Durchsetzung und Anerkennung der göttlichen Herrschaft nach der Überwindung aller Feinde. Gott wird als derjenige offenbar sein, von dem alles Leben ausgeht und in dessen Willen die gesamte erlöste Schöpfung ihre endgültige Ordnung und Erfüllung findet.
Wie diese Vollendung aussehen wird, beschreibt die Offenbarung mit eindrucksvollen Bildern. In Offenbarung 21,1–5 sieht Johannes einen neuen Himmel und eine neue Erde. Gott wohnt bei den Menschen, und die bisherigen Ursachen von Leid und Trauer gehören der Vergangenheit an. In Offenbarung 22,1–5 begegnen uns der Strom des Lebens, der Baum des Lebens und der Thron Gottes und des Lammes. Die Bewohner der neuen Schöpfung dürfen Gott dienen, sein Angesicht sehen und in seinem Licht leben. Diese Bilder ergänzen die Aussage des Paulus, indem sie zeigen, dass Gottes endgültige Herrschaft nicht lediglich in der Unterwerfung seiner Gegner besteht. Das Ziel ist eine wiederhergestellte Gemeinschaft, in der Leben, Gerechtigkeit und die unmittelbare Gegenwart Gottes dauerhaft Wirklichkeit geworden sind. Was durch die Sünde verloren ging, wird durch Gottes Erlösungswerk überwunden und in einer neuen Schöpfung vollendet. Die menschliche Geschichte soll nach dem biblischen Zeugnis nicht in Vergänglichkeit, Feindschaft und Tod enden, sondern in einer Wirklichkeit, in der Gottes ursprüngliche Absicht mit seinen Geschöpfen endgültig erfüllt ist.
Damit erhält auch die Auferstehung der Gläubigen eine noch umfassendere Bedeutung. Paulus betrachtet sie nicht als ein einzelnes Wunder, das lediglich verstorbenen Menschen eine persönliche Zukunft eröffnet. Sie gehört zu Gottes großem Vorhaben, die Herrschaft von Sünde und Tod vollständig zu beenden. Christus ist auferstanden, er herrscht, seine Feinde werden überwunden, und schließlich wird die gesamte erlöste Schöpfung unter Gottes vollendeter Herrschaft stehen. Die Hoffnung auf das ewige Leben ist deshalb untrennbar mit der Hoffnung auf eine Welt verbunden, in der das Böse nicht länger herrschen kann. Gerade diese Gewissheit erklärt, weshalb Paulus die Auferstehung nicht als nebensächliche Glaubensfrage behandelt. Wenn Gottes Erlösungsplan tatsächlich auf die endgültige Überwindung des Todes ausgerichtet ist, dann hat diese Hoffnung auch Auswirkungen auf das gegenwärtige Leben. Weshalb Christen sich taufen lassen, Leiden auf sich nehmen und trotz persönlicher Gefahren am Evangelium festhalten, wird Paulus in den folgenden Versen erneut mit der Wirklichkeit der zukünftigen Auferstehung verbinden.
1. Korinther 15,29–34
Die Taufe für die Toten, die Gefahren der Apostel und die Folgen einer verlorenen Auferstehungshoffnung
Nachdem Paulus die zukünftige Auferstehung der Gläubigen und die endgültige Überwindung des Todes beschrieben hat, kehrt er in Vers 29 zu der ursprünglichen Streitfrage innerhalb der Gemeinde zurück. Einige Korinther bestritten die Auferstehung der Toten, obwohl die christliche Verkündigung gerade auf dieser Hoffnung beruhte. Nun führt Paulus ein weiteres Argument an, das seine Leser offenbar aus ihrem eigenen Gemeindeleben kannten. Er fragt, welchen Sinn es habe, dass sich Menschen für die Toten taufen lassen, wenn die Verstorbenen überhaupt nicht auferstehen werden. Diese Bemerkung gehört zu den schwierigsten Aussagen des gesamten Korintherbriefs. Paulus erwähnt eine Handlung, die seinen damaligen Lesern vermutlich vertraut war, erklärt aber weder ihren genauen Ablauf noch ihren Ursprung. Deshalb muss zwischen dem unterschieden werden, was der Vers ausdrücklich sagt, und den verschiedenen Möglichkeiten, die hinter dieser ungewöhnlichen Formulierung stehen könnten. Sein eigentliches Anliegen bleibt jedoch erkennbar: Er will zeigen, dass bestimmte Überzeugungen und Handlungen der Korinther keinen nachvollziehbaren Sinn mehr ergeben, wenn sie die zukünftige Auferstehung ablehnen.
Im griechischen Text verwendet Paulus eine Formulierung, die sich am unmittelbarsten mit „sich für die Toten taufen lassen“ wiedergeben lässt. Das Wort hyper, das hier mit „für“ übersetzt wird, kann unter anderem bedeuten, dass jemand zugunsten eines anderen handelt oder etwas um eines anderen willen tut. Deshalb haben viele Ausleger angenommen, dass einige Menschen in Korinth stellvertretend für bereits Verstorbene getauft wurden. Möglicherweise wollten sie damit etwas zugunsten von Menschen bewirken, die ohne Taufe gestorben waren. Eine solche Erklärung nimmt den unmittelbaren Wortlaut ernst und macht verständlich, weshalb Paulus gerade diese Handlung als Argument verwendet. Wenn jemand eine Taufe zugunsten eines Verstorbenen vollzieht, setzt er offenbar voraus, dass der Tod nicht das endgültige Schicksal dieses Menschen besiegelt hat und dass dessen zukünftiges Leben noch von Bedeutung ist. Genau an diesem Punkt setzt Paulus an. Wenn es überhaupt keine Auferstehung gibt, wäre eine solche Handlung in sich widersprüchlich. Allerdings berichtet keine andere neutestamentliche Stelle ausdrücklich von einer entsprechenden Taufpraxis. Auch Paulus selbst beschreibt nicht, wie sie ausgeführt wurde oder welche Vorstellungen die Beteiligten damit verbanden. Deshalb lässt sich die genaue historische Bedeutung seiner Worte nicht mit völliger Sicherheit bestimmen.
Daneben gibt es eine andere Erklärung, nach der sich Menschen aufgrund ihrer Hoffnung auf verstorbene gläubige Angehörige oder Freunde taufen ließen. Demnach hätten sie den christlichen Glauben angenommen, weil sie mit diesen Menschen bei der zukünftigen Auferstehung wieder vereint sein wollten. Die Taufe wäre in diesem Fall keine stellvertretende Handlung für einen Verstorbenen gewesen, sondern eine persönliche Entscheidung im Blick auf die gemeinsame Auferstehungshoffnung. Diese Möglichkeit passt zur grundlegenden Bedeutung der christlichen Taufe als Antwort auf das Evangelium. Allerdings erwähnt Paulus weder verstorbene Familienangehörige noch den Wunsch nach einem Wiedersehen. Solche Einzelheiten müssen aus dem möglichen geschichtlichen Hintergrund erschlossen werden und stehen nicht ausdrücklich im Text. Andere Auslegungen verstehen die Formulierung allgemeiner als Taufe im Hinblick auf die Auferstehung der Toten. Auch diese Deutung fügt sich in die Argumentation des Kapitels ein, setzt aber voraus, dass der Leser einen Sinn ergänzt, den Paulus nicht unmittelbar ausspricht. Die sprachlich naheliegende Möglichkeit einer stellvertretenden Taufe bleibt deshalb ernst zu nehmen, ohne dass sie damit bereits historisch vollständig bewiesen wäre.
Besonders wichtig ist die Frage, ob Paulus eine solche Taufe durch seine Erwähnung gutheißt. Der Text gibt dafür keinen ausdrücklichen Hinweis. Auffällig ist vielmehr, dass Paulus von „denen“ spricht, die sich für die Toten taufen lassen. Im nächsten Vers verwendet er dagegen die erste Person und fragt, weshalb „wir“ ständig in Gefahr stehen. Diese unterschiedliche Ausdrucksweise beweist zwar nicht, dass Paulus die betreffende Praxis ablehnte oder selbst keinesfalls mit ihr verbunden war. Sie zeigt jedoch, dass er zunächst auf das Verhalten einer bestimmten Gruppe verweist, bevor er seine eigene Erfahrung und die seiner Mitarbeiter heranzieht. Seine Frage dient als Argument für die Auferstehung, nicht als Anweisung zur Einführung eines Taufrituals. In Römer 6,3–5 erklärt Paulus die Taufe als persönliche Verbindung des Glaubenden mit Jesu Tod und Auferstehung. Auch Apostelgeschichte 2,38–41 verbindet sie mit Umkehr, Glauben und der persönlichen Annahme des Evangeliums. Nirgendwo wird dort gelehrt, dass ein lebender Mensch durch seine Taufe nachträglich die Glaubensentscheidung eines Verstorbenen ersetzen könne. Aus 1. Korinther 15,29 lässt sich deshalb keine verbindliche Lehre ableiten, nach der Christen stellvertretend getauft werden müssten, um anderen Menschen nach deren Tod das Heil zu vermitteln.
Der eigentliche Zusammenhang von Vers 29 wird verständlicher, wenn man die Bewegung der gesamten Argumentation betrachtet. Paulus hatte zuvor erklärt, dass Christus als Erstling auferstanden ist und diejenigen, die zu ihm gehören, bei seiner Wiederkunft auferstehen werden. Nun fragt er, welchen Sinn bestimmte religiöse Handlungen überhaupt besitzen, wenn dieses zukünftige Leben nicht Wirklichkeit werden soll. Das ist keine Nebensache, denn die christliche Taufe ist nach dem übrigen Zeugnis des Paulus eng mit der Auferstehung verbunden. Sie weist darauf hin, dass das bisherige Leben unter der Herrschaft der Sünde ein Ende finden und ein neues Leben mit Christus beginnen soll. Zugleich richtet sie den Glaubenden auf die endgültige Vollendung aus, bei der auch sein sterblicher Leib auferweckt werden wird. Paulus unterscheidet damit nicht zwischen einer Religion für das gegenwärtige Leben und einer völlig unabhängigen Hoffnung für die Zukunft. Die gegenwärtige Zugehörigkeit zu Christus und die Erwartung seiner Wiederkunft gehören zusammen. Wie die ungewöhnliche Taufe in Korinth genau zu verstehen ist, bleibt offen. Ihre Funktion in der Argumentation dagegen ist deutlich: Eine Glaubenspraxis, die auf die Zukunft der Toten Bezug nimmt, verliert ihre Grundlage, wenn diese Zukunft grundsätzlich bestritten wird.
In Vers 30 führt Paulus ein zweites Argument an, das nun unmittelbar sein eigenes Leben betrifft. Er fragt, weshalb er und seine Mitarbeiter sich stündlich in Gefahr begeben sollten, wenn die Toten nicht auferstehen. Damit wechselt er von einer möglicherweise besonderen Praxis innerhalb der Gemeinde zu einer Wirklichkeit, die seinen Lesern aus seiner Missionsarbeit bekannt war. Die Verkündigung des Evangeliums hatte Paulus wiederholt in lebensbedrohliche Situationen gebracht. In Apostelgeschichte 14,19 wird berichtet, dass er in Lystra gesteinigt und anschließend aus der Stadt geschleift wurde, weil seine Gegner ihn für tot hielten. In Philippi wurde er gemeinsam mit Silas misshandelt und gefangen gesetzt (Apostelgeschichte 16,22–24). Auch in Korinth und Ephesus begegnete er erheblichem Widerstand. Solche Erfahrungen waren keine außergewöhnlichen Unterbrechungen eines ansonsten ungefährlichen Dienstes. Sie gehörten zu den wiederkehrenden Herausforderungen seiner apostolischen Berufung. Wenn Paulus davon spricht, ständig in Gefahr zu stehen, beschreibt er deshalb die wirkliche Unsicherheit seines Lebens als Verkündiger Jesu Christi.
Diese persönliche Erfahrung verstärkt seine Argumentation. Paulus hatte sein früheres Leben als angesehener und überzeugter Vertreter der jüdischen Überlieferung hinter sich gelassen. Seine Begegnung mit Christus hatte ihn auf einen Weg geführt, der von Reisen, Entbehrungen und Widerstand geprägt war. Wenn der Tod das endgültige Ende wäre und Christus die Seinen niemals auferwecken würde, könnte Paulus nicht auf die Erfüllung jener Verheißung hoffen, für die er all diese Gefahren auf sich nahm. Dabei bedeutet seine Frage nicht, dass ein Mensch ohne Auferstehungshoffnung niemals einen guten Grund haben könnte, für andere zu leiden oder sogar sein Leben einzusetzen. Auch Menschen mit anderen Überzeugungen können aus Liebe, Pflichtbewusstsein oder Gerechtigkeitssinn große Opfer bringen. Paulus spricht jedoch von seiner eigenen besonderen Berufung. Sein Dienst war auf die Verkündigung des auferstandenen Christus und die Verheißung des ewigen Lebens ausgerichtet. Wenn diese Verheißung unwahr wäre, würde die Grundlage fehlen, auf der er seine außergewöhnlichen Entbehrungen für das Evangelium verstand.
In Vers 31 verschärft Paulus diese Aussage mit den Worten, dass er täglich sterbe. Damit meint er nicht, dass er jeden Tag buchstäblich den körperlichen Tod erleidet und anschließend wieder lebendig wird. Er beschreibt vielmehr, wie unmittelbar der Tod seinen Dienst begleitet. Jeder neue Tag konnte ihn in eine Situation führen, in der er sein Leben verlor. In 2. Korinther 4,8–12 spricht er ausführlicher von Bedrängnis, Verfolgung und der ständigen Erfahrung, um Jesu willen dem Tod ausgeliefert zu sein. Dort verbindet er seine Leiden mit dem Leben Jesu, das trotz aller Bedrohungen in seinem Dienst sichtbar werden soll. Auch in 2. Korinther 1,8–10 erinnert er an eine außerordentlich schwere Bedrängnis in der Provinz Asia, bei der er und seine Mitarbeiter sogar am Leben verzweifelten. Paulus führt diese Erfahrung ausdrücklich auf den Gott zurück, der die Toten auferweckt. Die Auferstehung war für ihn deshalb keine entfernte Lehre, über die er nur gelegentlich nachdachte. Sie gab ihm die Zuversicht, seinen Auftrag auch dann fortzusetzen, wenn seine eigene Sicherheit nicht gewährleistet war.
Bemerkenswert ist, dass Paulus diese Aussage durch einen Hinweis auf seinen Ruhm an den Korinthern bekräftigt, den er in Christus Jesus hat. Obwohl die Gemeinde ihm erhebliche Sorgen bereitet hatte, betrachtete er die Menschen, die durch seine Verkündigung zum Glauben gekommen waren, weiterhin als einen Grund zur Freude. Bereits in 1. Korinther 9,1–2 hatte er erklärt, dass die Korinther selbst ein Zeugnis seines apostolischen Dienstes seien. Ihre Existenz als christliche Gemeinde bestätigte, dass Gott durch seine Arbeit gehandelt hatte. Wenn Paulus nun bei seinem Ruhm an ihnen in Christus die Wahrheit seiner täglichen Todesgefahr versichert, verbindet er seine persönliche Leidensbereitschaft mit seiner Beziehung zu den Glaubenden. Er hatte diese Menschen nicht aus eigenem Ehrgeiz für seine Lehre gewonnen. Sein Ziel war, dass sie Christus kennenlernen und an dessen ewigem Leben Anteil erhalten. Gerade deshalb konnte es ihm nicht gleichgültig sein, wenn einige von ihnen die zukünftige Auferstehung bestritten. Sie stellten damit eine Wahrheit infrage, die seiner gesamten Missionsarbeit ihren entscheidenden Sinn gab.
In Vers 32 nennt Paulus eine besonders schwierige Erfahrung aus Ephesus. Er spricht davon, dass er dort mit wilden Tieren gekämpft habe. Ob diese Formulierung wörtlich oder bildlich zu verstehen ist, wird seit Langem diskutiert. In der römischen Welt gab es tatsächlich öffentliche Veranstaltungen, bei denen Menschen mit wilden Tieren kämpfen mussten oder ihnen zur Hinrichtung ausgeliefert wurden. Man könnte deshalb zunächst an einen wirklichen Kampf in einer Arena denken. Allerdings berichtet die Apostelgeschichte von keinem solchen Ereignis im Leben des Paulus. Hinzu kommt, dass Paulus das römische Bürgerrecht besaß, das ihn grundsätzlich vor bestimmten entehrenden Formen der Bestrafung schützte. Deshalb verstehen viele Ausleger seine Worte als bildliche Beschreibung besonders gefährlicher menschlicher Gegner. Auch an anderen Stellen der Bibel werden gewalttätige oder bedrohliche Menschen mit wilden Tieren verglichen (Psalm 22,13–14.21–22). Ein solcher Sprachgebrauch wäre den damaligen Lesern verständlich gewesen. Dennoch lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen, welche konkrete Auseinandersetzung Paulus hier meint.
Die Apostelgeschichte berichtet, dass Paulus während seines Aufenthalts in Ephesus auf erheblichen Widerstand stieß. Die Verkündigung des Evangeliums führte dort unter anderem zu Konflikten mit Menschen, deren religiöse und wirtschaftliche Interessen durch die Ausbreitung des christlichen Glaubens berührt wurden. Besonders deutlich wird dies in Apostelgeschichte 19,23–41, wo ein Aufruhr im Zusammenhang mit der Verehrung der Göttin Artemis beschrieben wird. Allerdings darf diese Begebenheit nicht ohne Weiteres mit dem von Paulus erwähnten Kampf gegen wilde Tiere gleichgesetzt werden. Der genaue zeitliche Zusammenhang ist nicht gesichert, und die Apostelgeschichte nennt keinen solchen Tierkampf. Sicher ist lediglich, dass Paulus in Ephesus mit ernsthaften Gefahren rechnen musste. Bereits in 1. Korinther 16,8–9 erklärt er, dass er vorerst dort bleiben wolle, weil sich ihm eine große Gelegenheit zur Verkündigung eröffnet habe, obwohl es viele Widersacher gebe. Gerade diese Verbindung ist aufschlussreich: Eine von Gott eröffnete Möglichkeit zum Dienst bedeutete für Paulus nicht, dass jeder Widerstand verschwinden würde. Er konnte seine Aufgabe trotz erheblicher Gefahren fortsetzen, weil seine Hoffnung über das gegenwärtige Leben hinausreichte.
Anschließend stellt Paulus erneut die Frage nach dem Nutzen solcher Leiden, wenn die Toten nicht auferstehen. Nun führt er seine Gegenüberlegung bis zu einer Haltung, die den unmittelbaren Genuss des Lebens zum entscheidenden Maßstab macht. Dazu greift er eine Aussage aus Jesaja 22,13 auf, die sinngemäß dazu auffordert, zu essen und zu trinken, weil morgen ohnehin der Tod kommt. Der ursprüngliche Zusammenhang ist bemerkenswert. Jesaja beschreibt dort Menschen in Jerusalem, die angesichts einer ernsten Bedrohung nicht mit Umkehr und Vertrauen auf Gott reagieren. Während Gott sie zur Besinnung ruft, geben sie sich einer Haltung hin, die den bevorstehenden Tod zum Anlass für sorglosen Genuss macht. Sie wollen die Gegenwart auskosten, statt sich mit ihrem Zustand vor Gott auseinanderzusetzen. Paulus verwendet diese bekannte Aussage nun innerhalb seiner Auferstehungsargumentation. Wenn der Tod endgültig wäre und es keine zukünftige Auferstehung gäbe, könnte der unmittelbare Genuss des gegenwärtigen Lebens zum bestimmenden Ziel werden. Warum sollte Paulus unter solchen Voraussetzungen sein Leben fortwährend für die Verkündigung einer Hoffnung gefährden, die niemals in Erfüllung gehen würde?
Allerdings ist diese Aussage keine Aufforderung des Paulus zu einem genussorientierten Leben. Ebenso wenig behauptet er, dass jeder Mensch ohne Glauben an die Auferstehung zwangsläufig moralisch verantwortungslos handeln müsse. Er führt vielmehr eine zugespitzte Schlussfolgerung vor Augen, um die Tragweite der bestrittenen Auferstehung deutlich zu machen. Wenn die christliche Hoffnung auf das ewige Leben wegfiele, könnte sie nicht mehr als Grundlage für Entscheidungen dienen, bei denen Menschen um Christi willen auf Vorteile verzichten oder schwere Gefahren auf sich nehmen. Paulus möchte seine Leser deshalb nicht dazu bewegen, das gegenwärtige Leben geringzuschätzen. Der christliche Glaube fordert vielmehr schon heute einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Leben, das Gott geschenkt hat. Doch dieses Leben erschöpft sich nicht in den Möglichkeiten, die zwischen Geburt und Tod liegen. Die Gewissheit der Auferstehung eröffnet einen größeren Horizont, in dem Treue, Hingabe und Gehorsam auch dann sinnvoll bleiben, wenn sie im gegenwärtigen Leben mit Verlusten verbunden sind.
In Vers 33 wechselt Paulus von der gedanklichen Auseinandersetzung zu einer unmittelbaren Warnung. Er fordert die Korinther auf, sich nicht irreführen zu lassen, und greift dabei einen bekannten griechischen Spruch auf, der auch mit dem Dichter Menander verbunden wird: Schlechte Gesellschaften verderben gute Sitten. Dieser Satz war für die griechisch geprägten Leser in Korinth verständlich und bringt eine Beobachtung über den Einfluss menschlicher Gemeinschaft zum Ausdruck. Menschen werden nicht nur durch ihre eigenen Überlegungen geprägt, sondern auch durch die Vorstellungen, Gewohnheiten und Verhaltensweisen derjenigen, mit denen sie sich verbinden. Paulus verwendet diesen Gedanken jedoch nicht als allgemeine Aufforderung, sich von allen Menschen fernzuhalten, die den christlichen Glauben nicht teilen. Er hatte bereits in 1. Korinther 5,9–10 ausdrücklich erklärt, dass Christen den Kontakt mit Menschen außerhalb der Gemeinde nicht grundsätzlich vermeiden können und auch nicht dazu aufgerufen sind, sich vollständig aus der Welt zurückzuziehen. Seine Warnung steht vielmehr in einem konkreten Zusammenhang mit den falschen Auffassungen, die innerhalb der Gemeinde verbreitet wurden. Wer sich von solchen Vorstellungen beeinflussen lässt, läuft Gefahr, nicht nur seine Überzeugungen, sondern auch seine Lebensführung daran auszurichten.
Damit stellt Paulus einen Zusammenhang zwischen Glaubenslehre und praktischer Lebensführung her, der bereits an anderen Stellen seines Briefes eine wichtige Rolle spielt. In 1. Korinther 6,13–20 hatte er erklärt, dass der menschliche Körper nicht für Unzucht bestimmt sei, sondern dem Herrn gehöre. Dabei begründete er seine Ermahnung ausdrücklich auch mit der Auferstehung: Gott hat den Herrn auferweckt und wird durch seine Macht ebenso die Gläubigen auferwecken (1. Korinther 6,14). Der Körper ist deshalb nicht bedeutungslos und darf nicht so behandelt werden, als habe sein gegenwärtiger Gebrauch keine Beziehung zur zukünftigen Erlösung. Wenn einige Korinther die Auferstehung bestritten, konnte dies auch ihr Verständnis davon beeinflussen, welche Bedeutung ihr gegenwärtiges Handeln vor Gott besitzt. Paulus behauptet damit nicht, dass jede falsche theologische Auffassung unmittelbar zu einem bestimmten persönlichen Fehlverhalten führen müsse. Er warnt jedoch vor einer wirklichen Gefahr: Vorstellungen über Gott, den Menschen und die Zukunft können das Verhalten prägen. Deshalb gehört es zur Verantwortung der Gemeinde, ihre Überzeugungen am Evangelium zu prüfen und sich nicht von Lehren bestimmen zu lassen, die dessen Grundlage untergraben.
In Vers 34 wird diese Warnung noch deutlicher. Paulus fordert die Korinther auf, wieder nüchtern zu werden und nicht zu sündigen. Das griechische Wort eknēphō bezeichnet ursprünglich das Ernüchtern aus einem Zustand des Rausches, kann aber auch bildlich für das Wiedererlangen eines klaren und besonnenen Urteils verwendet werden. Im Zusammenhang geht es nicht in erster Linie um die Frage des Alkoholkonsums, sondern um geistliche Besonnenheit. Paulus betrachtet die falschen Auferstehungsvorstellungen als eine ernste Verwirrung, aus der die Gemeinde erwachen soll. Sie darf sich nicht länger durch Gedanken täuschen lassen, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. Die Aufforderung, nicht zu sündigen, zeigt zugleich, dass Paulus die Frage nach der Auferstehung nicht von einem gottgemäßen Leben trennt. Wer Christus als den auferstandenen Herrn bekennt, soll auch im gegenwärtigen Leben seine Herrschaft anerkennen. Die Hoffnung auf die Auferstehung ist keine Erlaubnis, das eigene Verhalten gleichgültig zu betrachten, sondern eine Grundlage für ein Leben, das von Gottes Wahrheit geprägt wird.
Besonders ernst ist der abschließende Vorwurf, dass einige innerhalb der Gemeinde keine rechte Erkenntnis Gottes besitzen. Diese Aussage muss im Zusammenhang der korinthischen Gemeindesituation verstanden werden. Bereits in früheren Kapiteln hatte Paulus die Neigung mancher Korinther kritisiert, sich auf ihre Weisheit und Erkenntnis etwas einzubilden. In 1. Korinther 8,1 hatte er erklärt, dass Erkenntnis aufblähen könne, während die Liebe erbaut. Nun führt er ihnen vor Augen, dass geistliche Erkenntnis nicht einfach darin besteht, anspruchsvolle religiöse Gedanken zu entwickeln oder philosophische Überzeugungen überzeugend vertreten zu können. Wer die Auferstehung bestreitet, verkennt nach Paulus etwas Grundlegendes über den Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Gott ist nicht auf die Möglichkeiten begrenzt, die der Mensch aus seiner gegenwärtigen Erfahrung kennt. Er ist der Schöpfer des Lebens und besitzt die Macht, den Tod zu überwinden. Gerade diese göttliche Macht war bereits im Alten Testament bezeugt worden. Abraham vertraute auf den Gott, der Tote lebendig macht und das Nichtseiende ins Dasein ruft (Römer 4,17). Die Korinther sollten daher nicht zulassen, dass menschliche Vorstellungen über die Grenzen des Lebens ihre Erkenntnis Gottes bestimmten.
Paulus fügt hinzu, dass er dies zu ihrer Beschämung sage. Seine Worte sind bewusst scharf, weil die Gemeinde die Ernsthaftigkeit ihrer Lage erkennen soll. Dabei geht es nicht darum, Menschen wegen ehrlicher Fragen oder persönlicher Zweifel herabzusetzen. Paulus hatte selbst erlebt, wie grundlegend sich religiöse Überzeugungen verändern können, wenn ein Mensch Christus begegnet. Seine scharfe Ermahnung richtet sich vielmehr an eine Gemeinde, die sich ihrer geistlichen Erkenntnis rühmte und zugleich zuließ, dass eine zentrale Wahrheit des Evangeliums infrage gestellt wurde. Die Beschämung soll sie zur Selbstprüfung führen. Menschen, die sich für weise halten, müssen bereit sein, ihre Überzeugungen von Gottes Offenbarung korrigieren zu lassen. Wirkliche geistliche Erkenntnis zeigt sich nicht darin, dass jemand niemals Fragen stellt, sondern darin, dass er Gottes Wort ernst nimmt und sich von dessen Wahrheit leiten lässt. Die Korinther sollten deshalb zu einer klaren und verantwortungsvollen Haltung zurückfinden, in der ihr Glaube und ihr Leben wieder mit der Botschaft des auferstandenen Christus übereinstimmen.
Damit schließt Paulus den Teil seiner Argumentation ab, in dem er die Folgen einer geleugneten Auferstehung für den Glauben und das gegenwärtige Leben untersucht. Die ungewöhnliche Taufe für die Toten, seine eigenen lebensbedrohlichen Erfahrungen und die Warnung vor falschen Einflüssen dienen unterschiedlichen Zwecken, führen jedoch zur selben entscheidenden Frage zurück. Wenn die Toten nicht auferstehen, verliert eine wesentliche Hoffnung des Evangeliums ihre Grundlage. Wenn Christus aber wirklich auferstanden ist und seine Nachfolger bei seiner Wiederkunft zum Leben erwecken wird, dann besitzt diese Zukunft bereits heute Bedeutung. Sie prägt den Umgang mit Leiden, die Bereitschaft zur Hingabe und die Verantwortung für das eigene Handeln. Die Auferstehung ist deshalb für Paulus weder eine entbehrliche religiöse Vorstellung noch ein fernes Ereignis ohne Auswirkungen auf den Alltag. Sie gehört zum Fundament eines Glaubens, der das gegenwärtige Leben mit Gottes zukünftiger Verheißung verbindet. Nachdem Paulus diesen Zusammenhang geklärt hat, wendet er sich nun einer weiteren Frage zu, die seine Leser beschäftigen musste: Wie können Menschen, deren Körper sterblich und vergänglich sind, überhaupt auferstehen, und welche Gestalt wird ihr zukünftiges Leben besitzen?
1. Korinther 15,35–41
Wie werden die Toten auferstehen? Gottes Schöpfermacht und das Geheimnis des neuen Leibes
Nachdem Paulus ausführlich begründet hat, weshalb die Auferstehung der Toten zum unverzichtbaren Inhalt des Evangeliums gehört, wendet er sich in Vers 35 einer neuen Frage zu. Bisher ging es vor allem darum, ob die Toten tatsächlich auferstehen werden. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, wie eine solche Auferstehung überhaupt möglich sein soll. Paulus lässt einen möglichen Gesprächspartner fragen, auf welche Weise die Verstorbenen wieder lebendig werden und mit welcher Art von Körper sie erscheinen sollen. Diese Fragen berühren eine grundlegende Schwierigkeit menschlichen Denkens. Der Tod führt zur Auflösung des Körpers. Was zuvor ein lebendiger Mensch war, verliert seine Lebenskraft, wird begraben und zerfällt schließlich. Wie kann aus einer solchen Vergänglichkeit wieder Leben entstehen? Und wenn der Mensch tatsächlich aufersteht, wird sein zukünftiger Körper derselbe sein wie zuvor, oder wird Gott ihm eine völlig andere Gestalt geben? Paulus nimmt diese Fragen ernst, auch wenn seine anschließende Antwort zunächst ungewöhnlich scharf ausfällt.
Die beiden Fragen in Vers 35 gehören eng zusammen, betreffen jedoch unterschiedliche Aspekte. Die erste fragt nach der Möglichkeit der Auferstehung: Wie können Tote wieder lebendig werden? Die zweite richtet sich auf die Beschaffenheit des zukünftigen Körpers: Mit welchem Leib werden sie auferstehen? Gerade die zweite Frage zeigt, dass Paulus nicht lediglich über ein geistiges Weiterleben nach dem Tod spricht. Er behandelt die Auferstehung als eine Wirklichkeit, die den ganzen Menschen betrifft. Im griechisch-römischen Umfeld des Paulus waren verschiedene Vorstellungen über das Verhältnis zwischen Körper und Seele verbreitet. Manche betrachteten den Körper als vergänglichen Bestandteil des Menschen und hielten ein vom Körper unabhängiges Weiterleben der Seele für denkbar. Andere bestritten eine Fortexistenz nach dem Tod überhaupt. Die Vorstellung, dass Gott verstorbene Menschen zu einem neuen leiblichen Leben auferwecken werde, ließ sich nicht ohne Weiteres in solche Denkmodelle einordnen. Allerdings sagt Paulus nicht ausdrücklich, dass seine Gesprächspartner einer bestimmten philosophischen Richtung angehörten. Er beantwortet vielmehr den grundsätzlichen Einwand, der sich aus der beobachtbaren Vergänglichkeit des menschlichen Körpers ergibt.
In Vers 36 reagiert Paulus mit einer deutlichen Zurechtweisung. Die Schlachter-Bibel von 1951 gibt seine Anrede mit „Du Gedankenloser“ wieder. Damit will Paulus nicht erklären, dass ehrliche Fragen über die Auferstehung grundsätzlich unzulässig seien. Schließlich widmet er selbst einen großen Teil dieses Kapitels ihrer Beantwortung. Seine scharfe Formulierung richtet sich vielmehr gegen eine Denkweise, die aus der gegenwärtigen Beschaffenheit des Körpers auf die Grenzen von Gottes schöpferischer Macht schließen möchte. Wer nur die Auflösung des menschlichen Körpers betrachtet, kann leicht zu der Schlussfolgerung gelangen, dass eine zukünftige Auferstehung unmöglich sei. Paulus hält dieser Vorstellung entgegen, dass bereits die sichtbare Schöpfung Beispiele für erstaunliche Veränderungen enthält. Der Mensch muss nicht zuerst verstehen, auf welche Weise Gott einen neuen Leib hervorbringen kann, bevor er die Möglichkeit einer Auferstehung anerkennen darf. Er soll vielmehr bedenken, dass der Schöpfer des Lebens über Möglichkeiten verfügt, die über die gegenwärtige menschliche Erfahrung hinausreichen.
Um seinen Gedanken verständlich zu machen, verwendet Paulus ein Bild aus der Landwirtschaft. Ein Mensch legt ein Samenkorn in die Erde. Zunächst scheint dadurch etwas verloren zu gehen. Das Korn verschwindet im Boden, seine bisherige Gestalt verändert sich, und unter geeigneten Bedingungen entsteht daraus eine neue Pflanze. Paulus beschreibt diesen Vorgang mit den Worten, dass das Gesäte nicht lebendig werde, wenn es nicht zuvor sterbe. Das Bild besitzt eine besondere Kraft, weil es einen Zusammenhang zwischen dem Vergehen einer bisherigen Gestalt und dem Entstehen neuen Lebens herstellt. Für den Beobachter erscheint das Samenkorn zunächst klein und unscheinbar. Betrachtet man dagegen die Pflanze, die daraus hervorgeht, wird sichtbar, wie erstaunlich die Veränderung ist. Die neue Gestalt unterscheidet sich erheblich von dem, was ursprünglich in die Erde gelegt wurde. Dennoch besteht zwischen beidem ein unmittelbarer Zusammenhang. Aus dem Weizenkorn wächst keine beliebige andere Pflanze, sondern etwas, das seiner eigenen Art entspricht.
Dabei sollte die Aussage über das Sterben des Samenkorns nicht als naturwissenschaftliche Beschreibung sämtlicher biologischer Vorgänge verstanden werden. Ein keimfähiger Samen enthält bereits lebende Strukturen, die beim Keimen wachsen und sich entwickeln. Paulus möchte nicht lehren, dass ein biologisch vollständig abgestorbenes Samenkorn aus eigener Kraft wieder lebendig werden könne. Er verwendet vielmehr die anschauliche Sprache des Säens und Wachsens, um einen grundlegenden Gedanken zu vermitteln: Die bisherige Gestalt muss nicht unverändert bestehen bleiben, damit neues Leben entstehen kann. Gerade diese Beobachtung widerspricht der Vorstellung, dass Auferstehung nur dann denkbar wäre, wenn der verstorbene Mensch in exakt derselben körperlichen Beschaffenheit wiederhergestellt würde, die er vor seinem Tod besaß. Das Bild vom Samenkorn erklärt nicht den technischen Ablauf der Auferstehung. Es zeigt, dass Veränderung und Fortbestand nicht notwendigerweise Gegensätze sind.
Eine bemerkenswerte Verbindung besteht zu Johannes 12,24. Dort verwendet Jesus ebenfalls das Bild eines Weizenkorns, das in die Erde fällt und stirbt, um anschließend viel Frucht zu bringen. Allerdings verfolgen beide Stellen unterschiedliche Schwerpunkte. Jesus verbindet dieses Bild im unmittelbaren Zusammenhang mit seinem bevorstehenden Tod und dessen rettenden Folgen. Sein Opfer wird nicht fruchtlos bleiben, sondern vielen Menschen den Weg zum Leben eröffnen. Paulus hingegen verwendet die Saat als Erklärung dafür, weshalb die zukünftige Auferstehung trotz des Vergehens des gegenwärtigen Körpers möglich ist. Die gemeinsame Bildsprache eröffnet eine sinnvolle Verbindung zwischen Jesu Tod, seiner Auferstehung und der Hoffnung der Gläubigen. Dennoch darf man die beiden Aussagen nicht vollständig gleichsetzen. Johannes 12 erklärt vor allem die Fruchtbarkeit von Jesu Hingabe, während 1. Korinther 15 die Veränderung des menschlichen Leibes bei der Auferstehung veranschaulicht.
In Vers 37 entwickelt Paulus das Beispiel weiter. Er betont, dass der Mensch nicht bereits die fertige Pflanze sät, die später wachsen wird. Er legt lediglich ein einfaches Korn in die Erde, beispielsweise Weizen oder einen anderen Samen. Dieses Detail ist für sein Argument entscheidend. Zwischen dem ausgesäten Korn und der ausgewachsenen Pflanze besteht eine erkennbare Verschiedenheit. Wer nur das Samenkorn betrachtet, kann sich möglicherweise kaum vorstellen, welche Gestalt daraus hervorgehen wird. Dennoch ist die kommende Pflanze nicht völlig unabhängig von dem ausgesäten Samen. Das spätere Wachstum setzt an dem an, was bereits vorhanden war. Paulus verbindet damit zwei Gedanken, die für das Verständnis der Auferstehung wesentlich sind: Es besteht eine wirkliche Verbindung zwischen dem gegenwärtigen und dem zukünftigen Leben, zugleich wird die zukünftige Gestalt erheblich verändert sein. Die Auferstehung bedeutet daher weder die bloße Fortsetzung des bisherigen sterblichen Zustands noch die Ersetzung des Menschen durch ein völlig anderes Wesen ohne persönliche Verbindung zu seinem früheren Leben.
Diese Unterscheidung schützt vor zwei gegensätzlichen Missverständnissen. Einerseits könnte man sich vorstellen, die Auferstehung bestehe lediglich darin, dass ein verstorbener Mensch wieder genau denselben körperlichen Zustand erhält, den er vor seinem Tod hatte. Doch ein solcher Körper wäre weiterhin den Bedingungen von Krankheit, Alter und Vergänglichkeit unterworfen. Gerade diese Beschaffenheit wird Paulus in den folgenden Versen ausdrücklich vom zukünftigen Auferstehungsleib unterscheiden. Andererseits könnte jemand meinen, der gegenwärtige Körper sei für die Auferstehung völlig bedeutungslos und Gott erschaffe an seiner Stelle ein anderes Wesen, das mit dem verstorbenen Menschen nur noch äußerlich oder gedanklich verbunden sei. Auch das entspricht nicht dem Bild, das Paulus verwendet. Ein Weizenkorn und die daraus hervorgehende Pflanze sind nicht unabhängig voneinander. Die Pflanze besitzt eine neue Gestalt, bleibt aber mit ihrem Ursprung verbunden. Übertragen auf die Auferstehung bedeutet dies, dass Gottes zukünftiges Handeln die persönliche Identität des Menschen nicht aufhebt. Derjenige, der aufersteht, ist tatsächlich der Mensch, der zuvor gestorben ist, auch wenn seine zukünftige leibliche Existenz verwandelt sein wird.
In Vers 38 führt Paulus seine Erklärung auf die entscheidende Grundlage zurück: Gott selbst gibt dem Samen einen Leib, wie er es gewollt hat. Damit verlagert er den Blick von den Möglichkeiten des Samenkorns auf die schöpferische Macht Gottes. Der Mensch kann säen und die Bedingungen für das Wachstum beeinflussen, aber er ist nicht der letzte Ursprung des Lebens. Die Ordnung, nach der aus einem bestimmten Samen eine entsprechende Pflanze hervorgeht, gehört zur von Gott geschaffenen Wirklichkeit. Paulus beschreibt diese Ordnung aus der Perspektive des Glaubens an den Schöpfer. Seine Aussage erinnert an den Schöpfungsbericht in 1. Mose 1,11–12, wo Gott bestimmt, dass Pflanzen Samen hervorbringen und sich nach ihrer jeweiligen Art vermehren. Die Vielfalt der Pflanzenwelt entsteht nicht aus einem ungeordneten Zufall innerhalb der biblischen Erzählung, sondern steht unter Gottes schöpferischem Willen. Wenn Gott bereits innerhalb der sichtbaren Schöpfung so unterschiedliche Lebensformen hervorbringen kann, gibt es keinen Grund, seine Möglichkeiten bei der zukünftigen Auferstehung auf die Beschaffenheit des gegenwärtigen menschlichen Körpers zu begrenzen.
Die Formulierung, dass Gott jedem Samen seinen besonderen Leib gibt, enthält außerdem eine wichtige Aussage über die Ordnung seiner Schöpfung. Nicht jedes Samenkorn entwickelt sich auf dieselbe Weise, und nicht jede Pflanze besitzt dieselbe Gestalt. Ein Weizenkorn bringt etwas anderes hervor als ein Samen, aus dem ein Baum wächst. Die Verschiedenheit ist kein Zeichen dafür, dass eine dieser Pflanzen fehlerhaft geschaffen wäre. Sie gehört zur Vielfalt dessen, was Gott hervorgebracht hat. Paulus verwendet diese Beobachtung, um die Vorstellung zurückzuweisen, dass wirkliche Leiblichkeit immer genau so aussehen müsse wie der menschliche Körper in seiner gegenwärtigen Form. Gott kann einem Lebewesen eine Gestalt geben, die seiner jeweiligen Lebensweise entspricht. Deshalb ist es nicht widersprüchlich, dass der Auferstehungsleib eine andere Beschaffenheit besitzen wird als der sterbliche Körper. Der zukünftige Leib ist nicht das Ergebnis menschlicher Herstellung oder einer verborgenen unsterblichen Kraft im Menschen. Er entsteht durch Gottes Handeln, das neues Leben schenkt.
Zugleich sollte aus diesem Vergleich nicht geschlossen werden, der verstorbene Mensch entwickle sich nach seinem Tod auf natürliche Weise zu einem Auferstehungsleib, so wie eine Pflanze aus einem Samen wächst. Das wäre eine Übertragung des Bildes über seine eigentliche Aussage hinaus. Ein Samenkorn besitzt innerhalb der Schöpfung bestimmte natürliche Entwicklungsmöglichkeiten. Der menschliche Tod führt dagegen nicht aus eigener Kraft zur Auferstehung. Die Bibel beschreibt die Auferweckung der Toten ausdrücklich als Handeln Gottes. In Johannes 5,21 erklärt Jesus, dass der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht und dass auch der Sohn lebendig macht, welche er will. Römer 8,11 verbindet die zukünftige Auferweckung der sterblichen Körper ebenfalls mit Gottes Geist. Paulus benutzt das natürliche Wachstum deshalb als einen verständlichen Vergleich, nicht als eine vollständige Erklärung des göttlichen Wunders. Das Samenkorn zeigt, dass eine neue Gestalt aus der bisherigen hervorgehen kann. Dass ein verstorbener Mensch tatsächlich wieder zum Leben kommt, bleibt jedoch von Gottes schöpferischer Macht abhängig.
In Vers 39 erweitert Paulus seinen Blick von der Pflanzenwelt auf die unterschiedlichen Lebewesen der Erde. Er erklärt, dass nicht alles Fleisch von derselben Art sei. Der Körper des Menschen unterscheidet sich von dem der Landtiere, ebenso wie sich die Körper der Vögel und Fische voneinander unterscheiden. Diese Aufzählung erinnert an den Schöpfungsbericht, in dem Gott unterschiedliche Arten von Lebewesen hervorbringt und ihnen jeweils einen bestimmten Lebensraum zuweist (1. Mose 1,20–28). Ein Fisch besitzt eine andere körperliche Beschaffenheit als ein Vogel. Beide sind lebendige Geschöpfe, doch ihre Körper entsprechen unterschiedlichen Lebensbedingungen. Ebenso unterscheidet sich der menschliche Körper von den Körpern der Tiere. Paulus will mit dieser Aufzählung nicht die biologischen Merkmale jeder einzelnen Lebensform erklären. Sein Argument beruht auf einer einfachen Beobachtung: Schon innerhalb der gegenwärtigen Schöpfung gibt es sehr unterschiedliche Formen wirklicher körperlicher Existenz.
Damit begegnet Paulus einer grundlegenden Voraussetzung, die hinter der Frage nach dem Auferstehungsleib stehen könnte. Wenn jemand meint, ein lebendiger Körper müsse notwendigerweise genau den Bedingungen des gegenwärtigen menschlichen Lebens entsprechen, übersieht er bereits die Vielfalt der sichtbaren Welt. Gott hat Lebewesen mit unterschiedlichen körperlichen Eigenschaften geschaffen. Sie besitzen verschiedene Fähigkeiten, sind an unterschiedliche Lebensräume angepasst und erfüllen verschiedene Aufgaben. Dennoch handelt es sich in jedem Fall um wirkliche körperliche Existenz. Diese Vielfalt macht verständlich, weshalb der zukünftige Auferstehungsleib nicht einfach mit der gegenwärtigen menschlichen Körperlichkeit gleichgesetzt werden darf. Zugleich sagt Paulus nicht, dass Menschen bei der Auferstehung in andere Tierarten verwandelt werden oder dass die verschiedenen Geschöpfe unterschiedliche Stufen einer geistlichen Entwicklung darstellen. Die Aufzählung dient allein dazu, die schöpferische Vielfalt körperlicher Lebensformen sichtbar zu machen und damit eine zu enge Vorstellung vom möglichen Auferstehungsleib aufzubrechen.
In Vers 40 erweitert Paulus seine Betrachtung erneut. Nun unterscheidet er zwischen himmlischen und irdischen Körpern und erklärt, dass diese eine jeweils unterschiedliche Herrlichkeit besitzen. Das griechische Wort doxa, das hier mit „Herrlichkeit“ oder „Glanz“ wiedergegeben wird, kann je nach Zusammenhang Ehre, besondere Würde oder sichtbaren Glanz bezeichnen. Paulus verwendet es hier, um die Verschiedenheit der von Gott geschaffenen Wirklichkeiten hervorzuheben. Die irdische Schöpfung besitzt ihre eigene Schönheit und Ordnung, doch sie erschöpft nicht sämtliche Möglichkeiten göttlicher Schöpfermacht. Über ihr steht eine Wirklichkeit, die sich in ihrer Beschaffenheit und Erscheinung von ihr unterscheidet. Im Zusammenhang mit dem folgenden Vers liegt es nahe, bei den himmlischen Körpern besonders an die Himmelskörper zu denken, deren unterschiedlicher Glanz unmittelbar beschrieben wird. Einige Ausleger beziehen den Ausdruck auch auf himmlische Lebewesen. Für Paulus' grundlegendes Argument muss diese Frage jedoch nicht abschließend entschieden werden. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen körperlicher Existenz und ihrer jeweiligen Herrlichkeit.
Diese Aussage bedeutet nicht, dass alles Irdische schlecht und alles Himmlische allein deshalb gut wäre. Eine solche Vorstellung würde nicht zum biblischen Schöpfungszeugnis passen. In 1. Mose 1 wird die von Gott geschaffene Welt ausdrücklich als gut bezeichnet. Auch der menschliche Körper ist nicht von sich aus etwas Böses, von dem Gott den Menschen bei der Auferstehung befreien müsste. Das Problem des gegenwärtigen Körpers besteht nicht darin, dass er körperlich ist, sondern dass er unter den Bedingungen der gefallenen Welt vergänglich geworden ist. Paulus bereitet seine Leser deshalb darauf vor, zwischen der wirklichen Leiblichkeit des Menschen und seiner gegenwärtigen sterblichen Beschaffenheit zu unterscheiden. Der zukünftige Auferstehungsleib wird nicht deshalb herrlich sein, weil er überhaupt kein Körper mehr ist, sondern weil Gott ihm eine neue, unvergängliche Beschaffenheit verleihen wird. Diese grundlegende Unterscheidung wird in den folgenden Versen besonders wichtig, wenn Paulus den natürlichen und den geistlichen Leib einander gegenüberstellt.
In Vers 41 verwendet Paulus schließlich die sichtbaren Himmelskörper als weiteren Vergleich. Er nennt die Sonne, den Mond und die Sterne und weist darauf hin, dass sie sich in ihrem Glanz voneinander unterscheiden. Für Menschen der Antike gehörte der Sternenhimmel zu den eindrucksvollsten Erscheinungen der sichtbaren Schöpfung. Schon ohne technische Hilfsmittel konnte man beobachten, dass die Sonne den Tag erhellt, der Mond eine andere Art von Licht besitzt und auch die Sterne unterschiedlich hell erscheinen. Paulus greift diese allgemein zugängliche Erfahrung auf. Obwohl alle genannten Himmelskörper zur sichtbaren Ordnung des Himmels gehören, besitzen sie nicht dieselbe Erscheinung. Selbst unter den Sternen bestehen Unterschiede. Damit erreicht sein Vergleich einen weiteren Höhepunkt: Nicht nur grundsätzlich verschiedene Arten von Lebewesen besitzen unterschiedliche Körper. Auch innerhalb einer gemeinsamen Gruppe von Himmelskörpern zeigt sich eine bemerkenswerte Vielfalt. Gottes Schöpfung lässt sich nicht auf eine einzige Gestalt oder Erscheinungsform begrenzen.
Bei der Auslegung dieses Verses ist allerdings eine wichtige Zurückhaltung notwendig. Manche haben aus dem unterschiedlichen Glanz der Sterne geschlossen, dass die Erlösten nach ihrer Auferstehung verschiedene Abstufungen von Herrlichkeit besitzen werden, die unmittelbar ihren persönlichen Leistungen oder ihrem geistlichen Rang entsprechen. Eine solche Vorstellung wird in Vers 41 jedoch nicht ausdrücklich gelehrt. Paulus spricht hier zunächst von Sonne, Mond und Sternen, nicht von einer Einteilung der Erlösten in unterschiedliche himmlische Rangordnungen. Seine Vergleiche dienen dazu, die Vielfalt körperlicher Erscheinungsformen verständlich zu machen. Erst im nächsten Vers zieht er ausdrücklich die Schlussfolgerung für die Auferstehung der Toten. Deshalb sollte aus der Verschiedenheit des Sternenglanzes keine detaillierte Lehre über unterschiedliche Belohnungsstufen im Himmel entwickelt werden. Andere Bibelstellen sprechen zwar von Gottes gerechtem Lohn und von der zukünftigen Herrlichkeit der Erlösten, doch diese Fragen müssen aus ihrem jeweiligen Zusammenhang erklärt werden. Die unmittelbare Aussage des Paulus bleibt, dass unterschiedliche Herrlichkeit und wirkliche Körperlichkeit miteinander vereinbar sind.
Eine weitere bedeutsame Verbindung besteht zum biblischen Zeugnis von Gottes Weisheit und Macht als Schöpfer. In Psalm 19,2 wird erklärt, dass die Himmel Gottes Herrlichkeit verkündigen und die Himmelsfeste das Werk seiner Hände bezeugt. Jesaja 40,26 fordert die Menschen auf, ihre Augen zum Himmel zu erheben und darüber nachzudenken, wer die Sterne geschaffen hat und sie hervorführt. Gerade im Buch Jesaja wird diese schöpferische Macht wiederholt als Grundlage des Vertrauens auf Gottes Verheißungen dargestellt. Der Gott, der die Sterne kennt und die Ordnung der Schöpfung erhält, ist nicht auf die Möglichkeiten des Menschen begrenzt. Auch Jesus erinnert in Matthäus 22,29–30 seine Gesprächspartner daran, dass sie bei ihren Einwänden gegen die Auferstehung sowohl die Schrift als auch Gottes Kraft verkennen. Paulus verfolgt in 1. Korinther 15 einen ähnlichen Gedanken. Wer Gottes Fähigkeit zur Auferweckung der Toten allein nach den Grenzen des gegenwärtigen menschlichen Körpers beurteilt, berücksichtigt nicht ausreichend, wer Gott als Schöpfer ist.
Die verschiedenen Vergleiche besitzen dabei eine klare gedankliche Entwicklung. Beim Samenkorn zeigt Paulus, dass neues Leben eine andere Gestalt besitzen kann als das, was zuvor sichtbar war. Mit den unterschiedlichen Pflanzen macht er deutlich, dass Gott jedem Samen die ihm entsprechende Gestalt gibt. Anschließend verweist er auf die verschiedenen Körper der Lebewesen und zeigt, dass wirkliche körperliche Existenz in sehr unterschiedlichen Formen vorkommt. Schließlich richtet er den Blick auf die himmlischen und irdischen Körper und auf den unterschiedlichen Glanz der Himmelskörper. Auf diese Weise erweitert er Schritt für Schritt den Horizont seiner Leser. Die Frage nach dem Auferstehungsleib soll nicht allein von dem ausgehen, was Menschen über ihren gegenwärtigen Körper wissen. Sie sollen die Vielfalt der Schöpfung betrachten und daraus erkennen, dass Gottes Möglichkeiten weit größer sind als die begrenzten Vorstellungen, die sich aus der Erfahrung von Alter, Krankheit und Tod ergeben.
Damit beantwortet Paulus die beiden Fragen aus Vers 35 auf eine besondere Weise. Er beschreibt nicht, wie Gott die Bestandteile eines längst zerfallenen Körpers wieder zusammenfügen wird. Ebenso wenig liefert er eine naturwissenschaftliche Erklärung für die Beschaffenheit des zukünftigen Auferstehungsleibes. Solche Einzelheiten bleiben außerhalb dessen, was er hier offenbart. Stattdessen erklärt er den Zusammenhang zwischen der gegenwärtigen und der zukünftigen Leiblichkeit und weist auf die Macht Gottes hin, einem Menschen eine verwandelte Gestalt zu geben. Die persönliche Identität des Auferstehenden bleibt erhalten, während seine leibliche Beschaffenheit nicht auf die Bedingungen des bisherigen sterblichen Lebens beschränkt bleibt. Die Auferstehung ist deshalb weder bloße Wiederbelebung eines vergänglichen Körpers noch die Auflösung des Menschen in eine körperlose Existenz. Sie ist ein neues schöpferisches Handeln Gottes an dem Menschen, den er zum Leben erweckt.
Gerade darin liegt die besondere Hoffnung dieses Abschnitts. Der Tod erscheint aus menschlicher Sicht als ein endgültiger Verlust, weil alles Sichtbare darauf hinweist, dass das bisherige Leben unwiederbringlich zu Ende gegangen ist. Doch Paulus fordert seine Leser auf, nicht allein von dieser gegenwärtigen Erfahrung auszugehen. Der Gott, der den Samen wachsen lässt, die Vielfalt der Lebewesen geschaffen hat und den Himmel mit seinen unterschiedlichen Lichtern erfüllt, besitzt auch die Macht, den verstorbenen Menschen eine neue leibliche Existenz zu schenken. Die Auferstehung bleibt damit ein göttliches Wunder, doch sie steht nicht im Widerspruch zum Wesen des Schöpfers, der das Leben überhaupt erst hervorgebracht hat. Nachdem Paulus diese grundlegende Möglichkeit erklärt hat, kann er nun die entscheidende Frage genauer beantworten: Worin wird sich der zukünftige Auferstehungsleib vom gegenwärtigen sterblichen Körper unterscheiden? In den Versen 42–49 beschreibt er deshalb nicht mehr nur die Vielfalt der Schöpfung, sondern unmittelbar die neue Beschaffenheit des Menschen, der durch Gottes Macht zum unvergänglichen Leben auferweckt wird.
1. Korinther 15,50–53
Das Geheimnis der Verwandlung: Wenn Sterbliche Unsterblichkeit empfangen
Nachdem Paulus den Unterschied zwischen dem natürlichen und dem geistlichen Leib erklärt hat, führt er seine Gedanken in Vers 50 zu einer entscheidenden Schlussfolgerung. Er stellt fest, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können und dass das Verwesliche keinen Anteil an der Unverweslichkeit erhalten kann. Damit beantwortet er eine Frage, die sich aus seiner bisherigen Erklärung ergibt: Weshalb ist die zukünftige Verwandlung des menschlichen Körpers überhaupt notwendig? Wenn Gott den Menschen geschaffen hat und der Körper zu seiner geschöpflichen Existenz gehört, könnte man meinen, dass er lediglich in seinem gegenwärtigen Zustand weiterleben müsste. Paulus macht jedoch deutlich, dass die heutige körperliche Beschaffenheit nicht für das ewige Leben geeignet ist. Der Mensch ist sterblich, sein Körper unterliegt dem Verfall, und sein gegenwärtiges Leben ist von zahlreichen Begrenzungen geprägt. Gottes endgültiges Reich wird dagegen nicht mehr von Vergänglichkeit und Tod beherrscht sein. Deshalb muss der Mensch selbst eine grundlegende Veränderung erfahren, um an dieser zukünftigen Wirklichkeit teilnehmen zu können. Diese Verwandlung ist keine nebensächliche Ergänzung zur Erlösung, sondern gehört notwendig zu ihrer Vollendung.
Die Formulierung „Fleisch und Blut“ verdient besondere Aufmerksamkeit. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet sie häufig den Menschen in seiner gegenwärtigen irdischen Existenz. Als Jesus Petrus erklärte, dass dieser seine wahre Identität nicht durch Fleisch und Blut erkannt habe, meinte er damit, dass die Erkenntnis nicht aus gewöhnlichen menschlichen Möglichkeiten hervorgegangen war (Matthäus 16,17). Auch Paulus verwendet in Galater 1,16 denselben Ausdruck im Zusammenhang mit menschlicher Beratung. In 1. Korinther 15,50 wird die Bedeutung durch den unmittelbar folgenden Satz genauer bestimmt: Das Verwesliche kann nicht die Unverweslichkeit erben. Paulus spricht somit von der sterblichen menschlichen Natur in ihrem gegenwärtigen Zustand. Er behauptet nicht, dass jede Form wirklicher Körperlichkeit grundsätzlich vom Reich Gottes ausgeschlossen wäre. Eine solche Auslegung würde seiner ausführlichen Erklärung des Auferstehungsleibes widersprechen. Gerade zuvor hatte er betont, dass Gott einen neuen, geistlichen Leib geben wird. Das Problem liegt deshalb nicht darin, dass der Mensch einen Körper besitzt, sondern darin, dass sein gegenwärtiger Körper vergänglich und dem Tod unterworfen ist.
Diese Unterscheidung ist auch für das Verständnis Jesu Christi wichtig. Nach seiner Auferstehung erschien Jesus seinen Jüngern nicht lediglich als eine körperlose Erscheinung. Er forderte sie auf, ihn anzusehen und zu berühren, und erklärte, dass ein Geist nicht Fleisch und Knochen habe, wie sie es an ihm erkennen konnten (Lukas 24,39). Zugleich bezeugt Römer 6,9, dass der auferstandene Christus nicht mehr stirbt. Seine wirkliche Leiblichkeit steht also nicht im Widerspruch zu seiner Unvergänglichkeit. Wenn Paulus sagt, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können, lehnt er damit nicht die menschliche Natur oder die körperliche Existenz als solche ab. Er erklärt vielmehr, dass der gegenwärtige sterbliche Zustand des Menschen verändert werden muss. Auch der zukünftige Auferstehungsleib wird wirklich zum Menschen gehören, aber er wird nicht mehr den Bedingungen von Krankheit, Zerfall und Tod unterliegen. Die Erlösung führt den Menschen deshalb nicht aus seiner geschöpflichen Leiblichkeit heraus, sondern befreit diese Leiblichkeit von ihrer Vergänglichkeit.
Mit dem Begriff des Erbens verbindet Paulus die zukünftige Verwandlung außerdem mit Gottes Verheißung. Ein Erbe ist etwas, das einem Menschen aufgrund einer bestehenden Beziehung und Zusage zukommt. Im Neuen Testament werden die Gläubigen als Kinder Gottes und damit als seine Erben beschrieben (Römer 8,16–17). Sie dürfen bereits im gegenwärtigen Leben darauf vertrauen, dass sie durch Christus zu Gott gehören. Dennoch besitzen sie das verheißene Erbe noch nicht in seiner vollständigen Gestalt. Ihr Körper bleibt sterblich, und die Welt ist weiterhin von Leid und Tod geprägt. In Römer 8,23 erklärt Paulus deshalb, dass die Gläubigen auf die Erlösung ihres Leibes warten. Das Erbe ist ihnen durch Gottes Verheißung zugesagt, seine endgültige Verwirklichung steht aber noch bevor. Auch 1. Petrus 1,3–4 verbindet die lebendige Hoffnung durch Jesu Auferstehung mit einem unvergänglichen Erbe, das für die Gläubigen aufbewahrt wird. Die zukünftige Verwandlung ist somit kein Lohn, den der Mensch durch seine eigenen Fähigkeiten hervorbringt. Sie gehört zu dem Heil, das Gott den Menschen durch Jesus Christus schenkt.
In Vers 51 wendet sich Paulus einer besonderen Frage zu, die er bisher noch nicht ausdrücklich beantwortet hat. Was wird mit den Gläubigen geschehen, die bei der Wiederkunft Christi noch am Leben sind? Zuvor hatte er vor allem von den Verstorbenen gesprochen, die aus ihren Gräbern auferstehen werden. Doch wenn die endgültige Erlösung eine Verwandlung des sterblichen Körpers voraussetzt, muss diese Veränderung auch diejenigen betreffen, die den Tod bis zur Wiederkunft noch nicht erlebt haben. Paulus leitet seine Erklärung mit den Worten ein, dass er den Korinthern ein Geheimnis mitteilen wolle. Das griechische Wort mystērion bezeichnet im Neuen Testament häufig einen göttlichen Heilsratschluss, der zuvor nicht vollständig erkannt werden konnte, nun aber durch Gottes Offenbarung bekannt gemacht wird. Paulus verwendet diesen Begriff beispielsweise in Epheser 3,3–6 für die zuvor verborgene und nun offenbarte Wahrheit, dass auch die nichtjüdischen Gläubigen in Christus vollberechtigten Anteil an Gottes Verheißung besitzen. Ein Geheimnis ist in diesem Sinn keine esoterische Lehre, die nur besonders Eingeweihte verstehen dürfen. Es handelt sich um eine Wahrheit, die der Mensch nicht aus eigener Überlegung erschließen könnte und die Gott deshalb offenbart.
Das Geheimnis, das Paulus nun erklärt, lautet, dass nicht alle Gläubigen entschlafen, aber alle verwandelt werden. Damit unterscheidet er zwei Gruppen von Menschen, die bei der Wiederkunft Christi zu seinem Volk gehören werden. Die erste Gruppe besteht aus den Gläubigen, die bereits gestorben sind. Sie werden durch Gottes Macht auferweckt. Die zweite Gruppe umfasst diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt noch leben. Sie müssen nicht erst sterben, um anschließend wieder lebendig gemacht zu werden. Dennoch können auch sie nicht in ihrem bisherigen sterblichen Zustand bleiben. Deshalb werden beide Gruppen an derselben grundlegenden Veränderung teilhaben: Sie werden für das unvergängliche Leben verwandelt. Der Tod ist somit nicht für jeden einzelnen Gläubigen eine notwendige persönliche Erfahrung, wohl aber muss jeder Mensch, der an Gottes vollendetem Reich teilhaben wird, von seiner bisherigen Vergänglichkeit befreit werden. Diese Unterscheidung erklärt, weshalb Paulus nicht einfach sagen konnte, dass alle Erlösten sterben und anschließend auferstehen werden. Gottes Erlösungsplan schließt auch Menschen ein, die die Wiederkunft Jesu während ihres irdischen Lebens erleben.
Die Verwendung des Wortes „wir“ ist dabei besonders bemerkenswert. Paulus stellt sich sprachlich zu den Gläubigen, die auf die Wiederkunft Christi warten. Daraus sollte jedoch nicht unmittelbar geschlossen werden, dass er mit Sicherheit wusste oder ausdrücklich lehrte, er selbst werde dieses Ereignis noch vor seinem Tod erleben. Seine Formulierung bringt die gemeinsame Erwartung der christlichen Gemeinde zum Ausdruck. Sie lebt im Vertrauen auf die verheißene Wiederkunft des Herrn, ohne den genauen Zeitpunkt zu kennen. Auch in 1. Thessalonicher 4,15–17 spricht Paulus von denjenigen, die bei Christi Wiederkunft noch leben und übrig bleiben werden. Zugleich erklärte Jesus, dass der genaue Tag und die Stunde seines Kommens nicht menschlicher Berechnung zur Verfügung stehen (Matthäus 24,36). Die Worte des Paulus sollen deshalb weder als eine gescheiterte persönliche Datumsprognose noch als Grundlage für spekulative Berechnungen verstanden werden. Ihr entscheidender Inhalt ist die Gewissheit, dass Christus bei seiner Wiederkunft sowohl für die verstorbenen als auch für die lebenden Gläubigen handeln wird.
Damit stellt Paulus zugleich klar, dass die noch lebenden Christen gegenüber den Verstorbenen keinen grundsätzlichen Vorteil besitzen. Beide Gruppen sind auf dieselbe rettende Macht Gottes angewiesen. Die Verstorbenen können sich nicht selbst aus dem Tod erwecken, und die Lebenden können ihre Sterblichkeit nicht aus eigener Kraft ablegen. Alle benötigen die Verwandlung, durch die Gott sie für das ewige Leben befähigt. In 1. Thessalonicher 4,15 betont Paulus ausdrücklich, dass die bei Christi Wiederkunft noch Lebenden den Entschlafenen nicht zuvorkommen werden. Die zukünftige Gemeinschaft der Erlösten wird also nicht dadurch bestimmt, wer zuvor gestorben ist und wer den Tag der Wiederkunft lebend erlebt. Entscheidend ist allein ihre Zugehörigkeit zu Christus. Seine Wiederkunft wird die Trennung zwischen den verstorbenen und den noch lebenden Gläubigen überwinden und beide Gruppen in die gemeinsame Hoffnung des ewigen Lebens führen.
In Vers 52 beschreibt Paulus, wann und wie diese Verwandlung geschehen wird. Er verwendet zwei kurze Ausdrücke, um ihre außergewöhnliche Geschwindigkeit hervorzuheben: Sie wird plötzlich und in einem Augenblick stattfinden. Das griechische Wort atomos bezeichnet hier einen nicht weiter teilbaren Augenblick, also eine äußerst kurze Zeitspanne. Die anschließende Wendung vom Augenblick eines Auges verstärkt denselben Gedanken. Paulus möchte damit keine exakte Zeitdauer festlegen, die sich nach menschlichen Maßstäben berechnen ließe. Seine Aussage richtet sich vielmehr auf die Unmittelbarkeit des göttlichen Handelns. Die Verwandlung wird nicht durch eine allmähliche körperliche Entwicklung entstehen, die sich über Jahre oder Generationen erstreckt. Sie wird auch nicht das Ergebnis eines menschlichen Fortschritts sein, durch den Krankheit, Alter und Tod schließlich technisch überwunden werden. Gott selbst wird die sterblichen Menschen in einem einzigen entscheidenden Geschehen für das unvergängliche Leben verwandeln. Was aus menschlicher Sicht unmöglich erscheint, wird durch seine schöpferische Macht Wirklichkeit werden.
Paulus verbindet dieses Ereignis ausdrücklich mit der letzten Posaune. Das Bild der Posaune besitzt innerhalb der Bibel eine lange Geschichte. Im Alten Testament wurden Trompeten und Widderhörner verwendet, um das Volk zusammenzurufen, wichtige Ereignisse anzukündigen oder auf Gottes Gegenwart und sein Eingreifen aufmerksam zu machen. Besonders eindrucksvoll ist die Offenbarung Gottes am Sinai, bei der ein mächtiger Posaunenschall ertönt (2. Mose 19,16–19). Auch in 4. Mose 10,1–10 werden Trompeten als Zeichen verwendet, durch die Israel versammelt und auf bestimmte gemeinsame Handlungen vorbereitet werden soll. Paulus greift mit der letzten Posaune eine Bildsprache auf, die Gottes machtvolles Eingreifen und den Beginn eines entscheidenden Ereignisses ausdrückt. Im unmittelbaren Zusammenhang steht sie für den Augenblick, in dem die Toten auferstehen und die Lebenden verwandelt werden. Die Posaune kündigt damit nicht irgendeine gewöhnliche Veränderung an, sondern die endgültige Befreiung der Erlösten von ihrer bisherigen Sterblichkeit.
Die Bezeichnung als letzte Posaune zeigt, dass Paulus dieses Signal mit der abschließenden Vollendung der Auferstehungshoffnung verbindet. Allerdings erklärt er hier nicht, auf welche vorhergehenden Posaunen er sich bezieht, oder ob er eine bestimmte Reihe von Posaunensignalen voraussetzt. Deshalb wäre es zu weitgehend, seine Aussage ohne zusätzliche Begründung unmittelbar mit der siebten Posaune aus Offenbarung 11,15 gleichzusetzen. Beide Bibelstellen gehören zwar zum größeren Zusammenhang von Gottes endzeitlicher Herrschaft und Vollendung, doch Johannes beschreibt eine Abfolge von sieben Posaunen, die Paulus in seinem Brief nicht erwähnt. Eine mögliche Verbindung muss deshalb aus dem jeweiligen Zusammenhang und dem Gesamtzeugnis der Bibel geprüft werden. Für das Verständnis von 1. Korinther 15 ist zunächst die Funktion des Posaunenschalls entscheidend: Er bezeichnet Gottes wirksames Eingreifen, bei dem die Auferstehung und Verwandlung seiner Erlösten Wirklichkeit werden.
Eine besonders deutliche Parallele findet sich in 1. Thessalonicher 4,16–17. Dort beschreibt Paulus das Herabkommen des Herrn vom Himmel, verbunden mit einem gebietenden Ruf, der Stimme eines Erzengels und der Posaune Gottes. Anschließend werden die Toten in Christus auferstehen, und die dann noch lebenden Gläubigen werden gemeinsam mit ihnen dem Herrn begegnen. Beide Briefe stimmen damit in ihren wesentlichen Aussagen überein. Die Auferstehung der Verstorbenen gehört zur persönlichen Wiederkunft Christi, und die noch lebenden Gläubigen werden an demselben rettenden Geschehen teilhaben. Auch Jesus selbst verbindet in Matthäus 24,30–31 sein machtvolles Kommen mit dem Sammeln seiner Auserwählten unter dem Schall einer großen Posaune. Diese Aussagen zeigen, dass Paulus die zukünftige Auferstehung nicht als ein verborgenes Ereignis beschreibt, das unabhängig von der Wiederkunft Jesu stattfindet. Sie gehört zu seinem machtvollen Eingreifen, durch das er die Seinen zu sich sammeln wird. Das Evangelium richtet die Hoffnung der Gläubigen deshalb nicht auf einen unbestimmten persönlichen Augenblick der Vollendung, sondern auf die verheißene Wiederkunft ihres lebendigen Herrn.
In der zweiten Hälfte von Vers 52 unterscheidet Paulus noch einmal ausdrücklich zwischen dem Schicksal der Verstorbenen und dem der Lebenden. Wenn die Posaune erschallt, werden die Toten unverweslich auferstehen, und die noch lebenden Gläubigen werden verwandelt werden. Für die Verstorbenen bedeutet dieses Ereignis die Überwindung des Todes. Sie werden nicht lediglich in ihre bisherige sterbliche Existenz zurückkehren, sondern in einem Zustand auferweckt werden, der nicht mehr der Verwesung unterliegt. Für die Lebenden bedeutet es dagegen, dass ihre gegenwärtige körperliche Beschaffenheit unmittelbar verändert wird. Sie müssen ihren Körper nicht zuerst im Tod verlieren, um an der Unvergänglichkeit teilzuhaben. Dennoch können sie auch nicht unverändert in das ewige Leben eingehen. Beide Gruppen erhalten jene neue Beschaffenheit, die Paulus zuvor als geistlichen Leib beschrieben hat. Damit wird die Auferstehungshoffnung umfassend: Weder der bereits eingetretene Tod noch die noch bestehende Sterblichkeit kann Gottes Fähigkeit begrenzen, diejenigen für das ewige Leben zu verwandeln, die zu Christus gehören.
Dabei ist die persönliche Identität der Erlösten von entscheidender Bedeutung. Paulus sagt nicht, dass Gott anstelle der Verstorbenen völlig neue Menschen erschaffen werde, die lediglich deren Erinnerungen oder Eigenschaften besitzen. Ebenso wenig beschreibt er die lebenden Gläubigen als Menschen, deren bisherige Existenz ausgelöscht und durch andere Wesen ersetzt werden müsste. Seine Worte setzen vielmehr voraus, dass diejenigen, die gestorben sind, selbst auferweckt werden und diejenigen, die noch leben, selbst verwandelt werden. Die Veränderung betrifft ihre körperliche Beschaffenheit, nicht den Verlust ihrer persönlichen Identität. Diese Kontinuität hatte Paulus bereits durch das Bild des Samenkorns erläutert. Das ausgesäte Korn und die daraus hervorgehende Pflanze unterscheiden sich erheblich, stehen aber dennoch in einer wirklichen Verbindung. Entsprechend wird Gott den Menschen, den er kennt und zum Leben beruft, in einer neuen, unvergänglichen Gestalt wiederherstellen. Wie diese Verwandlung im Einzelnen geschieht, erklärt der Apostel nicht. Ihre Wirklichkeit gründet für ihn auf derselben göttlichen Macht, durch die auch Christus von den Toten auferweckt wurde.
In Vers 53 nennt Paulus den entscheidenden Grund für die Notwendigkeit dieser Verwandlung. Das Verwesliche muss Unverweslichkeit und das Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. Das griechische Verb endyō, das hier mit „anziehen“ wiedergegeben wird, stammt aus der Sprache des Bekleidens. Paulus verwendet damit ein Bild, bei dem etwas mit einer neuen Beschaffenheit versehen wird. Es geht jedoch nicht darum, dass die Erlösten lediglich ein besonderes äußeres Gewand erhalten, während ihr sterblicher Körper unverändert bleibt. Das Bild beschreibt vielmehr die umfassende Veränderung ihrer Lebenswirklichkeit. Der bisher vergängliche Mensch wird unvergänglich, und der bisher sterbliche Mensch empfängt Unsterblichkeit. Besonders bemerkenswert ist die Formulierung „dieses Verwesliche“ und „dieses Sterbliche“. Paulus spricht nicht von einem fremden Wesen, das den Menschen ersetzt, sondern von der menschlichen Existenz, die Gott selbst verwandeln wird. Was bisher der Macht des Todes unterworfen war, wird durch Gottes Handeln davon befreit werden. Die Erlösung des Körpers ist deshalb keine bloß äußerliche Ergänzung, sondern eine wirkliche Veränderung seiner Beschaffenheit.
Die beiden Begriffe Unverweslichkeit und Unsterblichkeit beschreiben eng miteinander verbundene, aber unterscheidbare Aspekte dieser zukünftigen Vollendung. Das griechische Wort aphtharsia bezeichnet Unvergänglichkeit beziehungsweise die Freiheit von Verderben und Zerfall. Es steht damit im Gegensatz zu der gegenwärtigen körperlichen Verweslichkeit. Das Wort athanasia bedeutet wörtlich Todlosigkeit oder Unsterblichkeit und beschreibt einen Zustand, in dem der Tod keine Herrschaft mehr besitzt. Gemeinsam machen beide Begriffe deutlich, dass der zukünftige Auferstehungsleib weder dem körperlichen Verfall noch dem Tod unterliegen wird. Paulus spricht also nicht lediglich davon, dass das Leben der Erlösten besonders lange dauern werde. Es wird eine neue Lebensordnung geben, in der die bisherigen Ursachen des Sterbens ihre Macht verloren haben. Gerade dadurch unterscheidet sich die Auferstehung zum ewigen Leben von jeder vorübergehenden Verlängerung der gegenwärtigen menschlichen Existenz.
Besonders bedeutsam ist, dass Paulus die Unsterblichkeit als etwas beschreibt, das der sterbliche Mensch erst empfangen muss. Er sagt nicht, dass im Menschen bereits von Natur aus ein unsterblicher Wesenskern vorhanden sei, der bei der Auferstehung lediglich wieder mit einem Körper verbunden werde. Seine Erklärung richtet sich vielmehr auf eine zukünftige Gabe Gottes. Der Mensch, der jetzt sterblich ist, muss Unsterblichkeit anziehen. Diese Aussage passt zu Römer 6,23, wo Paulus das ewige Leben ausdrücklich als Gottes Gabe in Jesus Christus bezeichnet. Auch 1. Timotheus 6,16 hebt hervor, dass Gott allein Unsterblichkeit in einem ursprünglichen und von niemandem abhängigen Sinn besitzt. Der Mensch ist dagegen ein Geschöpf, dessen Leben vollständig von seinem Schöpfer abhängt. Selbst die zukünftige Unsterblichkeit macht ihn nicht zu einer von Gott unabhängigen Lebensquelle. Sie bleibt ein Geschenk desjenigen, der allein aus sich selbst Leben besitzt und dieses Leben seinen Erlösten dauerhaft schenkt.
Damit berührt Paulus eine grundlegende Frage des biblischen Menschenbildes. In vielen religiösen und philosophischen Vorstellungen wird der Tod vor allem als Trennung zwischen einem vergänglichen Körper und einer von Natur aus unsterblichen Seele verstanden. Die eigentliche Hoffnung bestünde dann darin, dass dieser unsterbliche Bestandteil nach dem Tod unabhängig vom Körper weiterlebt. Paulus setzt in diesem Abschnitt jedoch einen anderen Schwerpunkt. Für ihn wird die endgültige Erlösung nicht dadurch erreicht, dass der Mensch seine Körperlichkeit hinter sich lässt. Sie besteht darin, dass Gott den sterblichen Menschen zu einer unvergänglichen leiblichen Existenz verwandelt. Unsterblichkeit erscheint als zukünftige Gabe und nicht als selbstverständliche Eigenschaft des gegenwärtigen Menschen. Diese Aussage ist für das Verständnis der Auferstehung von großer Tragweite. Allerdings beantwortet Paulus hier nicht sämtliche Fragen darüber, was zwischen dem persönlichen Tod eines Menschen und seiner zukünftigen Auferstehung geschieht. Seine ausdrückliche Lehre betrifft die Vollendung der Erlösung: Der Mensch empfängt die Unsterblichkeit durch Gottes Handeln bei der Auferstehung beziehungsweise Verwandlung.
Eine weitere wichtige Verbindung findet sich in 2. Korinther 5,1–5. Dort verwendet Paulus ebenfalls das Bild des Bekleidens, um die zukünftige Lebenswirklichkeit der Gläubigen zu beschreiben. Er spricht von der Sehnsucht danach, dass das Sterbliche vom Leben verschlungen werde. Dabei wird deutlich, dass sein eigentliches Ziel nicht die endgültige Körperlosigkeit des Menschen ist. Er sehnt sich nach jener Vollendung, in der die Vergänglichkeit durch das Leben überwunden wird. Zugleich erklärt er, dass Gott die Gläubigen auf diese Zukunft vorbereitet und ihnen den Geist als Unterpfand gegeben hat. Der Heilige Geist ist damit bereits im gegenwärtigen Leben ein Zeichen und eine Gewähr für Gottes zukünftiges Handeln. Die Gläubigen dürfen heute schon in einer erneuerten Gemeinschaft mit Christus leben, obwohl ihre körperliche Erlösung noch aussteht. Das zukünftige unvergängliche Leben ist nicht das Ergebnis einer verborgenen natürlichen Fähigkeit des Menschen, sondern die Vollendung dessen, was Gott durch Christus begonnen hat und durch seinen Geist vorbereitet.
Gerade hier wird die Einheit des göttlichen Erlösungsplans sichtbar. Christus ist bereits von den Toten auferstanden und besitzt ein Leben, über das der Tod keine Herrschaft mehr hat. Diejenigen, die ihm angehören, leben gegenwärtig im Glauben an ihn und dürfen die Verheißung des ewigen Lebens als gewiss annehmen. Dennoch sind sie weiterhin sterbliche Menschen. Bei seiner Wiederkunft wird Christus diese Spannung endgültig auflösen. Die verstorbenen Gläubigen werden unverweslich auferstehen, und die noch lebenden Gläubigen werden unmittelbar verwandelt werden. Beide Gruppen werden gemeinsam jene neue Lebenswirklichkeit empfangen, die bereits in Christi Auferstehung ihren Anfang genommen hat. Die Hoffnung der Christen hängt deshalb weder davon ab, ob sie vor der Wiederkunft sterben, noch davon, ob sie dieses Ereignis während ihres irdischen Lebens erleben. Entscheidend ist ihre Zugehörigkeit zu dem Herrn, der die Macht besitzt, den Tod zu überwinden und Sterbliche mit Unsterblichkeit zu bekleiden.
Mit diesen Worten hat Paulus die Frage nach dem zukünftigen Auferstehungsleib zu ihrem entscheidenden Ziel geführt. Die gegenwärtige körperliche Existenz des Menschen ist nicht für immer an ihre Vergänglichkeit gebunden. Gott wird das Verwesliche mit Unverweslichkeit und das Sterbliche mit Unsterblichkeit bekleiden. Diese Verwandlung wird bei der Wiederkunft Christi geschehen und sowohl die bereits Verstorbenen als auch die dann noch lebenden Gläubigen umfassen. Damit erhält die christliche Auferstehungshoffnung eine konkrete und umfassende Bedeutung: Gott wird den ganzen Menschen von der Macht des Todes befreien und ihm eine unvergängliche Zukunft in seiner Gemeinschaft schenken. Paulus hat nun erklärt, weshalb diese Verwandlung notwendig ist, wann sie geschehen wird und welche grundlegende Veränderung sie bewirkt. Im folgenden Abschnitt zeigt er, welche gewaltige Bedeutung dieses Ereignis für die endgültige Überwindung des Todes besitzt und weshalb die Erlösten Gott für den Sieg durch Jesus Christus danken können.
1. Korinther 15,54–57
Der endgültige Sieg über den Tod: Wie Christus die Macht von Sünde und Tod überwindet
Nachdem Paulus erklärt hat, dass die verstorbenen Gläubigen unverweslich auferstehen und die noch lebenden Gläubigen bei Christi Wiederkunft verwandelt werden, führt er seine Gedanken in Vers 54 zu einem gewaltigen Höhepunkt. Er beschreibt den Augenblick, in dem das Vergängliche Unvergänglichkeit und das Sterbliche Unsterblichkeit empfangen haben wird. Dann wird sich erfüllen, was Gott bereits durch seine Propheten angekündigt hatte: Der Tod wird vom Sieg verschlungen werden. Paulus verbindet damit die zukünftige Auferstehung unmittelbar mit den Verheißungen des Alten Testaments. Was Gott seinem Volk vor langer Zeit zugesagt hatte, wird durch Jesus Christus endgültig Wirklichkeit werden. Die Auferstehung ist deshalb kein nachträglicher Bestandteil des Erlösungsplans, sondern gehört von Anfang an zu Gottes Vorhaben, die Folgen der Sünde zu überwinden. Der Mensch, der seit dem Sündenfall unter der Herrschaft des Todes steht, soll durch Christus eine neue Lebenswirklichkeit empfangen, in der diese Herrschaft keinen Bestand mehr hat.
Besonders wichtig ist die zeitliche Formulierung des Paulus. Er erklärt nicht einfach, dass der Tod bereits in jeder Hinsicht verschwunden sei. Vielmehr sagt er, dass die prophetische Verheißung dann erfüllt werden wird, wenn das Sterbliche Unsterblichkeit angezogen hat. Damit unterscheidet er zwischen dem Sieg, den Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung bereits errungen hat, und dessen zukünftiger Vollendung an den Erlösten. Jesus ist auferstanden und stirbt nicht mehr (Römer 6,9). Dennoch erfahren die Menschen weiterhin Krankheit, körperlichen Verfall und Tod. Auch aufrichtige Christen sterben, obwohl sie an den auferstandenen Herrn glauben. Das bedeutet nicht, dass Christi Sieg unvollständig oder unsicher wäre. Es zeigt vielmehr, dass Gottes Erlösungsplan eine zukünftige Vollendung einschließt. Bei der Wiederkunft Christi wird dieser Sieg unmittelbar an den verstorbenen und noch lebenden Gläubigen sichtbar werden. Der Tod wird dann nicht mehr bestimmen können, ob sie an Gottes verheißenem Leben Anteil erhalten. Die bisherige Vergänglichkeit wird durch Gottes schöpferische Macht endgültig überwunden sein.
Paulus greift in Vers 54 die Verheißung aus Jesaja 25,8 auf. Dort kündigt Gott an, dass er den Tod für immer beseitigen und die Tränen von allen Angesichtern abwischen wird. Der Zusammenhang dieser Aussage ist besonders eindrucksvoll. Bereits in Jesaja 25,6 beschreibt der Prophet ein großes Festmahl, das Gott für die Völker bereiten wird. Anschließend spricht er von der Beseitigung einer Hülle, die über den Nationen liegt, und von der endgültigen Überwindung des Todes. Gottes Handeln richtet sich damit nicht nur auf die Beendigung einer einzelnen Notlage. Es eröffnet die Hoffnung auf eine erneuerte Lebensordnung, in der Tod, Schande und Trauer ihre bisherige Macht verlieren. Paulus erkennt in dieser prophetischen Verheißung einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu Christi und der zukünftigen Verwandlung der Gläubigen. Was Jesaja als göttliche Zusage verkündigt hatte, wird durch den auferstandenen Christus seine entscheidende Erfüllung finden.
Das Bild vom Verschlingen des Todes verdient besondere Aufmerksamkeit. Normalerweise erscheint der Tod als die Macht, die das menschliche Leben verschlingt. Er beendet die irdische Existenz und macht scheinbar keinen Unterschied zwischen mächtigen und schwachen, reichen und armen, jungen und alten Menschen. Niemand kann sich dauerhaft seiner Gewalt entziehen. Paulus kehrt dieses Bild nun vollständig um. Am Ende wird nicht der Tod das Leben verschlingen, sondern der Sieg Gottes wird den Tod verschlingen. Damit beschreibt der Apostel keine bloße Einschränkung seiner Macht, bei der der Tod für immer als ungelöste Bedrohung bestehen bliebe. Er verkündet dessen endgültige Überwindung. Bereits in Vers 26 hatte er den Tod als letzten Feind bezeichnet, der beseitigt werden muss. Nun beschreibt er das Ergebnis dieses göttlichen Handelns. Die Herrschaft des Todes wird nicht nur für eine bestimmte Zeit unterbrochen, sondern soll nach Gottes Verheißung endgültig ein Ende finden.
Diese Aussage besitzt auch für das Verständnis der neuen Schöpfung eine grundlegende Bedeutung. In Offenbarung 20,14 wird die endgültige Beseitigung von Tod und Totenreich im Zusammenhang mit Gottes abschließendem Gericht beschrieben. In Offenbarung 21,4 folgt die Verheißung, dass es keinen Tod, keine Trauer, kein Geschrei und keinen Schmerz mehr geben wird. Damit wird die Hoffnung aus Jesaja 25 in der letzten biblischen Zukunftsvision erneut aufgegriffen. Die Auferstehung der Erlösten bei Christi Wiederkunft und die endgültige Beseitigung des Todes innerhalb der vollendeten neuen Schöpfung gehören zu demselben göttlichen Erlösungsplan. Allerdings beschreibt Paulus in Vers 54 nicht sämtliche Ereignisse, die zwischen der Wiederkunft Christi und der endgültigen Neuschöpfung liegen. Seine Aussage konzentriert sich auf die Gewissheit des Sieges. Wenn Gott den Menschen Unsterblichkeit schenkt und schließlich jede Herrschaft des Todes beseitigt, wird sichtbar, dass die Sünde nicht dauerhaft über seine Schöpfung triumphieren kann.
Gerade deshalb ist diese Verheißung mehr als ein allgemeiner Trostgedanke für Menschen, die einen geliebten Angehörigen verloren haben. Der Tod verursacht wirklichen Schmerz. Er zerstört gemeinsame Lebensmöglichkeiten, unterbricht vertraute Beziehungen und hinterlässt eine Leere, die durch menschliche Worte allein nicht aufgehoben werden kann. Die Bibel verharmlost diese Erfahrung nicht. Als Jesus am Grab des Lazarus stand, weinte er selbst, obwohl er wusste, dass er seinen Freund unmittelbar darauf auferwecken würde (Johannes 11,33–44). Christliche Auferstehungshoffnung bedeutet deshalb nicht, dass Trauer unangebracht oder jeder Schmerz ein Ausdruck mangelnden Glaubens wäre. Paulus verkündet vielmehr, dass die gegenwärtige Wirklichkeit des Todes nicht Gottes letztes Wort über seine Kinder ist. Die Hoffnung auf die Auferstehung beseitigt nicht automatisch den Schmerz des Abschieds, aber sie eröffnet eine Zukunft, in der dieser Abschied nicht endgültig bleiben wird. Gerade in dieser Verbindung von gegenwärtiger Trauer und zukünftiger Gewissheit liegt die besondere Kraft der christlichen Hoffnung.
In Vers 55 verwandelt sich die Erklärung des Paulus in einen eindrucksvollen Siegesruf. Er spricht den Tod und das Totenreich an, als wären sie besiegte Gegner, denen ihre bisherige Macht genommen worden ist. Die Schlachter-Bibel von 1951 gibt diese Herausforderung mit den Worten wieder: „Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg?“ Paulus verwendet damit eine bewusst zugespitzte Sprache. Er fragt nicht, weil er die Antwort noch nicht kennt, sondern weil er den endgültigen Triumph Gottes hervorheben möchte. Was den Menschen seit dem Sündenfall als unüberwindbare Grenze begegnet, wird durch Christus seine Macht verlieren. Der Tod, der bisher das menschliche Leben beendete, wird die Erlösten nicht länger festhalten können. Das Totenreich, das die Verstorbenen gleichsam aufgenommen hat, wird seinen Anspruch auf diejenigen verlieren, die Gott zum ewigen Leben auferweckt. Paulus beschreibt damit nicht ein selbstständiges Wesen, das über die Toten herrscht, sondern stellt Tod und Totenreich bildhaft als besiegte Mächte dar.
Die Worte greifen Hosea 13,14 auf. Im Buch Hosea steht dieser Vers innerhalb einer ernsten Botschaft über die Schuld Israels und das bevorstehende göttliche Gericht. Das Volk hatte sich wiederholt von Gott abgewandt, fremden Göttern vertraut und dadurch die Gemeinschaft mit seinem eigentlichen Lebensgeber beschädigt. Die Aussagen über Tod und Totenreich gehören deshalb zu einem Zusammenhang, in dem sowohl Gottes rettende Macht als auch die Schwere seines Gerichts sichtbar werden. Der hebräische Wortlaut lässt hinsichtlich der genauen Formulierung und ihrer Funktion unterschiedliche Deutungen zu. Paulus übernimmt den Gedanken nicht als vollständige Wiedergabe des ursprünglichen Hoseaabschnitts, sondern greift dessen eindrucksvolle Sprache auf und stellt sie in den Zusammenhang des Auferstehungssieges Christi. Im Licht der Auferstehung wird daraus eine triumphierende Herausforderung an den Tod. Was als endgültige Macht über den Menschen erschien, muss vor Gottes rettendem Handeln zurückweichen.
Besonders aufschlussreich ist das Bild vom Stachel. Das griechische Wort kentron kann einen spitzen Gegenstand oder den Stachel eines Tieres bezeichnen, mit dem eine schmerzhafte oder gefährliche Verletzung verursacht wird. Paulus verwendet dieses Bild, um die zerstörerische Wirkung des Todes zu erklären. Der Tod ist nicht nur deshalb bedrohlich, weil er das gegenwärtige Leben beendet. Seine Macht hängt mit einer tiefer liegenden Wirklichkeit zusammen, die seit dem Sündenfall die menschliche Geschichte bestimmt. Deshalb erklärt Paulus unmittelbar im nächsten Vers, was er mit dem Stachel des Todes meint. Er möchte zeigen, weshalb der Mensch überhaupt der Herrschaft des Todes unterworfen ist und warum die endgültige Überwindung dieser Herrschaft nur durch Gottes Erlösungswerk möglich wird. Das Bild vom Stachel führt somit von der sichtbaren Folge des Sterbens zu dessen geistlicher Ursache.
In Vers 56 erklärt Paulus ausdrücklich, dass der Stachel des Todes die Sünde ist. Damit stellt er denselben grundlegenden Zusammenhang her, den er bereits in Römer 5,12 beschrieben hatte: Durch einen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod. Der Tod gehört nach biblischem Verständnis nicht einfach zu Gottes ursprünglicher Bestimmung des Menschen, sondern steht in einer unmittelbaren Beziehung zur Abkehr des Menschen von seinem Schöpfer. Gott ist die Quelle des Lebens. Die Sünde trennt den Menschen von demjenigen, von dem er sein Leben empfängt, und bringt ihn unter die Herrschaft des Todes. Bereits in 1. Mose 2,16–17 hatte Gott Adam vor den Folgen des Ungehorsams gewarnt. Nach dem Sündenfall wurde die Sterblichkeit zur gemeinsamen Erfahrung der Menschheit. Wenn Paulus die Sünde als Stachel des Todes bezeichnet, erklärt er deshalb, weshalb der Tod nicht nur eine natürliche Begrenzung des menschlichen Daseins ist, sondern auch eine geistliche Bedeutung besitzt. Er steht in Verbindung mit der gestörten Beziehung zwischen Gott und dem Menschen.
Dabei muss zwischen der allgemeinen Herrschaft des Todes und der persönlichen Schuld eines einzelnen Menschen unterschieden werden. Paulus behauptet nicht, dass jeder Mensch aufgrund einer ganz bestimmten eigenen Sünde früher oder später sterben müsse. Auch kleine Kinder und Menschen, denen keine besondere persönliche Verfehlung zur Last gelegt werden kann, sind sterblich. In Römer 5,12–14 beschreibt Paulus den Tod vielmehr als eine Wirklichkeit, die durch Adams Übertretung in die Menschheitsgeschichte eingedrungen ist und seitdem alle Generationen betrifft. Die persönliche Schuld des Menschen verschärft seine Verantwortlichkeit vor Gott, doch die allgemeine menschliche Sterblichkeit darf nicht einfach als unmittelbare Strafe für jede einzelne persönliche Sünde erklärt werden. Der Gedanke des Paulus ist umfassender: Die menschliche Geschichte steht seit dem Sündenfall unter der Macht des Todes, und diese Macht kann nur durch Gottes rettendes Handeln überwunden werden. Gerade deshalb musste Christus nicht nur einzelne Folgen der Sünde beseitigen, sondern die Sünde selbst überwinden, um den Menschen endgültig vom Tod befreien zu können.
Anschließend fügt Paulus eine weitere Aussage hinzu, die zunächst überraschend wirkt: Die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Damit berührt er einen wichtigen Zusammenhang zwischen Gottes Willen, menschlicher Schuld und der Notwendigkeit der Erlösung. Seine Worte könnten missverstanden werden, als sei das Gesetz selbst sündig oder als habe Gott durch seine Gebote das Böse überhaupt erst hervorgebracht. Doch eine solche Deutung widerspricht der ausdrücklichen Erklärung des Paulus in Römer 7,12, dass das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut ist. Auch in Römer 7,7 weist er den Gedanken entschieden zurück, das Gesetz sei mit der Sünde gleichzusetzen. Das Problem liegt nicht in Gottes gerechtem Willen, sondern im sündigen Menschen, der sich diesem Willen widersetzt. Gerade weil das Gesetz Gottes Maßstab für Recht und Unrecht offenbart, macht es die Sünde als Übertretung erkennbar. Es zeigt dem Menschen, wo sein Denken und Handeln von Gottes Willen abweichen.
Paulus erklärt diesen Zusammenhang besonders ausführlich in Römer 7,7–13. Dort beschreibt er, wie das Gebot die Sünde offenbar macht und wie die Sünde das Gebot benutzt, um im Menschen widergöttliches Begehren hervorzurufen. Das Gesetz selbst ist dabei nicht der Ursprung des Bösen. Vielmehr gebraucht die Sünde sogar das gute Gebot als Gelegenheit, ihre Macht über den Menschen auszuüben. Der sündige Mensch kann auf eine göttliche Weisung mit Widerstand reagieren, gerade weil sie seinem eigenen Willen eine Grenze setzt. Zugleich macht das Gesetz deutlich, dass eine tatsächliche Übertretung vorliegt und der Mensch vor Gott verantwortlich ist. Damit erhält die Sünde ihre anklagende und verurteilende Bedeutung. Sie ist nicht lediglich ein menschlicher Fehler ohne bleibende Folgen, sondern eine Verletzung des göttlichen Willens. In diesem Sinn spricht Paulus davon, dass die Sünde ihre Kraft durch das Gesetz erhält. Gottes Gebot macht die Schuld sichtbar, kann den Menschen aber nicht allein dadurch von dieser Schuld befreien.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Gottes Gesetz abgeschafft werden müsste, damit die Sünde ihre Macht verliert. Eine solche Schlussfolgerung würde die Argumentation des Paulus umkehren. Wenn ein Mensch ein gerechtes Gebot übertritt, liegt das Problem nicht darin, dass das Gebot gerecht ist, sondern darin, dass er dagegen handelt. Die Abschaffung des Maßstabs würde das begangene Unrecht nicht nachträglich in Gerechtigkeit verwandeln. Ebenso wenig kann die bloße Kenntnis des Gesetzes den Menschen aus der Herrschaft der Sünde befreien. In Römer 3,20 erklärt Paulus, dass durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommt. Das Gesetz zeigt die Schuld, doch die Rechtfertigung des Sünders erfolgt durch Gottes Gnade aufgrund des Erlösungswerks Jesu Christi (Römer 3,21–26). Damit werden zwei unterschiedliche Aufgaben sichtbar. Gottes Gesetz offenbart seinen gerechten Willen und macht menschliche Übertretung erkennbar. Christus dagegen ist der Retter, der den Menschen von seiner Schuld befreit und ihn durch Gottes Geist zu einem neuen Leben befähigt.
Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in Römer 8,3–4. Dort erklärt Paulus, dass Gott durch die Sendung seines Sohnes das getan hat, was das Gesetz aufgrund der menschlichen Schwachheit nicht bewirken konnte. Christus nahm wirklich menschliche Natur an und begegnete der Macht der Sünde, ohne selbst ihr zu verfallen. Durch sein Erlösungswerk wird die Sünde verurteilt, während die Glaubenden durch den Geist ein neues Leben führen können. Gottes Lösung für das Problem der Sünde besteht deshalb nicht darin, seinen gerechten Willen für bedeutungslos zu erklären. Sie besteht darin, den Menschen durch Christus von der Schuld und Herrschaft der Sünde zu befreien. Gerade darin wird verständlich, weshalb Paulus in 1. Korinther 15,56 das Gesetz im Zusammenhang mit der Macht der Sünde erwähnt. Der Mensch steht unter einem gerechten göttlichen Anspruch, den er übertreten hat. Aus eigener Kraft kann er weder seine Vergangenheit ungeschehen machen noch seine Sterblichkeit überwinden. Deshalb benötigt er einen Erlöser, der dort handelt, wo menschlicher Gehorsam und menschliche Anstrengung nicht ausreichen.
Diese Erklärung führt unmittelbar zur Bedeutung des Kreuzes. Christus ist nicht nur deshalb der Sieger über den Tod, weil er nach seinem Sterben wieder lebendig wurde. Seine Auferstehung gehört untrennbar zu seinem sündlosen Leben und seinem stellvertretenden Tod für die Sünder. Bereits am Anfang dieses Kapitels hatte Paulus erklärt, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist (1. Korinther 15,3). In 2. Korinther 5,21 beschreibt er, dass derjenige, der keine Sünde kannte, um unseretwillen zur Sünde gemacht wurde, damit wir in ihm Gottes Gerechtigkeit würden. Auch Galater 3,13 verbindet Christi Erlösungswerk mit der Befreiung vom Fluch des Gesetzes. Der Fluch besteht nicht darin, dass Gottes gerechter Wille schlecht wäre, sondern in der Verurteilung, die der Ungehorsam des Menschen nach sich zieht. Christus trägt die Folgen der menschlichen Schuld und eröffnet dadurch die Möglichkeit der Versöhnung mit Gott. Seine Auferstehung bestätigt nicht nur die Wirklichkeit seines Sieges, sondern gehört selbst zum rettenden Geschehen, durch das der Tod seine endgültige Herrschaft verliert.
Damit wird verständlich, wie Christus dem Tod seinen Stachel nimmt. Wenn die Sünde die Ursache der menschlichen Entfremdung von Gott ist und das Gesetz diese Schuld als Übertretung offenbart, dann kann der Mensch nicht allein durch eine Verlängerung seines irdischen Lebens gerettet werden. Selbst ein sehr langes Leben würde das grundlegende Problem der Sünde nicht lösen. Gottes Erlösungsplan setzt deshalb tiefer an. Christus schafft durch sein Opfer die Grundlage für Vergebung und Versöhnung. Wer an ihn glaubt, darf bereits heute darauf vertrauen, dass seine Schuld vergeben ist und er durch Gottes Gnade angenommen wird. In Römer 8,1 erklärt Paulus, dass es für diejenigen, die in Christus Jesus sind, keine Verdammnis mehr gibt. Diese gegenwärtige Rechtfertigung bedeutet allerdings noch nicht, dass der Gläubige bereits körperlich unsterblich geworden wäre. Er kann weiterhin krank werden und sterben. Doch seine Hoffnung auf ewiges Leben hängt nicht mehr von der eigenen Fähigkeit ab, den Tod zu überwinden. Sie gründet auf Christus, der die Macht der Sünde besiegt hat und die Seinen eines Tages auferwecken wird.
In Vers 57 erreicht die Argumentation ihren eigentlichen Höhepunkt. Nachdem Paulus den Tod, die Sünde und das Gesetz in ihrem Zusammenhang beschrieben hat, richtet er den Blick auf Gott und bricht in einen Dankesruf aus. Die Schlachter-Bibel von 1951 formuliert: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!“ Auffällig ist, dass Paulus hier nicht den Menschen für seine Glaubensstärke oder seine moralischen Leistungen lobt. Der Sieg wird ausdrücklich von Gott gegeben. Der Mensch kann sich weder selbst von seiner Schuld rechtfertigen noch seine Sterblichkeit aus eigener Kraft überwinden. Was für ihn unmöglich ist, wird durch Jesus Christus möglich. Deshalb mündet die Erklärung der Auferstehung nicht in die Bewunderung menschlicher Fähigkeiten, sondern in Dankbarkeit gegenüber Gott.
Auch die Gegenwartsform des Verbs ist bedeutsam. Paulus spricht davon, dass Gott den Sieg gibt, obwohl die endgültige Auferstehung noch in der Zukunft liegt. Damit verbindet er die bereits geschenkte Erlösung mit ihrer noch ausstehenden Vollendung. Durch den Glauben an Christus empfängt der Mensch schon heute Vergebung, Versöhnung und die Gewissheit der göttlichen Verheißung. Der endgültige Sieg über seine körperliche Sterblichkeit wird jedoch erst bei der Auferstehung beziehungsweise Verwandlung sichtbar werden. Beide Wirklichkeiten gehören zusammen. Die gegenwärtige Rettung ist keine bloße menschliche Hoffnung ohne göttliche Grundlage, und die zukünftige Erlösung ist keine von Christus unabhängige Belohnung. Sie bilden unterschiedliche Abschnitte desselben göttlichen Heilswerks. In Römer 8,37–39 beschreibt Paulus diese Gewissheit mit der Aussage, dass die Gläubigen durch den, der sie geliebt hat, überwinden und dass selbst der Tod sie nicht von Gottes Liebe in Christus Jesus trennen kann. Der Tod kann das gegenwärtige Leben beenden, aber er kann Gottes Verheißung an die Seinen nicht zunichtemachen.
Die Worte „durch unsern Herrn Jesus Christus“ machen außerdem deutlich, dass dieser Sieg ausschließlich in der Verbindung mit dem Erlöser gründet. Paulus betrachtet Jesus nicht nur als einen Lehrer, dessen Gedanken den Menschen helfen, mit ihrer Sterblichkeit besser umzugehen. Christus ist derjenige, durch dessen Tod und Auferstehung Gott die Grundlage für das ewige Leben geschaffen hat. In Johannes 11,25–26 erklärt Jesus, dass er selbst die Auferstehung und das Leben ist. Wer an ihn glaubt, darf auch angesichts des Todes auf seine Verheißung vertrauen. In 2. Timotheus 1,10 wird entsprechend erklärt, dass Christus dem Tod seine Macht genommen und Leben und Unvergänglichkeit durch das Evangelium ans Licht gebracht hat. Die christliche Hoffnung entsteht deshalb nicht aus der Vorstellung, der Mensch trage die Unsterblichkeit bereits unabhängig von Gott in sich. Sie beruht auf dem lebendigen Herrn, der selbst auferstanden ist und die Macht besitzt, anderen Menschen ewiges Leben zu schenken.
Diese Gewissheit verändert auch den Blick auf den gegenwärtigen Tod. Für den Gläubigen bleibt das Sterben eine ernste und schmerzliche Wirklichkeit. Es wäre unangemessen, die Trauer von Angehörigen mit dem Hinweis auf die Auferstehung einfach abzutun oder so zu sprechen, als müsse ein Christ keinerlei Angst vor dem Tod empfinden. Die Bibel selbst kennt Klage, Tränen und das tiefe Verlangen nach Befreiung. In 1. Thessalonicher 4,13 fordert Paulus die Gläubigen deshalb nicht auf, überhaupt nicht zu trauern. Er erklärt vielmehr, dass ihre Trauer nicht von derselben Hoffnungslosigkeit geprägt sein soll wie die Trauer derjenigen, die keine Auferstehung erwarten. Der Unterschied liegt nicht in der völligen Abwesenheit von Schmerz, sondern in der Gewissheit, dass Gottes Verheißung über den Tod hinausreicht. Wer zu Christus gehört, darf darauf vertrauen, dass der gegenwärtige Abschied nicht das endgültige Ende seiner Geschichte mit Gott sein wird.
Gleichzeitig schenkt die Hoffnung auf den Sieg über den Tod dem gegenwärtigen Leben eine neue Bedeutung. Wenn Christus den Menschen nicht nur von seiner Schuld befreit, sondern ihm auch eine unvergängliche Zukunft eröffnet, dann ist sein Leben nicht auf die kurze Zeit zwischen Geburt und Tod beschränkt. Entscheidungen, Treue und Hingabe dürfen im Licht der kommenden Auferstehung betrachtet werden. Paulus hatte bereits in den Versen 30–32 erklärt, weshalb er trotz lebensbedrohlicher Gefahren an seinem apostolischen Auftrag festhielt. Nun wird der Grund dieser Bereitschaft besonders deutlich. Er vertraute auf einen Herrn, dessen Macht größer ist als die Macht des Todes. Deshalb musste er seine Entscheidungen nicht allein danach ausrichten, was ihm im gegenwärtigen Leben Sicherheit, Anerkennung oder persönlichen Vorteil brachte. Die Gewissheit der Auferstehung ermöglichte ihm, auch unter schwierigen Bedingungen an Gottes Verheißung festzuhalten.
Am Ende dieses Abschnitts steht somit eine der umfassendsten Aussagen des Neuen Testaments über Gottes endgültigen Sieg. Der Tod ist der letzte Feind, der beseitigt werden muss. Seine zerstörerische Macht hängt mit der Sünde zusammen, deren Schuld durch Gottes gerechtes Gesetz offenbar wird. Der Mensch kann diese Wirklichkeit aus eigener Kraft nicht überwinden. Doch Jesus Christus ist für unsere Sünden gestorben, von den Toten auferstanden und hat damit den Weg zum ewigen Leben eröffnet. Bei seiner Wiederkunft wird Gott die verstorbenen Gläubigen auferwecken und die noch lebenden verwandeln. Schließlich wird der Tod selbst vollständig beseitigt werden. Was heute als unüberwindbare Grenze erscheint, wird vor Gottes schöpferischer und erlösender Macht keinen Bestand mehr haben. Darum endet Paulus nicht mit einer theoretischen Erklärung, sondern mit Dankbarkeit. Der Sieg gehört Gott, und er schenkt ihn den Menschen durch Jesus Christus. Aus dieser Gewissheit folgt schließlich die praktische Ermahnung des letzten Verses: Wer auf die Auferstehung vertraut, hat allen Grund, schon heute standhaft zu bleiben und dem Herrn treu zu dienen.
1. Korinther 15,58
Standhaft im Glauben und treu im Dienst: Warum unsere Arbeit für Christus niemals vergeblich ist
Nachdem Paulus die Auferstehung Jesu Christi, die zukünftige Auferstehung der Gläubigen und den endgültigen Sieg über den Tod ausführlich erklärt hat, schließt er das Kapitel mit einer persönlichen Ermahnung ab. In Vers 58 wendet er sich unmittelbar an die Korinther und fordert sie auf, fest, unbeweglich und allezeit reichlich im Werk des Herrn tätig zu sein. Diese Aufforderung ist keine zufällige Ergänzung am Ende einer langen theologischen Erklärung. Sie bildet vielmehr die praktische Schlussfolgerung aus allem, was Paulus zuvor dargelegt hat. Weil Christus tatsächlich auferstanden ist und die Seinen eines Tages zum unvergänglichen Leben auferwecken wird, hat der gegenwärtige Glaube eine verlässliche Grundlage. Die Hoffnung auf Gottes zukünftigen Sieg soll deshalb nicht lediglich das Denken der Christen bestimmen, sondern ihr gesamtes Leben prägen. Wer weiß, dass der Tod nicht das letzte Wort haben wird, besitzt einen bleibenden Grund, auch unter schwierigen Bedingungen Gott treu zu bleiben.
Bemerkenswert ist zunächst die liebevolle Anrede, mit der Paulus seine Schlussfolgerung einleitet. Er bezeichnet die Korinther als seine geliebten Brüder. Das ist angesichts der vorausgegangenen Auseinandersetzung von besonderer Bedeutung. In diesem Brief hatte Paulus zahlreiche Probleme innerhalb der Gemeinde angesprochen. Er musste Spaltungen, moralische Verfehlungen, Streitigkeiten und falsche Vorstellungen über die geistlichen Gaben korrigieren. Auch in Kapitel 15 hatte er einige Gemeindeglieder wegen ihrer Auffassung über die Auferstehung ernsthaft zurechtgewiesen. Dennoch betrachtet er sie weiterhin als Menschen, denen seine Liebe und geistliche Fürsorge gelten. Seine Ermahnungen entspringen nicht dem Wunsch, andere herabzusetzen oder seine persönliche Überlegenheit zu beweisen. Er möchte sie im Glauben stärken und vor einer Entwicklung bewahren, die ihre Hoffnung auf Christus gefährden könnte. Damit zeigt Paulus zugleich, wie geistliche Korrektur geschehen soll: Wahrheit darf nicht von Liebe getrennt werden. Wer andere im Glauben zurechtweist, sollte dabei nicht vergessen, dass das Ziel ihrer geistlichen Wiederherstellung und ihrem Wachstum in Christus dient.
Die erste Aufforderung lautet, fest zu sein. Das griechische Wort hedraios beschreibt etwas, das einen festen Stand besitzt und nicht leicht ins Wanken gerät. Paulus verwendet diesen Ausdruck, um die Korinther zu einer beständigen Haltung gegenüber dem Evangelium aufzurufen. Gerade innerhalb ihrer Gemeinde waren unterschiedliche Auffassungen entstanden, und einige hatten begonnen, die zukünftige Auferstehung der Toten zu bestreiten. Eine solche Entwicklung konnte nicht nur eine einzelne Lehrfrage betreffen, sondern das Verständnis des gesamten Erlösungswerks verändern. Deshalb sollten die Gläubigen ihre Überzeugungen nicht nach wechselnden menschlichen Meinungen ausrichten. Sie sollten vielmehr an der Botschaft festhalten, die sie von den Aposteln empfangen hatten. Bereits in Vers 1 hatte Paulus daran erinnert, dass sie das Evangelium angenommen hatten und darin standen. Nun greift er diesen Gedanken am Ende des Kapitels erneut auf. Der Glaube soll nicht nur einen überzeugenden Anfang besitzen, sondern auch in seiner weiteren Entwicklung auf derselben Wahrheit gegründet bleiben.
Diese Standhaftigkeit entsteht jedoch nicht dadurch, dass ein Mensch seine eigene Überzeugung für unfehlbar hält. Der feste Grund des christlichen Glaubens liegt außerhalb des Menschen, nämlich in Jesus Christus. Bereits in 1. Korinther 3,11 hatte Paulus erklärt, dass niemand einen anderen Grund legen könne als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ein Christ steht deshalb nicht sicher, weil er niemals Fragen hat oder jede Schwierigkeit sofort beantworten kann. Seine eigentliche Sicherheit besteht darin, dass er sich auf den Herrn verlässt, dessen Tod und Auferstehung das Fundament des Evangeliums bilden. Auch Jesus verwendet in Matthäus 7,24–27 das Bild eines Hauses, das auf Felsen gebaut ist. Wenn Sturm und Regen kommen, bleibt es bestehen, weil sein Fundament tragfähig ist. Paulus fordert die Korinther in ähnlicher Weise auf, ihren Glauben nicht auf menschliche Anerkennung, besondere Begabungen oder wechselnde religiöse Vorstellungen zu gründen. Entscheidend ist ihre beständige Verbindung mit Christus und seiner Wahrheit.
Anschließend ermahnt Paulus die Gläubigen, unbeweglich zu bleiben. Das griechische Wort ametakinetos bezeichnet jemanden, der sich nicht von seiner Stellung wegbewegen oder verdrängen lässt. Im Zusammenhang mit dem bisherigen Kapitel bedeutet dies vor allem, dass die Korinther sich nicht von der Hoffnung des Evangeliums abbringen lassen sollen. Sie hatten gelernt, dass Christus auferstanden ist und dass auch diejenigen, die zu ihm gehören, bei seiner Wiederkunft auferstehen werden. Diese Gewissheit sollte nicht durch Zweifel, menschliche Spekulationen oder widersprechende Lehren verdrängt werden. Eine ähnliche Ermahnung findet sich in Kolosser 1,21–23. Dort fordert Paulus die Gläubigen auf, im Glauben gegründet und fest zu bleiben und sich nicht von der Hoffnung des Evangeliums abbringen zu lassen. In beiden Fällen geht es um die Bewahrung der grundlegenden Wahrheit, die durch Christus offenbart worden ist.
Allerdings darf die Aufforderung zur Unbeweglichkeit nicht mit geistlicher Starrheit verwechselt werden. Paulus verlangt nicht, dass Christen jede Korrektur ablehnen, keine neuen Einsichten gewinnen oder ihre bisherigen Auffassungen grundsätzlich für unangreifbar halten sollen. Er selbst hatte seine früheren Überzeugungen grundlegend verändern müssen, als ihm der auferstandene Christus begegnete. Gerade seine persönliche Geschichte zeigt, dass religiöse Beharrlichkeit ohne richtige Erkenntnis Gottes zu schwerwiegenden Irrtümern führen kann. Die Standhaftigkeit, zu der Paulus auffordert, unterscheidet sich deshalb von einem bloßen Festhalten an menschlichen Traditionen. Sie bedeutet Treue zum Evangelium und die Bereitschaft, das eigene Denken immer wieder an Gottes Wort prüfen zu lassen. Ein Christ soll fest in der Wahrheit stehen, aber zugleich demütig genug bleiben, sich von ihr korrigieren zu lassen. Wahre Glaubensfestigkeit verbindet Überzeugung mit Lernbereitschaft und Treue mit geistlicher Demut.
Die nächste Aufforderung richtet den Blick auf das praktische Handeln. Paulus fordert die Korinther auf, allezeit im Werk des Herrn reichlich tätig zu sein. Das dafür verwendete griechische Wort perisseuō bedeutet, überreich vorhanden zu sein, überzufließen oder in etwas besonders reichlich zu wirken. Paulus spricht damit nicht von einer gelegentlichen religiösen Beschäftigung, die nur dann wichtig wird, wenn gerade genügend Zeit übrig bleibt. Der Glaube an den auferstandenen Christus soll eine beständige Bereitschaft zum Dienst hervorbringen. Dabei bezeichnet das Werk des Herrn nicht ausschließlich die öffentliche Verkündigung oder besondere Aufgaben, die von Aposteln und Gemeindeleitern übernommen werden. Der Zusammenhang des gesamten Korintherbriefes zeigt, dass die christliche Gemeinde aus vielen Gliedern besteht, denen Gott unterschiedliche Gaben und Verantwortlichkeiten anvertraut hat. Nach 1. Korinther 12,4–7 wirkt derselbe Geist durch verschiedene Gaben, und diese werden zum Nutzen der Gemeinschaft gegeben. Jeder Gläubige kann deshalb entsprechend den ihm geschenkten Möglichkeiten zum Aufbau der Gemeinde und zum Wohl anderer Menschen beitragen.
Gerade für die Korinther besaß diese Aufforderung eine besondere Bedeutung. In den vorausgehenden Kapiteln hatten manche Gemeindeglieder bestimmte geistliche Gaben als Zeichen persönlicher Überlegenheit betrachtet. Andere fühlten sich möglicherweise weniger bedeutend, weil sie keine auffälligen Aufgaben übernehmen konnten. Paulus hatte jedoch erklärt, dass die Gemeinde wie ein Körper aus unterschiedlichen Gliedern besteht, die einander benötigen (1. Korinther 12,12–27). Nicht jeder hat dieselbe Aufgabe, und nicht jede Form des Dienstes ist gleichermaßen sichtbar. Dennoch kann jede Aufgabe innerhalb von Gottes Werk wertvoll sein. Ein Mensch, der andere ermutigt, einem Bedürftigen hilft, für Menschen betet, die Wahrheit des Evangeliums verständlich erklärt oder seiner Familie mit Liebe und Geduld dient, handelt nicht zwangsläufig weniger bedeutsam als jemand, der öffentlich predigt. Entscheidend ist, dass der Dienst aus der Verbindung mit Christus hervorgeht und sich an seinem Willen orientiert. Deshalb hatte Paulus in Kapitel 13 die Liebe als unverzichtbare Grundlage aller geistlichen Gaben beschrieben. Ohne Liebe verlieren selbst außergewöhnliche Fähigkeiten ihren eigentlichen Wert.
Wenn Paulus dazu auffordert, reichlich im Werk des Herrn tätig zu sein, bedeutet dies allerdings nicht, dass ein Christ ohne Grenzen arbeiten und jede persönliche Ruhe vernachlässigen müsste. Das Wort „reichlich“ beschreibt die Bereitschaft zu einem hingebungsvollen Dienst, nicht die Verpflichtung zu einer ununterbrochenen körperlichen Belastung. Auch Jesus zog sich zeitweise mit seinen Jüngern zurück, damit sie ausruhen konnten (Markus 6,31). Der christliche Dienst soll deshalb nicht von dem Gedanken bestimmt werden, ein Mensch müsse seine persönliche Leistungsfähigkeit ständig überschreiten, um Gott seine Treue zu beweisen. Ebenso wenig darf geistliche Hingabe zu einer Form menschlichen Ehrgeizes werden, bei der der eigene Wert von der Menge sichtbarer Erfolge abhängt. Paulus hatte bereits in Vers 10 erklärt, dass seine außergewöhnliche apostolische Arbeit durch Gottes Gnade möglich geworden war. Die empfangene Gnade führte ihn zu ernsthaftem Einsatz, aber er betrachtete seine Leistungen nicht als Ursprung seiner Rettung. Auch für die Korinther sollte der Dienst eine Antwort auf Gottes Liebe und Erlösung sein, nicht der Versuch, sich durch möglichst viele religiöse Tätigkeiten seine Annahme bei Gott zu verdienen.
Die abschließende Begründung ist besonders bedeutsam: Die Korinther dürfen wissen, dass ihre Arbeit im Herrn nicht vergeblich ist. Das griechische Wort kopos bezeichnet mühevolle Arbeit, Anstrengung oder eine Tätigkeit, die mit Belastung verbunden ist. Paulus verspricht also nicht, dass der Dienst für Christus immer leicht sein wird. Im Gegenteil: Seine eigene Missionsarbeit war von erheblichen Schwierigkeiten geprägt. Er hatte Ablehnung, Verfolgung, Entbehrungen und körperliche Gefahren erlebt. Auch die Gläubigen in Korinth mussten innerhalb ihrer gesellschaftlichen Umgebung mit Spannungen rechnen. Wer Christus nachfolgte, konnte persönliche Nachteile erfahren und auf Widerstand stoßen. Die Gewissheit, dass die Arbeit nicht vergeblich ist, bedeutet deshalb nicht, dass jeder Einsatz sofort sichtbare Ergebnisse hervorbringen oder jede Bemühung von anderen Menschen anerkannt werden wird. Manche Menschen reagieren auf die Verkündigung des Evangeliums mit Ablehnung. Manche Dienste bleiben über lange Zeit unscheinbar. Dennoch kann Gott auch durch solche Bemühungen wirken, deren vollständige Bedeutung dem Menschen zunächst verborgen bleibt.
Gerade hier entsteht eine enge Verbindung zum Anfang des Kapitels. In Vers 14 hatte Paulus erklärt, dass die apostolische Verkündigung und der Glaube leer wären, wenn Christus nicht auferstanden wäre. Nun verwendet er erneut den Gedanken des Vergeblichen, aber mit der entgegengesetzten Aussage: Weil Christus tatsächlich auferstanden ist, ist die Arbeit für ihn nicht vergeblich. Damit schließt sich der gedankliche Kreis des gesamten Kapitels. Die Auferstehung macht nicht nur die Hoffnung auf das ewige Leben möglich, sondern verleiht auch dem gegenwärtigen Dienst eine bleibende Bedeutung. Wenn der Tod endgültig über alles triumphierte, könnte er auch die menschlichen Bemühungen und Opfer unwiederbringlich begrenzen. Weil Christus jedoch den Tod überwunden hat, ist die Zukunft der Gläubigen nicht auf das beschränkt, was sie im gegenwärtigen Leben erreichen können. Ihre Arbeit steht unter der Verheißung eines Herrn, der lebt und sein Werk zur Vollendung führen wird.
Diese Gewissheit entbindet den Menschen allerdings nicht von der Verantwortung, sein Handeln am Willen Gottes auszurichten. Paulus sagt ausdrücklich, dass die Arbeit „im Herrn“ nicht vergeblich ist. Damit wird der entscheidende Maßstab genannt. Nicht jede Tätigkeit, die ein Mensch aus religiösem Eifer unternimmt, entspricht automatisch Gottes Absicht. Auch ein großer persönlicher Einsatz kann von falschen Beweggründen, menschlichem Ehrgeiz oder unüberlegtem Handeln geprägt sein. Bereits in 1. Korinther 3,12–15 hatte Paulus erklärt, dass das Werk eines jeden offenbar werden und seine Qualität geprüft werden wird. Er unterscheidet dort zwischen einem Dienst, der auf dem Fundament Christi Bestand hat, und einer Arbeit, die sich als nicht dauerhaft erweist. Deshalb verbindet der Ausdruck „im Herrn“ den christlichen Dienst mit der Abhängigkeit von Christus, seinem Wort und seinem Geist. Eine Arbeit wird nicht allein dadurch wertvoll, dass sie anstrengend ist. Ihre bleibende Bedeutung entsteht daraus, dass sie aus der Gemeinschaft mit Christus hervorgeht und seinem Willen dient.
Besonders tröstlich ist diese Verheißung für Menschen, die trotz aufrichtiger Bemühungen nur wenig sichtbare Frucht ihrer Arbeit erkennen können. Ein Christ kann jahrelang für einen anderen Menschen beten, ihn begleiten und ihm Gottes Liebe bezeugen, ohne unmittelbar eine Veränderung zu erleben. Jemand kann sich treu für eine Gemeinde einsetzen, ohne dafür besondere Anerkennung zu erhalten. Andere tragen Verantwortung für Kranke, Kinder, ältere Angehörige oder Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Solche Aufgaben können mühevoll sein und werden von der Öffentlichkeit häufig kaum wahrgenommen. Die Worte des Paulus eröffnen eine andere Perspektive: Der Wert eines Dienstes wird nicht ausschließlich daran gemessen, was Menschen sehen oder unmittelbar als Erfolg beurteilen. Gott kennt die Beweggründe, die Mühen und die Treue seiner Kinder. In Galater 6,9–10 ermutigt Paulus die Gläubigen deshalb, im Gutestun nicht müde zu werden und die vorhandenen Gelegenheiten zu nutzen, anderen Menschen Gutes zu erweisen. Der Dienst für Christus gewinnt seine Bedeutung durch Gottes Verheißung und nicht allein durch menschliche Anerkennung.
Zugleich soll diese Gewissheit die Gläubigen davor bewahren, angesichts von Enttäuschungen und Widerständen aufzugeben. Paulus selbst hatte erlebt, dass seine Verkündigung nicht überall angenommen wurde. Manchmal musste er eine Stadt verlassen, weil seine Gegner ihn verfolgten. An anderen Orten entstanden Gemeinden, die später mit ernsthaften Problemen zu kämpfen hatten. Auch die Korinther waren ein Beispiel dafür, dass der Beginn eines christlichen Lebens nicht automatisch zu einer reibungslosen geistlichen Entwicklung führt. Dennoch gab Paulus sie nicht auf. Er schrieb ihnen, ermahnte sie und bemühte sich darum, sie wieder auf die gemeinsame Grundlage des Evangeliums zurückzuführen. Seine Hoffnung beruhte nicht auf einer idealisierten Vorstellung menschlicher Zuverlässigkeit. Sie gründete auf Gottes Treue und auf der Gewissheit, dass Christus lebt. Deshalb konnte Paulus auch dort weiterarbeiten, wo menschliche Umstände entmutigend erschienen. Das Wissen um die Auferstehung gab ihm die Freiheit, seinen Dienst nicht allein vom unmittelbar sichtbaren Ergebnis abhängig zu machen.
Damit wird auch die innere Verbindung zwischen Hoffnung und Verantwortung sichtbar. Die zukünftige Auferstehung führt Paulus nicht zu der Auffassung, das gegenwärtige Leben sei unwichtig oder die Welt brauche keine Veränderung mehr, weil Christus ohnehin wiederkommen werde. Im Gegenteil: Gerade weil Gott eine neue Zukunft verheißen hat, sollen die Gläubigen schon jetzt ihrem Herrn treu dienen. Die Hoffnung auf Gottes Reich ist kein Ersatz für verantwortliches Handeln, sondern dessen geistliche Grundlage. Wer weiß, dass Christus wiederkommen und sein Erlösungswerk vollenden wird, besitzt einen Grund, Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit bereits heute ernst zu nehmen. Die zukünftige Vollendung entwertet das gegenwärtige Leben nicht. Sie gibt ihm vielmehr eine Bedeutung, die über seine zeitlichen Grenzen hinausreicht. Deshalb gehören die beiden Aufforderungen des Paulus untrennbar zusammen: Die Gläubigen sollen einerseits fest in der Wahrheit stehen und andererseits reichlich im Werk des Herrn tätig sein. Ein Glaube, der sich ausschließlich auf die richtige Lehre konzentriert, aber keine Frucht der Liebe hervorbringt, verfehlt ebenso sein Ziel wie ein religiöser Aktivismus, dem das feste Fundament des Evangeliums fehlt.
Mit Vers 58 beendet Paulus deshalb seine umfassende Erklärung der Auferstehung nicht mit einer weiteren Beschreibung zukünftiger Ereignisse, sondern mit einer Aufforderung für das gegenwärtige Leben. Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist das Fundament des Glaubens. Seine Wiederkunft und die Auferstehung der Erlösten bilden die Hoffnung, auf die Christen vertrauen dürfen. Der endgültige Sieg über den Tod garantiert, dass Gottes Erlösungsplan sein Ziel erreichen wird. Aus dieser Gewissheit sollen Standhaftigkeit, Treue und ein Leben des liebevollen Dienstes erwachsen. Die christliche Hoffnung ist damit weder eine bloße Vertröstung auf die Zukunft noch eine religiöse Vorstellung ohne praktische Bedeutung. Sie verändert die Art, wie Menschen mit Schwierigkeiten umgehen, ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Kräfte einsetzen. Weil Christus lebt und die Seinen zum ewigen Leben auferwecken wird, ist kein treuer Dienst, der wirklich in seiner Gemeinschaft geschieht, letztlich sinnlos. Die Arbeit mag mühevoll sein, ihre Früchte mögen verborgen bleiben und menschliche Anerkennung mag ausbleiben. Doch Gottes Verheißung bleibt bestehen. Gerade die Gewissheit der zukünftigen Auferstehung schenkt den Gläubigen den Mut, heute standhaft zu bleiben, in Liebe zu handeln und ihrem Herrn bis zum Ende treu zu dienen.
1. Korinther 15,42–49
Der Auferstehungsleib: Vom vergänglichen Menschen zur unvergänglichen Herrlichkeit in Christus
Nachdem Paulus anhand des Samenkorns, der unterschiedlichen Lebewesen und der Himmelskörper gezeigt hat, wie vielfältig Gottes Schöpfung ist, wendet er diese Beobachtungen in Vers 42 unmittelbar auf die Auferstehung der Toten an. Bisher hatte er erklärt, dass eine neue Lebensgestalt nicht mit der bisherigen Beschaffenheit identisch sein muss. Nun beschreibt er genauer, worin sich der zukünftige Auferstehungsleib vom gegenwärtigen menschlichen Körper unterscheiden wird. Dabei geht es nicht nur um eine äußerliche Veränderung, sondern um die Überwindung jener Begrenzungen, die das menschliche Leben seit dem Sündenfall bestimmen. Krankheit, körperlicher Verfall, Schwachheit und Tod gehören zur gegenwärtigen menschlichen Erfahrung. Paulus verkündet jedoch, dass Gott die Menschen, die zu Christus gehören, nicht lediglich in diesen bisherigen Zustand zurückrufen wird. Die Auferstehung wird vielmehr eine neue Form leiblichen Lebens hervorbringen, die nicht mehr der Vergänglichkeit unterworfen ist. Damit beantwortet er die Frage aus Vers 35, mit welchem Leib die Toten auferstehen werden, ohne die zukünftige Wirklichkeit auf menschliche Vorstellungen von körperlicher Existenz zu begrenzen.
Seine erste Gegenüberstellung lautet, dass der Leib verweslich gesät, aber unverweslich auferweckt wird. Paulus greift damit das Bild vom Samenkorn wieder auf, das in die Erde gelegt wird. Das Säen veranschaulicht hier den Übergang des menschlichen Körpers in den Tod und seine Vergänglichkeit. Wenn ein Mensch stirbt und begraben wird, beginnt sein Körper zu zerfallen. Alles, was das gegenwärtige Leben körperlich ermöglicht hat, verliert seine bisherige Funktion. Das griechische Wort phthora, das hinter dem Begriff der Verweslichkeit steht, bezeichnet Verderben, Zerfall oder Vergänglichkeit. Paulus spricht damit von einer Eigenschaft des jetzigen menschlichen Körpers, die niemand dauerhaft überwinden kann. Selbst ein gesunder und kräftiger Mensch bleibt sterblich. Die gegenwärtige körperliche Existenz ist zeitlich begrenzt und kann durch Alter, Krankheit oder äußere Einwirkungen zerstört werden. Dass ein Mensch noch lebt, bedeutet nicht, dass er bereits unvergängliches Leben besitzt.
Dem stellt Paulus die Unverweslichkeit gegenüber. Das entsprechende griechische Wort aphtharsia beschreibt einen Zustand, der nicht mehr dem Verderben und Zerfall unterliegt. Der Auferstehungsleib wird somit nicht nur vorübergehend von einer Krankheit geheilt oder für eine längere Lebenszeit wiederhergestellt. Er wird eine Beschaffenheit besitzen, die keinen weiteren körperlichen Verfall mehr kennt. Darin unterscheidet sich die endgültige Auferstehung von den Totenerweckungen, die Jesus während seines irdischen Dienstes vollbrachte. Lazarus wurde beispielsweise wirklich ins Leben zurückgerufen, doch er kehrte zunächst in das gewöhnliche menschliche Leben zurück (Johannes 11,43–44). Paulus beschreibt dagegen eine Auferstehung, bei der die Macht des Todes über den Leib dauerhaft gebrochen wird. Diese Unverweslichkeit gehört nicht von Natur aus zum Menschen. Sie ist das Ergebnis von Gottes schöpferischem Handeln. Der sterbliche Mensch kann sie weder durch eigene Anstrengung hervorbringen noch durch besondere geistliche Erkenntnis erlangen. Gott selbst wird den Auferstandenen jene unvergängliche Lebenswirklichkeit schenken, die Christus durch seine Auferstehung eröffnet hat.
In Vers 43 erweitert Paulus seine Erklärung um einen zweiten Gegensatz: Der Leib wird in Unehre gesät und in Herrlichkeit auferweckt. Das Wort „Unehre“ darf dabei nicht so verstanden werden, als sei der menschliche Körper an sich unwürdig oder schlecht. Nach dem Schöpfungsbericht hat Gott den Menschen geschaffen und ihm eine besondere Würde verliehen (1. Mose 1,26–27). Auch Paulus hatte den Korinthern bereits erklärt, dass der Körper des Glaubenden Gott gehört und deshalb nicht geringgeschätzt werden darf (1. Korinther 6,19–20). Die Unehre, von der er nun spricht, steht vielmehr im Gegensatz zur zukünftigen Herrlichkeit. Der sterbliche Körper trägt die Folgen einer Welt, die durch Sünde und Tod geprägt ist. Krankheit kann ihn entstellen, Leiden kann ihn erschöpfen, und im Tod verliert er schließlich die Kraft und Lebendigkeit, die ihn zuvor ausgezeichnet haben. Der Zerfall des menschlichen Körpers macht auf besonders schmerzliche Weise sichtbar, wie tiefgreifend die Vergänglichkeit das gegenwärtige Leben bestimmt. Die Auferstehung wird diesen Zustand jedoch nicht einfach wiederholen, sondern überwinden.
Wenn Paulus von der zukünftigen Herrlichkeit spricht, verwendet er das griechische Wort doxa. Es kann Ehre, Würde, Glanz oder Herrlichkeit bezeichnen. Im Zusammenhang mit der Auferstehung beschreibt es die neue Würde und Beschaffenheit, die Gott den Erlösten verleihen wird. Diese Herrlichkeit ist nicht mit menschlicher Schönheit, körperlicher Vollkommenheit nach irdischen Maßstäben oder äußerem Ansehen gleichzusetzen. Ein Mensch kann bereits im gegenwärtigen Leben körperlich beeinträchtigt sein und dennoch vor Gott dieselbe Würde besitzen wie jeder andere. Ebenso wenig hängt die zukünftige Herrlichkeit davon ab, ob jemand während seines irdischen Lebens besonders schön, kräftig oder gesellschaftlich angesehen war. Paulus spricht von einer Verwandlung, die aus Gottes Macht hervorgeht. In Philipper 3,20–21 erklärt er, dass Christus unseren niedrigen Leib umgestalten wird, damit er seinem verherrlichten Leib gleichgestaltet werde. Der zukünftige Zustand der Erlösten wird also an Christus selbst ausgerichtet sein. Die Herrlichkeit des Auferstehungsleibes ist keine menschliche Leistung, sondern die Erfüllung der göttlichen Verheißung, den ganzen Menschen an Christi Sieg über den Tod teilhaben zu lassen.
Der dritte Gegensatz in Vers 43 lautet, dass der Leib in Schwachheit gesät und in Kraft auferweckt wird. Schwachheit gehört zu den grundlegenden Erfahrungen des gegenwärtigen menschlichen Lebens. Der Körper benötigt Nahrung, Wasser, Ruhe und Schutz. Er kann ermüden, erkranken und verletzt werden. Mit zunehmendem Alter können Fähigkeiten nachlassen, die zuvor selbstverständlich erschienen. Selbst Menschen mit außergewöhnlicher körperlicher Kraft sind auf Dauer nicht unabhängig von diesen Grenzen. Paulus betrachtet diese Schwachheit jedoch nicht als einen Zustand, der für immer bestehen bleiben muss. Die Auferstehung wird einen Leib hervorbringen, der von Gottes Kraft geprägt ist. Dabei geht es nicht um eine bloße Steigerung menschlicher Leistungsfähigkeit, als würden die Erlösten lediglich stärker oder ausdauernder sein als zuvor. Die entscheidende Veränderung besteht darin, dass jene Schwäche überwunden wird, die den sterblichen Körper der Vergänglichkeit und schließlich dem Tod ausliefert.
Bemerkenswert ist, dass Paulus hier von Kraft spricht, obwohl er an anderen Stellen gerade Gottes Wirken in menschlicher Schwachheit hervorhebt. In 2. Korinther 12,9 erklärt Christus ihm, dass seine Kraft in der Schwachheit zur Vollendung kommt. Dort geht es um Gottes gegenwärtige Hilfe, die Paulus befähigt, auch unter leidvollen Bedingungen seinen Dienst fortzusetzen. In 1. Korinther 15,43 richtet sich der Blick dagegen auf die zukünftige Vollendung der körperlichen Erlösung. Beide Aussagen widersprechen sich nicht. Schon heute kann Gottes Kraft einen schwachen Menschen tragen, ohne dass dessen körperliche Begrenzungen dadurch vollständig aufgehoben werden. Bei der Auferstehung wird Gott jedoch auch den Leib selbst aus der Herrschaft dieser Vergänglichkeit befreien. Die Kraft des Auferstehungsleibes entspringt deshalb nicht einer unabhängig von Gott bestehenden menschlichen Fähigkeit. Sie ist Ausdruck des neuen Lebens, das Gott schenkt. Die Erlösten werden nicht zu selbstständigen Quellen göttlicher Macht, sondern bleiben Geschöpfe, deren unvergängliches Leben vollständig auf Gottes Gabe beruht.
In Vers 44 erreicht Paulus den entscheidenden Punkt seiner Beschreibung. Er stellt den natürlichen Leib dem geistlichen Leib gegenüber. Die Schlachter-Bibel von 1951 verwendet hier die Bezeichnung „geistiger Leib“. Der griechische Wortlaut unterscheidet zwischen sōma psychikon und sōma pneumatikon. In beiden Ausdrücken steht dasselbe Hauptwort: sōma, also Leib oder Körper. Dieser Umstand ist für das Verständnis der Auferstehung von großer Bedeutung. Paulus spricht nicht davon, dass der Mensch seinen Leib endgültig verliert und anschließend nur noch als körperloser Geist weiterexistiert. Er stellt vielmehr zwei unterschiedliche Formen leiblicher Existenz einander gegenüber. Der gegenwärtige Körper ist ein natürlicher Leib, der zukünftige Auferstehungskörper ein geistlicher Leib. Das Wort „geistlich“ beschreibt somit nicht das Fehlen von Körperlichkeit, sondern eine neue Beschaffenheit und Lebensordnung. Die Auferstehung bedeutet eine wirkliche Verwandlung des Menschen, nicht die Abschaffung seiner Leiblichkeit.
Um diesen Unterschied genauer zu verstehen, müssen die beiden griechischen Bezeichnungen betrachtet werden. Das Wort psychikos hängt mit psychē zusammen, einem Ausdruck, der je nach Zusammenhang „Leben“, „Seele“ oder das lebendige Wesen bezeichnen kann. Der natürliche Leib ist damit der Körper des Menschen in seiner gegenwärtigen, geschöpflichen Lebensweise. Er besitzt Leben, benötigt aber fortwährend die Bedingungen, die dieses irdische Leben erhalten. Er ist verletzlich und kann sterben. Der Ausdruck pneumatikos hängt dagegen mit pneuma, also „Geist“, zusammen. Im Zusammenhang der paulinischen Theologie bezeichnet er häufig eine Wirklichkeit, die vom Geist Gottes geprägt ist. Bereits in 1. Korinther 2,14–15 unterscheidet Paulus zwischen dem natürlichen Menschen, der Gottes geistliche Wahrheit nicht richtig beurteilt, und dem geistlichen Menschen, der durch Gottes Geist Einsicht empfängt. In unserem Abschnitt verwendet er verwandte Wörter, um die Beschaffenheit des gegenwärtigen und des zukünftigen Körpers einander gegenüberzustellen. Der geistliche Leib ist demnach nicht ein Körper, der in eine körperlose Existenz aufgelöst wurde, sondern ein durch Gottes Geist bestimmter, verwandelter und unvergänglicher Leib.
Ein weiterer Vergleich innerhalb desselben Briefes hilft, diese Bedeutung zu verstehen. In 1. Korinther 10,3–4 spricht Paulus von einer geistlichen Speise und einem geistlichen Trank, die Israel in der Wüste empfing. Damit behauptet er nicht, dass die Israeliten körperlose Nahrung zu sich genommen hätten. Er betrachtet diese Versorgung vielmehr unter dem Gesichtspunkt ihres göttlichen Ursprungs und ihrer geistlichen Bedeutung. Entsprechend bedeutet ein geistlicher Leib nicht, dass dieser Leib unwirklich oder ohne körperliche Beschaffenheit wäre. Die Bezeichnung verweist auf seine neue Bestimmung durch Gottes Wirken. Dennoch erklärt dieser Vergleich nicht sämtliche Eigenschaften des Auferstehungsleibes. Paulus beschreibt weder dessen genaue materielle Zusammensetzung noch die naturwissenschaftlichen Bedingungen seiner zukünftigen Existenz. Solche Fragen bleiben außerhalb seiner Aussage. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass der gegenwärtige Leib von den Bedingungen des sterblichen Lebens geprägt ist, während der zukünftige Leib zu jener unvergänglichen Lebenswirklichkeit gehört, die Christus eröffnet hat.
Das Neue Testament bestätigt an anderer Stelle, dass die Auferstehung nicht mit einer körperlosen Existenz gleichgesetzt werden darf. Als Jesus seinen Jüngern nach seiner Auferstehung erschien, forderte er sie auf, seine Hände und Füße zu betrachten und ihn anzurühren. Er erklärte ausdrücklich, dass ein Geist nicht Fleisch und Knochen habe, wie sie es an ihm sehen könnten (Lukas 24,36–43). Auch Johannes 20,24–29 berichtet davon, dass Jesus dem zweifelnden Thomas seine Wunden zeigte. Diese Begegnungen unterstreichen die persönliche und leibliche Wirklichkeit des auferstandenen Christus. Zugleich lassen die Evangelien erkennen, dass sein Auferstehungsleben nicht einfach eine unveränderte Fortsetzung der bisherigen sterblichen Existenz war. Jesus konnte seinen Jüngern auf außergewöhnliche Weise erscheinen, und nach Römer 6,9 steht er nicht mehr unter der Herrschaft des Todes. Die Auferstehung verbindet somit wirkliche körperliche Identität mit einer neuen, verherrlichten Lebensweise. Gerade diese Verbindung entspricht der Erklärung des Paulus: Der Leib bleibt wirklich Leib, doch seine bisherige Vergänglichkeit wird durch eine neue Beschaffenheit überwunden.
Besonders wichtig ist dabei, die Begriffe „natürlich“ und „geistlich“ nicht vorschnell mit „sündig“ und „sündlos“ gleichzusetzen. Der natürliche Leib ist nicht schon deshalb böse, weil er körperlich ist oder weil er Nahrung und Ruhe benötigt. Gott selbst hatte den Menschen als ein lebendiges, körperliches Wesen geschaffen und seine Schöpfung als gut bezeichnet. Die Sünde hat diese ursprüngliche Lebensordnung beschädigt und den Menschen der Herrschaft des Todes unterworfen. Doch Paulus erklärt hier nicht, dass Körperlichkeit an sich eine Folge der Sünde wäre. Ebenso wenig lehrt er, dass der Mensch schon im gegenwärtigen Leben seinen natürlichen Körper vollständig hinter sich lassen müsse, um geistlich zu werden. Ein Christ kann durch Gottes Geist erneuert sein und dennoch einen sterblichen, schwachen Körper besitzen. Die vollständige Verwandlung des Leibes steht noch aus. Deshalb ist die gegenwärtige geistliche Erneuerung von der zukünftigen körperlichen Auferstehung zu unterscheiden, ohne beide voneinander zu trennen. Gottes Werk beginnt bereits jetzt im Leben des Glaubenden und wird bei der Auferstehung auch seine leibliche Existenz vollenden.
In Vers 45 führt Paulus die Erklärung des natürlichen und des geistlichen Leibes auf zwei Personen zurück, die bereits in den Versen 21 und 22 eine entscheidende Rolle gespielt haben: Adam und Jesus Christus. Dazu zitiert er zunächst 1. Mose 2,7. Dort wird beschrieben, wie Gott den ersten Menschen aus dem Staub der Erde bildete, ihm den Lebensodem einhauchte und der Mensch dadurch zu einem lebendigen Wesen wurde. Paulus gibt diesen Gedanken mit den Worten wieder, dass der erste Mensch, Adam, zu einer lebendigen Seele wurde. Die Formulierung verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie häufig missverstanden wird. Der Schöpfungsbericht sagt nicht, dass Gott einen bereits vollständig vorhandenen Menschen erschuf und anschließend eine eigenständige, von Natur aus unsterbliche Seele in dessen Körper hineinlegte. Vielmehr wird der Mensch durch Gottes lebensspendendes Handeln selbst zu einem lebendigen Wesen. Der Körper, den Gott aus dem Staub gebildet hatte, und der von Gott geschenkte Lebensodem gehören in der Schöpfungserzählung zusammen. Der Mensch besitzt das Leben nicht unabhängig von seinem Schöpfer, sondern empfängt es von ihm.
Der hebräische Ausdruck nephesch chajjāh, der in 1. Mose 2,7 hinter der Formulierung „lebendige Seele“ steht, kann ein lebendiges Wesen oder ein mit Leben erfülltes Geschöpf bezeichnen. Bemerkenswerterweise verwendet der Schöpfungsbericht verwandte Ausdrücke auch für Tiere (1. Mose 1,20–21.24). Das bedeutet nicht, dass Mensch und Tier in jeder Hinsicht gleichgestellt wären. Nach 1. Mose 1,26–27 wurde der Mensch ausdrücklich nach Gottes Bild geschaffen und erhielt eine besondere Verantwortung innerhalb der Schöpfung. Es zeigt jedoch, dass das Wort „Seele“ in diesem Zusammenhang nicht automatisch einen vom Körper unabhängigen, unsterblichen Bestandteil des Menschen bezeichnet. Paulus verwendet die Aussage aus 1. Mose 2,7 vielmehr, um die Beschaffenheit des ersten Menschen zu erklären: Adam empfing das Leben als ein von Gott geschaffenes, körperliches Wesen. Dieses Leben war wirklich und gut, blieb aber von Gottes lebensspendender Macht abhängig. Schon deshalb wäre es falsch, aus der Bezeichnung „lebendige Seele“ abzuleiten, Adam habe aufgrund seiner geschöpflichen Natur eine Unsterblichkeit besessen, die unabhängig von Gottes Willen bestehen konnte.
Dem ersten Adam stellt Paulus nun Christus als den letzten Adam gegenüber. Er bezeichnet ihn als einen lebendigmachenden Geist. Dieser Ausdruck bildet den entscheidenden Gegensatz zur vorherigen Aussage: Adam wurde selbst lebendig gemacht, Christus dagegen ist derjenige, durch den andere Menschen zum Leben gelangen. Der erste Adam empfing Leben von Gott. Der letzte Adam ist der auferstandene Retter, der den Menschen das Leben vermittelt, das sie aus eigener Kraft nicht besitzen können. Damit beschreibt Paulus nicht einfach zwei unterschiedliche Menschen innerhalb derselben Geschichte. Er stellt zwei grundlegende Ordnungen gegenüber. Adam steht am Anfang der Menschheit, die durch Sünde und Tod geprägt wurde. Christus ist der entscheidende neue Anfang, durch den Gott diese Herrschaft überwindet. Dass Paulus ihn als den „letzten Adam“ bezeichnet, bedeutet deshalb nicht, dass Christus der letzte Mensch wäre, der jemals geboren wurde. Er ist vielmehr der endgültige Repräsentant jener neuen Menschheit, die durch Gottes Erlösungswerk zum unvergänglichen Leben geführt wird. Nach ihm muss kein weiterer Erlöser kommen, der sein Werk ergänzen oder vollenden könnte.
Auch die Bezeichnung Christi als lebendigmachender Geist darf nicht missverstanden werden. Paulus sagt damit nicht, dass Jesus nach seiner Auferstehung seine menschliche Natur verloren habe oder in ein körperloses Geistwesen verwandelt worden sei. Eine solche Vorstellung würde dem unmittelbar vorhergehenden Gedanken widersprechen, dass es einen wirklichen geistlichen Leib gibt. Ebenso wenig setzt Paulus Christus hier einfach mit der Person des Heiligen Geistes gleich. Seine Aussage beschreibt die besondere Lebensmacht des auferstandenen Herrn. Christus lebt nicht nur selbst, sondern besitzt auch die Vollmacht, anderen Menschen Leben zu schenken. Bereits in Johannes 5,21 erklärt Jesus, dass der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht und dass ebenso der Sohn lebendig macht, welche er will. In Johannes 11,25 bezeichnet er sich als die Auferstehung und das Leben. Diese Aussagen verdeutlichen, weshalb Paulus Christus als lebendigmachend beschreiben kann. Durch seinen Sieg über den Tod ist er derjenige, in dem Gottes Verheißung des ewigen Lebens ihre Erfüllung findet. Seine gegenwärtige Verbindung mit dem Heiligen Geist und die zukünftige Auferweckung der Gläubigen gehören dabei eng zusammen, wie Römer 8,11 zeigt.
Besonders bedeutsam ist, dass Paulus diese Gegenüberstellung gerade im Zusammenhang der leiblichen Auferstehung entwickelt. Christus schenkt den Glaubenden nicht lediglich eine neue Einstellung zum Leben oder die Möglichkeit, ihre Vergangenheit innerlich hinter sich zu lassen. Zwar beginnt die Erneuerung durch Gottes Geist bereits im gegenwärtigen Leben. In 2. Korinther 5,17 erklärt Paulus, dass der Mensch, der in Christus ist, eine neue Schöpfung geworden ist. Diese geistliche Veränderung ist jedoch nicht die vollständige Erfüllung der Auferstehungsverheißung. Der Gläubige bleibt zunächst sterblich und wartet weiterhin auf die Erlösung seines Leibes (Römer 8,23). Christus als lebendigmachender Geist ist deshalb auch die Grundlage der zukünftigen körperlichen Auferstehung. Durch ihn wird Gott Menschen, deren Leben im Tod endete, zu einem neuen, unvergänglichen Leben auferwecken. Der Unterschied zwischen Adam und Christus reicht somit bis zur endgültigen Bestimmung des Menschen. Der erste Adam steht für das empfangene geschöpfliche Leben, das unter der Herrschaft des Todes vergänglich geworden ist. Christus eröffnet als letzter Adam die unvergängliche Lebenswirklichkeit, an der seine Erlösten Anteil erhalten werden.
In Vers 46 erklärt Paulus die Reihenfolge dieser beiden Lebensordnungen. Nicht das Geistliche ist zuerst da, sondern das Natürliche; danach kommt das Geistliche. Damit beantwortet er eine Frage, die sich aus seiner bisherigen Gegenüberstellung ergeben könnte. Wenn der geistliche Leib die zukünftige, vollendete Form des menschlichen Lebens ist, weshalb besitzt der Mensch ihn nicht schon von Anfang an? Paulus erinnert daran, dass die Geschichte der Menschheit mit Adam und seiner geschöpflichen, natürlichen Leiblichkeit begonnen hat. Christus ist später als Mensch in diese Geschichte eingetreten und hat durch seinen Tod und seine Auferstehung die neue Lebenswirklichkeit eröffnet. Die Reihenfolge lautet deshalb: zuerst der natürliche Mensch, danach die durch Christus eröffnete unvergängliche Auferstehungsexistenz. Diese zeitliche Ordnung bedeutet nicht, dass Adam bereits bei seiner Erschaffung böse oder sündig gewesen wäre. Der Schöpfungsbericht bezeichnet Gottes Werk ausdrücklich als sehr gut (1. Mose 1,31). Der natürliche Leib war als geschaffene Leiblichkeit nicht schlecht. Allerdings war Adam auch als unschuldiger Mensch ein Geschöpf, dessen Leben von Gott abhing. Der endgültige Auferstehungsleib, von dem Paulus spricht, gehört zu einer anderen Stufe der Heilsgeschichte, die erst durch Christus eröffnet worden ist.
Damit unterscheidet Paulus die ursprüngliche Schöpfung von ihrer zukünftigen Vollendung. Gott hatte den Menschen als lebendiges Wesen geschaffen und ihm eine gute Lebensordnung gegeben. Durch den Sündenfall wurde diese Ordnung zerstört, sodass Vergänglichkeit und Tod die menschliche Geschichte bestimmten. Doch Gottes Erlösungsplan besteht nicht einfach darin, die Geschichte an irgendeinen früheren Punkt zurückzusetzen, als hätte es den Sündenfall niemals gegeben. Durch Christus eröffnet er eine Wirklichkeit, in der die Macht des Todes endgültig überwunden ist. Die Auferstehung der Erlösten wird deshalb nicht lediglich eine Wiederholung des bisherigen irdischen Lebens sein. Sie wird die Vollendung dessen bringen, wofür Gott den Menschen geschaffen und was Christus durch sein Erlösungswerk ermöglicht hat. Der Unterschied zwischen dem Natürlichen und dem Geistlichen beschreibt in diesem Abschnitt somit keine Geringschätzung der Schöpfung. Er macht vielmehr deutlich, dass Gott die von ihm geschaffene Menschheit über ihre gegenwärtige vergängliche Existenz hinaus zu einer neuen, unvergänglichen Lebensgemeinschaft mit ihm führen wird.
In Vers 47 greift Paulus die Herkunft Adams erneut auf. Er bezeichnet den ersten Menschen als einen Menschen von der Erde, der aus Staub besteht. Diese Formulierung nimmt die Sprache von 1. Mose 2,7 auf, wo Gott Adam aus dem Staub des Erdbodens bildet. Der hebräische Name Adam steht in einer sprachlichen Verbindung zum Erdboden, der im Hebräischen adamah genannt wird. Damit wird die geschöpfliche Herkunft des Menschen betont. Er ist nicht aus sich selbst entstanden und besitzt keine unabhängige göttliche Existenz. Er wurde aus dem geschaffen, was Gott bereits hervorgebracht hatte, und empfing sein Leben durch Gottes Handeln. Diese Herkunft erinnert den Menschen sowohl an seine Würde als Geschöpf Gottes als auch an seine Grenzen. Er darf über die Werke der Schöpfung Verantwortung tragen, bleibt aber selbst vollständig auf seinen Schöpfer angewiesen. Nach dem Sündenfall wird gerade der Staub zudem zum Bild seiner Sterblichkeit. Gott erklärt Adam, dass er wieder zum Staub zurückkehren werde, aus dem er genommen wurde (1. Mose 3,19). Paulus stellt damit die irdische Herkunft Adams in den Zusammenhang jener Lebensordnung, die vom Tod begrenzt wird.
Dem ersten Menschen von der Erde stellt Paulus den zweiten Menschen gegenüber, der vom Himmel ist. Gemeint ist Jesus Christus, dessen Herkunft und Stellung sich grundlegend von denen Adams unterscheiden. Während Adam als Geschöpf aus dem Staub der Erde gebildet wurde, ist Christus der Sohn Gottes, der in die menschliche Geschichte eintrat. Johannes 1,1–14 beschreibt ihn als das ewige Wort, das bei Gott war und selbst Gott war, bevor es Fleisch wurde und unter den Menschen wohnte. Auch Jesus spricht in Johannes 6,38 davon, dass er vom Himmel herabgekommen sei, um den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat. Wenn Paulus Christus als den zweiten Menschen vom Himmel bezeichnet, stellt er damit nicht infrage, dass Jesus wirklich Mensch geworden ist. Gerade seine echte Menschwerdung ist für den Vergleich mit Adam unverzichtbar. Doch im Unterschied zu Adam besitzt Christus eine himmlische Herkunft und göttliche Sendung. Er ist nicht nur ein weiterer Nachkomme des ersten Menschen, sondern derjenige, durch den Gott einen neuen Anfang für die Menschheit schafft.
Die Bezeichnung Christi als zweiten Menschen ergänzt seine vorherige Beschreibung als letzter Adam. Beide Ausdrücke besitzen eine ähnliche Bedeutung, setzen jedoch unterschiedliche Akzente. Als letzter Adam steht Christus dem ersten Adam als endgültiger Repräsentant der neuen Menschheit gegenüber. Als zweiter Mensch zeigt er, dass mit ihm eine neue Ordnung des menschlichen Lebens beginnt. Paulus behauptet damit nicht, dass zwischen Adam und Jesus keine weiteren Menschen gelebt hätten. Vielmehr behandelt er beide als grundlegende Repräsentanten zweier unterschiedlicher menschlicher Lebensordnungen. Adam steht für die geschöpfliche Menschheit, deren Geschichte unter die Herrschaft von Sünde und Tod geraten ist. Christus steht für die erlöste Menschheit, deren Zukunft von Gottes Auferstehungsmacht bestimmt wird. In Römer 5,18–19 hatte Paulus bereits einen verwandten Gegensatz entwickelt. Dort führt Adams Ungehorsam zur Verurteilung, während Christi Gehorsam die Grundlage der Rechtfertigung und des Lebens bildet. In 1. Korinther 15 richtet sich der Blick besonders auf die endgültige körperliche Konsequenz dieser beiden Lebensordnungen. Durch Adam gehört der Tod zur menschlichen Erfahrung. Durch Christus wird die Auferstehung zum unvergänglichen Leben Wirklichkeit werden.
In Vers 48 überträgt Paulus diesen Gegensatz auf die Menschen, die jeweils zu Adam oder zu Christus gehören. Wie der Irdische beschaffen ist, so sind auch die Irdischen; und wie der Himmlische beschaffen ist, so sind auch die Himmlischen. Damit zeigt er, dass die Eigenschaften der beiden Repräsentanten für diejenigen Bedeutung besitzen, die mit ihnen verbunden sind. Alle Menschen teilen zunächst die geschöpfliche und sterbliche Lebenswirklichkeit Adams. Sie werden geboren, benötigen die Voraussetzungen des irdischen Lebens und sind der Vergänglichkeit unterworfen. Niemand kann sich von Natur aus dieser Gemeinsamkeit entziehen. Die Zugehörigkeit zu Christus eröffnet dagegen eine andere Zukunft. Wer ihm gehört, soll schließlich an seiner verherrlichten Auferstehungsexistenz Anteil erhalten. Dabei meint Paulus nicht, dass die Gläubigen bereits während ihres gegenwärtigen Lebens keine körperlichen Schwächen mehr besitzen oder die Bedingungen der irdischen Existenz hinter sich gelassen hätten. Auch ein Mensch, der durch Gottes Geist erneuert wurde, bleibt bis zu seiner Auferstehung oder Verwandlung sterblich. Die Zugehörigkeit zum himmlischen Christus gibt ihm jedoch die Gewissheit, dass seine gegenwärtige Beschaffenheit nicht seine endgültige Bestimmung ist.
Die Bezeichnung der Gläubigen als Himmlische darf deshalb nicht so verstanden werden, als hätten sie ihren Ursprung ebenfalls im Himmel oder als würden sie bei ihrer Erlösung zu göttlichen Wesen werden. Paulus beschreibt ihre Zugehörigkeit zu Christus und ihre zukünftige Gleichgestaltung mit ihm. Jesus selbst hat erklärt, dass seine Nachfolger in dieser Welt leben, aber nicht mehr zu der von Gott entfremdeten Weltordnung gehören sollen (Johannes 17,14–16). Ihre Hoffnung, ihre Lebensrichtung und ihre zukünftige Bestimmung werden durch Christus geprägt. In Philipper 3,20–21 erklärt Paulus, dass das Bürgerrecht der Gläubigen im Himmel sei und sie von dort den Herrn Jesus Christus als Retter erwarten. Dieser werde ihren niedrigen Leib so verwandeln, dass er seinem verherrlichten Leib gleichgestaltet werde. Die himmlische Zugehörigkeit wird damit nicht auf eine gegenwärtige innere Einstellung reduziert. Sie besitzt ein zukünftiges Ziel, das den ganzen Menschen umfasst. Die Erlösten werden nicht unabhängig von Christus unsterblich, sondern durch ihn Anteil an der unvergänglichen Lebenswirklichkeit erhalten, die seiner Auferstehung entspricht.
In Vers 49 führt Paulus seine Gegenüberstellung schließlich zu einem persönlichen und zugleich hoffnungsvollen Abschluss. So wie die Menschen das Bild des Irdischen getragen haben, werden sie auch das Bild des Himmlischen tragen. Das griechische Wort eikōn, das hier mit „Bild“ wiedergegeben wird, bezeichnet eine Darstellung oder Ähnlichkeit. Im Zusammenhang geht es nicht lediglich um äußerliche Gesichtszüge oder um eine bestimmte körperliche Erscheinung. Die Menschen tragen das Bild Adams, weil sie zu derselben geschöpflichen Menschheit gehören und dessen sterbliche Lebenswirklichkeit teilen. Das bedeutet nicht, dass das bei der Schöpfung verliehene Gottesbild vollständig verschwunden wäre. Auch nach dem Sündenfall spricht die Bibel weiterhin von der besonderen Würde des Menschen als Gottes Ebenbild (1. Mose 9,6; Jakobus 3,9). Paulus behandelt hier jedoch einen anderen Gesichtspunkt. Das Bild des Irdischen beschreibt die gegenwärtige menschliche Existenz, die durch Herkunft, Vergänglichkeit und Sterblichkeit mit Adam verbunden ist. Dem stellt er das Bild des Himmlischen gegenüber, das die zukünftige Gleichgestaltung der Erlösten mit Christus bezeichnet.
Diese Gleichgestaltung reicht über eine bloße Ähnlichkeit im moralischen Verhalten hinaus. Zwar lehrt das Neue Testament ausdrücklich, dass die Nachfolger Jesu bereits heute seinem Charakter ähnlicher werden sollen. In Römer 8,29 erklärt Paulus, dass Gott die Gläubigen dazu bestimmt hat, dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden. In 2. Korinther 3,18 beschreibt er, wie Menschen durch das Wirken des Geistes zunehmend in das Bild Christi verwandelt werden. Dabei geht es um eine wirkliche geistliche Veränderung, die sich bereits im gegenwärtigen Leben zeigen soll. Doch 1. Korinther 15,49 steht innerhalb einer Erklärung des Auferstehungsleibes. Deshalb darf das Tragen des himmlischen Bildes nicht allein auf moralische Eigenschaften wie Liebe, Geduld oder Gehorsam begrenzt werden. Es umfasst auch die zukünftige Verwandlung des Körpers. Die Erlösten werden nicht nur in ihrem Charakter Christus ähnlicher werden, sondern durch Gottes Macht eine unvergängliche leibliche Existenz empfangen, die dem verherrlichten Christus entspricht. Damit wird die vollständige Erlösung des Menschen sichtbar: Gott erneuert nicht nur sein Denken und Handeln, sondern wird schließlich auch seine körperliche Vergänglichkeit überwinden.
Für diese zukünftige Hoffnung ist die Formulierung von Vers 49 besonders bedeutsam. Die Schlachter-Bibel von 1951 gibt sie als Verheißung wieder, dass wir das Bild des Himmlischen tragen werden. In der griechischen Textüberlieferung begegnet daneben eine Lesart, die den Satz als Aufforderung versteht: Wir sollen das Bild des Himmlischen tragen. Beide Lesarten besitzen einen nachvollziehbaren Zusammenhang mit der paulinischen Theologie. Die Aufforderung würde die gegenwärtige Verantwortung der Gläubigen betonen, ihrem Herrn schon heute ähnlicher zu werden. Die Verheißung richtet den Blick dagegen auf die noch ausstehende Vollendung bei der Auferstehung. Im unmittelbaren Zusammenhang des Kapitels steht diese zukünftige Gleichgestaltung deutlich im Vordergrund. Paulus beschreibt, wie aus dem verweslichen ein unverweslicher, aus dem schwachen ein kraftvoller und aus dem natürlichen ein geistlicher Leib wird. Seine Worte führen deshalb zur Gewissheit, dass die Erlösten eines Tages nicht mehr von den Bedingungen ihres bisherigen sterblichen Lebens geprägt sein werden. Ihre Zukunft wird durch den auferstandenen Christus bestimmt.
Gerade hier wird deutlich, weshalb die christliche Hoffnung mehr umfasst als eine bloße Fortsetzung der menschlichen Existenz nach dem Tod. Paulus verspricht nicht, dass sich der Mensch aufgrund einer angeborenen unsterblichen Seele selbst über den Tod hinaus erhalten könne. Er richtet den Blick vielmehr auf Gottes zukünftiges Handeln, durch das der ganze Mensch zum unvergänglichen Leben auferweckt wird. Ebenso wenig beschreibt er eine Existenz, in der die persönliche Identität des Menschen aufgelöst oder sein Körper endgültig bedeutungslos würde. Die Erlösten bleiben wirkliche Menschen, aber ihre Lebenswirklichkeit wird von der Herrlichkeit des auferstandenen Christus geprägt sein. Was heute schwach, vergänglich und dem Tod unterworfen ist, wird durch Gottes Macht verwandelt. Die Hoffnung auf diese Verwandlung gründet nicht in einer natürlichen Entwicklung des Menschen, sondern in der Verbindung mit dem letzten Adam, der selbst auferstanden ist und anderen Leben schenken kann.
Damit hat Paulus die ursprüngliche Frage nach der Beschaffenheit des Auferstehungsleibes beantwortet, soweit sie durch Gottes Offenbarung verständlich gemacht werden soll. Der gegenwärtige Körper ist verweslich, der zukünftige wird unverweslich sein. Der gegenwärtige Körper ist von Schwachheit und der Begrenztheit des irdischen Lebens geprägt, der zukünftige wird in Herrlichkeit und Kraft auferstehen. Der natürliche Leib gehört zur Lebensordnung Adams, während der geistliche Leib zur neuen Wirklichkeit gehört, die Christus als letzter Adam eröffnet hat. Alle diese Gegenüberstellungen führen zu derselben entscheidenden Wahrheit: Die Auferstehung bedeutet eine wirkliche, von Gott bewirkte Verwandlung des Menschen, bei der seine persönliche Identität bewahrt bleibt und seine Sterblichkeit endgültig überwunden wird. Doch eine wichtige Frage ist damit noch offen. Wenn der gegenwärtige menschliche Körper nicht in seiner bisherigen vergänglichen Beschaffenheit in Gottes ewiges Reich eingehen kann, was geschieht dann mit den Gläubigen, die bei der Wiederkunft Christi noch leben und deshalb nicht zuvor gestorben sind? Genau dieser Frage wendet sich Paulus im folgenden Abschnitt zu und erklärt, wie sowohl die verstorbenen als auch die noch lebenden Erlösten durch Gottes Macht für das unvergängliche Leben verwandelt werden.
Geistliche Kernbotschaft
Die zentrale geistliche Botschaft von 1. Korinther 15 besteht darin, dass Jesus Christus nicht nur für die Sünden der Menschen gestorben, sondern tatsächlich von den Toten auferstanden ist. Seine Auferstehung bildet das Fundament einer Hoffnung, die weit über die Grenzen des gegenwärtigen Lebens hinausreicht. Das Evangelium verkündet nicht lediglich Vergebung für vergangene Schuld oder Hilfe bei den Schwierigkeiten des Alltags. Es offenbart Gottes Vorhaben, den Menschen vollständig von der Herrschaft der Sünde und des Todes zu befreien. Deshalb betrachtet Paulus die Auferstehung nicht als einen zusätzlichen Glaubensinhalt, auf den ein Christ gegebenenfalls verzichten könnte. Ohne sie würde dem Evangelium seine entscheidende Grundlage fehlen. Der Tod Jesu und seine Auferstehung gehören untrennbar zum rettenden Handeln Gottes. Durch Christus eröffnet Gott eine Zukunft, in der der Tod nicht mehr über diejenigen herrschen wird, die zu ihm gehören.
Dieses Kapitel offenbart zunächst etwas Grundlegendes über Gottes Wesen. Gott ist nicht nur der Schöpfer, der den Menschen das Leben geschenkt hat, sondern auch der Erlöser, der ihnen das verlorene Leben wiedergeben kann. Seine Macht endet nicht dort, wo die menschlichen Möglichkeiten erschöpft sind. Für den Menschen erscheint der Tod als eine endgültige Grenze. Er kann das Leben verlängern, Krankheiten behandeln und viele Formen des Leidens lindern, aber er kann die Herrschaft des Todes nicht aus eigener Kraft abschaffen. Gott dagegen hat durch die Auferstehung Jesu gezeigt, dass diese Grenze seiner schöpferischen Macht nicht gesetzt ist. Darin wird nicht nur seine Allmacht sichtbar, sondern ebenso seine Liebe und Treue. Gott lässt seine Geschöpfe nicht einfach ihrem verlorenen Zustand überlassen. Er hat einen Weg geschaffen, auf dem Menschen wieder in eine unvergängliche Lebensgemeinschaft mit ihm geführt werden können.
Gleichzeitig zeigt das Kapitel, wie abhängig der Mensch von Gott ist. Adam wurde durch Gottes lebensspendendes Handeln zu einem lebendigen Wesen. Er besaß sein Leben nicht unabhängig vom Schöpfer. Seit dem Sündenfall steht die Menschheit unter der Wirklichkeit von Vergänglichkeit und Tod. Auch der Gläubige kann sich durch persönliche Frömmigkeit, gute Werke oder eine besonders tiefe geistliche Erkenntnis keine Unsterblichkeit verschaffen. Paulus beschreibt vielmehr, dass das Sterbliche erst durch Gottes zukünftiges Handeln Unsterblichkeit empfangen muss. Dadurch wird eine wesentliche Wahrheit über das Verhältnis zwischen Mensch und Gott deutlich: Das Leben ist ein Geschenk. Der Mensch kann es empfangen und in Dankbarkeit führen, aber er ist niemals dessen unabhängiger Ursprung. Selbst seine zukünftige Unvergänglichkeit wird Ausdruck der Verbindung mit dem lebendigen Christus bleiben.
Gerade hierin liegt die besondere Bedeutung Jesu als des letzten Adam. Der erste Adam steht am Anfang einer Menschheitsgeschichte, die unter die Herrschaft von Sünde und Tod geraten ist. Christus eröffnet dagegen als wahrer Mensch und göttlicher Erlöser einen neuen Anfang. Er kam nicht nur, um den Menschen bessere Lebensregeln zu vermitteln oder ihnen ein besonders vollkommenes Vorbild zu geben. Er kam, um das grundlegende Problem ihrer verlorenen Gemeinschaft mit Gott zu überwinden. Durch sein sündloses Leben, seinen stellvertretenden Tod und seine Auferstehung schafft er die Grundlage für eine Erlösung, die den ganzen Menschen umfasst. Wer zu Christus gehört, darf deshalb auf eine Zukunft vertrauen, die nicht mehr durch Adams gefallene Lebensordnung bestimmt sein wird. Gottes Ziel besteht nicht darin, den Menschen lediglich in seinem bisherigen sterblichen Zustand zu erhalten, sondern ihn durch Christus zu einem unvergänglichen Leben zu führen.
Dabei verbindet 1. Korinther 15 die gegenwärtige Erfahrung des Glaubens mit der zukünftigen Vollendung. Der Mensch kann bereits heute durch Christus Vergebung empfangen, im Glauben wachsen und durch Gottes Geist erneuert werden. Dennoch bleibt er zunächst den Begrenzungen des gegenwärtigen Lebens unterworfen. Auch gläubige Menschen erleben Krankheit, Schwachheit und Tod. Diese Erfahrungen sind kein Beweis dafür, dass Gottes Erlösungswerk wirkungslos wäre. Sie machen vielmehr deutlich, dass die vollständige Erlösung noch aussteht. Die Auferstehung Jesu ist bereits geschehen, während die Auferstehung der Erlösten bei seiner Wiederkunft noch bevorsteht. Zwischen diesen Ereignissen lebt die Gemeinde im Vertrauen auf Gottes Zusage. Sie besitzt bereits die Hoffnung des ewigen Lebens, wartet aber noch auf dessen endgültige Verwirklichung.
Eine besonders tröstliche Wahrheit liegt darin, dass Gott die persönliche Identität der Menschen bei der Auferstehung nicht aufgeben wird. Paulus beschreibt keinen Zustand, in dem der Mensch seine Leiblichkeit endgültig verliert und zu einer unpersönlichen geistigen Existenz wird. Gott wird vielmehr den Menschen, den er geschaffen und erlöst hat, zu einem neuen Leben auferwecken. Der zukünftige Leib wird nicht mehr verweslich, schwach und sterblich sein. Dennoch handelt es sich um die wirkliche Auferstehung der Person, die zuvor gestorben ist. Das bedeutet, dass Gottes Erlösungswerk nicht auf die Rettung eines vermeintlich unabhängig vom Körper bestehenden Bestandteils des Menschen begrenzt ist. Seine Liebe gilt dem ganzen Menschen. Er wird das Leben wiederherstellen und zugleich von jenen Beschränkungen befreien, die es gegenwärtig prägen.
Der endgültige Sieg über den Tod zeigt außerdem, dass Gottes Erlösungsplan auf die vollständige Wiederherstellung seiner guten Herrschaft ausgerichtet ist. Christus wird nicht nur einzelne Menschen aus dem Tod auferwecken, während Sünde und Tod für immer als unüberwindbare Gegenmächte bestehen bleiben. Paulus verkündet, dass der Tod selbst als letzter Feind beseitigt werden wird. Diese Aussicht gibt dem christlichen Glauben eine Hoffnung, die über das persönliche Schicksal des Einzelnen hinausreicht. Gott wird eine Wirklichkeit schaffen, in der seine Gegenwart nicht länger durch Auflehnung, Leid und Sterben verdunkelt wird. Das Ziel ist die vollendete Gemeinschaft zwischen Gott und seinen Erlösten.
Aus dieser Hoffnung erwächst eine Haltung der Dankbarkeit und Treue. Paulus beendet seine Ausführungen nicht mit dem Versuch, jedes Geheimnis des zukünftigen Lebens zu erklären. Er dankt Gott für den Sieg durch Jesus Christus und ruft die Gläubigen dazu auf, standhaft und reichlich im Werk des Herrn tätig zu bleiben. Dadurch wird deutlich, dass die Auferstehungshoffnung keine Flucht aus dem gegenwärtigen Leben bedeutet. Sie schenkt vielmehr einen tieferen Grund, dieses Leben verantwortungsvoll zu gestalten. Wer auf den auferstandenen Christus vertraut, darf auch dort treu bleiben, wo menschliche Anerkennung ausbleibt und Schwierigkeiten den eigenen Weg begleiten. Die geistliche Kernbotschaft des Kapitels lautet deshalb: Das Leben des Christen gründet auf dem auferstandenen Christus, wird durch seine Gnade erneuert und ist auf die endgültige Überwindung von Sünde und Tod ausgerichtet. Weil Christus lebt, besitzt auch die Treue zu ihm eine Zukunft, die über den Tod hinausreicht.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Grundlage für das Verständnis von 1. Korinther 15 liegt bereits in 1. Mose 2,7 und 3,19. Dort wird beschrieben, wie Gott den Menschen aus dem Staub des Erdbodens bildet und ihm den Lebensodem schenkt. Der Mensch wird dadurch zu einem lebendigen Wesen. Nach dem Sündenfall kündigt Gott dagegen an, dass der Mensch wieder zum Staub zurückkehren wird. Paulus greift diese beiden Wahrheiten auf, wenn er Adam als lebendige Seele bezeichnet und zugleich die gegenwärtige Sterblichkeit des Menschen erklärt. Der Schöpfungsbericht zeigt, dass das Leben seinen Ursprung in Gott hat. Die Geschichte des Sündenfalls erklärt, weshalb der Mensch dem Tod unterworfen wurde. 1. Korinther 15 führt diese Gedanken weiter und verkündet, dass Gott durch Christus die Herrschaft des Todes überwinden wird. Die zukünftige Auferstehung ist damit eine Antwort auf das Problem, das bereits am Anfang der biblischen Menschheitsgeschichte sichtbar wird.
Eine besonders enge Verbindung besteht zu Römer 5,12–21. In beiden Abschnitten stellt Paulus Adam und Jesus Christus als zwei entscheidende Repräsentanten der Menschheit einander gegenüber. Im Römerbrief entfaltet er besonders den Zusammenhang zwischen Adams Übertretung, der menschlichen Schuld und Christi rechtfertigendem Erlösungswerk. In 1. Korinther 15 richtet er den Blick stärker auf die Folgen dieser beiden Lebensordnungen für die Auferstehung. Durch Adam ist die Menschheit unter die Herrschaft des Todes geraten; durch Christus wird der Weg zum unvergänglichen Leben eröffnet. Beide Abschnitte ergänzen einander. Die Erlösung umfasst sowohl die Befreiung von der Schuld der Sünde als auch die zukünftige Überwindung ihrer tödlichen Folgen. Dabei zeigt der Zusammenhang, dass die umfassende Bedeutung von Christi Heilstat nicht mit einer automatischen endgültigen Rettung aller Menschen gleichgesetzt werden darf. Die rettende Teilhabe wird mit der Zugehörigkeit zu Christus verbunden.
Auch Daniel 12,2 ist für die biblische Auferstehungshoffnung von grundlegender Bedeutung. Der Prophet beschreibt, dass Menschen, die im Staub der Erde schlafen, wieder erwachen werden. Dabei unterscheidet er zwischen der Auferstehung zum ewigen Leben und einem Erwachen zu Schmach und Abscheu. Diese Aussage zeigt, dass die Hoffnung auf eine wirkliche Auferstehung bereits innerhalb des Alten Testaments vorhanden war. Paulus entwickelt in 1. Korinther 15 besonders das zukünftige Schicksal derjenigen, die zu Christus gehören. Daniel ergänzt diesen Gedanken, indem er die Auferstehung zugleich mit Gottes endgültigem Gericht verbindet. Die Hoffnung auf ewiges Leben und die Verantwortung des Menschen vor Gott dürfen deshalb nicht voneinander getrennt werden.
In Johannes 5,28–29 und 11,25–26 erklärt Jesus selbst seine Macht über den Tod. Er kündigt an, dass die Toten seine Stimme hören und aus den Gräbern hervorgehen werden. Im Gespräch mit Martha bezeichnet er sich ausdrücklich als die Auferstehung und das Leben. Diese Aussagen machen deutlich, dass die Auferstehung nicht lediglich ein unpersönlicher zukünftiger Vorgang ist. Sie ist mit der Person Jesu Christi verbunden. Derjenige, der während seines irdischen Dienstes Menschen aus dem Tod zurückrief, ist auch derjenige, durch den Gott die endgültige Auferstehung verwirklichen wird. Besonders die Auferweckung des Lazarus in Johannes 11 veranschaulicht Jesu Macht über den Tod, während 1. Korinther 15 erklärt, dass die endgültige Auferstehung der Erlösten noch über eine solche Rückkehr zum bisherigen sterblichen Leben hinausgehen wird.
Die ausführlichste neutestamentliche Parallele zur Auferstehung bei Christi Wiederkunft findet sich in 1. Thessalonicher 4,13–18. Dort tröstet Paulus die Gemeinde wegen ihrer verstorbenen Glaubensgeschwister. Er erklärt, dass der Herr selbst vom Himmel herabkommen wird, die Toten in Christus auferstehen und die dann noch lebenden Gläubigen gemeinsam mit ihnen dem Herrn begegnen werden. Dieser Abschnitt ergänzt 1. Korinther 15 in besonders anschaulicher Weise. Beide Briefe verbinden die Auferstehung mit der persönlichen Wiederkunft Christi und einem Posaunensignal. Während 1. Thessalonicher 4 stärker die zukünftige Wiedervereinigung und die Hoffnung der trauernden Gemeinde hervorhebt, beschreibt 1. Korinther 15 ausführlicher die Verwandlung des sterblichen Leibes. Gemeinsam zeigen beide Texte, dass die Erlösung der verstorbenen und noch lebenden Gläubigen auf dasselbe zukünftige Handeln Christi ausgerichtet ist.
Eine weitere wichtige Verbindung besteht zu Römer 8,11.23 und Philipper 3,20–21. Im Römerbrief erklärt Paulus, dass Gott durch seinen Geist auch die sterblichen Leiber der Gläubigen lebendig machen wird. Zugleich spricht er davon, dass sie noch auf die Erlösung ihres Leibes warten. Im Philipperbrief beschreibt er die Wiederkunft Christi als das Ereignis, bei dem der Herr ihren niedrigen Leib so verwandeln wird, dass er seinem verherrlichten Leib entspricht. Beide Texte bestätigen den Gedanken aus 1. Korinther 15, dass die endgültige Erlösung den ganzen Menschen betrifft. Der Heilige Geist wirkt bereits gegenwärtig im Leben der Gläubigen, doch die vollständige Überwindung ihrer Sterblichkeit steht noch aus. Die zukünftige Verwandlung ist deshalb keine bloß sinnbildliche Beschreibung innerer Erneuerung, sondern gehört zur wirklichen Vollendung der leiblichen Existenz.
Von besonderer Bedeutung ist außerdem Römer 6,3–11. Dort verbindet Paulus die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi. Der Glaubende soll seine bisherige Lebensweise unter der Herrschaft der Sünde hinter sich lassen und in einem neuen Leben wandeln. Damit ergänzt Römer 6 die zukünftige Auferstehungshoffnung um ihre gegenwärtige geistliche Bedeutung. Wer auf Christus vertraut, soll nicht erst bei dessen Wiederkunft eine Veränderung erfahren. Bereits heute beginnt ein neues Leben, das von Gottes Gnade und Geist geprägt wird. Dennoch ersetzt diese gegenwärtige geistliche Erneuerung nicht die zukünftige leibliche Auferstehung. Beide gehören zusammen: Die gegenwärtige Befreiung aus der Herrschaft der Sünde weist auf jene endgültige Vollendung voraus, in der auch der Tod seine Macht verlieren wird.
Die Verbindung zwischen Jesaja 25,8, Hosea 13,14 und 1. Korinther 15,54–55 ist besonders eng, weil Paulus die prophetischen Worte ausdrücklich in seine Auferstehungsverkündigung aufnimmt. Jesaja kündigt an, dass Gott den Tod für immer beseitigen und die Tränen abwischen wird. Hosea verwendet eine eindrucksvolle Sprache über Tod und Totenreich, die Paulus zu seinem triumphierenden Siegesruf aufgreift. Die ursprünglichen prophetischen Zusammenhänge unterscheiden sich, doch ihre Aufnahme bei Paulus verdeutlicht, dass Gottes endgültiger Sieg über den Tod bereits im alttestamentlichen Zeugnis vorbereitet wurde. Der Apostel verkündet somit keinen von Israels Hoffnung losgelösten Erlösungsplan. Er erkennt vielmehr in der Auferstehung Christi und der zukünftigen Auferstehung der Erlösten die Erfüllung einer Verheißung, die Gott seinem Volk längst gegeben hatte.
Der abschließende Zukunftshorizont findet sich in Offenbarung 20,13–14 und 21,1–5. Dort wird das endgültige Gericht beschrieben, und Tod und Totenreich werden schließlich beseitigt. Anschließend sieht Johannes einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der Gott bei den Menschen wohnen wird. Besonders eindrucksvoll ist die Verheißung, dass es keinen Tod, keine Trauer und keinen Schmerz mehr geben wird. Diese Aussagen führen die Botschaft von 1. Korinther 15 zu ihrer umfassenden Vollendung. Paulus zeigt, dass Christus herrschen wird, bis alle Feinde überwunden sind, und bezeichnet den Tod als letzten Feind. Die Offenbarung beschreibt die zukünftige Wirklichkeit, in der diese Herrschaft des Todes vollständig beendet ist. Damit wird sichtbar, dass Gottes Erlösungswerk nicht nur einzelne Menschen betrifft, sondern auf eine erneuerte Schöpfung ausgerichtet ist.
Schließlich verbindet 1. Petrus 1,3–5 die Auferstehung Jesu ausdrücklich mit der lebendigen Hoffnung der Gläubigen. Petrus erklärt, dass Gott die Glaubenden durch Jesu Auferstehung zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat und ihnen ein unvergängliches Erbe verheißt. Damit ergänzt er den praktischen Abschluss von 1. Korinther 15. Weil die zukünftige Hoffnung auf dem auferstandenen Christus beruht, dürfen Christen auch während gegenwärtiger Prüfungen auf Gottes Treue vertrauen. Die Auferstehung verändert somit sowohl ihren Blick auf das zukünftige Leben als auch ihre Haltung gegenüber den Herausforderungen der Gegenwart.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten Lektionen aus 1. Korinther 15 besteht darin, den eigenen Glauben auf das Evangelium von Jesus Christus zu gründen. Paulus erinnert seine Leser gleich am Anfang des Kapitels daran, dass sie die Botschaft von Christi Tod und Auferstehung empfangen haben und daran festhalten sollen. Daraus ergibt sich eine grundlegende Frage für jeden Christen: Worauf gründet sich meine Beziehung zu Gott? Sie sollte nicht allein auf religiösen Gewohnheiten, persönlichen Gefühlen oder den Überzeugungen anderer Menschen beruhen. Diese Dinge können im Glaubensleben eine Rolle spielen, doch sie besitzen nicht dieselbe Verlässlichkeit wie Gottes Handeln durch Jesus Christus. Deshalb ist es wichtig, sich regelmäßig mit dem Evangelium zu beschäftigen, die biblischen Aussagen über Christus zu verstehen und die eigenen Überzeugungen daran zu prüfen. Ein tragfähiger Glaube entsteht nicht durch die Verdrängung schwieriger Fragen, sondern durch die beständige Ausrichtung auf den auferstandenen Herrn.
Eine zweite Lektion betrifft den Umgang mit persönlicher Schuld und der eigenen Vergangenheit. Das Beispiel des Paulus zeigt, dass Gottes Gnade einen Menschen grundlegend verändern kann. Der frühere Verfolger der Gemeinde wurde zu einem überzeugten Zeugen Jesu Christi. Seine Vergangenheit war damit nicht ungeschehen, doch sie bestimmte nicht länger seine gesamte Zukunft. Diese Erfahrung macht deutlich, dass ein Mensch nicht für immer auf seine früheren Fehler festgelegt bleiben muss. Wer seine Schuld erkennt, sie vor Gott bekennt und sich Christus anvertraut, darf auf Vergebung und einen neuen Anfang hoffen. Gleichzeitig führte die empfangene Gnade Paulus nicht zu Gleichgültigkeit, sondern zu einem Leben ernsthafter Hingabe. Auch heute soll Gottes Vergebung nicht dazu dienen, die Sünde zu verharmlosen. Sie schenkt vielmehr die Möglichkeit, das eigene Leben neu auszurichten und in wachsender Treue zu Gott zu leben.
Eine weitere wichtige Lektion liegt im Umgang mit dem Tod und der Trauer um verstorbene Menschen. Paulus lehrt nicht, dass der Tod harmlos wäre oder dass Christen den Verlust eines geliebten Menschen ohne Schmerz hinnehmen müssten. Er bezeichnet den Tod ausdrücklich als Feind. Zugleich zeigt er, dass Gottes Macht größer ist als diese gegenwärtige Wirklichkeit. Deshalb darf ein Christ trauern und dennoch hoffen. Die Auferstehungsverheißung nimmt den Schmerz eines Abschieds nicht einfach weg, aber sie verhindert, dass dieser Schmerz die gesamte Zukunft bestimmt. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, darf sich an die Zusage erinnern, dass Christus die Toten auferwecken wird. Besonders wichtig ist dabei, diese Hoffnung auch anderen gegenüber mit Liebe und Geduld weiterzugeben. Menschen in Trauer benötigen nicht nur richtige biblische Aussagen, sondern ebenso Verständnis, Begleitung und die Gewissheit, mit ihrem Schmerz nicht allein zu sein.
Das Kapitel lehrt außerdem, die gegenwärtige körperliche Schwachheit nicht mit dem endgültigen Wert eines Menschen gleichzusetzen. Krankheit, Alter und körperliche Einschränkungen können das Leben erheblich verändern. Manche Menschen verlieren dadurch Fähigkeiten, die ihnen früher selbstverständlich erschienen. Andere erfahren, dass sie auf die Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen sind. Paulus beschreibt jedoch eine Zukunft, in der Gott die Erlösten von dieser Vergänglichkeit befreien wird. Daraus ergibt sich nicht, dass körperliche Einschränkungen heute unbedeutend wären oder dass ein gläubiger Mensch keine medizinische Hilfe benötigen sollte. Vielmehr schenkt die Auferstehungshoffnung eine Perspektive, in der der Wert des Menschen nicht von seiner körperlichen Leistungsfähigkeit abhängt. Seine Würde gründet in Gottes Schöpfung und Liebe, während seine zukünftige Hoffnung auf der Verheißung Christi beruht.
Eine weitere Lektion betrifft die Bedeutung der gegenwärtigen Lebensführung. Paulus zeigt, dass die Hoffnung auf die Auferstehung Auswirkungen darauf hat, wie ein Christ heute handelt. Wenn der Mensch eine Zukunft bei Gott erwartet, kann er seine Entscheidungen nicht ausschließlich nach kurzfristigem Nutzen, persönlichem Vergnügen oder gesellschaftlicher Anerkennung ausrichten. Das bedeutet nicht, dass Freude, Erholung und die schönen Dinge des Lebens grundsätzlich abgelehnt werden müssten. Gott hat dem Menschen das Leben als Geschenk anvertraut. Doch dieses Geschenk soll verantwortungsvoll gebraucht werden. Die Hoffnung auf die zukünftige Auferstehung erinnert daran, dass menschliche Entscheidungen eine geistliche Bedeutung besitzen. Deshalb sollen Christen danach fragen, ob ihr Handeln ihrer Zugehörigkeit zu Christus entspricht und ob ihre Lebensweise Gottes Willen widerspiegelt.
Eng damit verbunden ist die Warnung vor falschen Einflüssen. Paulus erinnert die Korinther daran, dass schlechte Gemeinschaften gute Sitten verderben können. Diese Aussage fordert nicht dazu auf, Menschen anderer Überzeugungen grundsätzlich zu meiden. Jesus selbst suchte die Begegnung mit Menschen, die von seiner Botschaft noch weit entfernt waren. Entscheidend ist vielmehr die Frage, wodurch das eigene Denken und Handeln geprägt wird. Wer sich dauerhaft von Vorstellungen beeinflussen lässt, die Gottes Wahrheit widersprechen, kann allmählich seine geistliche Orientierung verlieren. Deshalb ist es wichtig, Freundschaften, Medieninhalte und religiöse Lehren mit Besonnenheit zu beurteilen. Ein Christ muss nicht jeder fremden Meinung ausweichen, sollte jedoch prüfen, ob sie ihn näher zu Christus führt oder seine Beziehung zu ihm schwächt. Geistliche Wachsamkeit bedeutet, offen für Menschen zu bleiben und zugleich die Grundlage des eigenen Glaubens zu bewahren.
Besonders eindrucksvoll ist auch die Lektion über den Umgang mit Leiden und Enttäuschungen. Paulus hatte wegen seiner Verkündigung zahlreiche Gefahren erlebt. Dennoch hielt er an seinem Auftrag fest, weil seine Hoffnung nicht auf das gegenwärtige Leben begrenzt war. Daraus folgt nicht, dass Christen Leiden suchen oder jede vermeidbare Gefahr bewusst auf sich nehmen sollten. Die Bibel fordert keinen leichtfertigen Umgang mit dem eigenen Leben. Sie ermutigt jedoch dazu, Gott auch dann treu zu bleiben, wenn Nachfolge mit persönlichen Nachteilen verbunden ist. Wer sich für Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit einsetzt, wird nicht immer Verständnis oder Anerkennung erfahren. Manchmal bleiben Bemühungen zunächst ohne sichtbaren Erfolg. Gerade in solchen Situationen kann die Auferstehungshoffnung neue Kraft schenken. Der Wert der Treue zu Christus hängt nicht allein davon ab, ob sie unmittelbar belohnt wird.
Die wichtigste praktische Schlussfolgerung steht schließlich in Vers 58. Paulus fordert die Gläubigen auf, fest und unbeweglich zu bleiben und reichlich im Werk des Herrn tätig zu sein. Daraus ergibt sich eine Verbindung zwischen beständigem Glauben und verantwortungsvollem Handeln. Ein Christ soll nicht nur wissen, was er glaubt, sondern diese Überzeugung auch in seinem Leben sichtbar werden lassen. Das kann bedeuten, einen Menschen in einer schwierigen Situation zu unterstützen, einem anderen zu vergeben, für die eigene Familie Verantwortung zu übernehmen, die Wahrheit des Evangeliums weiterzugeben oder sich mit den persönlichen Fähigkeiten in der Gemeinde einzubringen. Nicht jeder Dienst ist öffentlich sichtbar, und nicht jede Aufgabe führt zu großen oder messbaren Ergebnissen. Doch Paulus versichert, dass die Arbeit im Herrn nicht vergeblich ist. Diese Zusage befreit vom Zwang, den eigenen Wert durch außergewöhnliche religiöse Leistungen beweisen zu müssen. Entscheidend ist die treue Verbindung mit Christus, aus der ein Leben der Liebe und des Dienstes erwächst.
Zuletzt führt 1. Korinther 15 zu einer Haltung tiefer Dankbarkeit. Der Mensch kann sich weder selbst rechtfertigen noch seine Sterblichkeit überwinden. Alles, was zur endgültigen Erlösung notwendig ist, gründet auf Gottes Handeln durch Jesus Christus. Deshalb endet Paulus mit dem Dank für den Sieg, den Gott schenkt. Diese Dankbarkeit soll nicht erst dann entstehen, wenn alle Schwierigkeiten des gegenwärtigen Lebens überwunden sind. Sie darf bereits heute den Alltag prägen, weil Gottes Verheißung auf dem auferstandenen Christus beruht. Wer diese Wahrheit verinnerlicht, kann dem Leben mit einer anderen Zuversicht begegnen. Er muss weder seine eigene Vergänglichkeit verdrängen noch seine Hoffnung ausschließlich auf irdische Erfolge setzen. Er darf sein gegenwärtiges Leben verantwortungsvoll gestalten und zugleich auf die Zukunft vertrauen, die Gott verheißen hat.
1. Korinther 15 lädt deshalb dazu ein, mit einer Hoffnung zu leben, die stärker ist als die Angst vor dem Tod. Diese Hoffnung ruht nicht auf menschlicher Stärke oder einer ungewissen Vorstellung vom Jenseits, sondern auf Jesus Christus, der für unsere Sünden gestorben und von den Toten auferstanden ist. Wer ihm vertraut, darf auf die endgültige Überwindung des Todes warten und zugleich schon heute ein Leben führen, das von Gottes Gnade, Liebe und Wahrheit geprägt wird. Die Auferstehung ist damit nicht nur eine Verheißung für die Zukunft. Sie gibt dem gegenwärtigen Leben eine Richtung, einen tragfähigen Grund und die Gewissheit, dass Gottes Erlösungswerk sein Ziel erreichen wird.