1. Korinther 11
Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi!
34 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi!
- 2 Ich lobe euch, liebe Brüder, daß ihr an mich denkt in allen Stücken und haltet die Weise, wie ich sie euch gegeben habe.
- 3 Ich lasse euch aber wissen, daß Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann aber ist des Weibes Haupt; Gott aber ist Christi Haupt.
- 4 Ein jeglicher Mann, der betet oder weissagt und hat etwas auf dem Haupt, der schändet sein Haupt.
- 5 Ein Weib aber, das da betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt, denn es ist ebensoviel, als wäre es geschoren.
- 6 Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr das Haar ab. Nun es aber übel steht, daß ein Weib verschnittenes Haar habe und geschoren sei, so lasset sie das Haupt bedecken.
- 7 Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, sintemal er ist Gottes Bild und Ehre; das Weib aber ist des Mannes Ehre.
- 8 Denn der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne.
- 9 Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen.
- 10 Darum soll das Weib eine Macht auf dem Haupt haben, um der Engel willen.
- 11 Doch ist weder der Mann ohne das Weib, noch das Weib ohne den Mann in dem HERRN;
- 12 denn wie das Weib vom Manne, also kommt auch der Mann durchs Weib; aber alles von Gott.
- 13 Richtet bei euch selbst, ob es wohl steht, daß ein Weib unbedeckt vor Gott bete.
- 14 Oder lehrt euch auch nicht die Natur, daß es einem Manne eine Unehre ist, so er das Haar lang wachsen läßt,
- 15 und dem Weibe eine Ehre, so sie langes Haar hat? Das Haar ist ihr zur Decke gegeben.
- 16 Ist aber jemand unter euch, der Lust zu zanken hat, der wisse, daß wir solche Weise nicht haben, die Gemeinden Gottes auch nicht.
- 17 Ich muß aber dies befehlen: Ich kann's nicht loben, daß ihr nicht auf bessere Weise, sondern auf ärgere Weise zusammenkommt.
- 18 Zum ersten, wenn ihr zusammenkommt in der Gemeinde, höre ich, es seien Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich's.
- 19 Denn es müssen Parteien unter euch sein, auf daß die, so rechtschaffen sind, offenbar unter euch werden.
- 20 Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht des HERRN Abendmahl.
- 21 Denn so man das Abendmahl halten soll, nimmt ein jeglicher sein eigenes vorhin, und einer ist hungrig, der andere ist trunken.
- 22 Habt ihr aber nicht Häuser, da ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämet die, so da nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich euch nicht.
- 23 Ich habe es von dem HERRN empfangen, das ich euch gegeben habe. Denn der HERR Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot,
- 24 dankte und brach's und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis.
- 25 Desgleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis.
- 26 Denn so oft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, sollt ihr des HERRN Tod verkündigen, bis daß er kommt.
- 27 Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset oder von dem Kelch des HERRN trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des HERRN.
- 28 Der Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch.
- 29 Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selber zum Gericht, damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des HERRN.
- 30 Darum sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und ein gut Teil schlafen.
- 31 Denn so wir uns selber richten, so würden wir nicht gerichtet.
- 32 Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom HERRN gezüchtigt, auf daß wir nicht samt der Welt verdammt werden.
- 33 Darum, meine lieben Brüder, wenn ihr zusammenkommt, zu essen, so harre einer des andern.
- 34 Hungert aber jemand, der esse daheim, auf daß ihr nicht euch zum Gericht zusammenkommt. Das andere will ich ordnen, wenn ich komme.
Kapitelüberblick
Wenn Christen zusammenkommen, soll nicht nur das, was sie sagen, sondern auch ihr Verhalten dem Wesen Jesu Christi entsprechen. Paulus beginnt mit dem Aufruf, seinem Beispiel in der Nachfolge Christi zu folgen. Anschließend erklärt er, wie Männer und Frauen beim Beten und prophetischen Reden auftreten sollen. Dabei verbindet er Fragen der äußeren Haltung mit der Schöpfungsordnung, der Beziehung zu Christus und der gegenseitigen Abhängigkeit von Mann und Frau.
Im zweiten Teil wird sein Ton deutlich ernster. Das gemeinsame Mahl der Gemeinde ist von Spaltungen und Rücksichtslosigkeit geprägt. Während manche reichlich essen und trinken, bleiben andere hungrig zurück. Paulus erinnert deshalb an die Einsetzung des Abendmahls durch Jesus Christus. Brot und Kelch verkündigen seinen Tod bis zu seiner Wiederkunft. Wer daran teilnimmt, soll sich selbst prüfen und die Bedeutung dieser Feier ernst nehmen. Paulus macht deutlich, dass echte Gottesverehrung nicht von der Achtung und Liebe gegenüber den Glaubensgeschwistern getrennt werden kann.
Einführung
Die Gemeinde in Korinth lebte in einer griechisch-römischen Hafenstadt, in der unterschiedliche gesellschaftliche Stellungen, religiöse Traditionen und Vorstellungen von Ehre das Zusammenleben prägten. Menschen verschiedener Herkunft und sozialer Verhältnisse hatten durch das Evangelium zum Glauben an Jesus Christus gefunden. Ihr gemeinsamer Glaube bedeutete jedoch nicht, dass alle bisherigen Denkweisen und Gewohnheiten bereits überwunden waren.
In den vorangehenden Kapiteln hatte Paulus ausführlich über christliche Freiheit und Verantwortung gesprochen. Besonders beim Umgang mit Götzenopferfleisch erklärte er, dass nicht allein die persönliche Überzeugung entscheidend ist, sondern auch das Wohl anderer Menschen. Niemand soll ausschließlich seinen eigenen Vorteil suchen (1. Korinther 10,23–33). Der Aufruf in Kapitel 11,1, seinem Beispiel als Nachfolger Christi zu folgen, bildet den Abschluss dieser Gedanken und zugleich einen passenden Übergang zu den folgenden Anweisungen.
Auffällig ist, wie Paulus seine unterschiedlichen Ermahnungen einleitet. In Vers 2 lobt er die Korinther dafür, dass sie sich an ihn erinnern und an den überlieferten Unterweisungen festhalten. Ab Vers 17 erklärt er dagegen ausdrücklich, dass er ihr Verhalten nicht loben kann. Dieser Gegensatz bereitet den Leser darauf vor, dass Paulus nicht jede Gewohnheit der Gemeinde gleichermaßen beurteilt.
Zudem spielen überlieferte Anweisungen eine wichtige Rolle. In Vers 2 spricht Paulus allgemein von den Überlieferungen, die er weitergegeben hat. In Vers 23 verweist er ausdrücklich auf das, was er hinsichtlich des Herrenmahls vom Herrn empfangen und der Gemeinde überliefert hat. Seine Ausführungen sind deshalb mehr als persönliche Ratschläge. Sie sollen den Korinthern helfen, ihr gemeinsames Glaubensleben an der Botschaft und dem Vorbild Jesu Christi auszurichten.
1. Korinther 11,1–3
Christus als Vorbild und die Bedeutung göttlicher Ordnung
Mit der Aufforderung „Werdet meine Nachahmer, gleichwie ich Christi!“ (Vers 1) stellt Paulus einen Maßstab vor, an dem sich christliches Verhalten orientieren soll. Er fordert die Gläubigen nicht dazu auf, seine Persönlichkeit, seine Gewohnheiten oder jede seiner Entscheidungen ungeprüft zu übernehmen. Entscheidend ist die Einschränkung, die er selbst hinzufügt: Er möchte nur insofern nachgeahmt werden, wie sein Leben dem Vorbild Jesu Christi entspricht. Dieser Gedanke schließt unmittelbar an das vorherige Kapitel an. Dort hatte Paulus erklärt, dass er nicht seinen eigenen Vorteil sucht, sondern das Wohl vieler Menschen, damit sie gerettet werden (1. Korinther 10,33). Seine Nachfolge Christi zeigt sich besonders darin, dass er bereit ist, auf persönliche Vorrechte zu verzichten, wenn er anderen dadurch dienen kann. Damit führt er die Korinther zu einer grundlegenden Frage: Orientieren sie ihr Verhalten an den eigenen Wünschen und Ansprüchen oder an Jesus, der sein Leben in den Dienst anderer stellte?
In Vers 2 lobt Paulus die Gemeinde dafür, dass sie sich an ihn erinnert und an den Überlieferungen festhält, die er ihr weitergegeben hat. Mit diesen Überlieferungen meint er die apostolischen Unterweisungen, durch welche die Gläubigen gelernt hatten, wie sie ihren Glauben verstehen und praktisch leben sollten. Das griechische Wort paradosis bezeichnet zunächst etwas, das weitergegeben oder überliefert wird. Es ist deshalb nicht grundsätzlich negativ. Jesus kritisierte menschliche Überlieferungen, wenn sie Gottes Gebote verdrängten (Markus 7,8–13). Paulus dagegen spricht hier von Unterweisungen, die er als Apostel Christi an die Gemeinde weitergegeben hatte. Auch in 2. Thessalonicher 2,15 fordert er die Gläubigen auf, an den empfangenen apostolischen Überlieferungen festzuhalten. Entscheidend ist folglich nicht allein, wie alt oder verbreitet eine religiöse Gewohnheit ist, sondern woher sie stammt und ob sie mit Gottes offenbartem Willen übereinstimmt. Das Lob in Vers 2 bedeutet allerdings nicht, dass Paulus mit sämtlichen Verhaltensweisen der Korinther zufrieden wäre. Der weitere Verlauf des Kapitels zeigt vielmehr, dass übernommene Unterweisungen im konkreten Gemeindeleben noch nicht überall richtig umgesetzt wurden.
Mit Vers 3 beginnt Paulus eine neue Erklärung, die für das Verständnis der folgenden Anweisungen grundlegend ist. Er beschreibt drei Beziehungen: Christus ist das Haupt jedes Mannes, der Mann ist das Haupt der Frau, und Gott ist das Haupt Christi. Auffällig ist, dass Paulus nicht einfach eine aufsteigende Reihenfolge von Frau, Mann, Christus und Gott aufzählt. Er beginnt mit der Beziehung jedes Mannes zu Christus und schließt mit der Beziehung Christi zu Gott. Dadurch wird deutlich, dass auch der Mann nicht unabhängig oder uneingeschränkt handeln kann. Seine Stellung muss zuerst im Verhältnis zu Christus verstanden werden. Wer Christus als sein Haupt anerkennt, steht selbst unter dessen Anspruch und kann sich deshalb nicht auf eine Autorität berufen, die von Jesu Wesen und seinem Vorbild losgelöst wäre.
Das griechische Wort kephalē, das Paulus für „Haupt“ verwendet, bedeutet zunächst den menschlichen Kopf, kann aber auch bildlich gebraucht werden. Gerade über seine genaue Bedeutung in diesem Vers wird seit Langem diskutiert. Manche Ausleger betonen den Gedanken von Leitung und Verantwortung, andere die Bedeutung von Ursprung oder Herkunft. Wieder andere sehen besonders die hervorgehobene Stellung des Hauptes und seine repräsentative Verbindung mit dem übrigen Körper. Diese Bedeutungsrichtungen dürfen nicht ohne Prüfung miteinander gleichgesetzt werden. Der weitere Text führt tatsächlich zur Schöpfungsgeschichte zurück, in der die Frau aus dem Mann gebildet wird (1. Korinther 11,8–9). Zugleich beschreibt Paulus wenig später die gegenseitige Abhängigkeit beider Geschlechter und erinnert daran, dass letztlich alles von Gott kommt (Verse 11–12). Die Aussage über das Haupt muss deshalb innerhalb der gesamten Argumentation verstanden werden. Sie begründet weder eine unterschiedliche menschliche Würde noch ein Recht des Mannes, die Frau nach eigenen Vorstellungen zu beherrschen.
Besonders sorgfältig muss die letzte Beziehung betrachtet werden: Gott ist das Haupt Christi. Paulus spricht damit von einer wirklichen Ordnung innerhalb der Beziehung zwischen dem Vater und Jesus Christus. Während seines irdischen Lebens erklärte Jesus wiederholt, dass er den Willen seines Vaters erfüllen wollte. In Johannes 6,38 bezeichnet er die Erfüllung dieses Willens ausdrücklich als Zweck seines Kommens. Seine Hingabe war jedoch keine erzwungene Unterordnung, sondern Ausdruck seiner freiwilligen Liebe und seines vollkommenen Gehorsams. Philipper 2,6–8 beschreibt, wie Christus, der in göttlicher Gestalt war, sich selbst erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz. Deshalb darf die Aussage aus 1. Korinther 11,3 nicht als Beweis verstanden werden, Christus sei seinem göttlichen Wesen nach geringer als der Vater. Johannes 1,1 bezeugt seine Gottheit, während die Evangelien zugleich seine Beziehung zum Vater und seine freiwillige Hingabe offenbaren. Die biblischen Aussagen über Christi göttliches Wesen und seinen gehorsamen Dienst müssen gemeinsam berücksichtigt werden.
Diese Verbindung ist auch für das Verhältnis zwischen Mann und Frau bedeutsam. Paulus stellt Christus nicht zufällig in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Wer aus der beschriebenen Ordnung eine persönliche Vorrangstellung ableiten möchte, muss zugleich berücksichtigen, wie Christus selbst mit seiner Stellung umging. Er gebrauchte seine Macht nicht zur selbstsüchtigen Durchsetzung eigener Ansprüche, sondern diente anderen und gab sich für sie hin (Markus 10,42–45). Damit ist noch nicht jede Einzelheit der Beziehung zwischen Mann und Frau geklärt. Vers 3 gibt aber bereits einen wichtigen Maßstab vor: Verantwortung und Stellung dürfen nicht vom Charakter Christi getrennt werden. Gerade dort, wo Menschen unterschiedliche Aufgaben oder eine besondere Verantwortung besitzen, bleibt sein Vorbild maßgebend.
Von diesem Ausgangspunkt geht Paulus nun zu einer konkreten Frage des Gottesdienstes über. In den folgenden Versen beschreibt er, wie Männer und Frauen beim Beten und prophetischen Reden mit ihrem Haupt umgehen sollen. Dabei verwendet er dasselbe Wort „Haupt“ sowohl für die zuvor beschriebenen Beziehungen als auch für den tatsächlichen Kopf des Menschen. Diese sprachliche Verbindung ist wichtig, weil das äußere Verhalten nach Paulus etwas über Ehre, gegenseitige Achtung und die Stellung der Beteiligten aussagen kann. Welche Bedeutung die Kopfbedeckung damals besaß und wie seine Anweisungen heute zu verstehen sind, muss deshalb aus den folgenden Versen selbst erschlossen werden.
1. Korinther 11,4–6
Beten, prophetisches Reden und die Bedeutung der Kopfbedeckung
Nachdem Paulus die Beziehungen zwischen Christus, Mann und Frau beschrieben hat, wendet er sich einer konkreten Frage des Gottesdienstes zu. Er erklärt, dass ein Mann, der beim Beten oder prophetischen Reden etwas auf dem Haupt trägt, sein Haupt entehrt. Ebenso bezeichnet er es als entehrend, wenn eine Frau bei diesen Tätigkeiten mit unverhülltem Haupt auftritt. Für heutige Leser wirkt diese Anweisung zunächst ungewöhnlich, weil eine Kopfbedeckung in vielen Gesellschaften kaum noch dieselbe Bedeutung besitzt wie in der Antike. Um Paulus richtig zu verstehen, muss deshalb zunächst geklärt werden, welche Aussage er mit dem äußeren Erscheinungsbild verbindet. Sein Anliegen betrifft nicht einfach eine bestimmte Kleidungsgewohnheit. Er spricht darüber, wie Menschen beim Gottesdienst auftreten und welche Haltung gegenüber Gott und anderen dadurch zum Ausdruck kommt.
Auffällig ist zunächst, dass Paulus Männer und Frauen gleichermaßen als Menschen beschreibt, die beten oder prophetisch reden. Mit dem Beten ist die bewusste Hinwendung zu Gott gemeint, während prophetisches Reden die Weitergabe einer durch Gottes Geist gewirkten Botschaft bezeichnet. In 1. Korinther 14,3 erklärt Paulus, dass prophetisches Reden der Erbauung, Ermahnung und Tröstung der Gemeinde dient. Es geht also nicht ausschließlich um die Vorhersage zukünftiger Ereignisse. Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus das prophetische Reden von Frauen in Vers 5 ausdrücklich voraussetzt. Er stellt hier nicht die grundsätzliche Frage, ob eine Frau überhaupt beten oder prophetisch reden darf, sondern unter welchen äußeren Bedingungen dies geschehen soll. Das ist für das Verständnis der neutestamentlichen Gemeinde von großer Bedeutung. Bereits Joel hatte angekündigt, dass Gott seinen Geist auf Söhne und Töchter ausgießen werde und beide prophetisch reden würden (Joel 3,1–2; Apostelgeschichte 2,17–18). Auch die vier Töchter des Evangelisten Philippus werden ausdrücklich als prophetisch redende Frauen erwähnt (Apostelgeschichte 21,9). Diese Stellen bestätigen, dass Frauen am geistlichen Wirken der Gemeinde beteiligt waren. Die genaue Ordnung ihrer Beteiligung wird damit noch nicht in jeder Einzelheit festgelegt, doch ein grundsätzliches Verbot jeder weiblichen prophetischen Rede wäre mit diesen Aussagen schwer vereinbar.
Wenn Paulus nun das bedeckte Haupt des Mannes beanstandet, muss berücksichtigt werden, dass es in der antiken Welt keine überall einheitliche religiöse Kleiderordnung gab. Im römischen Bereich war es beispielsweise bekannt, dass Männer bei bestimmten religiösen Handlungen einen Teil ihres Gewandes über den Kopf zogen. Im griechischen Umfeld konnten dagegen andere Vorstellungen von angemessenem Auftreten gelten. Da Korinth eine römische Kolonie mit vielfältigen kulturellen Einflüssen war, lässt sich nicht einfach voraussetzen, dass alle Gemeindeglieder dieselben Gewohnheiten mitbrachten. Eine wichtige Frage lautet deshalb, ob Paulus verhindern wollte, dass bestimmte Formen religiöser Selbstdarstellung oder gesellschaftlicher Rangunterschiede in den christlichen Gottesdienst übernommen wurden. Das ist historisch durchaus möglich, wird von Paulus in Vers 4 jedoch nicht ausdrücklich erklärt. Sicher ist zunächst seine Anweisung: Der Mann soll beim Beten und prophetischen Reden nicht mit einer Bedeckung auftreten, die nach der hier vorausgesetzten Ordnung sein Haupt entehrt.
Die Formulierung, dass ein Mann dadurch „sein Haupt“ schändet, besitzt im Zusammenhang eine besondere Tiefe. Paulus verwendet dasselbe Wort, das er unmittelbar zuvor bildlich gebraucht hatte, als er Christus als Haupt des Mannes bezeichnete (Vers 3). Deshalb kann die Aussage sowohl die persönliche Ehre des Mannes betreffen als auch auf die Beziehung zu Christus hinweisen. Der Mann soll in seinem Auftreten nicht etwas zum Ausdruck bringen, das der Stellung widerspricht, die Paulus zuvor beschrieben hat. Allerdings wäre es zu weitgehend, aus der bloßen Kopfbedeckung eine grundsätzliche Geringschätzung Christi abzuleiten, ohne den damaligen Bedeutungszusammenhang zu berücksichtigen. Das Gewicht der Aussage liegt darauf, dass auch äußere Zeichen im Gottesdienst eine Botschaft vermitteln können. Entscheidend ist nicht der Gegenstand allein, sondern was sein Gebrauch in der betreffenden Situation ausdrückt.
Bei der Frau argumentiert Paulus in die entgegengesetzte Richtung. Wer mit unverhülltem Haupt betet oder prophetisch redet, entehrt nach seiner Aussage ihr Haupt. Zur Begründung stellt er diesen Zustand mit einer Frau gleich, deren Haare abgeschoren wurden. Die Schärfe dieses Vergleichs wird erst verständlich, wenn man berücksichtigt, dass Haare und Haartracht in vielen antiken Gesellschaften eng mit Vorstellungen von Würde, Geschlecht, gesellschaftlicher Stellung und Anstand verbunden waren. Eine Frau konnte durch ihre Haartracht etwas über ihre öffentliche Stellung zum Ausdruck bringen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Paulus greift diese Bedeutung auf, wenn er das unverhüllte Haupt mit einer geschorenen Frau vergleicht. Er behauptet damit nicht, dass beide Zustände äußerlich identisch wären, sondern behandelt sie im Blick auf die damit verbundene Schande als vergleichbar. Allerdings wäre es historisch ungenau, jede unbedeckte oder kurzhaarige Frau der damaligen Welt automatisch als unsittlich anzusehen. Die entsprechenden gesellschaftlichen Vorstellungen waren nicht überall gleich, und Paulus selbst nennt hier keine bestimmte moralische Verfehlung als Ursache einer solchen Haartracht.
In Vers 6 führt Paulus seine Argumentation durch einen zugespitzten Vergleich weiter. Wenn eine Frau sich nicht verhüllen wolle, solle sie sich auch die Haare abschneiden lassen. Da er aber voraussetzt, dass eine solche Haartracht für sie als schändlich empfunden würde, fordert er sie auf, ihr Haupt zu verhüllen. Diese Aussage ist am besten als bewusste Zuspitzung zu verstehen. Paulus möchte nicht, dass Frauen sich tatsächlich die Haare abschneiden, um eine neue religiöse Pflicht zu erfüllen. Vielmehr verweist er auf eine Konsequenz, die seine Leserinnen vermutlich selbst als unangemessen beurteilt hätten. Wenn das Abschneiden der Haare als Verlust weiblicher Ehre verstanden wurde, sollten sie nach seiner Argumentation auch die Bedeutung einer unverhüllten Teilnahme am Gottesdienst nicht leichtfertig übergehen. Seine Begründung setzt also voraus, dass die äußeren Zeichen für die damaligen Beteiligten eine erkennbare Bedeutung besaßen.
Dabei entsteht eine wichtige Auslegungsfrage: Meint Paulus mit der Verhüllung ausschließlich eine bestimmte Haartracht, oder spricht er von einer zusätzlichen Bedeckung des Kopfes? Die griechischen Ausdrücke für „unverhüllt“ und „verhüllen“ können eine tatsächliche Bedeckung des Hauptes bezeichnen. Dass Paulus in Vers 6 zwischen dem Abschneiden der Haare und dem Verhüllen unterscheidet, spricht dafür, dass er hier nicht einfach beides gleichsetzt. Nach dieser Deutung geht es um eine zusätzliche Bedeckung, während das Haar als Vergleich herangezogen wird. Dennoch muss berücksichtigt werden, dass Paulus in Vers 15 das lange Haar selbst als eine der Frau gegebene Bedeckung bezeichnet. Die genaue Beziehung zwischen beiden Aussagen lässt sich deshalb erst aus der gesamten Argumentation bis Vers 16 beurteilen. Es wäre voreilig, den Vergleich mit dem Haar entweder vollständig zu übergehen oder umgekehrt jede Erwähnung einer zusätzlichen Kopfbedeckung von vornherein auszuschließen.
Für das Verständnis dieser Verse ist schließlich wichtig, zwischen der ausdrücklichen Anweisung des Paulus und ihrer möglichen heutigen Anwendung zu unterscheiden. Paulus verbindet das äußere Auftreten beim Beten und prophetischen Reden mit der Frage, ob jemand sein Haupt ehrt oder entehrt. Damit nimmt er die sichtbare Gestaltung des Gottesdienstes ernst. Zugleich erklärt der Text noch nicht ausdrücklich, dass jedes Kleidungsstück in allen Kulturen und zu allen Zeiten dieselbe Bedeutung tragen müsse. Ebenso wenig erlaubt er, Ehrfurcht vor Gott ausschließlich an einer bestimmten äußeren Form zu messen. Eine Frau ohne Kopfbedeckung ist nicht allein aufgrund dieses Umstandes als weniger gläubig oder weniger gehorsam zu beurteilen, ohne zuvor die Reichweite der paulinischen Anweisung zu klären. Umgekehrt darf die kulturelle Fremdheit des Textes nicht dazu führen, seine konkrete Forderung vorschnell für bedeutungslos zu erklären.
Paulus führt seine Begründung deshalb noch weiter. In den folgenden Versen beschränkt er sich nicht auf gesellschaftliche Gewohnheiten, sondern nimmt ausdrücklich auf die Schöpfung von Mann und Frau Bezug. Erst wenn diese Gedanken zusammen mit seiner späteren Betonung ihrer gegenseitigen Abhängigkeit betrachtet werden, lässt sich genauer beurteilen, wie die äußere Ordnung des Gottesdienstes mit der von Gott geschaffenen Beziehung zwischen Mann und Frau zusammenhängt.
1. Korinther 11,7–10
Schöpfung, Ehre und die rätselhafte Erwähnung der Engel
Paulus begründet seine Anweisungen zur Kopfbedeckung nun mit einem Gedanken, der über gesellschaftliche Gewohnheiten hinausgeht. Er erinnert daran, wie Gott Mann und Frau erschaffen hat und in welcher Beziehung sie zueinander stehen. In Vers 7 erklärt er, dass der Mann sein Haupt nicht verhüllen soll, weil er Gottes Bild und Ehre ist, während die Frau als Ehre des Mannes bezeichnet wird. Diese Formulierung wirft eine wichtige Frage auf: Warum nennt Paulus ausdrücklich den Mann Gottes Bild, obwohl die Schöpfungsgeschichte bezeugt, dass Gott sowohl den Mann als auch die Frau nach seinem Bild erschaffen hat? Um den Gedanken richtig zu verstehen, darf Vers 7 nicht isoliert betrachtet werden. Paulus greift hier bestimmte Einzelheiten der Schöpfung auf, um seine Anweisungen für den Gottesdienst zu begründen. Er möchte jedoch nicht die vollständige biblische Lehre über die Würde und den Wert des Menschen neu darstellen.
Bereits in 1. Mose 1,26–27 wird erklärt, dass Gott den Menschen nach seinem Bild erschuf und diese Aussage ausdrücklich auf Mann und Frau bezieht. Beide besitzen deshalb ihre menschliche Würde unmittelbar von Gott. Die Frau ist nicht lediglich ein Abbild des Mannes oder ein Mensch von geringerem Wert. Wenn Paulus sie in 1. Korinther 11,7 als Ehre des Mannes bezeichnet, muss seine Aussage mit dieser grundlegenden Schöpfungswahrheit vereinbar sein. Das Wort „Ehre“ steht hier im Zusammenhang mit dem griechischen doxa, das auch Herrlichkeit oder Ansehen bezeichnen kann. Paulus beschreibt damit eine besondere Beziehung zwischen Mann und Frau, die er anschließend aus der Schöpfungsgeschichte erklärt. Dass die Frau die Ehre des Mannes ist, bedeutet nicht, dass sie ausschließlich zu dessen Ruhm existiert oder ihre eigene Beziehung zu Gott nur durch ihn erhält. Eine solche Schlussfolgerung würde über die Aussage hinausgehen und der ausdrücklichen Erklärung von 1. Mose 1,27 widersprechen. Vielmehr stellt Paulus zwei Gesichtspunkte nebeneinander: Der Mann soll in seinem Auftreten die ihm verliehene Stellung vor Gott achten, während die Frau in ihrer Beziehung zum Mann dessen Ehre berührt. Wie weit diese Beziehung als Ausdruck einer bestimmten Leitungsordnung zu verstehen ist, bleibt eine Auslegungsfrage, die auch die folgenden Verse berücksichtigen muss.
In Vers 8 führt Paulus seine Begründung auf die Erschaffung der ersten Frau zurück. Er erklärt, dass der Mann nicht aus der Frau, sondern die Frau aus dem Mann hervorgegangen ist. Damit nimmt er auf 1. Mose 2,21–23 Bezug. Dort wird berichtet, dass Gott Adam in einen tiefen Schlaf fallen ließ, eine seiner Rippen beziehungsweise einen Teil seiner Seite nahm und daraus die Frau bildete. Als Adam sie sah, erkannte er in ihr jemanden, der ihm in besonderer Weise entsprach. Seine Worte über Fleisch von seinem Fleisch und Gebein von seinem Gebein bringen gerade ihre gemeinsame menschliche Natur zum Ausdruck. Die Frau stammt nach der Schöpfungserzählung aus dem Mann, ist aber keine andere oder geringere Art von Geschöpf. Sie besitzt dieselbe menschliche Natur und dieselbe grundlegende Würde. Die besondere Herkunft der Frau erklärt somit eine enge Verbundenheit, nicht ihre angebliche Minderwertigkeit. Paulus verwendet diese Herkunft als Teil seiner Argumentation über das Haupt, ohne in Vers 8 bereits sämtliche Konsequenzen dieser Beziehung auszuführen.
Vers 9 ergänzt den Gedanken durch den Zweck der Erschaffung: Nicht der Mann wurde um der Frau willen geschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen. Die Grundlage dafür findet sich in 1. Mose 2,18. Nachdem Gott erklärt hatte, dass es nicht gut sei, wenn der Mensch allein bleibe, kündigte er an, ihm eine Hilfe zu schaffen, die ihm entspreche. Das hebräische Wort für „Hilfe“ bezeichnet nicht grundsätzlich eine untergeordnete Person. Im Alten Testament wird auch Gott selbst als Helfer seines Volkes bezeichnet, beispielsweise in Psalm 33,20. Entscheidend ist deshalb die ergänzende Aussage, dass die Hilfe dem Menschen entsprechen sollte. Adam brauchte kein weiteres Tier und keinen willenlosen Diener, sondern ein menschliches Gegenüber, mit dem er sein Leben teilen konnte. Die Schöpfung der Frau beantwortete diesen Mangel. Sie wurde für die Gemeinschaft mit dem Mann geschaffen, nicht als bloßes Mittel zur Erfüllung seiner Wünsche. Wenn Paulus diesen Vorgang aufgreift, besitzt die ursprüngliche Reihenfolge der Schöpfung für seine Argumentation eine wirkliche Bedeutung. Es wäre jedoch eine Überdehnung, daraus abzuleiten, der Mann dürfe die Frau beherrschen oder sie sei verpflichtet, jedem seiner Wünsche zu entsprechen.
Mit Vers 10 erreicht die Begründung einen ihrer schwierigsten Punkte. Die Schlachter 1951 formuliert, dass die Frau ein „Zeichen der Gewalt“ auf ihrem Haupt haben müsse, und fügt als Begründung hinzu: „um der Engel willen“. Im griechischen Text steht allerdings nicht ausdrücklich das Wort „Zeichen“. Paulus verwendet vielmehr exousia, ein Begriff, der Macht, Vollmacht, Befugnis oder Autorität bezeichnen kann. Der griechische Satz spricht davon, dass die Frau Vollmacht auf ihrem Haupt haben soll. Die Formulierung der Schlachterübersetzung ist deshalb bereits eine erklärende Deutung. Sie versteht die Vollmacht als ein äußeres Zeichen, das auf eine bestimmte Autoritätsbeziehung hinweist. Diese Auslegung hat eine lange Tradition und fügt sich in den Zusammenhang der Kopfbedeckung ein. Dennoch muss berücksichtigt werden, dass Paulus an anderen Stellen mit exousia gewöhnlich eine Befugnis bezeichnet, die jemand selbst besitzt oder ausüben darf (1. Korinther 8,9; 9,4–6). Darum haben einige Ausleger vorgeschlagen, dass Paulus hier auch die eigene Vollmacht und verantwortliche Stellung der Frau beim Beten und prophetischen Reden hervorheben könnte.
Beide Deutungsrichtungen besitzen Argumente, erklären aber nicht sämtliche Einzelheiten gleichermaßen. Der unmittelbare Zusammenhang spricht dafür, dass Paulus weiterhin an das angemessene Auftreten der Frau und an die Bedeckung ihres Hauptes denkt. Schließlich behandelt er genau diese Frage seit Vers 5 und kehrt in Vers 13 erneut dazu zurück. Dagegen ist sprachlich nicht ausdrücklich gesagt, dass die Frau auf ihrem Haupt ein Zeichen männlicher Herrschaft tragen müsse. Es ist deshalb sinnvoll, die wahrscheinliche Verbindung zur Kopfbedeckung festzuhalten, ohne die genaue Bedeutung von exousia stärker festzulegen, als der Text erlaubt. Bemerkenswert bleibt, dass Paulus die Frau nicht als passive Zuschauerin des Gottesdienstes beschreibt. Sie betet und redet prophetisch, und gerade in diesem Zusammenhang beschäftigt er sich mit ihrer angemessenen äußeren Haltung. Unabhängig davon, wie die Vollmacht im Einzelnen verstanden wird, darf Vers 10 nicht von dieser aktiven geistlichen Beteiligung getrennt werden.
Noch rätselhafter ist die Erwähnung der Engel. Paulus erklärt nicht, weshalb sie für die Kopfbedeckung von Bedeutung sind. Eine verbreitete Auslegung versteht sie als himmlische Zeugen des Gottesdienstes. Nach dieser Auffassung erinnert Paulus daran, dass sich die Gemeinde beim Beten nicht nur vor den Augen der Menschen befindet, sondern dass auch Gottes Engel Anteil an den Vorgängen der Heilsgeschichte nehmen. Ein möglicher Anknüpfungspunkt findet sich in 1. Korinther 4,9, wo Paulus beschreibt, dass die Apostel der Welt, den Engeln und den Menschen zum Schauspiel geworden sind. Auch 1. Petrus 1,12 spricht davon, dass Engel in die Dinge hineinzuschauen begehren, die Gott durch das Evangelium offenbart hat. Diese Bibelstellen zeigen, dass das Wirken Gottes unter den Menschen für Engel von Bedeutung ist. Sie beweisen allerdings nicht unmittelbar, dass Paulus in 1. Korinther 11,10 gerade an Engel denkt, die während des Gottesdienstes die Kopfbedeckung der Frauen beobachten. Die Erklärung ist möglich und fügt sich in die biblische Vorstellung himmlischer Anteilnahme ein, bleibt aber eine Deutung.
Eine andere Auslegung verbindet die Erwähnung der Engel mit den gefallenen Engeln und mit älteren jüdischen Überlieferungen, die sich auf 1. Mose 6,1–4 beziehen. Danach könnte die Verhüllung der Frau mit Vorstellungen von sittlichem Schutz oder angemessener Zurückhaltung gegenüber himmlischen Wesen zusammenhängen. Diese Erklärung verlangt jedoch zusätzliche Annahmen. Paulus spricht weder von gefallenen Engeln noch von einer besonderen Gefahr, die durch unverhüllte Frauen entstehen würde. Auch nennt er keine entsprechende Begebenheit aus der Urgeschichte. Deshalb wäre es nicht gerechtfertigt, eine solche Überlieferung als den sicheren Hintergrund seiner Worte darzustellen. Die biblisch zurückhaltendere Feststellung lautet, dass Paulus die Engel als zusätzliche Begründung für seine Anweisung nennt, ohne ihre genaue Rolle zu erläutern. Gerade bei einer so knappen Formulierung ist es wichtig, zwischen einer möglichen Erklärung und einer ausdrücklichen Aussage der Schrift zu unterscheiden.
Die Verse 7–10 zeigen somit, dass Paulus seine Anweisungen nicht ausschließlich mit gesellschaftlichen Konventionen begründet. Er verweist ausdrücklich auf die Erschaffung von Mann und Frau und betrachtet ihre Beziehung als etwas, das auch für das gemeinsame Leben vor Gott Bedeutung besitzt. Gleichzeitig entscheidet die Schöpfungsbegründung noch nicht von selbst, welche konkrete Form der Kopfbedeckung in jeder späteren Kultur erforderlich wäre. Dafür muss die gesamte Argumentation berücksichtigt werden. Besonders wichtig ist, dass Paulus seine Gedanken nicht mit Vers 10 abschließt. Unmittelbar danach spricht er von der gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Mann und Frau „im Herrn“. Diese Ergänzung verhindert, dass die bisherige Argumentation einseitig gelesen wird. Wer verstehen möchte, welche Bedeutung Paulus der Schöpfungsordnung beimisst, muss deshalb auch beachten, wie er die Beziehung von Mann und Frau durch ihre gemeinsame Abhängigkeit von Gott begrenzt und ergänzt.
1. Korinther 11,11–12
Mann und Frau: gegenseitige Abhängigkeit im Herrn
Nachdem Paulus die Erschaffung der Frau aus dem Mann als Begründung für seine Anweisungen herangezogen hat, fügt er eine entscheidende Ergänzung hinzu. In Vers 11 schreibt er: „Doch ist im Herrn weder das Weib ohne den Mann, noch der Mann ohne das Weib.“ Mit dem einleitenden Wort „doch“ macht Paulus deutlich, dass seine bisherigen Aussagen nicht einseitig verstanden werden dürfen. Die Reihenfolge der Schöpfung besitzt für seine Argumentation eine Bedeutung, aber sie beschreibt nicht die gesamte Beziehung zwischen Mann und Frau. Wer ausschließlich die Verse 8–9 betrachtet, könnte den Eindruck gewinnen, der Mann nehme eine weitgehend unabhängige Stellung ein, während die Frau ihre Bedeutung nur aus seiner Existenz ableite. Genau diesem möglichen Missverständnis begegnet Paulus nun. Beide sind aufeinander bezogen, und keiner von ihnen darf seine Stellung so verstehen, als wäre der andere für Gottes Schöpfungsordnung bedeutungslos.
Besonders wichtig ist die Formulierung „im Herrn“. Paulus spricht nicht nur von einer biologischen oder gesellschaftlichen Abhängigkeit, sondern betrachtet die Beziehung zwischen Mann und Frau im Licht ihrer Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Die Wendung bezeichnet in seinen Briefen häufig das Leben in Gemeinschaft mit Christus und unter seiner Herrschaft. Damit erhält die gegenseitige Verbundenheit eine geistliche Bedeutung. Beide stehen vor demselben Herrn, beide sind auf Gottes Gnade angewiesen, und keiner besitzt aufgrund seines Geschlechts einen höheren Wert vor Gott. Diese Wahrheit entspricht der Aussage aus Galater 3,28, dass die Zugehörigkeit zu Christus nicht durch die Unterschiede zwischen Mann und Frau aufgehoben wird. Dort geht es besonders um ihre gemeinsame Stellung als Erben der Verheißung durch den Glauben. Paulus behauptet damit nicht, dass sämtliche geschlechtlichen Unterschiede oder Aufgaben bedeutungslos geworden wären. Er verhindert jedoch, dass solche Unterschiede zu einer geistlichen Rangordnung führen, in der ein Mensch vor Gott mehr wert wäre als ein anderer.
In Vers 12 erklärt Paulus, weshalb diese gegenseitige Abhängigkeit bereits in der Schöpfung selbst angelegt ist. Zunächst bestätigt er nochmals, dass die Frau aus dem Mann hervorgegangen ist. Damit verweist er auf die Erschaffung Evas aus Adam, wie sie in 1. Mose 2,21–23 beschrieben wird. Anschließend kehrt er jedoch die Blickrichtung um: Seit der Erschaffung der ersten Menschen kommt jeder Mann durch eine Frau zur Welt. Die ursprüngliche Herkunft der Frau aus dem Mann steht somit der fortdauernden Herkunft des Mannes durch die Frau gegenüber. Im griechischen Text verwendet Paulus dafür zwei unterschiedliche Verhältniswörter. Bei der Frau spricht er von einem Hervorgehen aus dem Mann, bei dem Mann von einem Hervorgehen durch die Frau. Diese sprachliche Unterscheidung passt genau zu seiner Argumentation: Die erste Aussage erinnert an den einmaligen Schöpfungsvorgang, die zweite an die fortwährende menschliche Fortpflanzung. Beide Tatsachen gehören zusammen und verhindern, dass die ursprüngliche Reihenfolge der Schöpfung zu einer unbegrenzten Überlegenheit des Mannes erklärt wird.
Darin liegt eine bemerkenswerte Ausgewogenheit. Adam konnte die Frau nicht selbst erschaffen; Gott bildete sie und führte sie zu ihm. Ebenso wenig kann irgendein später geborener Mann seine Existenz unabhängig von einer Frau erklären. Der Mann, aus dem die erste Frau hervorging, steht damit am Anfang der biblischen Menschheitsgeschichte. Zugleich ist jeder nachfolgende Mann auf die Geburt durch eine Frau angewiesen. Paulus benutzt diese beiden Tatsachen nicht, um nun umgekehrt eine Überlegenheit der Frau zu begründen. Vielmehr stellt er die gegenseitige Verbundenheit heraus. Unterschiede in Herkunft und Aufgabe rechtfertigen weder männlichen Hochmut noch weibliche Geringschätzung. Die Schöpfungsgeschichte darf deshalb nicht so gelesen werden, als besitze einer der beiden Menschen seine Würde auf Kosten des anderen. Schon die Bezeichnung der Frau als ein dem Mann entsprechendes Gegenüber in 1. Mose 2,18 weist auf eine Gemeinschaft hin, die nicht durch einseitige Selbstgenügsamkeit bestimmt ist.
Den Höhepunkt seiner Erklärung erreicht Paulus mit dem abschließenden Hinweis, dass letztlich alles von Gott kommt. Damit führt er die Gedanken über Mann und Frau zu ihrem gemeinsamen Ursprung zurück. Weder die Herkunft Evas aus Adam noch die Geburt der Männer durch Frauen begründet eine von Gott unabhängige Stellung. Alles menschliche Leben verdankt sich dem Schöpfer. Dieser Gedanke besitzt im ersten Korintherbrief eine besondere Bedeutung. Bereits in 1. Korinther 4,7 hatte Paulus die Gemeinde gefragt, was ein Mensch besitze, das er nicht empfangen habe. Die Frage richtete sich gegen den Stolz der Korinther, die sich aufgrund ihrer Fähigkeiten, ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Lehrern oder ihrer geistlichen Gaben über andere erhoben. In Kapitel 11 begegnet derselbe Grundgedanke in einem anderen Zusammenhang: Auch die Stellung von Mann und Frau ist kein persönlicher Verdienst, sondern gehört zur von Gott geschenkten Wirklichkeit des menschlichen Lebens. Wer seine Stellung als Geschenk versteht, hat keinen Grund, daraus selbstsüchtige Überlegenheit abzuleiten.
Dabei ist sorgfältig zu beachten, dass Paulus mit den Versen 11–12 seine vorangehenden Aussagen nicht einfach zurücknimmt. Er erklärt nicht, die Schöpfungsreihenfolge habe überhaupt keine Bedeutung mehr. Ebenso wenig liefert er hier eine vollständige Antwort auf jede Frage nach Verantwortung, Leitungsaufgaben oder dem Verhältnis der Geschlechter in Ehe und Gemeinde. Seine Aussage besitzt jedoch eine klare begrenzende Wirkung: Jede Deutung der vorhergehenden Verse muss mit der gegenseitigen Abhängigkeit von Mann und Frau vereinbar bleiben. Eine Vorstellung, nach der der Mann grundsätzlich unabhängig handeln dürfte, während die Frau nur durch seine Stellung Bedeutung besäße, wird dem Gedankengang des Paulus nicht gerecht. Andererseits darf die gegenseitige Abhängigkeit nicht dazu verwendet werden, seine zuvor ausdrücklich genannten Unterschiede einfach zu übergehen. Beide Seiten seiner Argumentation müssen zusammengehalten werden.
Für das christliche Zusammenleben ergibt sich daraus eine wichtige Folgerung. Gegenseitige Achtung entsteht nicht erst dadurch, dass Menschen dieselben Aufgaben übernehmen oder in jeder Hinsicht gleich handeln. Sie gründet tiefer: Beide sind Geschöpfe Gottes, beide gehören als Gläubige zu Christus und beide sind auf das angewiesen, was Gott durch andere Menschen schenkt. Diese Verbundenheit gilt nicht nur für Ehepaare, denn Paulus spricht grundsätzlich von Mann und Frau und nicht ausschließlich von verheirateten Menschen. Die Aussage darf deshalb auch nicht so verstanden werden, als wäre ein unverheirateter Mensch vor Gott unvollständig. Es geht um die gemeinsame menschliche Existenz und die Verantwortung, einander nicht geringzuschätzen. Gerade in einer Gemeinde, die bereits durch Rangstreit und gegenseitige Überheblichkeit belastet war, besaß diese Erinnerung besonderes Gewicht. In den folgenden Kapiteln wird Paulus denselben Grundsatz auf die unterschiedlichen Glieder der Gemeinde übertragen: Niemand soll sich aufgrund seiner Stellung über andere erheben oder meinen, auf sie verzichten zu können (1. Korinther 12,14–26).
Mit dieser Ergänzung hat Paulus seine Schöpfungsargumentation vor einer einseitigen Deutung geschützt. Nun kehrt er zur konkreten Frage der Kopfbedeckung zurück. In den Versen 13–16 fordert er die Korinther auf, selbst über das angemessene Auftreten beim Beten nachzudenken, und verweist dabei auf Haartracht, Natur und die Gewohnheiten der Gemeinden. Nachdem er die Beziehung zwischen Mann und Frau von ihrem gemeinsamen Ursprung in Gott her erläutert hat, richtet er den Blick erneut auf die sichtbare Gestaltung des Gottesdienstes.
1. Korinther 11,13–16
Haar, Natur und die Ordnung in den Gemeinden
Nachdem Paulus die gegenseitige Abhängigkeit von Mann und Frau hervorgehoben hat, kehrt er zur ursprünglichen Frage der Kopfbedeckung zurück. In Vers 13 fordert er die Korinther auf, selbst darüber zu urteilen, ob es angemessen sei, dass eine Frau mit unverhülltem Haupt zu Gott betet. Diese Aufforderung ist bemerkenswert, denn Paulus gibt nicht einfach eine weitere Anweisung, sondern spricht das Urteilsvermögen seiner Leser an. Sie sollen darüber nachdenken, welche Bedeutung das äußere Auftreten im Gottesdienst besitzt und ob es mit der Ehrfurcht vor Gott vereinbar ist. Dabei setzt Paulus offenbar voraus, dass seine Leser bestimmte Vorstellungen darüber teilen, was als angemessen oder unangemessen gilt. Seine Frage ist deshalb nicht völlig offen gestellt, als wäre ihm jede Antwort gleichermaßen recht. Aus dem bisherigen Zusammenhang geht hervor, welche Haltung er erwartet. Dennoch zeigt seine Formulierung, dass er die Gemeinde zur bewussten Beurteilung ihres Verhaltens führen möchte. Die Korinther sollen verstehen, weshalb eine bestimmte Praxis angemessen ist, statt lediglich eine äußere Vorschrift gedankenlos zu übernehmen.
In Vers 14 erweitert Paulus seine Begründung durch einen Hinweis auf die Natur. Er erklärt, dass es für einen Mann eine Unehre sei, langes Haar zu tragen, während langes Haar einer Frau nach Vers 15 zur Ehre gereicht. Damit entsteht eine wichtige Auslegungsfrage: Was meint Paulus, wenn er sagt, dass bereits die Natur diesen Unterschied lehre? Das griechische Wort physis kann die natürliche Beschaffenheit eines Menschen oder einer Sache bezeichnen, aber auch die als selbstverständlich empfundene Ordnung des Lebens. Paulus gebraucht es hier im Zusammenhang mit Vorstellungen von männlichem und weiblichem Erscheinungsbild. Dabei ist zu beachten, dass menschliches Haar bei Männern und Frauen grundsätzlich wachsen kann, wenn es nicht geschnitten wird. Die unterschiedliche Länge ist also nicht einfach eine biologische Notwendigkeit. Zugleich wäre es zu einseitig, Paulus' Hinweis auf die Natur lediglich als unverbindliche gesellschaftliche Modevorstellung abzutun. Für ihn stehen die sichtbaren Unterschiede zwischen Mann und Frau offenbar in einer Verbindung mit der von Gott geschaffenen menschlichen Wirklichkeit. Er greift Vorstellungen auf, die seine Leser als natürliche und angemessene Unterscheidung zwischen den Geschlechtern erkennen sollten. Wie stark dabei biologische Gegebenheiten und gesellschaftlich geprägte Gewohnheiten zusammenwirken, lässt sich aus dem Ausdruck allein nicht abschließend bestimmen.
Dass langes Männerhaar nicht unter allen Umständen als sündhaft oder ehrlos gelten kann, zeigt bereits das Alte Testament. Nach 4. Mose 6,5 durfte ein Mann, der ein besonderes Nasiräergelübde abgelegt hatte, während der Dauer dieses Gelübdes seine Haare nicht schneiden. Das ungeschnittene Haar war in diesem Fall gerade ein Zeichen besonderer Hingabe an Gott. Auch die Geschichte Simsons verbindet sein ungeschnittenes Haar mit seiner Weihe von Geburt an (Richter 13,5; 16,17). Diese Beispiele widersprechen der Vorstellung, dass die bloße Länge des Männerhaares unabhängig von jeder Situation eine moralische Verfehlung darstellen müsse. Allerdings hebt ein besonderes Gelübde nicht automatisch die Bedeutung der allgemeinen Unterscheidung auf, die Paulus hier voraussetzt. Vielmehr wird sichtbar, dass Haartracht in der Bibel unterschiedliche Bedeutungen besitzen kann. Was in einer bestimmten Situation als Zeichen der Hingabe verstanden wird, kann in einem anderen Zusammenhang eine andere Aussage vermitteln. Deshalb wäre es problematisch, aus Vers 14 eine allgemeingültige Haarlänge in Zentimetern abzuleiten oder jeden Mann mit langen Haaren grundsätzlich als ungehorsam gegenüber Gott zu beurteilen. Paulus nennt selbst kein solches Maß. Sein Argument betrifft vielmehr die erkennbare Unterscheidung, die nach den Voraussetzungen seiner Ausführungen mit Ehre und angemessenem Auftreten verbunden ist.
Für die Frau hebt Paulus anschließend die positive Bedeutung des langen Haares hervor. Es gereicht ihr zur Ehre, und er begründet dies damit, dass ihr das Haar „statt eines Schleiers“ gegeben sei (Vers 15). Im griechischen Text steht hier peribolaion, ein Ausdruck für etwas, das als Umhüllung oder Bedeckung dient. Paulus betrachtet das lange Haar somit als eine natürliche Bedeckung, die der Frau zur Ehre gereicht. Daraus ergibt sich allerdings eine Schwierigkeit für das Verständnis des gesamten Abschnitts. Wenn die Frau bereits durch ihr Haar bedeckt ist, weshalb sollte sie beim Beten noch eine zusätzliche Bedeckung benötigen? Diese Frage hat zu unterschiedlichen Auslegungen geführt. Einige verstehen die vorherigen Aussagen deshalb vor allem als Anweisungen über die richtige Haartracht. Nach dieser Erklärung wäre eine zusätzliche textile Kopfbedeckung nicht das eigentliche Anliegen des Paulus. Andere weisen darauf hin, dass Paulus in den Versen 5–6 zwischen dem unverhüllten Haupt und dem Abschneiden der Haare unterscheidet. Gerade diese Unterscheidung spricht dafür, dass er dort eine zusätzliche Bedeckung im Blick hat und das lange Haar in Vers 15 als unterstützenden Vergleich verwendet.
Die zweite Erklärung berücksichtigt die unterschiedlichen Formulierungen des Abschnitts insgesamt etwas besser. Wenn Paulus sagt, dass das Haar der Frau als Bedeckung gegeben ist, muss er damit nicht behaupten, dass Haar und Schleier in jeder Hinsicht dieselbe Funktion erfüllen. Er kann vielmehr von der natürlichen Haarbedeckung auf die Angemessenheit einer zusätzlichen äußeren Bedeckung schließen. Das lange Haar wird dann zum anschaulichen Vergleich, durch den seine Leser verstehen sollen, weshalb die Bedeckung des Hauptes nach seiner Auffassung zur Ehre der Frau passt. Dennoch bleibt die Schwierigkeit bestehen, dass Vers 15 das Haar ausdrücklich als etwas bezeichnet, das anstelle einer Umhüllung gegeben ist. Dieser Wortlaut verdient ernsthafte Beachtung und darf nicht zugunsten einer bereits feststehenden Auslegung übergangen werden. Der Text lässt erkennen, dass Haar und Bedeckung für Paulus eng zusammengehören, ohne sämtliche Fragen nach ihrem genauen Verhältnis eindeutig zu beantworten. Eine sorgfältige Auslegung sollte deshalb die sprachlich gut begründete Unterscheidung zwischen Haar und zusätzlicher Bedeckung erklären, zugleich aber die bestehenden Unsicherheiten offen benennen.
Mit Vers 16 beendet Paulus seine Ausführungen durch einen Hinweis auf die gemeinsame Praxis der Gemeinden Gottes. Er schreibt, dass weder er beziehungsweise seine Mitarbeiter noch die Gemeinden eine solche Gewohnheit hätten, falls jemand rechthaberisch sein wolle. Auch dieser Satz ist nicht ohne Schwierigkeiten. Das griechische Wort synētheia bezeichnet eine Gewohnheit oder übliche Praxis. Unklar bleibt, worauf Paulus mit „solche Gewohnheit“ genau zurückweist. Eine verbreitete Erklärung versteht darunter die von ihm beanstandete Praxis, dass Frauen beim Beten und prophetischen Reden unverhüllt auftreten. Danach würde Paulus seine bisherige Argumentation abschließend dadurch bekräftigen, dass auch die anderen christlichen Gemeinden keine entsprechende abweichende Gewohnheit kennen. Eine andere Deutung bezieht die Formulierung auf die unmittelbar erwähnte Rechthaberei. Paulus würde dann erklären, dass streitsüchtige Auseinandersetzungen nicht zur anerkannten Praxis der Gemeinden gehören. Die erste Erklärung passt gut zum behandelten Thema und zum Hinweis auf die gemeinsame gottesdienstliche Praxis. Die zweite nimmt den unmittelbaren Satzanschluss besonders ernst. Da der griechische Wortlaut den Bezug nicht ausdrücklich benennt, bleibt eine gewisse Unsicherheit bestehen.
Unabhängig von dieser Einzelfrage ist bemerkenswert, dass Paulus seine Anweisungen nicht ausschließlich als eine Angelegenheit der korinthischen Ortsgemeinde behandelt. Er verweist auf die anderen Gemeinden Gottes und damit auf die größere Gemeinschaft der Gläubigen. Bereits in 1. Korinther 4,17 hatte er erklärt, dass er seine Wege in Christus überall in den Gemeinden lehre. Paulus wollte offensichtlich vermeiden, dass einzelne Gemeinden aus persönlichem Stolz oder örtlichen Besonderheiten eine grundsätzlich unabhängige christliche Ordnung entwickelten. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede damals verbreitete äußere Gewohnheit ohne weitere Prüfung in allen späteren Kulturen unverändert übernommen werden muss. Eine gemeinsam befolgte apostolische Praxis verdient ernsthafte Beachtung; ihre konkrete Anwendung verlangt aber weiterhin die Frage, welche Bedeutung sie ursprünglich besaß und wie diese Bedeutung unter veränderten gesellschaftlichen Voraussetzungen bewahrt werden kann. Ebenso wenig darf der Hinweis auf kulturelle Unterschiede dazu benutzt werden, eine unbequeme biblische Anweisung ohne nähere Prüfung beiseitezuschieben.
Gerade bei der Kopfbedeckung muss deshalb zwischen dem sicher erkennbaren Anliegen des Paulus und der Frage nach seiner heutigen Umsetzung unterschieden werden. Ausdrücklich fordert er Männer und Frauen zu einem Verhalten auf, das beim Beten und prophetischen Reden der von ihm beschriebenen Ordnung entspricht. Er verbindet diese Forderung mit der Schöpfung, mit Ehre und Schande, mit natürlichen beziehungsweise als natürlich verstandenen Unterschieden und mit der Praxis der Gemeinden. Deshalb wäre es zu einfach, den gesamten Abschnitt ausschließlich als belanglose Kleidermode zu behandeln. Andererseits erklärt Paulus nicht ausdrücklich, wie eine bestimmte Kopfbedeckung in Gesellschaften zu beurteilen ist, in denen sie eine völlig andere Bedeutung besitzt. Christen kommen bei dieser Frage zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Manche verstehen die konkrete Bedeckung weiterhin als verbindliche apostolische Anweisung. Andere sehen darin eine damalige Ausdrucksform einer bleibenden Ordnung, deren Bedeutung heute auf andere Weise sichtbar werden kann. Beide Auffassungen müssen sich daran messen lassen, ob sie den vollständigen Gedankengang des Paulus ernst nehmen und weder die Schöpfungsbegründung noch die gegenseitige Abhängigkeit von Mann und Frau übergehen.
Mit diesen Worten schließt Paulus seine erste Erörterung über das angemessene Verhalten in der Gemeindeversammlung ab. Er hat deutlich gemacht, dass äußeres Verhalten beim Gottesdienst nicht grundsätzlich bedeutungslos ist, weil es etwas über die Haltung der Beteiligten und ihre Beziehungen zueinander ausdrücken kann. Im folgenden Abschnitt tritt jedoch ein wesentlich schwerwiegenderes Problem hervor. Während Paulus die Korinther zuvor noch für das Festhalten an den überlieferten Unterweisungen loben konnte, erklärt er ab Vers 17 ausdrücklich, dass er ihre Zusammenkünfte nicht loben kann. Der Grund liegt nun nicht in Fragen der Haartracht oder Kopfbedeckung, sondern darin, dass die Gläubigen beim gemeinsamen Mahl andere Menschen missachten. Damit richtet Paulus den Blick auf einen Bereich, in dem die fehlende Achtung voreinander den eigentlichen Sinn ihrer Gemeinschaft mit Christus unmittelbar verletzt.
1. Korinther 11,17–22
Wenn das gemeinsame Mahl die Gemeinde spaltet
Mit Vers 17 verändert sich der Ton des Paulus deutlich. Während er die Korinther zu Beginn des Kapitels noch dafür gelobt hatte, dass sie an den überlieferten Unterweisungen festhielten, muss er nun ihr Verhalten bei den gemeinsamen Zusammenkünften entschieden tadeln. Er erklärt, dass ihre Versammlungen nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer Verschlechterung führen. Diese Aussage ist bemerkenswert, denn die Gemeinde kam offensichtlich regelmäßig zusammen, um ihren Glauben gemeinsam zu leben. Doch allein die Tatsache, dass Christen sich versammeln, miteinander beten und eine religiöse Feier durchführen, bedeutet noch nicht, dass dadurch tatsächlich geistlicher Segen entsteht. Entscheidend ist auch, was während dieser Zusammenkünfte geschieht und wie die Beteiligten miteinander umgehen. Paulus beurteilt einen Gottesdienst deshalb nicht ausschließlich danach, ob er äußerlich stattfindet oder bestimmte religiöse Handlungen korrekt ausgeführt werden. Er fragt vielmehr, welche Wirkung die Zusammenkunft auf das geistliche Leben und die Gemeinschaft der Gläubigen hat. Wenn Menschen einander durch ihr Verhalten verletzen, demütigen oder ausgrenzen, kann eine Versammlung, die eigentlich der Stärkung des Glaubens dienen soll, sogar Schaden anrichten.
In Vers 18 nennt Paulus den ersten Grund für seine ernste Kritik. Er hat erfahren, dass es unter den Korinthern zu Spaltungen kommt, wenn sie als Gemeinde zusammenkommen. Bereits zu Beginn seines Briefes hatte er die Gläubigen wegen ihrer Parteiungen ermahnt. Manche beriefen sich besonders auf Paulus, andere auf Apollos oder Petrus, während wieder andere sich ausdrücklich auf Christus bezogen (1. Korinther 1,10–13). Damals ging es vor allem um die Frage, wem sich die einzelnen Gruppen besonders verbunden fühlten und welche Bedeutung sie ihren geistlichen Lehrern beimaßen. Nun wird deutlich, dass die Uneinigkeit nicht auf unterschiedliche Meinungen beschränkt geblieben war. Sie wirkte sich unmittelbar auf das gemeinsame Gemeindeleben aus. Menschen, die durch Christus miteinander verbunden sein sollten, behandelten einander offenbar nicht mehr als gleichwertige Glieder derselben Gemeinschaft. Paulus fügt hinzu, dass er den Berichten zumindest teilweise Glauben schenkt. Damit übernimmt er nicht einfach jede Einzelheit dessen, was ihm erzählt wurde. Er hält die Nachricht jedoch für ausreichend glaubwürdig, um die Gemeinde ernsthaft darauf anzusprechen. Die folgenden Verse zeigen, dass er dabei einen konkreten Missstand vor Augen hat, der sich gerade während des gemeinsamen Mahls offenbarte.
Eine besondere Schwierigkeit entsteht durch Vers 19. Paulus erklärt, dass es auch Parteiungen unter den Gläubigen geben müsse, damit die Bewährten offenbar würden. Auf den ersten Blick könnte dieser Satz so verstanden werden, als wären Spaltungen innerhalb der Gemeinde notwendig und deshalb sogar von Gott gewollt. Eine solche Erklärung würde jedoch dem gesamten Anliegen des Briefes widersprechen. Paulus hatte die Korinther ausdrücklich zur Einigkeit aufgerufen und ihre Parteiungen als Ausdruck geistlicher Unreife bezeichnet (1. Korinther 1,10–13; 3,3–4). Deshalb kann seine Aussage nicht bedeuten, dass Christen bewusst gegeneinanderstehende Gruppen bilden sollen. Vielmehr beschreibt er eine ernste Wirklichkeit: Wo Spannungen und Konflikte entstehen, zeigt sich, wie Menschen tatsächlich mit ihrem Glauben umgehen. Manche lassen sich von Eigennutz und Überheblichkeit bestimmen, während andere auch unter schwierigen Umständen an der Wahrheit und an einem Verhalten festhalten, das Christus entspricht. Das griechische Wort für die „Bewährten“ bezeichnet Menschen, deren Echtheit sich in einer Prüfung herausgestellt hat. Paulus erklärt damit nicht, dass Spaltungen etwas Gutes wären, sondern dass sie sichtbar machen können, welche Haltung ein Mensch wirklich besitzt. Ob er dabei eine unvermeidliche Folge menschlichen Fehlverhaltens beschreibt oder die Aussage bewusst zugespitzt formuliert, bleibt umstritten. Sein anschließender Tadel zeigt jedenfalls unmissverständlich, dass die vorhandenen Parteiungen nicht bestehen bleiben sollen.
In Vers 20 wird die Tragweite des Problems sichtbar. Paulus erklärt sinngemäß, dass die Korinther zwar an einem Ort zusammenkommen, ihre tatsächliche Feier aber nicht mehr dem Herrenmahl entspricht. Sie versammeln sich also äußerlich als christliche Gemeinde, verfehlen jedoch durch ihr Verhalten den Sinn dessen, was sie gemeinsam tun wollen. Das ist eine weitreichende Feststellung. Paulus behauptet nicht, dass die Korinther überhaupt kein Brot essen oder keinen Kelch verwenden würden. Auch sagt er nicht, dass ihnen die Erinnerung an Jesus völlig unbekannt wäre. Vielmehr stellt er ihre tatsächliche Mahlpraxis infrage. Eine Feier kann die äußeren Merkmale des Abendmahls besitzen und dennoch durch das Verhalten der Teilnehmer in einen grundlegenden Widerspruch zu ihrer Bedeutung geraten. Der Ausdruck „Herrenmahl“ erinnert daran, wem diese Feier gehört. Sie ist nicht das persönliche Fest einzelner Gemeindeglieder und auch keine Gelegenheit, gesellschaftliche Unterschiede zur Schau zu stellen. Sie geht auf Jesus Christus zurück und erhält ihren Sinn durch das, was er für die Menschen getan hat. Wenn die Teilnehmer diesen Zusammenhang durch Selbstsucht und Missachtung anderer verdrängen, wird aus dem gemeinsamen Mahl etwas, das seinen eigentlichen Zweck nicht mehr erfüllt.
Warum Paulus zu diesem ernsten Urteil kommt, erklärt Vers 21. Beim gemeinsamen Essen nimmt jeder beziehungsweise nehmen einzelne Teilnehmer ihr eigenes Mahl vorweg. Die Folge ist ein erschreckender Gegensatz: Während einige hungrig bleiben, haben andere so reichlich gegessen und getrunken, dass sie sogar betrunken sind. Damit wird deutlich, dass das Herrenmahl in Korinth offenbar noch in eine größere gemeinsame Mahlzeit eingebunden war. Die Gläubigen kamen nicht ausschließlich für eine kurze symbolische Handlung zusammen, wie es in vielen heutigen Gemeinden üblich ist, sondern das Essen selbst spielte eine bedeutende Rolle. Gerade dabei entstanden jedoch schwerwiegende Ungerechtigkeiten. Das griechische Wort, das Paulus für das Vorwegnehmen des Mahls verwendet, kann bedeuten, dass jemand mit dem eigenen Essen beginnt, bevor andere daran teilnehmen können. Möglicherweise kamen einzelne Gemeindeglieder früher zusammen und verzehrten ihre mitgebrachten Speisen, während andere erst später eintrafen. Ebenso ist denkbar, dass manche bewusst ihr eigenes Essen für sich behielten, statt es mit Bedürftigen zu teilen. Der Text beschreibt nicht sämtliche Einzelheiten des Ablaufs. Sicher ist aber, dass das gemeinsame Mahl seinen gemeinschaftlichen Charakter verloren hatte.
Der Gegensatz zwischen Hunger und Trunkenheit zeigt, wie weit diese Entwicklung bereits fortgeschritten war. Paulus kritisiert nicht einfach, dass manche Menschen einen größeren Appetit hatten als andere. Er stellt zwei Zustände gegenüber, die innerhalb derselben christlichen Zusammenkunft nebeneinander bestanden: Während die einen nicht ausreichend zu essen bekamen, konnten sich andere einen solchen Überfluss leisten, dass sie jedes Maß verloren. Diese Unterschiede hatten offensichtlich auch eine soziale Dimension. In der antiken Gesellschaft verfügten wohlhabende Menschen über wesentlich größere Möglichkeiten, Gäste zu bewirten und Lebensmittel bereitzustellen, während ärmere Menschen von harter Arbeit und begrenzten Mitteln abhängig waren. Da sich die ersten Christen häufig in privaten Häusern versammelten, konnten solche gesellschaftlichen Unterschiede auch dort sichtbar werden. Manche Ausleger vermuten, dass wohlhabende Gäste in einem bevorzugten Speiseraum Platz fanden, während ärmere Gemeindeglieder in anderen Bereichen des Hauses untergebracht wurden. Eine solche Raumaufteilung ist historisch möglich, lässt sich für die korinthische Gemeinde jedoch nicht sicher nachweisen. Paulus selbst liefert bereits genügend Informationen, um das eigentliche Problem zu erkennen: Die Art, wie das Mahl durchgeführt wurde, benachteiligte Menschen, die ohnehin wenig besaßen. Anstatt gesellschaftliche Schranken durch gelebte Gemeinschaft zu überwinden, wurden diese Unterschiede innerhalb der Gemeinde erneut wirksam.
Besonders deutlich wird das in Vers 22. Paulus fragt die Korinther, ob sie denn keine Häuser hätten, in denen sie essen und trinken könnten. Anschließend stellt er die wesentlich schwerwiegendere Frage, ob sie die Gemeinde Gottes verachten und diejenigen beschämen wollten, die nichts besitzen. Seine Worte sind bewusst scharf. Er macht damit einen Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Essen zur persönlichen Sättigung und einer Zusammenkunft, deren Bedeutung durch die Gemeinschaft mit Christus bestimmt wird. Wer ausschließlich seinen eigenen Hunger stillen möchte, braucht dafür keine Versammlung der Gemeinde. Wenn die Gläubigen aber zusammenkommen, darf die Feier nicht so gestaltet werden, dass die Bedürfnisse der einen vollständig befriedigt werden, während andere leer ausgehen. Paulus verbietet damit nicht grundsätzlich jede gemeinsame Mahlzeit. Das Neue Testament berichtet an anderen Stellen durchaus positiv davon, dass Christen miteinander das Brot brachen und gemeinsam aßen (Apostelgeschichte 2,42–46). Sein Einwand richtet sich vielmehr dagegen, dass das Essen in Korinth zu einer Gelegenheit persönlicher Selbstbefriedigung geworden war, bei der die Verantwortung füreinander verlorenging.
Besonders schwer wiegt für Paulus die Beschämung derjenigen, die nichts haben. Damit spricht er nicht nur über materielle Benachteiligung, sondern über die Würde der betroffenen Menschen. Wer ohnehin arm war, musste nun auch noch innerhalb der christlichen Gemeinde erleben, dass andere ihren Wohlstand genossen, ohne Rücksicht auf seine Not zu nehmen. Die Versammlung, in der alle durch denselben Glauben miteinander verbunden sein sollten, wurde dadurch zu einem Ort sichtbarer Zurücksetzung. Paulus bezeichnet dieses Verhalten als Missachtung der Gemeinde Gottes. Mit diesem Ausdruck erinnert er die Korinther daran, dass die Gemeinschaft der Gläubigen nicht das Eigentum wohlhabender Gastgeber oder einflussreicher Mitglieder ist. Sie gehört Gott. Bereits in 1. Korinther 3,16–17 hatte Paulus die Gemeinde als Gottes Tempel beschrieben, in dem sein Geist wohnt. Wer diese Gemeinschaft geringschätzt oder einzelne ihrer Glieder bewusst demütigt, behandelt deshalb nicht nur seine Mitmenschen schlecht. Er missachtet zugleich etwas, das Gott selbst gehört und das ihm heilig ist.
Hier wird auch die Verbindung zum vorangehenden Kapitel besonders wichtig. In 1. Korinther 10,16–17 hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen durch das Brot und den Kelch Gemeinschaft mit dem Leib und Blut Christi haben. Weil sie an dem einen Brot teilhaben, bilden die vielen Gläubigen einen Leib. Diese Aussage beschreibt nicht lediglich ein schönes Ideal, sondern die geistliche Wirklichkeit, die beim gemeinsamen Mahl zum Ausdruck kommen soll. Gerade deshalb ist das Verhalten der Korinther so widersprüchlich. Sie nehmen an einer Feier teil, die ihre Gemeinschaft mit Christus und untereinander bezeugt, während sie durch ihren tatsächlichen Umgang miteinander diese Gemeinschaft verletzen. Der Gegensatz zwischen dem einen Brot und den getrennten Mahlzeiten einzelner Gruppen ist kaum zu übersehen. Das Herrenmahl verkündigt die Hingabe Jesu, der sich für andere gab. Die Korinther dagegen waren teilweise so sehr auf das Eigene bedacht, dass sie selbst beim gemeinsamen Essen die Not ihrer Glaubensgeschwister übersahen. Ihre Feier verlor dadurch nicht nur an Würde; sie geriet in einen unmittelbaren Widerspruch zu dem, was das Abendmahl bezeugen sollte.
Am Ende von Vers 22 wiederholt Paulus deshalb seine ausdrückliche Weigerung, die Gemeinde für dieses Verhalten zu loben. Damit bildet seine Erklärung einen geschlossenen Gedankengang: Was er zu Beginn des Abschnitts allgemein als schädliche Zusammenkünfte bezeichnet hatte, ist nun als konkrete Missachtung der Gemeinschaft Gottes erkennbar geworden. Die Korinther hatten das äußere Zusammenkommen beibehalten, aber den inneren Sinn ihres gemeinsamen Mahls aus den Augen verloren. Paulus verlangt jedoch nicht lediglich eine höflichere Tischordnung oder bessere Organisation der Mahlzeiten. Die notwendige Veränderung reicht tiefer. Die Gläubigen müssen wieder verstehen, weshalb Jesus dieses Mahl eingesetzt hat und was seine Hingabe für ihre Beziehung zueinander bedeutet. Deshalb erinnert Paulus sie unmittelbar anschließend an die Worte Jesu in der Nacht vor seinem Tod. Erst von diesem Ursprung her wird vollständig verständlich, warum Brot und Kelch nicht mit Selbstsucht, Gleichgültigkeit oder der Beschämung anderer Menschen vereinbar sind.
1. Korinther 11,23–26
Jesu Einsetzung des Abendmahls und die Bedeutung seines Opfers
Nachdem Paulus die Missstände beim gemeinsamen Mahl der Korinther aufgedeckt hat, führt er die Gemeinde zum Ursprung des Abendmahls zurück. In Vers 23 erklärt er, dass er vom Herrn empfangen habe, was er den Gläubigen bereits überliefert hatte. Damit macht er deutlich, dass die Bedeutung dieser Feier nicht von menschlichen Vorstellungen oder örtlichen Gewohnheiten bestimmt werden darf. Sie geht auf Jesus Christus selbst zurück. Paulus erinnert die Korinther also nicht an eine neue Lehre, sondern an eine Unterweisung, die sie schon kannten und deren Bedeutung sie in ihrem Verhalten nicht ausreichend berücksichtigt hatten. Die Formulierungen „empfangen“ und „überliefert“ zeigen, dass Paulus eine bereits bestehende Überlieferung weitergibt. Dieselben Begriffe verwendet er später, wenn er die grundlegende Botschaft vom Tod und von der Auferstehung Christi zusammenfasst (1. Korinther 15,3–4). Ob Paulus die Einzelheiten des Abendmahls unmittelbar durch eine Offenbarung Jesu oder durch die Weitergabe früherer Augenzeugen empfangen hatte, lässt sich aus seiner Formulierung allein nicht sicher entscheiden. Entscheidend ist seine Überzeugung, dass diese Unterweisung letztlich auf den Herrn selbst zurückgeht und deshalb für die Gemeinde verbindliche Bedeutung besitzt.
Die Worte des Paulus gehören zugleich zu den frühesten schriftlich erhaltenen Berichten über die Einsetzung des Abendmahls. Der erste Korintherbrief wurde bereits in den fünfziger Jahren des ersten Jahrhunderts verfasst und entstand damit vor den heute erhaltenen Evangelienfassungen. Die Erinnerung an Jesu letztes Mahl war folglich schon wenige Jahrzehnte nach seinem Tod ein fester Bestandteil der christlichen Verkündigung. Besonders bemerkenswert ist, in welche Situation Paulus die Einsetzung zurückführt. Jesus nahm das Brot in der Nacht, in der er verraten wurde. Das Abendmahl entstand also unmittelbar vor seinem Leiden und Sterben. Während der Verrat bereits im Gang war und seine Verhaftung bevorstand, richtete Jesus den Blick seiner Jünger auf das, was sein bevorstehender Tod bedeuten würde. Der Hinweis auf diese Nacht verleiht seinen Worten ein besonderes Gewicht. Jesus setzte das Mahl nicht in einer Zeit äußerer Sicherheit ein, sondern angesichts des unmittelbar bevorstehenden Kreuzes. Seine Gedanken waren dabei nicht ausschließlich auf das Leiden gerichtet, das ihn selbst erwartete. Er gab seinen Jüngern eine Handlung mit auf den Weg, durch die sie sich später an seine Hingabe erinnern sollten.
In Vers 24 berichtet Paulus, dass Jesus das Brot nahm, Gott dafür dankte, es brach und mit seinem Leib in Verbindung brachte. Schon die Danksagung ist bedeutsam. Sie zeigt, dass Jesus auch in dieser entscheidenden Stunde seine Gemeinschaft mit dem Vater zum Ausdruck brachte. Das Brechen des Brotes war eine vertraute Handlung beim gemeinsamen Essen. Doch Jesus verlieh ihr nun eine besondere Bedeutung, indem er erklärte, dass sein Leib für die Jünger hingegeben werde. Die Schlachter 1951 verwendet die Formulierung „der für euch gebrochen wird“. In wichtigen frühen griechischen Handschriften steht jedoch kürzer: „Das ist mein Leib, der für euch ist.“ Auch die Worte „Nehmet, esset“ fehlen im bevorzugten älteren Text von Vers 24, sind aber in Matthäus 26,26 ausdrücklich überliefert. Der entscheidende Gedanke bleibt von diesen Textunterschieden unberührt: Jesus verbindet das Brot mit seinem eigenen Leib und mit seiner Hingabe zugunsten anderer Menschen. Lukas 22,19 formuliert diesen Gedanken ausdrücklich als Hingabe des Leibes für die Jünger. Das Brechen des Brotes veranschaulicht somit sein bevorstehendes Leiden, ohne dass daraus abgeleitet werden müsste, seine Knochen seien bei der Kreuzigung buchstäblich zerbrochen worden. Johannes 19,33–36 berichtet ausdrücklich, dass dies nicht geschah.
Besonders wichtig sind die Worte „für euch“. Jesus spricht nicht lediglich über seinen bevorstehenden Tod als ein tragisches Ereignis, sondern erklärt dessen Bedeutung für diejenigen, die an ihn glauben. Sein Leben wird zugunsten anderer hingegeben. Diese Aussage steht im Einklang mit seiner Erklärung, dass der Menschensohn gekommen sei, um sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Markus 10,45). Auch Jesaja 53 beschreibt den leidenden Gottesknecht als jemanden, der die Schuld anderer trägt und durch dessen Leiden Heilung und Frieden möglich werden. Die Verbindung zum Abendmahl liegt darin, dass Jesus seinen Jüngern die Bedeutung seines Todes bereits vor der Kreuzigung erschließt. Was für die Beteiligten zunächst wie das gewaltsame Ende seines Wirkens aussehen musste, gehört nach seinen eigenen Worten zum rettenden Handeln Gottes. Das Brot weist deshalb nicht nur auf menschliches Leiden im Allgemeinen hin, sondern auf die persönliche Hingabe Christi. Wer davon isst, soll sich bewusst machen, dass die Hoffnung auf Erlösung nicht auf der eigenen religiösen Leistung beruht, sondern auf dem, was Jesus für die Menschen getan hat.
Mit der anschließenden Aufforderung, dies zu seinem Gedächtnis zu tun, gibt Jesus dem Mahl eine bleibende Bedeutung. Das griechische Wort anamnesis bezeichnet Erinnerung oder Gedächtnis. Gemeint ist jedoch nicht bloß ein gelegentliches Zurückdenken an eine bedeutende Persönlichkeit. Jesus verbindet das Erinnern ausdrücklich mit einer Handlung, die seine Nachfolger wiederholen sollen. Sie nehmen Brot, essen davon und erinnern sich gemeinsam an seine Hingabe. Das Gedächtnis ist deshalb Teil ihres gelebten Glaubens und ihrer gemeinsamen Anbetung. Es macht das einmalige Geschehen am Kreuz nicht ungeschehen und wiederholt auch nicht das Opfer Christi. Nach Hebräer 9,25–28 und 10,10–14 hat Jesus sich ein für alle Mal hingegeben. Gerade weil sein Opfer vollkommen und ausreichend ist, braucht es nicht erneut dargebracht zu werden. Die wiederholte Abendmahlsfeier verweist vielmehr immer wieder auf dieses eine, bleibend wirksame Opfer. Zugleich darf das Mahl nicht auf eine rein gedankliche Erinnerung reduziert werden. Bereits in 1. Korinther 10,16 hatte Paulus erklärt, dass Brot und Kelch mit der Gemeinschaft am Leib und Blut Christi verbunden sind. Das Abendmahl ist somit eine bewusste Hinwendung zu Christus, bei der die Gläubigen seine rettende Hingabe bekennen und ihre Gemeinschaft mit ihm zum Ausdruck bringen. Wie diese Gemeinschaft im Einzelnen zu verstehen ist, wird nicht durch das Wort „Gedächtnis“ allein entschieden.
In Vers 25 wendet sich Paulus dem Kelch zu. Er berichtet, dass Jesus ihn nach dem Mahl nahm und erklärte, dieser Kelch sei der neue Bund in seinem Blut. Die Erwähnung, dass dies nach dem Essen geschah, erinnert daran, dass die Einsetzung ursprünglich innerhalb eines gemeinsamen Mahls stattfand. Die Evangelien stellen Jesu letzte Mahlzeit in einen engen Zusammenhang mit dem Passahfest, bei dem Israel an seine Befreiung aus Ägypten erinnerte (2. Mose 12). Die genaue zeitliche Einordnung des letzten Mahls wird allerdings unterschiedlich verstanden, weil die Passionsberichte der synoptischen Evangelien und des Johannesevangeliums nicht in jeder Einzelheit dieselbe Chronologie voraussetzen. Für die Bedeutung der Einsetzungsworte ist diese offene historische Frage nicht entscheidend. Der Passahzusammenhang bleibt biblisch stark, zumal Paulus Christus ausdrücklich als unser Passahlamm bezeichnet (1. Korinther 5,7). Wie Gott Israel einst aus der ägyptischen Knechtschaft befreite, so steht das Werk Jesu im Mittelpunkt einer weitreichenderen Befreiung von Sünde und ihrer endgültigen Herrschaft. Das Abendmahl richtet die Erinnerung deshalb nicht nur auf ein vergangenes Befreiungsereignis, sondern auf Christus, durch dessen Tod der Zugang zur Erlösung eröffnet wurde.
Um die Worte über den neuen Bund zu verstehen, muss zunächst die Bedeutung eines Bundes erklärt werden. In der Bibel bezeichnet ein Bund eine verbindliche Beziehung, die mit bestimmten Zusagen und Verpflichtungen verbunden ist. Als Gott Israel am Sinai in seinen Bund aufnahm, wurde dieser durch das Blut von Opfertieren bestätigt. Mose besprengte das Volk mit Blut und bezeichnete es ausdrücklich als Blut des Bundes (2. Mose 24,6–8). Das Blut stand dabei für das Leben, das hingegeben wurde, und unterstrich die Ernsthaftigkeit der Bundesbeziehung. Wenn Jesus nun von seinem eigenen Blut spricht, nimmt er diese Bildsprache auf und führt sie zu ihrer entscheidenden Erfüllung. Nicht das Blut eines Opfertieres bildet die Grundlage des neuen Bundes, sondern sein eigenes Leben, das er hingibt. Matthäus 26,28 verbindet Jesu Bundesblut ausdrücklich mit der Vergebung der Sünden. Der Hebräerbrief erklärt später, weshalb diese Hingabe von grundlegender Bedeutung ist: Die wiederholten Opfer des früheren Heiligtumsdienstes konnten die Sünde nicht endgültig beseitigen, während Christus durch sein einmaliges Opfer eine bleibende Erlösung ermöglicht hat (Hebräer 9,11–15; 10,1–14). Der Kelch erinnert somit an den Preis, auf dem die neue Bundesbeziehung gründet.
Der Ausdruck „neuer Bund“ führt zugleich zu einer wichtigen Verheißung des Propheten Jeremia. In Jeremia 31,31–34 kündigt Gott an, mit seinem Volk einen neuen Bund zu schließen, der sich von dem Bund unterscheidet, den Israel nach dem Auszug aus Ägypten gebrochen hatte. Gott verheißt, seine Weisung in das Innere der Menschen zu legen und sie in ihre Herzen zu schreiben. Außerdem verspricht er, ihre Schuld zu vergeben und ihrer Sünden nicht mehr zu gedenken. Der neue Bund bedeutet deshalb weit mehr als die Einführung einer anderen religiösen Zeremonie. Er betrifft die grundlegende Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Gottes Wille soll nicht nur äußerlich bekannt sein, sondern das Denken und Leben seiner Kinder prägen. Zugleich ruht diese erneuerte Beziehung auf seiner Vergebung. Der Hebräerbrief greift Jeremias Verheißung ausdrücklich auf und verbindet sie mit dem überlegenen Priesterdienst und Opfer Jesu Christi (Hebräer 8,6–13). Dabei wird auch deutlich, dass der neue Bund nicht einfach eine unveränderte Fortsetzung sämtlicher Einrichtungen des alten Bundes ist. Durch Christus ist tatsächlich eine neue heilsgeschichtliche Wirklichkeit angebrochen. Der neue Bund hebt Gottes Heiligkeit und seinen Willen nicht auf, sondern verbindet die Vergebung der Schuld mit einer inneren Erneuerung und gründet beides auf das vollbrachte Werk Jesu.
Auch beim Kelch wiederholt Jesus die Aufforderung, zu seinem Gedächtnis zu handeln. Dabei verwendet er die Worte „so oft ihr ihn trinket“. Diese Formulierung zeigt, dass seine Nachfolger das Mahl weiterhin feiern sollten, legt aber keinen bestimmten zeitlichen Abstand fest. Weder eine tägliche noch eine wöchentliche, monatliche oder jährliche Feier wird an dieser Stelle ausdrücklich vorgeschrieben. Die Häufigkeit allein entscheidet deshalb nicht über die Treue zum Einsetzungswort Jesu. Entscheidend ist, dass die Gemeinde den Sinn der Feier bewahrt und sie nicht zu einer gedankenlosen Gewohnheit werden lässt. Ebenso wenig darf aus der wiederholten Feier geschlossen werden, dass jedes Mal ein neues Erlösungsopfer notwendig wäre. Der Kelch erinnert vielmehr an den bereits geschlossenen neuen Bund, dessen Grundlage unverändert das Blut Christi bleibt. Brot und Kelch gehören dabei zusammen. Sie weisen auf die eine Hingabe Jesu hin, durch die er sein Leben für die Menschen gab. Die getrennte Erwähnung von Leib und Blut unterstreicht die Ernsthaftigkeit seines bevorstehenden Todes, ohne dass beide Zeichen voneinander unabhängige Erlösungswerke darstellen würden.
In Vers 26 erklärt Paulus schließlich, was die Gemeinde durch die Teilnahme am Abendmahl zum Ausdruck bringt: So oft die Gläubigen das Brot essen und den Kelch trinken, verkündigen sie den Tod des Herrn, bis er wiederkommt. Damit erweitert sich der Blick über die persönliche Erinnerung hinaus. Das Abendmahl besitzt eine ausdrücklich verkündigende Bedeutung. Die Gemeinde bezeugt durch ihre gemeinsame Handlung, dass Jesu Tod das Fundament ihrer Hoffnung ist. Diese Verkündigung geschieht nicht ausschließlich durch gesprochene Worte. Schon das bewusste Essen des Brotes und Trinken aus dem Kelch macht sichtbar, worauf sich der Glaube der Teilnehmer richtet. Das Wort „verkündigen“ zeigt zugleich, dass das Abendmahl keine bloß private religiöse Erfahrung ist. Es gehört zum gemeinsamen Bekenntnis der christlichen Gemeinde. Wer daran teilnimmt, stellt sich zu der Botschaft, dass Christus für die Menschen gestorben ist. Gerade deshalb ist die Feier nicht von dem Leben zu trennen, das aus diesem Bekenntnis hervorgehen soll.
Besonders hoffnungsvoll ist der abschließende Hinweis auf die Wiederkunft Jesu. Paulus schreibt nicht lediglich, dass die Gemeinde den Tod Christi verkündigt, sondern ergänzt ausdrücklich: „bis daß er kommt“. Das Abendmahl ist deshalb von Anfang an auf die Zukunft ausgerichtet. Es erinnert an das vollbrachte Opfer und hält zugleich die Erwartung wach, dass Jesus wiederkommen wird. Diese Verbindung hatte Jesus bereits selbst hergestellt. Nach Matthäus 26,29 erklärte er seinen Jüngern, dass er künftig von der Frucht des Weinstocks neu mit ihnen im Reich seines Vaters trinken werde. Auch Lukas 22,16–18 richtet den Blick auf die zukünftige Vollendung im Reich Gottes. Die gegenwärtige Abendmahlsfeier steht somit zwischen zwei entscheidenden Ereignissen: dem ersten Kommen Christi, bei dem er sein Leben hingab, und seiner Wiederkunft, bei der sich die Hoffnung der Erlösten endgültig erfüllen wird. Das Mahl verkündigt nicht einen für immer abwesenden Erlöser, sondern den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dessen Wiederkunft die Gemeinde erwartet.
Von diesem Ursprung her erhält auch die vorherige Kritik des Paulus ihre volle Bedeutung. Das Herrenmahl ist durch die freiwillige Hingabe Jesu geprägt. Er gab seinen Leib für andere und begründete durch sein Blut den neuen Bund. Die Korinther sollten deshalb nicht nur die richtigen Worte über Brot und Kelch kennen, sondern erkennen, welcher Widerspruch entstand, wenn sie bei einer solchen Feier ausschließlich den eigenen Vorteil suchten. Wer den Tod Christi verkündigt, bekennt damit einen Herrn, dessen Liebe sich gerade in der Hingabe für andere offenbarte. Die Feier verlangt deshalb eine Haltung, die zu diesem Bekenntnis passt. Paulus führt diesen Gedanken in den folgenden Versen weiter, wenn er vor einer unwürdigen Teilnahme warnt und die Gläubigen zur Selbstprüfung auffordert. Dabei wird sich zeigen, dass die entscheidende Frage nicht darin besteht, ob ein Mensch aus eigener Kraft vollkommen würdig geworden ist, sondern ob er die Bedeutung des Herrenmahls ernst nimmt und in einer Weise daran teilnimmt, die Christus und seiner Gemeinde gerecht wird.
1. Korinther 11,27–29
Unwürdige Teilnahme, Selbstprüfung und die Bedeutung des Leibes Christi
Nachdem Paulus die Korinther an die Einsetzung des Abendmahls und die Bedeutung des Todes Jesu erinnert hat, zieht er daraus eine ernste Konsequenz. In Vers 27 erklärt er, dass derjenige, der das Brot in unwürdiger Weise isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, am Leib und Blut Christi schuldig wird. Diese Warnung gehört zu den eindringlichsten Aussagen des Neuen Testaments über das Abendmahl. Zugleich hat sie bei vielen Christen Angst ausgelöst, weil sie daraus geschlossen haben, nur ein Mensch, der bereits einen besonders hohen Grad geistlicher Reinheit erreicht habe, dürfe an dieser Feier teilnehmen. Doch eine solche Vorstellung trifft nicht den eigentlichen Wortlaut des Paulus. Im griechischen Text steht das Wort anaxiōs, das „in unwürdiger Weise“ bedeutet. Es beschreibt also die Art, wie jemand am Mahl teilnimmt, und bezeichnet nicht grundsätzlich den persönlichen Wert oder die geistliche Vollkommenheit des Teilnehmers. Dieser Unterschied ist entscheidend. Paulus verlangt nicht, dass ein Mensch zunächst aus eigener Kraft sündlos werden müsse, bevor er zu Christus kommen dürfe. Er warnt vielmehr davor, das Abendmahl auf eine Weise zu feiern, die seiner heiligen Bedeutung widerspricht. Wer diese Warnung verstehen möchte, muss deshalb berücksichtigen, welches konkrete Verhalten Paulus in den vorangehenden Versen beanstandet hatte.
Die Korinther hatten das gemeinsame Mahl zu einer Gelegenheit gemacht, bei der persönliche Interessen und gesellschaftliche Unterschiede stärker zur Geltung kamen als ihre Gemeinschaft mit Christus. Manche nahmen ihr eigenes Essen vorweg, während andere hungrig zurückblieben. Einige konnten sich sogar bis zur Trunkenheit satt essen, während bedürftige Gemeindeglieder beschämt wurden (Verse 20–22). Genau in diesem Zusammenhang spricht Paulus nun von einer unwürdigen Teilnahme. Er meint deshalb nicht in erster Linie einen Menschen, der sich seiner Sünden bewusst ist und deshalb mit einem demütigen Herzen zu Jesus kommt. Vielmehr richtet sich seine Warnung gegen ein Verhalten, das die Bedeutung des Abendmahls missachtet. Die Teilnehmer bekannten durch Brot und Kelch die selbstlose Hingabe Jesu, handelten aber gleichzeitig gegenüber ihren Glaubensgeschwistern selbstsüchtig und rücksichtslos. Damit entstand ein grundlegender Widerspruch zwischen dem, was sie durch ihre Teilnahme verkündigten, und dem, was sie tatsächlich lebten. Ihre Schuld bestand nicht einfach darin, dass sie unvollkommene Menschen waren. Sie behandelten eine heilige Handlung so, als dürften sie dabei die Liebe und Verantwortung gegenüber anderen außer Acht lassen.
Besonders schwer wiegt die Aussage, dass eine solche Teilnahme schuldig macht am Leib und Blut des Herrn. Paulus verbindet diese Worte unmittelbar mit den Einsetzungsworten Jesu, in denen Brot und Kelch auf seinen hingegebenen Leib und sein vergossenes Blut verweisen. Wer diese Zeichen missachtet, vergreift sich nach Paulus nicht lediglich an einer menschlichen Tradition oder einer gewöhnlichen Mahlzeit. Er behandelt das, was auf Christi Opfer hinweist, in einer Weise, die der Bedeutung dieses Opfers widerspricht. Dabei ist sorgfältig zu unterscheiden: Paulus sagt nicht, dass Jesus durch jede unwürdige Teilnahme erneut gekreuzigt würde oder dass das einmalige Opfer Christi dadurch seine Wirksamkeit verlöre. Nach Hebräer 10,10–14 ist Jesu Opfer ein für alle Mal geschehen und vollkommen ausreichend. Die Schuld liegt vielmehr darin, dass der Teilnehmer die Bedeutung dieser Hingabe durch sein Verhalten missachtet. Wer sich zum Leib und Blut Christi bekennt, darf nicht gleichzeitig so handeln, als hätten seine Liebe, seine Selbstlosigkeit und seine Forderung nach gegenseitiger Achtung keine Bedeutung. Die Formulierung „Leib und Blut“ unterstreicht die Ernsthaftigkeit dieses Widerspruchs. Paulus will die Korinther erkennen lassen, dass das Abendmahl nicht zu einer gewöhnlichen gesellschaftlichen Veranstaltung herabgesetzt werden darf, bei der jeder ausschließlich seinen eigenen Vorteil sucht.
Mit Vers 28 zeigt Paulus, wie die Gemeinde auf diese Warnung reagieren soll. Er fordert jeden Menschen auf, sich selbst zu prüfen und anschließend vom Brot zu essen und aus dem Kelch zu trinken. Gerade die Reihenfolge seiner Worte verdient Aufmerksamkeit. Die Selbstprüfung steht nicht als unabhängige Aufforderung im Raum, nach der jeder Mensch selbst entscheiden müsste, ob er überhaupt noch zum Abendmahl kommen darf. Paulus verbindet sie ausdrücklich mit der anschließenden Teilnahme. Im Griechischen folgen auf die Aufforderung zur Selbstprüfung die Anweisungen zu essen und zu trinken. Der Gedanke lautet deshalb: Der Mensch soll sich prüfen und auf diese Weise am Mahl teilnehmen. Damit wird die Selbstprüfung nicht zu einem Hindernis, das aufrichtige Gläubige grundsätzlich vom Abendmahl fernhalten soll. Sie ist vielmehr der Weg zu einer bewussten Teilnahme, die der Bedeutung des Mahls entspricht. Das griechische Verb dokimazō bezeichnet ein Prüfen oder Untersuchen mit dem Ziel, den tatsächlichen Zustand oder die Bewährung einer Sache festzustellen. Paulus verlangt also keine oberflächliche Selbstbestätigung, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten. Wer zum Abendmahl kommt, soll nicht gedankenlos an einer gewohnten religiösen Handlung teilnehmen, sondern sich fragen, ob seine Haltung dem entspricht, was er durch Brot und Kelch bekennt.
Diese Selbstprüfung beginnt im unmittelbaren Zusammenhang bei der Beziehung zu den anderen Gliedern der Gemeinde. Die Korinther mussten sich fragen, ob sie ihre Glaubensgeschwister mit Achtung behandelten, ob sie Bedürftige wahrnahmen und ob sie bereit waren, ihre selbstsüchtigen Gewohnheiten zu verändern. Gerade diejenigen, die sich beim gemeinsamen Mahl auf Kosten anderer Vorteile verschafften, sollten ihr Verhalten nicht mit religiösen Worten rechtfertigen, sondern es ehrlich vor Gott beurteilen. Eine solche Prüfung besitzt auch für heutige Christen Bedeutung. Wer am Abendmahl teilnehmen möchte, sollte nicht nur darüber nachdenken, ob er die richtigen Glaubensüberzeugungen besitzt oder ob er die Einsetzungsworte kennt. Ebenso wichtig ist die Frage, wie er mit anderen Menschen umgeht. Bestehen bewusst gepflegte Feindschaften, verletzender Stolz, Gleichgültigkeit gegenüber fremder Not oder die Weigerung, eigenes Unrecht einzugestehen, dann sind dies ernsthafte Gründe zur Umkehr. Jesus selbst lehrte in Matthäus 5,23–24, dass die Bereitschaft zur Versöhnung nicht von der Anbetung Gottes getrennt werden darf. Diese Verbindung erweitert die Anwendung der paulinischen Worte, ohne ihren ursprünglichen Schwerpunkt zu verändern. Denn Paulus spricht hier zuerst über die Missachtung anderer Menschen innerhalb der gemeinsamen Abendmahlsfeier.
Zur Selbstprüfung gehört auch, die eigene Sündhaftigkeit nicht zu verbergen oder zu verharmlosen. Allerdings darf daraus keine Vorstellung entstehen, nach der nur Menschen mit einem vollkommen unbelasteten Gewissen zum Abendmahl zugelassen wären. Ein solches Verständnis würde gerade diejenigen entmutigen, die ihre Schwächen erkennen und auf die Vergebung Jesu angewiesen sind. Johannes erklärt ausdrücklich, dass Menschen sich selbst betrügen, wenn sie behaupten, keine Sünde zu haben. Zugleich verheißt er, dass Gott treu und gerecht ist, wenn wir unsere Sünden bekennen, sodass er uns vergibt und von aller Ungerechtigkeit reinigt (1. Johannes 1,8–9). Diese Verheißung hilft, den geistlichen Sinn der Selbstprüfung zu verstehen. Sie soll nicht dazu führen, dass ein Mensch verzweifelt auf seine Unvollkommenheit blickt, sondern dass er seine Schuld ehrlich vor Gott bringt und sich seiner Gnade anvertraut. Das Abendmahl erinnert schließlich an das Opfer Christi, durch das Vergebung überhaupt möglich geworden ist. Selbstprüfung bedeutet daher weder Selbstrechtfertigung noch die Suche nach einer eigenen Würdigkeit. Sie verlangt Aufrichtigkeit, Umkehrbereitschaft und den ernsthaften Wunsch, in Übereinstimmung mit Christus zu leben. Daraus folgt allerdings nicht, dass das Abendmahl unabhängig von bewusstem Unglauben oder hartnäckig festgehaltener Sünde grundsätzlich jedem Menschen ohne weitere Unterscheidung offenstehen müsse. Bereits in 1. Korinther 5 hatte Paulus gezeigt, dass beharrliches, offen zur Schau getragenes Unrecht eine ernste Angelegenheit der gesamten Gemeinde ist. Die persönliche Selbstprüfung und die gemeinschaftliche Verantwortung dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden.
In Vers 29 erklärt Paulus, weshalb eine solche Prüfung notwendig ist. Wer isst und trinkt, ohne den Leib richtig zu unterscheiden, zieht sich selbst ein Gericht zu. Die Schlachter 1951 spricht davon, dass jemand „den Leib des Herrn“ nicht unterscheidet. Hier liegt jedoch eine wichtige Besonderheit der griechischen Textüberlieferung vor. In mehreren besonders frühen und gewichtigen Handschriften steht lediglich „den Leib“, ohne den Zusatz „des Herrn“. Ebenso fehlt in diesem älteren Wortlaut das Wort „unwürdig“, das manche spätere Handschriften aus Vers 27 wiederholen. Die kürzere Fassung lautet deshalb sinngemäß: Wer isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, isst und trinkt sich selbst ein Gericht. Diese Unterschiede verändern die grundlegende Warnung nicht, sind aber für die Auslegung von erheblicher Bedeutung. Sie verhindern, dass die Frage, was Paulus mit dem „Leib“ genau meint, allein durch einen erklärenden Zusatz der späteren Textüberlieferung beantwortet wird. Das verwendete griechische Verb diakrinō kann unter anderem bedeuten, etwas zu unterscheiden, richtig zu beurteilen oder nach sorgfältiger Prüfung zu erkennen. Paulus fordert somit, dass die Teilnehmer die besondere Bedeutung dessen wahrnehmen, woran sie beteiligt sind.
Was genau bedeutet es nun, den Leib zu unterscheiden? Eine verbreitete Erklärung bezieht die Aussage auf den Leib Jesu Christi, auf den das Brot des Abendmahls verweist. Nach dieser Auslegung sollen die Gläubigen erkennen, dass sie nicht an einer gewöhnlichen Mahlzeit teilnehmen. Das Brot ist im Rahmen dieser Feier mit dem Leib Christi und seiner rettenden Hingabe verbunden. Wer es gedankenlos wie gewöhnliches Essen behandelt, verkennt die besondere Bedeutung des Herrenmahls. Für diese Erklärung spricht, dass Paulus unmittelbar zuvor von Jesu Leib und Blut gesprochen und die Einsetzung des Abendmahls ausführlich wiedergegeben hat. Sie besitzt deshalb eine starke Grundlage im Zusammenhang der Verse 23–27. Allerdings stellt sich die Frage, ob diese Deutung bereits die ganze Aussage erfasst. Denn das konkrete Problem der Korinther bestand nicht hauptsächlich darin, dass sie die richtigen Worte über Jesu Leib vergessen hatten. Paulus hatte sie vielmehr wegen ihres Umgangs mit anderen Gemeindegliedern getadelt. Gerade diese Beobachtung führt zu einer weiteren Erklärung, die den Ausdruck „Leib“ auf die Gemeinde als Gemeinschaft der Gläubigen bezieht. Bereits in 1. Korinther 10,16–17 hatte Paulus das eine Brot mit der Einheit der vielen Gläubigen in einem Leib verbunden. Später erklärt er ausführlich, dass die Christen gemeinsam den Leib Christi bilden und als unterschiedliche Glieder füreinander Verantwortung tragen (1. Korinther 12,12–27). Wer andere Gemeindeglieder beschämt, ausgrenzt oder verachtet, handelt deshalb so, als erkenne er ihre Zugehörigkeit zu diesem Leib nicht an.
Beide Deutungen besitzen somit eine ernst zu nehmende biblische Grundlage. Der unmittelbare Bezug auf die Einsetzungsworte spricht für die Bedeutung des Leibes Jesu, während die konkrete Situation in Korinth und die zuvor erklärte Einheit der Gemeinde stark für die gemeinschaftliche Dimension sprechen. Besonders überzeugend ist es, beide Zusammenhänge miteinander zu berücksichtigen, ohne zu behaupten, dass Paulus ausdrücklich eine festgelegte doppelte Wortbedeutung formuliert hätte. Die Gemeinschaft mit dem geopferten Christus und die Gemeinschaft seiner Gläubigen sind im ersten Korintherbrief eng miteinander verbunden. Gerade deshalb kann ein Mensch die Bedeutung des Herrenmahls nicht angemessen würdigen, wenn er zugleich diejenigen missachtet, die gemeinsam mit ihm zu Christus gehören. Daneben wird in der Forschung auch untersucht, ob Paulus mit dem Begriff des Leibes stärker die körperlichen Folgen von Hunger und übermäßigem Essen aufgreift. Diese Deutung berücksichtigt die konkrete Not der Korinther und verdient Beachtung, erklärt jedoch nicht für sich allein sämtliche Bezüge zum Leib Christi im näheren Zusammenhang. Der sicherste Ausgangspunkt bleibt deshalb der vollständige Gedankengang: Das Abendmahl erinnert an den hingegebenen Leib Jesu, verbindet seine Gläubigen in gemeinsamer Teilhabe und verlangt einen Umgang miteinander, der dieser Gemeinschaft entspricht.
Abschließend muss auch die Warnung vor dem Gericht richtig verstanden werden. Das griechische Wort krima, das Paulus in Vers 29 verwendet, bezeichnet ein Urteil oder Gericht. Es bedeutet hier nicht zwangsläufig die endgültige Verwerfung eines Menschen durch Gott. Tatsächlich unterscheidet Paulus wenige Verse später zwischen dem gegenwärtigen Gericht beziehungsweise der Züchtigung durch den Herrn und der endgültigen Verurteilung mit der Welt (Verse 31–32). Deshalb wäre es falsch, aus Vers 29 abzuleiten, dass jeder Mensch, der einmal gedankenlos oder in unangemessener Weise am Abendmahl teilgenommen hat, dadurch unwiderruflich verloren sei. Dennoch ist die Warnung ernst gemeint. Paulus betrachtet das Herrenmahl nicht als eine bedeutungslose Gewohnheit, bei der menschliche Selbstsucht ohne geistliche Folgen bleiben könnte. Gott nimmt die Haltung der Menschen ernst, die sich zu ihm bekennen. Gerade deshalb ruft Paulus zur Selbstprüfung auf, bevor aus einer falschen Haltung ein Verhalten wird, das sowohl die Gemeinschaft als auch das eigene geistliche Leben beschädigt. Im folgenden Abschnitt erklärt er, dass er die Schwachheit, Krankheiten und Todesfälle innerhalb der korinthischen Gemeinde mit diesem ernsten Gericht in Verbindung bringt. Dabei wird deutlich werden, weshalb die Warnung nicht verharmlost werden darf, zugleich aber auch, warum Gottes erziehendes Handeln nicht mit einer endgültigen Verurteilung gleichgesetzt werden muss.
1. Korinther 11,30–32
Gottes Gericht als ernste Warnung und erziehende Züchtigung
Mit Vers 30 zeigt Paulus, dass die Missstände beim Abendmahl nach seiner Überzeugung bereits schwerwiegende Folgen innerhalb der korinthischen Gemeinde hatten. Er erklärt, dass viele unter ihnen schwach und krank seien und eine beträchtliche Zahl bereits entschlafen sei. Damit verschärft sich seine bisherige Warnung erheblich. Während er zuvor das selbstsüchtige Verhalten der Gläubigen und die Missachtung des Leibes Christi beanstandet hatte, spricht er nun von körperlichem Leiden und sogar vom Tod. Das einleitende Wort „deshalb“ stellt eine unmittelbare Verbindung zu den vorhergehenden Aussagen her. Paulus betrachtet die Zustände in der Gemeinde nicht als bedeutungslose Begleiterscheinungen, sondern bringt sie mit dem unwürdigen Verhalten beim Herrenmahl in Zusammenhang. Seine Worte machen deutlich, dass die Gemeinschaft mit Christus nicht von der tatsächlichen Lebensführung getrennt werden kann. Wer sich zu einem heiligen Gott bekennt und zugleich die Bedeutung seiner Gnade durch bewusstes Unrecht missachtet, handelt nicht ohne Verantwortung. Dennoch muss sorgfältig untersucht werden, was Paulus über diese konkreten Ereignisse tatsächlich sagt und welche allgemeinen Schlussfolgerungen daraus gezogen werden dürfen.
Zunächst ist bemerkenswert, dass Paulus drei Zustände nennt: Schwachheit, Krankheit und Entschlafen. Die verwendeten griechischen Begriffe sprechen in diesem Zusammenhang deutlich für wirkliche körperliche Leiden. Mit dem Ausdruck „entschlafen“ bezeichnet Paulus den Tod. Dass er dieses Bild verwendet, entspricht seiner sonstigen Sprache. In 1. Korinther 15,18 spricht er von denjenigen, die in Christus entschlafen sind, und in 1. Thessalonicher 4,13–14 verbindet er die Entschlafenen mit der Hoffnung auf die Auferstehung. Der Tod wird dabei mit dem Schlaf verglichen, weil er für die Gläubigen angesichts der zugesagten Auferstehung nicht das endgültige Ende ihrer Hoffnung bedeutet. Auch Jesus verwendete dieses Bild, als er vom Tod des Lazarus sprach (Johannes 11,11–14). In 1. Korinther 11,30 steht jedoch zunächst die erschütternde Tatsache im Vordergrund, dass innerhalb der Gemeinde nicht nur vorübergehende Beschwerden, sondern ernsthafte Krankheiten und Todesfälle aufgetreten waren. Es wäre deshalb eine Abschwächung des Textes, diese Aussagen ausschließlich als Bilder für geistliche Müdigkeit, mangelnden Glauben oder innerliche Glaubenslosigkeit zu verstehen. Paulus spricht von Leiden, die das tatsächliche Leben der Betroffenen berührten.
Schwieriger ist die Frage, auf welche Weise diese Leiden mit dem Fehlverhalten beim Abendmahl zusammenhingen. Die vorangehenden Verse beschreiben erhebliche Unterschiede beim gemeinsamen Essen. Während einige Gemeindeglieder hungerten, konnten andere reichlich essen und trinken und verloren teilweise sogar durch Trunkenheit die Selbstbeherrschung. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, dass die körperlichen Folgen zumindest teilweise mit diesen Zuständen verbunden waren. Wer dauerhaft unter Mangelernährung leidet, kann gesundheitlich geschwächt werden. Übermäßiger Alkoholgenuss und maßloses Essen können ebenfalls gesundheitliche Schäden verursachen. Eine solche Erklärung nimmt den konkreten gesellschaftlichen Zusammenhang ernst und erinnert daran, dass das Verhalten einer christlichen Gemeinschaft reale Auswirkungen auf die körperliche Lebenssituation ihrer Mitglieder haben kann. Allerdings berichtet Paulus nicht ausdrücklich, welche Krankheiten vorlagen oder wodurch die einzelnen Todesfälle medizinisch verursacht wurden. Deshalb wäre es unbegründet, die gesamten gesundheitlichen Folgen ausschließlich auf Hunger, Alkohol oder andere natürliche Ursachen zurückzuführen. Ebenso wenig darf ohne weitere Beweise behauptet werden, jeder Erkrankte sei persönlich an den Missständen beteiligt gewesen.
Der weitere Gedankengang zeigt, dass Paulus die Ereignisse ausdrücklich unter dem Gesichtspunkt des göttlichen Gerichts betrachtet. In den Versen 31–32 spricht er davon, dass Menschen gerichtet und vom Herrn gezüchtigt werden. Deshalb reicht es nicht aus, seine Aussage lediglich als Beschreibung der natürlichen Folgen eines ungesunden Lebensstils zu verstehen. Paulus erkennt in den Geschehnissen eine ernste göttliche Bewertung des Verhaltens der Gemeinde. Wie Gottes Gericht in den einzelnen Fällen wirksam wurde, erklärt er jedoch nicht. Es bleibt möglich, dass natürliche körperliche Folgen und Gottes richterliches Handeln in seiner Sicht miteinander verbunden waren. Die Bibel stellt solche Zusammenhänge nicht grundsätzlich als Gegensätze dar. Zugleich lässt sich aus dem Text keine allgemeine Regel ableiten, nach der jede Erkrankung oder jeder frühzeitige Todesfall eine unmittelbar erkennbare Strafe Gottes wäre. Paulus spricht über eine konkrete Situation in Korinth und beurteilt diese mit apostolischer Autorität. Seine Erklärung berechtigt spätere Christen nicht dazu, bei anderen Menschen aus einer Krankheit auf persönliche Schuld zu schließen. Auch die heutige Forschung diskutiert den genauen Zusammenhang: Während David J. Downs die körperlichen Folgen sozialer Benachteiligung und übermäßigen Konsums hervorhebt, betont Karl Olav Sandnes die ausdrückliche göttliche Gerichtssprache des Paulus. Beide Beobachtungen erfassen wichtige Aspekte des Textes, ohne dass der genaue Ablauf jedes einzelnen Krankheits- oder Todesfalls dadurch bekannt wäre.
Dass Krankheit und persönliches Verschulden nicht grundsätzlich gleichgesetzt werden dürfen, zeigt Jesus selbst in Johannes 9,1–3. Als seine Jünger ihn fragten, ob ein blind geborener Mann oder dessen Eltern gesündigt hätten, wies er die vorausgesetzte Verbindung zwischen dessen Blindheit und einer bestimmten persönlichen Schuld zurück. Auch in Lukas 13,1–5 widerspricht Jesus der Vorstellung, Menschen, die ein besonders schweres Unglück erlitten hatten, seien deshalb größere Sünder gewesen als andere. Diese Aussagen stehen nicht im Widerspruch zu 1. Korinther 11,30. Sie helfen vielmehr, die Reichweite der paulinischen Erklärung richtig zu begrenzen. Gott kann nach biblischem Zeugnis durch konkrete Gerichte auf menschliches Fehlverhalten reagieren. Daraus folgt aber nicht, dass Menschen jede Krankheit, jedes Unglück oder jeden Todesfall als ein solches Gericht erkennen und beurteilen könnten. Die Bibel kennt ebenso das Leiden unschuldiger Menschen, die Folgen einer von Sünde geprägten Welt und Prüfungen, deren Ursachen den Betroffenen verborgen bleiben. Gerade deshalb verlangt der Umgang mit leidenden Menschen Barmherzigkeit und Zurückhaltung statt vorschneller Schuldzuweisungen. Die Warnung an Korinth richtet sich gegen ein tatsächlich bekanntes Fehlverhalten und darf nicht in eine allgemeine Verdächtigung kranker Menschen verwandelt werden.
In Vers 31 zeigt Paulus nun, wie die Gemeinde dem Gericht begegnen sollte. Er erklärt, dass die Gläubigen nicht gerichtet würden, wenn sie sich selbst richtig beurteilten. Damit nimmt er den Gedanken der Selbstprüfung aus Vers 28 wieder auf und vertieft ihn. Besonders interessant ist die sprachliche Verbindung zum vorherigen Abschnitt. In Vers 29 hatte Paulus davon gesprochen, den Leib richtig zu unterscheiden. Nun verwendet er dasselbe griechische Verb diakrinō für die Beurteilung der eigenen Person. Die Korinther sollten also nicht nur erkennen, was Brot, Kelch und die Gemeinschaft des Leibes Christi bedeuten, sondern auch ihr eigenes Verhalten entsprechend beurteilen. Wer sich selbst prüft, darf sich nicht allein auf ein äußeres Bekenntnis verlassen. Er muss bereit sein, die eigenen Einstellungen, Entscheidungen und Handlungen am Maßstab Gottes zu untersuchen. Gerade die wohlhabenderen und einflussreicheren Gemeindeglieder mussten sich fragen, ob ihre Art des gemeinsamen Essens mit der Liebe Christi vereinbar war. Eine solche Selbstbeurteilung konnte nicht darin bestehen, das eigene Verhalten durch gesellschaftliche Gewohnheiten zu entschuldigen. Sie erforderte die Bereitschaft, das erkannte Unrecht einzugestehen und tatsächlich zu verändern.
Dabei darf die Selbstprüfung nicht mit einer endgültigen Selbstverurteilung verwechselt werden. Paulus fordert die Gläubigen nicht dazu auf, sich selbst jede Hoffnung auf Vergebung abzusprechen. Er beschreibt vielmehr eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld, durch die ein Mensch Gottes korrigierendes Handeln ernst nimmt, bevor die Folgen seines Verhaltens noch schwerer werden. Ein wichtiger biblischer Vergleich findet sich in Psalm 32,3–5. Dort beschreibt David, wie belastend es war, seine Schuld zu verschweigen, und wie er schließlich Vergebung erfuhr, als er seine Sünde vor Gott bekannte. Der entscheidende Schritt bestand nicht darin, die eigene Schuld zu verharmlosen, sondern sie offen anzuerkennen. Ebenso soll die Selbstprüfung beim Abendmahl nicht zur Verzweiflung führen, sondern zur Umkehr. Ein Mensch, der erkennt, dass er andere verletzt, ungerecht behandelt oder bewusst verachtet hat, soll nicht einfach mit unverändertem Herzen an der Feier teilnehmen. Er ist aufgerufen, seine Haltung zu ändern und, soweit es möglich ist, das verursachte Unrecht wiedergutzumachen. Die Gnade Gottes gibt ihm dazu Hoffnung, ohne die Ernsthaftigkeit seiner Verantwortung aufzuheben.
Mit Vers 32 öffnet Paulus schließlich eine Perspektive, die für das Verständnis der gesamten Warnung entscheidend ist. Er unterscheidet zwischen dem gegenwärtigen Gericht des Herrn und der endgültigen Verurteilung mit der Welt. Wenn Gott seine Kinder richtet, so erklärt Paulus, geschieht dies zu ihrer Züchtigung, damit sie nicht zusammen mit der Welt verdammt werden. Das griechische Verb paideuō, das hier für „züchtigen“ verwendet wird, kann die Erziehung, Unterweisung und korrigierende Disziplinierung eines Menschen bezeichnen. Es beschreibt nicht nur eine Strafe, sondern ein Handeln, das auf Veränderung ausgerichtet ist. Eine ähnliche Vorstellung begegnet in Hebräer 12,5–11. Dort wird Gottes Züchtigung mit der Erziehung durch einen Vater verglichen, dessen Ziel darin besteht, seine Kinder zu ihrem Besten zu formen und sie an seiner Heiligkeit teilhaben zu lassen. Die Bibel beschreibt Gottes erziehendes Handeln damit nicht als Ausdruck willkürlicher Härte oder grundloser Grausamkeit. Seine Korrektur entspringt seinem heiligen Wesen und seinem Willen, Menschen von Wegen zurückzuführen, die sie von ihm entfernen.
Gerade diese Zielrichtung erklärt, weshalb Paulus zwischen dem Gericht des Herrn und der Verurteilung mit der Welt unterscheidet. Gottes gegenwärtiges Handeln soll nicht mit dem endgültigen Gericht gleichgesetzt werden, bei dem über das ewige Schicksal des Menschen entschieden wird. Vielmehr kann das gegenwärtige Gericht nach Paulus eine bewahrende Funktion besitzen. Es soll zur Umkehr führen und verhindern, dass die Gläubigen an einer Lebensweise festhalten, die mit ihrer Zugehörigkeit zu Christus unvereinbar ist. Eine vergleichbare Verbindung von ernster Zurechtweisung und Liebe findet sich in Offenbarung 3,19. Dort erklärt Christus, dass er diejenigen zurechtweist und züchtigt, die er liebt, und ruft sie deshalb zu Eifer und Buße auf. Gottes Liebe schließt also eine ernste Warnung nicht aus. Gerade weil ihm das Heil der Menschen wichtig ist, betrachtet er ihre Entscheidungen nicht gleichgültig. Allerdings darf diese Aussage nicht so verstanden werden, als würde jede leidvolle Erfahrung automatisch eine bestimmte erzieherische Maßnahme Gottes darstellen. Die Schrift beschreibt unterschiedliche Ursachen und Bedeutungen menschlichen Leidens. Ob ein konkretes Ereignis eine solche Züchtigung ist, kann nicht allein aus seiner Schwere abgeleitet werden.
Eine besonders ernste Frage bleibt dennoch bestehen: Wie kann Paulus sogar Todesfälle erwähnen und anschließend von einem Gericht sprechen, das der Rettung dienen soll? Der Text beantwortet nicht ausdrücklich, welche Bedeutung der Tod für das persönliche ewige Schicksal jedes betroffenen Menschen hatte. Ebenso wenig erklärt Paulus, dass die Verstorbenen durch ihren Tod nachträglich Gelegenheit zur Umkehr erhalten hätten. Seine Aussage richtet sich an die Gemeinde als Ganze und beschreibt die Zielrichtung des göttlichen Handelns gegenüber den Gläubigen. Selbst angesichts schwerster Folgen soll sie erkennen, dass Gottes Gericht nicht mit seiner endgültigen Verurteilung gleichgesetzt werden darf. Für das Schicksal der einzelnen Verstorbenen liefert Paulus an dieser Stelle kein abschließendes Urteil. Deshalb wäre es ebenso unbegründet, sie aufgrund von Vers 30 sämtlich für verloren zu erklären, wie ihnen allein aus Vers 32 die endgültige Rettung zuzusprechen. Die biblische Hoffnung auf Auferstehung und endgültige Erlösung gründet in Christus und seinem rettenden Werk, nicht in der bloßen Tatsache, dass ein Mensch unter bestimmten Umständen gelitten hat oder gestorben ist.
Die Verbindung von Gericht und Gnade gehört damit zu den tiefsten Gedanken dieses Abschnitts. Paulus stellt Gottes Heiligkeit nicht gegen seine Barmherzigkeit. Er zeigt vielmehr, dass Gott die Sünde seiner Kinder ernst nimmt, gerade weil er sie nicht ihrem zerstörerischen Weg überlassen möchte. Wer sich selbst prüft und bereit ist, Gottes Urteil über das eigene Verhalten anzunehmen, öffnet sich seiner korrigierenden Gnade. Dabei darf niemand meinen, Gottes Züchtigung sei ein Ersatz für die persönliche Umkehr oder für die Vergebung durch Jesus Christus. Der Mensch wird nicht dadurch gerettet, dass er genügend Leid erträgt, sondern durch Gottes Gnade, die ihn auch zu einem veränderten Leben führen will. Das Abendmahl erinnert gerade an diese Grundlage der Erlösung. Es verkündigt den Tod des Herrn, durch den Vergebung und Versöhnung möglich wurden. Eine aufrichtige Teilnahme kann deshalb weder auf selbstgerechtem Stolz noch auf gleichgültiger Missachtung seiner Gebote beruhen. Sie verbindet das Vertrauen auf Christi Opfer mit der Bereitschaft, sich von ihm verändern zu lassen.
Bemerkenswert ist schließlich, dass Paulus seine ernste Erklärung nicht mit einer ausführlichen Beschreibung göttlicher Strafen beendet. Er führt die Korinther vielmehr unmittelbar zu einer einfachen Veränderung ihres gemeinsamen Verhaltens zurück. In den Versen 33–34 fordert er sie auf, beim Essen aufeinander zu warten und persönliche Bedürfnisse so zu ordnen, dass die Versammlung nicht erneut zum Anlass des Gerichts wird. Damit zeigt sich, wie praktisch seine Ausführungen gemeint sind. Die Gemeinde brauchte nicht nur ein tieferes Verständnis des Abendmahls, sondern musste die daraus folgenden Konsequenzen im Umgang miteinander verwirklichen. Wer Gottes Warnung ernst nimmt, soll nicht bei Angst oder religiöser Betroffenheit stehen bleiben, sondern sein Verhalten ändern. So führt Paulus die Gemeinde von der ernsten Erkenntnis des Gerichts zurück zu der Frage, wie sie künftig in wahrer Gemeinschaft und gegenseitiger Achtung zusammenkommen kann.
1. Korinther 11,33–34
Aufeinander warten: die praktische Wiederherstellung der Gemeinschaft
Nach seinen ernsten Worten über die unwürdige Teilnahme am Abendmahl und das Gericht Gottes führt Paulus die Korinther zu einer überraschend einfachen Anweisung zurück. In Vers 33 fordert er sie auf, beim gemeinsamen Essen aufeinander zu warten. Damit zeigt sich, worauf seine gesamte Ermahnung hinausläuft. Die Gemeinde soll nicht nur die Bedeutung des Abendmahls besser verstehen, sondern ihre Zusammenkünfte tatsächlich verändern. Paulus hatte ausführlich erklärt, weshalb die selbstsüchtige Haltung einiger Gemeindeglieder dem Opfer Christi widersprach. Nun beschreibt er, wie dieser Missstand praktisch überwunden werden kann. Niemand soll sein eigenes Essen vorwegnehmen und dadurch andere benachteiligen. Die Gläubigen sollen vielmehr berücksichtigen, dass sie als Gemeinde zusammenkommen und nicht als voneinander unabhängige Einzelpersonen. Die Aufforderung zum gegenseitigen Warten erscheint zunächst unscheinbar. Im Zusammenhang des Kapitels besitzt sie jedoch großes Gewicht, denn gerade durch das fehlende Warten waren Hunger, Beschämung und gesellschaftliche Unterschiede innerhalb der Gemeinde sichtbar geworden.
Die sprachliche Verbindung zu Vers 21 verdeutlicht die Absicht des Paulus. Dort hatte er beanstandet, dass jeder beziehungsweise einzelne Teilnehmer das eigene Mahl vorwegnehmen. Das griechische Verb prolambanō kann ein solches Vorwegnehmen ausdrücken. In Vers 33 verwendet Paulus dagegen ekdechomai, das hier am natürlichsten mit „warten“ oder „erwarten“ wiedergegeben wird. Beide Aussagen stehen bewusst einander gegenüber. Während einige bisher bereits mit ihrem Essen begonnen hatten, bevor die gemeinsame Mahlgemeinschaft wirklich zustande gekommen war, sollen sie künftig auf die anderen Rücksicht nehmen. Das Warten betrifft deshalb mehr als eine äußere Höflichkeitsregel. Es verhindert, dass einzelne Gemeindeglieder ihren eigenen Vorteil suchen, während andere ausgeschlossen oder übergangen werden. Gleichzeitig lässt die Aufforderung erkennen, dass Paulus das gemeinsame Essen nicht grundsätzlich abschaffen wollte. Er fordert die Korinther vielmehr dazu auf, ihre Mahlgemeinschaft so zu gestalten, dass sie ihrem eigentlichen Zweck entspricht.
Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus seine Leser in diesem Zusammenhang erneut als Brüder anspricht. Nach den scharfen Warnungen der vorhergehenden Verse könnte man erwarten, dass er vor allem ihre Schuld und die drohenden Folgen hervorhebt. Stattdessen erinnert er sie durch diese Anrede an ihre gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus. Sie sind nicht bloß Menschen, die zufällig am selben Ort essen, sondern Glaubensgeschwister, die durch denselben Herrn miteinander verbunden sind. Die Bezeichnung „Brüder“ umfasst in dieser brieflichen Anrede die christliche Gemeinschaft, zu der Männer und Frauen gehören. Gerade angesichts der vorhandenen gesellschaftlichen Unterschiede erhält sie eine besondere Bedeutung. Wer in Christus zu einer gemeinsamen Familie gehört, darf nicht so handeln, als wären die Bedürfnisse anderer Mitglieder dieser Familie belanglos. Die Aufforderung, aufeinander zu warten, macht diese geistliche Verbundenheit im alltäglichen Verhalten sichtbar. Sie verlangt keine außergewöhnliche religiöse Leistung, sondern die Bereitschaft, den anderen wahrzunehmen und die eigenen Wünsche nicht grundsätzlich an die erste Stelle zu setzen.
Dabei darf das gegenseitige Warten nicht auf den zeitlichen Ablauf einer Mahlzeit reduziert werden. Sicher gehört dazu, nicht vorzeitig mit dem Essen zu beginnen. Doch das konkrete Problem in Korinth bestand ebenso darin, dass manche Menschen genügend Nahrung hatten, während andere hungrig blieben. Würden die Gläubigen künftig zwar gleichzeitig mit dem Essen beginnen, ihre Speisen aber weiterhin ausschließlich für sich behalten und bedürftige Geschwister leer ausgehen lassen, wäre der eigentliche Missstand noch nicht behoben. Die gegenseitige Rücksichtnahme muss deshalb auch die Frage einschließen, ob alle angemessen an der gemeinsamen Mahlgemeinschaft teilhaben können. Diese Folgerung ergibt sich aus der Verbindung von Vers 33 mit der ausdrücklichen Kritik in den Versen 21–22. Paulus legt hier keine vollständige Ordnung für die Verteilung von Lebensmitteln fest, doch sein Anliegen ist klar: Die Zusammenkunft darf nicht länger dazu führen, dass die einen ihren Überfluss genießen und die anderen ihre Armut als persönliche Beschämung erleben. Die christliche Gemeinschaft soll gerade dort erkennbar werden, wo unterschiedliche Lebensverhältnisse aufeinandertreffen.
In Vers 34 ergänzt Paulus seine Anweisung durch den Hinweis, dass jemand, der Hunger hat, zu Hause essen soll. Diese Aussage knüpft unmittelbar an seine frühere Frage an, ob die Korinther keine Häuser hätten, in denen sie essen und trinken könnten (Vers 22). Nach der naheliegenden Erklärung unterscheidet Paulus damit zwischen der gewöhnlichen Nahrungsaufnahme und der besonderen Bedeutung des gemeinsamen Herrenmahls. Wer lediglich seinen Hunger stillen möchte und deshalb nicht bereit ist, auf andere zu warten, soll sein persönliches Bedürfnis bereits zu Hause berücksichtigen. Die Gemeindeversammlung darf nicht zu einem Ort werden, an dem jeder möglichst schnell und möglichst reichlich für sich selbst isst. Das Abendmahl besitzt einen anderen Mittelpunkt: Es erinnert an die Hingabe Jesu und bringt die Gemeinschaft der Gläubigen mit ihrem Herrn zum Ausdruck. Die Aufforderung zum Essen zu Hause soll deshalb verhindern, dass persönlicher Hunger zum Anlass für erneute Rücksichtslosigkeit wird. Sie bedeutet nicht, dass körperliche Bedürfnisse grundsätzlich unwichtig wären. Paulus hatte gerade deshalb so scharf reagiert, weil Bedürftige innerhalb der Gemeinde hungrig geblieben waren.
Allerdings wird die genaue Bedeutung dieser Anweisung in der Forschung diskutiert. Die übliche Auslegung versteht „zu Hause“ als Hinweis auf den eigenen Haushalt, in dem das persönliche Bedürfnis nach Sättigung gestillt werden soll. Suzanne Watts Henderson hat dagegen vorgeschlagen, die Formulierung im Zusammenhang der damaligen Hausgemeinden zu verstehen. Nach ihrer Erklärung könnte Paulus gerade darauf drängen, dass hungrige Menschen innerhalb der gemeinschaftlichen Mahlpraxis tatsächlich versorgt werden. Diese Deutung nimmt den sozialen Schwerpunkt des Abschnitts besonders ernst, ist aber sprachlich und im Vergleich mit anderen paulinischen Aussagen nicht unumstritten. Für die gewöhnliche Lesart spricht insbesondere der bereits in Vers 22 erkennbare Gegensatz zwischen dem persönlichen Essen im eigenen Haus und der Zusammenkunft der Gemeinde. Dennoch erinnert die alternative Erklärung an eine wichtige Grenze: Paulus kann kaum beabsichtigen, dass wohlhabende Gemeindeglieder künftig bequem zu Hause essen, während arme Christen weiterhin unversorgt bleiben. Eine solche Praxis würde den Missstand, den er ausdrücklich verurteilt hat, nicht überwinden.
Deshalb wäre es ebenfalls falsch, aus Vers 34 ein allgemeines Verbot gemeinsamer Mahlzeiten unter Christen abzuleiten. Die Apostelgeschichte berichtet ausdrücklich, dass die ersten Gläubigen miteinander das Brot brachen und in ihren Häusern gemeinsam aßen (Apostelgeschichte 2,46). Die Verbindung von Essen und christlicher Gemeinschaft war also nicht grundsätzlich verwerflich. Entscheidend war vielmehr, wie diese Gemeinschaft gelebt wurde. Wenn das gemeinsame Essen von gegenseitiger Liebe und Rücksichtnahme geprägt ist, kann es die Verbundenheit der Gläubigen fördern. Wenn es dagegen persönliche Überlegenheit, Ausschluss oder Selbstsucht sichtbar macht, widerspricht es dem christlichen Bekenntnis. Die Anweisung des Paulus richtet sich deshalb gegen den Missbrauch der Mahlgemeinschaft und nicht gegen jede Form gemeinschaftlicher Bewirtung. Zugleich verdeutlicht sie, dass die Feier des Abendmahls ihren eigenen geistlichen Zweck besitzt und nicht einfach mit einer gewöhnlichen Mahlzeit gleichgesetzt werden darf.
Paulus nennt auch den Grund für diese praktische Neuordnung: Die Korinther sollen künftig nicht mehr so zusammenkommen, dass ihre Versammlungen zum Gericht führen. Damit greift er seine Warnung aus den Versen 29–32 erneut auf. Dort hatte er erklärt, dass eine unwürdige Teilnahme schwerwiegende Folgen haben kann und dass Gottes Gericht als ernste Zurechtweisung verstanden werden muss. Nun zeigt er, dass die Gemeinde diesem Gericht nicht hilflos gegenübersteht. Sie soll ihr Verhalten ändern und damit den Anlass für die vorherige Zurechtweisung beseitigen. Das ist ein wichtiger Gesichtspunkt, weil die Warnung vor Gottes Gericht sonst leicht ausschließlich Angst hervorrufen könnte. Paulus verfolgt jedoch ein konkretes Ziel: Die Gläubigen sollen lernen, das Herrenmahl so zu feiern, dass ihre Zusammenkunft nicht länger von Selbstsucht und Missachtung anderer bestimmt wird. Gottes Warnung ruft sie zur Umkehr und zu einem veränderten Handeln. Gerade dadurch wird verständlich, weshalb Paulus zuvor die persönliche Selbstprüfung so nachdrücklich betont hatte. Sie soll nicht bei innerlicher Betroffenheit stehen bleiben, sondern zu einer tatsächlichen Korrektur des Lebens führen.
Am Ende des Kapitels erklärt Paulus schließlich, dass er die übrigen Angelegenheiten ordnen werde, sobald er nach Korinth komme. Diese kurze Bemerkung zeigt, dass die Gemeinde offenbar noch weitere Anweisungen benötigte. Welche Einzelheiten Paulus dabei im Blick hatte, erfahren wir jedoch nicht. Wahrscheinlich betrafen sie weitere Fragen der gemeinsamen Versammlungen und ihrer praktischen Gestaltung. Der Text enthält aber weder eine vollständige Abendmahlsordnung noch eine genaue Beschreibung der späteren Vereinbarungen. Deshalb wäre es unbegründet, bestimmte spätere kirchliche Zeremonien oder liturgische Vorschriften als jene Anordnungen auszugeben, die Paulus hier noch nicht näher beschreibt. Der Satz bestätigt lediglich, dass der Apostel seine Unterweisung nicht mit diesem Briefabschnitt als vollständig abgeschlossen betrachtete. Einige Angelegenheiten wollte er offenbar im persönlichen Kontakt mit der Gemeinde regeln. Zugleich zeigt sich eine bewusste Gewichtung: Die schwerwiegenden Missstände, durch welche die Korinther andere Menschen beschämten und den Sinn des Herrenmahls verletzten, konnten nicht bis zu seinem Besuch warten. Sie mussten bereits jetzt korrigiert werden.
Damit endet der Abschnitt über das Abendmahl nicht mit einer neuen theologischen Erklärung, sondern mit einer konkreten Aufforderung zur gegenseitigen Rücksichtnahme. Diese Verbindung ist für das Verständnis des gesamten Kapitels entscheidend. Paulus hatte die Gemeinde an Jesu hingegebenen Leib und sein für den neuen Bund vergossenes Blut erinnert. Er hatte vor einer Teilnahme gewarnt, die diesem Bekenntnis widerspricht, und die Gläubigen zur ehrlichen Selbstprüfung aufgefordert. Nun wird sichtbar, welche praktische Veränderung daraus hervorgehen soll: Die Gemeinde soll aufeinander achten und verhindern, dass einzelne Menschen durch ihr Verhalten benachteiligt werden. Die Bedeutung des Abendmahls liegt nicht allein in den gesprochenen Einsetzungsworten oder in den verwendeten Zeichen, so wichtig diese auch sind. Sie betrifft ebenso die Haltung der Menschen, die gemeinsam von Brot und Kelch nehmen und damit ihre Zugehörigkeit zu Christus bekennen.
Die abschließenden Worte des Paulus führen deshalb zu einer grundlegenden Einsicht: Eine christliche Versammlung entspricht ihrem geistlichen Auftrag nicht schon dadurch, dass die äußeren Formen eingehalten werden. Ihr Verhalten muss mit dem übereinstimmen, was sie vor Gott bekennt. Gerade das Herrenmahl, das an die selbstlose Hingabe Jesu erinnert, darf nicht zu einem Ort persönlicher Selbstsucht werden. Wer auf Christus blickt, soll auch den Menschen wahrnehmen, mit dem er gemeinsam vor seinem Herrn steht. Auf diese Weise verbindet Paulus die Ehrfurcht vor Gott mit der Verantwortung füreinander. Seine letzte Anweisung ist schlicht, doch sie verlangt eine wirkliche Veränderung des Herzens und des gemeinsamen Lebens. Wo die Gläubigen bereit sind, aufeinander Rücksicht zu nehmen, wird sichtbar, dass die Gemeinschaft mit Christus nicht nur bekannt, sondern auch gelebt wird.
Geistliche Kernbotschaft
Wahre Anbetung zeigt sich nicht allein darin, dass Menschen die richtigen Worte sprechen, die Heilige Schrift kennen oder an religiösen Handlungen teilnehmen. Sie wird auch daran erkennbar, wie sie vor Gott leben und wie sie miteinander umgehen. Diese Wahrheit verbindet die unterschiedlichen Themen von 1. Korinther 11. Paulus betrachtet den Gottesdienst nicht als einen Bereich, in dem das äußere Verhalten vom inneren Glauben getrennt werden könnte. Wer Jesus Christus als seinen Herrn bekennt, soll sich auch in seiner Haltung gegenüber anderen Menschen von ihm prägen lassen. Das bedeutet nicht, dass jede kulturelle Ausdrucksform zu allen Zeiten gleich aussehen muss. Entscheidend ist vielmehr, dass die Verehrung Gottes von Aufrichtigkeit, Ehrfurcht und einer Liebe getragen wird, die nicht beim eigenen Vorteil stehen bleibt.
Dabei offenbart das Kapitel eine wichtige Wahrheit über die menschliche Stellung vor Gott. Jeder Mensch empfängt sein Leben und seine Würde vom Schöpfer. Niemand kann sich selbst zum Ursprung seiner Existenz machen oder seine Bedeutung unabhängig von Gott begründen. Auch unterschiedliche Verantwortlichkeiten geben einem Menschen nicht das Recht, sich über andere zu erheben. Gerade die gegenseitige Abhängigkeit von Mann und Frau erinnert daran, dass Gottes Schöpfung nicht auf menschliche Selbstherrlichkeit angelegt ist. Die Zugehörigkeit zu Christus vertieft diese Wahrheit: Menschen, die vor demselben Herrn stehen, dürfen einander nicht nach gesellschaftlichem Ansehen, Besitz oder persönlichem Einfluss bewerten. Ihre Würde gründet letztlich nicht in dem, was sie besitzen oder leisten, sondern in ihrer Beziehung zu dem Gott, von dem alles kommt.
Am deutlichsten tritt Gottes Wesen in der Hingabe Jesu Christi hervor. Im Mittelpunkt des Abendmahls steht ein Erlöser, der sein Leben freiwillig für andere gab. Damit offenbart sich eine Liebe, die nicht fordert, zuerst bedient zu werden, sondern selbst bereit ist, sich hinzugeben. Der Mensch empfängt die Erlösung nicht als Lohn für eine besondere eigene Würdigkeit. Er lebt von der Gnade Gottes, die durch Christi Opfer zugänglich geworden ist. Doch gerade diese Gnade verändert den Maßstab seines Handelns. Wer von der selbstlosen Liebe Jesu lebt, kann Selbstsucht nicht als bedeutungslos betrachten. Gottes rettende Gnade und sein Anspruch an ein erneuertes Leben gehören deshalb zusammen. Das Abendmahl soll den Glaubenden nicht nur an die Vergebung erinnern, sondern ihn immer wieder auf den Herrn ausrichten, dessen Liebe sein eigenes Leben prägen soll.
Zugleich zeigt das Kapitel, dass Gottes Heiligkeit und seine Barmherzigkeit keine Gegensätze sind. Paulus spricht mit großem Ernst über die Folgen eines Verhaltens, das dem Bekenntnis zu Christus widerspricht. Doch seine Warnung ist nicht darauf ausgerichtet, aufrichtige Menschen in Furcht und Hoffnungslosigkeit zu versetzen. Gottes erziehendes Handeln verfolgt das Ziel, Menschen zur Besinnung und Umkehr zu führen. Wer seine Schuld erkennt, muss sich nicht hinter religiösem Anschein verstecken und auch nicht versuchen, sich aus eigener Kraft vor Gott vollkommen zu machen. Er darf sich der Wahrheit stellen und auf die Vergebung vertrauen, die Christus ermöglicht hat. So wird deutlich, dass wirkliche Gottesfurcht weder aus gleichgültiger Selbstsicherheit noch aus lähmender Angst besteht. Sie wächst aus dem Bewusstsein, einem heiligen und zugleich gnädigen Gott zu gehören.
Schließlich ist das Glaubensleben der Gemeinde auf eine Zukunft ausgerichtet, die über das gegenwärtige Leben hinausreicht. Das Abendmahl wird gefeiert, bis Christus wiederkommt. Die Gläubigen erinnern sich deshalb nicht lediglich an einen vergangenen Tod, sondern leben aus der Hoffnung auf den auferstandenen Herrn, der seine Verheißungen vollenden wird. Diese Erwartung gibt ihrem gegenwärtigen Handeln eine besondere Richtung. Wer auf die zukünftige Gemeinschaft mit Christus hofft, soll bereits heute lernen, in Liebe, Demut und gegenseitiger Achtung zu leben. So verbindet 1. Korinther 11 die Erinnerung an Gottes vollbrachtes Erlösungswerk mit der Verantwortung der Gegenwart und der Hoffnung auf seine kommende Herrlichkeit.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine grundlegende Verbindung besteht zur Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1–2. Paulus nimmt ausdrücklich auf die Erschaffung von Mann und Frau Bezug. Während 1. Mose 2 die besondere Entstehung und gegenseitige Zuordnung der beiden Menschen beschreibt, erklärt 1. Mose 1,27, dass beide nach Gottes Bild erschaffen wurden. Erst das Zusammenspiel dieser Aussagen schützt vor einer einseitigen Deutung von 1. Korinther 11. Die Reihenfolge der Schöpfung ist für Paulus bedeutsam, darf aber nicht gegen die gemeinsame menschliche Würde ausgespielt werden. Auch die Ergänzung in 1. Korinther 11,11–12 führt den Leser zu diesem umfassenderen Verständnis zurück: Mann und Frau stehen in einer wechselseitigen Beziehung und verdanken ihre Existenz letztlich demselben Schöpfer.
Eine weitere Verbindung ergibt sich zur Verheißung der Ausgießung des Heiligen Geistes in Joel 3,1–2 und ihrer Aufnahme in Apostelgeschichte 2,17–18. Dort wird ausdrücklich angekündigt, dass sowohl Söhne als auch Töchter prophetisch reden werden. Diese Verheißung hilft zu verstehen, weshalb Paulus in 1. Korinther 11,5 selbstverständlich von Frauen spricht, die beten und prophetisch reden. Ihre Beteiligung am geistlichen Leben entspricht der größeren neutestamentlichen Darstellung des Wirkens des Heiligen Geistes. Damit ist noch nicht jede Frage nach den Aufgaben und der Ordnung innerhalb der Gemeinde entschieden. Es wird jedoch erkennbar, dass Gottes Geist nicht ausschließlich Männern verliehen wird und dass Frauen an der Weitergabe göttlicher Botschaften beteiligt sein können.
Besonders eng ist die Verbindung zwischen dem Abendmahl und der Lehre vom Leib Christi in 1. Korinther 10,16–17 und 12,12–27. Paulus verwendet das Bild des einen Leibes, um zu erklären, weshalb unterschiedliche Menschen dennoch eine untrennbare Gemeinschaft bilden. Im zehnten Kapitel verbindet er die Teilnahme am einen Brot ausdrücklich mit der Einheit der vielen Gläubigen. Im zwölften Kapitel führt er diesen Gedanken weiter: Kein Glied des Körpers kann zu einem anderen sagen, dass es ihn nicht benötige. Gerade den scheinbar schwächeren Gliedern soll besondere Achtung entgegengebracht werden. Diese Ausführungen vertiefen den Tadel aus Kapitel 11. Die Missachtung armer Gemeindeglieder war nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern widersprach der geistlichen Wirklichkeit, dass alle gemeinsam zu Christus gehören.
Ein eindrucksvolles Gegenbild zum Verhalten der Korinther findet sich in Lukas 22,24–27 und Johannes 13,1–17. Lukas berichtet, dass unter den Jüngern beim letzten Mahl ein Streit darüber entstand, wer von ihnen als der Größte gelten sollte. Jesus antwortete darauf, indem er die weltlichen Vorstellungen von Rang und Herrschaft dem dienenden Verhalten seiner Nachfolger gegenüberstellte. Im Johannesevangelium wird diese Haltung durch die Fußwaschung besonders anschaulich. Jesus, den die Jünger als Herrn und Meister anerkannten, übernahm selbst einen niedrigen Dienst und forderte sie auf, seinem Beispiel zu folgen. Die Fußwaschung wird in 1. Korinther 11 zwar nicht ausdrücklich erwähnt. Beide Texte ergänzen sich jedoch in ihrem Verständnis christlicher Gemeinschaft. Während die Korinther sich teilweise auf Kosten anderer Vorteile verschafften, zeigte Jesus seinen Jüngern, dass wahre Größe in demütiger, selbstloser Liebe sichtbar wird.
Auch Jakobus 2,1–6 steht in einer engen thematischen Beziehung zur Kritik des Paulus. Jakobus warnt davor, wohlhabende Menschen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes bevorzugt zu behandeln und arme Menschen auf geringere Plätze zu verweisen. Damit spricht er dieselbe grundlegende Fehlhaltung an, die in Korinth während des gemeinsamen Mahls sichtbar geworden war. Beide Texte zeigen, dass der Glaube an Jesus Christus nicht mit einer Bevorzugung der gesellschaftlich Angesehenen vereinbar ist. Der Wert eines Menschen darf innerhalb der Gemeinde nicht davon abhängen, ob er reich oder arm ist. Diese Verbindung erweitert die Anwendung von 1. Korinther 11 über die Abendmahlsfeier hinaus auf das gesamte Zusammenleben der Gläubigen.
Die Worte Jesu über den neuen Bund führen unmittelbar zu Jeremia 31,31–34 und Hebräer 8–10. Jeremia verheißt, dass Gott seine Weisung in die Herzen seines Volkes schreiben und seine Sünden vergeben wird. Der Hebräerbrief erklärt, wie diese Verheißung durch den Dienst und das einmalige Opfer Jesu Christi ihre entscheidende Grundlage erhält. Dadurch wird der Kelch des Abendmahls verständlicher: Er erinnert nicht nur an vergossenes Blut, sondern an eine erneuerte Bundesbeziehung, deren Grundlage Christi Hingabe und Gottes Vergebung sind. Diese Verbindung bewahrt davor, das Abendmahl als ein wiederholtes Opfer zu verstehen. Christus hat sein Opfer ein für alle Mal dargebracht; die Gemeinde erinnert sich daran und lebt aus seiner bleibenden Wirksamkeit.
Schließlich verbindet die Wiederkunftsverheißung das Abendmahl mit Matthäus 26,29 und der Hoffnung auf die endgültige Gemeinschaft mit Christus. Jesus kündigte an, dass er mit seinen Jüngern im Reich seines Vaters erneut von der Frucht des Weinstocks trinken werde. Paulus greift diese Zukunftsperspektive auf, wenn er erklärt, dass die Gemeinde den Tod des Herrn verkündigt, bis er wiederkommt. Die Feier besitzt deshalb eine doppelte Blickrichtung: Sie erinnert an das Kreuz und weist zugleich auf die Vollendung der Erlösung. Was die Gläubigen heute im Glauben bekennen und erwarten, wird bei der Wiederkunft Jesu seine endgültige Erfüllung finden.
Wichtige Lektionen
Eine wichtige praktische Lehre besteht darin, die eigene Haltung im Gottesdienst bewusst zu prüfen. Ehrfurcht vor Gott beginnt nicht erst mit einer bestimmten äußeren Handlung und erschöpft sich auch nicht darin. Sie zeigt sich darin, ob ein Mensch Gott ernst nimmt, bereit ist, auf sein Wort zu hören, und seine persönlichen Gewohnheiten an seinem Willen ausrichten möchte. Bei Fragen, in denen Christen über die konkrete Anwendung biblischer Anweisungen zu unterschiedlichen Überzeugungen gelangen, sind deshalb sorgfältiges Schriftstudium und gegenseitige Achtung notwendig. Niemand sollte schwierige Bibelstellen vorschnell für bedeutungslos erklären. Ebenso wenig darf eine umstrittene Auslegung zum Maßstab gemacht werden, nach dem die persönliche Treue anderer Menschen zu Gott beurteilt wird.
Besonders konkret wird das Kapitel dort, wo es um den Umgang mit Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Stellung geht. Auch heutige Gemeinden können unbewusst Verhaltensweisen entwickeln, durch die bestimmte Menschen bevorzugt werden. Vielleicht erhalten diejenigen mehr Aufmerksamkeit, die über Wohlstand, Bildung oder besondere Fähigkeiten verfügen, während stillere, ärmere oder weniger einflussreiche Mitglieder kaum wahrgenommen werden. Die Warnung aus Korinth fordert dazu auf, solche Unterschiede ehrlich zu betrachten. Eine Gemeinde sollte sich nicht allein fragen, ob ihre Veranstaltungen gut organisiert sind, sondern auch, ob Menschen tatsächlich willkommen sind und mit Würde behandelt werden. Christliche Gemeinschaft wird glaubwürdig, wenn Rücksichtnahme nicht nur gepredigt, sondern im alltäglichen Miteinander sichtbar wird.
Vor der Teilnahme am Abendmahl ist die persönliche Selbstprüfung von besonderer Bedeutung. Dazu gehört die Bereitschaft, sich selbst ehrliche Fragen zu stellen: Habe ich jemanden bewusst verletzt? Halte ich an Bitterkeit fest? Bin ich bereit, eigenes Unrecht einzugestehen und mich mit anderen zu versöhnen? Gehe ich gleichgültig mit Menschen um, die meine Unterstützung benötigen? Solche Fragen sollen nicht dazu führen, dass man sich durch endlose Selbstbeobachtung von Christus entfernt. Sie helfen vielmehr, konkrete Hindernisse zu erkennen und vor Gott zu bringen. Wo eine notwendige Entschuldigung, Versöhnung oder Wiedergutmachung möglich ist, sollte die gewonnene Einsicht auch praktische Folgen haben. Die Selbstprüfung erfüllt ihren Sinn nicht bereits durch ein belastetes Gewissen, sondern indem sie zu aufrichtiger Umkehr und erneuertem Vertrauen auf Christus führt.
Dabei darf kein Mensch meinen, er müsse sich die Teilnahme am Abendmahl durch eine besondere eigene Vollkommenheit verdienen. Gerade wer seine Schuld erkennt, benötigt die Gnade des Erlösers. Das bedeutet jedoch nicht, bewusstes Unrecht zu rechtfertigen oder Gottes Vergebung als Erlaubnis zur Gleichgültigkeit zu betrachten. Eine angemessene Vorbereitung auf das Abendmahl verbindet deshalb Demut mit Hoffnung. Der Gläubige kommt nicht, um seine eigene Gerechtigkeit vorzuweisen, sondern weil er auf Jesu Opfer vertraut. Gleichzeitig ist er bereit, sich durch dessen Liebe verändern zu lassen. Diese Haltung schützt sowohl vor selbstgerechtem Stolz als auch vor der lähmenden Vorstellung, als unvollkommener Mensch grundsätzlich nicht zu Christus kommen zu dürfen.
Auch die Art, wie Christen mit göttlicher Zurechtweisung umgehen, verdient Aufmerksamkeit. Wenn die Schrift ein bestimmtes Verhalten als falsch bezeichnet, sollte der Mensch nicht zuerst nach Gründen suchen, die Warnung abzuschwächen. Es ist besser, ehrlich zu prüfen, ob tatsächlich eine Veränderung notwendig ist. Zugleich darf niemand aus dem Leid anderer Menschen voreilige Schlüsse auf deren Verhältnis zu Gott ziehen. Krankheiten, Unglücksfälle oder der Tod eines Menschen geben uns nicht das Recht, über dessen verborgene Schuld zu urteilen. Die Warnung des Paulus soll vielmehr zur persönlichen Besinnung führen. Wer sich selbst prüfen lässt, statt andere vorschnell zu verurteilen, nimmt Gottes Wort in der Haltung ernst, die es verlangt.
Eine weitere Lektion betrifft die Gestaltung gemeinsamer christlicher Feiern. Das Abendmahl sollte nicht zu einer bloßen Gewohnheit werden, bei der die bekannten Worte gesprochen und die Zeichen entgegengenommen werden, ohne dass die Teilnehmer ihre Bedeutung bewusst wahrnehmen. Eine angemessene Feier gibt Raum für die Erinnerung an Jesu Hingabe, für Dankbarkeit, persönliche Besinnung und die Hoffnung auf seine Wiederkunft. Dabei steht nicht eine möglichst aufwendige äußere Gestaltung im Mittelpunkt. Viel wichtiger ist, dass die Gemeinde versteht, was sie gemeinsam bekennt. Auch einfache Handlungen können geistlich tief bedeutsam sein, wenn sie mit Glauben und Aufrichtigkeit geschehen.
Schließlich ermutigt das Kapitel dazu, die Wiederkunft Jesu als lebendige Hoffnung zu bewahren. Wer am Abendmahl teilnimmt, erinnert sich an einen Erlöser, der sein Versprechen der endgültigen Wiederherstellung noch erfüllen wird. Diese Hoffnung soll den Blick nicht von den gegenwärtigen Aufgaben ablenken, sondern ihnen eine Richtung geben. Bis Christus wiederkommt, haben Christen Gelegenheit, seinen Charakter in ihrem Umgang miteinander widerzuspiegeln, Versöhnung zu suchen und den Menschen mit jener Liebe zu begegnen, die sie selbst durch ihn empfangen haben.
So endet die Erklärung dieses Kapitels mit einer Einladung zu einem Glauben, der bewusst gelebt wird. Die Gemeinschaft mit Christus soll nicht auf einzelne Augenblicke der Anbetung beschränkt bleiben. Sie darf das Denken, die Entscheidungen und die Beziehungen eines Menschen prägen. Wer sich von Jesu Hingabe verändern lässt, kann dazu beitragen, dass die Gemeinde immer mehr zu einem Ort wird, an dem Gottes Gnade, Wahrheit und Liebe nicht nur verkündigt, sondern erfahrbar werden.